Saturday, September 7, 2019

Survival Quest: Das Geheimnis des dunklen Waldes: Roman


Survival Quest: Das Geheimnis des dunklen Waldes
von Vasily Mahanenko




Release - 27. Januar 2020


Kapitel 1: Der Imperator




„Mahan, erwarten uns noch weitere Überraschungen, oder können wir dich jetzt endlich befragen?”
Anastarias einfache Frage klang wie Donnerhall in der umgebenden Welt. Auf einmal waren alle die Aufmerksamkeit in Person. Die Welt explodierte … Die Spieler hatten nun einen Drachen mit eigenen Augen gesehen, sie hatten die Ankündigung gehört, dass sie auf der Seite von Kartoss spielen konnten, und alles in allem waren sie nach einem langen, harten Kampf völlig erschöpft. Jetzt versuchten sie, alle auf einmal das loszuwerden, was ihnen auf der Seele lag. Das gesamte Gebiet wurde erschüttert durch die verschiedensten Ausrufe, wie etwa: „Du liebe Güte! Ein Drache!”, „Es heißt doch immer, es gibt keine Drachen mehr – aber dieses kleine Würstchen weiß es besser!“, und „Wer zum Teufel ist denn das?“ Es herrschte ein solcher Tumult, ich konnte kaum denken, geschweige denn Anastaria eine Antwort geben.



Wegen des allgemeinen Lärms hörten nur wenige das leise Klacken, als sich ein Portal öffnete: In einiger Entfernung war ein neuer Herold in Barliona aufgetaucht. Der Imperator hatte den Thron bestiegen, und im gleichen Augenblick erschienen seine Boten. Was die Berater betraf, so war die Sache etwas komplizierter, denn sie mussten alle über einen bestimmten Hintergrund verfügen. Ich hatte allerdings das Gefühl, dass auch diese Sache noch im Laufe des Tages geregelt werden würde. Schließlich hätten die Programmierer nie all das auf die Beine gestellt, ohne es ausreichend vorzubereiten. Ich schaute mich in der tobenden Menge der Spieler um. Der Herold näherte sich Tisha, die mit geweiteten Augen in die Ferne blickte. Die junge Frau befand sich immer noch im Schockzustand, nachdem sie miterlebt hatte, wie zwei ihrer nächsten Verwandten Reichsoberhäupter geworden waren.
Der Herold verbeugte sich. „Prinzessin, bitte folgt mir. Der Imperator erwartet Euch und Euren jungen Mann“ – nun verbeugte er sich vor Slate – „im Palast.“
„Mich? Uns?“ Der Intelligenz-Imitator in Tisha übertraf sich selbst beim Spielen der Rolle eines jungen Mädchens im Schockzustand, das noch immer nicht ganz verstanden hatte, was gerade vor sich ging. Ihr leerer Blick wanderte über die Spieler, und sie klammerte sich an Slates Hand, als sei dies das Einzige, was die Tochter des Vorstehers noch in dieser Welt verankerte … Ein so hervorragendes Beispiel virtueller Programmierung hätte wirklich auf die Bühne eines Theaters gehört. Hier am Rand der Welt war es einfach nur verschwendet.
„Das ist richtig, Prinzessin.“ Erneut neigte der Herold den Kopf.
„Aber … aber ich kann nicht ohne meine Brüder kommen, und sie sind immer noch in Dochtheim, gefangen und …“
„Zu meinem Bedauern können wir sie nicht mitnehmen.“ Der fröhliche Gesichtsausdruck des Herolds verblasste, und sein Tonfall war nun gedämpfter. „Sie werden nach Kartoss geschickt, wo sie weiter dem Dunklen Lord dienen werden. Ich bitte Euch, Prinzessin – der Imperator erwartet Euch!“
„Was wird mit Beth geschehen? Und mit Mahan? Werden sie mich begleiten?“ Tisha wollte sichergehen. Was Beth betrifft, kann ich nicht viel sagen, aber es war ein gutes Zeichen, dass die Prinzessin sich an mich erinnerte. Sobald ich diesem Irrenhaus erst einmal entkommen war, konnte ich vielleicht von diesem Mitglied der Familie des Imperators einen hübschen Bonus einstecken. Gegen ein wenig extra Gold hatte ich ganz sicher nichts einzuwenden!
Statt zu antworten, deutete der Herold auf Elisabeth, die sich an ihre gerade erst wiedergefundene Familie klammerte, Ehemann und Kinder. Mariana versteckte ihr Gesicht an der Brust ihres Vaters. Brecher hingegen versuchte, dem festen Griff seiner Mutter zu entkommen und sich alles einmal genauer zu betrachten. Dieser Junge war einfach nicht zu bändigen! Neben Beth öffnete sich ein weiteres Portal, aus dem ein anderer Herold hervortrat.
„Hohepriesterin, man erwartet Euch in Anhurs. Es tut mir leid, aber die Angelegenheit kann nicht warten.“
„Ja, selbstverständlich. Aber mein Mann und meine Kinder …“
„Sie werden uns begleiten. Bitte kommt – hier entlang.“ Der Herold deutete auf das Portal.
Beth wandte sich mir zu. „Mahan, wenn du jemals nach Anhurs kommst, musst du mich unbedingt besuchen.“
„Ich danke Euch, Hohepriesterin. Ich werde auf jeden Fall bei Euch hereinschauen.“ Ich beugte das Haupt. Dabei fiel mir auf, wie Anastarias Augen sich verengten. Aha! Sie hatte also nicht gewusst, dass es in Malabar eine neue Hohepriesterin der Göttin Eluna gab.
Die Priesterin lächelte. „Nenn mich doch einfach Beth. Ich erwarte dich in Anhurs.“ Mit diesen Worten verschwand sie im Portal. Mariana und Brecher zog sie mit sich. Theodore, Beths Ehemann, blickte zwischen dem Portal und dem Herold hin und her und kam dann zu mir.
„Ich bezahle meine Schulden normalerweise selbst, ganz gleich, welche Position meine Frau einnimmt“, sagte er mit seiner tiefen Bassstimme und reichte mir eine Schriftrolle. „Zwei Jahre Haft haben mich zu diesem Werk inspiriert. Lies es – du könntest es sehr nützlich finden.“

Du hast einen Gegenstand erhalten: „Eine Abhandlung über Haftstrafen und Möglichkeiten, dabei man selbst zu bleiben“
Anzahl der Seiten: 240
Belohnung nach dem Lesen und richtigen Beantworten (von mindestens 70 %) der Fragen zur Abhandlung:
+ 20 Intelligenz, + 3 Beweglichkeit, + 3 Ausdauer, + 3 Stärke
Dauer: zeitlich unbegrenzt

Theodore gab mir zum Abschied die Hand und betrat das Portal. Erst in diesem Augenblick fiel mir auf einmal auf, dass wir von einer merkwürdigen Stille umgeben waren. Es fühlte sich an, als hätte ich das alles schon einmal erlebt. Hatte Renox uns gerade wieder heimgesucht? Ich schaute mich um und bemerkte, dass die Spieler sich in zwei Gruppen aufgespalten hatten. Die erste, größere, setzte sich aus etwa 98 % der Spieler zusammen, die aus Dochtheim entkommen waren. Sie hatten sich ein Stück weit zurückgezogen und riefen ihre Schoßtiere herbei, um in stärker bevölkerte Regionen zurückzukehren. Sie versuchten, dabei nicht allzu viel Lärm zu verursachen und die zweite Gruppe nicht zu stören. Diese wiederum bestand aus den Anführern der Klans, ihren Stellvertretern und den Schatten-Anführern wie etwa Evolett. Sie beobachteten die Unterhaltungen der NPCs mit einem gewissen Interesse. Anastaria, die neben mir stand, nahm die ganze Szene sogar auf Video auf. Über ihrem Kopf blinkte das Symbol einer Kamera.
„Prinzessin!“, erinnerte der erste Herold uns an seine Anwesenheit. „Es wird Zeit. Die Hohepriesterin ist bereits in Anhurs eingetroffen, und was Mahan betrifft, so wird der Imperator persönlich mit ihm sprechen, sobald er sich mit Euch unterhalten hat. Mahan wird ein wenig später in den Palast gebracht.“
„In Ordnung.“ Tishas Laune hatte sich gebessert. Sie wandte sich an den Schmied. „Lass uns gehen, Liebling. Vater wird es nicht wagen, uns zu trennen.“
Kaum war das Paar im Portal verschwunden, öffneten sich weitere Portale, eines nach dem anderen. Aus jedem Portal traten Herolde, die sich den geretteten Bewohnern des Dorfes Dochtheim näherten, um sie zum „Hauptland“ zu führen. Ich hatte keine Ahnung, wie es für die anderen Spieler war, aber ich erhielt für jeden geretteten Dorfbewohner 10 Punkte mehr Reputation beim Imperator von Malabar. Einhundert und fünfunddreißig Bewohner von Dochtheim verwandelten sich so in 1.350 Reputationspunkte. Nur wenige Minuten darauf waren nur noch wenige Spieler in der zerstörten Festung von Kartoss verblieben.
„Ich sehe, du bist auf einmal im Besitz einer interessanten Schriftrolle.“ Genauso, wie ich mir das gedacht hatte, meldete Evolett sich als Erster zu Wort. Anastaria mochte zwar eine sehr willensstarke junge Frau sein, aber sie hätte es nie gewagt, sich mit ihrem Geschenk eines „Onkels“ vorzudrängen; einmal angenommen, dass er tatsächlich ihr Onkel war. Die Befehlskette musste einfach eingehalten werden! Ehkiller befand sich nicht unter den Kämpfern. Daher beabsichtigte Evolett ganz offensichtlich, die Sache selbst in die Hand zu nehmen. „Ich habe eine ungefähre Ahnung, worum es sich dabei handelt. Daher werde ich dich nicht bitten, mir die Eigenschaften der Schriftrolle zu zeigen. Lies alles gründlich durch, bevor du versuchst, die Fragen zu beantworten. Aus der Beschreibung geht das vielleicht nicht hervor, aber du hast lediglich zwei Versuche, den Test zu bestehen Und jetzt müssen wir uns unangenehmeren Dingen zuwenden. Dir ist wahrscheinlich klar, dass du heute allen Spieler mit einem hohen Level einen großen Nachteil eingetragen. Denk nur einmal darüber nach: Irgendein Emporkömmling – entschuldige meine Direktheit – hat das geschafft, was nicht einmal Anastaria fertigbringen konnte, und die Leitung eines von mehreren Klans ausgeführten Raids übernommen. Und wir sprechen hier über einen Emporkömmling, der völlig unbekannt ist, der weder über Verwandte verfügt, noch über irgendwelche wahren Level. Kannst du dir vorstellen, was für einen Tumult das in den Foren auslösen wird? Die Ränge der Klans werden ins Rutschen geraten, und das ist allein deine Schuld. Das ist eine höchst schwierige Situation, die ich gern mit dir besprechen würde.“
„Hör endlich auf, diesen Vollidioten mit Glacéhandschuhen anzufassen!“, unterbrach ihn Plinto. „Setz ihn auf die schwarze Liste und mach ihn bei jeder Chance fertig, die sich dir bietet!“
„Plinto, ich werde diese Angelegenheit selbst regeln!“ Evoletts Stimme war kalt, als er den Scheinanführer seines Clans in seine Schranken wies.
„Hör gefälligst auf, mich ständig zum Schweigen bringen zu wollen! ‚Tu dies nicht‘, ‚Sag jenes nicht‘ – ich habe so langsam die Nase voll von dir! Dieser Blödmann ist der Meinung, er sei besser als unser Klan! Er hat sich aufs hohe Ross geschwungen und zeigt allen, wie wenig ihm die Klans bedeuten! Diese verfluchten Schachfiguren sind sein Werk!“
„Plinto!“ Evolett brüllte nicht, aber seine Stimme war scharf genug, jemanden zum Respawn zu schicken. „Ich musste mir deinen Unfug jetzt schon seit, wie es sich anfühlt, ewigen Zeiten anhören, aber jetzt habe ich genug davon! Du wirst sofort damit aufhören, unseren Klan in Verruf zu bringen!“
„Du und dein Klan und deine Entscheidungen können alle zur Hölle fahren!“, brüllte Plinto wütend. „Du kannst deinen Klan nehmen und ihn dir in den Arsch schieben! Ich habe keine Angst vor dir. Und was dich betrifft, du kleiner Scheißkerl“ – nun wandte er sich mir zu – „dich werden wir schon noch zu fassen kriegen. Du wirst es eine sehr lange Zeit bedauern, diesen Bauern hergestellt zu haben! Wir werden uns verdammt oft über den Weg laufen, und all unsere Begegnungen werden auf dieselbe Weise enden, und zwar so!“ Plötzlich stürmte Plinto auf mich zu und schleuderte dabei Wurfmesser, die eine Spur aus grünem Gift hinter sich herzogen. Ich hatte nur gerade noch genug Zeit, leise in mich hineinzulachen. Mehr als 350 Mobs mit hohem Level waren nicht mit mir fertiggeworden – aber diese eine völlig ausgeflippte Typ glaubte offensichtlich, die Sache zu Ende bringen zu können.
„Keine Sorge, mein hübscher Kerl“, erklang Anastarias Stimme, und plötzlich umgab mich eine schützende Sphäre. Eine Blase! „Klan Phönix, greift an!“
Die gesamte Raid-Gruppe von Phönix reagierte sofort. Plinto hatte nicht einmal die Gelegenheit, sich mir zu nähern, als er auch schon gebremst wurde. Über ihn wurde ein Versteinert-Debuff verhängt, und wenige Sekunden später landete er beim Respawn. Mit anderen Worten – man wurde sehr rasch und professionell mit ihm fertig. Mich beschäftigte inzwischen etwas anderes. Vor einer Weile hatte das System im Namen des Imperators die Spieler darüber informiert, dass PvP-Kämpfe – also solche unter Spielern – vorübergehend verboten waren. War dieser frühere Befehl des Imperators aufgehoben worden? Merkwürdig – an eine solche Ankündigung konnte ich mich überhaupt nicht erinnern …
„Legion!“, erschallte der Ruf, „Phönix hat den Waffenstillstand gebrochen! Bringt sie alle um!“
„Phönix, Kreisformation!“, reagierte Anastaria sofort. „Wlad, Paul! Erstellt ein Portal und bringt all eure Kämpfer hierher!“
„RUHE!“ Ich hätte nie vermutet, dass Evolett so laut brüllen könnte. Die beiden Gruppen, die sich gerade in den Kampf hatten stürzen wollen, erstarrten und sahen sich überrascht gegenseitig an. Die anderen Klans hatten sich in Sicherheit gebracht und gaben nun ein empörtes Murren von sich. Was mich nicht sehr überraschte – schließlich hatte man sie gerade eines beeindruckenden Schauspiels beraubt! „Die Schattenlegion hat dem Klan Phönix nichts vorzuwerfen und dankt allen Mitgliedern, dass sie die von Plinto ausgehende Gefahr so rasch gebannt haben.“ Mit diesen Worten hatte Evolett die Situation im Handumdrehen entschärft. „Es wird jetzt keine Auseinandersetzung geben. Ich werde persönlich jeden aus dem Klan werfen, der es wagt, einen Phönix-Spieler anzugreifen. Und zwar selbst dann, wenn es in Notwehr erfolgt. Habt ihr das alle verstanden?“ Evolett hatte meine Vermutung bestätigt, dass das Verbot des PvP-Modus weiter bestand. Es galt allerdings nicht für das gesamte System, sondern nur für einen bestimmten Standort. Jedenfalls standen sowohl Plinto als auch eine Reihe von Mitgliedern des Phönix-Klans kurz davor, ein paar Reputationspunkte zu verlieren.
Stille breitete sich in den Ruinen der Festung aus. Die Spieler der Legion starrten ihren Anführer verständnislos an, und unter den Spielern der anderen Klans brach aufgeregtes Flüstern aus. Sie wunderten sich alle, wer zum Teufel das wohl war und wieso er auf einmal den Klan der Schattenlegion befehligte.
„Verdammt!“, knurrte Anastaria, nachdem sie die Mitteilung gelesen hatte, die vor ihr erschienen war. „Unsere Reputation beim Imperator hat sich verringert!“
„Haben sich jetzt alle wieder beruhigt? Dann können wir ja endlich zur Sache kommen.“ Evolett betrachtete zuerst die verwirrten Spieler, dann mich. „Wie ich schon sagte – es wurde dem Ansehen aller Klans ein Schaden zugefügt, also werde ich eine offizielle Erklärung abgeben. Ich rufe einen Herold herbei und erbitte seine Unterstützung!“
Sofort erschien neben Evolett ein Herold. „Du hast mich gerufen, Evolett. Wenn es an einem guten Grund für diese Ladung fehlt, wirst du bestraft werden.“
„Nach dem Beschluss der Klanversammlung bin ich jetzt der Anführer des Klans der Schattenlegion. Ich bitte dich, folgende Tatsache zu bezeugen:“ – Evolett reichte dem Herold ein Blatt Papier – „Plinto wird vom Klan ausgeschlossen. Für seine Handlungen sind wir nicht länger verantwortlich.“
„Angenommen“, hallte die durchdringende Stimme des Herolds. „Ab sofort ist Evolett der Anführer des Klans der Schattenlegion. Ist sonst noch etwas?“
„Oh ja. Ich erkläre nunmehr im Namen des Klans der Schattenlegion den Schamanen Mahan zur unerwünschten Person. Sein Name wird offiziell der schwarzen Liste hinzugefügt, und alle Klanmitglieder werden darüber informiert. Ab morgen wird jedes Klanmitglied, das die Gelegenheit hat, ihn anzugreifen, dies jedoch versäumt, automatisch ausgeschlossen. Herold, ich bitte dich zu überprüfen, dass diese Anweisung eingehalten wird.“
„Stimmst du den Bedingungen für die Aufnahme auf der schwarzen Liste für Mahan zu, der im Imperium Malabar, bei dem Imperator von Malabar, der Göttin Eluna, den Priesterinnen der Göttin Eluna, den Wachen der Pryke-Mine und in der Provinz Krong über positives Ansehen genießt?“ Die Stimme des Herolds hatte nun einen eisigen Unterton angenommen. „Seine Reputation bei anderen Fraktionen wird nicht berücksichtigt.“
Anastaria, Undigit und die anderen Klananführer ließen ihre Blicke überrascht zwischen Evolett und mir hin und her schweifen. Was Evolett betraf, so lag das an dem, was er gesagt hatte. Ich hatte jedoch keine Ahnung, was bezogen auf meine Person der Grund dafür war. Ebenfalls kapierte ich nicht, warum der Herold einige Fraktionen von Malabar nannte, denen ich als Schamane begegnet war, während er andere ausließ, wie etwa den Schamanenrat und den Dunklen Lord von Kartoss.
„Ja! Dies ist die Entscheidung der Klanversammlung.“ Evolett überreichte dem Herold ein weiteres Blatt Papier. Der neue Klananführer sah nicht einfach nur höchst zufrieden aus, sondern konnte sich auch ein breites Grinsen nicht verkneifen. Ebenso wie die anderen „Ewigen Zweiten“ in der Nähe. „Jetzt müssen wir nur noch einen Namen hier einfügen, und zwar den Namen Mahan. Der Klan der Schattenlegion setzt ihn auf die offizielle schwarze Liste.“
„So sei es!“ Der Herold übernahm das Papier von Evolett. Kurz darauf erschallte in der Ferne ein Gong. „Ist das alles?“
„Ja. Ich danke dir, Herold.“ Evoletts Gesichtsausdruck zufolge hatte hier gerade etwas stattgefunden, auf das er schon lange gewartet hatte. Ich hatte zwar wirklich Mühe, es zu begreifen – aber mir war schon klar, dass hier gerade etwas Ungewöhnliches vor sich gegangen war. Einigen der Spieler stand noch immer der Gedanke ins Gesicht geschrieben: „Das kann unmöglich gerade passiert sein!“
„Ich danke dir.“ Ich hatte beschlossen, die Luft zu bereinigen, die ein wenig zu angespannt zu werden drohte. „Nicht jeder besitzt das Privileg, auf die schwarze Liste des zweiten Klans des Imperiums aufgenommen zu werden.“
Ich hatte keine Ahnung, ob es an meinen Worten lag, aber jedenfalls explodierte nun zum zweiten Mal innerhalb einer Stunde die gesamte mich umgebende Welt. Die meisten Spieler riefen oder schrien sich gegenseitig etwas zu, andere standen mit glasigen Augen da. Wahrscheinlich waren sie eifrig damit beschäftigt, Beiträge in den Foren zu verfassen, nachdem sie kurz in die Realität zurückgekehrt waren. Eine Minute später hatte sich die Aufregung endlich wieder gelegt. Evolett lächelte erneut.
„Anscheinend bist du nicht allzu vertraut damit, was es tatsächlich bedeutet, auf der schwarzen Liste zu stehen. Erlaube mir daher, dich aufzuklären. Jeder Klan verfügt über zwei schwarze Listen – eine allgemeine und eine offizielle. Auf der allgemeinen Liste befinden sich Spieler, die dem Klan Ärger gemacht haben, also zum Beispiel Anastaria, Höllenfeuer und so weiter. Wenn ein Spieler aus unserem Klan einem Spieler begegnet, der auf der allgemeinen Liste steht, erhält er eine Mitteilung. Sie besagt, dass sich in der Nähe ein Feind befindet und warnt den Spieler. Auf der allgemeinen Liste landet man recht schnell, denn jeder Spieler mit einem entsprechenden Befugnislevel kann einen Namen hinzufügen. Aber dann gibt es noch eine zweite Liste, die offizielle. Jeder Spieler des Klans zahlt dem Imperator dafür Steuern und opfert einen Teil seiner Reputation. Die Aufnahme deines Namens wird uns jeden Tag 5.000 Goldstücke kosten, ebenso wie eine tägliche Verringerung unseres Ansehens bei allen Fraktionen, die der Herold genannt hat. Die Reputation jedes einzelnen Klanmitglieds fällt am ersten Tag um 1 Punkt, am zweiten Tag um 2 Punkte, am dritten … um 4, am vierten um 8, und so weiter. All dies ist völlig unabhängig davon, ob der Spieler auf der schwarzen Liste sich gerade im Spiel befindet oder sich abgemeldet hat. Der Zähler läuft ständig weiter. Nach drei Wochen wird also jede Reputation, ganz gleich, wie hoch sie anfänglich war, bis zum Hass hinabgesunken sein, und das gilt für alle, die dieses Papier unterschrieben haben. Es erfordert mindestens fünfhundert Unterschriften, einen Spieler auf die schwarze Liste zu setzen. Und auf dem Blatt, das ich gerade dem Herold übergeben habe, stehen sogar mehr als viertausend.“
„Und jetzt kommen wir zur Hauptsache, zu dem Grund, warum jemand überhaupt auf die schwarze Liste aufgenommen wird. Sobald ein Spieler aus dem Klan jemandem begegnet, der auf der offiziellen schwarzen Liste steht, muss er alles unternehmen, das in seiner Macht liegt, um ihn zum Respawn zu senden. Er wird dafür nicht mit dem Merkmal eines PK, also eines Playerkillers bestraft, und er kann sogar in einer Stadt aktiv werden. Die Mitglieder der anderen Klans und alle Spieler, die sich keinem Klan angeschlossen haben, erhalten die Nachricht, dass der Klan der Schattenlegion ihnen eine Belohnung von 5.000 Goldstücken zahlt, wenn sie dich töten. Die Herolde sind dafür verantwortlich sicherzustellen, dass alle Klanmitglieder sich an diese Politik des Zwangsangriffs halten. Weiter werden sie auch zählen, wie oft du von anderen Spielern getötet worden bist. Nicht einmal die sicheren Zonen gewähren jemandem Schutz, der auf der offiziellen Liste steht. Wie du dir denken kannst, ist diese schwarze Liste sehr beliebt bei denjenigen, die eine ganz bestimmte Person bestrafen wollen. Das Verfahren ist natürlich ziemlich teuer, aber manchmal lohnt es sich. Mein Klan hat etwa vierzigtausend Mitglieder, mit einem durchschnittlichen Level von 137. Dir steht ein Tag zur Verfügung, um zu fliehen und dich zu verstecken. In den darauffolgenden zwei Wochen werden unsere Leute sehr gründlich nach dir suchen. Sobald die Reputation jeder Person, die ihre Unterschrift auf dieses Blatt Papier gesetzt hat, bis herab zum Hass gefallen ist, wirst du automatisch von der schwarzen Liste wieder entfernt, falls ich dich nicht bereits vorher entfernt habe. Aber soweit wird es niemals kommen.“ Evolett wirkte so selbstzufrieden wie eine Katze, die den Kanarienvogel gefressen hat. „Das war dann alles von meiner Seite.“
„Evolett, was hast du bloß vor?“, flüsterte Anastarias. Tja, das war es nun wohl, was sie betraf. Sie hatte kein Interesse mehr an Mahan dem Drachen, sondern konzentrierte sich ganz darauf herauszufinden, was der Anführer der Ewigen Zweiten sich ausgedacht hatte.
„Das wirst du schon bald herausfinden, meine Liebe.“ Evolett schenkte ihr ein weiteres, strahlendes Lächeln. „Mahan, du bist eine solche Entdeckung! Du hast nur bei ganz wenigen Fraktionen von Malabar eine positive Reputation erworben – und es sind genau diejenigen, hinter denen ich die ganze Zeit schon her bin!“
„Mahan, der Imperator möchte mit dir sprechen.“ Bei all dem Gerede hatte ich gar nicht bemerkt, wie neben mir ein Herold aufgetaucht war.
„Ja, natürlich“, murmelte ich, doch bevor ich das Portal betreten konnte, hielt mich eine sanfte Berührung von Mirida auf. Sie schienen von allen ganz vergessen worden zu sein.
„Warte!“ Mirida biss sich auf die Lippen, als würde sie sich zu einer schweren, aber notwendigen Entscheidung durchringen. Endlich stieß sie den Atem aus, beugte sich in meine Richtung und sagte rasch: „Ich will dir noch sagen, warum ich nach Dochtheim gekommen bin. Es spielt keine Rolle, was du von mir hältst, doch du sollst die Wahrheit kennen. Mein Name ist Marina.“ Sie bemerkte meine Reaktion und ergänzte rasch: „Ja, eben jene Marina. Ich kennzeichne einen Ort auf der Karte. Treffen wir uns dort, wenn sich eine Gelegenheit dazu ergibt. Bitte komm! Es gibt viel, das ich dir sagen muss.“ Vor meinen Augen flackerte eine Mitteilung, und auf meiner Landkarte wurde ein Ort irgendwo in der Nähe von Anhurs markiert. „Ich verstehe es, wenn du nicht kommst, aber ich bitte dich, gib mir die Chance, alles zu erklären!“ Marina ließ meine Hand los und trat beiseite. Zum Glück herrschte in meinen Gefühlen zu diesem Zeitpunkt ohnehin bereits das absolute Chaos. So konnte ich die Nachricht, dass ich gerade der Ursache meiner achtjährigen Haftstrafe gegenüberstand, einigermaßen ruhig aufnehmen.
„Einen Tag, Mahan – du hast nur einen Tag“, wiederholte Evolett. „Und dann beginnt die Jagd!“ Es klang etwas übertrieben und unnötig; so, als würde in einem alten Schwarz-Weiß-Film der Schurke seine letzten Worte von sich geben. Ich weiß nicht warum, aber es brachte mich zum Grinsen. Angesichts der Tatsache, dass die gesamte Szene auf Video aufgenommen wurde und dieses Video später für die Öffentlichkeit zur Betrachtung hochgeladen werden würde, standen dem Klan der Schattenlegion schattige Zeiten bevor. Ja, ich weiß, das war jetzt ein bisschen doppelt gemoppelt. Allerdings wirkte es nun einmal ziemlich dumm, einen Spieler mit niedrigem Level auf die offizielle schwarze Liste zu setzen, nur weil er erfolgreich einen Raid mehrerer Klans gleichzeitig organisiert hatte. Es warf ein schlechtes Licht auf die Schattenlegion. Aber Evolett war alles andere als dumm; bestimmt hatte er sich das alles vorher ganz genau überlegt.
„Bitte warte hier.“ Kaum war ich aus dem Portal getreten, ließ mir der Herold ein paar Minuten Zeit, um mich umzusehen und mich am Anblick des Palastes nach seiner „Umgestaltung“ durch Geranika zu erfreuen. Selbst in diesem traurigen Zustand war der Sitz des Imperators von Malabar noch atemberaubend: die Steine, der Staub, die Wände mit ihren Einschlägen und die zertrümmerten Statuen, die überall herumlagen – all diese Zerstörung unterstrich nur die Erhabenheit der Aussicht. Man hatte das Gefühl, es waren gleich mehrere Teams von Designern damit beschäftigt gewesen, dem Palast genau den richtigen „Look“ einer halben Ruine zu verpassen.
„Ich bedauere es ein wenig, dass ich all diese Schönheit nicht während ihrer besseren Tage erblickt habe“, bemerkte der ehemalige Vorsteher von Dochtheim, ehemalige Meister des Imperiums von Kartoss und derzeitige Imperator von Malabar, als er auf mich zu schritt. „Eines muss man dem alten Imperator lassen – Geschmack hatte er. Komm, es wird Zeit, unseren Helden zu belohnen.“
Ich weiß nicht, was es war – der zerstörte Palast, oder die Tatsache, dass der Mond im Sternbild des Wassermanns stand; jedenfalls erfasste mich keinerlei Aufregung über die Boni, die mir überreicht werden sollten. Ich hatte das Gefühl, mein innerer Zoo war völlig entmutigt und hatte sich der absoluten Apathie überlassen. Mein hordender Hamster bot einen besonders armseligen Anblick. Unter normalen Umständen wäre er sofort dem Imperator hinterhergelaufen, geifernd in Erwartung der guten Dinge und begierig, sie sich in seine Taschen zu stopfen. Doch weit davon entfernt! Er saß da und betrachtete voller Trauer die niedergeschlagene Gierkröte. Dabei konnte er seine Tränen nur mühsam zurückhalten. Rasch öffnete ich das Protokoll meiner Quests und überflog die Beschreibung, um mich vor der ansteckenden Melancholie zu schützen:

1.„Nächtlicher Schrecken“. Selten. Abgeschlossen. Belohnung: + 400 Reputation in der Provinz Krong, + 500 Erfahrung, + 80 Silbermünzen, ein seltener Gegenstand aus dem Besitz des Vorstehers.
2.„Suche nach dem dunklen Koordinator“. Einzigartig. Abgeschlossen. Belohnung: + 4.000 Reputation beim Imperium Malabar, + 4.000 Erfahrung, + 10.000 Goldmünzen, 1 skalierender Gegenstand aus der Sammlung des Imperators.
3.„Letzte Hoffnung, Teil III“. Selten. (Zeit bis zum Respawn der Wölfe: 2 Monate, 21 Tage.)
4.„Das Auge der Dunklen Witwe”. Die Quest wird verfügbar mit Level 100. Legendär.
5.„Der Weg des Schamanen, Teil III: Absolviere die Prüfung und werde ein Großschamane“. Klassenbasiert.
6.„Späte Gerechtigkeit“. Klassenbasiert. Einzigartig.

Ich wollte gerade die Quest mit den Wölfen entfernen, doch irgendetwas in mir hielt mich zurück. Questreihen warf man nicht einfach weg. Schließlich musste ich die Quest ja nicht füttern, und es gab auch keine Beschränkung für die Anzahl der gespeicherten Quests. Und es wäre sehr interessant zu beobachten, was für verrückte Dinge die Programmierer für diese Questreihe im Sinn hatten. Der Leitwölfin diese Pfeile herauszuziehen, das war wirklich eine ganz besondere Erfahrung gewesen! Schon der bloße Gedanke daran ließ mich erschaudern. Wahrscheinlich gab es am Ende dafür doch irgendeine Belohnung, wenn auch sicher nur eine geringe. Das glückliche Quieken des Hamsters, der einen Hauch von Bonus erschnüffelt hatte, war so leise, es war kaum zu hören. Die Zahnräder meines Gehirns mussten total in Unordnung geraten sein!
„Späte Gerechtigkeit“, das war eine gute Quest. Dafür hätte ich mich jedoch den ganzen Weg zur Provinz Serrest begeben müssen, und dort lag meine Reputation beim Hass; dank des Gouverneurs dort. Ich fragte mich, ob es wohl möglich war, beim Gouverneur selbst ein höheres Ansehen zu genießen als in seiner Provinz? Und würde man mich sofort hinauswerfen, oder mir vorher wenigstens Gelegenheit geben, mit Prontho zu reden? Nun, ich würde es herausfinden, wenn ich mich dorthin begab.
Es würde noch eine ganze Weile dauern, bis die Quest „Das Auge der dunklen Witwe“ freigeschaltet wurde. Zwei andere Quests hatte ich bereits abgeschlossen, also blieben keine Aufgaben mehr übrig, außer dem „Weg des Schamanen“ und der „Späten Gerechtigkeit“. Dem Zähler zufolge fand die nächste Prüfung zum Großschamanen erst in zwei Monaten statt. Sogar das machte mich ein wenig traurig. In Dochtheim hatte ich begonnen, mich wie ein Protagonist in globalen Spielereignissen zu fühlen. Doch kaum war alles vorbei, wurde ich wieder zu einem ganz normalen, gewöhnlichen Spieler, von denen es in Barliona unzählige gibt. Erneut war ich nichts als einer von vielen.
Vom Zugang zu ihren Palästen einmal abgesehen, verschaffte mir meine gute Reputation beim Imperator und beim Dunklen Lord keinerlei Vorteile. Und selbst dieser Zugang ermöglichte mir lediglich, im Palast herumzugehen, bei der Wiederherstellung seines alten Zustands der Pracht zuzuschauen und neidisch danebenzustehen, wenn Anastaria und Höllenfeuer einzigartige Quests mit hohen Belohnungen einsackten. Es bestand kein Zweifel daran – die gesamte Führung des Phönix-Klans hatte beim Imperator an Hochachtung gewonnen.
Der Imperator brachte mich in einen kleinen Raum, den ein paar Fackeln erleuchteten. Durch ein schmales Fenster fiel ein Hauch von Tageslicht, doch davon abgesehen herrschte Düsternis. Die Leere wurde von einem einzigen Gegenstand durchbrochen, einem schmalen Holztisch mit geschwungenen Beinen. Nie hätte ich gedacht, dass es in einem Palast solch trübsinnige Räume überhaupt geben konnte!
„Nach allem, was ich von dir weiß, geht es dir nicht um aufwändige Belohnungen.“ Lächelnd nahm der Imperator eine Schriftrolle vom Tisch. „Du erhältst diesen Gegenstand für den Abschluss der Quest des ‚Nächtlichen Schreckens‘. Auch wenn ich nicht länger Dorfvorsteher bin, muss ich dennoch den Mann belohnen, der meinen Sklic gefunden hat. Du hast gute Arbeit geleistet.“ Mit diesen Worten überreichte Naahti mir die Schriftrolle.

Belohnung für den Abschluss der Quest „Nächtlicher Schrecken: + 400 Reputation in der Provinz Krong, + 500 Erfahrung, + 80 Silbermünzen, ein Juweliersrezept für ein Schmuckkästchen aus Malachit mit Intarsien aus Lapislazuli.

Rasch lernte ich das Rezept, öffnete das Rezeptbuch und betrachtete mir seine Beschreibung:

Schmuckkästchen aus Malachit mit Intarsien aus Lapislazuli
    • Beschreibung: Ein hübsches und haltbares Kästchen für Schmuck. Kann 10 Gegenstände aufnehmen. Aufgrund des Attributs Handwerk wird ein Bonus hinzugefügt: Das Kästchen kann zusätzliche + (Handwerk) Gegenstände fassen. Gegenstandsklasse: Selten. Mindestlevel: 50.
    • Herstellungsvoraussetzungen: Mindestlevel im Juwelierhandwerk: 40.
    • Zutaten: 2 Stücke Malachit, 2 Stücke Lapislazuli, 4 Bronzedrähte
    • Erforderliche Geräte: Juwelierswerkzeuge

Nun … Das war schon nicht schlecht, vermutete ich einmal. Einerseits war es ein neues Rezept, andererseits allerdings … eine ziemliche Enttäuschung. Ich hatte mir mehr erhofft. Mein Gesichtsausdruck brachte den Imperator zum Lachen.
„Du musst wirklich lernen, deine Gefühle besser zu beherrschen. Du siehst gerade aus wie jemand, dem man etwas sehr Unangenehmes angeboten hat. Du musst berücksichtigen, dass die Aufgabe, den Sklic zu finden, mit Beginn der Schlacht von Dochtheim eigentlich hätte entfernt werden müssen. Ich habe jedoch beschlossen, die Quest bestehen zu lassen. Aber kommen wir jetzt zu einer Belohnung, die eher nach deinem Geschmack sein sollte; der Belohnung für die Suche nach meinem früheren Ich.“

Belohnung für die Quest „Die Suche nach dem dunklen Koordinator: + 4.000 Reputation beim Imperium Malabar, + 4.000 Erfahrung, + 10.000 Goldmünzen, 1 skalierender Gegenstand aus der Sammlung des Imperators (die Auswahl des Gegenstands bleibt dir überlassen).

Ich bemerkte, wie genau 10.000 Goldmünzen in meinen Geldbeutel fielen. Wie sich herausstellte, war die übliche imperialen Strafgebühr von diesem Betrag bereits abgezogen worden. Rasch versuchte ich zu errechnen, wie hoch die Summe vor diesem Abzug gewesen sein musste, doch es ergab sich keine glatte Zahl, sondern ich kam nur auf Bruchzahlen. Ach, egal!
„Auf dem Tisch liegen fünf Gegenstände, die dir entsprechen“, fuhr der Imperator fort. „Du kannst einen davon wählen. Von den Thrizinianern könntest du diese Gegenstände nicht kaufen; nicht einmal dann, wenn deine Reputation bei ihnen bei Bewundert läge. Die Eigenschaften der Gegenstände wirst du erst sehen können, nachdem du deine Wahl getroffen hast, also überlege dir die Sache gut.“
Ähm … Ich konnte die Eigenschaften der Gegenstände nicht sehen? Und wie zum Teufel sollte ich mich dann für einen davon entscheiden? Auf dem Tisch lagen, ganz ordentlich aufgereiht, fünf Dinge: ein Schamanenhut mit einem Rehgeweih, wie Almis einen besaß; ein gefederter Umhang, der nahezu identisch mit dem war, den ich gerade trug; Stiefel; Hosen; und Armschienen. Ich nahm es dem Imperator nicht ab, was er gesagt hatte, und überprüfte die jeweiligen Eigenschaften, doch sie waren tatsächlich verborgen. Wie sollte ich jetzt bloß auswählen? Meine Laune sank weiter. Wie lange erwartete man wohl von mir, weiter diese kleinen Ratespielchen zu spielen? Pah! Die konnten mir doch alle mal den Buckel runterrutschen mit ihren Belohnungen!
„Ich lehne Euer Geschenk respektvoll ab“, erklärte ich und erwiderte fest den Blick des Imperators. „Ich weigere mich, eine uninformierte Entscheidung zu treffen. Es ist besser, alles abzulehnen, als es für immer bereuen zu müssen, die schlechtestmögliche Wahl getroffen zu haben. Ich danke dem Imperator für seine Großmut, aber … Nein, ich werde keinen der Gegenstände wählen.“
„Du hast deine Wahl getroffen“, erwiderte der Imperator ruhig. Sofort verschwand der Tisch mitsamt allen Gegenständen. „Die Herolde werden dich hinausbegleiten.“
Mein hordender Hamster hob kurz den Kopf für einen flüchtigen Blick zu mir und ließ ihn dann wieder sinken. Sein Kampfgeist war erloschen.
„Mahan! Was machst du denn hier?“ Kaum hatten wir den Raum verlassen, tauchte auf einmal Tisha neben uns auf. „Vater, hast du dir eine Belohnung für ihn überlegt?“
„Er hat sie abgelehnt“, antwortete der Imperator, noch immer ganz ruhig. „Mahan hält den Imperator für unwürdig, ihm eine Belohnung zu gewähren.“
Neben mir erstarrte Tisha erschrocken. „Mahan, stimmt das?“
Die Richtung, die diese Unterhaltung nahm, gefiel mir überhaupt nicht. Der Intelligenz-Imitator gab sich große Mühe, mich wie einen undankbaren Mistkerl dastehen zu lassen, der rüde ein Geschenk zurückwies. Als ob! Ich war durchaus in der Lage, mich zu verteidigen! Ich nahm fünf verfluchte Ringe aus meinem Beutel, verbarg ihre Eigenschaften und hielt sie auf meiner Hand Tisha entgegen.
„Wähle einen der Ringe und lege ihn an, ohne hinzuschauen.“
„Aber ich kann doch ihre Eigenschaften gar nicht sehen!“, protestierte das Mädchen.
„Genau darum geht es ja. Also, wähle einen Ring aus und stecke ihn dir an den Finger.“
Tisha nahm einen der Ringe, der die Stärke um 5 % verringerte, schob ihn sich über den Finger und rief aus: „Das ist ja ein verfluchter Ring! Mahan! Was soll das denn bedeuten?“
Durch das Anlegen wurden die Eigenschaften des Rings für den Träger sichtbar. Verärgert zerrte Tisha ihn sich wieder vom Finger und warf ihn in meine Richtung.
„Was hast du bloß gemacht? Ich habe dir vertraut! Du …“
„Warte, Tisha“, unterbrach sie der Imperator und wandte sich an mich. „Öffne die Eigenschaften der anderen Ringe und gib sie mir.“
Naahtis Forderung schien harmlos zu sein, also hob ich den Ring auf, den Tisha weggeworfen hatte, und ließ ihn zusammen mit den anderen in die Hand des Imperators fallen.
Sorgfältig betrachtete der sich jeden einzelnen Ring. „Hast du die hergestellt?“
„Ja, und zwar aus dem Material, das ich in Dochtheim gesammelt hatte. Aber nachdem die Umwandler ihre Arbeit getan hatten, kamen immer nur solche Gegenstände heraus, was ich auch angestellt habe.“
„Was hast du mit diesen Ringen vor?“
„Ich werde sie zu Elisabeth bringen, damit sie sie segnet. Ansonsten sind sie ziemlich nutzlos.“
„Hast du noch immer eines der Amulette, die du in Dochtheim angefertigt hast?“ Der ehemalige Vorsteher stellte mir eine Frage nach der anderen. In mir rührte sich etwas, das ich schon für auf ewig verloren gehalten hatte – echtes Interesse. Was konnte der Imperator bloß mit meinen Ringen und dem Amulett anstellen wollen? Merkwürdig …
„Ja, hier ist es.“ Ich nahm das Amulett eines Novizen aus dem Beutel und gab es Naahti. Dabei war ich fest überzeugt gewesen, er würde sich sofort nach dem Zugreifen in einen Vagren verwandeln, doch Imperatoren waren gegen solche Dinge offensichtlich immun.  Naahti gab mir vier der Ringe zurück und behielt nur einen von ihnen. Er nahm ihn in eine, das Amulett in die andere Hand und tat etwas, das ich für völlig unmöglich gehalten hatte: Er kombinierte die beiden Gegenstände miteinander. In seinen Händen leuchtete etwas hell auf, und als das Funkeln verblasste, verschwanden sowohl der Ring als auch das Amulett, als hätte es sie nie gegeben. Auf dem Gesicht des Imperators breitete sich ein zufriedenes Lächeln aus.
„Papa?“ Mit geweiteten Augen blickte Tisha ihren Vater an. „Du hast gerade …“
„… etwas zerstört, das einem anderen gehört?“ Der Imperator hob die Augenbrauen. „Ich weiß. Mahan wird für seine Verluste entschädigt. Ich zahle ihm einhundert Goldmünzen für den Ring und eintausend für das Amulett.“ Kaum hatte er diese Worte ausgesprochen, erhielt ich auch schon die Nachricht, dass 770 Goldmünzen in meinem Beutel gelandet waren; nach Abzug der Strafgebühr. „Aber viel wichtiger ist etwas anderes. Zum einen hat Mahan mir vor Augen geführt, dass es falsch war, ihn blind auswählen zu lassen. Und zum anderen habe ich eine Aufgabe für ihn.“
„Blind auswählen?“, fragte Tisha.
„Ja. Ich habe ihm die Auswahl unter fünf Gegenständen mit verborgenen Eigenschaften angeboten. Er hat sich geweigert, einen davon zu wählen, und jetzt verstehe ich auch warum. Anscheinend hat er nicht vergessen, wer ich war, bevor ich zum Imperator geworden bin. Sein Misstrauen ist also nicht ganz unbegründet.“ Es war zu meinem Glück, dass der Imperator so klug war. Er hatte die Ursache meines Verhaltens erkannt, sie erklärt und vor allem: Er war von dem überzeugt, was er sagte. Ich kehrte langsam zu meinem Normalzustand zurück, und schon traf mich die erschreckende Erkenntnis, wie meine Weigerung auf ihn gewirkt haben musste. Sie hatte mich als hochmütigen Schamanen erscheinen lassen, der über die Geschenke des Imperators die Nase rümpfte. Wie gut, dass man mir dafür keine Reputationspunkte abgezogen hatte!
„Du hast mir gezeigt, wie falsch mein Verhalten war“, fuhr der Imperator fort. „Wir sollten noch einmal zu dieser Belohnung zurückkehren. Diesmal wirst du allerdings keine Entscheidung treffen dürfen, sondern das annehmen müssen, was ich für dich auswähle. Doch das hat Zeit. Momentan kann ich nicht aufhören, an diese Schachfiguren zu denken, die in der Haupthalle stehen. Sie konnten lediglich von einem Verfluchten Handwerker geschaffen werden. Hattest du jemals einen solchen Titel geführt?“
Ich nickte. Noch war mir nicht klar, worauf der Imperator hinauswollte. Und warum verwendete er die Vergangenheitsform?
„Das Amulett eines Novizen von Eluna kann von jeder Person hergestellt werden, die bei den Priesterinnen über eine positive Reputation verfügt. Aber du warst ein Verfluchter Handwerker. Deshalb musstest du zuerst einmal zu einem Gesegneten Handwerker werden, bevor du dieses Amulett herstellen konntest. Stimmt das?“
Erneut nickte ich. So langsam verlor ich den Überblick über all diese Handwerker; inzwischen gab es einfach zu viele davon.
„Papa, ich verstehe wirklich nicht, was du damit sagen willst!“, beklagte sich Tisha, die noch immer neben uns stand. Um ehrlich zu sein, sprach sie damit genau das aus, was ich dachte. Ich hatte ebenfalls keine Ahnung, was der Imperator plante.
„Komm!“ Der Imperator machte eine Handbewegung, und es öffnete sich ein Portal. „Ich muss dir etwas zeigen.“

Du hast den Zugang zum Thronsaal des Imperators erlangt. Derzeitiges Level des Palastzugangs: 46 %. Nächster Innenbereich: Das Büro des Imperators.

Ich wischte die Mitteilung fort, für die manche Spieler sofort zwei Jahre ihres Spiels gegeben hätten, und trat in das Portal. Was der Imperator wohl von mir wollte?
Die Antwort war recht ungewöhnlich: Mitten im Thron steckte ein Dolch. Auch ohne mir seine Eigenschaften zu betrachten, wusste ich sofort, dass es sich um einen Verfluchten Gegenstand handelte. Von ihm gingen Wellen der Dunkelheit aus, lediglich in Schach gehalten von Statuen der Göttin Eluna, die um den Thron herum aufgestellt worden waren.
„Dies ist ein Geschenk von Geranika für den zukünftigen Imperator“, erklärte Naahti. „Niemand kann diesen Dolch berühren, weder der Imperator noch der Dunkle Lord. Er kann lediglich zerstört werden, indem man ihn mit einem heiligen Gegenstand verbindet, so wie ich es gerade mit dem Ring und dem Amulett getan habe. Allerdings gibt es im gesamten Imperium nur sehr wenige dieser Gegenstände, und sie befinden sich alle in Tempeln. Es können weder der Thron noch diese Gegenstände bewegt werden, sonst verlieren sie ihre Eigenschaften. Der neuen Hohepriesterin ist es gelungen, die Auswirkungen des Dolches auf den Palast einzudämmen. Aber dies bedeutet, dass ich meinen Thron nicht besteigen kann. Ohne seinen Thron kann ein Imperator nicht lange bestehen. In vier Monaten werde ich einfach verschwinden.“
„Nein!“, rief Tisha entsetzt.
„Beruhige dich, meine Liebe. Noch ist nicht alles verloren. In einer Woche werde ich alle Helden des Imperiums hier versammeln und sie um Hilfe bitten. Diesen Schriftrollen zufolge“ – auf einmal hielt der Imperator Schriftrollen in Händen – „befindet sich irgendwo in den Tiefen der Freien Lande ein verlorenes Heiligtum des Lichts. Mit seiner Hilfe kann der Dolch zerstört werden. Für die Helden, denen ich diese Aufgabe anvertraue, gelten strenge Voraussetzungen, wie unter anderem ein Mindestlevel von 200. Ihre Reputation beim Imperator spielt keine Rolle – ich bin bereit, auch Verbannten auf halbem Weg entgegenzukommen und ihnen eine zweite Chance zu geben. Allerdings werde ich die Vor- und Nachteile vorher sorgfältig abwägen …“
„Und welche Rolle spiele ich dabei?“ Das Szenario der Öffnung von Kartoss als Spielerfraktion würde sich, wie es aussah, in einer Woche fortsetzen, und zwar ausschließlich unter Spielern mit hohen Leveln.
„Du bist ein Gesegneter Handwerker. Ich darf mich nicht ausschließlich auf den Erfolg der Suche nach dem Heiligtum verlassen. Selbst wenn es gefunden wird, dann vielleicht nicht innerhalb der mir noch verbleibenden Frist.  Es ist meine Pflicht als Imperator, mein Imperium vor allen Risiken zu schützen, und dein Verhalten hat mich auf eine interessante Idee gebracht. Ich werde nicht nur den Helden, sondern auch den Handwerkern des Imperiums eine Aufgabe stellen. Sie sollen sich nicht der Suche anschließen, sondern sich darum bemühen, ein heiliges Artefakt zu erschaffen, das in der Lage ist, den Dolch zu zerstören. Vielleicht gelingt es ja jemandem tatsächlich. Dir stelle ich diese Aufgabe schon jetzt, auch wenn du die notwendigen Anforderungen nicht erfüllst. Die Vorfälle in Dochtheim haben mir gezeigt, dass es manchmal die Sache wert ist, ein Risiko einzugehen und einem freien Bürger mit einem geringen Level zu vertrauen.“

Die Quest „Erschaffen eines Heiligen Artefakts“ ist verfügbar.
Beschreibung: Das Imperium von Malabar steht vor dem Abgrund: Ein verfluchter Dolch wurde tief ins Herz des Thrones gestoßen. Wenn dieser Dolch nicht innerhalb von vier Monaten zerstört werden kann, wird der Imperator sterben. Erstelle einen heiligen Gegenstand, der in der Lage ist, den Dolch zu zerstören.
Belohnung: + 500 Reputation beim Imperator, + 15 Level, + 50.000 Goldmünzen, ein skalierender Gegenstand aus der Sammlung des Imperators.
Strafe bei Nichterfüllung/Scheitern der Quest: keine.
Quest-Typ: Szenario.
Anforderungen: Mindestens 100 Level im Hauptberuf (die Quest kann nicht abgeschlossen werden, wenn das Level des Hauptberufs bei weniger als 100 liegt).
Levelbeschränkungen: keine.
Frist für den Abschluss der Quest: 127 Tage ab dem Zeitpunkt ihrer Ausgabe.

„Ich werde alles tun, was ich kann, um den Dolch zu zerstören“, das waren die einzigen Worte, die ich hervorbringen konnte, nachdem ich die Beschreibung gelesen hatte. + 15 Level … Für eine solche Quest würden Anastaria und Höllenfeuer alles andere stehen und liegen lassen und sich mit voller Kraft aufs Leveln im Handwerk stürzen. Es ist verdammt schwer, einen Charakter auf Level 100 zu bringen, aber es ist machbar. Das Erreichen von Level 200 allerdings verlangt nach einer ganz besonderen Anstrengung, und von Level 300 an aufwärts ist jedes einzelne Level ein Grund zum Feiern. Und diese Quest verschaffte dem erfolgreichen Spieler auf einen Schlag + 15 Level!
„Ich habe keine Zweifel daran, dass du die Quest annehmen wirst“, sagte der Imperator ernst. „Aber lass uns jetzt zur Frage deiner Belohnung zurückkehren. Ich glaube, dieser Gegenstand passt besser zu dir als alle anderen.“ Mit diesen Worten reichte Naahti mir die Stiefel. „Trage sie mit Stolz!“
Mit einer Verbeugung nahm ich das Geschenk des Imperators an und konnte mir jetzt endlich die Eigenschaften meiner Belohnung betrachten. Was konnte das wohl für ein Gegenstand sein, den man sich nicht einmal von Thrizinianern beschaffen konnte?

Du hast einen Gegenstand erhalten: „Schamanenstiefel des Flinken Laufens“.
Haltbarkeit: unzerbrechlich.
Beschreibung: Schamanen verbringen den größten Teil ihres Lebens unterwegs. Bequeme Schuhe sind daher eine Garantie für einen zufriedenen und höchst lebendigen Schamanen.
+ 40 für das Höchstlevel der Energie, die für die Geisterbeschwörung erforderliche Zeit ist um 50 % verringert, + (Spielerlevel x 10) Intelligenz, + (Spielerlevel x 5) Ausdauer, + (Spielerlevel x 3) Beweglichkeit, + (Spielerlevel x 7) Verteidigung gegen alle Schadenstypen.
Gegenstandsklasse: skalierend, integriert.
Levelbeschränkungen: keine.

Endlich gelang es meinem inneren Hamster, seine Apathie abzuschütteln. Er machte in seinen Stiefeln begeisterte Luftsprünge, blies den Staub von ihnen und betrachtete den Imperator voller Liebe. Dabei versprach er feierlich, schon am nächsten Tag das heilige Artefakt herzustellen. Was tat er nicht alles für ein Artefakt wie dieses!
„Noch eine letzte Sache – du kannst das Heiligtum in Anhurs herstellen und dich dabei der Unterstützung der Hohepriesterin bedienen, aber ich rate dir, stattdessen lieber in die Freien Lande zu reisen. Dort befinden sich viele unentdeckte Ressourcen, und einige davon sind sicherlich der geheiligten Art. Es ist natürlich an dir, die Entscheidung zu treffen – ich kann dir nur einen Rat geben. Und jetzt entschuldige mich bitte, ich muss dich nun verlassen.“
Nach einem kurzen Nicken öffnete der Imperator ein Portal, und kurz darauf war ich mit Tisha allein. Rasch zog ich die Stiefel an, bevor irgendjemand seine Meinung ändern konnte, und musste zu meinem Bedauern feststellen, dass der Bonus, den Ricks Kleidungsset mir verliehen hatte, anschließend verschwunden war. Ich musste mich entscheiden – entweder zog ich diese neuen Wunderstiefel an, oder ich behielt die Boni von allen acht Gegenständen im Set. Die neuen Stiefel waren der klare Gewinner. Ricks Ausrüstung würde ich ohnehin bald austauschen müssen, denn ich war inzwischen aus ihr herausgewachsen.
„Wohin wirst du jetzt gehen?“ Tisha hatte anscheinend beschlossen, in der Rolle der durch die Ereignisse wie betäubten Prinzessin zu verbleiben. Die Änderung in der Person des Imperators war nahezu schmerzlos eingetreten, und die Entwickler hatten sich bereits eine Massen-Quest für die Spieler ausgedacht, aber Tisha befand sich noch immer im Schockzustand. Ob damit wohl eine Quest verbunden war?
„Ich werde erst einmal Beth einen Besuch abstatten. Sie hat mich gebeten, bei ihr vorbeizukommen, sobald ich in Anhurs bin. Anschließend begebe ich mich zum Registerführer und lasse endlich meinen Klan eintragen. Und dann … Nun, das werde ich sehen. Prinzessin, kann ich Euch irgendwie behilflich sein?“
„‘Prinzessin‘ … Das klingt so … merkwürdig. Nun … nein, ich …“
Angesichts der Tatsache, dass Tisha Mühe hatte, sich zu entscheiden, befand ich mich wohl an der Schwelle zu einer neuen Quest. Ich betrachtete mir den Wert meiner Attraktivität für sie: 39 Punkte. Wie merkwürdig! Bei der ganz normalen Tisha in Dochtheim hatte ich es auf 83 Punkte oder sogar höher gebracht, aber hier, mit ihr als Prinzessin, waren es nur 39. Was nur natürlich war – schließlich waren dies zwei völlig verschiedene Imitatoren, auch wenn sie ein und denselben NPC spielten. Aber der Abstieg war dennoch ein wenig zu frappant. Anscheinend brauchte ich mindestens 40 Punkte für eine Quest. Verdammt! Ich sah auch keine Möglichkeit, den Wert zu verbessern. Ich erinnerte mich an das Kleid, das ich Reptilis gegeben hatte – und schon erwachte meine Gierkröte aus dem Winterschlaf. Dieser Echserich hatte es nicht nur versäumt, mir den Restbetrag zu zahlen, den er mir schuldete (obwohl … vielleicht hatte er inzwischen sogar bezahlt; ich war bisher noch nicht auf der Bank gewesen), sondern außerdem hatte ich ihm auch einen Gegenstand überlassen, den ich jetzt bei Tisha gut hätte gebrauchen können. Ich hätte ihr das Kleid nur zum Geschenk machen müssen, und schon wäre sie Wachs in meiner Hand gewesen! Sie hätte mir jede Quest überlassen und jede Unterstützung gewährt – innerhalb eines gewissen Rahmens natürlich. Wie hatte ich nur so dumm sein können!
„Tisha“, begann ich und ging das Risiko ein, sie bei ihrem Namen zu nennen. In Dochtheim hatte es keinerlei Probleme verursacht, die Vornamen von NPCs zu verwenden. Aber hier waren wir im Palast, und sie war eine Prinzessin. Da konnte es mich in ziemliche Schwierigkeiten bringen, sie nicht als solche anzusprechen. „Wie wäre es damit – ich muss jetzt erst einmal ein paar Dinge erledigen, aber am Abend komme ich zurück in den Palast, und dann können wir reden. Ich habe Zugang zum Palast, und sogar zum Thronsaal, also können wir uns genau hier wieder treffen und uns richtig unterhalten.“
„In Ordnung“, lächelte das Mädchen, als sei ihr eine schwere Last von der Seele genommen worden. „Bis heute Abend dann!“
Tisha verschwand wie der Blitz; ich hatte kaum Zeit zu bemerken, dass ich nun allein war. Na toll! Und wie bitte sollte ich jetzt den Weg hinaus finden? Schließlich kannte ich den Grundriss des Palastes überhaupt nicht!
„Der Imperator hat mich gebeten, dich zu begleiten.“ Wie ein Flaschengeist war ganz plötzlich neben mir ein Herold aufgetaucht. „Wohin möchtest du gehen?“
„Ich muss zur Hohepriesterin von Eluna“, sagte ich, nachdem ich rasch die Fassung wiedergewonnen hatte. „Bitte transportiere mich dorthin. Oder, wenn du mich nicht direkt dorthin bringen kannst, dann bitte zu einem Ort, wo ich um eine Audienz bei ihr bitten kann.“
„Bitte hier entlang.“ Der Herold öffnete ein Portal und ergänzte: „Die Hohepriesterin ist bereit, dich zu empfangen.“

* * *

Beths Büro wirkte sehr spartanisch. Es gab hier nur einen einfachen Tisch, auf dem sich verschiedene Dokumente türmten, einen Holzstuhl und bescheidene Vorhänge in blassen Farben, die die Wände vollständig bedeckten. In der Realität hätten diese Vorhänge eine Anzahl von Wachen verborgen, die bereit waren, sofort zuzuschlagen, wenn jemand ihre Herrin bedrohte. In Barliona allerdings, da war ich mir ziemlich sicher, befanden sich dahinter lediglich Regale voller Bücher und Schriftrollen, die nicht für die Augen gewöhnlicher Sterblicher bestimmt waren. Andererseits … Gewöhnliche Sterbliche hätten nicht einmal davon träumen dürfen, das Büro der Hohepriesterin zu betreten. Die Sache mit den Schriftrollen bedurfte also einer weiteren Untersuchung.
„Mahan!” Beth freute sich sichtlich, mich zu sehen. „Wie schön, dass du es geschafft hast, so schnell hierherzukommen. Ich habe bereits damit begonnen, das Chaos zu beseitigen, dass die alte Hohepriesterin hinterlassen hat. Und das einem die Haare zu Berge stehen lässt. Sie hat nicht einmal den Anschein eines Systems oder geordneter Aufzeichnungen gewahrt. Ich habe sie bereits in den Rang einer Novizin zurückversetzt. Sie ist weit besser dafür geeignet, Licht und Wärme ins Leben gewöhnlicher Menschen zu bringen, als sich mit Bürokram zu befassen. Das war niemals ihre Stärke. Es tut mir leid, aber ich habe nur sehr wenig Zeit. Deshalb komme ich gleich zur Sache. Wie sehen deine Pläne für die nächsten drei oder vier Monate aus?“
„Ich muss für den Imperator einen Heiligen Gegenstand herstellen, um den Thron zu befreien“, antwortete ich ehrlich. Es hatte wenig Sinn zu lügen. Meine Attraktivität bei ihr lag bei 91 Punkten, und mit den Priesterinnen von Eluna verband mich Freundlichkeit. Daher konnte ich die Wahrheit sagen, worin auch immer sie bestand.
„Dann weißt du also bereits Bescheid? Der Imperator hat dir sein Geheimnis verraten?“ Einen Augenblick lang erstarrte Beth. „Andererseits sollte mich das eigentlich nicht überraschen, nach allem, das du getan hast …“
Nach einer kurzen Pause suchte Beth in den Aktenstapeln auf ihrem Schreibtisch. Einige Augenblicke lang hörte ich nichts als das Rascheln von Papier und das unterdrückte Murmeln der Priesterin: „Wo ist es denn bloß? In dem Büro könnte man eine ganze Elefantenhorde verlieren! Wobei man es kaum Büro nennen kann – es ist schlicht ein unergründliches Chaos! … Ah, endlich!“
„Den Ring kann ich dir nicht zurückgeben“, erklärte Beth und überreichte mir eine Schriftrolle. „Er ist in dem Augenblick verschwunden, in dem ich in Anhurs eingetroffen bin. Aber ich schulde dir sehr viel, deshalb biete ich dir den Rang eines Priesters der Göttin Eluna an. Du kannst das Stadium eines Novizen überspringen und gleich zum Großpriester werden. Mit dem Imperator habe ich das bereits besprochen, und er hat sich verpflichtet zu helfen. Das ist der Entwurf einer Vereinbarung über den Wechsel deiner Klasse. Du musst sie nur noch unterschreiben.“

An den Spieler in einer Strafkapsel: Angesichts deiner Ankunft in der Hauptspielwelt und des Besitzes einer positiven Reputation bei den führenden NPCs von Malabar gewährt dir die gerichtliche Verfügung Nr. 45-RS344328 die Erlaubnis, deine Charakterklasse zu ändern.
Vorgeschlagene Klasse: Großpriester
Gewählte Gottheit: Eluna die Lichtbringerin
Stimmst du der Änderung deiner Klasse zu? Ja/Nein

„Dieses Angebot kann meine Dankbarkeit nur unzureichend zeigen, aber irgendwo muss ich schließlich anfangen”, fügte Beth hinzu und wartete auf meine Antwort.
Plötzlich kam es mir vor, als würde ein Schleier meine Sicht verdecken, und ein lautes Klingeln füllte meinen Kopf. Es war, als sei mein Blutdruck angesichts dessen, was ich gerade gehört hatte, jäh in die Höhe geschossen. Ich hielt es sogar für eine gute Idee, kurz die Augen zu schließen und mir vorzustellen, das sei alles nur ein Fehler, was gerade geschah, und wenn ich sie wieder öffnete, wäre alles verschwunden. Aber nein! Das System bot mir tatsächlich die Gelegenheit, meine Charakterklasse vom unbeliebten Schamanen hin zu einer der allgemeingültigsten und am meisten geschätzten Klassen zu ändern. Allein schon die Fähigkeit, Spieler während eines Kampfes wiederzubeleben, war eine ganze Menge wert! Und all das konnte ich jetzt sofort und auf der Stelle erlangen!
„Ich … kann nicht …“ Das Sprechen fiel mir schwer, und ich wich Beths Blick aus. Die Erfahrung hatte mich gelehrt: Diejenigen, die Schamanen als eine schwache Klasse betrachteten, hatten von diesem Spiel überhaupt nichts kapiert. Und diejenigen, die die Wahrheit kannten, schwiegen darüber.
„Du weigerst dich?“ Erstaunt hob Elisabeth die Augenbrauen.
„Beth, bitte, du musst das verstehen. Glaubst du, ich hätte irgendetwas von dem zustande gebracht, was ich geschafft habe, wenn ich nicht ein Schamane wäre? Es ist mehr als einfach nur eine Klasse – es ist eine bestimmte Weise zu denken, zu handeln und zu fühlen. Man kann einen Schamanen nicht mit Worten beschreiben, man kann ihn nur erfühlen. Ich wäre sicher ein guter Priester, aber dafür müsste ich einen hervorragenden Schamanen zerstören.“
„Das sind doch alles nur Worte! Du findest also, mein Geschenk sei deiner unwürdig?“ Überwältigt von Emotionen sprang Elisabeth auf. Warum sind Frauen bloß so … schrecklich schwierig? Musste ich wirklich meine Reputation bei der Hohepriesterin aufs Spiel setzen, um ein Schamane bleiben zu können?
„Beth, ich habe nichts dergleichen gesagt! Aber ich kann kein Priester werden – ich bin ein Schamane!“
„Du bist kein Schamane, du bist ein Feigling! Man bietet dir die Gelegenheit, eine große Verantwortung zu übernehmen, und du versuchst, dich herauszuwinden!“
Aha, so standen die Dinge also? Na, dann wurde es langsam Zeit, die schweren Geschütze aufzufahren!
„Beth, wenn Handlanger von Kartoss Brecher … ich meine Avtondil und Mariana entführen würden und man dir ein Ultimatum stellte, du musst entweder ein Krieger werden oder zusehen, wie man deine Kinder umbringt … Wie würdest du dich entscheiden?“
„Was? Du wagst es, solche Dinge miteinander zu vergleichen?“, tobte die Priesterin. Mein Attraktivitätslevel in den Eigenschaften des NPCs begann zu sinken. Derzeit lag es nur noch bei 63 Punkten. Wenn die Unterhaltung auf diese Weise weiterging, konnte ich es vergessen, mir ihre Gunst zu erhalten. Mit all den Folgen, die das nach sich zog …
„Ja, das wage ich!“ Ich musste ebenfalls meine Stimme erheben, um mir Gehör zu verschaffen. „Glaubst du vielleicht, du bist die Einzige in einer solchen Position? Denkst du etwa, nur weil ich ein Schamane bin, trage ich keinerlei Verantwortung? Sag mir einfach, was du tun würdest!“
„Du vergisst dich, Elementar-Schamane“, unterbrach mich Beth scharf und betonte dabei das letzte Wort. Meine Attraktivität war nun auf 47 hinabgesunken.
„Na gut, dann werde ich an deiner Stelle antworten“, fuhr ich ungerührt fort. „Was hast du doch gleich in Dochtheim gesagt? ‚Die Kinder können gehen, aber wir werden hierbleiben und versuchen, die Rotte aufzuhalten.‘ Um deiner Kinder willen bist du bereit, dem Tod ins Auge zu sehen. Wie kannst du dann bloß glauben, dass ich …“
„JA! Ich würde alles aufgeben, nur damit sie leben können!“ Die Attraktivität lag nun bei 34. „Aber was weißt du, ein männlicher freier Bürger, denn schon von Kindern? Wie kannst du diese Teile von mir, die ihre eigene Persönlichkeit gewonnen haben, mit deinem Schamanentum vergleichen?“
Wir waren beim Augenblick der Wahrheit angelangt, bei dem Punkt, auf den ich die ganze Zeit zugesteuert hatte. Ich war bereit, zum Kern meiner Auseinandersetzung mit Beth vorzudringen. Schauen wir doch einmal, oh Hohe, was Ihr denn wohl zu dem zu sagen habt, was jetzt geschehen wird, dachte ich bei mir. Die Mitteilung über die Änderung der Klasse beachtete ich gar nicht mehr. Und die ständig blinkenden Schaltflächen mit „Ja“ und „Nein“ hatten mich lediglich in den ersten Sekunden abgelenkt. Jetzt, nachdem unsere Unterhaltung in einen Brüllwettbewerb ausgeartet war, waren sie mehr und mehr verblasst und inzwischen kaum noch zu sehen. Ich musste mir das alles nicht gefallen lassen – ich war schließlich ein Schamane!

„Draco, komm zu mir, wir müssen da etwas regeln.“
„Schon unterwegs.“

„Hallo Bruder – hast du mich gerufen?“ Draco erschien direkt neben mir.
„Erinnerst du dich an ihn?“, fragte ich Elisabeth, die den Drachen mit geweiteten Augen anstarrte. „Er hat mit deinem Sohn gespielt. Wenn ich zum Priester wechsle, wird er verschwinden. Für immer. Sag mir, verdient er es wirklich, zerstört zu werden? Ist der Rang des Priesters es wert, dass ich den Rest meines Lebens mit der Schuld verbringen muss, für die Zerstörung eines Drachens verantwortlich zu sein? Ich bin bereit, bei dir in Ungnade zu fallen und für immer aus dem Tempel von Eluna verbannt zu werden, solange mein Bruder am Leben bleibt!“ Verdammt, ich hatte es nicht geschafft, mich zurückzuhalten – am Ende schrie ich alles laut und auf einmal hinaus.
„Oh, das hatte ich vergessen …“, bemerkte die Priesterin überwältigt, und zu meiner Freude kehrten meine Attraktivitätswerte zu ihren anfänglichen 91 Punkten zurück. Nein, sie schossen sogar darüber hinaus und erreichten 93! Ich hatte an Reputation bei ihr gewonnen! „Vergib mir. Ich …“ Die Augen der Priesterin füllten sich mit Tränen. „Vergib mir …“
„Beth, ich bin dir sehr, sehr dankbar für dein Angebot, aber du siehst ja selbst – es ist mir einfach nicht möglich, es anzunehmen.“
„Ich habe es dir in der besten Absicht gemacht … Ich dachte, es sei eine solch hohe Ehre, ein Priester zu sein. Siehst du diesen Haufen?“ Sie deutete auf einen Stapel von Papieren. „Das sind alles Anträge von freien Bürgern mit der Bitte, die Initiationsprüfung für den Rang wiederholen zu dürfen. Momentan gibt es in Malabar etwas über eine Million Priester der Eluna, und diese Zahl wächst jeden Tag. Ich weiß nicht, über wie viele Priester andere Götter verfügen, aber sie sind auf jeden Fall zahlreich. Daher dachte ich …“
„… und daher wolltest du mich gleich zum Großpriester machen, richtig? Obwohl ich keine Ahnung habe, was es bedeutet, ein richtiger Priester zu sein. Es hat doch seine Gründe, warum man so lange Zeit im Rang eines Novizen verbringt. Man muss lernen, wie man mit der Göttin kommuniziert und seine eigene Macht steuern kann. Und dann soll ein ehemaliger Schamane gleich zum Großpriester werden? In Anhurs würden mich alle auslachen, wenn ich es auch nur versuchen würde, ein Gebet zu sprechen.“
„So wichtig ist das gar nicht. Du hättest alles sehr schnell gelernt. Das hätte ich als Grund für deine Weigerung niemals akzeptiert, aber ein Drache …“ Beth ging zu Draco und sah mich an. „Darf ich ihn anfassen? Das habe ich mir so sehr gewünscht, als mein Sohn mit ihm gespielt hat, aber ich hatte zu viel Angst.“
„Wie sieht es aus, Draco? Du hast doch nichts dagegen, oder?“
„Natürlich nicht! Es gefällt mir, wenn Leute mich streicheln.“ Draco reckte den Kopf in Richtung der Priesterin, in Erwartung einer Liebkosung.
„Jetzt kann ich sehen, dass er tatsächlich eine Person ist und nicht nur ein Totem“, sagte die Hohepriesterin ernst, und sie streckte nicht einmal die Hand aus, um den Drachen tatsächlich zu berühren. „Du bist ein würdiger Schamane – und mögest du es lange bleiben.“

Die Wahl der Charakterklasse wurde getroffen.
Die Änderungen wurden festgehalten.
Derzeitige Klasse: Elementar-Schamane.

„Kommen wir jetzt endlich zur Sache.“ Rasch wechselte Beth das Thema. „Ich habe dich aus einem guten Grund nach deinen Plänen gefragt. Mahan, die Priesterinnen von Eluna brauchen deine Hilfe!“

Die Quest „Wiederherstellung eines Heiligen Relikts, Teil I: Die Geschichte der Missionare der Eluna“ ist verfügbar.
Beschreibung: Lausche der Hohepriesterin und erfahre die Geschichte der Missionare der Eluna.
Anforderungen: Reputation bei der Göttin Eluna = größer als null; Reputation bei den Priesterinnen der Göttin Eluna: freundlich oder höher.
Klasse der Questreihe: selten.
Belohnung für den Abschluss von Teil I: + 1.500 Erfahrung, + 100 Reputation bei den Priesterinnen der Eluna.
Belohnung für die Questreihe: variabel.
Strafe bei Nichterfüllung/Scheitern der Quest: neutraler Status bei der Göttin Eluna.

„Ich werde alles tun, was ich kann, um den Priesterinnen zu helfen.“ Ich zögerte keine Sekunde mit der Annahme der Quest. Da stand etwas Interessantes bevor, und ich wollte dabei sein.
„Vor zehn Jahren“, begann Beth mit der Erzählung, nachdem sie sich erneut auf den Stuhl hinter dem Schreibtisch gesetzt hatte, nur um sich gleich darauf selbst wieder zu unterbrechen: „Sende deinen Drachen fort. Es gibt keinen Grund, warum er weiter in meinem Büro herumlaufen sollte.“ Dann fuhr sie fort: „Also, vor zehn Jahren – das war unmittelbar nachdem man mich als Hohepriesterin abgesetzt und ins Exil geschickt hatte – wurde eine Expedition von Missionaren in die Freien Lande entsendet. Sie bestand aus vierzig Novizen, zehn Jung- und fünf gewöhnlichen Priestern und wurde geleitet von Großpriester Midial. Abgesehen von den Priestern schlossen sich der Expedition zweihundert Krieger und fünfzig Magier an. Sie besaßen alle Level 200. Das offizielle Ziel der Expedition war es, Elunas Träne zu finden, das verlorene Amulett der Hohepriesterinnen. Unseren Archiven zufolge war es zuletzt in dieser Region gesichtet worden. Wie du wahrscheinlich bereits erraten kannst, sind alle Teilnehmer der Expedition spurlos verschwunden. Weder Midial noch sonst jemand aus der Gruppe ist jemals zurückgekommen, und ihre Kommunikationsamulette haben aufgehört zu funktionieren. Man kann nur raten, was ihnen zugestoßen ist. Viel wichtiger ist jedoch, dass der Großpriester den Stein des Lichts mit sich führte, den seitdem niemand mehr gesehen hat.“
„Der Stein des Lichts?“, unterbrach ich Beth, begierig, mehr darüber zu erfahren. „Was ist das?“
„Eine Konzentration Göttlichen Lichts. Mit seiner Hilfe können Priesterinnen entweder die Dunkelheit vertreiben oder ihre Stärke vollständig wiederherstellen. Der Stein kann bei jeder Verwendung die Macht von zwei Groß- oder zwanzig gewöhnlichen Priestern zurückbringen. Anschließend muss er wiederaufgeladen werden. Das geschieht in einem Tempel. Sobald der Stein auf einen Altar gelegt wurde, kann er zwei Stunden später erneut eingesetzt werden. Diese Steine treten in ganz verschiedenen Formen auf. Manche sehen aus wie ganz gewöhnliche Steine und andere wie kleine Statuen. Alle Steine des Lichts, die sich in Anhurs befinden, sind derzeit um den Thron des Imperators herum aufgestellt und schützen den Palast vor Geranikas Verfluchtem Dolch. Das Rezept für die Herstellung solcher Steine ist verloren gegangen, deshalb ist jedes einzelne Exemplar kostbar. Das ist die ganze Geschichte. Im Namen der Priesterinnen der Eluna bitte ich dich, in die Freien Lande zu reisen und den Stein des Lichts zurückzubringen!“

Die Quest „Wiederherstellung eines Heiligen Relikts, Teil I: Die Geschichte der Missionare der Eluna“ wurde abgeschlossen.
Belohnung: + 1.500 Erfahrung, + 100 Reputation bei den Priesterinnen der Eluna.
Die Quest „Wiederherstellung eines Heiligen Relikts, Teil II: Die Suche nach dem Stein des Lichts“ ist verfügbar.
Beschreibung: Begib dich in die Freien Lande, finde den verlorenen Stein des Lichts, der sich einmal im Besitz des Großpriesters Midial befunden hat, und finde heraus, was den Missionaren zugestoßen ist.
Anforderungen: Reputation bei der Göttin Eluna = größer als null; Reputation bei den Priesterinnen der Göttin Eluna: freundlich oder höher; kombinierter Level der Gruppe = 600.
Klasse der Questreihe: selten.
Belohnung für den Abschluss von Teil II: + 35.000 Erfahrung, + 500 Reputation bei den Priesterinnen der Eluna, + 100 Reputation bei der Göttin Eluna.
Belohnung für die Questreihe: verborgen.
Strafe bei Nichterfüllung/Scheitern der Quest: keine.

„Noch eines“, ergänzte Beth. „Du kannst nicht allein in die Freien Lande reisen, du brauchst Helfer. Ich werde auf deiner Karte den Ort markieren, zu dem die Missionarsexpedition unterwegs war. Sollte jedoch der Gesamtlevel deiner Gruppe nicht ausreichen, wird dieser Marker wieder verschwinden. Reise auf keinen Fall allein – es ist sehr gefährlich!“
„Das werde ich bestimmt nicht“, versicherte ich Beth und ging in Gedanken meine sämtlichen Bekannten durch. Ein kombiniertes Level von 600 ist ziemlich hoch. Einerseits erreichten Anastaria und Höllenfeuer gemeinsam bereits diesen Wert; allerdings hatte ich nicht die Absicht, ihnen diese Quest zu überlassen. Ich musste mich einfach an meine alten Verbindungen wenden, Eric & Co. finden und rasch leveln.
„Wie viel Zeit habe ich, den Stein des Lichts zu finden?“, erkundigte ich mich. Wenn die Quest um einen Monat verschoben werden konnte, hatte ich vielleicht die Chance, in halsbrecherischer Geschwindigkeit selbst ein Dutzend Level zuzulegen, trotz Evoletts entschiedener Drohungen. Das wäre klasse!
„Je eher du dich daran begibst, desto besser.  Insgesamt hast du zwei Monate. Stelle dein Team zusammen und kehre zu mir zurück – ich werde euch alle per Teleportation an die Grenze zu den Freien Landen bringen. Einen Monat später werde ich weitere Teams mit demselben Ziel aussenden. Es tut mir leid, aber die Angelegenheit ist zu wichtig. Wenn wir nichts von dir hören, bin ich gezwungen, die Hilfe der Helden des Imperiums zu erbitten. Der Stein muss unbedingt zurückgebracht werden.“

Änderung der Quest „Wiederherstellung eines Heiligen Relikts, Teil II: Die Suche nach dem Stein des Lichts“.
Frist für den Abschluss: 2 Monate.

„Ich hoffe, du wirst mit dem Stein zurückkehren“, schloss Beth. „Und jetzt musst du mich entschuldigen, ich bin gewaltig im Rückstand damit, meine Angelegenheiten in Ordnung zu bringen. Oh! Wie konnte ich das nur vergessen! Ich habe dir ja noch immer nicht für die Rettung gedankt! Die Hauptbelohnung dafür war nicht der Rang eines Großpriesters, sondern dies …“ Sie zog unter dem Tisch ein kleines Kästchen hervor. Elunas Hohepriesterin war verdammt quecksilbrig, und so sprunghaft, dass man am Ende das Gefühl hatte, einem Kind gegenüberzustehen. Alle Naselang wechselte sie das Thema; anscheinend ermüdete ihr Gehirn, wenn sie sich zu lange mit einem einzigen befasste. Was mich unwillkürlich zur Überlegung veranlasste, ob ihr Imitator in Dochtheim wohl eine Gehirnerschütterung erlitten hatte?
„Es ist vielleicht nicht der Ring des Imperators, aber er wird dir dennoch von Nutzen sein. Trage ihn mit Ehre.“ Beth öffnete das Kästchen und nahm einen Ring heraus. Ein paar Sekunden lang betrachtete sie ihn eingehend, als wollte sie nach einem Makel suchen, dann überreichte sie ihn mir.

Du hast einen Gegenstand erhalten: „Heiliger Ring der Eluna“.
Beschreibung: Gewinn von + 20 % Erfahrung.
Anforderungen: Reputation bei den Priesterinnen der Göttin Eluna: freundlich oder höher.
Gegenstandsklasse: ungewöhnlich, gesegnet.

Die Beschreibung war reichlich knapp, aber die Wirkung absolut erstaunlich! Gesegnete Gegenstände konnten also sehr nützlich sein! Halt – genau das war es doch: Gesegnete Gegenstände!
„Beth, ich muss noch etwas mit dir besprechen. Ich habe in Dochtheim so viele verfluchte Gegenstände hergestellt, es ist beinahe unglaublich! Auch von dem dubiosen Erz habe ich noch etwas übrig. Kannst du all das segnen? Verkaufen kann ich die Sachen so nicht, und es wäre doch zu schade, wenn ich sie alle einfach wegwerfen müsste.“
„Natürlich, leg sie alle auf den Tisch. Es wird Zeit, meinen Priesterinnen eine richtige Arbeit zuzuteilen. Die Unterbrechung in ihrem heftigen Flirten mit den Wachen wird ihnen guttun. Morgen kannst du zurückkommen und alles wieder mitnehmen.“
„Prima! Dann mache ich mich mal auf, mein Team zusammenzustellen. Wir werden den Stein finden!“
Ich steckte mir den neuen Ring an den Finger und begab mich zur Bank von Barliona. Während der letzten Minuten hatte ein blinkendes Bildsymbol in Form eines Buchstabens beharrlich versucht, meine Aufmerksamkeit zu wecken. Das konnte nur eines bedeuten – es war eine E-Mail-Nachricht eingegangen. Von allen Beschränkungen, die mir als Gefangenem auferlegt werden konnten, waren nur noch die Strafgebühr und die deaktivierten Sinnesfilter verblieben. Dadurch waren mir nun kleine Annehmlichkeiten wie Benachrichtigungen und interne Klan-Chats wieder zugänglich. Aber wer bitte konnte denn so scharf darauf sein, mich zu erreichen?


Release - 27. Januar 2020

1 comment :


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