Monday, December 10, 2018

Hart am Wind von Michael Atamanov




Kräutersammler der Finsternis Buch 2
Hart am Wind
von Michael Atamanov



Vorbestellung: Amazon, Google Play, iTunes, Kobo
Veröffentlichung am 10. März 2019


1. Der Schluss einer langen Geschichte

„GIB ES ZU, AMRA. Die lange Suche ist umsonst gewesen. Es gibt keine Spur von ihnen!”, sagte die zarte Waldnymphe. In ihrem dünnen Kleid saß sie auf dem Stamm eines umgestürzten Baums und gähnte herzhaft, sodass ihre scharfen, raubtierhaften Zähne sichtbar wurden.
Meine Schwester hatte die ganze Nacht kein Auge zugetan und war offensichtlich völlig übermüdet. Und der Grund, warum sie in dieser Herrgottsfrühe wach war, waren nicht das Licht oder die Morgendämmerung, sondern ich. Valeria hatte ihre Missbilligung deutlich zum Ausdruck gebracht und sich für einige Zeit geweigert, ins Spiel zu kommen, doch die Gefahr, dass einige der vielen Mörder, die hinter mir her waren, beim Verfluchten Haus auftauchen könnten, war sehr real, darum hatte Val sich schließlich entschuldigt und eingewilligt, mit dem Rest unserer Gruppe weiterzuspielen.





Max Sochnier, den ich auf seinem Handy angerufen hatte, hatte versprochen, so schnell wie möglich zur Arbeit zu kommen und uns in der Nähe von Steinhang zu treffen. Auch Leon hatte mich nach kurzem Überlegen gebeten, nicht ohne ihn zu gehen. Ich verstand genau, wie schwierig diese Entscheidung für den früheren Bauarbeiter gewesen sein musste. Auf der einen Seite war da das halb zerstörte Dorf Tysh, wo es für seinen Charakter, einen Oger-Festungsbaumeister, genug Arbeit gab, um ihn für einen vollen Monat zu beschäftigen. Er würde regelmäßig Missionen erhalten, könnte Erfahrung sammeln und seine Levels erhöhen. Auf der anderen Seite hatten wir ihn gebeten, sich unserer Gruppe anzuschließen. Das würde bedeuten, vor gedungenen Mördern zu fliehen, ständig in Gefahr zu sein und sich verstecken zu müssen. Leon hatte sich entschieden, bei seinen Freunden zu bleiben, was ich ihm hoch anrechnete. Mittlerweile musste er das Gebäude des Unternehmens von Reich ohne Grenzen bereits erreicht haben und würde das Spiel jeden Augenblick betreten. Danach würden wir alle um unser Leben rennen müssen, bis wir Steinhang erreicht hatten.
Mit dem lahmenden Akella an ihrer Seite kam Taisha zu mir herüber. Sie hatte sich eng in meinen Mantel eingehüllt. Als Antwort auf meinen fragenden Blick sah die wunderschöne, grünhäutige Goblinfrau zu Boden und schüttelte den Kopf.
„Ich konnte nichts herausfinden. Ich bin um die Palisade von Steinhang herumgegangen und habe die Tore einige Male überprüft, doch die Frau war nirgends zu sehen. Außerdem habe ich mir die Spuren noch einmal angesehen, die die Landarbeiter hinterlassen haben. Keine davon gehörte zu ihr. Die Flüchtige muss das Dorf vor einigen Tagen verlassen haben. Ich habe Tamina Grimmigs Kinder noch einmal auf Lobo und Wolfsblut losgeschickt, um auf der Straße von Steinhang nach Tysh in entgegengesetzter Richtung Ausschau nach ihr zu halten, doch die Chancen, sie zu finden, stehen schlecht. Wir haben dort schon ein paarmal nachgesehen ...”
Ich schlug nach einer lästigen Level-4-Fliege, die um meinen Kopf herumschwirrte. Unser Najadenhändler hatte nicht übertrieben. In der Nähe des Flusses gab es Fliegen, die so groß wie eine Faust waren. Erschöpft setzte ich mich neben meine Schwester auf den umgestürzten Baumstamm. Taisha fand einen Platz neben mir.
Es war kurz vor Tagesanbruch. Im Osten verfärbte sich der Himmel langsam rosa, doch heute musste ich den Sonnenaufgang nicht fürchten, denn ich konnte bereits viele dicke Regenwolken sehen, die wie dunkle, zerrissene Lumpen am Himmel aufzogen. Es würde wahrscheinlich jeden Augenblick anfangen zu regnen und dann würde unsere Suche nach der dunkelhaarigen, jungen Frau zwecklos werden. Der Regen würde alle verbliebenen Fußspuren fortspülen und die Wölfe des grauen Rudels würden ihre Fährte nicht mehr aufnehmen können. Ich musste befürchten, die seltene Quest „Die Vergangenheit des grauen Rudels” nicht abschließen zu können. Dabei hatte ich große Pläne, die alle vom Abschluss der Mission abhingen, denn als Belohnung würde ich die Fähigkeit erhalten, dem grauen Rudel wilde, schnellfüßige Wargs hinzuzufügen. Das war sehr verlockend!
Ich seufzte schwer, als ich den bunten Haarreif, den ich in der Höhle der Wargs gefunden hatte, aus meinem Inventar nahm und ihn in den Händen drehte. Es war ein ganz gewöhnlicher Haarreif, den Mädchen und Frauen trugen, um ihr Haar zurückzuhalten, doch als ich ihn gefunden hatte, war die nächste Mission in der Kettenquest des grauen Rudels ausgelöst worden. Wir konnten uns diese Mission nicht entgehen lassen, die flüchtige Frau durfte uns nicht entkommen! Ich hoffte inständig, dass wir noch eine Chance hatten. Wenn nicht, wäre die ganze Kettenquest vermasselt und das wäre eine Katastrophe. Ärgerlich schlug ich mir mit der flachen Hand gegen die Stirn und zerquetschte dabei eine unverschämte Fliege, die dort gelandet war.

Zugefügter Schaden: 18 (Schlag)
Erhaltene Erfahrung: 4 EP
Erhaltener Gegenstand: Tote Fliege (Köder)
Dein Charakter besitzt nicht die notwendige Fertigkeit, um diesen Gegenstand zu benutzen.
Erforderliche Fertigkeit: Fischen (Wah, Bew), Level 3
Ich schnippte die Fliege weg, denn sie war nutzlos für mich. Dann rief ich wütend aus: „Eine schwangere Frau löst sich nicht einfach in Luft auf, besonders wenn sie ihre Nichte und ihren Neffen bei sich hat! Es muss einen Grund geben, warum sie plötzlich geflohen ist, nachdem sie sich so lange in Steinhang aufgehalten hat. Es muss anstrengend für sie sein, lange Strecken zu laufen! Verdammt noch mal, diese Fliegen machen mich verrückt!”
Tatsächlich war ein ganzer Schwarm summender Insekten aufgetaucht, nachdem ich die Fliege getötet hatte, und kreiste nun mit bösartigem Surren über unseren Köpfen. Valerianna Schnellfuß schüttelte kurz ihre rechte Faust und ihre Hornissengefährten flogen los, um uns zu helfen. In wenigen Sekunden hatten sie den lästigen Blutsaugern den Garaus gemacht.
Als Taisha die gefährlichen, riesengroßen Hornissen gesehen hatte, hatte sie sich niedergekauert und ihren Kopf mit dem Mantel bedeckt, doch ich pfiff anerkennend. Es waren mindestens 10 schwarze, braungelbe und orangerote Hornissen, von denen einige bereits Level 16 erreicht hatten. Wenn sie auf Level 20 waren, konnte die Bestienmeisterin nützliche Zusatzfähigkeiten für sie wählen.
Wie ich meine Schwester kannte, hatte Valerianna Schnellfuß sich bereits einen detaillierten Plan zur Entwicklung ihrer Tierbegleiter überlegt und alle Stärken und Schwächen in Betracht gezogen. Angesichts der verschiedenen Hornissenarten war klar, dass die Waldnymphe ihren Schwarm nicht wahllos zusammengestellt hatte. Meine Schwester fühlte sich durch die Aufmerksamkeit, die die verschiedenfarbigen Schönheiten erregten, offenbar geschmeichelt. Kurz darauf schickte sie ihre fliegenden Tiergefährten fort und setzte zu einer Antwort an.
„Es ist nicht schwer, zu erraten, warum die Frau weggelaufen ist. In den letzten Tagen sind 11 ihrer Freunde getötet worden. Wahrscheinlich wusste sie, dass sie Wargs waren. Sie selbst ist vielleicht kein Warg, doch sie hatte trotzdem Angst um ihr Leben. Wir könnten uns aber auch irren, Tim. Vielleicht hat die junge Frau überhaupt nichts mit der ganzen Sache zu tun. Vielleicht war es nur ein Zufall, dass sie den Bauernhof zur gleichen Zeit verlassen hat. Wie dem auch sei, wir sollten so schnell wie möglich eine Entscheidung treffen. Wir können uns nicht viel länger in der Nähe von Steinhang aufhalten. Wenn die Sonne aufgeht, machen sich die Mörder wieder auf den Weg, um dich zu finden. Meiner Meinung nach sollten wir die Suche abbrechen und diese Gegend schleunigst verlassen.”
Plötzlich verstummte Valerianna und wurde nervös, als sie einen barfüßigen, grauhaarigen, alten Mann entdeckte, der mit einer dunklen Chlamys bekleidet war und aus dem Dorf auf uns zukam. Einen Augenblick später atmete sie jedoch erleichtert auf. Offenbar kannte sie diesen alten Mann und er stellte keine Bedrohung für uns dar. Schnell las ich mir seine Informationen durch.

Umar Knochenrichter
Menschlicher Level-45-Hexendoktor
Es musste sich um den Doktor aus Steinhang handeln, den die Waldnymphe an unserem zweiten Tag im Spiel getroffen hatte. Sie hatte mir mehrmals von ihm erzählt. Der grauhaarige Mann nickte meiner Schwester kurz zu, als würde er eine alte Freundin begrüßen, und hielt dann neben mir an. Er betrachtete mich von Kopf bis Fuß, bevor er gutmütig lachte.
„Du musst der segelohrige Goblin-Kräutersammler sein, der in das Verfluchte Haus eingezogen ist. Ich warte schon seit einiger Zeit auf deine Pflanzenlieferungen! Du bist spät dran.”
Wenn der alte Mann gedacht hatte, er könnte mich mit seinen Worten in Verlegenheit bringen, hatte er sich getäuscht. Es war das erste Mal, dass ich ihn traf, und ich war nicht verpflichtet, ihm Pflanzen zu verkaufen, darum fühlte ich mich kein bisschen schuldig. Außerdem hatte ich noch nicht einmal genug Pflanzen für mich selbst, um meine Fertigkeit Alchemie zu praktizieren. Der Hexendoktor würde also einen Fehler machen, wenn er sich auf mich verließ.
Aber er wartete nicht einmal auf meine Antwort, sondern lenkte seine Aufmerksamkeit auf Taisha. Meine Gefährtin wurde unter seinem strengen Blick verlegen, senkte den Kopf und wickelte sich noch fester in den Mantel, um ihre dünne Diebeskleidung zu verhüllen, die immer noch an mehreren Stellen Brandlöcher aufwies.
„Zu meiner Zeit hätten sich die Frauen geschämt, so herumzulaufen”, sagte der alte Mann vorwurfsvoll und schüttelte den Kopf. „Du hast Erlaubnis, das Dorf zu betreten. Die Wachen am Tor kennen dich und werden dich durchlassen. Das zweite Haus auf der rechten Seite gehört mir. Im Regal beim Eingang findest du Nadel und Faden, um deine armselige Kleidung zu flicken.”
Taisha drehte sich zu mir. Nachdem ich zustimmend genickt hatte, sprang sie auf und machte sich auf den Weg zum Dorf. Gleich darauf ließ sich der alte Hexendoktor stöhnend neben mir auf dem Baumstamm nieder. Er beugte sich hinunter und kraulte Pirat hinter dem Ohr. Er hatte nicht die geringste Angst vor dem Level-17-Waldwolf, der zu Valerianna Schnellfuß‘ Füßen döste. Die mangelnde Vorsicht des Hexendoktors erstaunte mich. Der Tiergefährte meiner Schwester war schließlich ein wildes Raubtier und der alte Mann konnte nicht wissen, wie der Wolf reagieren würde, wenn er berührt wurde. Pirat zuckte jedoch nur schläfrig mit dem Ohr, als ob er eine Fliege verscheuchen wollte, und döste weiter. In dem Augenblick erhielt ich eine persönliche Nachricht von Shrekson.
„Leon und ich haben gerade das Spiel betreten und sind schon auf dem Weg zu euch. Wir laufen so schnell wie möglich, aber wir brauchen trotzdem 1 Stunde bis Steinhang. Wartet auf uns.”
Ich hatte also noch 1 Stunde Zeit, um die Spur der flüchtigen Frau zu finden. Bis dahin würde auch die Sonne aufgegangen sein und wir würden uns so weit wie möglich von Steinhang entfernen müssen. Die Wahrscheinlichkeit, auf einen hochleveligen Feind zu treffen, erhöhte sich von Minute zu Minute. Außerdem würden die Bewohner des Menschendorfs bald aufwachen und uns neugierig beobachten, sodass es für die Wölfe des grauen Rudels unmöglich sein würde, effektiv zu arbeiten.
Als ob er meine Gedanken gelesen hätte, brummte der Hexendoktor: „Wenn ich es recht bedenke, ist diese ganze Angelegenheit ziemlich merkwürdig: Eine Gruppe von Goblins mit einem Rudel Wölfe und einer gefährlichen Mavka kommen zu unserem Menschendorf, kriechen überall herum und versuchen, etwas oder jemandem auf die Spur zu kommen. Man könnte misstrauisch werden und eure Absichten infrage stellen. Vielleicht sollte ich einen Läufer zur Garnison schicken und um mehr Wachen bitten ...”
Alarmiert drehte ich mich zu dem alten Mann, doch er grinste und konnte kaum ein Lachen zurückhalten.
„Ich mache nur Spaß, Dummkopf”, versicherte der Hexendoktor mir eilig. „Die Mavka hat mir gestern erzählt, wen ihr sucht. Du hast noch kein Wort gesagt, Amra, ich wollte nur ein Gespräch beginnen.”
„Wir suchen Landarbeiterin, die von weit entferntem Bauernhof weggelaufen. Viele Arbeiter weggelaufen. Bauer versteht nicht, warum und wohin gelaufen”, erklärte ich, wobei ich meine Sprache absichtlich verdrehte.
Der alte Mann strahlte, doch er schüttelte vorwurfvoll den Kopf. „Goblin, du bist ein schlechter Lügner ... Der habgierige Bauer Kariz würde niemals nach vermissten Arbeitern suchen, besonders nicht kurz vor Ende der Saison, wenn er Lohn bezahlen muss. Für ihn ist das Verschwinden der Landarbeiter von Vorteil – es bedeutet, dass er mehr Münzen in seiner Tasche behalten kann.”
Nachdenklich betrachtete ich den Mann, dessen faltiges Gesicht von einem langen Leben zeugte. Dann beschloss ich, ihm die ganze Wahrheit zu erzählen und nichts zu verheimlichen. Ich sprach sogar ohne meinen verdrehten „Goblinakzent”, damit er mich gut verstehen konnte. Umar Knochenrichter hörte meiner Geschichte vom Töten der Wargs und der Entdeckung ihrer Höhle aufmerksam zu, ohne mich zu unterbrechen.
Als ich bei dem Haarreif und meinen Vermutungen in Bezug auf die flüchtige, dunkelhaarige Frau angelangt war, sagte der Hexendoktor gedankenverloren: „Die Frau, nach der du suchst, heißt Belle. Vom ersten Tag an habe ich gewusst, dass sie keine einfache Dorfbewohnerin ist. Sie ist nicht sehr groß und hat kurzes Haar. Vor 5 Monaten tauchte sie plötzlich im Dorf auf. Der Bauer Kariz hatte die Gruppe von Landarbeitern im Frühling eingestellt, um die Saat auszubringen, und bat mich, sie zu untersuchen. Sie war sehr dünn, erschöpft und sah unwohl aus, als ob sie krank wäre. Ihr kurzes Haar machte die Leute misstrauisch. Welche Frau würde sich einfach ihre Zöpfe abschneiden? Es trübte ihre weibliche Schönheit! Der einzige Grund, den ich mir vorstellen konnte, war Typhus oder eine andere Krankheit.”
Der alte Mann verstummte für eine Weile, als ob er versuchte, sich zu erinnern. Dann fuhr er merklich leiser fort: „Zu der Zeit konnte man Belles Bauch noch nicht sehen. Keiner wusste, dass sie ein Kind erwartete. Doch während der Untersuchung erzählte sie mir die ganze Geschichte. Sie war vor schwerer körperlicher Arbeit, Streitereien und Demütigungen geflohen. Am schlimmsten waren die täglichen unerwünschten Annäherungsversuche ihres früheren Dienstherrn gewesen. Sie konnte nicht einmal einen Spaziergang machen, ohne von ihm bedrängt zu werden. Die Frau des Dienstherrn hatte ihr die Haare abgeschnitten, um zu verhindern, dass Belle ihr den Mann wegnahm. Sie tat mir leid, darum sagte ich Kariz nichts von ihrer Schwangerschaft, sonst hätte er sie fortgeschickt.”
„Wie hast du erkannt, dass sie ungewöhnlich war?”, fragte die Waldnymphe. „Für mich hört sie sich an wie ein typisches malträtiertes Mädchen vom Dorf, dem das Leben schlechte Karten ausgeteilt hat.”
Auf einmal sah der alte Mann verlegen aus und hüstelte. Als er fortfuhr, war seine Stimme kaum noch zu hören. „Alle Frauen bitten den Hexendoktor um Hilfe, wenn es um eine Geburt geht: Heilelixiere, Kräuter, Schmerzmittel und Ähnliches. Die Rezeptur für eine Entbindung ist seit Anbeginn der Zeit bekannt, sie ist immer die gleiche. Zuerst ein Absud aus Wiesenheide, sodass sich der Samen einnistet und sich mit dem Kopf nach unten dreht, wenn die Zeit gekommen ist. Dann ein Trank aus Wildhonig, weißer Kamille und Johanniskraut, um der Frau Stärke für die Geburt zu geben. Frauen müssen viel verkraften, um ein Kind zu gebären, und ich kann alle Rezepturen zubereiten. Belle hat mich jedoch um völlig andere Dinge gebeten: Wolfs-Eisenhut, rote Alraune und einen starken Schlaftrunk, der einen Bergtitanen umgehauen hätte. Ich fragte mich, woher eine arme Dorfbewohnerin wie sie das Geld für diese teuren Elixiere hatte. Es passte nicht zu ihrer Geschichte. Ich weiß nicht, warum sie einen Schlaftrunk benötigte, aber Wolfs-Eisenhut ist nicht nur für seine betäubende Wirkung bekannt, sondern hält Formwandler auch davon ab, ihre Gestalt zu wechseln. In dem Moment wurde mir klar, dass etwas nicht stimmte. Ich ließ die junge Frau nicht mehr aus den Augen, doch ich verriet den Dorfbewohnern trotzdem nichts über Belle, denn sie hat sich unauffällig benommen. Der Wolfs-Eisenhut musste bedeuten, dass sie sich selbst bei Vollmond nicht in eine Bestie verwandeln wollte. Die Geburt ihres Kindes kam jedoch unweigerlich näher und vor den Geburtshelferinnen hätte sie die Wahrheit nicht verbergen können, darum ist Belle mit ihrer Nichte und ihrem Neffen geflohen.”
Der alte Mann verfiel in Schweigen und hatte Tränen in seinen kreideweißen Augen, als er zum Wald hinüberblickte, der aus dem Nebel auftauchte. Ich fragte den Hexendoktor, wann er die flüchtige Frau zuletzt gesehen hatte.

Die Prüfung von Umar Knochenrichters Reaktion dir gegenüber war negativ.
„Hör zu, Winzling”, erwiderte der Hexendoktor des Dorfs ärgerlich, „wenn du keine Pflanzen für mich sammeln willst, kannst du auch keine Hilfe von mir erwarten. Für einen jungen Kerl wie dich ist es ganz einfach. Du kannst dir alles, was du brauchst, im Handumdrehen besorgen. Aber mit meinen steifen Beinen ist es sehr beschwerlich, durch den Sumpf zu waten und Brombeeren und Johannisbeeren zu sammeln ...“

Erhaltene Mission: Pflanzen für den Hexendoktor 1/3
Missionskategorie: Klassenbasiert, Training
Beschreibung: Je 5 Bündel Sumpf-Johannisbeeren, Sumpf-Brombeeren und Sumpf-Zinnkraut für Umar Knochenrichter sammeln.
Belohnung: 160 EP, Fertigkeit Kräuterkunde + 1
Das war also der beste Weg für mich, in Kräuterkunde zu leveln! Statt nachts durch den gefährlichen Wald zu wandern, jedes Mal, wenn Büsche raschelten, vor Angst zu zittern, und mich ständig vor der Begegnung mit einem blutrünstigen Monster zu fürchten, hätte ich einfach zu dem Hexendoktor gehen und mit Trainingsquests leveln können. Doch wenn mein Goblin früher in das Menschendorf gegangen wäre, hätte man ihn wegen seines niedrigen Charismas und der Strafe von – 20 auf Beziehungen zu Menschen höchstwahrscheinlich sofort zum Respawnen geschickt. Außerdem hätte ich das Dorf nicht während des Tages besuchen können, und nachts schliefen die Leute, sodass Steinhangs Tore geschlossen gewesen wären!
Ich sah mir mein Inventar an. Es enthielt genügend Pflanzen, um die erste Mission des Hexendoktors umgehend abzuschließen, doch mir fehlten nur noch einige Pflanzen, um mit Kräuterkunde Level 7 zu erreichen, darum wäre es dumm gewesen, den geschenkten Levelaufstieg zu verschwenden. Ich hatte noch genug Zeit, bis der Oger und der Najadenmann eintreffen würden, darum erkundigte ich mich bei dem alten Mann, wie ich den nächsten Sumpf erreichen könnte, und machte mich dann auf den Weg dorthin. Er war nicht sehr weit entfernt und die Mission war einfach. Die Pflanzen, um die er mich gebeten hatte, wuchsen dicht an dicht und 20 Minuten später kam ich mit meiner Kräuterkunde auf Level 7 wieder zurück.
Umar Knochenrichter saß immer noch auf dem Baumstamm und unterhielt sich friedlich mit der Waldnymphe. Ich übergab dem alten Mann schweigend die von ihm gewünschten Pflanzen.

Die Mission „Pflanzen für den Hexendoktor 1/3” ist abgeschlossen.
Verdiente Belohnung: 160 EP
Du hast mit der Fertigkeit Kräuterkunde Level 8 erreicht!
„Danke! Wo warst du denn so lange?”, rief der alte Mann erfreut aus. Er stopfte die Kräuterbündel in seinen schmutzigen, zerknitterten Sack. „Also gut, ich beantworte deine Frage wie versprochen. Zum letzten Mal habe ich Belle an dem Tag gesehen, als die Unsterblichen in Scharen in unser Dorf gekommen sind. Ich glaube, es war um die Mittagszeit, aber ich kann mich nicht genau entsinnen. Sie war am Bootssteg und holte in Eimern aus Birkenrinde Wasser vom Fluss.”
Ich hatte das Gefühl, als ob über meinem Kopf eine Glühbirne aufleuchten würde. Das war es! Der Fluss. Boote. Warum waren wir nicht eher darauf gekommen?! Ich bemerkte, dass die Waldnymphe mir einen durchdringenden Blick zuwarf, der mir verriet, dass sie gerade das Gleiche dachte. Doch kurz darauf erstarrte sie und sah enttäuscht aus. Ich erhielt eine persönliche Nachricht.
„Irgendwie stimmt etwas mit dem Zeitablauf nicht. Wenn Umar die Wahrheit gesagt hat, muss Belle aus Steinhang weggelaufen sein, BEVOR wir die ersten Wargs getötet haben. Der Tod der Formwandler kann also nicht der Grund für ihre Angst gewesen sein, denn sie war bereits weg.”
Ich antwortete meiner Schwester ebenfalls in einer persönlichen Nachricht: „Offenbar wusste sie nichts vom Tod der 11 Wargs, doch sie ist trotzdem geflohen. Der Geburtstermin muss kurz bevorgestanden haben und sie befürchtete wohl, entdeckt zu werden. Vielleicht hat sie das Dorf auch später verlassen und der alte Mann hat sie einfach einige Tage nicht gesehen. Der Weg auf dem Fluss war die beste Lösung für sie. Wir haben nicht eine einzige Fußspur an Land gefunden und ein Boot wäre der einfachste Weg für eine schwangere Frau, aus dem Dorf herauszukommen.”
„Ist in letzter Zeit ein Boot aus dem Dorf verschwunden?”, wandte ich mich direkt an Umar Knochenrichter. Er reagierte abermals mit einem erzürnten Gesichtsausdruck und ich erhielt eine zweite Quest von dem Hexendoktor, die meine Hauptfertigkeit erforderte.

Erhaltene Mission: Pflanzen für den Hexendoktor 2/3
Missionskategorie: Klassenbasiert, Training
Beschreibung: Je 10 Bündel Berglilien, Gemeine Stechpalme, Feld-Johanniskraut und Feuermohn für Umar Knochenrichter sammeln.
Belohnung: 320 EP, Fertigkeit Kräuterkunde + 1
Als ich die Beschreibung der Quest las, stockte ich für einen Moment. Während der letzten Tage im Spiel hatte ich noch keine dieser Pflanzen gesehen. Genauer gesagt hatte ich außer Feuermohn noch nie eine dieser Pflanzen gesehen. Natürlich fragte ich den alten Hexendoktor, wo sie zu finden waren, doch seine Antwort gefiel mir überhaupt nicht.
„Als Goblin solltest du das besser wissen als ich. Soweit mir bekannt ist, wachsen ganze Felder des Mohns in der Nähe von Tysh, irgendwo jenseits des Friedhofs der brennenden Skelette.”
Das war viel zu weit entfernt von hier, selbst wenn ich mit dem grauen Rudel reiten würde. Der Weg nach Tysh und zurück würde mich zu viel Zeit kosten. Ich dachte kurz nach und beschloss dann, dem alten Hexendoktor einen anderen Vorschlag zu machen. Es war auf alle Fälle einen Versuch wert.
„Hör zu, Umar Knochenrichter. Die Pflanzen, die du haben willst, wachsen zwar nicht direkt vor deiner Haustür, doch sie kommen recht häufig vor. Sie sind in den umliegenden Wäldern weit verbreitet, du kannst sie leicht finden oder jemanden schicken, um sie zu besorgen. Ich möchte dir den wahren Reichtum eines Kräutersammlers anbieten. Im ersten Stock des Verfluchten Hauses hängen hunderte der seltensten Pflanzen zum Trocknen an der Decke: Weißlilien, haarige Johannisbeeren, Goblinbeeren, Wolfs-Eisenhut und bunte Alraunen. Neben der Treppe führt ein Weg in ein Gewölbe mit einem kleinen, unterirdischen Bach. Dort unten gibt es rote Stinkpilze, Höhlenmorcheln, schwarzes Moos und viele andere Pflanzen, die du an der Oberfläche nicht finden kannst. Lass uns ein Geschäft machen: Diese Reichtümer gehören dir, wenn ich nicht im Regen auf der nassen Straße nach Tysh gehen muss.”
Ich wusste, dass der Hexendoktor mein Angebot sehr interessant fand, denn seine Hände zitterten vor Aufregung. Doch er war immer noch unschlüssig.
„Ich soll zum Verfluchten Haus gehen? Komm schon, Amra ... Du bist unsterblich, du hast nichts zu verlieren. Was ist, wenn mich das Monster, das dort lebt, bei lebendigem Leib auffrisst?”
„Mach dir darüber keine Sorgen, alter Mann. Letzte Nacht habe ich die Kreatur, die die Hausbewohner immer getötet hat, zur Strecke gebracht. Sie hieß ‚Mitternachtsgespenst‘. Jetzt gibt es dort keine Gefahr mehr.”

Die Prüfung von Umar Knochenrichters Reaktion dir gegenüber war positiv.
Verdiente Erfahrung: 40 EP
Du hast mit der Fertigkeit Handel Level 12 erreicht!
„Ich hoffe, du sprichst die Wahrheit, Segelohr ...”, brummte der alte Mann und versuchte vergeblich, seine Freude und Ungeduld zu verbergen. „Also gut, ich bin mit dem Handel einverstanden.”

Die Mission „Pflanzen für den Hexendoktor 2/3” ist abgeschlossen.
Verdiente Belohnung: 320 EP
Du hast mit der Fertigkeit Kräuterkunde Level 9 erreicht!
Die Mission „Pflanzen für den Hexendoktor 3/3” ist abgeschlossen.
Verdiente Belohnung: 480 EP
Du hast mit der Fertigkeit Kräuterkunde Level 10 erreicht!
Die Waren, die ich dem Hexendoktor angeboten hatte, waren so wertvoll, dass ich zwei Stufen seiner Quest auf einmal abgeschlossen hatte? Das war ein unerwarteter Erfolg. Ich grinste von einem Ohr zum anderen, doch meine Freude dauerte nicht lange an.
„Nein”, beantwortete der alte Mann nun meine Frage, „in Steinhang ist kein Boot verschwunden. Unsere 3 Boote liegen am Steg, du kannst es selbst überprüfen.”
Der alte Mann freute sich offenbar, dass er mich mit seiner Antwort in eine schwierige Lage gebracht und diese banale Information gegen eine Vielzahl wertvoller Pflanzen eingetauscht hatte. Ja, Umar Knochenrichter war sehr zufrieden mit sich und erklärte auch den Grund dafür.
„Goblin, du musst verstehen, dass die junge Frau sehr freundlich zu mir war. Ich will nicht, dass sie jemand findet und belästigt oder bedroht. Wenn das alles ist, mache ich mich jetzt auf den Weg. Ich muss mir einen Wagen für deine Pflanzen beschaffen.”
Der Hexendoktor stand ächzend auf, stützte sich auf seinen Stock und ging langsam zum Dorf zurück. Er war fast angekommen, als meine Schwester ihm zurief: „Umar, kannst du mir etwas über Belles Nichte und Neffen erzählen, oder muss ich erst eine Quest abschließen, um die Wahrheit zu erfahren?”
Der Heiler drehte sich langsam um und blickte finster zu uns herüber. Gerade als ich dachte, dass wir keine Antwort bekommen würden, überraschte der alte Mann mich.
„Sicher kann ich dir von den beiden erzählen. Es ist kein Geheimnis. Der Junge heißt Dar und das Mädchen Dara. Sie sind etwa 12 oder 13 Jahre alt. Zwei Diebe, Schurken und Raufbolde, viel mehr gibt es über die beiden Rowdys nicht zu sagen. Wenn etwas aus dem Dorf verschwunden war oder ein Kind verletzt wurde, steckten die beiden dahinter. Sie sind geborene Kriminelle, ihre Taten sollten mit schwerer Arbeit oder sogar dem Richtblock geahndet werden. Sie haben keine Bildung, keine Disziplin und keine Achtung gegenüber Älteren. Das Mädchen ist genauso schlimm wie ihr Bruder. Vollkommen hoffnungslos. Die Dorfbewohner haben die beiden oft bestraft. Sie haben sie verprügelt, in der Kälte ausgesperrt und sie sogar an den Schandpfahl in der Dorfmitte gestellt ... Nichts hat geholfen. Als Belles Bauch noch nicht so groß war, konnte sie sie wenigstens etwas im Zaum halten. Ab und zu hat sie ihnen mit einer Rute oder einer Peitsche eine ordentliche Tracht Prügel gegeben. Dann konnte man ihr Geschrei bis zum anderen Ende des Dorfs hören. Die beiden Tollköpfe hatten Angst vor ihr und gehorchten ihr. Doch als ihr Bauch wuchs, konnte sie sie nicht mehr unter Kontrolle behalten. Ehrlich gesagt war ich froh, als die beiden Rowdys das Dorf verlassen haben. Niemand hat ihnen auch nur eine einzige Träne nachgeweint.”
Nach diesen Worten spuckte der alte Mann verdrossen auf den Boden. Im gleichen Augenblick öffnete der Himmel seine Pforten und ein Wolkenbruch ging nieder. Der Hexendoktor demonstrierte eine überraschende Beweglichkeit für solch einen ehrwürdigen, alten Mann, nahm seinen Stock unter den Arm und rannte schnell wie ein Hase ins Dorf. Meine Schwester und ich suchten unter dem nächsten Baum mit breiten Ästen Schutz, um nicht völlig durchnässt zu werden. Dort äußerte ich einen Gedanken, der mir gerade gekommen war.
„Diese Kinder sind ziemlich ungehobelt. Vielleicht finden wir die drei schneller, wenn wir uns in den umliegenden Dörfern nach aufmüpfigen Jugendlichen erkundigen. Wenn uns das nicht weiterbringt, müssen wir wohl aufgeben, denn dieser Regen wird ihre Fußspuren vollkommen vernichten.”
Meine Schwester sah mich mit einem vorwurfsvollen, fast mitleidigen Blick an. „Tim, du bist heute wirklich nicht bei der Sache und dabei ist ‚dein Mädchen‘ noch nicht mal in der Nähe, um dich mit ihren Kurven abzulenken. Dir ist völlig entgangen, dass der alte Mann uns in seiner Antwort ungewollt einen klaren Hinweis gegeben hat. Hast du es wirklich nicht mitbekommen?”
Ich überlegte einen Moment, doch dann musste ich mir eingestehen, dass ich nicht die geringste Ahnung hatte, worauf meine Schwester anspielte. Die Waldnymphe musste mir die Fakten noch einmal vor Augen führen, bevor ich begriff.
„Belle wurde am gleichen Tag am Bootssteg gesehen, an dem die Spieler nach Steinhang geströmt sind, um die einzigartige fliegende Schlange Kayervina zu töten. Die 3 Boote des Dorfs befinden sich immer noch am Steg, darum kann sie keins davon benutzt haben. Aber es gab noch ein weiteres Boot, erinnerst du dich nicht? An diesem Tag war ein dir wohl bekannter Najadenhändler namens Max Sochnier in seinem mit frischen und getrockneten Fischen beladenen Boot nach Steinhang unterwegs! Aber er war gezwungen, seine Fracht zurückzulassen und ins Wasser zu tauchen, weil er in der Nähe von Steinhang von Spielertötern angegriffen wurde! Dieses vierte Boot muss irgendwo abgeblieben sein, meinst du nicht?”
„Val, du bist ein Genie! Ich schulde dir ein Eis”, lächelte ich. Die Schlussfolgerung meiner Schwester ergab Sinn. „Es ist unwahrscheinlich, dass sie in dem Boot flussaufwärts gerudert sind. Das wäre für eine schwangere Frau mit 2 Teenagern viel zu schwer. Wir müssen also flussabwärts nach ihnen suchen, aber zu Fuß können wir sie nicht einholen. Das Ufer ist viel zu sumpfig, steinig und überwuchert. Außerdem wimmelt es dort von allen möglichen aggressiven Monstern. Wir brauchen ein Boot. Nein, ein paar Boote, denn eins ist zu klein für unsere ganze Gruppe.”
„Du bist schon wieder begriffsstutzig, Segelohr”, erwiderte die Mavka und schüttelte den Kopf. „Kein normales Flachbodenboot kann unseren gigantischen Oger tragen und du scheinst zu vergessen, dass wir uns versteckt halten müssen. Es wäre dumm, unseren Verfolgern eine deutliche Spur wie den Diebstahl eines Bootes zu hinterlassen.”
Wie immer hatte Valeria auch dieses Mal recht. Ich öffnete meine Karte. Der Najadenhändler hatte mir seine Karte mit den Orten, die er entdeckt hatte, geschickt, darum konnte ich den ganzen Weg zum Meer sehen. Einige Kilometer vom Dorf entfernt machte der namenlose Fluss eine scharfe Biegung und schlängelte sich um eine dicht bewaldete, enge Landzunge. Als ich diesen Teil so weit wie möglich vergrößert hatte, bemerkte ich ein Symbol mit 3 Kiefern. Das musste wohl der Ort, sein zu dem ich gehen sollte. Ich schrieb eine persönliche Nachricht an den Oger und den Najadenmann, um ihnen die Koordinaten dieses Treffpunktes zu schicken. Gleichzeitig fragte ich den Oger-Festungsbaumeister, wie lange er brauchen würde, um ein stabiles Floß zu bauen, das unsere Gruppe mitsamt den Wölfen tragen konnte. Seine Antwort kam umgehend.
„Ich habe die Werkzeuge bei mir. Wenn es in dem Waldgebiet genügend Kiefern mit hohen, geraden Stämmen gibt, dauert es mit meinen aktuellen Fertigkeiten ungefähr eineinhalb Stunden, höchstens 2. Vielleicht sogar weniger, wenn ihr mir beim Bau des Floßes helft.”
„Natürlich helfen wir dir. Schließlich profitieren wir alle davon”, versprach ich ihm.
***
Ich hatte noch nie die Gelegenheit gehabt, dem Oger-Festungsbaumeister bei der Arbeit zuzusehen. Jetzt konnte ich ohne Übertreibung sagen, dass es ein fantastisches, eindrucksvolles Schauspiel war. Mit unglaublicher Leichtigkeit fielen 50 Jahre alte Kiefern unter seiner Axt. Baumrinde und Zweige flogen dabei wie Fontänen in die Luft. Der Riese trug die dicken Baumstämme auf den Schultern, als würde es sich um Schilfrohr handeln.
Nach 1 Stunde schob Shrekson Bastard das fertige, aus schweren, festgezurrten Stämmen hergestellte Floß in seichtes Wasser und half allen anderen Mitgliedern der Gruppe, darauf zu steigen, bevor er selbst auf das Floß kletterte.
Obwohl der Regen nicht mehr so laut prasselte, ließ er doch nicht nach. Die tropfnassen Wölfe des grauen Rudels zitterten und pressten sich eng aneinander. Sie stolperten auf den rutschigen Stämmen, während das Gefährt auf dem Wasser schaukelte. Die Tiere starrten sehnsüchtig auf das nicht weit entfernte Ufer, doch keiner von ihnen wagte, sich meinem Befehl zu widersetzen. Taisha und Valerianna, die unter einem schwarzen Wargfell saßen, um sich vor dem Regen und dem kalten Wind zu schützen, klapperten mit den Zähnen um die Wette. Tamina Grimmigs Kinder, die Wolfsreiter Irek und Yunna, waren trotz ihrer leichten Bekleidung überraschend lebhaft und fröhlich. Die beiden Goblins lachten, machten Spaß und konnten ihre Freude und Aufregung nicht verbergen.
Dem Oger machte das Wetter nichts aus und ich nahm den eiskalten Regen ebenfalls gelassen hin. Ab und zu musste ich gähnen, denn nach der schlaflosen Nacht war ich müde. Max Sochnier war der Einzige, der sich pudelwohl fühlte. Der Fischmensch war endlich in seinem Element. Er saß vorne auf dem Floß und fing begeistert Fische mit einer Harpune. Ab und zu forderte er den Oger auf, in die eine oder andere Richtung zu lenken.
Während der ersten Minuten unserer Reise war ich hinsichtlich der Stabilität und Lenkfähigkeit des Floßes etwas besorgt gewesen, doch nach einer halben Stunde war ich überzeugt, dass es sicher war. Wir fuhren in gleichmäßigem Tempo, umgingen problemlos Hindernisse und Sandbanken und schlängelten uns um die Flussbiegungen.
Der Najadenmann hatte geschätzt, dass es etwa 6 Stunden dauern würde, das Meer zu erreichen, darum suchte ich mir einen bequemen Platz auf dem hinteren Teil des Floßes und warf mir zum Schutz vor dem Regen ein Wargfell über. Doch bevor ich einschlafen konnte, rief Max Sochnier plötzlich aufgeregt: „Rechts! Da drüben im Schilf!”
Alarmiert warf ich das Fell zur Seite. Im Schilf am Ufer lag ein halb gesunkenes Boot, das aus dem Wasser ragte.
„Das ist mein Boot, ich erkenne es wieder!”, rief der Najadenmann und breitete vor Aufregung seine leuchtend roten Rückenflossen aus. Er sprang ins Wasser, schwamm zum Ufer und versuchte, mit seinen mit Schwimmhäuten versehenen Händen das Wasser aus dem gesunkenen Ruderboot zu schöpfen.
„Wir sollten am Ufer anlegen und die Gegend absuchen!”, ordnete ich an. Der Oger-Festungsbaumeister riss das Ruder herum.
Der Weg durch das dichte Schilf am Flussufer war mühsam. Ich musste uns sogar einen Pfad schlagen, nachdem der Oger vom Floß gesprungen und es ans Ufer geschoben hatte. Nach einer Weile hatten wir trockenen Boden unter den Füßen. Ich wollte den Wölfen die Mission geben, nach menschlichen Spuren zu suchen, doch bevor ich Zeit gehabt hatte, war Irek bereits am Ufer entlanggelaufen und rief der Gruppe nun zu, sich anzusehen, was er gefunden hatte.
Es war eine kleine Hütte, die erst wenige Tage zuvor gebaut worden sein musste. Die Blätter der Äste, die verwendet worden waren, waren noch grün. Daneben fanden wir die Überreste einer Feuerstelle und jede Menge sauber abgenagter Knochen, die von einem riesigen Wiederkäuer stammen mussten. Die Wölfe näherten sich der Stelle, an der wir standen, und begannen zu schnüffeln. Gleich darauf sträubte sich ihr Fell, sie zogen vor Angst die Schwänze ein und liefen weg. Ich wollte mir die Knochenreste jedoch einmal näher ansehen.

Die Prüfung deiner Wahrnehmung war positiv.
Verdiente Erfahrung: 80 EP
An den meisten Knochen fanden sich Spuren scharfer Zähne und rohe Fleischfasern. Ich nahm einige in die Hand, um meine Vermutung zu bestätigen. Ja, die Raubtiere, wer sie auch waren, hatten ihre Beute in Stücke gerissen und sie verschlungen. Doch ich entdeckte noch etwas anderes: Einige Knochen waren eindeutig in einem Topf gekocht worden. Als ich meinen Gefährten davon erzählte, erhielt ich eine überraschende Reaktion.
„Wir könnten auch etwas zu essen gebrauchen”, murmelte der Oger. „Seit heute Morgen blinkt das gelbe Gabel-und-Löffel-Symbol in der Ecke meines Bildschirms und gerade eben hat es zu rot gewechselt ...”
Daraufhin drehten sich alle zu mir und sahen mich fragend an, als ob ich Nahrung für die Gruppe bei mir haben würde. Wo hätte ich die Vorräte wohl verstecken sollen?! Mein segelohriger Goblin war selbst hungrig.
„Ich könnte mit meinem Angelzeug Fische fangen”, schlug der Najadenmann vor. „Das dauert jedoch etwas und ich brauche Köder.”
„Am Fluss gibt es mehr als genug davon!”, antwortete ich, während ich nach einer weiteren roten Fliege schlug, die sich auf mein Gesicht gesetzt hatte. Ich hielt ihm die kleine Tierleiche hin. „Ein Fischer reicht nicht aus, um unsere ganze Gruppe zu versorgen. Wir sollten auf die Jagd nach größerer Beute gehen. Ich werde meinen Lindwurm rufen, er kann aus der Luft nach Tieren Ausschau halten, die sich in unserer Nähe aufhalten.”
Aus naheliegenden Gründen hatte ich XANTHIPPE nicht nach Steinhang mitgenommen. Eine Horde von Goblins, die auf Wölfen dahergeritten kamen, hatte sowieso schon genug ungewollte Aufmerksamkeit bei den Bewohnern erregt. Doch wenn unsere Gruppe mit einer 3 Meter langen, fliegenden Schlange aufgetaucht wäre, wären wir für einige Zeit das Tagesgespräch gewesen, was den Unsterblichen, die mir auf den Fersen waren, sicher nicht entgangen wäre.
Es dauerte nur 1 Minute, bis der königliche Level-16-Wald-Lindwurm herangeflogen kam. Die Schnauze der fliegenden Schlange war von frischem Blut verschmiert.
„Was für ein kluges Köpfchen! Du hast Beute gefangen und sie ganz allein gefressen!”, sagte ich und streichelte die gefährliche Bestie liebevoll an der Schulter. Ich bemerkte, dass meine Tiergefährtin im Level aufgestiegen und gewachsen war.
Ich drückte meine Stirn gegen den Kopf meines geflügelten Reittiers, um XANTHIPPE die Mission so deutlich wie möglich in lebendigen Bildern zu übermitteln: Suche aus der Luft im nahegelegenen Wald nach Kreaturen, die groß genug sind, um die ganze Gruppe mit Nahrung zu versorgen. Ich war nicht sicher, wie gut sie mich verstanden hatte, doch kurz darauf flog sie mit schlagenden Flügeln los und verschwand in den niedrigen Regenwolken.
„Amra, welche Art von Mission hast du in den Einstellungen für dein Reittier gewählt: Auskundschaften, Gebietskontrolle oder Jagen?”, fragte meine Schwester.
Ich antwortete ihr ehrlich, dass ich es selbst nicht wusste und erzählte ihr von meiner experimentellen Methode der Kommunikation mit dem Lindwurm.
Die Waldnymphe schüttelte zweifelnd den Kopf. „Ich glaube nicht, dass es so funktionieren wird. Es gibt ein normales Spiel-Interface mit einem Popup-Menü, das alle möglichen Optionen beschreibt, die man für Tierbegleiter und Reittiere wählen kann, aber die Option ‚Nach großen Wildtieren suchen‘ ist nicht dabei. Du hättest vielleicht eine Kombination verschiedener existierender Befehle benutzen können, aber ich weiß nicht, ob das geklappt hätte ...”
In dem Moment verstummte Valerianna, denn XANTHIPPE war bereits zurückgekehrt. Regennass landete der grüne Lindwurm im Gras und kroch in meine Richtung, wobei sie nicht auf ihren Füßen ging, sondern wie eine Schlange schlängelte. Die smaragdgrüne, geflügelte Bestie beugte ihren Kopf hinunter und drückte ihn vorsichtig gegen meinen. Vor meinen Augen erschien ein Kaleidoskop von Bildern, die beim Fliegen aufgenommenen Screenshots glichen.
Durchbrochene Wolken. Flussufer sichtbar. Dichtes Unterholz. Darin steht ein großes Tier, das beschaulich junge Triebe kaut: Ein riesiger Elchbulle. Breite Hufe und weitverzweigtes Geweih. Kraftvoller Rücken und Buckel. Großer, schwarzer Bart. Beine wie Säulen. Und das Symbol eines roten Totenschädels, das bedeutete, dass der Elch mehr als 20 Levels höher war als mein Lindwurm.
Ich überlegte, wo diese Bilder wohl aufgenommen worden sein konnten. Der Fluss lag hinter mir. Flussaufwärts bog er allmählich nach links. Ja, so ungefähr musste es aus der Luft aussehen. Tatsächlich konnte ich flussaufwärts in der Ferne einen Hügel erkennen, der dicht bewachsen war. Genau dort würden wir unsere Beute finden. Laut verkündete ich meinen Freunden: „Einen halben Kilometer in dieser Richtung grast ein großer Elch im Dickicht. Er ist zwischen Level 40 und 50. Lasst uns auf die Jagd gehen.”
Langes Schweigen folgte als Antwort. Dann fragte Max Sochnier vorsichtig: „Level 50? Und was machen wir, wenn er den Spieß umdreht und beschließt, uns zu jagen? Ich meine, wir sind nicht-kampfbezogene Charaktere. Wir haben keine guten Kampffähigkeiten!”
„Wir können ihn nicht ernsthaft verwunden, Amra, der Levelunterschied ist zu groß!”, stimmte der Oger-Festungsbaumeister mit seinem Freund überein.
Ich tauschte einen überraschten Blick mit meiner Schwester aus. Die Waldnymphe konnte das Zögern der beiden auch nicht verstehen.
„Ich bin sicher, dass wir als Gruppe ein Level-50-Tier ohne Verluste erledigen können. Niemand zwingt euch, die starke Kreatur mit dem Dreizack oder dem Vorschlaghammer anzugreifen”, versicherte ich dem Bauarbeiter und dem Händler. „Es ist nur ein NPC-Tier auf hohem Level. Mit einem guten Plan können wir es zur Strecke bringen!”
„Richtig!”, unterstützte meine Schwester mich. „Wir könnten eine Fallgrube wie die beim Verfluchten Haus graben, den Boden mit spitzen Stöcken spicken, sie mit Zweigen tarnen und den Elch zu uns locken! Es ist ganz einfach. Die Hauptsache ist, dass wir uns weit genug entfernen, damit das Tier uns nicht sieht oder eine Falle erwartet.”
„Onkel Amra, ich kann ein kleines Horn aus Baumrinde herstellen, das wie ein Elch im Frühling röhrt”, warf Yunna ein. „Der Schamane Kaiak Dachsbein hat es mir gezeigt. Es ist zwar kein Frühling, doch ein ausgewachsener Elch wird angelaufen kommen, um zu sehen, wer in sein Revier eingedrungen ist.”
Damit stand unser Plan fest. Der Oger-Festungsbaumeister arbeitete so schnell wie ein Bagger mit einer normalen Schaufel. Erst einige Minuten zuvor hatte er mit dem Graben begonnen, und nun war das Loch bereits groß genug für einen mächtigen Elch. Während er grub, sammelten die anderen spitze Stöcke für den Boden der Falle und Zweige, um sie abzudecken. Taisha und ich legten die Zweige über die Grube, weil wir die beiden Charaktere mit der höchsten Beweglichkeit waren. Bei uns bestand die geringste Gefahr, in das Loch zu fallen.
Nun mussten wir nur noch das letzte Problem lösen: Wie konnten wir es schaffen, das Tier anzulocken und es dazu zu bringen, auf die Äste über der Falle zu treten? Meine Schwester hatte eine Idee: „Gebt mir ein paar Minuten, dann erzeuge ich eine Illusion eines unverschämten, jungen Elchs. Aber zuerst brauche ich das Bild eines Elchs ...”
Valerianna Schnellfuß erstarrte. Meine Schwester musste den VR-Helm abgenommen haben, Reich ohne Grenzen verkleinert haben und sich jetzt Bilder von Elchen auf ihrem Monitor ansehen, um die beste Darstellung zu finden. Kurz darauf wurde sie wieder lebendig.
„Ich habe eins gefunden! Also gut, versteckt euch im Wald und sagt Shrekson, in das Horn zu blasen. Er kann den lautesten Ton damit erzeugen!”
Wir legten uns in ein Bachbett und schickten die Wölfe und den Lindwurm fort, damit sie unseren Plan nicht zunichtemachen konnten. Das ohrenbetäubende Röhren, das aus dem Horn schallte, klang eher wie der Pfiff einer Lokomotive als der Ruf eines Tieres, doch Yunna und Irek versicherten mir, dass es funktionieren würde. Shrekson lief auf uns zu und versteckte sich dann ebenfalls in der Vertiefung.
Wir warteten, doch nichts passierte. „Hat es nicht geklappt?”, flüsterte ich, doch die Waldnymphe legte nur den Finger an die Lippen. „Leise, er kommt.”, flüsterte Valerianna kaum hörbar. „Ich sehe ihn auf der Minikarte. Du wirst ihn auch gleich entdecken, Segelohr.”
Wenige Sekunden später erschien der rote Totenschädel auch auf meiner Karte. Der Elch näherte sich langsam. Er machte lange Pausen, um sich umzusehen und zu schnüffeln. Etwas löste den sechsten Sinn des Tieres aus.

Die Prüfung deiner Wahrnehmung war positiv.
Verdiente Erfahrung: 16 EP
Wind! Das musste es sein! Der Wind blies über die Falle und der Elch konnte offensichtlich die Wölfe, Goblins und die anderen Kreaturen riechen, doch der Geruch seines vermeintlichen Rivalen, eines selbstsicheren, jungen Elchs, fehlte. Ich schrieb meiner Schwester in einer persönlichen Nachricht meine Vermutung.
„Was soll ich machen? Ich kann keine illusorischen Gerüche erzeugen.”
Ich antwortete der Waldnymphe: „Wechsele den Köder zu einem weiblichen Elch.”
„Tim, es ist die falsche Jahreszeit. Außerdem würde er den weiblichen Elch auch nicht riechen können.”
„Ich habe noch eine Idee! Wie wäre es mit einem dummen Jungwolf, der nicht wegläuft und frech genug ist, dem starken, stolzen Elch die Zähne zu zeigen? Es riecht hier nach Wolf, darum klappt es vielleicht. Der Elch will dem unverschämten Wolf bestimmt eine Lektion erteilen und ihn aus seinem Revier verjagen.”
Valerianna bewegte die Lippen und führte eine Beschwörung aus oder wiederholte einfach die neue Mission für sich. Es funktionierte! Der Elchbulle sah die neu erzeugte Illusion und brüllte so laut in den Wald hinein, dass der Ton, den Leon zuvor mit dem Horn produziert hatte, wie eine armselige Parodie erschien. Sein Röhren war buchstäblich ohrenbetäubend und traf uns außerdem mit einer Vielzahl von unangenehmen Effekten.

Erlittener Schaden: 44 (Level-31-Angstzauber)
3 Sekunden Panikeffekt
15 Sekunden Taubheitseffekt

Die Prüfung deiner Wahrnehmung war positiv.
Verdiente Erfahrung: 80 EP

Die Prüfung deiner Konstitution war positiv.
Verdiente Erfahrung: 160 EP
Gesundheitslevel: 179/216
Ich konnte nicht sagen, welche beiden negativen Effekte Amra vermieden hatte, doch diejenigen, denen er ausgesetzt war, waren schlimm genug. Bis ich meinen Charakter wieder unter Kontrolle gebracht hatte, war mein verängstigter Goblin bereits völlig kopflos durch den Wald gerannt, ohne auf einen Weg zu achten. Als er endlich angehalten hatte, fiel er erschöpft ins Gras. Ich hoffte inständig, dass der Elchbulle einem kleinen Goblin, der in weiter Ferne wegrannte, keine Aufmerksamkeit schenken würde und sich stattdessen auf sein eigentliches Ziel konzentrierte. Irek raste an mir vorbei. Sein Mund war geöffnet, doch kein Schrei kam heraus. Offensichtlich tat der Panikeffekt auch bei ihm seine Wirkung. Endlich erlangte ich mein Gehör wieder. Hinter mir hörte ich das begeisterte Geschrei meiner Freunde. Es waren eindeutig Freudenrufe. War unser Plan erfolgreich gewesen? Die NPC-Markierung auf der Minikarte wechselte von gelb zu aggressivem Rot, doch sie befand sich ungefähr an der Stelle, an der wir die Fallgrube gegraben hatten, und bewegte sich nicht. Nun wurde ich wieder selbstsicherer. Ich lief erst langsam, dann immer schneller auf die Falle zu. Trotzdem erreichten meine Freunde die Grube vor mir.

Level-48-Elchbulle
Die mächtige Bestie war wie geplant in die Falle gestürzt, doch durch einen glücklichen Zufall hatte sie sich an den spitzen Stöcken am Boden der Grube nicht ernsthaft verletzt. An einigen Stellen war die Haut des Tieres aufgerissen und an seinen Rippen waren zahlreiche blutige Schürfwunden zu sehen. Der Lebensbalken des Elchs war jedoch nicht nennenswert gesunken und befand sich nach wie vor im grünen Bereich. Hinzu kam, dass die Regeneration des Elchs seine Gesundheit schneller wiederherstellte, als die blutenden Wunden sie reduzieren konnten. Nach nur 1 Minute war der Lebensbalken des gefangenen Tieres wieder auf seinem maximalen Stand.
Der Elch sah uns stumm an, obwohl er noch einmal sein furchterregendes Röhren hätte erdröhnen lassen können. Dadurch wäre er uns sicher losgeworden. Das Tier drehte seinen Kopf und besah sich die schwachen Kreaturen, die es gefangen hatten, eine nach der anderen. Zuletzt ruhte der traurige Blick der stolzen Bestie auf mir. Als ich in seine intelligenten, fast menschlichen Augen blickte, fühlte ich mich plötzlich unwohl. Ja, mir war klar, dass es sich bei dem Wesen nur um ein Codestück handelte, das erstellt worden war, um in einem virtuellen Spiel geschlachtet zu werden. Es gab keine moralische Verpflichtung, die uns daran hinderte, sein Fleisch über einem Feuer zu rösten und uns damit vollzustopfen, doch bei dem Gedanken fühlte ich mich unbehaglich.
Während ich noch überlegte, wie ich meinen Gefährten erklären sollte, dass ich meine Meinung geändert hatte und den stolzen Elch nicht mehr töten wollte, sagte der Oger-Festungsbaumeister plötzlich: „Freunde, ich verzichte. Ich kann nicht mit ansehen, wie sich der Elch quält. Teilt ihn meinetwegen unter euch auf, aber ich will nichts von seinem Fleisch. Lieber bleibe ich hungrig oder begnüge mich mit Pflanzen und Fischen.”
Diese Empfindsamkeit hatte ich von unserem Riesen nicht erwartet. Doch ich erinnerte mich schnell, dass der Anblick des niedergebrannten Dorfs Tysh Shrekson so sehr mitgenommen hatte, dass er eine Weile unter Nervosität und Schlaflosigkeit gelitten hatte. Obwohl der ehemalige Bauarbeiter den Eindruck machte, dass er hart im Nehmen war, war er feinfühlig und hatte ein gutes Herz. Der Oger drehte sich um und ging entschieden in die entgegengesetzte Richtung der Fallgrube.
„Der Elch wäre ein großartiges Reittier. Er könnte sicher das Gewicht des Ogers tragen ...”, bemerkte die Nymphe nachdenklich. Plötzlich sahen alle zu Shrekson hinüber. Der Oger hielt abrupt an, als ob er gegen eine Wand aus Stein gelaufen wäre, drehte sich um und dann passierte es: Der rote Kreis des Elchs in der Falle wechselte zu blau für einen Verbündeten. Über dem Geweih des Tieres erschien der Name „Kleiner_Timbo”.
„Nur ein Name, nicht schlechter als Xanthippe oder Pirat”, murmelte der Riese, obwohl niemand überrascht ausgesehen oder über den seltsamen, etwas ungeeigneten Namen für die riesige Bestie gelacht hatte. Es waren genug Helfer da, um dem Elch aus der Grube heraus zu helfen, obwohl der Oger es auch leicht allein geschafft hätte, darum nutzte ich das Durcheinander, um eine Phiole mit dem Blut des Waldriesen zu füllen.

Elchblut (alchemistische Zutat)
Danach entfernte ich mich von den anderen und ging zurück zu der Hütte, die wir gefunden hatten. Dort kroch ich unter das Dach aus Zweigen und trank die Phiole leer.
Freigeschaltetes Achievement: Geschmackstester (14/1000)
Mein Balken für Durst löschen war fast gefüllt, er zeigte 18/20 an. Mein Goblin-Vampir konnte also weitere 18 Stunden ohne das Blut von Opfern auskommen. Mein Verlangen nach Schlaf wurde jedoch immer stärker, ich gähnte ohne Unterbrechung. Nicht mehr lange und ich würde vor Erschöpfung zusammenbrechen.
Als ich aus meinem Versteck gekrochen war, nahm ich ganz in der Nähe gedämpfte Geräusche wahr, die einem Knurren und Winseln ähnelten. Ich wechselte in den Tarnungsmodus und ging auf sie zu. Vorsichtig schob ich die Äste der Büsche zur Seite. Das graue Rudel hatte sich auf einer kleinen Lichtung versammelt und buddelte mit vollem Einsatz in der Erde. Interessiert näherte ich mich.
Die Wölfe warfen die feuchte Erde energisch hinter sich und hatten schon ein flaches Loch gegraben. Der Boden war offensichtlich locker und gab leicht nach. Jemand hatte dort etwas vergraben. Ich schob die Waldraubtiere beiseite, beugte mich hinunter und zog eine schmutzige Stofftasche aus dem Loch. Neugierig entleerte ich ihren Inhalt ins Gras. Es kamen einige zerknitterte Lumpen und ein Paar zerfledderte Sandalen zum Vorschein. Ich hockte mich hin und betrachtete meinen Fund genauer.
Kleidung. Die Kleidung einer Dorfbewohnerin. Zuoberst lag ein schmutziges, oft geflicktes, altes Kleid. Es war schwer zu sagen, welche Farbe es ursprünglich gehabt hatte. Außerdem fand ich eine zerrissene, ärmellose Bluse und eine kurze Leinenhose oder eher die Shorts eines Jungen. Darunter entdeckte ich eine relativ saubere, doch ebenfalls zerknitterte Schürze, schmutzige Arbeitskleidung, einige billige Glasperlen, die ausgetretenen Sandalen einer Frau und einen vierfarbigen Haarreif, den sich Dorfmädchen ins Haar steckten. Er sah genauso aus wie der Reif in meinem Inventar. War das alles? Ich überprüfte noch einmal die Kleidungsstücke, die vor mir im Gras lagen.

Die Prüfung deiner Wahrnehmung war positiv.
Verdiente Erfahrung: 40 EP
Auf dem schmutzigen, grauen Kleid bemerkte ich schwarzes Haar, das am Stoff hing. Es war 60 Zentimeter lang und zu rau für menschliches Haar. Ich wickelte es um meinen Finger und überlegte, von wem es wohl stammen konnte.

Die Prüfung deiner Wahrnehmung war positiv.
Verdiente Erfahrung: 80 EP
Schwanzhaar eines Wargs (Abfall)
Die drei Flüchtigen, nach denen wir auf der Suche waren, mussten ihr Boot versenkt haben, auf Jagd gegangen sein, um sich den Bauch zu füllen, und dann ihre menschliche Kleidung tief im Wald vergraben haben. Danach hatten sie sich offenbar in ihre tierische Form verwandelt. Das musste vor ein paar Tagen gewesen sein und es war unmöglich zu sagen, wo sich die Wargs jetzt aufhielten. Der ununterbrochene Regen hatte die Suche nach ihren Spuren zum Scheitern verurteilt ...


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Veröffentlichung am 10. März 2019


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