Monday, January 18, 2021

Disgardium, Buch 3: Die Vernichtende Seuche


Disgardium, Buch 3: Die Vernichtende Seuche
von Dan Sugralinov




Release - 15. März 2021


Kurze Zusammenfassung von Buch 1 und 2


Planet Erde, 2074-2075

AUF UNSEREM PLANETEN leben derzeit 20 Milliarden Menschen. Ein Drittel davon sind Nicht-Bürger: jene, die für die Gesellschaft als wertlos betrachtet werden und daher kein Recht darauf haben, in den Genuss der Annehmlichkeiten der Zivilisation zu kommen. Das UN-Bildungsministerium verlangt von jedem Teenager zwischen 14 und 16 Jahren, täglich eine Stunde in Disgardium zu verbringen. Nachdem Alex Sheppard beim Erstellen seines Charakters einen Fehler gemacht hat, der zu Problemen beim Leveln führt, verliert er schnell das Interesse am Spiel. Über ein Jahr lang verbringt er zusammen mit Eve O’Sullivan, einem Mädchen aus seiner Nachbarschaft, die in ihn verliebt ist, die obligatorische Stunde auf einer Bank neben dem Gasthaus der Sandbox.



Seine Eltern wollen sich scheiden lassen, wodurch ihr Staatsbürgerschaftsstatus sich senken wird. („A” ist die höchste Klasse, die die Elitebürger der Welt besitzen, und „L” ist die niedrigste Klasse, die für die unterste soziale Schicht der Gesellschaft reserviert ist.) Es würde ihr Einkommen so stark beeinflussen, dass sie Alex’ Ausbildung nicht mehr bezahlen könnten. Sein Traum, in einer Welt, in der die Kolonisation des Planeten Mars Realität geworden ist und die Umlaufbahn der Venus verschoben werden soll, ein Weltraum-Reiseführer zu werden, würde sich zerschlagen.

Nun hat Alex keine andere Wahl, als Disgardium zu spielen – allein schon, um sein Studium zu finanzieren. Er wählt den Namen „Scyth” für seinen Ingame-Charakter.

Um die Ausgewogenheit des Spiels zu bewahren und imba Spieler unschädlich zu machen, hat der Entwickler des Spiels, Snowstorm Inc., sich das System der „Gefahren” einfallen lassen. Alle Spieler, die vom Artefakt Flamme der Wahrheit als Gefahr identifiziert werden, können durch ein einfaches Ritual aus dem Spiel entfernt werden. Diejenigen, die die Gefahr eliminieren, erhalten eine Belohnung, die vom Potenzial der Gefahr abhängt, während die eliminierten Spieler je nach ihrem erreichten Level belohnt werden. Auf diese Weise ist es für potenzielle Beseitiger oder „Verhinderer”, wie sie sich lieber nennen, interessanter, die Gefahr so früh wie möglich zu beseitigen, bevor sie höhere Level erreichen kann.

Die Gefahren müssen sich indessen aufs Leveln konzentrieren und versuchen, so lange wie möglich unentdeckt zu überleben, denn die Belohnung, die sie erhalten, richtet sich nach ihrem aktuellen Level, wobei „A” die höchste Gefahrenklasse ist und „Z” die niedrigste.

Durch eine Wendung des Schicksals wird Scyth zu einer Gefahr der Klasse A. Mehrere Faktoren kommen zusammen, um ihn an die Spitze zu bringen. Er wird von einem NPC namens Patrick O’Grady mit einem Fluch belegt. Patrick ist der erste Mensch, dessen Bewusstsein digitalisiert und ins Spiel übertragen wurde. Ein weiterer NPC und Boss eines Dungeons, der Verfluchte Lich Dargo, wird tatsächlich von einem Nicht-Bürger namens Clayton gespielt. Clayton war früher ein Raumschiffpilot, der nach einem lebensbedrohlichen Unfall seine Staatsbürgerschaft verloren hat. Als er sieht, wie Scyth immer wieder stirbt, ohne aufzugeben, täuscht er seine Niederlage vor und erlaubt Scyth, ihn zu töten.

Als Belohnung für den Sieg über den Endboss des Dungeons erhält Scyth das Mal der Vernichtenden Seuche, das ihm die Fähigkeit verleiht, allen zugefügten Schaden zu absorbieren. Zusammen mit Patricks Fluch ermöglicht es Scyth, das unerforschte Gebiet im Morast zu erreichen und den sterbenden Avatar von Behemoth zu finden, der einer der fünf Schlafenden Götter ist.

Scyth freundet sich mit den Dementoren an, seinen Klassenkameraden Ed „Crawler” Rodriguez, Hung „Bomber” Lee, Melissa „Tissa” Schäfer und Malik „Infect” Abdulalim. Scyth hilft ihnen, eine Wette gegen Big Po zu gewinnen, dem Anführer von Axiom, dem Spitzenclan in Tristads Sandbox. Gemeinsam mit seinen neuen Freunden bilden sie ihren eigenen Clan: die Erwachten.

Die Erwachten gewinnen die jährlichen Spiele in der Junior-Arena, indem sie auf der Insel Kharinza einen Tempel der Schlafenden Götter errichten. Ihr Sieg erregt die Aufmerksamkeit der Rekrutierer der Verhinderer-Allianz, die aus den stärksten Clans in Disgardium besteht.

Nach ihrem Sieg in der Arena werden Scyth und die Mitglieder seines Clans von der Schule für 8 Wochen aus Disgardium ausgeschlossen, sodass er die Quest des Nukleus der Vernichtenden Seuche nicht erledigen kann. In seiner Abwesenheit sucht die Vernichtende Seuche sich einen neuen Herold: Big Po. Als Scyth ins Spiel zurückkehrt, öffnet Big Po das Portal der Vernichtenden Seuche, um Tristad zu erobern. Zusammen mit seinen Freunden gelingt es Scyth jedoch, die Untoten zu bezwingen und die „Gefahr” Big Po zu eliminieren.

Das neueste Mitglied der Erwachten ist Tobias „Crag” Asser. Der glücklose ehemalige Ganker hat hohen Ansehens bei Nergal dem Leuchtenden. Crags Identität als „Gefahr” ist entdeckt worden, sodass Tobias gezwungen ist, sich sowohl im Spiel als auch IRL zu verstecken.

Er bittet Scyth um Hilfe und wird in den Clan der Erwachten aufgenommen, der es nun mit der ganzen Welt aufnehmen muss – der virtuellen als auch der realen.

 

Kapitel 1: Ausbruch aus der Sandbox


„ICH DRÜCKE DIR die Daumen, Alex”, sagte Tissa beim Abschied. „Wir werden nicht miteinander sprechen können, weil ich noch in der Sandbox bin.”

„Ich gebe dir Bescheid, sobald wir durchgekommen sind und ich Dis verlassen habe.”

„Ich werde auf deine Nachricht warten. Pass auf dich auf. Viel Glück!”

Sie warf mir einen Luftkuss zu, und ihr Hologramm verschwand.

Meine Eltern waren zu einem Kunden geflogen, daher mussten der Katzenhund Duda und ich für uns selbst sorgen. Duda dachte zurzeit jedoch nur an sich selbst. Er war so sehr damit beschäftigt, sich zu reinigen, dass es schwer war, die Imitation von einer echten Katze zu unterscheiden.

Die Projektion des Sonnensystems an der Wand summte leise vor sich hin, und wenn man heranzoomte, konnte man eine Kolonne von Shuttles sehen, die zum Mars flogen, um ihn zu kolonisieren. Die Reise würde noch Monate dauern, aber auf der Karte stellten sie eine gestrichelte Linie dar. Eines Tages werde ich auch dort sein.

Der Weltraum … Mein Traum, die finanziellen Mittel für ein Universitätsstudium zu beschaffen, hatte sich fast verwirklicht, doch es gab noch ein paar „Aber”. Die Gewinnsumme vom Sieg in der Junior-Arena, die Wette, die ich gewonnen hatte, die Belohnungen für die Erhöhung meines Potenzials auf „L” und die Beseitigung von Big Po – all das ergab über eineinhalb Millionen Gold. Leider steckte das Geld im Spiel fest, bis ich volljährig geworden war. Ich würde erst darüber verfügen können, nachdem ich den Staatsbürgerschaftstest bestanden hatte, und den konnte ich erst in zwei Monaten ablegen.

Tissa und Infect hatten ihre Artefakte für die Eliminierung der Gefahr bereits erhalten. Ich wusste jedoch noch nicht, was ich bekommen hatte. Um es herauszufinden, würde ich mich in Disgardium einloggen müssen.

Seit die Vernichtende Seuche in Tristad eingefallen war, hatte ich Disgardium nicht betreten. In der Zwischenzeit hatten die ehemaligen Dementoren und ich meinen Geburtstag in einem kleinen Restaurant an der Küste des Pazifischen Ozeans gefeiert. Eve war auch eingeladen gewesen, doch sie hatte abgesagt.

Am darauffolgenden Tag hatten wir eine Clan-Besprechung gehabt, an der zum ersten Mal auch unser neuestes Mitglied teilgenommen hatte: Tobias Asser alias Crag. Crag war einmal Mitglied der ehemaligen Dementoren gewesen, doch Crawler, Tissa, Bomber und Infect hatten ihn wegen Gankens nach kurzer Zeit wieder aus ihrem Clan geworfen. Tobias hatte nicht viel gesagt und nicht einmal auf die Sticheleien von Hung und Malik reagiert. Die beiden hatten es jedoch nicht zu weit getrieben, denn sie wussten, wie viel stärker der Clan durch Tobias sein würde.

Am Tag zuvor hatte Infect mit eigenen Augen die Kampfmaschine gesehen, in die Crag sich verwandeln konnte, als er seine Hauptattribute versiebzehnfacht hatte. Danach hatten wir die Überreste des Angriffs der Vernichtenden Seuche so leicht aus dem Weg räumen können, als ob wir es statt mit starken Mobs auf Level 30 und höher bloß mit einem Rudel Ratten aus dem Keller des Tempels von Nergal dem Leuchtenden zu tun gehabt hätten.

Die Besprechung hatte auf dem Balkon von Eds Wohnung stattgefunden. Nach einigem Überlegen beschlossen wir, dass wir nur eine Möglichkeit hatten: mit Crag zusammen ins große Dis zu gehen. Die Verhinderer würden eine einzelne Gefahr erwarten, und falls etwas schieflaufen würde, könnte die zweite entkommen. Falls sie Crag gleich nach der Charakter-Registrierung auflauerten, würden wir ihn nur retten können, indem wir zusammen mit Tiefen-Teleportation teleportieren würden. Andernfalls würde er das Rathaus von Darant gar nicht erst erreichen.

Wir waren noch einmal durch unsere kurzfristigen Pläne gegangen. Infect würde bald aus der Sandbox kommen, während Tissa noch weitere zwei Monate warten müsste. Bis dahin wollten wir an dem Bau unseres fast fertigen Forts weiterarbeiten, die Insel erkunden und in Zonen leveln, die unserem Level angemessen waren.

Wir hatten überlegt, auf die Dunkle Seite zu wechseln, doch den Gedanken verworfen. Unsere Kobold-Anhänger befanden sich in dem Gebiet und Patrick und seine Trogg-Freunde warteten in Darant auf uns. Es war zu gefährlich, sich dort zu zeigen, wenn man auf der Dunklen Seite war.

Ich atmete tief ein und wieder aus. Dann ergriff ich Duda, gab ihm einen Kuss auf die Nase und setzte ihn wieder auf den Boden. Der Katzenhund miaute empört, ging an seinen Platz zurück und fuhr fort, sich zu reinigen.

Es war Zeit, zu gehen.

Zu diesem Zeitpunkt wartete unser Clan-Noob Crag auf mein Signal, um zur gleichen Zeit wie ich in die Kapsel zu steigen und das große Dis zu betreten, nachdem er sich als Erwachsener registriert hatte. Ich schickte die Nachricht mit den Worten „Gehen wir!” an Tobias, Ed und Hung.

Crawler und Bomber erwarteten uns im Gasthaus unseres Clan-Forts, um unseren Ausbruch aus der Sandbox zu feiern. Wir warten. Teleportiere mit dem Noob-Ganker gleich, nachdem ihr euch registriert habt, antwortete Crawler, und Bomber fügte hinzu: Verlasst ja nicht den Gästeraum! Draußen wartet eine Horde von Verhinderern auf euch.

Ich zog mich aus und ging zur Altera Vita, meiner neuen Kapsel, die ich von Snowstorm, Inc. als Belohnung dafür erhalten hatte, dass ich Gefahrenklasse L erreicht hatte, mein ursprüngliches maximales Potenzial.

Sie hatten die Kapsel als limitierte Auflage herausgebracht. Als sie geliefert wurde, hatte mein Vater neidvoll den Kopf geschüttelt. Ich konnte mir die Lasterhöhlen vorstellen, die er besucht hätte, wenn er die Kapsel hätte benutzen können. Sie benutzte konsumierbare Kartuschen, um den Spieler mit intravenösen Nährstoffen, Flüssigkeitszufuhr und Erster Hilfe zu versorgen. Zusätzlich konnte sie Einfluss auf den emotionalen Zustand der Person nehmen, und ein aktives Intra-Gel stimulierte die Muskeln und massierte den Körper.

Wenn ich wollte, könnte ich mehrere Tage ins Spiel eintauchen. Falls ich jemanden hätte, der die Kartuschen wechseln würde, könnte ich sogar noch länger bleiben, doch eine Immersion über längere Zeiträume hinweg war nicht gesund.

„Immersion einleiten”, befahl ich.

„Verstanden, Alex.”

In einer Kapsel, die in Testwelten konfiguriert und geprüft worden war, war der Immersionsort standardmäßig auf Disgardium eingestellt. Augenblicklich füllte das Intra-Gel die Kapsel, sie übernahm die Kontrolle über meinen Körper und drei Herzschläge später hing ich im Vakuum eines Schwebezustands.

Eine riesige Spielwelt erschien unter mir, und die Umrisse seiner sechs Kontinente brach durch die Wolken.

Willkommen in Disgardium, Alex!

Du hast eine Altersschwelle erreicht, Alex. Dein Charakter wird aus der Sandbox entfernt!

Du musst deinen Charakter neu generieren.

Achtung! Weil du eine Gefahr bist, kann der Nickname Scyth nicht geändert werden.

Achtung! Weil du eine Gefahr bist, kann die Spielklasse Herold nicht geändert werden.

Du kannst deine Fraktion, dein Volk und dein Aussehen verändern.

Ich beschloss, nur mein Aussehen zu ändern. Dazu vergrößerte ich das Fenster mit meinem Charakter-Modell. Das System hatte meine frühere Gestalt eines 14-jährigen Jungen aktualisiert. Mein Gesicht war gröber mit härteren Zügen und meine Schultern waren breiter.

Ich zog den Schieberegler für das Alter nach rechts und fügte weitere zehn Jahre hinzu. Nach kurzem Zögern änderte ich meine Augenfarbe ebenfalls. Meine realen Augen waren grün, doch im Spiel würden sie blau sein. Dieser Avatar würde permanent sein und die Leute nahmen Erwachsene ernster – nicht nur in der realen Welt, sondern auch in Dis.

Alles war erledigt.

Charakter wurde erfolgreich generiert.

Das System zeigte mir das Profil des Charakters und ging zur letzten Stufe der Registrierung über.

Möchtest du eine Belohnung erhalten, weil du online bist, oder ziehst du einen permanenten Bonus von +5 % Erfahrung vor? Du kannst deine Wahl jederzeit ändern.

Ich wählte die zweite Option, denn die Bezahlung dafür, online zu sein, brachte einem nicht mehr als 30 Phönix pro Monat ein, und nur, wenn man praktisch Tag und Nacht im Spiel war. Dagegen waren 5 % Erfahrung auf höheren Leveln ein großer Vorteil.

Ich prüfte das Profil ein letztes Mal, um sicherzugehen, dass alles in Ordnung war. Gleichzeitig änderte ich meine Privatsphäre-Optionen und setzte sie auf die Standardeinstellungen zurück, sodass nur mein Nickname, meine Klasse und mein Level sichtbar waren. Nachdem ich die Auswahl bestätigt hatte, verschwand das Interface.

Mein Fall nach unten auf den Kontinent Latteria begann. Die Erde kam näher und näher. Ich konnte die hohen, bunten Häuser und breiten Straßen der Hauptstadt der Allianz erkennen. Dann wurde für einen Moment alles schwarz, bevor ich von Lärm, Licht und Gerüchen überwältigt wurde.

Operation Ausbruch hatte begonnen.

***

Das Zimmer roch nach Staub und sah alt aus, doch alles sah sauber aus. Die hohen Fenster wurden vom Blattwerk der Bäume überschattet, sodass nicht genügend Tageslicht einfiel und die Laternen an den Wänden brannten.

Verglichen mit meinem ersten Besuch in Tristad, gab es weitaus mehr neue Spieler, die Darant als ihre Startzone gewählt hatten. Mehrere Hundert Menschen, Elfen, Gnome, Zwerge und andere Völker der Allianz liefen durch das Gästeraum des Rathauses, standen um die Registrierungsschalter herum oder sahen sich um und bewunderten sich ehrfurchtsvoll. Bei den letzteren handelte es sich immer um neue Spieler, die zum ersten Mal in Disgardium waren.

Als ich mich umschaute, brach mir der kalte Schweiß aus. Ein riesiger Raum von der Größe einer Flugzeughalle, gefüllt mit lebhaften Spieler aller möglichen Völker, Alters und Geschlechts, die sich gegenseitig übertönten. Doch in der Menge stachen einige hochlevelige Spieler deutlich hervor. Sie gehörten zu den drei Spitzenclans der Verhinderer: Modus, Azurblaue Drachen und Excommunicado. Was zum Teufel taten sie hier? Weder Crawler noch Bomber hatten etwas von ihnen erwähnt. Die Spieler hatten im Gästeraum nur Noobs gesehen, daher ließen sie deren Namen von den Schreibern in einer Liste eintragen und einen nach dem anderen in den Vorraum treten, wo die Verhinderer sie mit dem Feuer der Flamme der Wahrheit überprüften.

Ich sah mich suchend nach Crag um, doch ich konnte ihn nicht finden. Nach seinem aktiven Avatar auf der Clan-Liste zu urteilen, hatte er sich bereits in Dis eingeloggt. Vielleicht war er auf dem Bildschirm der Charaktergenerierung steckengeblieben.

Überall in der Halle flackerten Artefakte der Flamme der Wahrheit. Spitzenspieler ab Level 200 gingen zu zweit herum und ergriffen alle Noobs über Level 1, die aus der Teenager-Sandbox kamen. Ich hatte keinen Zweifel, dass die Clans auf Shad‘Erung, dem Kontinent der Dunklen Seite, nach Spielern suchen würden, die zum Imperium überlaufen wollten. Die verschiedenen Neutralen in den Hauptstädten würden sicher auch überprüft. Es stand zu viel auf dem Spiel, selbst für Spitzenspieler, die bereit waren, die Belohnung unter den Mitgliedern des Bündnisses der Verhinderer aufzuteilen.

Ich musste mich beruhigen. Nach einem Blick auf das Symbol für Tiefen-Teleportation atmete ich erleichtert auf: Es war aktiv.

Das Wichtigste war nun, dass Crag endlich auftauchen würde, damit ich ihn zu unserem Clan-Fort Kharinza bringen könnte. Gyula und seine Brigade raubeiniger Arbeiter hatten den Bau erst vor Kurzem abgeschlossen.

„Noob, Level 26!”, hörte ich von weitem. Ich war gesehen worden. „He, du! Bleib wo du bist und warte, bist du an die Reihe kommst!”

Eine Gruppe von Verhinderern in meiner Nähe wurde durch eine Elfe abgelenkt, die mehr Geld für das Prüfen ihres Handgelenkes verlangte. Ein gigantischer Elefantenmann namens Banger auf Level 200 löste sich aus einer anderen Gruppe und kam auf mich zu. Wie der Name schon sagte, war er halb Elefant und halb Mensch, ein seltenes Volk. Wer wollte schon als so ein Kloß leben, der außerdem noch einen langen Rüssel hatte? Doch die Leute wählten dieses Volk dennoch für den Volksbonus: hohe Ausdauer.

Ich trat ein paar Schritte zurück und versteckte mich hinter einer breiten, mit einem Flachrelief verzierten Doppelsäule. Unsere schlimmsten Befürchtungen schienen sich bestätigt zu haben: Wegen seines glühenden Verlangens nach Rache hatte Big Po den Verhinderern seinen Verdacht mitgeteilt, obwohl er nicht wusste, ob ich meinen Gefahrenstatus behalten hatte. Daraufhin hatten sie sich Zugang zum Gästeraum des Bürgermeisters von Darant verschafft.

Kein Problem. Für diesen Fall war ich ebenfalls vorbereitet. Ich blickte zum Ausgang. Der stämmige, bärtige Level-14-Zwerg Gonzo war bereits durch den Kontrollpunkt gegangen und war nun auf dem Weg in die Halle.

Imitieren funktionierte perfekt. Großartig, nun war ich Gonzo der Zwerg, vom Feuer der Flamme der Wahrheit getestet.

Ich trat an der anderen Seite der Säule hervor und mischte mich selbstsicher unter die Menge. Aber wo war Crag?

Banger von Excommunicado war zu Scyths Versteck unterwegs. Ein Hobbit trippelte hinter ihm her, über dessen Schulter ein kleiner Elementar schwebte und die Luft mit seiner Hitze verzerrte. Verflixt!

Geist der Flamme der Wahrheit, Level 224

Elementarwesen

Tierzes Begleiter

Ich unterdrückte meine Besorgnis und ging ruhig auf die andere Seite der Halle zu, wo die Tische der Schreiber in einer langen Reihe standen. Ich würde mich registrieren und danach weitersehen.

„Gonzo, warte!”, rief jemand hinter mir.

Zuerst erkannte ich nicht, dass der Elefantenmann Banger mich meinte. Ich machte noch einen oder zwei Schritte, bevor ich anhielt und mich umdrehte. Er kam mir entgegen, während sein Partner, der Hobbit Tierz, hinter einem der vielen Portale nachsah, um den schwer zu fassenden Scyth zu finden. Die Portale funktionierten nur in Richtung Darant und nur für neue Spieler, daher hätte ich es unmöglich benutzen können, um zu verschwinden. Trotzdem überprüfte der Hobbit es, doch ohne Erfolg.

„Was willst du?”, fragte ich verärgert. „Ich bin bereits durch den Kontrollpunkt gegangen …”

„Hast du einen hochgewachsenen Mann gesehen?”, dröhnte Banger und verengte die Augen. Seine Arme waren so dick wie mein Oberkörper, doch er hatte die Hände eines Menschen. Sie waren riesig, ja monströs, doch menschlich. „Äh … Nickname Scyth, Level 26. Hat eine seltene Klasse … Ähm … Ich habe sie vergessen. Er war gerade hier, hinter den Säulen.”

„Ja, ich habe ihn dort drüben gesehen.” Ich nickte und deutet auf die andere Seite der Gästehalle. „Er ist zu den Schreibern gegangen.”

„Ach, verdammt”, erwiderte Banger. „Na ja, er wird noch mal überprüft, nachdem er sich registriert hat. Zeig mir dein Handgelenk.”

Der plötzliche Befehl ließ mein Herz schneller schlagen. Das Blut stieg mir ins Gesicht. Der Elefant-Mann wandte sich zu seinem Freund um.

„He, Tierz, komm her. Prüfe diesen Noob.”

Der Halbling untersuchte das Handgelenk eines Level-6-Waldelfen, der gerade aus dem Portal gekommen war. Als er fertig war, gab er dem spitzohrigen Spieler eine Goldmünze und kam zu uns herüber.

Ich sah mich erneut nach Crag um, doch als ich ihn nirgends erblicken konnte, beschloss ich, die Halle allein zu verlassen. Etwas musste schiefgelaufen sein. Während Banger mit seinem Kollegen beschäftigt war, aktivierte ich Tiefen-Teleportation.

Das Gefühl des Fallens und die Bilder, die an einem vorbeisausten, wenn man die Fähigkeit benutzte, waren extrem – etwa so, als würde man von einem Wolkenkratzer springen. Der Mageninhalt stieg einem in die Kehle, das Herz schlug wild und man konnte nur verschwommen sehen. Kurz gesagt, es war gewöhnungsbedürftig.

Instinktiv schloss ich die Augen, doch nichts passierte. Den Systemmeldungen war es egal, ob man die Augen geschlossen hatte.

Tiefen-Teleportation unterbrochen!

Du kannst das Rathaus von Darant erst verlassen, nachdem deine Registrierung abgeschlossen ist!

Verdammt! Alles, was hatte schiefgehen können, war schiefgegangen. Das Schlimmste war, dass das System die Fähigkeit als benutzt ansah, sodass die halbstündige Abklingzeit einsetzte.

Dann erschien Crag. Ich hätte ihn nicht erkannt, wenn ich seinen Nicknamen nicht gesehen hätte. Der frühere große Mann war zu einem kleinen Zwerg geworden. Er trug einen kunstvoll gewellten Bart, seine Haare waren geflochten und ein Tattoo bedeckte die Hälfte seines Gesichtes. Crag hatte seinem Charakter ein neues Aussehen gegeben.

Seine Erscheinung erregte die Aufmerksamkeit der Excos. Der elefantenartige Banger schien schwer von Begriff zu sein. Er hielt inne, drehte sich um und bellte: „Bleib da, Gonzo! Wir prüfen dich und du erhältst eine Goldmünze. Musst nichts dafür tun.”

„Ich habe schon eine erhalten, danke!” Ich holte mit meiner freien Hand eine Münze und drehte sie. „Oder gibst du mir noch eine?”

„Ähm … Nee, noch eine bekommst du nicht. Ihr Noobs könnt nie genug kriegen. Aber du wirst trotzdem geprüft, verstanden?”

„Verstanden”, antwortete ich friedfertig. „Ich warte.”

Nun war ich in echten Schwierigkeiten. Wenn sie ein einmal benutzbares Artefakt gehabt hätten, hätten sie mich vielleicht gehen lassen, aber mit einem Elementarwesen als Begleiter kosteten sie diese Tests nichts.

Ich schickte Crag eine Gruppeneinladung, die er umgehend annahm. Dann überlegte ich fieberhaft, während mein Clankamerad alle möglichen Entschuldigungen erfand und den dummen Noob spielte, der nicht verstand, was der Hobbit Tierz von ihm wollte. Die Excos konnten keine Gewalt gegen Crag einsetzen, da Darant eine friedliche Zone war und ihr Ansehen ins Minus absinken würde, falls sie aggressiv würden. Andererseits gab es im Ingame-Netzwerk jede Menge widersprüchlicher Informationen, und wie es wirklich war, wusste niemand so genau.

Spiel auf Zeit, schrieb ich Crag und tauchte in der Menge unter. Als der Elefantenmann sich das nächste Mal umdrehte, war ich nicht mehr Gonzo, sondern Rayman, ein Paladin auf Level 347 von den Azurblauen Drachen. Ja, ich ging ein Risiko ein, doch es zahlte sich aus. Wenn es mir gelingen würde, einen Schreiber zu erreichen und mich zu registrieren, könnte niemand mich davon abhalten, Crag zu ergreifen und nach Kharinza zu teleportieren.

Ich senkte den Kopf und hatte die halbe Halle durchquert, als ich bemerkte, dass ich mich fast neben dem echten Rayman befand. Ich konnte mich nicht wieder in Gonzo verwandeln, denn er war nirgends zu sehen. Stattdessen drehte ich mich um, konzentrierte mich auf Banger und verwandelte mich in den Elefantenmann. Für die umstehenden Spieler sah der Trick normal aus – nur jemand, der ein Ausrüstungsset gegen ein anderes austauschte. Der Name erschien erst, wenn man genau hinsah. Inzwischen lächelte Crag dümmlich, während der Hobbit Tierz ihm etwas erklärte.

„He, Bang, was machst du hier drüben?”, sprach ein großer Elf in einem grünen Mantel mich an. Es war Koba von Modus. Er deutete auf die andere Seite. „Die Kontrollzone von Exco ist da drüben. Wo ist Tierz?”

Glücklicherweise stand der echte Banger gerade hinter einer Säule.

„Tierz ist dort irgendwo.” Ich kopierte Bangers Sprechweise und Intonation, während ich vage in seine Richtung zeigte. „Ich … Äh … Ich bin auf der Suche nach einem Noob, der in der Menge verschwunden ist.”

„Was?”, fragte Koba. „Dir ist ein Noob entwischt?”

„Ja. Kein Problem, ich werde ihn finden …”

„Alarm!”, rief der Elf in sein Signalamulett, das er um den Hals trug. „Potenzielle Gefahr! Bewacht den Ausgang!”

Im nächsten Moment versammelten sich mehrere Mitglieder von Modus am Ausgang und zogen Spieler, die den Raum verlassen wollten, wieder hinein. Eine Reihe von Befehlen erfüllten die Halle, einschließlich denen von Kobas Signalamulett.

„Ausgang gesichert. Wir riegeln das Gebäude ab. Wiederholt alle Prüfungen!”

Der Elf hielt sein Amulett in der Hand und fragte: „Wie heißt der Noob? Was ist sein Nickname und sein Volk?”

„Gonzo, glaube ich. Ein Level-14-Zwerg.”

„Verstanden.” Koba nickte und sprach erneut in das Amulett. „Nickname Gonzo. Ein Zwerg.”

Ich schlängelte mich zu den Schreibern durch und stellte mich an den nächsten freien Tisch, hinter dem eine ältere Gnomdame saß, die eine Brille trug und sehr langsam sprach. Nachdem ich mir ihre Begrüßungsrede angehört, sie mehrfach unterbrochen und zur Eile angetrieben hatte, verstand sie endlich, dass ich mich so schnell wie möglich registrieren wollte.

Dann traf ich auf ein Hindernis. Als ob es nicht schon schlimm genug gewesen wäre, dass Crag mich mit panischen Nachrichten und Drohungen überschwemmte, mich an die Verhinderer verraten zu wollen, falls ich mein Versprechen nicht halten würde, schüttelte die Gnomdame vor mir den Kopf und sagte etwas. Es war schwierig, sie bei dem Lärm zu verstehen, doch ich bemerkte, dass sie es nicht eilig hatte, mir ein Registrierungsformular zu geben.

„Entschuldigung, was haben Sie gesagt?”

„Du musst in deine wahre Gestalt wechseln, um die Registrierung zu beginnen, junger Mensch”, wiederholte die Gnomfrau streng und erhob die Stimme.

Sie betonte das Wort „Mensch”. Ein Mädchen, das am nächsten Tisch stand, warf mir einen interessierten Blick zu. Unterdessen hatte Crag aufgehört, zusammenhängende Sätze zu schreiben, und spammte meine direkten Nachrichten stattdessen mit Ausrufezeichen. Crawler und Bomber hatten sich ebenfalls gemeldet, als sie wegen der Verzögerung erkannt hatten, dass etwas schiefgegangen war. Hung fluchte so übel, dass selbst das Chatfenster errötete.

„Halte nicht alle auf, du Elefantenküken”, zischte jemand hinter mir. „Was tust du überhaupt hier?”

Nun hatte ich noch mehr Aufmerksamkeit erregt. Ich warf einen Blick über die Schulter und sah eine kleine Level-1-Feenamens Minze, die in der Luft schwebte und mich mit einem missmutigen Blick durchbohrte.

„Entschuldige, Kleine.” Ich trat vom Tisch zurück.

„Du bist ein Kleiner, Elefantenjunge!”, kreischte sie. Schieb dir den Rüssel sonst wohin!”

Schnell verschwand ich hinter einer anderen Säule und wechselte in meine wahre Gestalt. Das Herz schlug mir bis zum Hals, als ich den frei gewordenen Tisch von Scheiber Ionescu erreichte und die Registrierung begann. Ich versuchte, die Schreie am anderen Ende der Halle zu ignorieren. Der Lärm und das Chaos hinter mir wurden größer. Mir brach der Schweiß aus.

„Sie haben eine Gefahr gefangen!”, keuchte ein Gnom, der neben mir stand. Mit großen Augen starrte er in die Richtung des Tumults und schnalzte mit der Zunge. „Wow!”

Aus allen Richtungen ertönten Schreie. Die Leute sahen zu, als Crag aus der Halle geschleift wurde. Tierz hatte es geschafft und Tobias‘ Status enthüllt.

Überall in der Halle eilten hochlevelige Spieler der ohnehin schon starken Gruppe zur Hilfe. Ich konnte Crag hinter all den Verhinderern in strahlender Rüstung nicht erkennen.

Crawler und Bomber hatten ihrer Besorgnis nachgegeben und waren zum Rathaus in Darant teleportiert. Sie wussten bereits, dass eine Gefahr ergriffen worden war. Schnell verbreiteten sich die Gerüchte in der gesamten Allianz.

Nachrichten des Bedauerns erschienen im Clan-Chat. Meine Kameraden hatten bereits nicht nur Crag, sondern auch mich innerlich beerdigt. Die Stadtwache, hohe Beamte der Allianz-Armee und alle Spieler versammelten sich vor dem Rathaus.

Schreib etwas, Scyth, irgendetwas!, verlangte Bomber. Wen haben sie erwischt, dich oder Crag?

Statt zu antworten, bestätigte ich, dass die Wahl meines Charakters endgültig war und nicht geändert werden konnte, bevor ich dem Schreiber Ionescu das ausgefüllte Registrierungsformular überreichte. Er warf einen Blick darauf und nickte zufrieden.

„Willkommen in Darant, Scyth!”, sagte er und stempelte das Formular mit einem dumpfen Klonk. „Der Nächste!”

Modus, die Azurblauen Drachen und Excommunicado stritten sich lauthals darüber, in welchem Territorium die Gefahr eliminiert werden sollte. In der benachbarten Halle ertönten Geräusche von Teleportern, die aktiviert wurden, und Anführer von Verhinderer-Clans kamen in die Halle gelaufen. Unter ihnen konnte ich Yary ausmachen, einen Modus-Anführer, der mich nach dem Endkampf in der Junior-Arena eingeladen hatte, ihn zu besuchen.

Sie beglückwünschten sich gegenseitig, lachten und scherzten. Als sie erschienen waren, hatten die Nachwuchs-Anführer mit dem Streiten aufgehört. Es war wahrscheinlich, dass sie Tobias an einen Ort schaffen würden, an dem er ohne Aufsehen und ohne Zeugen würde eliminiert werden können. Crag schrieb mir eine Nachricht nach der anderen, in denen er verlangte, dass ich etwas unternehmen sollte.

Während alle Aufmerksamkeit und alle Aufzeichnungen vom Geschehen auf die Verhinderer gerichtet war, konnte ich unbemerkt in die Gestalt der Fee Minze wechseln.

Was? Ich sah nach unten und bemerkte, dass meine Beine den Boden nicht berührten. Natürlich nicht, denn ich hatte mich in eine verdammte Fee verwandelt! Darum war auch alles um mich herum so groß. Ich flog an die Decke – keine Ahnung, wie. Ich wollte hochfliegen und flog hoch.

Die Abklingzeit von Tiefen-Teleportation war noch nicht abgelaufen, und ohne sie würde ich Crag nicht aus der Halle herausbekommen.

„He, Kleine”, hörte ich von unten. „Komm herunter, wir müssen deinen Status prüfen.”

Der Hobbit Tierz von Excommunicado gestikulierte, dass ich zu ihm hinunterfliegen sollte, und hielt mir mit der anderen Hand eine Goldmünze entgegen. Der kleine Geist der Flamme der Wahrheit glomm neben ihm.

 

Kapitel 2: Plan B


WÄHREND ICH FIEBERHAFT nach einem Ausweg suchte, summte das Signalamulett des Hobbits.

„Tierz, wir haben den Zwerg Gonzo gefunden und ihn überprüft. Er ist sauber. Sag Banger, dass er ein Elefant ist. Hahaha!”

„Verstanden, danke”, antwortete der Hobbit, „aber ich werde Banger nichts ausrichten, denn er hat die Nase voll von euren dummen Witzen.”

„Okay, okay. Hör zu, die Jungs draußen fragen sich, wen wir geschnappt haben. Ist es wirklich der Typ mit Potenzial A?”

„Das kann ich euch nicht sagen ”, erwiderte Tierz stirnrunzelnd. „Die Ältesten haben verboten, dass …”

Ich hörte nicht weiter zu, sondern ergriff die Gelegenheit und flog zum Ende der Halle. Von dort aus beobachtete ich Tierz und versuchte, herauszufinden, was die Verhinderer mit Crag vorhatten.

Der Hobbit schien mich nur um der Formalität willen angesprochen zu haben, denn welche Bedrohung könnte eine Level-1-Fee schon darstellen? Er hatte bereits eine Gefahr gefunden und war entspannt, daher suchte er nicht weiter nach mir, sondern spuckte auf den Boden und gesellte sich dann zu seinen Kameraden, um den Erfolg zu feiern. Der Klang von knallenden Korken erfüllte die Halle. Flaschen mit Elfensekt machten die Runde.

Trotzdem prüften einige Verhinderer am Ausgang der Halle weiterhin die Spieler, sogar die Level-1-Noobs. Alle, die keinen Grund hatten, dort zu sein, wurden fortgeschickt. Den Stimmen nach zu urteilen, die aus den Signalamuletten tönten, passierte es nicht nur im Rathaus, sondern auch in der Umgebung des Gebäudes.

Sie hatten Crag zu einem Tisch gebracht, um ihn zu registrieren. Vorsichtig flog ich näher und hielt mich unter einem riesigen Kronleuchter mit zahlreichen angezündeten Kerzen versteckt. Ich schrieb meinen Kameraden eine Nachricht, um sie wissen zu lassen, was vor sich ging. Ich versuchte zu verstehen, was Yary sagte.

„Mach keine Dummheiten, Junge.” Der Modus-Anführer grinste arrogant. „Wir wissen alles über dich: Tobias Asser, seit gestern 16 Jahre alt. Du lebst, gelinde ausgedrückt, in ärmlichen Verhältnissen. Deine Eltern sind kurz davor, ihre Staatsbürgerschaft zu verlieren. Willst du, dass dir das Gleiche passiert?”

„Nein.” Crag schüttelte den Kopf. „Aber ich bekomme nichts, wenn ihr mich jetzt eliminiert. Ich bin noch keine große Gefahr, ihr könnt nicht viel aufsteigen.”

„Du wirst aufsteigen, Toby.” Yary klopfte ihm auf die Schulter. „Doch nicht jetzt. Alles zu seiner Zeit. Wir werden uns um deine Zukunft kümmern.”

Crag dachte nach – oder wartete darauf, dass ich etwas unternehmen würde. Er hielt das Registrierungsformular in der Hand und schien es nicht eilig zu haben, es zu bestätigen. Der Schreiber wartete geduldig.

Der Level-31-Magier Crawler und seine Gruppe (Level-31-Krieger Bomber) wollen sich deiner Gruppe anschließen.

Akzeptieren? Ablehnen?

Ich akzeptierte die Anfrage und erzählte ihnen, was vor sich ging. Hoffentlich würden wir zusammen eine Lösung finden. Ihre Antworten ließen nicht lange auf sich warten.

[19:48] [Gruppe] [Crawler]: Ich bin auch noch in Abklingzeit, aber Bomb kann uns alle herausholen. Das Wichtigste ist, dass wir in deiner Nähe sind, sonst wirkt die Teleportation nicht auf dich.

[19:48] [Gruppe] [Bomber]: Das Problem ist, dass diese verdammten Verhinderer alle wegjagen, und die Wachen helfen ihnen. Wir sind zu weit vom Rathaus entfernt.

[19:48] [Gruppe] [Crag]: Unternehmt etwas!

Außer dem Gruppenchat blinkten auch die Tabs meiner direkten Nachrichten. Ich antwortete sofort.

[19:49] [Privat] [Crawler]: Verschwinde von dort, Scyth! Es ist zu spät für Crag. Wir helfen ihm später beim Leveln.

[19:49] [Privat] [Crag]: Bist du in der Nähe, Scyth? Was soll ich machen??

[19:49] [Privat] [Scyth – Crawler]: Haltet euch an unseren Plan, solange es noch eine Chance gibt. Wir müssen ihn herausholen. Außerdem bezweifle ich, dass ich durch ihre Prüfungen komme. Trotz meines neuen Aussehens bin ich immer noch Scyth.

[19:49] [Privat] [Scyth – Crag]: Ich bin in der Nähe. Ich höre und sehe alles. Bleib ruhig und spiele auf Zeit, Toby. Tiefen-Teleportation ist noch in Abklingzeit.

Leise summend bildete sich eine Stillekuppel über dem Teil der Halle, wo Crag sich befand. Der Magier hatte nicht an Mana gespart und sie groß genug gemacht, um alle interessierten Parteien zu bedecken. Zum Glück war ich auch unter der Kuppel. Natürlich hätte ich dort bleiben können, bis die Verhinderer gegangen wären, doch das gefiel mir nicht. Crag und ich waren weit von unseren Freunden entfernt, doch ich hatte versprochen, ihm zu helfen. Selbst seine Drohung, mich zu verraten, wenn er eliminiert würde, änderte nichts daran. Ich musste mein Wort halten.

Inzwischen versuchte Yary, Tobias auf seine Seite zu ziehen.

„Überlege es dir. Ich kann nicht für alle Verhinderer sprechen, aber im Namen von Modus garantiere ich dir, dass wir deinen nächsten Charakter automatisch in unseren Clan aufnehmen werden. Das bedeutet Ausrüstung, Boosts, Unterstützung beim Leveln und einen Gehaltsscheck.”

„Warum verschwendest du deine Zeit mit ihm?”, fragte der Level-317-Gnom-Magier Niu Lu von den Azurblauen Drachen. „Du …”

Yary warf ihm einen drohenden Blick zu, und der Gnom hielt den Mund. Modus wurde respektiert, doch den Anführern des Clans wurde noch größerer Respekt entgegengebracht – und sie wurden gefürchtet.

Yaroslav-Yary war zwar nicht der Hauptanführer, aber er war der Vertreter des Clananführers Hinterleaf.

„Dieses Angebot ist noch für 10 Sekunden gültig. Wir beseitigen dich sowieso, und obendrein wirst du im realen Leben nichts bekommen und kannst eine Karriere bei Modus vergessen. Ich will ja nicht prahlen, aber du wirst doch wohl wissen, was wir dir bieten können …”

„Habt ihr die MOSOWs angeheuert, die versucht haben, mich zu kidnappen?”, unterbrach Crag. Er hob den Kopf und sah Yary an.

„Wir arbeiten nicht so stümperhaft, Junge. Das war einer der Verlierer, die nicht hier sind. Jetzt schließe deine Registrierung ab! Es wird Zeit.”

Ich fasste meinen Entschluss. Ich schickte Crag eine Nachricht und sagte ihm, dass er allen Bedingungen zustimmen sollte und dass wir alles unter Kontrolle hätten. Während ich den Spielentwicklern innerlich für die vielen Säulen dankte, landete ich auf dem Boden hinter der mir am nächsten stehenden und wechselte in meine wahre Gestalt zurück.

„He, Yary!”, rief ich laut, als ich hinter der Säule hervortrat. „Erinnerst du dich an mich?”

Die Verhinderer reagierten umgehend. Ich hörte das Klingen von Waffen, die in ihren Händen erschienen, und das Blitzen von Zaubern, die vorbereitet wurden.

„Wer zum Teufel bist du?”, wollte der Gnom Niu Lu wissen, der sich als Erster gesammelt hatte. „Ein Noob? Geh dort drüben hin!” Er deutete auf die Tische außerhalb der Stillekuppel, an denen die Schreiber saßen. Glücklicherweise war Banger nicht anwesend, der mich hätte erkennen können. Ein Gnom der Azurblauen Drachen kam auf mich zu, doch Yary legte ihm eine Hand auf die Schulter, um ihn aufzuhalten.

„Gib mir einen Tipp. Woher kenne ich dich?”

„Aus der Junior-Arena. Unsere Gruppe hat den Endkampf gewonnen und du hast gesagt, dass ich mich bei dir melden soll, nachdem ich die Sandbox verlassen habe.”

„Das habe ich gesagt?”, fragte Yary überrascht.

Es wunderte mich nicht, dass er unsere Begegnung vergessen hatte. Für ihn war es nur eine kurze Episode gewesen, die vor drei Monaten stattgefunden hatte. Seitdem hatte ich aus naheliegenden Gründen nichts Erinnerungswürdiges getan. Ich kannte sein reales Alter, er war weit über 40 Jahre alt, doch sein Charakter, ein Mensch der Klasse Bogatyr, sah 15 Jahre jünger aus. Im Gegensatz zu vielen anderen hatte Yary sein Aussehen beibehalten.

„Ja. Außer dir waren Glyph von den Azurblauen Drachen, Yagami von Mizaki und ein weiterer Spitzenspieler dort.”

„Ein weiterer Spitzenspieler?”, grollte Rayman, der menschliche Paladin auf Level 347, in den ich mich auf dem Weg zum Schreiber verwandelt hatte. „Räumt ihn aus dem Weg, wir brauchen ihn nicht!”

Das gefiel Yary nicht. Ich wusste nicht, welche Beziehung er zu Rayman oder den Azurblauen Drachen hatte, dem Spitzenclan des asiatischen Gruppe, doch die rechte Hand von Modus widersprach ihm.

„Nein, lasst ihn bleiben.” Er ging einen Schritt auf mich zu und schüttelte mir die Hand. „Tut mir leid, dass ich dich nicht gleich erkannt habe, Scyth. Meiner Meinung nach hast du Potenzial, doch Hinterleaf hat das letzte Wort. Ich werde ein Treffen arrangieren.”

Er drehte sich zu Crag um, doch bevor er ihn erneut unter Druck setzte, wandte er sich wieder an mich.

„Hast du schon mal gesehen, wie eine Gefahr eliminiert wird? Jetzt hast du die Gelegenheit.” Yary warf einen Blick auf Tobias.

„Nicht wahr, Junge? Komm schon, Junge, zieh es nicht weiter hinaus.”

Ich schloss mich der Gruppe an, die Crag gegen den Tisch drückte. Er sah mich an und ich blinzelte schnell. Daraufhin atmete Tobias tief ein und bestätigte sein Registrierungsformular. Den Schlafenden Göttern sei Dank, dass er nicht vergessen, seine Zugehörigkeit zu den Erwachten zu verstecken, sonst wäre alles vorbei gewesen.

„Willkommen in Darant, Crag!”, bellte der Schreiber, als ob alles in Ordnung wäre. „Der Nächste!”

Wir verließen das Rathaus in einer langen Prozession. Auf dem Markplatz war das Ploppen hineinteleportierender Verhinderer erfüllt. Gewöhnliche Spieler kamen ebenfalls dazu, doch sie wurden vom Marktplatz verwiesen. Darüber beschwerten sie sich natürlich, doch nachdem sie eine oder zwei Münzen erhalten hatten, sagten sie nichts mehr. Die Verhinderer scheuten keine Kosten, um die öffentliche Meinung zu beruhigen, das musste man ihnen lassen. Ich konnte mich noch gut daran erinnern, was eine Goldmünze für einen Noob bedeutete.

Yary hatte mich scheinbar völlig vergessen, doch als er sah, wie der Minotaurus Glyph, Clan-Anführer der Azurblauen Drachen, erschien und sich mit mir unterhielt, rief er mich zu sich und sagte mir, dass ich in seiner Nähe bleiben sollte.

Nicht lange danach spitzte sich die Situation zu. Da es nicht möglich war, Crag im Herzen der Hauptstadt auszuschalten, hatten die Verhinderer geplant, das Ritual zur Vertreibung der Gefahr auf neutralem Gebiet auszuführen. Schließlich umfasste ihr Bündnis nicht nur die Clans der Allianz, sondern auch Clans des feindlichen Dunklen Imperiums. Der genaue Ort, an dem das Ritual stattfinden sollte, war bis jetzt geheim gehalten worden. Hinterleaf, der Anführer von Modus, wollte das Portal zu diesem Ort persönlich öffnen.

Die Stadtwache sperrte den Platz vor dem Rathaus ab. Offensichtlich arbeiteten die Behörden wegen des Risikos, das die Gefahr darstellte, mit den Verhinderern zusammen, um ihnen eine möglichst günstige Situation zu schaffen.

Die Spitzenspieler beschworen fliegende Mutanten, und einer nach dem anderen hob ab.

„Koba, nimm ihn mit”, sagte ihn mit”, sagte Yary. Dann drehte er sich zu mir. „Scyth, flieg mit ihm.”

„Hast du noch Platz für zwei weitere Spieler von meinem Team? Sie sind auch hier, aber sie sind weggeschickt worden.”

Yary überlegte kurz und nickte gleich darauf.

„In Ordnung. Gib mir ihre Nicknamen. Ich werde den Befehl geben, sie durchzulassen. Sie müssen sich aber beeilen.”

Ich saß hinter Koba auf seinem Goldenen Greif und sah aus 10 Meter Höhe, wie meine Freunde erschienen. Crawler wurde von einer schönen Elfe auf ihrem Kampf-Hippogryph mitgenommen, doch Bomb hatte weniger Glück. Er fand sich auf dem Schwanz einer langen, gewundenen Fliegenden Schlange wieder, die ihn während des Fluges ständig auf und ab warf. Es sah aus, als ob der Reiter der Schlange sein Reittier lachend anspornte, während Bomber sich verzweifelt am Sattel festklammerte und versuchte, um jeden Preis zu überleben.

***

Keinem von uns gelang es, Crag während des Fluges mit Tiefen-Teleportation zu ergreifen, denn die Reittiere waren zu weit voneinander entfernt. In der Schlucht, wo das Vertreibungsritual stattfinden sollte, war er ebenfalls zu weit von uns entfernt, und hochlevelige Spieler ließen ihn nicht aus den Augen. Er war von Kontrollzaubern bewegungsunfähig gemacht worden, und drei Kampfgestirne von Modus, den Azurblauen Drachen und Excommunicado bewachten ihn. Zwei Anführer der Kinder von Kratos hatte sich ebenfalls dazugesellt.

Nachdem wir angekommen waren, strömten Krieger der anderen Verbündeten aus Portalen, einschließlich der Neutralen und des Imperiums. Ich erkannte den mächtigen Ork Horvac, Anführer des Clans der Wanderer, der der stärkste unter den Dunklen Fraktionen war. Er selbst war IRL so bekannt für seine Exzentrik, dass man ständig in den Klatschspalten über ihn lesen konnte. Horvac, Glyph, Colonel von Excommunicado und Hinterleaf waren vermutlich die stärksten Spieler der Welt. Der Solo-Abenteurer Dek kam ihnen im Level nahe, doch was Stärke, Chance und Einfluss anging, war er ihnen nicht gewachsen. Der allerstärkste war immer noch das ehemalige Modus-Mitglied Mogwai, der Tierverehrer-Druide. Nachdem er die Obergrenze von Widerstandsfähigkeit erreicht hatte, hatte dieser Spieler verkündet, dass er keine Lust mehr hätte, Dis zu spielen und ein Jahr aussetzen würde.

Die Schlucht, zu der wir geflogen waren, lag nicht weit von Darant entfernt, in der Nähe eines der Battlegrounds. Es wurde bereits dunkel, doch die enorme Menge von Magie erhellte die Umgebung, als ob es noch Tag wäre.

Offiziell gehörten diese Gebiete der Allianz, doch die Vertreter der anderen Fraktionen konnten hier ungestraft erscheinen. Natürlich waren Fremde in einem Gebiet Angriffen von NPCs[1] und Spielern ausgesetzt, sofern es ihr Level erlaubte. Globale PvP-Kämpfe waren erwünscht und wurden nicht nur mit der Chance auf gedroppte Ausrüstung von besiegten Gegnern belohnt – selbst Beutel mit 100%igem Schutz gegen Verluste waren keine Garantie –, sondern auch mit Marken der Tapferen und Ehrenpunkten. Die Allianz betrachtete selbst Neutrale als Feinde, die weder ihr noch dem Imperium angehörten – den beiden stärksten Fraktionen in Dis.

Nun wimmelte die Schlucht vor Spitzenspielern des Bündnisses der Verhinderer, das 10 Clans einschloss: vier aus der Allianz, vier aus dem Imperium und zwei von den Neutralen.

Die Besten der Besten unter Milliarden von Spielern liefen leuchtend vor Auren und Buffs herum. Ihre Reittiere und Kampf-Tiergefährten brüllten, kreischten, knurrten und schnatterten. Gigantische Spinnen und Gottesanbeterinnen, Drachen und Echsen, Bären und laufende Bäume, Phönixe und Schreckliche Wölfe, Höllenhunde, Elementare, Dämonen, Sukkuben, Golems, rasselnde gnomische Panzer und Tragschrauber und vieles mehr.

Jemand hatte einen 16 Meter großen Bronzenen Koloss beschworen, woraufhin ein anderer Spieler einen ebenso großen Baum des Lebens zu sich rief.

Die Menge schauderte vor den Giganten zurück, sodass Crawler und ich gegen die Wand der Schlucht gedrückt wurden. Bomber war zur Seite geschoben worden, wo er in chinesischer Sprache ein lebhaftes Gespräch mit einem Mädchen von den Azurblauen Drachen führte.

30 Schritte von mir entfernten stritten die Anführer der Verbündeten sich bitter stritten. Irgendetwas stimmte nicht. Dank der seltsamen Akustik in der Schlucht konnte ich jedes Wort verstehen.

„Ich verlange, dass alle überflüssigen Truppen sich sofort zurückziehen!”, rief Horvac.

”Das von dir, nachdem du deine eigenen hierher gebracht hast?”, erwiderte der grauhaarige, kleine Gnom Hinterleaf scharf. Er rollte die Rs, was seine russischen Wurzeln verriet. „Was für eine Logik ist das? Dafür gibt es bei uns ein Sprichwort: Der Schuldige verrät sich durch sein Verhalten selbst.”

„Die Dunklen planen etwas, soviel ist sicher”, erklärte Glyph. „Und die Neutralen auch.”

Der Colonel, ein mächtiger Goliath[2], gab leise Befehle an seine Offiziere. Einige Sekunden später öffnete sich ein weiteres Portal und 10 Kampfgestirne von Excos strömten heraus. Als die anderen Clans es sahen, aktivierten sie ebenfalls Portale. Innerhalb weniger Minuten befanden sich mehr hochlevelige Spieler pro Quadratmeter in der Schlucht als je zuvor in der Geschichte von Disgardium.

„Die Verbündeten haben recht, Horvac”, sagte Yary leise. Als er schwieg, verfielen die anderen auch in Schweigen. „Wir haben die Gefahr bewacht, darum haben wir mehr als die vereinbarte Zahl von Kampfgestirnen mitgebracht. Aber unsere Leute sollten die Schlucht verlassen, sobald …”

Ich wurde abgelenkt, bevor ich den Rest hören konnte. Die bekannte Stimme des Elefantenmannes Banger ließ mich erschrecken.

„Sieh mal, wen ich gefunden habe, Tierz”, polterte Banger, als er sich durch die Menge zu mir hindurchschob. „Ich habe mich gefragt, wohin er verschwunden ist.”

Als Hinterleaf stirnrunzelnd mit den Fingern schnalzte, wurden die Anführer von einem Schutzschild eingehüllt, den ich nicht erkannte.

„Lenke ihn ab”, flüsterte ich Crawler zu und deutete mit einem Blick auf Banger. „Sie wollten mich überprüfen, aber ich habe mich davongemacht.”

Ich würde 30 Schritte näher gehen müssen, um Crag in meiner Teleportation ergreifen zu können.

Bomber schrieb, dass die ankommenden Truppen von Verhinderern sich buffen und Kampfgruppen bilden würden, doch nicht nach Fraktionen, sondern nach Clans. Ein Sturm braute sich zusammen.

Der Druck unter der Kuppel wuchs ebenfalls. Yary und Hinterleaf standen Rücken an Rücken. Glyph sagte ihnen etwas, während die neutralen Clan-Anführer mit Horvac und den Anführern der Dunklen Clans flüsterten. Das Gleiche passierte um Crag herum: fünf Modus-Mitglieder rückten mit einigen Drachen, Excos und Kratos zusammen, um die Gefahr gegen die übrigen zu verteidigen.

Das ist unsere Chance!, schrieb ich meiner Gruppe. Versucht, nahe genug an Crag heranzukommen. Wer es als Erster schafft, teleportiert mit ihm.

Das gegenseitige Misstrauen unter den Clans wuchs, bis es kein Zurück mehr gab. Beschuldigungen flogen hin und her, bis der Zeitpunkt erreicht war, an dem der winzigste Funke die Fackel des Kampfes entzünden würde.

„Halt an, Scyth!”, rief Banger hinter mir.

Ich nahm an, dass sein Angriff der besagte Funke war. In einer fantastischen Zurschaustellung seines niedrigem Verstandes warf der Elefantenmann einen magischen Ball nach mir und entfachte das wahrscheinlich chaotischste Gemetzel in der Geschichte von Disgardium. Meine Beine waren durch Zauber verwickelt, doch Befreiung löste sie. Ich lief vorwärts, änderte meine Stimme und brüllte: „Wir sind betrogen worden!”

Der Trick funktionierte. Die einfachen Soldaten hinter mir wirkten abwehrende Auren und magische Schilde um sich herum. Flaschen mit Kampfelixieren wurden geöffnet, flammende Schwerter zischten, Kampfstäbe knisterten vor Energie. Ein Feuerschleier entstand um mich herum – Crawlers Feuerschild. In dem Moment bedauerte ich, dass ich keine Zeit gehabt hatte, meine Quest zu beenden und Behemoths Belohnungen zu erhalten. Darüber hinaus hatte ich den Kristall noch nicht aktiviert, den ich von der eliminierten Gefahr Big Po bekommen hatte. Beides wäre in dieser Situation sehr gelegen gekommen.

Ich beschwor meinen Tiergefährten, den Sumpfstecher Iggy, und befahl ihm, in meiner Nähe zu bleiben. Bangers Angriff stellte sich als Vorteil für uns heraus. Die Punkte der Attribute aller Gruppenmitglieder schossen hoch, da sie mit 17 multipliziert wurden. Mein Tiergefährte war keine Ausnahme. Ich war bereits während der Ausbruchs der Vernichtenden Seuche durch den Prozess gegangen, als Crag, Infect, Tissa und ich die Straßen von Tristad von den Untoten befreit hatten, darum war ich nicht überrascht, als ich wuchs, stärker wurde, breitere Schultern bekam und die Energie in mir kochte.

Ohne in den Kampf verwickelt zu werden, lief ich auf Crag zu, bis ich an die undurchdringbare Barriere der Kuppel erreichte. Ich war immer noch zu weit von meinem Clankameraden entfernt. Auf der Minikarte sah ich, dass Crawler und Bomber sich weit hinter mir befanden.

Hinterleaf schrie etwas unter der Kuppel und beruhigte seine Verbündeten mit Gesten. Yary stand hinter ihm, Glyph und der Colonel je an einer Seite. Zwei Kinder von Kratos drückten gegen die Wand der Kuppel. Sie waren ein starker Clan, doch ihre Anführer waren vor allem für ihre nicht-kampfbezogenen Talente bekannt.

Hinterleafs Bitten zeigten scheinbar keine Wirkung. Horvac rief etwas, und eine Wolke giftigen, gelben Rauches erfüllte die Kuppel. Feuer und Blitze leuchteten auf und einige Sekunden später zerbrach Hinterleafs magische Kuppel mit einem kristallenen Klirren und einem kaum sichtbaren Hagel von Glassplittern, die die Umstehenden verletzten. Ich bekam ebenfalls meinen Teil ab. Scharfe Splitter durchbohrten meine Brust und Schultern. Beim Herausziehen zerriss ich mein Fleisch.

„Plan B!”, schrie Yary in sein Signalamulett. Seine Stimme dröhnte durch die Schlucht. „Plan B!”

Hinterleaf, ein Illusionsmagier, erstellte 10 Kopien von sich, die er zur Hilfe zurückließ, während er selbst zu einer kleinen Klippe über uns teleportierte, den Arm hob und unheilvoll grinste. Er hielt eine schwarze Rolle in der Hand.

Alle begannen zu kämpfen und alle hatten das gleiche Ziel: Crag. Alle anwesenden Spieler wollten die Gefahr eliminieren, doch das Bündnis oder die Clan-Anführer waren ihnen nun egal. Die Sieger würden die Geschichte schreiben.

Die Nachwirkungen der vielen Zauber überfluteten jeden Zentimeter der Schlucht. Der Boden unter meinen Füßen bewegte sich und wurde zu Morast. Räuberische Giftpflanzen wuchsen aus der steinigen Oberfläche. Die Luft war einmal eiskalt und im nächsten Moment so heiß, dass sie Rüstung schmelzen ließ. Ultraschallwellen von einem Turm, der in der Nähe beschworen worden war, riss Ausrüstungsteile und Fleisch weg und zerriss den Raum selbst. Ein Fuß des monströsen Kolosses krachte nur einige Meter neben mir zu Boden und zerquetschte mehrere Spieler gleichzeitig. Die sich schlängelnden Äste des Baum des Lebens erwürgten alle, die sie erreichen konnten. Verschiedene Arten von Nebel verbrannten meine Nasenlöcher, Kehle und Lungen. Ich hielt nur dank Crags Talent aus. Die Debuffs stapelten sich bedrohlich, doch ich musste noch drei Meter zurücklegen.

Wütend über den Verrat feuerten die Spieler alles, was sie hatten, auf Freund und Feind gleichermaßen. Teure Rollen und Waffen wurden als letzte Chance zu Hunderten verbraucht. Niemand sparte mit seine ultimativen Fähigkeit. Spitzenspieler starben und versuchten, so viele andere Spieler wie möglich mit in den Tod zu nehmen.

Gnomische Panzer feuerten aus ihren Kanonen in die Menge. Eine Kugel flog in einen Nahkampf in Crags Nähe, sodass viele Leute dort ausgeschaltet wurden. Jemand hatte eine Unverwundbarkeitsblase über Toby platziert und rettete ihm so das Leben.

Die Spieler des Lichts um ihn herum hatten an der Seite von Hinterleafs Illusionen sowohl die Spieler der Dunklen als auch der Neutralen Fraktion zurückgeschlagen, bevor sie nun gegeneinander kämpften.

Yary benutzte Attacke, um gegen den Rücken eines ehemaligen Verbündeten von Kinder von Kratos zu rammen. Er schwang sein zweihändiges Schwert, um einen anderen Spieler zweizuteilen und schützte Crag danach mit seinem Körper. Ein Magier, der nahe dabei stand, öffnete ein Portal. Seine Struktur sprühte mit Adern aus blauem und grünen Licht, als es Yary, Crag und den einzigen, noch stehenden Modus-Kämpfer mit einem dumpfen Platschen verschlang. Der Magier, der das Portal geöffnet hatte, schaffte es nicht hinein, denn er war von einem Schurken von hinten gelähmt worden und explodierte kurz darauf in einem Schauer von Blut.

Hinterleaf, der überzeugt war, dass seine Jungs mit der Gefahr entkommen waren, warf einige tödliche Flächenzauber in die Menge, doch es sollte noch schlimmer kommen.

„Armageddon!”, schrie der Modus-Anführer.

Die schwarze Rolle in seiner Hand zerfiel zu Ruß und Asche und er verschwand von der Klippe. Der Himmel erleuchtete mit blendend hellem Licht. Als der Meteor herunterfiel, ließ sein immer lauter werdendes Dröhnen Trommelfelle platzen und Gehirne wurden erschüttert. Ich wirkte Steinhaut und eilte zu dem Portal.

Zuerst wurde Bomber in den bröckligen, rostigen Fetzen von etwas Giftigem und Riesigen bedeckt, und weder seine erhöhte Verteidigung noch sein legendärer Ring halfen ihm, denn der Koloss trampelte ihn kurz darauf nieder. Crags Boost war verschwunden, sobald sie ihn durch das Portal gebracht hatten.

Ich fiel aufs Gesicht, als jemand meine Beine mit einer Streitaxt abhackte, mein Leben auf ein paar Prozent reduzierte und einen Blutungs-Debuff hinterließ. Ich konnte das schimmernde Portal nicht mehr sehen. Mein Herz schlug angestrengt, als ich versuchte, den Durchgang kriechend zu erreichen. Nur meine extrem hohe Widerstandsfähigkeit ermöglichte mir, durchzuhalten. Ich wusste nicht, was ich mir erhoffte. Ich hatte mich zu sehr an den Fluch der Untoten gewöhnt, um Heiltränke bei mir zu haben. Außerdem hätte ich sie nirgends aufbewahren können.

Es waren noch etwa zwei Meter bis zum Portal. Ich wusste, dass ich sterben würde, hatte aber keine Ahnung, wo ich respawnen würde. Ich hatte keine Zeit gehabt, mich an Darant zu binden, und ich bezweifelte, dass sie mich nach Tristad zurücklassen würden.

Säure verbrannte meine Stimmbänder. Ich konnte keine Zeit damit verschwenden, mit Ed zu chatten, darum hoffte ich, dass Ed mich nicht enttäuschen würde. Doch vergebens.

Crawler geriet in die Reichweite eines Zaubers und schaffte es nicht, rechtzeitig herauszukommen. Dann wurde er mit Angst belegt, und der Effekt ließ ihn in die entgegengesetzte Richtung des Portals laufen. Einige Augenblicke später leuchtete sein Avatar im Gruppen-Interface zum letzten Mal rot auf, ein Totenkopf erschien und er wurde grau.

Als jemand an mir vorbeiging, streckte ich die Hand aus und ergriff ein Bein. Sein Besitzer schleifte mich ein paar Schritte seitlich vorwärts, bevor er bemerkte, dass ich an seinem Bein hing. Die harte Metallkappe eines Stiefels traf mein Kinn und kostete meine letzte Gesundheit. Einen Sekundenbruchteil vorher hatte ich Grässliches Geheul aktiviert, doch wegen des Levelunterschieds funktionierte es nicht. Als letztes Mittel hetzte ich Iggy auf den Angreifer.

Der Meteor von Hinterleafs Armageddon krachte mitten in die Schlucht. Alle Farben verblassten. Alle Schatten wurden vom blendend hellen Licht einer nuklearen Explosion erleuchtet. Ich wurde bei unvorstellbarer Hitze von der Druckwelle erfasst und mit enormer Geschwindigkeit in das sich schließende Portal geschleudert.

 

Kapitel 3: Rettung des Rekruten Crag


IM GROSSEN DIS gab es verschiedene Arten von Portalen.

Alle Spieler erhielten die Fähigkeit Rückkehrstein, die einmal pro Tag benutzt werden konnte, um an den Ort zurückzukehren, an den man gebunden war. Die Behörden und die Frachtgilde hatten in den Städten große stationäre Portale mit festgelegter Route aufgestellt. Persönliche Portale konnten mit Fertigkeiten oder Rollen erstellt werden, wie wir es getan hatten. Dimensionsmagier konnten eine andere Art von Portal nutzen, durch die alle gehen konnten, nicht nur ein Mitglied seiner Gruppe oder seines Clans. In ein solches Portal war ich gelangt.

Ich flog lebend hinein, doch ich kam tot heraus.

Der Spieler Han Ro hat dir kritischen Schaden zugefügt (Blutung): 2.647!

Gesundheitspunkte: 0/6474

Du bist gestorben.

Du respawnst in 10 … 9 …

Der Tod wurde am Ausgang des Portals bestätigt. Die tickende, kritische Blutung hatte mir den Rest gegeben. Falls Crag in meiner Nähe gewesen wäre und ich mich im Wirkungsbereich seines Talentes befunden hätte, hätte ich eine Überlebenschance gehabt, doch das war scheinbar nicht der Fall gewesen.

Ich hatte großes Pech beim Sterben, denn ich war auf den Bauch gefallen. Das bedeutete, dass ich mich in den 10 Sekunden vor dem Respawnen nicht umsehen konnte, um herauszufinden, was um mich herum vor sich ging. Außerdem wusste ich nicht, wo ich respawnen würde, da ich an keinen Ort gebunden war. Vielleicht auf dem Friedhof von Darant? Das wäre unerfreulich und würde bedeuten, dass Crag erledigt wäre. Oder vielleicht auf dem nächstliegenden Friedhof? Soweit ich wusste, gehörte er Modus und befand sich auf ihrem Schlossgelände.

Ich hörte, wie Hinterleaf etwas sagte.

„… keine gute Idee, Yar! Du musst verstehen …” Er machte eine Pause. „Wer ist das?”

„Eine Leiche”, antwortete Yary. Er stieß mit der Stiefelspitze gegen meinen Körper und drehte ihn um. „Es ist Scyth, von dem ich dir erzählt habe. Anführer der diesjährigen Champions der Junior-Arena.”

„Die Gruppe, die unsere Jungs im Finale geschlagen hat? Wir werden uns später um ihn kümmern. Lade ihn ein, wenn diese Sache vorbei ist.”

Ich war so oft an dem Ort respawnt, an dem ich gestorben war, dass ich überrascht war, mich beim Überschreiten der Schwelle zwischen den Welten an einem anderen Ort wiederzufinden. Ich befand mich in einem Hinterhof zwischen einer hohen Wand, auf der Wachen standen, die mir den Rücken zudrehten, und einem fantastischen Schloss. Seine Mauern waren scheinbar mit Diamanten besetzt und schimmerten im Sternenlicht.

Strafe für Tod: 3.900 Erfahrung

Iggy summte leise, als er in meiner Nähe respawnte. Fluchend rief ich meinen Tiergefährten zu mir. An diesem Ort würde er eher ein Hindernis als eine Hilfe sein.

Ich wechselte in den Tarnmodus und sah mich um. Der Spawnpunkt war von Grabsteinen umgeben. Ein Teich in der Nähe reflektierte den Sternenhimmel und den lokalen Mond Geala. Geplätscher und das Quaken von Fröschen tönte vom Teich herüber. In der Ferne, kaum hörbar, konnte ich Stimmen vernehmen.

Die Gräber auf dem kleinen Friedhof waren mit Gras und Blumen überwachsen. Vor mir stand eine wunderschön dekorierte Grabkammer. Es war ein massives, ja uneinnehmbares Bauwerk aus Stein ohne Fenster und Türen. Warum hatte Modus es gebaut? Womöglich, um Anführer respawnen zu lassen, während das Schloss angegriffen wurde. Dort waren vielleicht Ausrüstungssets gelagert oder es gab einen Geheimgang, der aus dem Schloss in die Grabkammer führte.

Das einzig Wichtige war, dass sich niemand in der Nähe befand, ausgenommen die Wachen auf den Mauern. Ich versteckte mich hinter der Grabkammer, falls sie sich umdrehen würden, und prüfte zuerst, ob Crag in Ordnung war. Sein Symbol in der Gruppe war aktiv und seine Gesundheit gefüllt. Er beantwortete meine Nachricht nicht, aber möglicherweise hatte Modus ihn mit einem Schweigesiegel belegt.

Eine Nachricht leuchtete auf. Crawler hatte gesehen, dass ich wieder aufgetaucht war, und schrieb, dass er und Bomber in Kharinza gespawnt waren und sich auf den Weg zum Stadtfriedhof von Darant gemacht hatten, um Crag und mich dort zu treffen, falls wir gestorben wären. Wie sich herausstellte, hatten die Verhinderer diese Möglichkeit ebenfalls in Betracht gezogen und eine Absperrung um den Friedhof eingerichtet, um die Gefahr nicht entkommen zu lassen.

Ich konnte Crag nirgends entdecken und steckte in einem Dilemma: Sollte ich in meiner eigenen Gestalt nach ihn suchen oder eine andere wählen? Die erste Option schien risikoreich zu sein. Falls ich Toby mit Tiefen-Teleportation herausholen würde, würde ich mich verraten, und die Verhinderer würden mich verfolgen. Bis jetzt sahen sie mich jedoch nicht als Bedrohung. Big Po hatte mich offensichtlich nicht betrogen, sonst hätte Yary anders mit mir gesprochen.

Die Entscheidung wurde für mich getroffen, als die Stimmen aus der Ferne lauter wurden, und eine zahlreiche Spieler hinter dem Schloss erschien. Ich legte mich flach ins Gras hinter der Grabkammer und beobachtete sie.

Sie liefen an der Mauer entlang und teilten sich auf, als sie die Treppe zum Keller erreichten. Eine Gruppe blieb am Eingang, während die andere Crag hineinbrachte. Aus irgendeinem Grund war Tobias noch nicht eliminiert worden. Er konnte allein laufen, aber er trug ein leuchtendes Halsband. Ob es seine Fähigkeit blockierte, konnte ich nicht sagen.

Mir wurde klar, dass ich gar nichts über das große Dis wusste, und ich bereute, meine achtwöchige Sperre und die Zeit bis zum Verlassen der Sandbox nicht mit nützlicheren Dingen verbracht zu haben, als mich mit Tissa zu treffen und mit ihr im Mondschein spazieren zu gehen.

Fünf Spieler brachten Crag in den Keller und drei kamen gleich darauf wieder heraus. Das bedeutete, dass sie die anderen beiden als Wachen zurückgelassen hatten. Während alle zurückrannten, nahm ich die Gestalt eines Mitglieds der Gruppe an.

An einer Ecke hielten sie an und versteckten sich. Es ging etwas vor sich, doch ich konnte nicht sehen, was es war. Der Himmel über der Seite des Schlosses leuchtete rot auf.

Verdammt. Was immer es auch war, ich würde es spätestens morgen erfahren. Jetzt musste ich erst einmal meinem Clankameraden helfen.

Selbstsicher ging ich zum Eingang des Kellers. Die Tür, zu der ich hinuntergehen musste, war nicht verschlossen, und die Türangeln waren gut geölt. Ich öffnete sie einen Spalt, schlüpfte hinein und stand in einem schlecht beleuchteten Gang. Ich stieg eine Treppe hinunter und blickte vorsichtig um die Ecke. Von einem geraden Korridor führten Gänge in zwei Richtungen. Im linken Gang konnte ich niemanden entdecken, doch im rechten sah ich die Schatten zweier intelligenter Kreaturen.

Die Fackeln entlang des Ganges flackerten schwach und schwelten, sodass die Schatten der Wachen an den Wänden tanzten und der Raum im Halbdunkel lag. Nur die Fackel, die den Wachen am nächsten war, leuchtete etwas heller als die anderen. Dadurch und mithilfe meiner Fertigkeit Nachtsicht konnte ich erkennen, dass Crags Wachen bei einer geschlossenen Tür standen. Es waren Berstan der Bandit und der Eismagier Kara. Beide waren über Level 300 und besaßen zweifellos fortgeschrittene Kontrollfertigkeiten.

Ich hätte auf einen der beiden Lethargie wirken können, doch höchstwahrscheinlich würde die Fertigkeit wegen des Levelunterschieds keine Wirkung haben. Oder ich könnte so tun, als wäre ich ein Verbündeter, auf sie zugehen und Crag mit Tiefen-Teleportation fortbringen. Das war die einfachste Möglichkeit, und die einfachste Lösung war oft die beste.

Ich überprüfte meine Gesundheit: 100 %. Die Abklingzeit für Tiefen-Teleportation nach Kharinza war abgelaufen. Mein Profil zeigte den Waldelf Isanor, einen Level-346-Druiden vom Modus-Clan. Ich würde sie durch ein Gespräch ablenken und dann mit Crag verschwinden. Es würde weniger als eine Minute dauern.

Ich betrat den Korridor und bog nach rechts. Ich bewegte mich schnell, als ob ich es eilig hätte, ihnen etwas mitzuteilen. Als ich noch 20 Meter von ihnen entfernt war, rief Kara: ”Hast du etwas vergessen, Isa?”

„Yary will euch sehen”, antwortete ich. „Sofort! Ich werde die Wache übernehmen.”

„Hat das Bündnis beschlossen, uns anzugreifen?”, fragte Berstan der Bandit. „Verdammt, ich wusste es. Komm schon, Kara!”

Ich kam schnell näher. Noch fünf Meter bis zu Crags Zelle.

„Warte.” Der Magier hielt seinen Partner auf und grinste. Er streckte seine Hand mit der Handfläche nach vorn aus. Die Luft kondensierte und ein Froststrahl traf mich, sodass ich auf der Stelle gefror, doch ich konnte hören, wie Kara in sein Signalamulett sprach.

„He, Hinterleaf. Jemand hat gerade versucht, die Gefahr zu kidnappen. Es ist irgendein Noob, aber er ist merkwürdig. Nickname? Scyth ... Ja, direkt neben der Zelle der ‚Gefahr‘. Und weißt du was? Er sieht genauso aus wie Isanor! Verstanden. Wir warten.”

Die Stimme des Eismagiers Kara wurde immer leiser, bis ich nur noch unverständliches Gemurmel hören konnte. Zuerst dachte ich, es würde am Frost liegen, denn nicht nur mein Gehör, sondern auch mein Sehvermögen wurde schlechter. Alles um mich herum leuchtete auf, als ob jemand die Helligkeit und den Kontrast auf die höchste Stufe gestellt hätte, zerbrach in Stücke und verschwand.

Göttliche Offenbarung ist spontan aktiviert worden!

Das Herz schlug mir bis zum Hals. Ich erkannte, dass die Geschehnisse im Korridor auf eine passive Klassenfähigkeit zurückzuführen waren. Zurück am Eingang, blieb ich auf der Treppe zum Korridor stehen, wo die Stimmen der Wachen zu mir herübertönten.

Ich fragte mich, wogegen Göttliche Offenbarung eigentlich schützte. Das erste Mal war die Fähigkeit aktiviert worden, als ich fälschlicherweise angeklagt worden war, den von Axioms Mörder Atiyakari umgebrachten Trunkenbold Patrick ermordet zu haben. Richter Cannon hatte ein Gottesurteil über mich verhängt, das mein Charakter laut des Meuchelmörders und eines lügenden Zeugen nicht überleben würde.

Göttliche Offenbarung war zum zweiten Mal aktiviert worden, als Big Po mich infiziert und prophezeit hatte, dass der Tod meines Charakters endgültig sein würde. Danach hatte Snowstorm, Inc. vertuscht, was er getan hatte. Mehrere hundert Spieler waren infiziert und getötet worden und hatten ihre Charaktere verloren. Sie hatten umgehend eine Nachricht von den Entwicklern erhalten, in der sie beruhigt worden waren. Ich hatte die Informationen aus erster Hand erhalten: Viele Schulkameraden waren Opfer gewesen. Sie hatten zwar ihre Charaktere nicht zurückbekommen, doch sie waren für ihre Ausrüstung und Fortschritte entschädigt worden. Zauber mussten erneut gelevelt werden, aber die Vorteile, die sie erhielten, hatten die Nachteile ausgeglichen. Die Spieler erhielten sogar kurzfristige seelengebundene Artefakte, die ihre verdiente Erfahrung vervielfachten.

Und nun die dritte Aktivierung, als es schien, dass ich meinen Charakter verlieren würde. Wer hätte etwas durch Scyths Tod und die Eliminierung einer Gefahr zu verlieren? Die Erwachten und ich, natürlich, aber das war unerheblich. Snowstorm? Das Unternehmen hatte mich bisher immer unterstützt, doch es hatte nichts mit der Herold-Klasse und seinen Fertigkeiten zu tun. Das ergab sich aus der Beschreibung der Klasse und der Fähigkeit sowie den anonymen Nachrichten von jemandem aus dem Unternehmen.

Es blieb nur eine einzige Möglichkeit: die Schlafenden Götter. Alle außer Behemoth waren verkümmert und befanden sich in einem Koma. Ich war der Einzige, der ihm aus dem Alptraum befreien konnte, in dem er sich befand. Doch eine Frage blieb: Wer, zum Teufel, waren die Schlafenden Götter wirklich?

Diese Gedanken gingen mir durch den Kopf, doch es war nicht der richtige Zeitpunkt, um näher darüber nachzudenken. Fest stand, dass ich Crag nicht aus seiner Zelle herausholen konnte. Die helle Fackel neben den Wachen war ungewöhnlich. Es musste sich um eine Flamme der Wahrheit oder ein Artefakt mit ähnlicher Wirkung handeln, sonst hätte Kara meine Tarnung nicht durchschaut.

Ich war ratlos. Sollte ich die Wachen von der Fackel weglocken, zu Crags Zelle laufen und mit Tiefen-Teleportation verschwinden? Doch was, wenn die Zellentür verschlossen wäre und meine Fähigkeit Crag nicht herausziehen könnte? Was, wenn die Zelle mit einem Zauber belegt worden war, der Magie und Fähigkeiten blockierte?

Die Alarmglocke in meinem Inneren, die im Gästeraum des Rathauses von Darant leise zu läuten begonnen hatte, war nun zu einem dröhnenden, misstönenden Warnsignal geworden, das mich drängte, mich in Sicherheit zu bringen, solange ich die Chance dazu hatte. Die Stimme des feigen Alex Sheppard, der Konflikten aus dem Weg ging und seine Freundin aus der Kindheit durch die beliebtesten Hooligans in seiner Klasse ersetzt hatte, rief selbstsüchtig, dass die Alarmglocke recht hatte. Ich hatte an diesem Tag schon so oft Glück gehabt, dass es verrückt wäre, mein Glück noch einmal herauszufordern. Ich bezweifelte, dass Göttliche Offenbarung mich ein zweites Mal retten würde. Die spontane Fertigkeit hatte sicher eine lange Abklingzeit, die Tage oder sogar eine Woche andauern würde.

Verflixt. Die Worte von Crawler und Bomber unterstützten meine Zweifel. Beide hatten darauf bestanden, dass ich mich retten sollte, und sowohl Infect als auch Tissa stimmten ihnen zu. Ed hatte Dis kurz verlassen, um ihnen zu berichten, was passierte. Die Entwickler hatten die Kommunikation zwischen uns und der Sandbox abgeschnitten, sodass wir unsere Nachrichten nicht einmal im Clan-Chat sehen konnten.

Es war eine schwierige Situation. Ich wusste, was auf dem Spiel stand. Ich erinnerte mich, wie Tobias sich mir gegenüber verhalten hatte. Wie er den hart arbeitenden Nicht-Bürger Manny beinahe an die Stadtwachen ausgeliefert hatte, als der ein Glas Bier verschüttet hatte.

Doch es war mir egal. Ich hatte nichts für Feigheit übrig. Stattdessen setzte ich mich auf die Treppe und überlegte fieberhaft, wie ich mit dem verdammten Tobias „Crag” Asser entkommen könnte.

***

Als ich dumpfes Grollen und Kanonenfeuer von Belagerungswaffen hörte, sprang ich auf. Das gesamte Schloss wurde erschüttert und Staub fiel von der niedrigen Decke.

Ich lief hinaus auf die Straße. Der Boden unter meinen Füßen bewegte sich, und ein summendes Geräusch ertönte. Erst wurde es lauter und die Umgebung begann zu vibrieren. Dann wurde es leise. Eine durchsichtige Schutzkuppel hatte sich über das Schloss gelegt. Wie eine gigantische Fontäne schoss sie aus dem Mittelturm nach oben und ergoss sich in magischen Wasserfällen jenseits der Mauern um das Schloss herum. Durch die Materie des Portals waren die Sterne kaum zu erkennen, bis sie schließlich vollkommen verblassten.

So etwas hatte ich noch nie gesehen. Um die Kuppel herum prallten Kanonenkugeln, Pfeile, Blitze und Feuerbälle lautlos von ihr ab. Waren die von Modus zurückgelassenen Clans des Bündnisses gekommen, um sich zu rächen?

Ich nahm kaum wahr, dass meine Beine mich zum Haupteingang des Schlosses trugen. Dort hatten sich alle kämpfenden Mitglieder des Clans versammelt. Es waren mehrere Hundert Spieler und etwa die gleiche Anzahl von Tierbegleitern und Reittieren, von denen keiner unter Level 200 war.

Sie sahen zu ihrem Clan-Anführer. Hinterleaf trat aus der Gruppe der führenden Offiziere heraus und stieg auf ein Katapult. Er war als wohlhabender Erwachsener nach Dis gekommen, als die Gründer des Spiels noch am Leben gewesen waren und es noch weniger als eine Million Spieler gegeben hatte. Ein Jahr später war Modus gegründet worden.

Der schneeweiße Mantel des Illusionsmagiers schimmerte hell, als er das Wort ergriff. Seine magisch verstärkte Stimme donnerte aus allen Richtungen.

„Meine Waffenbrüder! Modus!”

„Modus!”, schrien die Spieler einstimmig zurück und erhoben ihre Fäuste.

„Die Zeit drängt. Jenseits der Mauern stehen nicht nur die Streitkräfte des Bündnisses, sondern auch ihre hinterhältigen Freunde.” Hinterleaf deutete auf die geschlossenen Tore. „Unsere Feinde teilen die Loot und unseren Besitz bereits unter sich auf. Euren Besitz!”

„Wir werden sie vernichten!”, rief ein Spieler aus den vorderen Reihen.

„Vielleicht”, entgegnete Hinterleaf. „Doch zum ersten Mal in der Geschichte unseres Clans weiß ich nicht, was wir tun sollen. Die Offiziere sind geteilter Meinung und ich habe beschlossen, dass ihr das Recht habt, zu wissen, was vor sich geht. Wie ihr alle wisst, hat das Bündnis gestern in Darant eine Gefahr der Klasse D ergriffen. Sie sollte wie vorgesehen jenseits der Grenze eliminiert werden. Ich hatte geplant, ein Portal zu öffnen, durch das ein Mitglied von jedem Clan des Bündnisses reisen sollte. Doch wir sind betrogen worden. Es ist schwer zu sagen, wer zuerst angegriffen hat, und es spielt auch keine Rolle mehr. Tatsache ist, dass wir am Sammelpunkt auf hinterhältige Weise angegriffen worden sind. Wenn es nur die Clans der Dunklen Seite gewesen wären …” Der Clan-Anführer lachte bitter. „Unsere Opposition gegen die Wanderer und die anderen Dunklen Clans hat eine zu lange und blutige Geschichte, um etwas anderes zu erwarten. Für einen solchen Ausgang hatten wir einen Plan B, doch dann haben uns unsere eigenen Verbündeten das Messer in den Rücken gestoßen, die Azurblauen Drachen, Excommunicado, die Kinder von Kratos …”

„Diese dummen reichen Gören?”, unterbrach ein Zentaur überrascht. Er nahm seinen Helm ab und kratzte sich am Hinterkopf. Ich fragte mich, warum jemand dieses Volk wählen würde. Sechs Gliedmaßen zu kontrollieren musste schwierig sein. „Was haben sie gegen uns?”

Die Mitglieder der Kinder von Kratos waren hauptsächlich reiche Jugendliche, die das Geld ihrer Eltern für Boosts und Ausrüstung ausgaben. Es war ein starker Clan mit einer langen Geschichte, eine Art von Eliteclub für Kinder von Bürgern der Kategorie C und höher. Sie spielten aus Spaß und nahmen selten an offenen Kämpfen mit gleichstarken Spielern teil, geschweige denn mit stärkeren.

Während ich nach einer Lösung suchte, hörte ich Hinterleaf weiter zu. Bald würde ein Kampf beginnen, und in dem Chaos würde ich eine Chance haben, Crag zu befreien.

„Also gut, ich komme zur Sache. Wir konnten nicht herausfinden, welches Potenzial die Gefahr hat. Der Junge gibt nicht auf und weigert sich zu reden. Wir wissen nur, dass er die jeweilige Gruppe, deren Mitglied er ist, erheblich stärkt. Versteht ihr? Aus naheliegenden Gründen können wir ihn nicht in unserem Clan aufnehmen, aber mit ihm als Partner könnten wir viel erreichen. Vielleicht könnten wir endlich ins Tal des geflügelten Schreckens vorstoßen oder sogar den Kontinent Meaz erreichen! Der Junge wird sicher einverstanden sein, denn dadurch wird er sein Potenzial weiter entwickeln. Wir werden ihm einen Anteil an der Loot und einen festgelegten Betrag für die Zeit anbieten, während der er online ist.”

Der Clan-Anführer von Modus schien nicht nur mich, sondern auch seine Clankameraden zu überraschen. Hinterleafs Ruf als verräterischer, grausamer, autoritärer Anführer entsprach nicht dem Charakter, den ich vor mir sah ... es sei denn, diese Demokratiespielchen waren Teil eines anderen Plans.

In dem Moment unterbrach Yary den Clan-Anführer. Der Ritter stellte sich neben Hinterleaf und nahm seinen seltsam geformten Helm ab, der eine Klinge an der Spitze hatte. Ein Schatten lief über Hinterleafs Gesicht. Vielleicht machte der alte Mann wirklich Platz. Das musste der Grund für den Konflikt mit seinen Offizieren sein, der als „Meinungsverschiedenheit” maskiert war.

„Ich glaube nicht, dass wir hier herauskommen, wenn die Spitzenclans uns auf den Fersen sind. Mitglieder von Modus, was unser hoch respektierter Clan-Anführer gesagt hat, ist eine Utopie. Sie werden uns solch einen Trick nie verzeihen, und die Eliminierung der Gefahr ebenso wenig. Es gibt einen Grund, warum wir Modus heißen: Wir schätzen Bündnisse, die die Interessen aller Beteiligten in Betracht ziehen. Auf diese Weise sind wir zu einem Spitzenclan geworden, indem wir Probleme nicht mit Waffen, sondern mit Worten gelöst haben. Wer ist dafür, die Abgesandten des Bündnissen hereinzulassen, um das Missverständnis aufzuklären und den Konflikt zu entschärfen?”

„Sie können den Schild der Gerechtigkeit nicht durchbrechen. Er regeneriert sich schneller als sie ihn beschädigen können. Selbst wenn sie die ganze Armee der Allianz hierherbringen würden, würden sie sich die Zähne ausbeißen!”, bellte Hinterleaf. „Wir werden unsere Truppen durch Söldner verstärken …”

„Blackberry, wie ist der Stand mit den Söldnern?”, unterbrach Yary und wandte sich an die Offiziere.

Die hochgewachsene Gestalt einer Elfe in Lederrüstung, die eine kurze Armbrust auf dem Rücken trug, trat aus der Gruppe heraus. Ihre langen Beine endeten in schwarzen, geflügelten Stiefeln.

„Alle Söldner über Level 300 waren heute Morgen beschäftigt”, antwortete die Frau mit lauter Stimme. Sie schwebte einige Meter über dem Boden, sodass alle sie sehen konnten. „Sie haben den Kunden nicht preisgegeben, doch es handelt sich wahrscheinlich um die Wanderer.”

„Seht ihr?”, rief Hinterleaf triumphierend, obwohl die neuen Informationen seinen Worten widersprachen. Er war offensichtlich mehr daran interessiert, die Auseinandersetzung mit seinen Offizieren um die Mehrheit der Stimmen zu gewinnen, als den Konflikt mit dem Bündnis zu lösen. „Die Clans der Dunklen Seite haben schon vor langer Zeit beschlossen, uns zu hintergehen. Und nun ist einer von uns bereit, einen Kompromiss einzugehen? Uns zu unterwerfen und ihnen die Gefahr auf einem silbernen Tablett zu präsentieren?”

„Das ist eine Übertreibung”, wehrte Yary sich. „Du bist unser Anführer, Hinterleaf. Wir akzeptieren deine Entscheidung, das weißt du. Aber ich bitte dich, vernünftig zu sein! Wir können uns nicht in diesem Schloss verschanzen und uns vor der Welt verstecken. Wir haben bereits Berichte erhalten, dass unsere Minen und Plantagen angegriffen werden. Unser neues Schloss an der Grenze wird belagert, und es verfügt nicht über das Artefakt Schild der Gerechtigkeit. Wir erleiden Verluste, bevor der Kampf begonnen hat! Kein Clan hat je gegen alle anderen gewonnen, und das ist genau der Kampf, in den du uns führen willst.”

Hinterleaf biss sich auf die Unterlippe, als ob er überlegen würde, was er sagen sollte. Dann atmete er tief ein und sprach mit düsterer Stimme: „Du hast keine Ahnung, was du ablehnt. Zum Teufel damit! Genug der Worte, wir müssen eine Entscheidung treffen. Wer ist dafür, dass wir die Gefahr für uns behalten, egal, was wir mit ihr tun?”

Er warf einen finsteren Blick über die Mitglieder von Modus. Nicht ein Spieler erhob die Hand. Der Anführer nickte angewidert.

„Zum Nether mit euch, ihr Schwächlinge. Ruft die Gesandten herein, einer von jedem Clan des Bündnisses.”

Nachdem die Vertreter der Clans eingetroffen waren, liefen zwei Kampfgestirne zum Keller, wo Crag festgehalten wurde. Die Gesandten verlangten, ihn zu sehen, um sicherzustellen, dass er noch am Leben war.

Ich schickte Tobias eine Nachricht, in der ich ihn bat, auf niemanden zu hören, und versprach ihm, dass wir bald von hier verschwinden würden. Damit wollte ich verhindern, dass er das Gefühl bekam, alles wäre vorbei, und möglicherweise die Seiten wechseln würde.

Inzwischen gingen die Soldaten von Modus in Verteidigungsstellung, um bereit zu sein, falls die Belagerer überraschend angreifen würden. Obwohl sie diszipliniert und aufmerksam waren, gelang es mir, mich im Schutz der Dunkelheit näher an die Stelle heranzuschleichen, zu der sie Crag bringen wollten.

Zuerst verschwand die Schutzkuppel. Dann öffneten sich die Tore, um die Gesandten hereinzulassen. Sie saßen auf geflügelten Reittieren und hätten über den Schlossgraben und die Mauern fliegen können, doch sie kamen über die Brücke: Glyph auf einem Geflügelten Tiger, Horvac auf einem Geisterdrachen, der Colonel auf einem Brennenden Phönix und die Vertreter der übrigen Clans des Bündnisses. Die legendären Ausrüstungsteile der Spieler strahlten im Dunkeln. Sie mussten zusammen mindestens eine Milliarde Gold wert sein.

Crags Markierung erschien auf der Minikarte. Mir blieben nur noch Sekunden.

Zwar würden sie ihn nicht weit von mir vorbeibringen, doch ich bewegte mich weiter vorwärts, um möglichst nahe an ihn heranzukommen. Zehn Meter … sieben Meter … fünf Meter … Verdammt! Sie hatten die Richtung geändert und bewegten sich nun von mir weg. Ich schob mich durch die Menge der Spieler, um den Abstand aufzuholen. Als ich eine Lücke entdeckte, zwängte ich mich hindurch, ohne auf die ärgerlichen Rufe und stoßenden Ellbogen zu achten.

Ein Spieler wurde besonders ärgerlich und stellte mir ein Bein. Ich fiel aufs Gesicht und meine Sicht verschwamm. Fluchend kroch ich auf allen vieren weiter. Um mich herum war eine Palisade aus Beinen. Ich stieß mit dem Kopf gegen Knie und Waden und verlor die Orientierung.

Das Symbol von Tiefen-Teleportation leuchtete auf, die Fertigkeit wurde aktiv, doch ich hatte keine Zeit, sie zu aktivieren, denn die Menge der Spieler bewegte sich erneut. Doch Crag hielt an, als ob er etwas wahrgenommen hätte. Ich senkte den Kopf und nahm Horvacs Gestalt an, der gerade ins Schloss ritt. Die Spieler wichen vor den Gesandten zurück.

Ich sprang auf, machte einen Schritt vorwärts, noch einen … und aktivierte Tiefen-Teleportation. Drei Herzschläge später erschienen wir am Eingang des Tempels der Schlafenden Götter auf Kharinza.

Im Inneren materialisierte die Gestalt von Behemoth. Ich nickte der Gottheit zu und sah zu Crag hinüber. Er hatte sich auf den Boden gesetzt und die Hände auf die Knie fallen lassen. Er hatte ein breites Grinsen auf dem Gesicht. Ich hockte mich neben ihn.

Wir haben es geschafft! Wir sind am Tempel!, schrieb ich den anderen. Gleich darauf teleportierten Crawler und Bomber einige Meter von uns entfernt. Trixie, Manny und Gyula rannten auf uns zu und winkten zur Begrüßung. Der kleine Mann hatte Mühe, Schritt zu halten, während er mir etwas zurief.

„Wo zum Teufel sind wir?”, fragte Crag.

„Willkommen im zukünftigen Fort des Clans der Erwachten”, erklärte Crawler triumphierend.

„Wir sind zu Hause, Toby”, flüsterte ich und ließ mich auf den Rücken fallen. Unzählige Sterne funkelten am Himmel und feierten das Ende einer wichtigen Quest. „Wir sind zu Hause.”



[1] Ein NPC oder Nicht-Spieler-Charakter wird nicht von einem Spieler, sondern von einem Programm oder künstlicher Intelligenz gesteuert.

[2] Die Goliathe sind ein Volk gigantischer, intelligenter, menschenähnlicher Kreaturen, die in Stämmen in der Natur leben (hauptsächlich in Gebirgen). Der Name des Volkes leitet sich vom biblischen Mythos von David und Goliath ab.


No comments :

Post a Comment