Thursday, August 1, 2019

Die Zitadelle von Alexey Osadchuk




Spiegelwelt Buch #2
Die Zitadelle
von Alexey Osadchuk






Veröffentlichung am 30. Oktober 2019



Kapitel 1



„Also hast du dich entschieden?“ Überraschenderweise nahm Weigner die Nachricht von meinem Umzug recht gelassen hin. „Da hast du dir aber was ausgesucht, das sage ich dir.“
Ich zuckte mit den Schultern. „Mag sein. Du weißt genau, dass ich nicht anders kann.“
„Allerdings. Es klingt vielleicht widersprüchlich, aber das hier ist nicht einfach nur ein Spiel. Wir haben alle mit unseren eigenen Problemen zu kämpfen – und haben unsere eigenen Ziele.“
„Ich kann dir gar nicht sagen, wie ungern ich weggehe.“
Das war die Wahrheit. Ich hasste Veränderungen. Die letzten neun Tage hatte ich so etwas wie Großstadtleben genießen können. Ich hatte ein paar anständige Leute kennengelernt. Zugegebenermaßen hatte ich auch ein paar nutzbringende Beziehungen zu den NPCs der Stadt geknüpft. Aber wie Weigner richtig bemerkt hatte, war das hier nicht einfach nur ein Spiel. Es mochte so aussehen, als würde ich spielen, aber tatsächlich war das mein Leben, egal wie virtuell es war.




„Ich habe dich gerade erst kennengelernt, aber ich glaube, ich werde dich vermissen.“ In seiner Stimme schwang Bedauern mit. „Doryl auch ... Gerade haben wir über dich getratscht, hehe.“
Ich lächelte. „Ebenso.“
„Es gibt hier nicht so viele Leute, mit denen man einfach zusammensitzen und reden kann. Alle haben es immer eilig! Klar, es ist ein Spiel, und sie haben ein Vermögen für ihre Konten bezahlt. Na ja, was soll‘s. Es hat keinen Zweck, zu emotional zu werden. Kommen wir zum Geschäft.“
Ich war ihm dankbar, dass er keine unerwünschten Fragen stellte. Ich war sicher, dass er sich den wahren Grund für meinen Umzug schon denken konnte. Spieler meines Kalibers mieteten nicht einfach eine Wohnung in Mellenville, nur um dann an einen der gefährlichsten Orte der Spiegelwelt weiterzuziehen. Das wusste er besser als jeder andere.
„Also“, fuhr Weigner fort. „Du glaubst, du wirst dich weiter für Lady Mel schinden?“
„Genau. Ich bin völlig zufrieden bei ihr. Das weißt du.“
Er lachte leise. „Ich frage nur fürs Protokoll. Muss sein. Für so eine Entwicklung haben wir verschiedene Szenarien anzubieten: Zum Beispiel, wenn ein Spieler sich so hochgelevelt hat, dass wir ihm keine passenden Minen mehr bieten können.“
Ich musste all meine Selbstbeherrschung aufbieten, um mich nicht zu verraten. Die Sache war die: Ich hatte beschlossen, mein Meister-Level zu verschweigen. Mit Smaragden konnte man gut verdienen und so etwas wie Stabilität erreichen – das hieß, wenn man die Notwendigkeit zum Umziehen beiseiteließ. Wozu sollte ich zu einer neuen Ressource wechseln? Die mochte vielleicht mehr einbringen, aber sie würde mein Problem nicht lösen. Ich hatte so ein komisches Gefühl, dass sie meine Situation vielleicht sogar verschlimmern würde.
Meine derzeitige Priorität war es, einen Kredit zu bekommen. Andererseits, wenn ich so darüber nachdachte ... Vielleicht konnte ich auch viel gewinnen, wenn ich meine Identität preisgab. Ich könnte einem mächtigen Clan wie den Steel Shirts beitreten. Ihre Standorte waren gut geschützt. Sie boten Raids an einige ressourcenreiche Instanzen an. Aber wie sicher war ich, dass ich von ihren Reichtümern profitieren konnte, wenn überhaupt? Nein, ich war nicht gierig oder sowas, ich vertraute nur niemandem mehr. Wie sicher war ich, dass sie etwas von meinem Problem wissen oder gar meinen Standpunkt einnehmen wollten? Höchstwahrscheinlich würden sie einfach meine schwache Position ausnutzen wollen. Zuerst würden sie mich ködern, und dann konnte ich mich von meiner Freiheit verabschieden. Oh nein, danke vielmals.
„Ich verstehe, dass das bei dir noch nicht der Fall ist“, fuhr Weigner fort, ohne sich meines inneren Kampfes bewusst zu sein. „Aber hör auf meinen Rat. Du musst anfangen, all deine Möglichkeiten gegeneinander abzuwägen. Bei deinem Durchhaltevermögen wäre ich nicht überrascht, wenn du es innerhalb der nächsten sechs oder sieben Monate zum Meister schaffst. Und das ist, wie du dir sicher vorstellen kannst, eine ganz andere Nummer.“ Er hob belehrend den Finger.
Ich lächelte und bemühte mich, normal zu wirken. „Danke für den Tipp. Der Trick ist es, sich dabei kein Bein auszureißen.“
Er grinste. „Nicht kneifen! Wenn du deine Karten richtig ausspielst, überlebst du uns alle. Wo war ich ...? Ach ja, also, es gibt verschiedene potenzielle Szenarien. Das Beste für dich wäre glaube ich ein regulärer Transfer. Du hast den Vertrag auf Probe unterschrieben, oder? Die zweiwöchige Probezeit ist noch nicht vorbei. Jetzt hör zu. Lady Mel besitzt in der Nähe der Zitadelle von Maragar einige Smaragdminen. Wie wäre es, wenn wir dich einfach dorthin transferieren? Theoretisch musst du dich nicht einmal bei deren Bossen melden. Geh einfach direkt zur Mine und schürfe nach Herzenslust nach Edelsteinen. Trotzdem wäre es wohl eine gute Idee, im Büro vorbeizuschauen und hallo zu sagen.“
Das war ein weiterer Beweis dafür, dass meine Befürchtungen berechtigt waren. Selbst dieser Mann, der beinahe mein Freund war, versuchte, Kapital aus mir zu schlagen.
Wenn die Wahrheit bekannt wäre, hätte ich ihm nicht böse sein können. Er wollte keinen Erfahrenen Gräber verlieren. Dass er mich angestellt hatte, musste ihm einige Boni bringen. Andererseits, warum auch nicht? Auch ich konnte von unserer Zusammenarbeit profitieren. Wir verstanden uns gut. Er konnte dafür sorgen, dass mein zweiwöchiger Vertrag auf Probe in einen unbefristeten umgewandelt werden würde. Wozu hätte ich unsere Beziehung abbrechen sollen? Wer wusste schon, ob dieser Umzug nicht schiefgehen würde?
„Ausgezeichnet“, sagte ich. „Das ist noch besser, als ich gehofft hatte. Jedes Mal, wenn ich darüber nachdenke ... Ein neuer Ort ... Neue Leute ...“
Er strahlte. „Genau! Du denkst in den richtigen Bahnen!“
Eine Stunde später verließ ich sein Büro und machte mich zum Portal auf. Alle Formalitäten waren erledigt. Wir hatten einen Transfervertrag unterzeichnet. Jetzt musste ich nur noch ein paar Sachen abschließen, dann konnte ich zu meinem neuen Ziel aufbrechen. Besonders, weil ich gemäß der Quest-Bedingungen keine Miete zahlen musste!
Ich vermutete, dass die Kaserne der Zitadelle von Maragar nicht gerade der gemütlichste Ort der Spiegelwelt war. Hah! Ich war mir ziemlich sicher, dass ich jeden Abend, wenn ich heimkam, voller Nostalgie an Ronalds Schlafanzug und Bademantel denken würde! Von ihm hatte ich mich bereits in der Herberge zum Müden Reisenden verabschiedet. Jetzt musste ich nur noch bei Mila vorbeischauen und mich nach der Gesundheit des kleinen Tommy erkundigen. Klar, sie waren NPCs, aber ich hatte den Jungen trotzdem ins Herz geschlossen. Er erinnerte mich an meine eigene kleine Tochter, meine Christina.
Es war also beschlossene Sache. Ich würde bei ihnen vorbeischauen, aber zuerst musste ich noch meinen anderen Auftraggeber sprechen.
Das Büro von Nikanor, dem Anwalt, begrüßte mich mit der altvertrauten, stickigen Stille. Spinnweben umhüllten den Kronleuchter, Staub bedeckte die Gemälde, die Luft war zum Schneiden ... Nikanor hasste es, die Fenster zu öffnen, wenn er arbeitete. Sein Diener musste das Büro heimlich lüften.
Keine Ahnung, wie die Spielentwickler es geschafft hatten, die gesamte Bandbreite an widerwärtigen Ausdünstungen, die den Raum füllten, rüberzubringen. Er stank stets nach Alter, modrigem Papier und – keine Ahnung, warum – nach fauligen Äpfeln. Natürlich musste mir meine Fantasie da einen Streich spielen. Dieser Ort erinnerte mich an etwas ... etwas aus meiner Vergangenheit ... Offenbar assoziierte ich Nikanors Zimmer mit etwas, das ich von früher aus meinem wirklichen Leben kannte.
Der alte Rechtsanwalt saß an seinem Schreibtisch und seine Feder kratzte über ein vergilbtes Blatt Papier, begleitet von einem kreischenden Geräusch und gelegentlichem Husten. Seine eingefallenen Lippen bewegten sich lautlos und formten die Worte mit, die auf dem Papier erschienen. Die schmierige alte Robe, die er trug, war von einer schwer definierbaren, dunklen Farbe. Vervollständigt wurde das Bild durch einen Dreitagebart, der seine schlaffen Wangen bedeckte, und ungewaschenen Haarsträhnen, die ihm um den kahl werdenden Kopf hingen.
„Weißt du, Olgerd“, sagte er, ohne den Kopf von seiner Arbeit zu heben, „du tust da etwas sehr Gutes. Und es ist doppelt gut, dass du zur Zitadelle gehst. Ich habe einen kleinen Auftrag für dich.“
Teufel noch eins! Wie hatte er das herausgefunden? Weigner war der Einzige, der von meiner Quest wusste, und er hatte noch keinen Zugang zu Mellenville. Und überhaupt, was hätte er von dem Alten wollen können? Nicht gut. Selbst Doryl, der Zwerg, wusste es noch nicht. Nicht, dass es ihm etwas ausmachte: Doryl verstand, dass es gewisse Dinge gab, die ich für mich behalten musste.
Einen Augenblick später beantwortete Nikanor meine unausgesprochene Frage. „Als ich vom Rathaus die Nachricht erhielt, dass du dich für die Zitadelle von Maragar angemeldet hattest, wusste ich sofort, das ist ein Zeichen des Himmels!“
Träumerisch kniff er die Augen zusammen und tippte mit seinen dürren, tintenfleckigen Fingern auf den Tisch. Er war nervös, das merkte ich. Seine gespielte Gleichgültigkeit war verpufft. Ein Hauch von Röte färbte seine blassgrauen Wangen.
Ich hatte einen guten Grund, warum ich ihn aufgesucht hatte. Da ich mich verpflichtet hatte, ein „Verteidiger der Zitadelle von Maragar“ zu werden, musste ich meine monatliche Reputationsquest abbrechen – ganz zu schweigen von all den anderen Reputations-Miniquests. Ein Teil von mir war überglücklich, diesen erbärmlichen alten Mann zum letzten Mal zu sehen, der so missmutig, nörgelig und ständig unzufrieden mit seinem langweiligen virtuellen Leben war. Andererseits tat es mir um den Verlust von fast 800 Rep doch ziemlich leid. Besonders, weil ich für ihn bereits so viel Rennerei bei sinnlosen, zeitraubenden Aufgaben auf mich genommen hatte.
Es wäre so viel leichter gewesen, diese Quest einfach komplett zu vergessen. Trotzdem hatte mich irgendetwas dazu gebracht, ein letztes Mal in seinem Büro vorbeizuschauen. Natürlich war er nur ein lebloses Stück Computercode ... aber meine gesamte bisherige Erfahrung in der Spiegelwelt hatte mich gelehrt, dass nichts ohne Grund geschah.
Okay. Jetzt musste ich herausfinden, was dieser Geizkragen von mir wollte.
„Ich will, dass du mir gut zuhörst“, begann der alte Mann mit gesenkter Stimme und deutete mit seiner hageren, zittrigen Hand auf mich. „Kannst du dich nicht setzen? Mein Nacken ist schon ganz steif davon, dass ich ständig zu dir aufblicken muss.“
Das war mein Boss. Missmutig und gereizt wie immer. Der gebieterischen Bewegung seiner knochigen Hand gehorchend setzte ich mich auf den Stuhl, auf den er mich mit Gesten bugsierte, und beugte mich vor. Was für ein machiavellistisches Szenario war das hier?
„Ich bin ganz Ohr, mein Herr.“
Noch nie im Leben hatte ich Nikanor „Herr“ genannt. Zugegebenermaßen tat ich das mit Absicht, in der schwachen Hoffnung, ihm ein paar zusätzliche Rep-Punkte abzutrotzen. Mittlerweile wusste ich schon, was NPCs dank der Spielentwickler von einem erwarteten: Man sollte seine Rolle genau nach Vorgaben spielen.
Der alte Anwalt schien meine Geste zu schätzen zu wissen. Er schob sogar stolz die Unterlippe vor. „Ich muss dir etwas sagen, Olgerd. Ich hatte in meinem Leben viele Boten. Wirklich viele. Die meisten waren dumm, faul und blöde. Ich habe auch viele Unverschämte erlebt. Die kann man alle in der Pfeife rauchen, wenn du weißt, was ich meine ...“, hustete er. „Aber jemanden wie dich hatte ich noch nie. Jemanden, der tüchtig ist, verschwiegen und, am wichtigsten, vertrauenswürdig.“
Ich konnte mir einen Blick auf meinen mit einem bunten Bändchen geschmückten Ärmel nicht verkneifen. Offenbar wirkte es. Könnte aber auch ein Zufall sein. „Ihr seid zu gütig, mein Herr.“
„Nun gut. Wie gesagt, ich habe in jenem Teil der Welt etwas zu erledigen. Glaubst du, du kriegst das hin?“
Eine Systemnachricht erschien in meinem Gesichtsfeld:

Sie haben eine Quest erhalten: Die Interessen des alten Nikanor
Sie müssen alle juristischen und gerichtlichen Neuigkeiten an dem als „Zitadelle von Maragar“ bekannten Ort und aus dessen Umgebung sammeln und täglich berichten.
Belohnung: Unbekannt
Akzeptieren: Ja/Nein

Während ich die Nachricht überflog, fuhr der alte Mann fort:
„Du musst gar nicht viel tun. Ich brauche nur ein Paar Augen und Ohren vor Ort. Ich denke darüber nach, mein Geschäft zu erweitern. Wenn alles gut läuft, könntest du ebenfalls einen Platz darin finden. Also, was meinst du?“
„Ich weiß nicht recht. Ich gehe dorthin, um in der Armee zu dienen. Ich glaube nicht, dass ich Zeit dazu haben werde“, bluffte ich schamlos.
Der zahnlose Mund des alten Anwalts krümmte sich zu einem wissenden Lächeln. Er mochte ein NPC sein, aber er lebte nicht hinterm Mond. „Mach dir keine Sorgen wegen deiner Belohnung. Ich kann mich dankbar zeigen.“
Wie zur Bestätigung erschien eine neue Systemnachricht:

Wenn Sie zustimmen, Nikanor zu helfen, behalten Sie automatisch Ihre Belohnung für die Erledigung Ihrer monatlichen Reputationsquest.

So sah das also aus? Es hatte sich also doch gelohnt, herzukommen. Mehr als gelohnt!
„Worum ich dich ersuche, ist nicht weiter schwer“, fuhr er im Flüsterton fort. „Da du nicht einfach herkommen und mir Bericht erstatten kannst, bleibt dir nur, die Zeitungen durchzusehen und dir in diesem kleinen Büchlein Notizen zu machen.“ Er schob mir ein zerfleddertes altes Notizbuch zu. „Besonders interessieren mich Erbschafts- und Scheidungsfälle. Aber das weißt du ja schon.“
Ich warf einen Blick auf das Notizbuch.

Name: Nikanors altes Büchlein
Art: Questgegenstand

Wirklich nichts Besonderes. Wahrscheinlich waren alle seine „geheimen“ Quests keinen Pfifferling wert. Ich konnte mir nur ausmalen, wie viele Spieler schon gezwungen gewesen waren, den Offenbarungen des alten Anwalts zu lauschen. Einzigartige Quest, ja, klar doch! Laut Dimitri kehrten solche Quests alle zyklisch immer wieder. Sie wiederholten sich nicht sehr oft, aber sie wiederholten sich eben doch. Nikanor musste sie schon zahlreichen Leuten vor mir anvertraut haben. Doch die Absicht der Spielentwickler dahinter war recht eindeutig. Zum einen wollten sie damit Authentizität herstellen – und wie ich ja schon selbst erlebt hatte, erfüllten diese „Spiegelseelen“ ihren Zweck! Diese Welt war so authentisch, wie es nur ging.
Zum anderen fielen Reputationsquests in die Kategorie der sogenannten sozialen Quests. Und letzten Endes wollte ich die geheimen Absichten der Entwickler nicht hinterfragen.
Und zum Dritten ... ja, wahrscheinlich war das lohnenswert. Natürlich nicht für mich. Aber wie sollte ich seine Aussage verstehen, dass ich ihm „über alles Bericht erstatten“ sollte? Oberflächlich betrachtet klang das recht einfach. Ich musste nur jeden Tag etwas Zeit damit verbringen, die örtlichen Käseblätter zu studieren und die Ergebnisse in Nikanors Notizbuch einzutragen. Kinderleicht. Trotzdem war die Aufgabe nicht ohne versteckte Gefahren. Keine zu großen oder zu viele, aber dennoch. Wahrscheinlich würde ich jeden Tag mindestens ein Dutzend Zeitungen kaufen müssen, was mich einiges Gold kosten würde. Und dazu noch Schreibmaterial. In der Spiegelwelt hing alles mit allem zusammen. Jemand musste einen Alchemisten spielen, der die Tinte herstellte, und die Federn wurden durch einen örtlichen Bauern wie meinen alten Freund Zachary an den Schreibwarenhändler geliefert. Am Markttag hatte Zachary alle möglichen Arten von Waren auf seinem Wagen gehabt. So lief das hier.
„Einverstanden.“ Ich streckte dem alten Mann meine Hand hin.
Nachdem ich alle Aufgaben akzeptiert und mich verabschiedet hatte, eilte ich endlich nach draußen an die frische Luft. Das Letzte, was ich noch zu tun hatte, war ein Besuch bei Mila, dann konnte ich weiter zu meinem neuen Einsatz.
Auf dem Weg schaute ich in der Bäckerei vorbei und kaufte ein paar Süßigkeiten für Tommy. Hoffentlich ging es ihm mittlerweile wesentlich besser.
Ronalds Frau Rita öffnete mir die Tür. Sie strahlte und bat mich herein.
„Hier.“ Ich reichte ihr die rosa Papiertüte mit den Sahnetörtchen. „Sie sind ganz frisch.“
Tommy kam aus dem Wohnzimmer geschossen wie eine Rakete mit roter Spitze und begann, seine Tante um seinen Anteil anzubetteln.
„Du isst zuerst dein Abendessen“, verkündete Rita pädagogisch wertvoll, „dann kannst du deine Süßigkeit haben.“
„Immer sagen die das“, seufzte der Junge, während er der rosa Tüte, die seine Tante in die Küche trug, mit sehnsüchtigen Blicken folgte.
„Meister Olgerd!“ Beim Klang der vertrauten Stimme fuhr ich herum.
Mit einem fröhlichen Lächeln kam Mila die Treppe herunter. Dieselben kupferroten Locken, dieselben lustigen Sommersprossen auf ihrer süßen Stupsnase. Sie trug ein blaues Sommerkleid mit einem kleinen, durchsichtigen, türkisen Halstuch. „Ich freue mich so, Euch zu sehen!“
„Hallo.“ Ich lächelte. „Ich habe beschlossen, nach Eurem Kranken zu sehen – nur dass er gar nicht mehr krank ist!“
Die Frau strahlte. „Bitte, kommt ins Wohnzimmer! Möchtet Ihr Kaffee?“
„Da sage ich nicht nein. Ich bin den ganzen Tag wie ein kopfloses Huhn herumgewuselt. Zu viel zu tun.“
„Ausgezeichnet!“
Die zwei Frauen hatten den Tisch im Handumdrehen gedeckt. Ein paar Minuten später schlürften wir schon unseren Kaffee. Keine Ahnung, was sie riechen konnten – wenn sie überhaupt etwas rochen. Das war ohnehin nicht so wichtig. Ich nahm einen weiteren Schluck, und endlich fiel mir ein, woher ich das Aroma kannte – vielmehr der Ort, an dem ich es das erste Mal gerochen hatte.
Das war Anfang Mai gewesen, als Sveta und ich gerade frisch verheiratet gewesen waren und eine Reise ans Mittelmeer unternommen hatten. Dort waren wir immer auf der Terrasse eines Cafés gesessen, hatten Kaffee getrunken und die einheimischen Kinder beobachtet, wie sie am Strand herumtollten.
Ich war so in meine Gedanken versunken, dass ich zuerst nicht hörte, was Rita zu mir sagte:
„Meister Olgerd! Mein Herr! Ist alles in Ordnung?“
Ich rieb mir den Nasenrücken. „Schon gut“, murmelte ich. „Entschuldigung. Ich habe nur in Erinnerungen geschwelgt. Habt Ihr etwas gesagt?“
Sie nickte. „Ich sagte, wir haben Euch erwartet.“
„Ach, wirklich?“, fragte ich überrascht, dann schlug ich mir an die Stirn, als ich verstand. „Hat Ronald Euch gesagt, dass ich weggehe?“
„Ja“, sagte Mila. „Darum haben wir auf Euch gewartet. Wir waren sicher, dass Ihr nicht gehen würdet, ohne Euch zu verabschieden.“
Ich sah ihr an, dass sie mich etwas fragen wollte. Etwas sehr Wichtiges.
„Lasst mich raten“, begann ich. „Ihr wollt, dass ich etwas für Euch tue, richtig?“
Röte stieg Mila ins Gesicht.
„Es ist so“, antwortete Rita für sie, „Sie meint, dass Ihr schon genug von ihren ständigen Bitten der letzten Tage habt.“
„Überhaupt nicht.“ Ich winkte ab. „Das war doch gar nichts. Und überhaupt: Wahrscheinlich schulde ich Euch genauso viel. Ohne Eure Empfehlung hätte ich vielleicht eine Ewigkeit gebraucht, eine anständige Übernachtungsmöglichkeit zu finden. Man könnte sagen, dass Ihr und Tommy die ersten Freunde wart, die ich in dieser Stadt gefunden habe.“
„Genau!“, sagte Rita. „Das habe ich ihr auch gesagt. Und für gute Freunde ist einem nichts zu schwer, nicht wahr?“
Eine Nachricht erschien vor meinen Augen. Ich wäre beinahe aufgesprungen. Zum Glück bemerkten das die andern zwei das nicht.

Herzlichen Glückwunsch! Zwei oder mehr Einheimische betrachten Sie als ihren Freund.
Belohnung: +300 zu Ihrer Reputation mit Mellenville.

Schnell sah ich mir meine Werte an. Beinahe fünfhundert, ausgezeichnet.
„Ihr habt vollkommen recht“, entgegnete ich mit einem Lächeln. „Ihr könnt auf mich zählen. Ich bin ganz Ohr.“
Ermutigend legte Rita der anderen Frau eine Hand auf die Schulter.
„Seht Ihr“, Mila rang nach den richtigen Worten. „Worum ich Euch bitten möchte, ist etwas ... riskant. Sogar gefährlich.“
Ich erstarrte. Wir hatten ein freundschaftliches Verhältnis, das stimmte, aber unnötige Risiken konnte ich eher nicht gebrauchen. Besonders, da ich sowieso schon so viel zu tun hatte.
„Bevor ich Euch erzähle, worum es geht, müsst Ihr mir versprechen, dass Ihr ablehnen werdet, wenn Ihr es als zu gefährlich anseht. Wenn Ihr ablehnt, wird das keinen Einfluss auf Eure Beziehung zu unserer Familie haben, das versichere ich Euch. Uns ist völlig klar, dass Ihr kein Krieger oder Kampfzauberer seid. Ihr seid ein gewöhnlicher, friedlicher Bewohner Mellenvilles.“
Ich nickte. Was konnte ich schon sagen? Sie hatte völlig recht.
Mila lächelte. „Danke, dass Ihr ehrlich zu mir seid. Jetzt kann ich frei sprechen. Es ist so: Ronald hat uns gesagt, wohin Ihr gehen wollt.“
„Das hat er allerdings“, stimmte Rita zu. „Die Zitadelle von Maragar ist nicht der beste Ort für Leute wie Euch, lieber Olgerd.“
Ich hob die Schultern, wie um zu sagen, Ich frage und ich zage nicht.
„Und dafür bewundern wir Euch! Ihr seid ein würdiges Vorbild für alle Bewohner Mellenvilles!“
Fast erwartete ich eine neue Systemnachricht, aber nein, es sah so aus, als wäre die Anzahl ihrer Gratispunkte doch begrenzt.
Also schwieg ich bescheiden. Wenn ihr nur wüsstet, meine Lieben, wie allzu gerne ich eure Quest abgelehnt hätte.
„Ich will nicht um den heißen Brei herumreden“, sagte Mila. „Ihr seid sicher in Eile. Es ist so ... Ich möchte Euch bitten, meinem Ehemann diesen Brief zu bringen.“
Ich warf einen Blick auf den Gegenstand, den sie mir hinhielt, und verschluckte mich fast, als ich den Namen des Empfängers auf dem Umschlag sah.

Name: Brief von Mila
Art: Questgegenstand
Zu liefern an: die Zitadelle von Maragar
Empfänger: Captain Gard






Kapitel 2



Captain Gard! Ein Zufall? Durchaus möglich. Ein weiterer Streich meines geheimnisvollen Gönners, des Programmierers? Eher unwahrscheinlich. Wer auch immer er war, so einflussreich war Andrej „Pierrot“ Petrow nicht. Mellenville war einige Nummern zu groß für ihn.
Aber was war es dann? Konnte es sein, dass mein Vertrauenswert endlich zum Tragen kam? Das war eine gangbare Theorie. Warum auch nicht? Ich wäre der Erste, der zugeben würde, dass nichts davon besonders plausibel klang. Andererseits hätte jeder an meiner Stelle sein können. Ich sage es ganz deutlich: Wäre damals an meinem ersten Tag in Mellenville am Brunnen ein Spieler gewesen, dessen Vertrauenslevel einen Punkt höher gelegen wäre als meiner, hätte Tommy ihn und nicht mich um Hilfe gebeten.
Andererseits, was war, wenn ich falsch lag? Das war ebenfalls eine Möglichkeit. Jedenfalls hatte ich viel, worüber ich nachdenken musste.
Es sah aus, als wäre mir eine dieser mehrstufigen Reputationsquests in die Hände gefallen, die Dimitri in so bilderreichen Details beschrieben hatte. Wenn ich bei meiner Theorie der „Nicht-Zufälligkeit“ blieb, bot sich mir tatsächlich ein sehr interessantes Bild. Was passiert war, konnte man als eine Art Kettenreaktion betrachten. Zuerst hatte ich Tommy getroffen. Durch ihn hatte ich seine Mutter und seinen Onkel Ronald kennengelernt. Als nächstes generierte das System eine auf mich zugeschnittene Langzeit-Quest – was schon ein bisschen weit hergeholt war. Eigentlich wären viele Dinge sofort klarer geworden, hätte ich Mila nur früher nach dem Namen von Tommys Vater gefragt.
Also war der Mann mit der Narbe auf dem Bild Captain Gard. Anders ausgedrückt: Mein zukünftiger Kommandant war Milas Ehemann und Tommys Vater. Ich hielt es für wenig wahrscheinlich, dass es noch einen weiteren Captain Gard im Spiel gab. Hatte Mila mir nicht erzählt, dass ihr Mann an der Grenze diente? Damals hatte ich ihren Worten keine Beachtung geschenkt. Na ja, wieder was gelernt. Das hieß, wenn ich mich nicht irrte.
Tatsächlich ... bekam ich den Eindruck, dass der Status eines NPCs in der Stadt direkten Einfluss auf die Höhe der Belohnung für eine Quest hatte. Kein Wunder, dass die Spieler sich um die Häuser des Bürgermeisters und des Anführers der Stadtwache scharten. Ich konnte sie verstehen: Sie wollten alles, und zwar sofort. Aber in der Regel hielt diese Sorte Spieler in Mellenville nicht lange durch. Es dauerte nicht lange, bis sie den ganzen Reputationsquests den Mittelfinger zeigten und an Orte weiterzogen, wo es mehr Mobs gab, um dort ihr Können zu beweisen. Mit solchen Leuten hatte ich nichts zu tun.
Ich hoffte nur, dass Captain Gard in diesem Spiel eine mächtige Figur war.
Ich musste noch eine weitere halbe Stunde in Ronalds Haus bleiben. Sobald Mila von meiner Mission erfahren hatte, schrieb sie sofort einen weiteren Brief, in dem sie mich ihrem Mann als Freund der Familie empfahl. Die Dinge schienen sich zu entwickeln. Und nicht nur das, sie entwickelten sich eindeutig positiv! Ein gut zahlender Spieler mochte meine mickrigen Reputations-Heldentaten für wertlose Zeitverschwendung und meinen bevorstehenden Ausflug an die Grenze für die reinste Senilitätsübung halten. Mir war das egal. Ich gab einen Dreck darauf, was irgendwer über mich dachte. Wie Weigner richtig bemerkt hatte, hatte jeder Spiegelwelt-Spieler seine oder ihre eigenen Ziele.
Ich ging der Stadt Lebewohl sagen. Besonders gefiel mir die Blumenallee, die direkt zur Portal-Station führte. Ich hätte eine Abkürzung über die Handwerkergasse nehmen können – meine bevorzugte Route zu Zeiten, in denen ich Aufträge zu erfüllen hatte. Aber nicht heute. Heute wollte ich mir Zeit lassen und die wunderschönen Blumenarrangements bewundern, die die Floristen der Stadt täglich erneuerten.
Vor vielen Jahren war ich einmal geschäftlich in Peking gewesen. Dort hatte man mich in einem kleinen, sauberen Hotel untergebracht. Meine Fenster blickten auf einen Platz. An den Namen erinnere ich mich nicht – weder den des Platzes noch des Hotels. Überhaupt hatte ich überraschend viel von dieser Reise vergessen. Alles um mich herum war so schnell geschehen. Außerdem war es kein langer Aufenthalt gewesen – höchstens zwei oder drei Tage.
Das eine, woran ich mich erinnerte, war das Aufwachen – oder eher den Blick aus dem Fenster jeden Morgen. Ein riesiges Blumenbeet hatte den gesamten Platz eingenommen. Peking ist völlig vollgestopft mit Pflanzen. Im Oktober ist die Stadt voller Blumen und Grünpflanzen. Und dieses spezielle Blumenbeet – mein Blumenbeet – hatte jeden Morgen sein Muster und sein Farbschema geändert. Am Tag meiner Ankunft hatte ich die blauen Blüten bewundert. Am nächsten Morgen hatte ich erwartet, von meinem Fenster aus das blaugrüne Feld zu sehen – nur um von einem rotgelben Blumendrachen begrüßt zu werden. Mit offenem Mund war ich am Fenster erstarrt. Später hatte ich erfahren, dass ein spezielles Team nachts in einem Van seine Runden durch die Stadt drehte und die Muster mancher Blumenbeete der Stadt zu ändern.
Die Blumenallee mit ihren blühenden, türkisen Bögen, bunten Statuen von Fabeltieren in extravaganten Posen, ihren schneeweißen Springbrunnen und hellen, zu fantastischen Formen geschnittenen Büschen war in dieser Hinsicht ganz ähnlich. Ausgerechnet heute wäre es mir sehr wichtig gewesen, dass auch meine Mädchen ihre Pracht sehen könnten. Zum ersten Mal in der langen Zeit, die ich in der Spiegelwelt verbracht hatte, schwor ich mir feierlich, dass ich dies alles eines Tages Christina und Sveta zeigen würde.
In der Portal-Station empfing mich die gewohnte Geräuschkulisse. Tatsächlich illustrierte dieser Ort das jeweilige Spielerlebnis der Spieler wie kein anderer. Newbies fielen auf wie bunte Hunde – das war immer so. Und das lag nicht nur an ihren gelben Namens-Tags, man merkte es noch viel eher an ihrem Verhalten. Zum Beispiel die zwei Alven-Mädchen, die soeben aus dem Portal getreten waren. Ihnen fielen fast die Augen aus dem Kopf und sie drehten ihre Köpfe scheinbar um 360 Grad. Trotz ihrer relativ hohen Level grinsten die Mädchen von einem Ohr zum anderen und verhielten sich wie Schulmädchen vom Dorf auf ihrem ersten Ausflug in die Großstadt. Hah! Ich war erst neun Tage hier, fühlte mich aber bereits wie ein Einheimischer.
Vor dem Ticket-Terminal hielt ich inne.

Grüße, Olgerd!
Dies ist Portal-Terminal Nr. 4578.
Möchten Sie ein Ticket kaufen?

Okay, meinetwegen.

Bitte wählen Sie Ihr Ziel aus.

Gestern Nacht hatte ich jede Menge Zeit gehabt, mir diese scheinbar unschuldige Anfrage näher anzusehen. Das spärliche Infoportal der Spiegelwelt hatte mir zahlreiche Optionen angeboten. Um zur Zitadelle von Maragar zu gelangen, waren zwei Transfers nötig. Oder eher drei – aber der letzte war, wenn ich es richtig verstanden hatte, nichts, worauf man sich freuen konnte.
Mein zukünftiger Einsatzort lag ganz am Rand der Lande des Lichts. Was wahrscheinlich der Grund war, warum die Spielentwickler beschlossen hatten, keinen direkten Portal-Sprung zur Zitadelle von Maragar einzurichten. Warum sollten sie auch, wenn sie so den Spielern mehr Gold aus den virtuellen Taschen ziehen konnten?
Es gab mehrere mögliche Reiserouten, die sich letztendlich nicht sehr stark unterschieden. Die ersten zwei Sprünge konnte ich durchführen, ohne auch nur die Portal-Stationen zu verlassen. Diese Auswahl machte keinen Unterschied, sie kosteten alle dasselbe.
„Die Zitadelle von Maragar und Umgebung war ein riesiges Gebiet, das in mehrere kleine Untergebiete, Instanzen und kleine Käffer aufgeteilt war. Mein erstes Reiseziel war die Stadt Drammen, wo Lady Mels Smaragdfelder lagen. Dort musste ich mich in ihrem örtlichen Büro eintragen. In diesem Gebiet gab es noch eine Reihe anderer kleiner Städte: Unsere Lady Mel alias die Lady der Stürme hatte sich während der Clankriege ein recht großes Stück Land unter die manikürten Nägel gerissen. Drammen war mir sehr recht – hauptsächlich, weil es ruhig war. Zumindest wurde es in den Spielforen so beschrieben.
Was den dritten und letzten Transfer betraf ... wie gesagt, auf den freute ich mich nicht. Besonders, wenn man bedachte, dass ich die Strecke mindestens zweimal täglich zurücklegen musste.
Die Sache war die: Der einzige Weg zur Zitadelle führte durch ein recht großes Gebiet, das als „die Ödlande“ bekannt war. Und das, um es ganz klar zu sagen, war nichts für schwache Nerven – zumindest behaupteten das die wenigen vorhandenen Augenzeugen. Eine weitläufige, von allen möglichen Spielkreaturen bevölkerte Prärie, die leider zu gleichen Teilen hochstufig und widerwärtig waren. Mit anderen Worten, mein Level 0 schloss mich davon aus, in diesem Teil der Welt auch nur aufzutauchen.
Jedoch gab es für jedes Problem auch eine Lösung. In der Praxis zeigt sich immer wieder, dass dem Einfallsreichtum des Menschen keine Grenzen gesetzt sind. Einige der Spieler mit mehr unternehmerischem Ehrgeiz, die erkannt haben mussten, dass die Zitadelle immer ein Mekka für Reputations-Pilger sein würde, hatten auf die Schnelle ein recht lukratives Geschäftsmodell entwickelt: die Karawanen.
Ich war nicht ganz sicher, wie genau das funktionieren sollte, aber einige Forumsmitglieder schworen auf ihre Zuverlässigkeit. Nun gut. Das würde sich wohl zeigen müssen.
Ich scrollte durch hunderte Ortsnamen und entschloss mich schließlich für Drammen.

Das gewählte Ziel erfordert einen Doppeltransfer.
Bitte wählen Sie den ersten Transferort.

Ich klickte zufällig auf die Liste der verfügbaren Orte.

Kosten: 20 Gold.
Warnung! Der Effekt der Teleportation wird Ihr Energie-Level mit 500 Pkt. belasten.
Kauf bestätigen: Ja/Nein

Bestätigen.

Danke! Ihr Name wurde der Portal-Liste hinzugeführt. Sie können teleportieren, wenn Sie bereit sind. Gute Reise!

Das war es dann also. Ich hatte mein Ziel gewählt. Ich hatte mein Ticket gekauft. Zeit, sich von dieser Station zu verabschieden. Wahrscheinlich würde ich mindestens einen Monat lang nicht mehr hierher kommen.
Bevor ich das Portal betrat, blickte ich mich um. Was mich wohl dort erwartete? Ich hoffte nur, dass ich nicht am allerersten Tag meines Dienstes als Frühstück für irgendeinen Mob endete. Und dann musste ich immer noch zur Zitadelle gelangen.
Egal. Los jetzt!
Als ich das Portal betrat, fiel mein Blick auf einen Spieler, der neben dem Terminal stand, das ich gerade benutzt hatte. Sein Gesicht war durch die Kapuze seines dunklen Umhangs halb verborgen. Offenbar eine der Magierklassen. Von dort, wo ich stand, konnte ich seinen Namen und sein Level nicht erkennen. Eigentlich war nichts Besonderes an ihm: nur ein Typ, der am Terminal stand.
Aber seine Augen. Das durchdringende Starren des Zauberers brannte Löcher in mich hinein. Als unsere Blicke sich trafen, wirbelte er herum und ging in Richtung Ausgang.
Ein paar Augenblicke lang sah ich ihm nach, doch er blickte nicht zurück. Konnte ich mich geirrt haben? Paranoid? Wahrscheinlich. Egal. Jetzt musste ich wirklich los.

* * *

Die Stadt Drammen war wirklich das letzte Loch! Ich spürte bereits deutlich, dass der Aufenthalt hier das reinste Vergnügen sein würde.
In dem Moment, als ich aus dem Portal trat, prasselte auch schon eisiger Regen auf mich ein. Es mochte ein Spiel sein, aber ich fühlte mich genauso kalt und elend wie im wirklichen Leben. Die örtliche Architektur hatte einige gotische Anklänge, was einen passenden Hintergrund für das lausige Wetter und den knietiefen Schlamm ergab. Igitt. Wie hatte ich mich nach dem sauberen, sonnigen Mellenville nur in so eine Jauchegrube begeben können? Ich konnte nur hoffen, dass der Regen nicht anhalten würde.
Die Begrüßung des Systems ließ ebenfalls meine Alarmglocken schrillen, besonders der letzte Teil:

Grüße, Olgerd! Willkommen in der ruhmreichen Stadt Drammen!
Warnung! Klimaklasse: mäßig aggressiv
Warnung! Spielern unter Level 80 wird empfohlen, von einem Besuch in Drammen abzusehen.

Das war ja herzallerliebst. Schon jetzt hatte ich Lust, kehrtzumachen und auf der Suche nach sonnigeren Gefilden zurück in das Portal zu springen.
Schnell installierte ich die App „Drammen und Umgebung“. Als ob er meine Ungeduld spürte, markierte der Bot hilfsbereit den Weg zu den Büros von Lady Mel. Na dann los!
Der erste Nachteil wurde bald genug offensichtlich. Schon nach wenigen Minuten Fußmarsch war ich völlig durchnässt. Kalte Regentropfen prasselten auf mein Gesicht ein, und Wasserrinnsale liefen durch meinen Bart, während ich durch den Schlamm stapfte. Was dachte sich der Bürgermeister des Ortes nur? Oder kümmerte ihn die Reputation seiner Stadt einfach nicht mehr? Wenn die Spielentwickler wollten, dass die Spieler die gesamte Bandbreite des zweifelhaften Reizes erlebten, den das Leben im Grenzgebiet bot, dann war ihnen das ausgezeichnet gelungen.
Drammen stellte sich als sehr ruhiger Ort heraus. Zu ruhig für meinen Geschmack. Offenbar hatten die Forennutzer darauf geachtet, potenzielle Neuankömmlinge nicht zu verschrecken.
Unterwegs traf ich niemanden. Die Stadt wirkte wie ausgestorben. Eigentlich verstand ich das gut. Wahrscheinlich saßen alle kuschelig eingemummelt an ihren schönen, gemütlichen Kaminen in ihren schönen, gemütlichen Häusern.
Endlich führte mich der Bot zu einem dunklen, düsteren Gebäude mit dem vertrauten Schild, auf dem Aquila, der Adler der römischen Legion abgebildet war. Es war bereits 11 Uhr, aber niemand schien es eilig zu haben, mir die Tür zu öffnen. Ich sah auch keine potenziellen Arbeiter, die darauf brannten, mit ihrer Arbeit anzufangen. Offenbar lief das Geschäft nicht gerade glänzend.
Egal. Hatte Weigner mir nicht gesagt, ich sollte mir nicht die Mühe machen, mich anzumelden, sondern einfach direkt zur Mine gehen und mit der Arbeit beginnen? Trotzdem hielt ich es für eine gute Idee, mich zu melden. Ich klopfte nochmals an.
Nach zehn weiteren Minuten erfolglosen Hämmerns an die Tür gab ich auf und gab eine neue Adresse in den Speicher des Bots ein. Mein Gewissen war jedenfalls rein.
Meine Navigations-App benötigte ein paar Minuten, um mich zum Stadtzentrum zu führen. Oder eher dem jämmerlichen Abbild eines Stadtzentrums. Die dunklen, düsteren Bauten, einige davon in schlechtem Zustand und nur halbherzig repariert, erzeugten den Eindruck, dass ich irgendwie in einer dieser Vampir-Sagas gelandet war.
Die gute Nachricht war, dass die Straße immer besser wurde, je weiter ich ging. Auch wenn niemand sich die Mühe gemacht hatte, den Regen abzuschalten, war hier wenigstens relativ wenig Schlamm. Meine ersten Schritte auf einer mit hässlichen, unebenen Steinen gepflasterten Straße fühlten sich an wie das reinste Entzücken. Ich war erst einen halbe Stunde hier, und schon war ich bereit, um mein Leben zu laufen! Was mit Sicherheit genau das Gefühl sein musste, das die Spielentwickler den Spielern vermitteln wollten. Nun gut. Das könnt ihr euch gepflegt abschminken.
Ich musste noch weitere fünf Minuten laufen, bis ich zum Karawanen-Büro gelangte, das seine Dienste unter einem Schild mit der Aufschrift „Das leitende Auge“ anpries. Eine Systemnachricht öffnete sich:

Warnung! Ihr Hut und Ihre Stiefel haben 1 Punkt Haltbarkeit verloren!

Sollte das ein Scherz sein? Ich las die Nachricht noch einmal. Sah nicht danach aus. Man wollte mich nicht auf die Schippe nehmen. Offenbar hatte der Regen hier diesen zerstörerischen Effekt auf die Kleidung des Spielers. Kein Wunder, dass die Straße so leer war!
Ich lief schneller. Ich wollte meine teure Ausrüstung nicht nur wegen dieses blöden Regens verlieren!
Als ich die Tür zum Karawanen-Büro aufstieß, war ich geladener als die düsteren Gewitterwolken, die über diesem abscheulichen Zerrbild einer Stadt hingen. Mein Spaziergang durch die Stadt hatte mich einige der Haltbarkeitspunkte meiner Kleidung gekostet. Das musste ich noch mal in einem Forum nachlesen. Ich konnte mich nicht erinnern, irgendwo etwas darüber gehört zu haben. Offenbar wachten die Admins mit Argusaugen über die offiziellen Ressourcen. Ihre Strategie war mir ziemlich klar: Die Spieler sollten aus eigener Erfahrung lernen. Und trotzdem fand ich das ziemlich nervig.
Ich betrat das Karawanenbüro und stand etwas verloren da. Schnell rief ich den Bot auf – doch nein, er hatte mich an den richtigen Ort geführt. War die App vielleicht nicht mehr aktuell? Das hier war alles, nur kein Karawanenbüro. Ich sah Reihen von grob gezimmerten Tischen und Holzstühlen und eine Bar, vervollständigt durch ein paar Schlägertypen, die den Eingang bewachten.
Entschuldigung? Wie um meine Zweifel zu bestätigen meldete mir eine Systemnachricht, ich habe das Vergnügen, das Gasthaus zum Kochenden Kessel zu betreten, das als Tagesgericht gegrilltes Lamm mit Zwiebeln und verschiedenen Gemüsen anbot.
An den Tischen saßen ein paar Spieler. Das Lokal schien nicht allzu populär zu sein. Ich musterte ihre Gesichter. Sie blickten erschöpft und ausdruckslos drein, als ob diese Männer mit offenen Augen schliefen. Sie schenkten mir nicht die geringste Beachtung. Offenbar studierten sie das Infoportal, um die Zeit totzuschlagen.
Trotz des düsteren Äußeren des Gebäudes wirkten die Räume des Kochenden Kessels wesentlich einladender – geradezu gemütlich, konnte man sagen. An der hinteren Wand verbreitete ein riesiger, offener Kamin Wärme. Der Boden und die Wände waren mit Holz verkleidet. Ich hatte erwartet, eine dunkle, steinerne Höhle zu betreten – Gott, war ich froh, mich getäuscht zu haben.
Schlamm quatschte in meinen Stiefeln, als ich durch den Raum auf die Bar zuging. Oh. Ich hatte den Boden ziemlich eingesaut. Ich hoffte nur, dass sie mir das nicht übelnehmen würden. Andererseits musste sich ihre Putzfrau ja auch ihre Fähigkeitspunkte verdienen, LOL. Vielleicht würde sie sogar einen Level aufsteigen, wenn sie hinter mir aufgewischt hatte.
„Guten Morgen, Olgerd! Was kann ich für Euch tun?“
Eine freundlich wirkende Frau mittleren Alters lächelte mir von hinter der Bar aus zu.
„Guten Morgen, äh ... Talina.“
Sie warf einen Blick auf meine durchnässten Kleider und lächelte verständnisvoll. „Ganz schönes Mistwetter da draußen, nicht wahr? War nicht gerade klug von mir, Euch einen guten Morgen zu wünschen.“
„Schon gut.“ Ich winkte ihre Entschuldigung ab. „Ich weiß Eure Fürsorge zu schätzen. Der Grund, warum ich hier bin ... Ich muss gestehen, ich fühle mich etwas verloren. Offenbar spinnt mein Navi. Ich habe das Karawanenbüro gesucht, doch es hat mich stattdessen hierher geführt.“
„Keine Sorge“, antwortete sie mit einem erneuten kleinen Lächeln. „Euer Bot ist nicht kaputt. Die Leitenden Augen treffen sich hier in meinem Gasthaus. Es lohnt sich für sie nicht, Büroflächen zu mieten. Sie sind ständig unterwegs.“
Ich seufzte erleichtert. „Jetzt verstehe ich. Ich hatte schon befürchtet, ich müsste wieder in den Regen hinaus. In die freie Wildbahn.“
Sie nickte wissend. „Wir können Folgendes tun“, schlug sie vor. „Varn, der Anführer der Karawanenleute, kommt erst in einer Stunde wieder. Ich schlage vor, Ihr installiert ihre App. Sie ist nicht sehr umfangreich, aber es könnte eine Weile dauern, sich mit ihr vertraut zu machen. Ich sehe, dass Ihr völlig durchnässt seid. Sicher ist Euch furchtbar kalt. Ich bestehe darauf, dass Ihr Euch ans Feuer setzt. So könnt Ihr das Nützliche mit dem Angenehmen verbinden. Inzwischen hole ich Euch eine schöne, warme Tasse Tee. Was sagt Ihr dazu?“
„Klingt ausgezeichnet.“ Ich lächelte zurück. „Ihr seid zu liebenswürdig. Hier ist es überhaupt nicht so düster, wie ich erwartet hätte. Danke!“
„Ich danke Euch“, entgegnete sie und fügte dann mit bitterem Unterton hinzu: „Liebenswürdig ist übertrieben, fürchte ich. Es ist nur so, dass mein Bruder Varn ein exorbitanter Pfennigfuchser ist. Er weiß, dass ich liebenswürdig bin, wie Ihr sagt – und er weiß das zu nutzen.“
Es stimmte, dass ich mich schon gefragt hatte, was sie mit den Angelegenheiten der Karawanenleute zu tun hatte, und warum sie vorgeschlagen hatte, die App zu installieren. Doch jetzt war das Bild klarer. Das hier war ein Familienunternehmen.
Ich verstand die Leute nicht, die begierig darauf waren, vor völlig Fremden über ihre Familie zu sprechen. Nicht, dass sie irgendetwas Negatives über ihren Bruder gesagt hatte, aber trotzdem. Ich persönlich war in dieser Hinsicht sehr reserviert. Über Familienangelegenheiten hätte ich nie in der Öffentlichkeit reden können. Noch hörte ich gerne zu, wenn jemand anderes das tat.
„Eigentlich“, wechselte ich eilig das Thema, „würde ich gerne schnell einen Happen zu mir nehmen, wenn Euer Bruder noch eine Weile braucht. Der Duft aus Eurer Küche ist unwiderstehlich.“
Sie schenkte mir ein weiteres Lächeln, gefolgt von einer Systemnachricht, die mir einen Download für die erwähnte App anbot.
Ich setzte mich auf eine breite Bank, lehnte mich zurück und streckte die Beine aus, sodass meine Füße nah am Feuer waren. Oh. Das tat so gut. Eine wohlverdiente Mahlzeit und etwas Wärme konnte ich definitiv gut brauchen.
Na, dann werfen wir mal einen Blick auf ihre App.
Sie war tatsächlich nicht umfangreich, aber sehr informativ. Genau wie angenommen, bot das Leitende Auge sowohl Transportmöglichkeiten als auch Schutz für Passagiere an. Man konnte unter mehr als zwanzig Routen wählen, und Wachmänner gab es auch. In meinem speziellen Fall waren die Wachen alle auf Level 100 oder höher, obwohl die Mobs auf der Route der Karawane unter Level 90 waren.
Egal. Was hatte ich erwartet? Auch sie mussten ja ihren Lebensunterhalt verdienen. Ich jedoch mit meinem armseligen Level 0 war mehr als abhängig von ihren Diensten.
Die Reise von Drammen zur Zitadelle dauerte fünfundvierzig Minuten. Kosten: fünfzehn Gold. Multipliziert mit zwei Reisen pro Tag also dreißig. Kostspielig, aber machbar. Nicht so komfortabel wie Reisen durch ein Portal, aber das ließ sich nicht ändern. Ich hatte mir das eingebrockt, also musste ich auch damit leben. Es war schon gut, dass es überhaupt eine Reisemöglichkeit gab, sodass ich täglich zur Arbeit herkommen konnte. Wenigstens würde ich so etwas Miete sparen! Ich konnte nur hoffen, dass es das wert war, in den Kasernen der Zitadelle zu wohnen.
Himmel. Wie um alles in der Welt hatte ich es geschafft, mich da reinzumanövrieren?
Die Karawanenleute boten auch Rabatte in Form einer Reihe von Dauerkarten an: jeweils für zehn, zwanzig oder dreißig Reisen. Ich konnte die für zwanzig nehmen. Sie kostete 260 Gold. Ich würde einen kaufen, sobald ich fertiggelesen hatte.
Noch etwas Wichtiges: Ich würde diese fünfundvierzig Minuten Weg nicht laufend zurücklegen müssen. Was in meinem Fall extrem rentabel war. Die Leitenden Augen transportierten ihre Kundschaft in gepanzerten Wagen, die für sich genommen schon garantierten Schutz vor örtlichen Monstern boten. Vorausgesetzt, die Wachen schafften es nicht, die Passagiere zu verteidigen – was laut den Aussagen der Karawanenleute selbst unmöglich war.
Ich stieß auch auf positive Bewertungen ihrer Arbeit, die Top-Spieler und respektable Clanmitglieder hinterlassen hatten. Das sah ja alles völlig einwandfrei aus. Kein Anzeichen für irgendwelche Haken und Ösen.
„Ihr da! Ist Euch jetzt wärmer!?“
Das drohende Knurren riss mich aus meinen Gedanken. Ich hob den Kopf. Ein riesiger Rhoggh hatte sich keine zwei Schritte von mir entfernt aufgebaut. Name: Varn. Level: 150. Er war mit Hieb- und Stichwaffen behängt wie ein Weihnachtsbaum. Die Grimasse, zu der er seine reißzahnbewehrte Visage verzogen hatte, sollte offenbar ein Lächeln darstellen.
Das war ein ganz schön harter Hund. Wenn alle Karawanenwachen so waren wie er, war das doch gar nicht schlecht. Mit Talinas Bruder legte man sich besser nicht an.
„Ja, danke schön.“ Ich brachte ein Lächeln zustande.
„Ihr seid der, der mit der Karawane ziehen will?“, fragte er und setzte sich mir gegenüber. Die grob gezimmerte Bank knarrte vorwurfsvoll. Ich hatte den Eindruck, dass die massive Tischplatte sich unter dem Gewicht seiner Ellenbogen durchbog.
„Genau“, bestätigte ich hastig. „Ich möchte eine Karte für zwanzig Reisen kaufen. Zur Zitadelle.“
Varn verzog das Gesicht zur Fratze, die seine Zähne entblößte, um anzudeuten, dass ihn meine Worte mit Zufriedenheit zu erfüllen. Seltsamerweise verriet sein zahnbewehrtes Grinsen keinerlei Überraschung. Ihm kamen wohl viele wie ich unter. Meine Erwähnung der Zitadelle schien ihn auch nicht weiter drauszubringen.
„Na gut“, knurrte er. „Wenn Ihr mit allem einverstanden seid, schicke ich Euch den Vertrag.“

* * *

Sobald wir die vorläufige Vereinbarung unterzeichnet hatten, sagte er: „Es gibt ein kleines Problem.“
Ich erstarrte. „Was denn?“
„Es ist dieses elende Wetter, verdammt. Vor morgen Nacht kommen wir nicht zur Zitadelle.“
„Das ist nicht Euer Ernst!“
Soviel zu schlechten Nachrichten. Ich würde fast einen ganzen weiteren Tag verlieren. Und ich musste mich bei Captain Gard melden. Das war übel. Sehr.
Als er sah, wie mir das Gesicht runterfiel, versuchte Varn, mich mit Argumenten zu überzeugen:
„Ihr müsst verstehen, bei so einem Wetter sollte man sich besser von diesem Ort fernhalten. Bei diesem Wetter über Land zu reisen ist kein Spaziergang. In einer Nacht wie dieser würde ich mich da wirklich ungern blicken lassen. Und für Euch mit Eurem Level 0 und der ungeschützten Ausrüstung gilt das erst recht. Kopf hoch, Mann. Die örtlichen Zauberer sagen, dass es bis morgen Abend aufklart. Wettervorhersagen haben wir hier nicht. Hier geht es eben anders zu.“
Ich verfiel in Schweigen und verdaute die Neuigkeiten, während er mit seinen gebogenen Klauen ungeduldig auf die Tischplatte trommelte.
„Gut!“, sagte er schließlich. „Ich schicke Euch eine Freundschaftsanfrage. Morgen melde ich mich und gebe Euch Bescheid, wann wir aufbrechen.“
„Okay ...“, murmelte ich, tief in Gedanken versunken, während ich automatisch seine Einladung annahm.
Das war alles eine ganz andere Nummer als Mellenville. Mellenville! Hier war es sogar schlimmer als in Leuton. Das war genau das, was ich brauchte: Transfers ohne Zeitplan, die von den Wetterbedingungen abhängig waren. Mit dem Dienst in der Zitadelle und der Arbeit in Drammens Minen war es nur eine Frage der Zeit, bis ich den Löffel abgeben würde.
Als Varn sich vom Tisch erhob, kam ich endlich wieder zu mir und fragte hastig: „Was meint Ihr mit ungeschützte, äh, Ausrüstung?“
Er lachte leise. „Das muss Euer erster Besuch an so einem Ort sein.“
„Warum, ist das so offensichtlich?“
„Klar”, nickte er. „Jeder im Glashaus erkennt sofort, dass Ihr aus einem neutraleren Klima kommt.“
„Neutral?“
„Jupp. Ihr habt vielleicht schon bemerkt, dass es hier recht feucht ist. So ist das praktisch das ganze Jahr über. Im Winter sogar noch schlimmer. Da haben wir Schneestürme und eisige Temperaturen. Ich sehe, Ihr seid es gewohnt, an Anfängerorten zu arbeiten.“
„Mir war nicht klar, dass das so offensichtlich ist“, sagte ich. „Jetzt bin ich neugierig. Was könnt Ihr mir noch über mich erzählen?“
Er grinste. „Das ist nicht schwer. Ich wette, Ihr habt irgendeine coole Quest ergattert und seid zur Zitadelle geeilt um sie zu erfüllen. Was bei Level 0 nicht oft passiert. Die Zitadelle von Maragar ist kein guter Ort für Leute wie Euch. Das Beste, was Ihr tun könnt, ist es, eure Quest abzuschließen und Euren armseligen Hintern wieder nach Hause zu bewegen.“
Er hatte natürlich recht. Während ich herumgesessen war und über die Karawanen nachgelesen hatte, war mir aufgefallen, dass sich kein einziger Grinder im Raum befand. Alle Spieler hier waren so um Level 100 herum.
„Hier sieht man nicht viele Helden der Arbeiterklasse, was?“, fragte ich.
„Mal so, mal so. Aber Einzelgänger wie Ihr kommen nicht oft her.“
„Verstehe. Das behalte ich im Hinterkopf. Ihr habt mir immer noch nicht gesagt, was mit meiner Ausrüstung nicht stimmt.“
„Mit der ist alles in Ordnung“, sagte er. „Für jemanden auf Level 0 ist sie sogar recht ordentlich. Jetzt müsst Ihr nur noch etwas Elementarschutz anbringen, sonst hält sie nicht lange, nicht bei solchem Wetter. Das Wasser frisst sich durch die Haltbarkeit wie Säure. Werdet Ihr durchnässt, könnt Ihr mit allen möglichen Überraschungen rechnen. Wie ich sehe, habt Ihr das schon bemerkt.“
„Allerdings. Das ist nicht gut. Im Infoportal stand dazu nichts.“
„Das Infoportal!“, lachte er schallend los. „Kennt Ihr irgendwen, der das liest? Tipp gefällig?“
„Klar.“
„Geht in die Auktion und schaut Euch dort um. Seht euch die Preise an. Da gibt es alles. Was Ihr braucht, ist ein Elementarschutz namens Anti-Feuchtigkeit. Das ist erst mal der Einzige, den Ihr braucht. Na dann, ich muss los. Bis morgen.“
Er winkte zum Abschied mit seiner klauenbewehrten Hand und ging zum Ausgang.
Ich folge seinem massigen Körper mit den Augen. Da könnte was dran sein – ich sollte wirklich etwas Marktforschung betreiben. Wo ich ja sowieso Zeit totzuschlagen hatte.
Elementarschutz, hatte er gesagt? Dann mal sehen.
Hilfsbereit bot die Suchmaschine der Auktion mir ein Dutzend Seiten mit relevanten Ergebnissen an. Es gab alles Mögliche: Schutz vor Feuchtigkeit, Sonne, Kälte – was das Herz begehrte. Außerdem sah ich eine Menge Sachen, die meinem Haustier passen würden. Nicht, dass ich die im Moment gebraucht hätte. Mein Strolch und ich, wir waren dazu verdammt, für den Rest unseres Lebens im Spiel auf Level 0 zu bleiben.
Eine Nachricht von Varn unterbrach meine Nachforschungen. Ich zuckte zusammen. Ich hatte schon komplett vergessen, dass ich ihn zu meiner Freundesliste hinzugefügt hatte.

Olgerd, ich habe nachgedacht. Das hier könnte interessant für Euch sein. Es gibt hier einen Laden namens Regenbogenmarkt. Da gibt es alle möglichen coolen Sachen. Ich bin mir nicht sicher, aber ich glaube, sie haben auch Elementarsachen. Der Besitzer heißt Nilius. Sagt ihm, dass ich Euch schicke. Hier sind die Koordinaten des Ladens, falls Ihr Interesse habt. Passt auf Euch auf! Holt Euch keine nassen Füße!

Die Nachricht endete mit einem blau hervorgehobenen, aktiven Link. Wenn ich ihn öffnete, würde mein Bot die optimale Route berechnen.
Ich dankte Varn und klickte auf den Link. Ließ meinen Bot seine Arbeit machen. Warum auch nicht? Ich konnte einen Spaziergang vertragen. Bis morgen Abend hatte ich ja jede Menge Zeit. Informationen waren mir immer willkommen. Ich hoffte nur, ich würde vom Ladenbesitzer etwas erfahren können.
Bevor ich aufbrach, traf ich eine entsprechende Vereinbarung mit Talina, um mir ein Zimmer für die Nacht zu sichern. Ich verließ den Raum, ohne mich von irgendwem zu verabschieden. Jetzt goss es in Strömen. Sollte es in der Hölle jemals regnen, dann würde es dort genau so aussehen. Wenn nicht gar weniger nass.
Neben der optimalen Route zum Laden bot mir mein Bot hilfsbereit eine Liste aller Geschäfte für Magiebedarf in der Gegend an. Die Auswahl war zugegebenermaßen bescheiden, aber für diesen Regenbogenmarkt gab es definitiv noch Konkurrenz. Angenommen, dass Varn für jeden Kunden, den er zu Nilius schickte, Provision kassierte, wäre es kein Wunder, dass er sich die Mühe gemacht hatte, einem einfachen Grinder eine persönliche Nachricht zu schicken. Man hätte meinen können, er wüsste nichts Besseres mit seiner Zeit anzufangen, als Noobs kostenlose Tipps zu geben. Aber wenn er jedes Mal einen netten kleinen Bonus erhielt, wenn er Ratschläge austeilte, wäre das eine ganz andere Nummer. Andererseits, warum sollte mich das interessieren? Jeder musste schließlich seine Brötchen verdienen. Vermutlich musste er seine Familie ernähren oder für sein Studium zahlen.
Ich rannte den ganzen Weg bis zum Laden. Ein paarmal rutschte ich aus und stolperte beinahe über die Pflastersteine, aber das war es wert. Mit einem zufriedenen Lächeln betrat ich den Laden: Ich hatte keinen einzigen Haltbarkeitspunkt verloren.
Die Inneneinrichtung des Regenbogenmarkts erinnerte an das Labor eines Alchemisten: geschnitzte Holzschränkchen und Regal um Regal voll mit allen möglichen Töpfen und Fläschchen.
Hinter dem Tresen stand ein Mann mittleren Alters. Sein dichter, schwarzer Bart hing ihm bis auf die Brust. Er trug ein ausladendes Barett und eine lange, dunkelgrüne Robe.
Ich sah den Namen des Zauberers nicht, auch wenn ich ihn schon kannte. Offenbar ein NPC. Das war eine Überraschung. Wie interessant. Jetzt verstand ich Varn wesentlich besser. Mich herzuschicken musste Teil einer Quest sein, die er grade absolvierte.
„Guten Abend, mein Herr. Was kann ich für Euch tun?“, fragte der Zauberer mit einem freundlichen Lächeln.
„Guten Abend“, entgegnete ich und unterdrückte meinen Wunsch, ihm alles zu sagen, was ich über diesen „guten Abend“ an diesem wundervollen Ort dachte. „Ich suche Nilius.“
„Wer hat Euch hergeschickt?“, fragte der Zauberer geschäftsmäßig.
Oh. Also war mein neuer Freund offenbar nicht sein einziger „Agent“. „Varn.“
Ich musste darum ringen, ernst zu bleiben. Er war diesem zotteligen französischen Komiker Pierre Richard wie aus dem Gesicht geschnitten. Wenn man ihm den Bart abrasieren und ihm den Hut abnehmen würde, hätte er sofort in der französischen Komödie „Das Spielzeug“ mitspielen können. Hah! Wahrscheinlich sah er mit Barett doch besser aus ...
„Ist alles in Ordnung?“, fragte der Zauberer.
„Ja. Natürlich. Ich ... Mir ist nur etwas eingefallen. Ich hoffe, Ihr könnt mir helfen. Varn sagt, dass Ihr einen Schutz für meine Kleidung haben könntet.“
„Ah“, lächelte er, „Da seid Ihr hier genau richtig.“
Sobald er das gesagt hatte, erschien sein Namensschild über seinem Kopf. Ausgezeichnet. Das Eis war gebrochen.
„Woran genau hattet Ihr denn gedacht?“ Nilius machte eine Pause und winkte dann ab, wie um seine eigene Frage zu beantworten. „Was frage ich eigentlich! Es geht um Anti-Feuchtigkeit, nicht wahr? Sicher habt Ihr schon die Freuden unseres örtlichen Klimas gekostet.“
„Kann man so sagen. Glaubt Ihr, Ihr könnt mir helfen?“
„Natürlich. Seht Euch die hier an.“
Er zog einige kleine Schachteln hervor und legte sie vor mich auf den Tresen. Sie kamen mir unheimlich bekannt vor.
„Runen?“, fragte ich.
„Nicht ganz. Elementarschutz.“
Behutsam öffnete er eine der Schachteln. Was war das? Kleine, flache, tränenförmige Tafeln aus Glas, etwa so groß wie meine Handfläche. Er hatte sie in vier Sorten – oder vielmehr in vier verschiedenen Farben: grün, marineblau, purpurfarben sowie einige aus ganz normalem, durchsichtigem Glas. Ich konzentrierte mich auf Letztere.

Name: Vann
Art: Elementarschutz, gewöhnlich.
Effekt: +5 auf Widerstand gegen Feuchtigkeit
Einschränkungen: keine

Ich sah sie mir alle kurz an. Die Purpurnen waren am stärksten: +20 auf Widerstand gegen Feuchtigkeit. Die gute Nachricht war, dass sie mir alle passten. Jetzt musste ich mich nur noch nach dem Preis erkundigen. Eigentlich war es gar keine so gute Idee, die Purpurnen zu nehmen. Sie waren für Meister und darüber, und da ich meine Tarnung nicht verfrüht platzen lassen wollte, beschloss ich, mich mit den Blauen zu begnügen.
„Meister Nilius, wärt Ihr so freundlich, mir zu verraten, wie diese zweifellos wunderbaren Vorrichtungen funktionieren?“
„Oh! Aber gern! Es wäre mir eine Ehre! Da Ihr schon selbst fragt ... Tatsächlich kommt es ganz auf den Aggressionsgrad der Umwelt an. Zum Beispiel braucht Ihr diese durchsichtigen Elemente nicht. Selbst, wenn Ihr sie an jedem Eurer Ausrüstungsgegenstände anbringt, würde das immer noch nicht reichen. Die einfachste und günstigste Option wäre es, einen gewöhnlichen Umhang mit +50 auf Widerstand gegen Feuchtigkeit zu kaufen. Dieser würde aber nur die wenigen Tage halten, die es braucht, um seine Geschäfte hier, welcher Art auch immer sie sein mögen, zu erledigen und dann dieses regnerische Klima für immer zu verlassen. Anders ausgedrückt, die durchsichtigen Elemente helfen höchstens gegen sanfte, warme Regenschauer in einer der südlichen Provinzen. Die Grünen, andererseits ... Die sind bei Büroarbeitern, Verkäufern und Tavernenbesitzern ziemlich beliebt.“
„Mit anderen Worten, sie sind gut genug für einen schnellen Sprint von Gebäude zu Gebäude“, sagte ich.
„Genau. Die könnten auch etwas für Euch sein. Ihr habt vor, in einer Mine zu arbeiten, nicht wahr? Andererseits herrscht in den Minen hier hohe Feuchtigkeit. Doch die grünen Elemente kommen mit diesem Problem hervorragend zurecht.“
„Ich weiß es zu schätzen, dass Ihr so offen zu mir seid.“
„Es ist mir ein Vergnügen.“ Der Bart des Zauberers verbarg sein geschmeicheltes Lächeln. „Ich bin kein Profitjäger. Ich würde nie versuchen, die Unwissenheit meiner Kundschaft auszunutzen.“
„Darum ist es doppeltes Glück für mich, dass ich auf Euch gestoßen bin“, spielte ich mit. „Was ist mit den übrigen Runen?“
„Die Blauen sind bei allen örtlichen Grindern beliebt, die im Freien arbeiten. Sie verzeichnen in diesem Teil der Welt ausgezeichnete Erfolge. Und was die Purpurnen betrifft ... Der stolze Besitzer eines vollen Sets könnte sogar in unserem Fluss hier einen Marathon schwimmen, ohne sich um den Zustand seiner Ausrüstung sorgen zu müssen. Was natürlich nur eine Hypothese meinerseits darstellt. Diese Idee muss ich erst noch in der Praxis testen. Ich hasse es, in eiskalten Wasser zu schwimmen.“
„Ich ebenso.“
Der Zauberer lachte fröhlich. Er schien in Ordnung zu sein. Auch wenn er nur ein NPC war. Aber die Spielentwickler! Was für ein Haifischrudel! Im Infoportal stand nichts über Schaden durch die Elemente. Das war quasi eine Einladung: Komm und lass dich nassregnen, damit wir dir Elementarschutz verkaufen können. Sobald ich mich ausgeloggt hatte, würde ich ausführlich nachforschen müssen – und wenn es eine ganze Woche dauerte, das nachzulesen.
„Nun, wofür habt Ihr Euch entschieden?“ Die Stimme des Zauberers weckte mich aus meinen Überlegungen auf.
„Oh, ja“, sagte ich, wieder zu mir kommend. „Sicher. Vielleicht nehme ich die Blauen.“
„Gute Wahl! Wie viele möchtet Ihr?“
„Sieben.“
Die gute Nachricht war, dass der Elementarschutz um einiges billiger war als Malachit- oder Saphir-Runen. Ein volles Set in Blau würde mich nur 210 Gold kosten. Wo war der Haken?
„Eine kleine Warnung”, sagte der Zauberer. „Ihr könnt die Elemente nicht an Gegenständen anbringen. Sie können nur an Runen angebracht werden, die ihrerseits zuvor angebracht werden müssen. In Eurem Fall würde ein Vann-Elementarset nur auf ein Set Saphir-Runen passen.“
Da war sie, die Antwort auf meine Frage. Um sich vor Feuchtigkeit zu schützen, mussten Spieler sowohl für die Runen als auch für den Schutz selbst berappen. Und noch etwas. Wäre ich immer noch ein Erfahrener Spieler, würde es mir schwerfallen, den Elementen hier zu trotzen. Jetzt verstand ich, warum die Büros von Lady Mel geschlossen waren – es würde mich nicht überraschen, wenn das Schloss selbst zugerostet wäre. Welcher Grinder bei klarem Verstand würde hierher kommen, um in den Minen zu arbeiten? Um den Schaden durch Kälte und Feuchtigkeit zu erleiden, wenn er oder sie genauso gut an einem normalen Ort mit neutralem Klima arbeiten könnte?
Ich fragte mich, ob Weigner darüber Bescheid gewusst hatte. Wenn ja, bedeutete das möglicherweise, dass er mich mehr brauchte als ich ihn. Der alte Fuchs! Egal. Darüber würde ich mit ihm später noch ein Wörtchen reden, das war alles.
Es schien, als wäre es völlige Zeitverschwendung, im hiesigen Personalbüro vorbeizuschauen. Ich musste Weigners Rat folgen und direkt zu den Minen gehen.
Was eigentlich eine gute Nachricht war. Vielleicht konnte ich meine Tagesquote noch schaffen, vorausgesetzt, die örtlichen Smaragdfelder lagen nicht zu weit entfernt. Ich musste auf der Karte nachsehen.
„Ich nehme sie“, sagte ich zu dem Zauberer. „Alle sieben. Sie werden sehr gut auf mein Set Saphir-Runen passen.“
„Freut mich zu hören!“ Nilius schien aufrichtig glücklich. „Jetzt kann auch noch so viel Regen Eure Kleidung nicht beschädigen. Achtet nur darauf, sie nicht überzustrapazieren. Es wäre keine gute Idee, stundenlang am Stück draußen im Regen zu bleiben.“
Ich nickte. „Danke. Darf ich sie gleich hier anbringen?“
„Unbedingt! Fühlen Sie sich wie zu Hause!“
Etwa zehn Minuten später verließ ich den Laden. Bei meinen Eigenschaften fand sich eine neue Zeile:

Widerstand gegen Feuchtigkeit: +105

Das war doch mal was Gutes. Immerhin riskierte ich jetzt nicht mehr, im unpassendsten Augenblick alle meine Kleider zu verlieren. Ich stellte mir vor, wie sich meine Ausrüstung auflöste wie durchweichtes Papier ... igitt.
Gut, dass ich genau in diesen Laden gekommen war. Erstens wegen des Rabatts. Selbst wenn die Auktionspreise für Elementarschutz billiger waren, hatte Nilius‘ Angebot sich für mich doch gelohnt.
Zweitens hatte ich in Ermangelung des Internets trotzdem Einiges aus meinem Gespräch mit dem Zauberer erfahren können. Ich hatte eine Menge über andere Dinge herausbekommen – zum Beispiel verschiedene Arten von Elementarschutz, um nur eines zu nennen.
Drittens hatte ich eine Quest erhalten. Was nur zu erwarten war, da es sich bei Nilius ja um einen NPC handelte. Jetzt verstand ich Varns Enthusiasmus wesentlich besser. Seine Aufgabe war es, Nilius‘ Laden bei jedermann anzupreisen. Im Gegenzug bot Nilius seinen „Agenten“ einige satte Ermäßigungen und Boni an, wann immer sie etwas aus seinem Laden brauchten. Gutes System.
Jetzt goss es wie aus Kübeln. Perfektes Wetter, um meine neuesten Anschaffungen auszuprobieren. Entschlossen trat ich in die nächste Pfütze, die mir in den Weg kam. Meine Stiefel blieben trocken! Gleiches galt für meine Kleider: Auch sie waren trocken, als wären sie von einer schützenden Schicht umgeben. Ausgezeichnet.
Kalte Regentropfen prasselten auf mein Gesicht ein. Wasserrinnsale liefen mir in den Bart. Trotzdem lächelte ich. Die Dinge hatten sich als weniger schlimm herausgestellt als ursprünglich angenommen.
Als ich in die nächste Pfütze auf meinem Weg stieg, bemerkte ich, dass meine Experimente nicht unbeobachtet blieben. Ich brauchte noch ein paar weitere Augenblicke, bis mir klar wurde:
Ich wurde verfolgt.






Kapitel 3



Ich bückte mich, wie um die nicht vorhandenen Schnürsenkel meiner Stiefel zu binden, und versuchte, einen Blick auf meine Verfolger zu erhaschen. Es waren zwei, beide gedrungen und breitschultrig. Zwerge? Gnome?
Ihre Körper waren von grauen Umhängen verhüllt. Unter ihren Kapuzen konnte ich ihre Gesichter nicht erkennen. Dann sprang einer von ihnen über eine Pfütze, und mir bot sich kurz ein Blick auf seinen schwarzen Bart. Es mussten Zwerge sein. Zumindest einer von ihnen.
Dass sie jemanden verfolgten, war selbst für mich mit meinem völligen Mangel an Spionageerfahrung offensichtlich. Und sie verfolgten mich. Sie hielten sich in stets demselben Abstand hinter mir. Sobald ich stehenblieb, taten sie es mir gleich. Für Spione verhielten sie sich ziemlich seltsam. Entweder hatten sie vor, mich zu Tode zu erschrecken – was ihnen zugegebenermaßen bis jetzt ganz gut gelang – oder sie waren ebensolche Neulinge in Sachen Anschleichen wie ich.
Die andere Frage war, wer sie waren. Schantarskis Handlanger? Aber woher wusste er es? Hatte er wirklich jemanden im Büro bestochen? Unwahrscheinlich. Wer würde wegen eines kleinen Fisches wie mir schon seinen Job riskieren? Andererseits, wenn der Preis stimmte ... Ich hatte wenig Zweifel, dass Vater und Sohn Schantarski nicht ruhen würden, bis sie ihre Rache an mir genommen hatten. Und der Zauberer, der mir in der Nähe der Portal-Station aufgefallen war – was, wenn er nicht nur Teil meiner paranoiden Fantasie gewesen war?
Aber was, wenn diese zwei gar nichts mit Schantarski zu tun hatten? Was dann? Waren sie am Ende – Straßenräuber? Oder irgendwelche Schwarzen Plünderer, die mich für leichte Beute hielten?
Ich hatte die Warnung der Administratoren gelesen. Offenbar musste ich, wenn mich hier jemand ausraubte, zu den örtlichen Strafverfolgungsbehörden gehen, die hauptsächlich durch ihre Abwesenheit auffielen. Eine Beschwerde bei den Administratoren würde nichts bringen. Das hier gehörte zum Spiel. Ich hatte mich bereits zu weit von den Anfangsorten wegbewegt.
Gut. Ich musste mich zusammenreißen. Bislang war noch nichts passiert. Ich arbeitete für Lady Mel, was in jedem Streit ein gewichtiges Argument darstellte. Falls ich körperlich angegangen würde, konnte ich mich immer noch bei meinem Arbeitgeber beschweren. Nicht, dass das zu viel führen würde: Wer würde sich denn für mich einsetzen wollen? Aber als Drohung könnte das funktionieren. Zumindest hoffte ich das.
Ich beschleunigte meine Schritte. Ich musste so schnell wie möglich zur Taverne gelangen. Wenigstens wäre ich dort nicht allein. Wenn es hart auf hart kam, konnte ich Hilfe rufen. Und wenn es schlimmer kam, konnte ich immer noch Varn bitten, mich zur Portal-Station zu begleiten. Für ihn wäre das eine schnelle Möglichkeit, etwas Gold zu verdienen. Doch das wäre nur der ungünstigste Fall. Ich hatte hier noch zu arbeiten – und das hoffentlich für eine lange Zeit. Ich würde mich nicht paranoid machen lassen.
Nachdem ich mir selbst auf diese Weise Mut zugeredet hatte, hastete ich in Richtung des Gasthauses zum Kochenden Kessel. Wo ich schon bei Varn war ... Mir kam eine Idee. Darüber sollte ich nachdenken.
Mein Tempowechsel musste meine Verfolger drausgebracht haben. Als ich schließlich die Tür zum Gasthaus öffnete, drehte ich mich um und blickte zurück. Die Straße war leer. Ich hoffte, dass sie mich aus den Augen verloren hatten. Gut. Ich hatte sie wohl abgehängt.
Erleichtert seufzend betrat ich das Gasthaus. Der Raum war zum Bersten voll. Fast alle Tische waren bereits besetzt. Einige der Spieler trugen das Logo der Steel Shirts auf der Brust. Auch wenn ich genau genommen kein Mitglied des Clans war, konnte ich doch auf ihre Unterstützung zählen.
Als sie mich erblickte, nickte Talina bedauernd in Richtung eines Tisches beim Fenster. Alle Plätze am Kamin waren besetzt. Der Bereich darum herum war völlig vollgestopft mit Leuten.
Ich lächelte dankbar und setzte mich an den Tisch, den sie mir angewiesen hatte. Sie kam fast sofort zu mir.
„Tut mir leid wegen dieses –“, begann sie.
Ich unterbrach sie mitten im Satz. „Ist schon gut, danke. Ihr müsst Euch nicht entschuldigen. Ich bin schon sehr froh, dass ich überhaupt einen Platz bekommen habe. Außerdem bin ich nicht nass, dank Eures Bruders. Der Tipp, den er mir gegeben hat, war extrem hilfreich.“
Sie lächelte. „Freut mich zu hören. Euer Zimmer ist bereit. Hier ist der Schlüssel. Es ist Nummer fünf.“
„Ausgezeichnet, danke. Ich trinke etwas Warmes und gehe dann nach oben.“
„Möchtet Ihr einen Glühwein?“
„Perfekt. Genau das, was ich brauche.“
Talina huschte davon, um meine Bestellung zu erfüllen.
Oh. Glühwein! Den hatte ich zum ersten Mal in Dresden auf dem Weihnachtsmarkt probiert. Sveta und ich hatten den ganzen Tag damit verbracht, durch die Stadt zu streifen. Am Abend hatten wir uns der Jahrmarktlaune hingegeben. Alles voller Lichter, Bögen aus Tannenzweigen, Weihnachtsschmuck, Weihnachtspyramiden und handgeschnitzter Figuren rauchender Männchen ...
Wir hatten heißen Glühwein getrunken und Weihnachtsstollen mit Rosinen und kandierten Früchten gegessen. Wir waren glücklich gewesen. Oh ja. War das ein guter Tag gewesen. Einer der besten in meinem ganzen Leben.
Bald stand auf meinem Tisch ein kleiner Tonkrug mit dampfender, burgunderroter Flüssigkeit. Der Rand des Krugs war mit einer Zitronenscheibe verziert. Ich würde wetten, dass der Wein genau wie der in Dresden schmecken würde. Dafür würde mein Unterbewusstsein sorgen.
Ich konzentrierte mich auf den Krug und entdeckte sofort ein sehr rührendes Detail, das ich Talina zu verdanken hatte.

Name: Glühwein
Effekt: jeder Schluck bringt +40 auf Energie
Einschränkung: Nur im Gasthaus zum Kochenden Kessel.

Nicht viel, aber sehr lieb von ihr. Ich wünschte, ich hätte an meinem ersten Tag in der Spiegelwelt etwas davon gehabt.
Gerade wollte ich das würzig duftende Getränk probieren, als sich die Eingangstür öffnete und meine zwei untersetzten Verfolger eintraten. Meine Güte. Und das gerade, als ich gedacht hatte, ich müsste mir keine Sorgen mehr machen.
Schnell schaute ich mich um. Niemand im Raum schenkte den Neuankömmlingen Beachtung. Talina musste nach hinten in die Küche verschwunden sein. Alle Gäste waren mit Essen und Reden beschäftigt.
Ich spannte mich an und drückte mich tiefer in meinen Stuhl. Allerdings hatte ich keine Zeit mehr, die Augen zu senken. Die zwei „Umhänge“ hatten mich bemerkt. Den Blicken, die sie wechselten, nach zu urteilen, hatten sie mich wohl erkannt.
Mit seinen Stahlstiefeln durch den Raum stampfend kam einer der beiden auf mich zu. Ich versuchte, meine Nervosität nicht zu zeigen und sah mich nochmals im Raum um. Drei Tische weiter saßen einige Krieger der Steel Shirts. Würden sie mir helfen, wenn ich protestierte?
Meine Verfolger waren nur noch ein paar Schritte entfernt. Sie hatten ihre Kapuzen zurückgeschlagen. Endlich konnte ich ihre Gesichter sehen. Auch wenn „Gesicht“ nicht das richtige Wort war, um einen von ihnen zu beschreiben.
Ich hatte recht gehabt: Er war tatsächlich ein Zwerg. Der andere stellte sich als Dwand heraus. Was für eine seltsame Kombination. Ich wusste bereits, dass diese beiden Rassen sich nicht gerade gut verstanden. Andererseits, wie konnte ich mir sicher sein? Das mochte auf Grinder zutreffen, aber nicht auf Kämpfer-Konten. Und nach ihren Levels zu urteilen mussten diese beiden Kämpfertypen sein. Beide waren auf Level 120.
Krass. Zugegebenermaßen fühlte ich mich geschmeichelt, dass Schantarski offenbar seine Top-Kämpfer geschickt hatte, nur um mich zu erwischen. Das heißt natürlich, wenn er es überhaupt war.
Ich machte einen Screenshot und startete die Videoaufnahme. So würde ich wenigstens einen Beweis haben. Meine rechte Hand wurde taub. Oh! Beinahe hätte ich den Tonkrug zu Staub zerdrückt.
Schnell zog ich die Hand zurück – wahrscheinlich zu schnell. Ich musste mich zusammenreißen. Einatmen. Ausatmen. Niemand durfte meine Nervosität bemerken. So. Besser.
Die zwei blieben eine Armeslänge von meinem Tisch entfernt stehen. Der Name des Zwergs war Saash, während der graugesichtige Dwand Dan auf seinem Namensschild stehen hatte. Seltsamerweise verrieten ihre Gesichter Verlegenheit. Ich hatte alles Mögliche erwartet: Verachtung, Hass, Gleichgültigkeit oder vielleicht sogar Schadenfreude. Aber Verlegenheit?
Ich beschloss, den Stier bei den Hörnern zu packen. „Hör mal, Jungs.“ Ich zwang mich, ruhig und selbstbewusst zu klingen. „Ich habe keine Ahnung, was ihr von mir wollt. Aber ich muss euch warnen, dass ich für Melorie, die Lady der Stürme arbeite! Was auch immer ihr vorhabt, haltet euch besser von mir fern. Ihr wollt doch keinen Ärger, oder?“
Puh! Ich hatte es gesagt! Ich bluffte natürlich, aber so machte man das eben. Ärger, ja klar. Als ob die Frau des Anführers der Steel Shirts nichts Besseres zu tun hatte, als mir zu Hilfe zu eilen. Sie wusste nicht einmal, dass es mich gab.
„Geht es Euch gut?“, fragte der Dwand verwirrt. „Wir wollten nur mit Euch reden.“
„Wirklich“, echote der Zwerg. „Kein Grund, sich so reinzusteigern.“
„Ach, das ist also mein Fehler, ja? Ihr verfolgt mich durch die ganze Stadt, und dann werft ihr mir das vor?“
Überraschenderweise wurde der Zwerg feuerrot im Gesicht. Sein Dwand-Kumpel war jedoch schlagfertiger.
„Na gut, tut uns leid, wir haben‘s übertrieben. Wir wollten Euch zuerst dorthin folgen, wohin Ihr unterwegs wart. Wie kann man sich bei diesem Regen unterhalten?“
„Da steckt ein Fehler in deiner Logik, junger Mann“, sagte ich. „Seid ihr nicht auf die Idee gekommen, dass mich das in Alarmbereitschaft versetzen würde? Diese Gegend ist nicht gerade einladend für Leute wie mich, wisst ihr? Ihr hättet einfach rüberkommen und mit mir reden können.“
Ich hatte ihn nicht ohne Grund junger Mann genannt. Jemandes Wahl des Avatars konnte mich nicht mehr täuschen. Ich hatte bereits gelernt, das ungefähre Alter eines Spielers einzuschätzen. Hier zeigte sich meine Spielerfahrung. Diese zwei waren höchstens zwanzig. Auch ihnen musste klar sein, dass sie es nicht mit einem Schüler im Teenager-Alter zu tun hatten.
Der Zwerg wandte sich an seinen Freund. „Ich habe es dir gesagt!”
„Okay, tut mir leid.“ Er hob in gespielter Unterwürfigkeit die Hände. „Ich dachte, so würde es besser gehen.“
Ich wollte sie nicht vergraulen, sonst hätte ich ihm gesagt, mit welchem Körperteil er meiner Meinung nach das Denken erledigte.
Gut. Alles klar. Falscher Alarm. Irgendwie bezweifelte ich, dass mein Gerede irgendjemanden in der wirklichen Welt beeindruckt hätte. Dort war ich ein Nerd mit Brille; hier war ich ein Ennan mit schwarzen Augen und Bart. Mein Char konnte ziemlich bedrohlich aussehen.
Das war ein ganz neues Gefühl für mich. Leute wie ich müssen sich praktisch auf täglicher Basis gegen tyrannische Mitmenschen wehren. Und hier zwang das kleinste Bisschen Druck andere zu entschuldigender Schamesröte und Gehorsam. Hah! Ich wünschte, ich könnte mir meinen Ennan für meine tägliche Busfahrt borgen! Nur für ein paar Tage, nicht mehr. Schade, dass meine Visage damals Slayer in der Spinnengrotte nicht beeindruckt hatte.
Mit einem Rascheln ihres gestärkten Kleides erschien Talina wieder an meinem Tisch. „Herr Olgerd? Ist alles in Ordnung?”
Ich warf einen Blick auf meine Verfolger wider Willen. „Alles bestens, danke. Diese jungen Männer sind hier, um mit mir zu sprechen.“
Sie nickte und wandte sich dann an die zwei: „Was wünschte Ihr zu trinken?“
„Zwei Glühwein.“ Der Zwerg legte seinen durchnässten Umhang ab und setzte sich mir gegenüber. Der Dwand tat es ihm gleich.
Sobald Talina davongerauscht war, um ihre Bestellungen zu bringen, sagte ich: „Kommen wir zum Geschäft. Was wollt ihr zwei von mir?“
Der Dwand war auch niemand, der um den heißen Brei redete. „Wir würden Euch gern anstellen.“
Ich hatte alles erwartet, nur das nicht. „Wie bitte?“
Der Zwerg stieß seinen Partner mit dem Ellenbogen an. „Wir sollten uns wirklich vorstellen. Mein Name ist Sascha, und das ist mein Bruder Dennis. Unsere Spitznamen kennt Ihr ja schon. Es tut uns wirklich leid. So hätten wir das nicht machen dürfen. Wir hätten Euch gleich ansprechen sollen. Das wäre angemessener gewesen.“
Der Dwand versuchte, etwas zu sagen, aber der Zwerg stieß ihn erneut in die Seite und brachte seinen Bruder mit einem bedeutungsschweren Blick zum Schweigen.
Wie interessant. Meinem ersten Eindruck nach war Dan der Boss, doch jetzt war ich mir nicht mehr so sicher. Eine weitere interessante Tatsache war, dass sie Brüder waren. Das hätte ich nicht gedacht. Ein Zwerg und ein Fels-Dwand – Brüder. Doch was machte das andererseits schon? Meine bisherigen Erfahrungen in der Spiegelwelt hatten wohl schon ihre Spuren hinterlassen. Ich hatte begonnen, zu denken wie im Spiel.
Ich zuckte mit den Schultern. „Entschuldigung angenommen. Jetzt spuckt schon aus.“
Der Zwerg nickte dankbar. „Ich mach‘s kurz. Es geht um eine Quest. Mein Bruder und ich haben sie akzeptiert, als wir noch in unseren 70ern waren. Wir dachten, eines Tages können wir sie durchführen, aber so ist es nicht gelaufen. Und diese spezielle Quest ist sehr wichtig für unsere Reputation beim Haus des Steinernen Lotus.“
„Wir sind schon seit Ewigkeiten dabei, diesen Rep-Wert zu steigern“, mischte sich Dan ein. „Und jetzt hält diese elende Quest alles andere auf.“
„Was habe ich damit zu tun?“
„Das versteht Ihr gleich. Unsere Aufgabe ist es, zehn Herzen des Sumpf-Kardach zu besorgen. Also zusammen zwanzig.“
„Hört mal, Jungs, falls ihr es nicht bemerkt habt, ich bin nur ein Grinder.“
Der Dwand kicherte. „Wenn Ihr das wärt, wären wir nicht zu Euch gekommen.“
„Niemand bittet Euch darum, zu kämpfen“, fügte sein Bruder hinzu. „Die Kardachs können wir schon alleine killen. Die sind bloß auf Level 80. Mehr als ein paar Minuten brauchen wir für die nicht. Was wir brauchen ist ein Minengräber.“
„Jungs, je mehr wir reden, desto weniger verstehe ich.“
„Unsere Quest ist an Euren Beruf gebunden“, erklärte der Zwerg eilig. „Der Plan ist einfach. Wir killen den Kardach, und Ihr nehmt sein Herz.“
„Warum ich?”
„Weil sein Herz aus Stein ist. Aus Sumpf-Ammolit, um genau zu sein. Und wie Ihr sicher schon erraten habt, muss man mindestens ein Erfahrener Minengräber sein, um es an sich zu nehmen.“
Ich schwieg und dachte über diese Information nach. Das veranlasste den Zwerg, sich aufs Betteln zu verlegen:
„Uns ist klar, dass Ihr beschäftigt seid. Ihr habt einen Job und so. Es ist nur so, dass wir Euch bei diesem Zauberladen gesehen haben ... ohne Begleitung, ohne Clan-Logo ... da konnten wir unser Glück nicht fassen. Darum haben wir beschlossen, Euch eine Weile zu beobachten. Nur für alle Fälle. Wir hatten Angst, es könnte Ärger geben.“
„Was meint ihr damit?“
„Was ich gesagt habe“, erwiderte der Zwerg. „Clans heißen es nicht gut, wenn ihre Arbeiter einen Nebenjob annehmen. Darum dachten wir ...“
„Ah, ja, klar, natürlich.“ Ich tat so, als wüsste ich, wovon er redete. „Jetzt verstehe ich. Das ist kein Problem. Fassen wir zusammen. Wenn ich richtig verstehe, habt ihr eine Quest, bestimmte Mobs zu töten und ihre Herzen zu beschaffen. Das Problem ist, der Einzige, der sie an sich nehmen kann, ist ein Minengräber, und zwar mindestens ein Erfahrener. Korrekt?“
Der Dwand nickte. „Ich hätte es nicht besser ausdrücken können.“
„Gut“, sagte ich. „Und jetzt führe ich das Ganze mal etwas weiter. Wenn ihr hier sitzt und versucht, mich zu sowas zu überreden, nehme ich an, dass ihr diese Herzen nicht bei der Auktion bekommen könnt.“
„Stimmt“, erklärte der Zwerg geduldig. „Sie sind keine Drops. Ihr Besitzer kann sie nicht einfach an irgendjemanden weitergeben. Das ist das ganze Problem. Eigentlich ist der Job ganz einfach. Alles, was Ihr tun müsst, ist uns in die Instanz folgen und die Herzen aufheben.“
„Moment mal”, unterbrach ich ihn. „Was soll das heißen, ich muss euch in die Instanz folgen? Ich bin ein Grinder, schon vergessen?“
„Wie lange seid Ihr denn schon im Spiel?“ Der Dwand Dan klang verblüfft. „Habt Ihr schon mal bei einem Raid eine Instanz aufgeräumt?“
Ich schüttelte den Kopf.
„Verstehe“, sagte Dan. „Seht Ihr, wenn eine Quest teilweise an einen Beruf gebunden ist, können Raider Grinder in die Gruppe aufnehmen. Oder auch Kräuterkundige, Fischer, Ihr wisst schon. Alle möglichen Berufe.“
„Und was, wenn die sich der Gruppe nicht anschließen?“
„Vergesst es. Eine Quest-Ressource steht nur Gruppenmitgliedern zur Verfügung. Ein einzelner Grinder sieht die gar nicht. Erst muss er sich anschließen. Euer Job ist es, die Herzen aufzuheben und sie uns zu übergeben.“
Schweigend dachte ich nach. „Oh. Das ist raffiniert.“
„Wir wissen, wie beschäftigt Ihr seid“, wiederholte der Zwerg. „Warum solltet Ihr euch die Mühe machen? Aber wir können Euch gut bezahlen. Sagen wir zehn Gold pro Herz, ja? Natürlich statten wir euch von oben bis unten mit Buffs aus. Dan hat krasses Räucherwerk. Das spendieren wir.“
Der Dwand lächelte. „Alles, was Ihr tun müsst, ist im Schatten rumsitzen und Däumchen drehen. Ab und zu lasst ihr ein Herz rüberwachsen, und das war‘s schon. Nur ein paar Stunden lang. Kommt schon, sagt, dass Ihr das machen könnt.“
„Aber warum ich?”
Dan grinste. „Seht Ihr hier irgendwelche verfügbaren Minengräber auf Eurem Level? Wir sollten Fortuna die Füße dafür küssen, dass sie uns Euch geschickt hat.“
„Um jeden Zweifel Eurerseits auszuräumen“, erhöhte der Zwerg den Druck weiter, „sende ich Euch eine Kopie der Quest. Nur damit Ihr, Ihr wisst schon, nicht denkt, wir wollen Euch übers Ohr hauen. Es geht um zweihundert Gold, das ist nicht zu verachten.“
Schulterzuckend stimmte ich zu. Sollten sie ihr Schreiben ruhig senden. „Ich muss darüber nachdenken.“
Der Dwand öffnete den Mund, um etwas zu sagen. Der Zwerg bohrte ihm den Ellenbogen in die Rippen – diesmal ernsthaft, so wie sein Bruder nach Luft schnappte.
„Auf jeden Fall“, sagte der Zwerg lächelnd. „Uns ist klar, dass das alles neu für Euch ist.“
Ich nickte dankbar und begann zu lesen. Wie schade, dass das Spiel keinen Zugang zum Internet erlaubte. Ich würde mir das wirklich genauer ansehen müssen. Konnte es eine Falle sein? Ich warf einen verstohlenen Blick auf die zwei Brüder und studierte ihre Gesichter. Nein. Zu einfach für Schantarski. Außerdem schien der Formulierung der Quest nach zu urteilen alles in bester Ordnung. Da war nichts faul dran.
Was war dann mein Problem? Hätte ich Zugang zur kollektiven Weisheit des Internets gehabt, hätte ich es natürlich leichter gefunden, das Für und Wider abzuwägen. Aber so ... Der einzig mögliche Haken konnte der Preis sein, den sie meiner Teilnahme zumaßen. Das schien mir ziemlich glaubhaft. Vermutlich hatten sie erraten, dass ich mich nicht ausloggen konnte. Ich musste wirklich in ein paar Foren nachschauen, bevor ich so eine Entscheidung traf. Leider konnte ich mir den Luxus des Internets den nächsten Monat lang nicht leisten.
Egal. Ich musste mit dem arbeiten, was ich hatte. Angefangen mit dem Zwerg. Seiner schweren Rüstung nach zu urteilen war er wohl ein sogenannter Tank. In seiner Tasche musste er einen monströsen Schild und eine Streitaxt haben. Mal sehen.
Seine Eigenschaften waren verborgen, genau wie meine. Aber sein Brustpanzer oder zum Beispiel seine Armschienen konnten mir den Namen seines Sets verraten.
Ich öffnete die Auktion und suchte nach „Armschienen“. Einschränkung: unter Level 120. Nein, besser sollte ich nach dem Brustpanzer schauen. Armschienen, Handschuhe, Helme und Schulterschutz waren normalerweise die teuersten Teile jeder Rüstung.
Dann also Brustpanzer. Ich drückte auf Eingabe. Bilder von Brustpanzern tauchten vor meinen Augen auf. Aha! Ich warf dem Zwerg einen weiteren verstohlenen Blick zu. Genau. Also: Sein Brustpanzer sowie seine Beinschienen und das Kettenhemd stammten aus dem Paket „Riesentöter“. Farbe: blau, Klasse: selten. Nicht die billigste, aber doch noch recht bezahlbar. Okay.
Jetzt die Armschienen. Genau, wie ich gedacht hatte. Teil des Pakets „Titan“, Farbe: grün, Klasse: hochwertig. Dasselbe galt für den Schulterschutz und die Handschuhe des Zwergs. Sein Helm und seine Waffen waren wohl in derselben Schiene. Okay. Ein durchschnittlicher Tank.
Also. Da er kein Clan-Logo an sich trug, war er wohl ein Einzelgänger. Oder sollte ich sagen, er war völlig zufrieden mit der Gesellschaft seines Bruders. Rang: Soldat. Ein solch niedriger Rang in Kombination mit seinem hohen Level bedeutete, dass er sich durch das Töten von Mobs hochgelevelt hatte. Nach allem, was ich schon in Erfahrung gebracht hatte, hing der Rang eines Spielers direkt von seinem Mut-Level ab, der sich nur steigern ließ, indem man Dunkle tötete.
Ich glaubte zu wissen, was diese zwei hier machten. Sie waren genau wie ich in die Zitadelle gekommen. Nur dass ich hier war, um meine Reputation hochzuleveln, und sie waren hinter den Skalps der Dunklen her. Es sah aus, als wäre unsere Begegnung tatsächlich ein Zufall. Sie hatten mich gesehen und beschlossen, eine alte Quest abzuschließen.
Jetzt warf ich dem Dwand einen verstohlenen Blick zu. Ein Zauberer. Seine Ausrüstung mehr oder weniger in derselben Liga wie die seines Bruders. Wenn ich mich nicht irrte, waren diese beiden nach Spiegelwelt-Standards deutlich durchschnittlich: zwei mittelmäßige Spieler, die sich schön hochgelevelt, aber ihren Mut-Wert vernachlässigt hatten.
Ich erinnerte mich, einen Blog-Post über Mut überflogen zu haben. Offenbar wurzelte das Ganze in einem Rangsystem. Ein militärisches Gegenstück zur Reputation, das einem Zugang zur Waffenkammer von Mellenville gewährte. Nach allem, was ich bereits wusste, war die Rüstung in der Waffenkammer neben einigen wirklich einzigartigen Gegenständen oder Relikten die beste im Spiel.
Ich las die Quest noch einmal. Gleich würde mir vor lauter neuen Ideen, die auf mein Gehirn einstürmten, der Kopf platzen. Hätte Dimitri nur einen Bruchteil davon herausgefunden, was ich in Erwägung zog, würde er mich wohl für mindestens ein Jahr hier einsperren lassen. Hah! Er war aber nicht hier, oder? Doch die Details meines Plans begannen bereits, Form anzunehmen.
Ich las zu Ende und blickte zu den zwei Brüdern auf. Sie lächelten gleichzeitig, da sie mir die Antwort offenbar vom Gesicht abgelesen hatten. Dann wollte ich sie mal nicht enttäuschen.
„Also, wo habt ihr gesagt, verstecken sich diese Kreaturen?“






Veröffentlichung am 30. Oktober 2019



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