Saturday, May 4, 2019

Level Up: Knockout von Dan Sugralinov & Max Lagno



Level Up: Knockout
von Dan Sugralinov und Max Lagno





Veröffentlichung am 1. August 2019


Kapitel 1. Die Halluzination



„Früher war ich auch ein Abenteurer, aber dann habe ich einen Pfeil ins Knie bekommen.“

Skyrim


OBWOHL Mike Björnstad Hagen zum Teil skandinavischer Abstammung war, besaß er so viel Ähnlichkeit mit einem Wikinger wie ein Chihuahua mit einer Dänischen Dogge. Er hatte eine Reihe von Spitznamen wie „Heulsuse Mikey“, „Micker-Mikey“, „Mikey, das Weichei“ oder sogar „Hey, du Schwanzlutscher!“ Niemand hatte ihn jemals „Mr. Hagen“ genannt.
Das einzige Mal, dass das beinahe passiert wäre, war bei einem Termin in seiner Bank, als Hagen versuchte, einen Hypothekenkredit aufzunehmen. „Tut mir so leid, Mr. Hagen, aber Ihr Kreditantrag ist abgelehnt worden“, sagte der Mann hinter dem Tresen, ohne auch nur zu versuchen, sich sein selbstgefälliges Grinsen zu verkneifen.
Mike hätte ihm mit Vergnügen die Fresse poliert, wenn er nur gewusst hätte, wie man kämpft.



Ein eigenes Heim ... Der Traum von einem eigenen Haus, einem, das er mit seiner süßen Jessie teilen könnte, war alles, wofür er drei Jahre lang gearbeitet hatte. Dann hatte Jessica ihn für so einen Rohling von einem Lastwagenfahrer aus Arizona verlassen – oder aus Texas? Nicht, dass das jetzt noch eine Rolle gespielt hätte.
Was allerdings eine Rolle spielte, war, dass Hagen in den darauffolgenden fünf Jahren mit niemandem mehr ausgegangen war, und der Grund war sicherlich nicht, dass er sich nach Jessica verzehrte – das war nicht der Fall. Vielmehr lag es daran, dass ihn niemand jemals interessant genug fand, auch nicht Sheila, das mürrische, von oben bis unten tätowierte Goth-Chick, das im Laden gegenüber arbeitete. Der Laden verkaufte Comics und Hagen war oft dort, um neue Ausgaben von Rat Queens und Extremity zu kaufen.
Bei einer Gelegenheit hatte Mike in Chuck‘s Bar ein paar zu viel getrunken und genug Mut aufgebracht, um sie ins Kino einzuladen – in irgendeinen Film aus der Avengers-Reihe. Damals hatte Hagen, der sich mutig und allzu selbstsicher fühlte, die Verwegenheit besessen, zu verkünden: „Schätzchen, wie wäre es, wenn du deinen Luxuskörper vom coolsten Typen der Nachbarschaft ausführen lässt?“
Sheila war völlig entgeistert. „Cool? Ausgerechnet du?“ Dann kam die altbekannte Phrase: Er der letzte Mann auf Erden, sie absolut abgeneigt, selbst unter solchen Umständen auch nur die kürzeste Zeit mit ihm zu verbringen.
Mike hatte nicht abgewartet, bis sie den Satz beendet hatte. Von der Erkenntnis getroffen, dass er abgewiesen worden war, hatte sein Gehirn sofort seinen Standardbewältigungsmechanismus gestartet, den Hagen schon in der Grundschule entwickelt hatte, als er in der Schulcafeteria unter einem Hagel von Essensresten als Missgeburt beschimpft worden war: „Nichts Böses sehen, nichts Böses hören.“
Es war ihm kaum gelungen, seine Beine zu bewegen, die sich wie Fremdkörper anfühlten, doch er verließ den Comicladen und kehrte nie wieder zurück. Von da an musste er seine Comics online bestellen, etwas das, wie jeder weiß, ganz und gar nicht dasselbe ist.
Hagen machte Sheila keine Vorwürfe. Doch wie hätte er ihren Laden je wieder betreten können? Das wäre die schlimmste Demütigung, die man sich vorstellen könnte.
Dann war da der Abend, an dem er von der Arbeit nach Hause kam – ein Freitag direkt nach Thanksgiving. Wobei ein Familienfeiertag für Hagen ein Tag wie jeder andere auch war. Er hatte seinen Vater nie kennen gelernt und seine Mutter war vor einigen Jahren gestorben.
Hagens Mutter war der einzige Mensch in seinem Leben gewesen, den er jemals wirklich geliebt hatte. Manche hätten ihre Liebe vielleicht als erdrückend bezeichnet, doch Baby Mikey konnte das nicht so sehen. Schließlich war sie seine Mutter – und außerdem seine Freundin und der interessanteste Gesprächspartner weit und breit.
Jessie hatte versucht, diese Rolle für sich zu beanspruchen – eine Zeitlang schien das von Erfolg gekrönt –, doch dann verließ sie ihn. Als Hagen nach diesem ersten „Ausflug ins Leben“, wie sein Onkel Pete es ausgedrückt hatte, zu seiner Mutter zurückkehrte, war diese bereits todkrank. Die Ärzte sagten, ihre Behandlung hätte eine dreißigprozentige Erfolgschance, aber sie hatten sowieso kein Geld, um die Behandlungskosten zu bezahlen. Außerdem hätten sie dazu nach Philadelphia gemusst. Wie hätte das gehen sollen? Seine Arbeit und sein Zuhause hätten ihm das nie erlaubt. Und auch alle anderen nicht.
Hagens Mutter starb unter furchtbaren Schmerzen, und er verbrachte ihre letzten Tage bei ihr, hielt ihre Hand und schaffte es nicht, die Tränen zurückzuhalten.
Die ersten Jahre nach ihrem Tod war er damit beschäftigt, sich von Neuem im Leben zurecht zu finden. Er gewöhnte sich ans Kochen und versuchte, seine Kleider selbst zu waschen und rechtzeitig aufzuwachen – alles mit wechselndem Erfolg. Die Mutter, die sich stets um ihren Sohn gekümmert hatte, war nicht mehr da. Es gab niemanden, der ihren Platz hätte einnehmen können. Also beschloss Hagen zum zweiten Mal in seinem Erwachsenenleben, etwas für sich zu tun (das erste Mal war, als er mit Jessie zusammengezogen war.)
Er würde nicht aufgeben. Er würde nicht an dem Druck zerbrechen. Er würde sich keine spezifischen Ziele setzen, sondern mit dem Strom schwimmen, doch er würde definitiv am Leben bleiben.
Also gelang es ihm schließlich irgendwann, damit klarzukommen. Mutters Küche wurde durch chinesisches Fastfood ersetzt. Einmal die Woche ging Hagen zum Waschsalon, und der Wecker weckte ihn jeden Morgen. Das Leben schien sich normalisiert zu haben, doch er vermisste seine Mutter immer noch sehr.
Sein einziger Verwandter, von dem er wusste, war Onkel Pete, Moms älterer Bruder. Onkel Pete war bei der US-Armee gewesen. Er hatte an Feldzügen im Irak und in Afghanistan teilgenommen Die wenigen Male, die er Hagen und seine Mutter besucht hatte, hatte er alles getan, was er konnte, um ein männliches Vorbild zu sein und bei der Erziehung seines Neffen zu helfen, doch ohne jeden Erfolg. Also hatte Onkel Pete beschlossen, sich nicht mit Details aufzuhalten, sondern nur die drei Grundregeln durchzusetzen, die er als wichtig für jeden Mann erachtete: Zu lernen, sich zu behaupten, seiner Mutter zu helfen und nicht herumzujammern, egal, in welcher Lage.
Er scheiterte bei allen dreien.
Hagen wurde bei jeder Art von körperlichem Schmerz hysterisch und gab lieber auf oder rannte sofort weg, statt „sich durchzusetzen“, obwohl er immer davon geträumt hatte, kämpfen zu lernen wie Mighty Mouse – Demetrious Johnson, der Fliegengewichts-Champion in der UFC. Ja, genau der Ringer, dem es trotz seiner Größe von unter 1,60 m und seines Gewichts von unter 60 kg gelungen war, elfmal Champion zu werden.
Der arme, kümmerliche Hagen stellte sich oft vor, er wäre Johnsons wahrer Erbe. Die Heulsuse Hagen. Körpergröße 1,59 m. Gewicht gerade mal 56 kg. Und trotzdem ein UFC-Champion! Ein schlechter Witz.
Seiner Mutter helfen? Oh, das war dermaßen langweilig. Computerspiele spielen oder Comics lesen machte so viel mehr Spaß. Und es war ja nicht so, dass seine Mutter je etwas Derartiges von ihrem Kind verlangt hätte.
Und was das Jammern betraf – Hagen versuchte, so gut er konnte, sich zu beherrschen, aber ohne großen Erfolg. Was konnte er dagegen tun, dass seine erste Reaktion auf einen verletzenden Kommentar immer schon Tränen gewesen waren? Jetzt war Hagen fast dreißig, doch manchmal sah er sich immer noch nicht in der Lage, sie zurückzuhalten. Wenn er nur an diesen blöden Kunden mit seinem verdammten Laptop dachte – ein gewisser Mr. Goretsky. Hagen war in dem Laden für digitale Geräte, in dem er arbeitete, der Einzige, der Ahnung von Computern hatte. Jedes Mal, wenn Mr. Goretsky sich beim Surfen auf illegalen Pornoseiten mal wieder einen Virus eingefangen hatte, gab es nur einen, der das in Ordnung bringen konnte: Baby Mikey. Und Mr. Goretsky hatte seine Fähigkeiten „Selbstherrlichkeit“ und „Arschloch“ auf ein Level gesteigert, das ausreichte, um Hagen jedes einzelne Mal die Schuld für den Virus zuzuschieben.
Also nahm Mr. Goretsky, als er an jenem Freitag wieder mal in den Laden kam, auch diesmal kein Blatt vor den Mund. Zusätzlich zu der Tatsache, dass sein Atem nach Zwiebeln und Knoblauch stank, weswegen sich Hagen beinahe übergeben musste, warf er auch noch mit Kraftausdrücken um sich. Die gemäßigtsten Worte, die er benutzte, waren „blöder Freak“ und „pickliges Arschloch“, doch er ließ sich noch viele andere Beinamen und Eigenschaften einfallen. Es muss Spaß machen, den knallharten Typen zu markieren, wenn man 1,80 groß ist und Unterarme hat, die dicker sind als meine Beine, dachte Hagen und spürte, wie der Damm brach und ihm die Tränen über die Wangen liefen. Alles in allem war es nicht sein bester Tag, Freitag hin oder her.
Völlig aus dem Konzept gebracht steuerte Hagen direkt Chuck‘s Bar an. Sein oberstes Ziel war es, einen Zustand der Volltrunkenheit zu erreichen, das zweitoberste war von der Hoffnung befeuert, gegen alle Erwartung ein Mädel aufzureißen. Egal wen. Solange sie nur feucht genug war, dass er ihn reinstecken konnte. Er hatte sogar eine geeignete Kandidatin ausgemacht, die auf einem Barhocker saß und puren Whiskey in sich reinkippte, als gäbe es kein Morgen. Doch er brachte nicht den Mut auf, sie anzusprechen, obwohl er es fest vorhatte. Und als er seinen Hintern endlich vom Stuhl hochbekam, war es schon zu spät. Die besagte Dame lachte schallend über den dummen Witz eines blasierten Blödians in einem extrem vulgären Anzug mit Krawatte.
Also pumpte sich Hagen mit Fusel voll und steuerte nach Hause, während er in Selbstmitleid badete. In seiner Junggesellenbude verbrachte er einige Zeit damit, auf der PlayStation seinen Lieblings-MMA-Fighter zu zocken und sich dabei vorzustellen, wie er dieses Arschloch Goretsky windelweich prügelte. Danach sah er sich im Kabelfernsehen eine Weile lang ein Horror-B-Movie an, bis er einfach bewusstlos wurde.
Gegen Mitternacht wachte er auf und musste pissen.
Und da fing alles an.
Der Abstand zwischen dem Sofa und seinem Bad betrug normalerweise fünf Schritte – schließlich wohnte er in einer billigen Mietwohnung – doch Mike schaffte es trotzdem, auf dem Weg zu stolpern. Für besonders behände hatte er sich ja noch nie gehalten, aber einen völlig ebenen Boden zu überqueren, um ins Badezimmer zu gelangen, war noch nie ein Problem gewesen, egal, wie betrunken er war.
Als er jedoch diesmal vom Sofa aufstand und in Richtung Klo lief, schien die Welt kurz auszusetzen. Hagen hatte das Gefühl, ein paar Sekunden lang im Nichts des Universums zu hängen, ohne jede Schwerkraft, ohne Gerüche, Geräusche, Licht und ohne, dass Luft in seine Lungen eindrang oder sie verließ.
Er war sich nicht einmal seiner eigenen Existenz bewusst. Absolute Dunkelheit schien ihn zu umhüllen.
Als die Welt um ihn herum zurückkehrte, führte sein Körper eine Reihe Befehle aus, die sein Gehirn in Panik erteilte: Sein Zwerchfell verkrampfte sich, seine Arme begannen zu rudern und seine Beine versuchten schließlich, einen Schritt nach dem anderen zu machen. Das Ergebnis war, dass Hagen zu Boden stürzte, sich dabei das Kinn ziemlich übel aufschürfte und sich beinahe die Zunge abbiss.
Er brauchte eine Weile, bis er sich zum Aufstehen durchringen konnte. Er verspürte einen heftigen Schwindel von der Sorte, der jedem wohlvertraut ist, der schon einmal mehr Alkohol getrunken hat, als er bei sich behalten kann. Weiße Punkte tanzten vor seinen Augen, die sich zu seltsamen Symbolen ähnlich den Runen in Predator – Upgrade formten. Hagen erstarrte und versuchte, sich nicht zu übergeben. Er legte sich auf den Rücken, schloss die Augen und wartete, bis die weißen Punkte sich nicht mehr so chaotisch bewegten, aber das brachte nichts.
Er versuchte, sie wegzublinzeln, und dann, sie mit den Händen wegzureiben, doch die leuchtenden Punkte waren eindeutig nicht physischer Natur. Etwa zehn Minuten später verschwanden sie.
Hagen gelang es, wieder zu Atem zu kommen. Dann stand er vorsichtig auf und machte ein paar zögernde, bedachtsame Schritte, damit seine Füße ihn auf dem Weg zu dem Geschäft, das ihn ursprünglich geweckt hatte, nicht wieder im Stich ließen.
Zurück in seinem Zimmer zog er sich aus, wobei er seine Kleider auf dem Boden verstreute, und schlief ein.

* * *

ER ERWACHTE am nächsten Morgen und fühlte sich völlig ausgedörrt. Es war Samstag, also musste er nicht zur Arbeit.
Hagen streckte sich, bis seine Gelenke knackten, und ging dann zum Kühlschrank. Mit wenigen Schlucken stürzte er eine Tüte O-Saft hinunter und überlegte, ob er zum Supermarkt gehen sollte, um ein paar Vorräte zu besorgen.
Er setzte sich an seinen Küchentisch, der zur Hälfte unter Computerteilen wie Grafikkarten, RAM-Speicherkarten und Ethernet-Karten verschwunden war. Da wurde ihm klar, dass etwas nicht stimmte. Und das lag nicht an den Kopfschmerzen von den sechs Gläsern Bier, die er gestern Abend getrunken hatte.
In seinem Gesichtsfeld war etwas, das wie ein Desktop-Symbol aussah, und es ging nicht weg. Er hatte es nach dem Aufwachen bemerkt, aber zunächst angenommen, dass er nur etwas im Auge hatte oder etwas an seinen Wimpern hing – vielleicht ein Fussel.
Mike blinzelte, aber der Fussel blieb. Wenn überhaupt, schien er noch größer geworden zu sein. Er dachte, er müsse sich das Gesicht waschen, also ging er ins Bad.
Während Mike sich etwas Wasser ins Gesicht spritzte, beschloss er, sich zu rasieren. Das machte er nicht oft – schließlich gab es keinen Grund, Zeit damit zu verschwenden, sich das Gesicht mit einem Rasierer abzuschaben. Warum also sollte er es heute tun? Allein der Impuls überraschte ihn.
Er gab etwas Rasiergel auf seine Hand und rieb es sich ins Gesicht, während er sich im Spiegel betrachtete.
Da traf ihn die Erkenntnis. Über seinem Kopf mit dem lichter werdenden, hellen Haar schwebten zwei Textzeilen. Sie sahen aus wie etwas, das man in einem verdammten Computerspiel erwarten würde.

Mike „Heulsuse“ Hagen
Alter: 29
Level: 1

Hagen fuhr mit der Hand durch die Luft über seinem Kopf, das Gesicht voller Schaum. Seine Hand glitt durch den Text, ohne dass er einen Widerstand spürte. Erlaubte sich irgendwer einen Spaß mit ihm? Sorgfältig sah er sich den Spiegel an, fand aber keine Hinweise darauf, dass dieser manipuliert worden sein könnte.
Doch was konnte es dann sein? Eine Halluzination?
Plötzlich hatte Mike einen morbiden Gedanken, der ihn vor dem Spiegel zurückweichen ließ. Seine Beine gaben unter ihm nach, und er sackte zu Boden.
Konnte das Krebs sein? Die Sorte, die seine Mutter gehabt hatte?
Und was würde dann passieren? Er war noch nicht einmal dreißig. Es war ihm in seinem Leben bisher nicht wirklich gelungen, irgendwelche wertvollen Erfahrungen zu machen und die Freuden kennenzulernen, die es bringen konnte. Er hatte gedacht, dass das alles noch vor ihm lag – dass er genug Zeit haben würde, um so stark zu werden wie Mighty Mouse.
Und was war mit den Frauen? Er hatte nie jemanden außer Jessie gehabt. Der Gedanke, dass seine Zeit abgelaufen war und er bis zum Ende seines Lebens, das offenbar nur sehr kurz werden sollte, nie wirklich mit jemandem vertraut sein würde, brachte Hagen dazu, stumm zu weinen.
Dann begann er, unkontrolliert zu schluchzen – seine Mutter war nicht mehr da, um ihn zu umarmen und zu trösten, und er hatte das Gefühl, als fließe sein Leben zusammen mit seinen Tränen aus ihm heraus. Er verfiel in einen dunklen, depressiven Zustand. Hagen verspürte nicht mehr den Wunsch, irgendetwas zu tun, also wusch er sich nur die Tränen und den Schaum ab, rieb sich das Gesicht mit einem Handtuch trocken und ging wieder ins Bett. Er schloss die Augen und blieb liegen, bis der Abend hereinbrach, unfähig, einzuschlafen oder aufzustehen.
Lange nach Sonnenuntergang wurde Hagen klar, dass er nicht mehr so liegenbleiben konnte. Sein Körper war taub, seine Muskeln sehnten sich schmerzlich nach Bewegung und sein Gehirn hatte endlich von Gedanken an den drohenden Tod auf seine Urtriebe umgeschaltet: Durst, Hunger und die reine Lebenslust. Sein Wunsch, am Leben zu bleiben, brachte ihn dazu, die Zähne zusammenzubeißen, und er beschloss, herauszufinden, was eigentlich los war.
Er stand aus dem Bett auf und starrte in die Dunkelheit seines Apartments. Immer noch war am Rande seines Gesichtsfelds ein dreidimensionales Objekt zu sehen, egal, wohin Hagen schaute. Es war, als würde er einen Film in 3D anschauen, nur dass er keine 3D-Brille trug.
Er fokussierte seinen Blick auf das Objekt, das sofort reagierte. Das bis dahin flache Symbol rotierte wie eine von einer Katzenpfote angetippte Christbaumkugel und verwandelte sich in einen Würfel mit der Silhouette eines menschlichen Kopfes auf jeder Seite. Von einem bestimmten Blickwinkel aus sah er Hagen sogar richtig ähnlich.
Der junge Mann streckte die Hand nach dem Würfel aus. Als würde dieser seine Einladung annehmen, schwebte er auf seine Handfläche zu und wurde größer. Hagen berührte ihn mit den Fingerspitzen und spürte eine Art Widerstand. Der Würfel blinkte und verwandelte sich in ein Fenster. Selbst, wenn es nur eine Halluzination war, war sie schon erstklassig.
Das Fenster, das erschienen war, zeigte einen Hagen in 3D in Sport-Shorts und mit nacktem Oberkörper. Es war ein lächerlicher Anblick. Er war dünn mit herausstehenden Rippen, doch der Ausdruck auf seinem Gesicht spiegelte pure Boshaftigkeit wider. Unter Hagen war eine Textanzeige. Der aktive Tab bestand aus zwei Spalten. In der ersten stand:

Mike „Heulsuse“ Hagen
Alter: 29
Level: 1

LP: 4000 Pkt.
Kämpfe/Siege: 0/0
Gewicht: 55,8 kg
Körpergröße: 159 cm

Mike las sich den Text durch und studierte jede Zeile. Wenn er auf eine Zeile fokussierte, öffnete sich ein Pop-up mit einer Meldung, die deren jeweilige Bedeutung erklärt. Außerdem gab es Zusatzinfo zur ersten Zeile – seine Nationalität, sein Geburtsort und seine aktuelle Adresse.
Das zweite Pop-up erklärte, wie man sein Level steigern konnte. Erfahrung erhielt man im Kampf, egal welcher Art. Ob Straßenkampf oder Trainings-Match, alles zählte irgendwas. Die einzige Bedingung war, dass der Gegner volljährig sein musste. Man brauchte so viele Siege, wie man auf dem aktuellen Level hatte, um zum nächsten aufzusteigen. Niederlagen brachten keine EP, es gab aber auch keinen Abzug dafür. Ein Sieg über einen stärkeren Gegner brachte schnellere Fortschritte, aber es gab keine Information darüber, wie viel schneller genau.
Die zweite Zeile schien körperliche Werte anzuzeigen.

Hauptwerte:
Stärke: 1
Geschicklichkeit: 2
Ausdauer: 4

Hagen sah sich die gesamte Liste an und konzentrierte dabei seine Aufmerksamkeit der Reihe nach auf jeden Eintrag.

Der Stärkewert entspricht 10 % des Gesamtdurchschnitts menschlicher Stärke.
Er beeinflusst den Schaden, den man verursacht.

Der Geschicklichkeitswert entspricht 10 % des Gesamtdurchschnitts menschlicher Geschicklichkeit.
Er beeinflusst die Treffsicherheit deiner Angriffe und deine Chancen, denen deines Gegners auszuweichen.

Der Ausdauerwert entspricht 10 % des Gesamtdurchschnitts menschlicher Ausdauer.
Er beeinflusst deine Lebenspunkte sowie deren Regeneration und bestimmt, wie schnell dich körperlicher Aktivitäten erschöpfen.

Alle diese Werte machten deutlich, dass Hagen sehr schwach war – zehnmal schwächer als jeder durchschnittliche Mensch, fünfmal weniger geschickt und zweieinhalb mal weniger ausdauernd. Doch das war ihm schon klar, seitdem er ein kleiner Rotzbengel gewesen war. Erzähl mir was Neues, dachte er.
Das Wichtigste war, dass er nur einen einzigen Sieg über einen beliebigen Gegner brauchte, um auf Level 3 zu gelangen. Mit jedem Level-up würde Hagen einen Fähigkeitenpunkt sowie einen Punkt für seine Werte erhalten, mit dem er seine Stärke, Geschicklichkeit oder Ausdauer steigern konnte.
Fähigkeitslevel konnten also auch auf andere Weise außer durch Training gesteigert werden, und um seine Stärke zu steigern, brauchte er nicht zwingenderweise ein Fitnessstudio.
Als er das alles verarbeitet hatte, wechselte er zum zweiten Tab.
Dieser war offenbar inaktiv und zeigte nur die Silhouette eines kämpfenden Hagen.
Ohne nachzudenken, tippte Mike sie an, und sah eine Reihe von Symbolen, die verschiedene Fähigkeiten abbildeten. Es gab: Faustschlag, Aufwärtshaken, Lowkick, Mittel-Kick, Highkick, Clinchen und Grappling. Alle Symbole waren grau, und darüber wurde jeweils ein Schloss angezeigt. Das einzig Farbige war das für den Faustschlag. In seiner unteren rechten Ecke wurde über einem grünen Symbol die Zahl 1 angezeigt.
Hagen konzentrierte sich darauf. Eine Sprechblase mit einer Meldung öffnete sich darüber.

Faustschlag: Level 1
Schaden: 100
Du musst diese Fähigkeit öfter nutzen, um sie zu steigern

Darunter befand sich eine Fortschrittsleiste, die auf 2 % stand.
Das alles war viel zu detailliert für eine durch Anspannung ausgelöste Halluzination. Am Rande seines Bewusstseins registrierte Hagen, dass er sich am Montag von einem Arzt würde untersuchen lassen müssen. Jedenfalls konnte das nicht schaden.
Einer plötzlichen Eingebung folgend nahm Hagen etwas ein, das er für eine Kämpferpose hielt, und boxte in die Luft. Mit der Rechten, dann mit der Linken, dann die Rechte, dann wieder die Linke. Er versuchte sich an einer Art Schattenboxen, führte etwa hundert Schläge aus, stolperte über ein Gamepad, das zu seinen Füßen lag, und war schließlich verschwitzt und erschöpft. Allerdings war es das wert: Die Fortschrittsleiste hatte 3 % erreicht.
Bis spät in die Nacht boxte Hagen weiter in die Luft und machte nur Pause, um zu essen oder zur Toilette zu gehen. Sein niedriger Ausdauerwert machte sich voll bemerkbar – er ermüdete schnell. Am linken Rand seines Gesichtsfeldes unter dem Symbol mit seinem Gesicht, wo sein aktuelles Level (also 1) angezeigt wurde, sah er auch die Werte für LP und Vitalität.
Vitalität war das, was ihm ständig ausging. Schließlich war er so erschöpft, dass er kaum noch die Fäuste heben konnte. Die Lebenspunkte waren ebenfalls völlig real. Das fand Michael heraus, als er gegen die Wand schlug. Er spürte einen stechenden Schmerz in seiner Hand. Die Systemmeldung unten sagte ihm, dass er 100 Schadenspunkte erlitten hatte, und seine LP-Leiste war geschrumpft.
Bis Mitternacht hatte Hagen seine Fähigkeit „Faustschlag“ auf Level 2 gesteigert. Flammen schlugen aus seinen Fäusten. Auch wenn sie nur virtuell sein mochten, wirkten sie doch erschreckend real. Sie wärmten seine Hände, verbrannten ihn aber nicht, also hatte Mike nicht einmal Zeit, in Panik zu geraten. Er schwitzte am ganzen Körper und starrte voller Entzücken auf seine Hände. Langsam erstarben die Flammen.
Dann erschien direkt vor seinen Augen eine Systemmeldung.

Glückwunsch! Du hast ein neues Fähigkeitslevel erreicht!
Name der Fähigkeit: Faustschlag

Hagen öffnete das Fenster mit seinen Werten, um nachzusehen, ob sein Fähigkeitslevel tatsächlich gestiegen war.

Faustschlag: Level 2
Schaden: 200
Du musst diese Fähigkeit öfter nutzen, um sie zu steigern

Der Levelaufstieg ermöglichte es ihm also, mehr Schaden zu verursachen.
Das war unglaublich!
Mike war so aufgeregt wie jeder Gamer, der je in einem Computerspiel seinen Charakter gelevelt hatte. Die Strahlen der aufgehenden Sonne drangen bereits durch die Lücke zwischen seinen Vorhängen, und da stand er, boxte unerbittlich in die Luft und war sauer, dass er weitere hundert Faustschläge benötigen würde, um erneut ein Level aufzusteigen. Zweihundert Schläge machten ein Prozent Wachstum seiner Fähigkeit aus. Das erste Level hatte nur einhundert gebraucht. Für den dritten waren dreimal so viele nötig.
Das waren jedoch nicht die einzigen Features des Systems, wie er den neuen Gast in seinem Kopf insgeheim nannte. Mitten in der Nacht war er völlig ausgehungert aufgewacht. In seinem Kühlschrank befand sich rein gar nichts Nahrhaftes, also musste er bei einem Pizzaservice bestellen, der rund um die Uhr geöffnet hatte. Schließlich benötigte sein unterversorgter Körper dringend ein paar Kalorien. Also bestellte Mike gleich zweimal Pizza Mexicana und fiel darüber her wie eine Katze über einen Topf Sahne, sobald er die Tür hinter dem Pizzaboten geschlossen hatte.
Als er mit dem Essen fertig war (und er hatte bis zur letzten Olivenscheibe restlos alles verputzt, sogar die Reste des Belags, die auf dem Boden der Schachtel klebten), erhielt er eine weitere Systembenachrichtigung:

Aufgenommene Kalorien: 2.536. Proteine: 210 g. Fette: 170 g. Kohlenhydrate: 360 g.

Der Hunger-Debuff, der irgendwo oben rechts in seinem Gesichtsfeld geschwebt war, war verschwunden. Dafür hatte er jetzt einen neuen: Schlafentzug. Dieser senkte seine Vitalität um 25 %.
Bis zum Morgen hatte der Schlafentzugs-Debuff Level 2 erreicht, sodass seine Vitalität um 50 % reduziert war. Mike ermüdete schneller und musste mehr Pausen machen, um sich zu regenerieren. Bei Sonnenaufgang, als die Fortschrittsleiste für den Faustschlag 67 % erreicht hatte, sprang der Schlafentzug plötzlich auf Level 4, was die Vitalität um 99 % reduzierte. Zusätzlich erhielt Hagen einen weiteren Debuff namens Erschöpfung. Dieser senkte keinen seiner Werte. Doch er stoppte die Regeneration der Vitalität völlig. Also musste er schließlich schlafen.
Hagens Enttäuschung darüber hielt sich in Grenzen. Sein ganzer Körper schmerzte, seine Arme waren taub, und seine Augen voller Sand. Er schlief ein, sobald sein Kopf das Kissen berührte.


Kapitel 2. Guten Tag, Mr. Goretsky!

 

 

„Die Welt ist erfüllt von Leid, und dann stirbst du.“

GTA Vice City Stories


AM MONTAG ging Hagen zur Sprechstunde, um dem Arzt von seinen unerklärlichen Halluzinationen zu berichten. Der Arzt brummte eine Weile verblüfft vor sich hin und schickte ihn dann zum MRT. Es zeigte keine pathologischen Befunde in Hagens Gehirn. Deswegen lautete die Diagnose des Arztes „Stress durch Überarbeitung“. Er verschrieb Hagen ein mildes Beruhigungsmittel und empfahl ihm, sich mal eine Auszeit von der Arbeit zu nehmen.
Seine Arbeitgeber hatten nichts dagegen – es war das erste Mal seit drei Jahren, dass Mike Urlaub nahm, also hatte er plötzlich drei ganze Wochen frei. Als Hagen den Laden verließ, sah er Mr. Goretsky, der erfolglos nach seinem Notebook suchte. Ich würde Ihnen wirklich raten, in den nächsten drei Wochen keine illegalen Seiten aufzurufen, dachte er, von purer Schadenfreude erfüllt.
Eine Systemmeldung erschien in der Luft direkt über Goretsky.

Greg „der Büffel“ Goretsky
Alter: 38
Level: 4

LP: 22000
Kämpfe/Siege: 9/6
Gewicht: 113,9 kg
Körpergröße: 192 cm

Hölle und Teufel!, war das Erste, was Mike durch den Kopf schoss. Fünfmal so viele LP wie ich!
Goretskys Ausdauer lag bei 16. Die anderen Werte konnte Hagen sich nicht mehr ansehen. Er versuchte, das Fenster mit dem Profil des riesigen Mannes zu öffnen, aber das System lieferte ihm nur immer wieder dieselbe, unverständliche Nachricht:

Das aktuelle Level deiner Fähigkeit „Erkenntnis“ ist zu niedrig, um die angeforderte Information aufzurufen!

Diese Fähigkeit war ihm noch nicht untergekommen, aber er beschloss, später definitiv mehr darüber herauszufinden.
Mike sah jetzt schon, dass er gegen den Mann keine Chance hatte. Selbst mit seinem verdoppelten Schaden müsste er einem Gegner wie ihm mindestens um die achtzig Faustschläge verpassen, was schlicht unmöglich war.
„Da steckst du also, kleiner Scheißer!“
Hagen war so in Gedanken versunken gewesen, dass ihm gar nicht aufgefallen war, dass Mr. Goretsky ihn schließlich entdeckt hatte. Er ragte drohend vor Mike auf, der aus reiner Gewohnheit die Schultern einzog, und grinste ihn schief an. „Schwing deinen Arsch und gib mir meinen Laptop zurück, du Trottel!“
Hagen versuchte, einen möglichst freundlichen Gesichtsausdruck aufzusetzen. „Guten Tag, Mr. Goretsky!“
„Wenn du meine Geduld auch nur noch drei Minuten auf die Probe stellst, wird der Tag für dich nicht mehr gut! Gib mir sofort meinen Laptop zurück! Diesmal schauen wir ihn uns genau an, um zu sehen, wie gut du ihn repariert hast!“
„Ich bin im Urlaub, Mr. Goretsky. Bitte wenden Sie sich mit Ihrem Problem an einen meiner Kollegen.“
Hagen dachte weiter darüber nach, wie weit er seinen Faustschlag hochleveln müsste, um einen Riesen wie den Büffel mit einem einzigen Schlag umzuhauen. Mathe war schon immer eine von Mikes Stärken gewesen, also konnte er es sofort ausrechnen: Er müsste auf Level 160 kommen, was bei einem täglichen Training von zwölf Stunden in etwa zehn Jahre dauern würde. Allerdings basierte diese Rechnung auf seinem aktuellen Stärke-Level, und der konnte ja auch gesteigert werden ...
„He, du kleiner Geek! Ist dein Hirn abgestürzt? Muss ich dir das Licht ausknipsen, um dich neu zu starten, Schnarchnase?“
Hagen wurde sich seiner Umgebung wieder bewusst und sah, dass Goretskys Gesicht nur wenige Zentimeter von seinem eigenen entfernt war. Zusammen mit der Schimpftirade bekam er eine volle Ladung Speichel auf die Nase ab.
Automatisch wischte Hagen sich übers Gesicht. Andere Verkäufer und ein paar Kunden traten hinzu, als sie das Geschrei hörten, aber niemand hielt es für nötig, einzugreifen, auch wenn sie die Szene mit einiger Sorge verfolgten. Jemand holte den Geschäftsführer.
Mike nahm die Reste seines Selbstwertgefühls zusammen und sagte mit vor Erniedrigung bebender Stimme: „Entschuldigung, Mr. Goretsky, aber Sie sollten aufhören, mich ständig zu beleidigen. Genau genommen bin ich momentan kein DigiMart-Angestellter, da ich im Urlaub bin. Bitte wenden Sie sich an einen meiner Kollegen.“
„Bist du echt so blöd? Das ist mir scheißegal!“, spuckte Goretsky. „Du arbeitest hier, ich hab dir meinen Laptop gegeben. Also bist du derjenige, der ihn reparieren muss, und du bist dafür verantwortlich!“
„Entschuldigung, Mr. Goretsky“, sagte Lexie, die leitende Vertriebsmitarbeiterin. „Darf ich Ihnen helfen?“ Sie nahm den Büffel am Arm. „Geben Sie mir einfach Ihre Quittung und ich hole Ihnen umgehend Ihr Gerät.“
Der Büffel sah Lexie anerkennend an und grinste. Dieser Personalwechsel gefiel ihm offensichtlich.
„Du hast Glück, dass in deinem Laden so kesse Mädels arbeiten, du Lahmarsch“, waren die an Hagen gerichteten Abschiedsworte des Büffels.
Lexie machte eine kaum merkliche Geste in Mikes Richtung, während sie den Kopf wandte und den ungehobelten Kunden wegführte, damit Mike gehen konnte. Hagen nickte zurück und ging zum Ausgang. Das Blut stieg ihm ins Gesicht und in die Ohren.
„Nichts davon wird jemals, jemals gut ausgehen“, murmelte er vor sich hin.
Es war wirklich Pech, dass der Gipfel seiner Demütigung mit Lexies Ankunft zusammengefallen war. Sie war die einzige Kollegin, die Hagen nie wie ein Stück Scheiße behandelt hatte. Sie schätzte ihn für seine Fähigkeit, in kürzester Zeit jeden Fehler an jedem Computer zu entdecken, fand immer ein freundliches Wort für ihn und lobte ihn für seine Arbeit. Sie war drei Jahre jünger als er, aber schon eine leitende Vertriebsmitarbeiterin. Und auch noch richtig hübsch. Zu schade, dass er bei ihr keine Chance hatte.
Und doch vergaß er Lexie sofort, als er draußen war. Hagen hatte jetzt ein Ziel, digital und leicht zu verstehen.
Sein größter Wunsch war es, kämpfen zu lernen – dieser Wunsch war sogar noch stärker als seine Gefühle für Jessie bei ihrer ersten Verabredung. Eigentlich ging es ihm nicht einmal so sehr ums Kämpfen selbst. Das würde nämlich schmerzhaft werden. Was er wirklich wollte, war, jeden Gegner mit einem einzigen Schlag ausschalten können, ohne dass der Kampf zu lange dauerte. Genau wie dieser irische Landfahrer Mickey in dem Guy-Ritchie-Film. Schließlich war seine Ausdauer nicht die beste. Hagen stellte sich vor, wie Goretsky ihm eins auf die Nase gab, und schauderte.
Nach der Nacht, die Mike damit verbracht hatte, seine Fähigkeit „Faustschlag“ zu steigern, wachte er erst spät am Nachmittag auf. Er war völlig erschöpft, denn jeder Muskel seines untrainierten Körpers schmerzte. Seine Laune hingegen war unerwartet gut. Er versuchte, die Fähigkeit zu steigern, doch sein Körper reagierte mit intensivem Schmerz. Mike wusste nicht, was er tun sollte, also studierte er das Interface näher.
Er rollte wild mit den Augen, als er ein paar Symbole bemerkte, die er zuvor nicht gesehen hatte. Er starrte sie an und beförderte sie per Drag & Drop in den Benutzerbereich. Eines davon war mit „Programm-Features“ beschriftet. Als Hagen es öffnete, wurde ihm Folgendes angezeigt:

Augmented Reality!7.2 Home Edition
Copyright © First Martian Company, Ltd. 2101-2118
Alle Rechte vorbehalten
Registrierter Nutzer: Michael Björnstad Hagen.
S/N S2L-7702B-1412010
Einzelnutzerlizenz für ein Jahr
Kontoart: Premium
Aktivierungsdatum: 24.04.2018, 09:00
Ablaufdatum: 24.04.2019, 08:59

Eine Google-Suche brachte weder etwas über die First Martian Company noch über die „Augmented Reality!“-Plattform zutage. Doch Hagen brauchte nicht lange, um das Ganze zu kapieren. Er hatte zu viele Comics gelesen, um von so etwas überrascht zu sein. Es war ziemlich offensichtlich: Irgendwie hatte er ein Augmented-Reality-Interface aus der Zukunft erhalten. Wie genau das vor sich gegangen war, war im Moment nicht wichtig. Mike konnte sich gut vorstellen, dass jeder Erdling im 22. Jahrhundert über ein solches Interface verfügen würde. Wenn man nach dem Namen der Firma ging, die es entwickelt hatte, würde wohl auch jeder Marsianer eines haben.
Das Wichtigste war, dass auch die Zeit kostbar war, soviel war ihm klar. Er würde jeden einzelnen Tag voll ausnutzen müssen, um seinen Traum zu verwirklichen.
Etwa eine Stunde lang erkundete er den Tab „Einstellungen“, um das Interface genau so zu konfigurieren, wie er es haben wollte. Es gab jede Menge cooler Funktionen, darunter einen eingebauten Wecker, der einen in der leichtesten Schlafphase, wenn das Aufwachen am wenigsten stressig war, sanft weckte, sowie einem alle möglichen Daten im Überblick anzeigte. Dabei handelte es sich um einige sehr nützliche Dinge: die Uhrzeit, die Herzfrequenz, die Außentemperatur, die seit dem Aufwachen verbrauchten Kalorien und vieles mehr, was man theoretisch auf dem Smartphone nachsehen konnte, doch mit dem Augmented-Reality-Interface war das so viel einfacher.
Außerdem legte Mike sich auch die Fortschrittsleisten der wichtigsten Werte in sein Gesichtsfeld, nämlich Stärke, Geschicklichkeit und Ausdauer. Er verbrachte etwa eine halbe Stunde mit Schattenboxen, versuchte dabei, den Schmerz zu ignorieren, und bemerkte, dass auch diese Werte gestiegen waren. Nicht so schnell wie die Fähigkeit „Faustschlag“, aber immerhin.
Den meisten Erfolg hatte er mit der Ausdauer. Hagen bemerkte, dass sie während des Trainings am schnellsten anstieg, wenn er mit seinem Durchhaltevermögen an seine Grenzen stieß – wenn er nach Atem rang und darum kämpfen musste, den Schmerz in seiner Brust und das Gefühl der Schwere in seinen Schultern zu überwinden.
Es gab zwei weitere Haupt-Icons: „Auf Updates prüfen“ und „Technischer Support“, aber immer, wenn er eines davon antippte, bekam er folgende Fehlermeldung:

Verbindung mit Update-Server nicht möglich.
Server ist nicht verfügbar.
Bitte überprüfen Sie Ihre Verbindungseinstellungen für den Universal Infospace.

Universal Infospace? Ernsthaft? Ein Internet der Zukunft?
Als Hagen damit fertig war, das Interface zu erkunden, wandte er sich wieder seinem Training zu. Er stellte am Fernseher einen Musikkanal ein und fuhr damit fort, seinen unsichtbaren Gegner, den er sich als Goretsky vorstellte, windelweich zu prügeln. Das hielt er durch, bis er spät nachts einen Zustand völliger Erschöpfung erreicht hatte. Er duschte und verschlief den Tag. Wahrscheinlich wäre er nicht einmal aufgewacht, wenn jemand sein Bett angezündet hätte.
Das war sein Sonntag. Am Montag ging er zur Sprechstunde und setzte dann sein Schattenboxen zu Hause fort, um so schnell wie möglich voranzukommen. Den Dienstag verbrachte er auf die gleiche Weise. Am Mittwochabend machte Hagen einer plötzlichen Eingebung folgend eine Entdeckung.
Er funktionierte eines seiner Sofakissen zu einer Art Boxsack um, indem er es anstelle des ziemlich geschmacklosen Bilds eines Gorillaweibchens im Abendkleid mit Hut an einen Haken in der Wand hängte. Der Titel des Bildes lautete Sonnenuntergang an der Atlantikküste, aber es bestand nur aus kitschigen Rechtecken in psychedelischen Farben. Den Sonnenuntergang konnte Hagen darin nicht erkennen – nur den Gorilla.
Es stellte sich heraus, dass seine Fähigkeit wesentlich schneller stieg, wenn er auf das Kissen statt in die Luft schlug.
Am Ende desselben Tages steigerte Hagen seine Fähigkeit „Faustschlag“ auf Level 8 und konnte damit 1600 Schadenspunkte verursachen, da seine Stärke schließlich auch angestiegen war. Da erkannte er endlich, dass es ihm am meisten bringen würde, wenn er in einem Boxstudio trainieren würde. Gleich die Straße runter gab es eines, das einem alten Mexikaner gehörte.

* * *

FRÜH AM SONNTAG MORGEN kam Hagen beim Boxstudio an der Roosevelt Street an. Mr. Guillermo Ochoa zuckte nicht mit der Wimper, als das mickrige Jüngelchen sein Studio betrat. Vielmehr blieb Mr. Ochoa selbst, als Hagen seine Absicht erklärte, im Studio zu trainieren, cool und gelassen. Doch als dieser kraftlose, schmalbrüstige Hobbit, den man mit einem Strohhalm hätte durchbohren können, mit seinem unordentlichen, hellen Haar und seinen farblosen, blonden Augenbrauen und Wimpern verkündete, dass er jeden Tag mindestens zwölf Stunden trainieren wollte, war das zu viel für den alten Ochoa. Er lachte lauthals los.
Davon schien sich der junge Mann nicht beirren zu lassen. Er wartete geduldig, bis der Besitzer des Boxstudios fertig gelacht hatte, und starrte Ochoa aus seinen himmelblauen Augen direkt und ohne ein Jota Ärger an. Tatsächlich allerdings war er verärgert. Der alte Mann war siebzig Jahre alt und konnte Menschen recht gut einschätzen. Der Mexikaner lachte so heftig, dass Rotz aus seiner großen, gebrochenen Nase schoss. Trotzdem blieb der junge Mann absolut ruhig.
Als der Alte aufgehört hatte, zu lachen, zog Hagen ein Bündel zerknitterter Dollarnoten aus seiner hinteren Hosentasche. „Würde das für den ersten Monat reichen, Mr. Ochoa?“
Der alte Mann wurde ernst. Er zählte das Geld und nickte. „Das reicht für drei Monate. Und wenn du mir jeden Abend hilfst, das Studio sauberzumachen, kannst du ein halbes Jahr lang trainieren.“ Ochoa bot ihm seine Hand an. „Willkommen in meinem Boxstudio, Junge ... Äh, wie heißt du denn eigentlich?“
„Mikey“, sagte der junge Mann, während er die Hand des Mexikaners schüttelte. „Aber Sie können mich Hagen nennen, wenn Sie möchten.“
„Also dann, Klein-Mikey? In Ordnung. Wann möchtest du anfangen? Wenn du meinst, dass ...“
„Kann ich jetzt gleich loslegen?“, unterbrach Hagen ihn.
Der alte Mann lachte leise. „Jetzt gleich?“
„Ja, jetzt gleich“, wiederholte der Hobbit.
Ochoa musterte Mike von Kopf bis Fuß, stieß einen Pfiff aus und zeigte dann mit ausladender, theatralischer Geste auf das leere Studio. „Das Studio gehört dir, junger Mann! Die Umkleide ist da entlang.“
Hagen mochte es sich eingebildet haben, aber es schien ihm, als läge etwas wie Respekt in der Stimme des Alten. Es war das erste Mal in seinem Leben, dass jemand auf diese Weise mit ihm sprach, und es gefiel ihm.
Fünf Minuten später, nachdem er sich umgezogen hatte, begann Hagen mit enormem Enthusiasmus, auf den Boxsack einzuschlagen. Die riesigen Hawaii-Shorts, die bis unter seine Knie reichten, gaben den Blick auf Beine frei, die so dünn waren, dass man sie mit einer Hand umfassen konnte. Die viel zu großen Ärmel seines T-Shirts gingen ihm bis zu den Ellenbogen, und seine unbeholfenen Schläge bewegten den Sack keinen Zentimeter. Nichts außer dem verbissenen Ausdruck in seinen durchdringenden, blauen Augen hätte irgendjemanden davon überzeugt, dass der mickrige Klein-Mickey es wirklich ernst meinte.
Also erbarmte sich Ochoa am Ende des Tages des Jungen und zeigte ihm, wie man richtig zuschlug.

* * *

AM ENDE der zweiten Woche im Studio hatte sich Hagens körperlicher und geistiger Zustand beträchtlich verbessert. Es hatte sich herausgestellt, dass sein Premium-Konto einen dreifachen Level-Booster für alle Fähigkeiten und Werte beinhaltete. Das erfuhr Mike unter „Hilfe“. Der virtuelle Assistent war Siri um Meilen voraus. Er hatte keine Probleme, Sprachbefehle zu erkennen, und antwortete unverzüglich. So erfuhr Hagen, dass er immer dann eine Extrafähigkeit bekam, wenn eine Kampffähigkeit ein durch zehn teilbares Level erreichte. Bei „Faustschlag“ würde er auf Level 10 zum Beispiel eine 50%ige Chance haben, jedes Abblocken seines Gegners aufzuheben. Auf Level 30 würde das garantiert jedes Mal geschehen.
Das konnte Hagen aber am Ende der ersten Trainingswoche sowieso selbst feststellen, als seine einzige Fähigkeit endlich Level 10 erreichte.
Wie sich herausstellte, gab es neben dem Boxring und dem Boxsack in Ochoas Studio auch Kurz- und Langhanteln. Am zweiten Tag ließ der alte Mann Hagen damit trainieren und zeigte ihm ein paar Übungen zum Aufbau verschiedener Muskelgruppen. Ergänzt durch intensive Gewichthebeübungen ließ dieses Training seine Stärke viel schneller ansteigen und führte außerdem dazu, dass er einen enormen Appetit entwickelte.
Hagen nahm gewaltige Mengen Fleisch und Fisch zu sich. Dann wurde ihm klar, dass er auch einfach eine Riesendose Proteinpulver kaufen konnte. Seither trank er jeden Tag zusätzlich zu seinen normalen Mahlzeiten mindestens drei Protein-Shakes. Durch das Training hatte er ständig Hunger, selbst in der Nacht. Wenn er aufwachte, machte er sich einen Shake, stürzte ihn hinunter und schlief wieder ein.
Innerhalb von zwei Wochen hatte er ein paar Kilo zugenommen und es aus irgendeinem Grund sogar fertiggebracht, zu wachsen.
Am Ende seines Urlaubs hatte er folgende Werte:

Mike „Heulsuse“ Hagen
Alter: 29
Level: 1

LP: 9000
Kämpfe/Siege: 0/0
Gewicht: 61,2 kg
Körpergröße: 162 cm

Hauptwerte:
Stärke: 5
Geschicklichkeit: 4
Ausdauer: 9

Hagen hatte es geschafft, alle seine Werte zu steigern und fünfeinhalb Kilo zuzunehmen. Er wurde stärker, und die aufgepeppte Ausdauer steigerte seine Überlebenschancen, da sie ihm mehr Zeit gab, einen entscheidenden Schlag zu landen. Der einzige Wert, der nur sehr langsam wuchs, war die Geschicklichkeit.
Er entdeckte keine neuen Kampfbewegungen, also beschloss er, sich auf das Steigern seines Faustschlags, der einzigen Fähigkeit in seinem Instrumentarium, zu konzentrieren. Egal, wie sein Gegner ausweichen würde, Hagens höheres Level würde es ihm schließlich ermöglichen, blitzschnelle Schläge zu platzieren, denen keiner entkommen konnte.

Faustschlag: Level 16
Schaden: 8000
+50 % höhere Wahrscheinlichkeit, Abblocken zu ignorieren
Du musst diese Fähigkeit öfter nutzen, um sie zu steigern

Diese unglaubliche Fähigkeit, Schaden zu verursachen, war das direkte Ergebnis seiner gesteigerten Stärke. Auf Level 1 konnte Hagen nur 1600 Schadenspunkte verursachen (hundert Punkte für jedes Level der Fähigkeit). Doch diese 1.600 Punkte wurden mit fünf multipliziert, und 8.000 Punkte waren schon eine ganze Menge. Trotz seiner gesteigerten Ausdauer hätte er sich selbst mit einem oder zwei Schlägen k. o. schlagen können. Sein altes Selbst – das ohne Interface – hätte er wie eine Fliege zerquetschen können.
An seinem letzten Urlaubstag ging Hagen zum Besitzer des Studios. „Mein Urlaub ist zu Ende, Mr. Ochoa. Ich muss wieder arbeiten gehen. Ich werde direkt nach der Arbeit hierherkommen.“
Der alte Mann hob die Schultern. „Du kannst kommen, wann immer du willst, Kleiner.“
„Danke, Mr. Ochoa! Für heute bin ich fertig ...“
„Warte mal kurz, Kleiner“, unterbrach Guillermo ihn und zeigte in die Ecke des Studios, wo ein Latino mit ausdruckslosem Gesicht schattenboxte. „Wie wär‘s mit einem Kampf gegen Juan? Er ist auch ein Anfänger, auch wenn er schon mehr als ein halbes Jahr herkommt. Aber er macht es nicht so wie du. Er kommt dreimal die Woche vorbei und lässt das Training manchmal komplett ausfallen. Jeder andere, den ich hier habe, ist knallhart, und ich finde beim besten Willen keinen passenden Partner für ihn.“
„Wir können‘s ja mal versuchen“, meinte Hagen achselzuckend.
Er inspizierte Juan näher und entdeckte Folgendes:

Juan Manuel Guerrero
Alter: 26
Level: 3

LP: 13000
Kämpfe/Siege: 7/5
Gewicht: 78 kg
Körpergröße: 183 cm

„In Ordnung. Warte“, sagte Ochoa und ging zu Mikes zukünftigem Sparringspartner.
Der Typ wird keine leichte Nummer, dachte Hagen bei sich, als er Juan Guerrero in seine Richtung blicken sah. Guerrero war stark, mit langen Armen, und anderthalbmal so vielen LP wie Hagen. Aber irgendwo musste er schließlich anfangen. Er konnte ja wohl kaum alte Damen auf der Straße verprügeln, um aufzusteigen.
Als die laufende Runde vorbei war, schickte Ochoa die Sparringspartner aus dem Boxring und lud Guerrero und Hagen ein, ihren Platz einzunehmen. Sie stießen die Boxhandschuhe zusammen. Guerrero nickte, Hagen nickte zurück.
„Bereit? Kämpft!“, gab Ochoa das Startkommando.
Der Trainingskampf begann.
Guerrero umkreiste Hagen und versuchte, auf seine linke Seite zu gelangen, blieb aber auf Abstand. Ob er sich nähern sollte? Er könnte einen Treffer kassieren. Sollte er darauf warten, dass sein Gegner angriff? Würde es in diesem Fall möglich sein, den Schlag zu blockieren oder ihm auszuweichen?
Hagen umkreiste seinen Gegner weiter und versuchte, ihm stets das Gesicht zuzuwenden, während der andere seinerseits im Kreis lief. Er wartete auf seine Chance. Eine Gelegenheit, einen Schlag zu platzieren, der seine einzige Chance in diesem Kampf darstellen konnte.
„Los doch!“, rief Ochoa in dem Versuch, die Kämpfer zu motivieren. „Kämpft! Macht schon!“
Hagens Gegner wagte einen Angriff. Er blieb ständig in Bewegung, um den anderen Kämpfer zu verwirren. Doch dann kam der Moment, als Hagen klar wurde, dass er zuschlagen musste. Intuitiv führte er einen Schlag gegen das Gesicht des Angreifers, ohne sich überhaupt bewusst zu sein, was er tat, und versuchte, Guerreros Schlag gleichzeitig mit seiner Linken abzublocken. Er spürte den Boxhandschuh des anderen Mannes beinahe seinen berühren, doch dann verloren sie den Kontakt.

Verursachter Schaden: 8.000 (Faustschlag)
Der Block deines Gegners wurde aufgehoben

Später sollte Mike die nächste Szene ein paar Nächte hintereinander in Zeitlupe immer wieder in seinen Träumen erleben. Da ist er, wie er zuschlägt, da die Faust, die mitten durch den schlecht ausgeführten Gegenschlag zur Abwehr hindurchgeht und dann Guerrero direkt auf den Kiefer trifft. Der Kopf seines Gegners schnellt erst nach oben und hinterlässt dabei eine Spur Schweißtropfen in der Luft, dann heben die Füße des Mannes ebenfalls vom Boden ab.
Auf diese Weise fand Hagen heraus, dass es immer zu einem Knockout kam, wenn sein Schlag einen Schaden von mehr als 50 % der LP seines Gegners verursachte. Genau das geschah mit Guerrero. Er war in der Tat ausgeknockt.
Hagen für seinen Teil war vor unglaublicher Freude fast überwältigt. Das war besser als jeder Orgasmus. So reagierte das System auf seinen ersten Levelaufstieg.
Er stand inmitten einer Lichtsäule, die für alle außer ihn unsichtbar war. Was Ochoa sagte, hörte er nicht. Er sah jedoch deutlich folgende Systemmeldung:

Glückwunsch! Sie haben Ihren Gegner in einem fairen Kampf besiegt!
Ein Sieg über einen Gegner mit höherem Level als Ihrem verdoppelt die erhaltenen EP!
Ihr Level steigt um +2!
Aktuelles Level: 3

Neu verfügbare Systempunkte für Haupteigenschaften: 2
Neu verfügbare Systempunkte für Kampffähigkeiten: 2

Als er an diesem Abend zu Bett ging, verteilte Hagen mithilfe des virtuellen Assistenten die Systempunkte auf Stärke und Geschicklichkeit. Zuerst wollte er sie beide auf Stärke legen, aber es stellte sich heraus, dass es tödliche Folgen haben konnte, einen Wert um mehr als einen Punkt auf einmal zu steigern. Das System gab eine entsprechende, deutliche Warnung aus.

Warnung! Wir haben eine ungewöhnliche Steigerung deiner Eigenschaft „Stärke“ festgestellt: +1 Pkt.
Dein Körper wird zur Anpassung an den neuen Wert (6) entsprechend deiner Metabolismus- und Chronotropie-Werte restrukturiert.

Erforderliche Änderungen: beschleunigtes Wachstum von Muskelgewebe, Sehnen und Bändern.

Außerdem stand dort einiges über die Anhebung von intramuskulären Kreatinphosphat- und Glykogen-Werten, über interne Mechanismen, intramuskuläre Koordination und so weiter. Allerdings fand sich ganz unten eine deutliche Warnung:

Warnung!
Die Restrukturierung deines Körpers erfordert eine erhebliche Menge an Nährstoffen. Wir empfehlen dir dringend, ein Minimum von 280 g tierischem Protein, 1.400 g Kohlenhydraten und 90 g tierischem Fett zu dir zu nehmen, um Gesundheitsschäden zu vermeiden. Ein Mangel an Nährstoffen kann zu einem Versagen der Körperfunktionen führen.
Warnung!
Künstliche Steigerung von Eigenschaften um mehr als 1 Pkt. auf einmal ist streng untersagt! Es besteht höchste Lebensgefahr!

Eine ähnliche Systemmeldung und Warnung folgten, als er einen zusätzlichen Punkt auf Geschicklichkeit legte:

Warnung! Wir haben eine ungewöhnliche Steigerung deiner Eigenschaft „Geschicklichkeit“ festgestellt: +1 Pkt.
Dein Körper wird zur Anpassung an den neuen Wert (5) entsprechend deiner neuen Motorik- und Koordinationswerte restrukturiert.
Erforderliche Änderungen: Restrukturierung deines zentralen Nervensystems und Elastizitätssteigerung von Muskelgewebe, Sehnen, Bändern und Gelenken.

Auch dieser Meldung folgte die Warnung bezüglich möglicher Lebensgefahr – sowie der Rat, so viel Protein, Fett und Kohlenhydrate wie möglich zu essen und ausreichend zu trinken.
Also verschlang Hagen im Laufe der nächsten zwei Stunden eine riesige Menge Brathähnchen und ein paar Pizzas und spülte sie mit viel Limo und Wasser hinunter.
Während er aß, wurde ihm auf einmal klar, dass er keine Angst mehr hatte, gegen Mr. Goretsky zu kämpfen. Da sein Stärkewert gestiegen war, konnte er 9.600 Schadenspunkte verursachen, was nahezu ausreichte, um den Büffel k. o. zu schlagen, da die erforderliche Punktzahl 50 % von dessen LP betrug.
Dann sank er mit einem Lächeln ins Land der Träume. Morgen würde ein neuer Tag beginnen – der erste Tag vom Rest seines Lebens.
Er würde weiter trainieren und hochleveln und schließlich an einem MMA-Wettkampf teilnehmen, und dann ... Wer weiß? Vielleicht würde er eines Tages stolz seinen Meistergürtel hochhalten.
Doch das würde noch dauern. Und morgen ...
Hagen lächelte noch mal. Morgen würde er endlich Lexie fragen, ob sie mit ihm ausgehen wollte.


Kapitel 3. Wiedersehen, Mr. Goretsky!

 

 

„Der Attentäter hat meine letzte Verteidigungslinie durchbrochen, und jetzt ist er hier, gekommen, um mich zu töten. Was unterscheidet letzten Endes einen freien Mann von einem Sklaven? Geld? Macht? Nein. Der Freie hat die Wahl. Ein Sklave gehorcht.“

Bioshock


HAGEN VERBRACHTE das komplette besagte „Morgen“ an seinem Schreibtisch und versuchte, die Xbox irgendeines jungen Kerls zu reparieren. Jemand hatte Bier darüber gekippt, doch er brauchte eine Weile um herauszufinden, welche Teile genau defekt waren. Alle seine Gedanken kreisten um das Versprechen, das er sich selbst gegeben hatte – nämlich, sich mit Lexie zu verabreden – doch jedes Mal, wenn sie an ihm vorbeikam, schob Mike Panik.
Wie sollte er nur das Eis brechen? Hi, du, hast du Bock, mit mir auszugehen? Oder vielleicht: Hey, Baby, hast du schon Pläne für heute Abend? Das war alles nicht das Richtige. Baby würde wahrscheinlich dazu führen, dass Lexa ihn umbrachte oder ihn mit diesem mörderisch verächtlichen Laserblick durchbohrte, den Frauen aufsetzen, wenn sie einen totalen Versager vor sich haben. In diesem Fall wäre die Aussicht auf ein Date wohl definitiv gleich null.
Allerdings schien das Mädchen sein Interesse bemerkt zu haben. Hagen spürte, wie sie ihm Blicke zuwarf. Er erwiderte sie jedoch nicht, sondern versteckte sich stattdessen hinter der Konsole. Es war ihm völlig klar, dass er keinen Ton herausbringen würde, wenn Lexa ihm eine Frage über seine Arbeit stellen würde. Sein Selbstbewusstsein von gestern war spurlos verpufft. Seine Zunge fühlte sich an, als wäre sie im Mund festgeklebt. Hagen versuchte es mit Cola – er war schon bei seiner fünften Dose – doch nichts schien zu helfen. Allein beim Gedanken an die Blamage und die Demütigung einer Zurückweisung hatte er das Gefühl, innerlich zu sterben, und diese Erfahrung war ihm alles andere als fremd.
In irgendeiner Männerzeitschrift hatte Mike einmal gelesen, das sei die natürliche Reaktion aller Männer auf Zurückweisung und gleichzeitig der Grund, warum viele von ihnen sich davor fürchteten, hübsche Mädchen anzusprechen, doch diese wissenschaftliche Beobachtung trug nichts dazu bei, das Gefühl abzumildern.
Ein paarmal rief er das Interface auf, um seine Errungenschaften zu bewundern und so sein Selbstbewusstsein aufzubauen. Dann schloss er es sofort wieder. Was waren das denn schon für Errungenschaften? Er war nicht mal annähernd in derselben Liga wie Demetrious „Mighty Mouse“ Johnson. Oder Dominick Cruz, oder ... die Liste war endlos. Alle waren sie viel besser als die Heulsuse Hagen.
Es tröstete ihn etwas, sich seine Werte anzusehen, doch jedes Mal, wenn Lexie in einem der Gänge auftauchte, zog Hagen aus Angst vor einem Gespräch mit ihr den Kopf ein.
So verbrachte er den ersten Teil des Tages. Als es Zeit für die Mittagspause war, gelang es ihm schließlich, hinter seinem Schreibtisch hervorzukriechen. Schnell lief er direkt zur Toilette. Die gesamte Pause verbrachte er damit, gegen sein Spiegelbild zu boxen. Die Fähigkeit steigerte sich nicht so schnell wie im Studio, doch er spürte die Verbesserung. Schließlich stieg die Fortschrittsleiste an. Mike war heiß und er schwitzte. Bei jedem Schlag atmete er laut aus.
Fast hatte er es geschafft, seine Fähigkeit „Faustschlag“ auf den nächsten Level zu steigern, als jemand an die Tür klopfte. Es war Lexie.
Hagen versuchte, aus dem Raum zu schlüpfen und es dabei zu vermeiden, dem Mädchen in die Augen zu sehen. Sein DigiMart-T-Shirt klebte an seinem Rücken, sein Atem ging schnell und er öffnete und schloss die Fäuste.
„Was ist los mit dir? Hast du da drin ...?“ Lexie grinste, als der junge Mann verzweifelt den Kopf schüttelte. „M-hm. Na, geht mich ja nichts an, aber ...“
„Lexie ...“
„Ja?“
„Heute Abend ... du ... und ich. Sollen wir?“
„Sollen wir was?“
„Also, sozusagen ... Wie wär‘s, wenn wir zusammen Essen gehen?“
Lexa lachte laut auf.
„Du bist schon ‘ne Nummer, Mike. Tut mir leid, aber nicht in diesem Leben. Mit dir gehe ich definitiv nirgends hin.“
Lexie wiederholte fast wörtlich die Antwort der tätowierten Sheila. Mikes Gedanken rasten. Er versuchte, sich eine Antwort einfallen zu lassen, mit der er das Gesicht wahren konnte, aber die junge Frau war bereits dabei, die Toilette zu betreten. Geräuschvoll schloss sie die Tür ab und überprüfte sogar noch einmal, ob sie richtig verschlossen war, als ob sie erwartete, dass ein verschwitzter, stammelnder Mike ihr folgen würde.
Er war so durcheinander, dass er komplett vergaß, etwas zu essen. Das System meldete ihm einen Debuff namens „Leichter Hunger“, der seine Zufriedenheits- und Metabolismuswerte senkte, doch das schob er beiseite.
Niedergeschlagen saß Hagen an seinem Arbeitsplatz und wusste nicht, ob er irgendetwas an der Situation ändern konnte, geschweige denn, ob er es überhaupt versuchen sollte. Dann schaffte er es, sich zusammenzureißen und beschloss, dass er seinem Körper ein paar Nährstoffe zuführen musste, wenn er jemals stark werden wollte.
Bis zum Ende seiner Pause hatte er nur noch zehn Minuten. Ihm blieb nur der Tasty-Dog-Laden direkt gegenüber. Die Hotdogs, die dort verkauft wurden, enthielten braune Fasern, die verdächtig nach Kakerlakenbeinen aussahen. Jeder wusste das, und die meisten Leute hielten sich wohlweislich davon fern. Die Besitzer nutzten den Laden hauptsächlich, um Drogen zu verticken. Die allgegenwärtigen Junkies, die sich vor dem Eingang herumdrückten, verschlangen die Hotdogs jedoch trotz ihrer seltsamen Kakerlakenbeinfüllung.
„Hi, Masheer.“ Hagen nickte einem Typen am Verkaufstresen zu, den er kannte, und reichte ihm das Geld. „Ich hätte gern ein Hotdog, bitte.“
„Wie üblich, Mike?“ Der Verkäufer verzog sein Gesicht zu etwas, das er für ein höfliches Lächeln hielt. „Mit mehr Petersilie?“
„Äh ... ja“, stimmte Hagen zu. „Und mit viel Ketchup und Majo.“
Masheer machte ihm ein Hotdog, immer noch lächelnd und völlig gelassen, und wünschte ihm irgendetwas, aber Mike war geistig schon ganz woanders.
Er aß sein Hotdog auf dem Weg zurück zur Arbeit und versuchte dabei, sich nicht mit Soße zu bekleckern.
Bis zum Abend wühlte er sich durch die Innereien der verdammten Xbox und spielte dabei im Kopf immer wieder sein Gespräch mit Lexie durch. Warum war es so schwer, die richtigen Worte zu finden? Mit Jessie hatte er doch früher auch reden können, oder? Andererseits ... mit ihr zu reden war wie ein Gespräch mit einem Fernseher gewesen. Sie hatte Hagen nie besonders aufmerksam zugehört, hauptsächlich selbst vor sich hingeplappert, und nicht mal darauf geachtet, ob Mike sie überhaupt hören konnte. Sie hatte geredet und geredet ... Das Einzige, was sie von ihm erwartet hatte, war, die Rechnungen zu bezahlen. Oh, und noch eine Sache: Sie wollte nicht, dass er eifersüchtig war. Jessie hatte immer gesagt: „Wenn du eifersüchtig bist, dann liebst du mich nicht. Was wäre das denn für eine Liebe, wenn du kein Vertrauen hättest?“ Mike stimmte ihr zu, liebte sie trotzdem und versuchte, seine Eifersucht zu verbergen, doch es half nichts.
So verbrachte er den Tag – in düstere Gedanken versunken, mit der gelegentlich aufblitzenden Hoffnung, dass sich alles bald zum Besseren wenden würde, während er die ganze Zeit versuchte, die Konsole zu reparieren. Schließlich gelang es ihm. Er startete Injustice: Götter unter uns, wählte Batman als Spielcharakter und begann, gegen Superman zu kämpfen.
Einer der Vorteile seiner Aufgabe, Elektrogeräte zu reparieren, war es, dass er theoretisch den ganzen Tag spielen und das als zum Testen der reparierten Konsole unter starker Auslastung notwendig verkaufen konnte.
„Tschüs, Leute!“, sagte Lexie, als sie ging.
„Tschüs, Lexie. Bis morgen!“, antwortete Wei Ming, der andere Verkäufer, ein kleiner Chinese mit leichtem Akzent.
Hagen hob den Kopf, aber das Mädchen sah nicht einmal in seine Richtung. Sie hängte sich ihre Tasche über die Schulter und ging, die Autoschlüssel am Finger schwingend.
Hagen räumte das Xbox-Gamepad weg und machte sich ebenfalls fertig.
Warum musste es immer so sein? Was, wenn mit Mädchen reden sich einfach meistern ließ wie eine neue Fähigkeit? Was, wenn die nötigen Worte freigeschaltet werden mussten – genau wie der Aufwärtshaken, der Kick, das Ausweichen und alles andere, das er im Studio lernen würde, während er seine Fähigkeiten auflevelte?
Eigentlich ... musste es beim Kommunizieren mit Frauen doch genauso sein. Man musste es versuchen, um es zu schaffen.
Die Tatsache, dass Lexie nicht mehr da war, verlieh ihm mehr Selbstbewusstsein. Hagen schnappte sich seine Jacke und sprintete aus dem Laden.
Wenn er sich steigern konnte, indem er mit den Fäusten in die Luft boxte, warum sollte er dann nicht auch lernen können, sich Lexa verständlich zu machen, indem er dieselbe Luft mit Worten füllte?
Man musste es nur ernsthaft genug versuchen.

* * *

INSGEHEIM HOFFTE HAGEN, dass er zu spät dran und Lexie schon weg war. Doch da stand sie auf dem Parkplatz und öffnete gerade die Tür ihres alten, beigen Toyotas. Hagen versuchte, nicht nachzudenken, und ging zu ihr hin.
„Lexie, warte mal kurz. Du hast mich vorhin nicht richtig verstanden.“
Lexie öffnete die Autotür und blickte ihn müde an. „Ich hab dich schon sehr genau verstanden, Mike. Du hast meine übermäßige Freundlichkeit mit Interesse an einer Beziehung verwechselt. Ganz typisch für einen totalen Loser wie dich.“
„Aber ich dachte ...“
„Hau ab, Mike. Oder ich komme zu dem Schluss, dass du mich stalkst.“
Jedes von Lexies Worten ließ Mikes Kopf tiefer zwischen seinen Schultern verschwinden. Er brachte es nicht über sich, sich umzudrehen und wegzulaufen, wie er es in seiner Kindheit getan hatte, wenn alle anderen Kinder um ihn herumgestanden waren und ihn mit Sand oder Limodosen beworfen hatten.
Dann hörte er hinter sich einen Motor aufheulen. Ein riesiger, mit nackten Frauen und Flammen verzierter Pick-up bremste direkt vor Lexies Auto. Die Tür öffnete sich. Goretsky sprang vom Fahrersitz und stolzierte auf Lexie zu.
„Ich habe so lang auf dich gewartet, Baby.“ Er schloss die Autotür und versperrte ihr den Weg mit seinem Arm. „Wie wäre es, wenn du deinen Luxuskörper vom coolsten Typen der Nachbarschaft ausführen lässt?“
„Mr. Goretsky, ich bin wirklich müde. Verschieben wir‘s auf ein andermal.“
Hagen blieb der Mund offen stehen. Goretsky sprach genau dieselben Worte, die Mike damals zu Sheila gesagt hatte. Die Wirkung war jedoch eine andere. Hagen wich Schritt für Schritt zurück. Das Letzte, was er wollte, war dass dieser Grobian ihm seine Aufmerksamkeit zuwandte ...
Lexie versuchte, in ihr Auto zu steigen und Goretskys Arm beiseitezuschieben. Doch er packte sie um die Taille und zog sie an sich.
„Spiel nicht die keusche Jungfrau, du Zicke. Deine Sorte kenne ich genau. Du stehst auf böse Buben.“
„Lassen Sie mich los!“
Goretsky legte Lexie die Hand in den Schritt. „Ich bin der böseste Bube von allen. Und du bist doch schon ganz feucht da unten, du Hure.“
„Nehmen Sie ihre Finger weg!“
„Oh, versuch nur, dich zu widersetzen, Baby. Das ist doch genau das, was dich anmacht.“
Hagen war fast ganz von Lexies Auto zurückgetreten. Plötzlich kam es ihm vor, als hätte sich ein roter Filter über sein Gesichtsfeld gelegt.

Zorn des Gerechten
Dir ist eine Ungerechtigkeit untergekommen – du gerätst in Rage!
+3 auf alle Haupteigenschaften
+100 % auf Vitalität
+50 % auf Selbstvertrauen
+75 % auf Willenskraft
+75 % auf Kampfgeist
-50 % auf Selbstkontrolle
Der Effekt bleibt aktiv, bis Gerechtigkeit wiederhergestellt wurde und solange du davon überzeugt bist, dass dein Anliegen gerechtfertigt ist.
Annehmen?

„Ja-a-a-a-a!“, schrie Hagen laut auf und ballte die Fäuste.
Lexie und Goretsky erstarrten beide.
„Hat dein Mund grade was gefurzt, kleiner Scheißer?“ Goretskys Stimme klang spöttisch, aber es schwang auch leichte Verblüffung darin mit.
Da wurde Hagen klar, dass der Gorilla ihn nicht einmal bemerkt hatte, als er aus seinem geschmacklosen Pick-up ausgestiegen war. Als ob Hagen gar nicht existierte.
Das machte ihn stinksauer.
Natürlich hatte Hagen früher schon Zorn empfunden, doch bis zu diesem Zeitpunkt hatte er ihn nur mental ausdrücken können. In seinen Träumen hatte er bereits all diejenigen verprügelt, die ihn jemals schlecht behandelt hatten, angefangen mit dem rothaarigen Danny, der ihm regelmäßig seinen Popel auf die Sandwiches geschmiert hatte, die seine Mutter ihm jeden Morgen so sorgfältig in die Brotzeitdose gepackt hatte, bis hin zu dem Schwachkopf, der an jenem Morgen das Bier über seine Xbox gekippt hatte.
Zum ersten Mal wurde Hagen klar, dass er all seinen aufgestauten Hass in seine Fäuste packen konnte, und dass er seine Fäuste auf den Kiefer eines jeden sausen lassen konnte, der ihn schlecht behandelte.
Der rote Nebel vor seinen Augen wurde dichter. Hagen nahm eine Kampfpose ein und stellte sich vor, er wäre in einem achteckigen Boxring. Er krümmte den Finger in Richtung Goretsky, um ihn zum Näherkommen aufzufordern – genau wie dieser Charakter in UFC 2.
Goretsky nahm die Hände von Lexie. „Bist du besoffen, Arschgesicht?“
Mike „Heulsuse“ Hagen krümmte den Finger erneut in Richtung Greg „der Büffel“ Goretsky.
Der Mann schlurfte hinüber zu Mike. „Du kleines Rabenaas. Ich schieb dir deinen Finger gleich in deinen Arsch.“
„Mike, er wird dich umbringen! Ich rufe die Polizei!“ Panikerfüllt begann Lexie, in ihrer Handtasche nach ihrem Telefon zu wühlen.
„Ruf besser einen Krankenwagen“, antwortete Mike.
„Ja, Arschgesicht! Die haben einen Leichensack, extra für dich persönlich.“
Goretsky war sich seiner Überlegenheit völlig sicher. Er kam auf Hagen zu und versuchte, ihn mit einem Schlag in die Seite zu treffen, in der Annahme, dass das „Arschgesicht“ sofort zusammenknicken würde, doch Hagen wich mit Leichtigkeit aus und trickste Goretsky so aus.
Verwirrt ließ Lexie ihr Telefon sinken. Sie hatte den Notruf noch nicht gewählt.
Goretsky drehte seinen massigen Körper, nur um Hagens Faust direkt ins Gesicht zu kriegen. Das letzte, was der Büffel sah, waren der Abendhimmel und ein Teil einer Plakatwand ... Dann landete er mit dem Geräusch einer umkippenden Mülltonne auf dem Kofferraum von Lexies Auto.

Verursachter Schaden: 14400 (Faustschlag)

Der Zorn des Gerechten hatte Mikes Werten einen Boost verpasst, also hatte sein Schlag mehr Schaden gemacht als ursprünglich erwartet. Goretsky brachte kein einziges Wort heraus. Wie gelähmt blieb er mit hervortretenden Augen auf dem Rücken liegen.

Glückwunsch! Sie haben Ihren Gegner in einem fairen Kampf besiegt!
Erhaltene EP: 1
Auf aktuellem Level (3) erhaltene EP: 1/3

Hagen ignorierte die Systemmeldung. Er nahm nichts mehr wahr außer dem Gegner, den er gerade besiegt hatte. Eine dämliche Visage mit glasigen Augen und einem blutigen Rinnsal, das ihm aus der gebrochenen Nase lief. All das symbolisierte die Rache für Jahre der Demütigung. Für Mike repräsentierte Goretskys Gesicht jeden – den rothaarigen Danny, den Trucker, mit dem Jessie durchgebrannt war, den Arzt, der sich mit einem Ausdruck unaufrichtigen Mitgefühls im Gesicht geweigert hatte, seine Mom zu behandeln, den Bankmanager, der ihm den Kredit verweigert hatte, und Millionen anderer Gesichter – alle, die Hagen im Laufe seines Lebens gedemütigt, ausgelacht und verprügelt hatten.
Sofort schlug Hagen erneut zu! Endlich war sein Gegner besiegt. Endlich ...
Mike fühlte zarte, weibliche Finger, die ihn an der Schulter schüttelten. Durch das Pulsieren des Blutes in seinen Ohren drang Lexies Stimme zu ihm durch.
„Mike! Mike! Hör auf! Oh, bitte, Mike!“
Der rote Nebel verschwand. Mike wurde sich bewusst, dass er auf Goretsky saß. Das Gesicht des größeren Mannes war eine einzige blutige Masse. Der Kotflügel von Lexies beigem Toyota war voller roter Flecken. Angsterfüllt stand Hagen auf.
„Habe ich ... Habe ich ... Ist er ... tot?“
Lexie beugte sich vor und fühlte Goretsky den Puls. Dann richtete sie sich wieder auf. „Er lebt. Es braucht eine Menge, um so ein Vieh wie ihn umzubringen.“
„Wir müssen einen Krankenwagen rufen ...“
„Hab ich schon.“ Das Mädchen öffnete die Autotür. „Verduften wir.“
„A-a-aber ... er ... Sollten wir nicht auf den Krankenwagen warten?“
Lexie maß Hagen mit ihrem Blick. „Junge, du steckst voller Überraschungen. Im einen Augenblick bist du ein kleiner Geek-Wurm, im nächsten ein kaltblütiger Kämpfer, dann kommt wieder eine Wurmphase. Mir wär‘s lieber, wenn du dich mal für eins entscheidest.“
Hagen nickte. Dann zerrte er Goretsky zum Straßenrand. Er bugsierte ihn sanft auf das Gras gleich neben dem Parkplatzschild. Der Büffel kam wieder zu sich. Er versuchte, durch die Blutblasen etwas zu murmeln.
„Wiedersehen, Mr. Goretsky ... Tut mir leid ...“
Hagen zog sich in gebührendem Tempo zurück und setzte sich auf den Beifahrersitz des Toyotas.
Als sie aus dem Parkplatz herausfuhren, kam bereits der Rettungswagen mit rot und blau blinkendem Licht an, und die Sirene war laut genug, dass die ganze Nachbarschaft sie hören konnte.

* * *

HAGEN BEOBACHTETE, wie der Rettungswagen vorbeifuhr, und lehnte sich dann in seinem Sitz zurück.
Lexie drehte die Musik leiser. „Wo musst du hin?“
Hagen gab ihr die Adresse von Ochoas Boxstudio. Lexie nickte und bog in die Straße ab, die er ihr genannt hatte.
„Also, Mikey, warum erzählst du mir nicht, was da gerade passiert ist?“, fragte sie. „Konntest du schon immer so boxen?“
„Das wollte ich tatsächlich schon mein ganzes Leben lang, aber ich habe erst vor Kurzem angefangen, es zu lernen.“
Hagen war überrascht, dass er nicht mehr stotterte, wenn er mit Lexie sprach. War der Buff vielleicht noch aktiv? Verlieh ihm das so viel Selbstvertrauen und Gelassenheit?
Mike klappte die Sonnenblende herunter und musterte sich im Spiegel. Er strich sich die Haare glatt. Dabei fiel ihm auf, dass er Blutstropfen im Gesicht hatte.
„Die Taschentücher sind im Handschuhfach“, bemerkte Lexie.
Hagen begann, sich die Wangen abzuwischen.
„Zu sagen, dass du mich überraschst, wäre eine riesige Untertreibung“, fuhr Lexie fort. „Wie kann irgendjemand so einen Büffelbullen mit einem einzigen Schlag ausknocken? Er ist so viel größer als du! Ich habe gesehen, dass du auf die Zehenspitzen gehen musstest, um ihn zu treffen.“
Hagen lachte leise. „Es kommt nicht auf die Größe an sondern auf die Technik.“
„Eins ist sicher – Goretsky wird sich eine Weile nicht mehr bei uns im Laden blicken lassen!“
Hagen hatte auch während der restlichen Fahrt das Gefühl, dass sein Selbstvertrauen gestärkt war. Er hatte kein Problem zu sprechen und musste seine Augen nicht verbergen. Wie sehr er sich wünschte, dass diese Buff ein permanenter wäre.
„Da sind wir.“ Lexie lehnte sich über das Lenkrad, um das Schild über der Tür des Boxstudios lesen zu können. „Da hängst du also normalerweise rum, ja? Du gibst mir ein Rätsel nach dem anderen auf, Mike Hagen.“
„Ja, manchmal überrasche ich mich selbst. Übrigens, wegen meines Angebots ...“
„Oh, das war also doch ein Angebot?“ Sie lächelte. „Klang für mich eher nach unverständlichem Gemurmel.“
Hagen räusperte sich. „Wie wär‘s, wenn wir nach der Arbeit mal zusammen rumhängen?“
Lexie hob die Schultern. „Warum nicht? Aber ich will nicht einfach irgendwo hingehen. Lass dir was einfallen, was Spaß macht. Hör nicht auf, mich zu überraschen. Das ... Das gefällt mir ziemlich gut.“
Als Hagen ausstieg, fügte sie hinzu:
„Und noch was: Danke für deine Hilfe.“
Mike wusste schon, dass die beste Antwort auf ihren Dank wäre, zu schweigen und sie ermutigend anzulächeln.



Kapitel 4. Die richtige Antwort

 

 

Roman: Also, wenn du dich mal entspannen willst, komm bei mir vorbei und wir schauen amerikanisches Fernsehen. Das ist so viel besser als der Mist, den wir daheim hatten.

Niko: Das meiste von dem Mist, der daheim im Fernsehen lief, kam aus Amerika, weißt du das nicht mehr, Roman?

Roman: Dann schau hier fern und werd‘ nostalgisch, auch egal.

GTA IV


DER KAMPF MIT Juan Guerrero blieb nicht unbemerkt. Alle Anwesenden hatten das Match zwischen einem der Jungs aus der Nachbarschaft und dem kümmerlichen Gringo gesehen, und Hagens Sieg war umso überraschender gewesen. Endlich fand der junge Mann Beachtung. Selbst in der Umkleide kamen ein paar Typen, die er noch nie gesehen hatte, zu ihm, um sich vorzustellen. Andere Kämpfer musterten Hagen ebenfalls, sagten jedoch nichts – sein mickriger Körper war das Letzte, was sie mit einem derartigen Sieg in Verbindung brachten.
Mike konnte ihren Unglauben und ihre Skepsis geradezu spüren. Offenbar waren alle der Meinung, sein Sieg sei nichts als ein glücklicher Zufall gewesen. Er ließ sie in dem Glauben.
Ohne der feindseligen Aufmerksamkeit Beachtung zu schenken, schlüpfte er in seine alten Trainingsklamotten. Die Hosen waren zu kurz, und seine Jacke hatte ein Loch unter dem Arm, das seine Mutter geflickt hatte. Aber das war ihm momentan egal. Wie man angezogen war, war nicht wichtig. Es kam allein darauf an, was man tat, während man diese Kleider trug. Und was Hagen vorhatte, war stärker zu werden.
Er begann mit Aufwärmübungen, auch wenn er glaubte, dass der Kampf mit Goretsky zum Aufwärmen völlig ausreichend gewesen war, und er noch nicht einmal Gelegenheit gehabt hatte, wieder abzukühlen. Dann versuchte er es mit Seilspringen, doch dazu fehlte ihm die Geschicklichkeit, und er stolperte ständig. Die anderen lachten, doch Hagen behielt seinen gelassenen Gesichtsausdruck bei. Rom wurde nicht an einem Tag erbaut.
Nach ein paar Übungen kam der alte Ochoa zu ihm herüber. Er trug Trainingspratzen. „Wir müssen an der Kondition deiner Arme arbeiten. Gestern ist mir aufgefallen, dass du dazu neigst, sie zu schnell herunterzunehmen. Wenn dein Gegner deinen Schlägen ständig ausweicht, kann er dich leicht ermüden.“
„Es ist schwer, einem meiner Schläge auszuweichen“, erwiderte Hagen und erinnerte sich an die glasigen Augen des ausgeknockten Büffels. „Und mehr als einen brauche ich nicht.“
Im nächsten Augenblick traf ihn die Pratze ziemlich schmerzhaft an der Stirn.

Erlittener Schaden: 93 (Schlagpolster-Stoß)
Aktuelle LP: 8907

„Bilde dir bloß nichts ein, nur weil du gestern Glück hattest, Jungchen“, sagte Ochoa gelassen. „Juan hat dich unterschätzt, darum hat er deinen Schlag nicht mitgekriegt. Du hattest Glück, dass du ihn ausknocken konntest. Aber Boxen ist kein Glücksspiel. Entweder trainierst du und schmeißt alles andere aus deinem Kopf raus und gewinnst, oder ...“ Der alte Mann grinste. „Oder du betrachtest dich als unbesiegbar, und sie zeigen dir ganz schnell, wo du hingehörst. Also, was ist dir lieber?“
„Trainiern.“
„Und wofür genau?“
„Damit meine Siege kein Zufall mehr sind.“
„Hm ... Gut, das ist die richtige Antwort, Söhnchen. Dann machen wir uns an die Arbeit!“
Während er seine Stellung einnahm, dachte Hagen an Lexie. Sofort traf ihn die Pratze wieder an der Stirn.
„Und lass den albernen, verträumten Gesichtsausdruck, Junge! Konzentrier dich!“, ermahnte ihn Ochoa missbilligend. Mike schüttelte den Kopf in dem Versuch, alle unnötigen Gedanken loszuwerden. Er schlug auf die Pratzen ein, während er dem monotonen Vortrag seines Coachs zuhörte:
„Das Erste, was du tun musst, damit deine Arme weniger leicht ermüden, ist zu lernen, dich zu entspannen. Das kriegst du noch überhaupt nicht hin. Sobald du im Ring bist, spannst du dich so an, als hättest du schon Angst davor, dass dein Gegner dich auch nur ansieht. Ich sag‘s dir gleich: Wenn der Kampf beginnt, tut er dir mehr als dich nur anzusehen. Er wird dich auch schlagen. Es wird wehtun, und er wird genau wissen, wo er dich treffen muss. Selbstverständlich musst du bereit sein, aber das heißt nicht, dass du bis ins letzte Nervenende angespannt sein und erstarren musst. Halte deine Arme nicht immer in derselben Position.“
Hagen versuchte, sich zu entspannen, doch seine Schläge wurden sofort schwächer.
„Schau, was du jetzt machst“, fuhr Ochoa fort. „Du hältst die Ellenbogen weit auseinander und deine Fäuste nah am Gesicht. Jede Wette, dass du sie so fest ballst, wie du nur kannst. Das ermüdet dich schnell. Wenn du so weitermachst, bist du in Runde 2 völlig ausgelaugt Und das nur aus dem Grund, weil du dir selber nicht genug Entspannung gönnst.“
Hagen schlug weiter auf die Pratzen ein, spannte seine Arme dabei abwechselnd an und lockerte sie wieder. Ochoa sagte, sie sollten „atmen“ können. Doch was sollte „atmen“ bloß bedeuten? Ochoa blieb ihm die Erklärung schuldig. Er kritisierte ihn nur, und zu ein paar Gelegenheiten brachte er auch ein Lob über die Lippen.
Als der Alte müde geworden war, nahm er die Pratzen ab und zeigte auf den Boxsack. „Halt dich ran. Vergiss nicht: Was du lernen musst, ist nicht, deinen Gegner bei erster Gelegenheit umzuhauen, sondern dich darauf vorzubereiten, dass er länger durchhält als du. Wenn du erschöpft bist, bevor du deinen besten Schlag anbringen kannst, verlierst du.“
Also boxte Hagen weiter. Er entspannte seine Muskeln und versuchte, sie „atmen“ zu lassen, ohne dass ihm klar war, was das hieß. Irgendwann bemerkte er allerdings, dass er mit komplett entspannten Armen einen starken Schlag zustande brachte. Zuerst passierte das nur selten, aber dann bekam er so langsam den Dreh raus.
„Mehr Wut! Und noch mehr Wut!“, wiederholte der alte Mann immer wieder. „Wie viele Runden glaubst du, dass ein Boxkampf dauert? Drei? Das ist Schwachsinn! Es scheint dir nur wie drei. Du brauchst noch zweihundert oder fünfhundert, bis du zu diesen drei kommst. Und danach nochmal so viele. Beim Boxen wird – genau wie in jeder anderen Kampfkunst – keine Schwäche toleriert! Je aggressiver und stärker du bist, desto wahrscheinlicher ist es, dass du ein Champion wirst!“
Hagen ging jedes Zeitgefühl verloren. Er bemerkte nicht, wie das Studio sich leerte und die Straßenlaternen draußen angingen. Schwer atmend stolperte er gegen den Boxsack hielt sich daran fest, um nicht umzufallen.

Glückwunsch! Du hast einen neuen Fähigkeitslevel erreicht!
Name der Fähigkeit: Faustschlag
Aktueller Level: 17

Glückwunsch! Du erhältst +1 auf Stärke!
Aktuelle Stärke: 7

Mike lächelte erschöpft. Er war kurz vor dem Zusammenbrechen und konnte nicht einmal mehr den Arm heben, aber es stellte sich heraus, dass er das Interface auch mit mentalen Befehlen steuern konnte. Mike öffnete den Reiter mit seiner einzigen Kampffähigkeit:

Faustschlag: Level 17
Schaden: 11900
+50 % höhere Wahrscheinlichkeit, Abblocken zu ignorieren.
Du musst diese Fähigkeit öfter nutzen, um sie zu steigern.

Er war gerade stärker geworden. Doch ein starker Faustschlag war nicht alles – schließlich würde sein Gegner nicht stillhalten, und mit einem Schlag zu treffen, stellte eine ziemliche Herausforderung dar. Außerdem würde sein Gegner alles versuchen, um ihn seinerseits zu treffen, also war es genauso wichtig, durchhalten zu können, bis sich die Chance bot, einen kritischen Treffer zu landen. Er würde ziemlich bald darüber nachdenken müssen, seine Ausdauer und Treffergenauigkeit zu verbessern.
Ochoa trat zu ihm. „He, Jungchen, das reicht für heute. Mopp und Eimer findest du in der Abstellkammer; du weißt ja, wo die ist. Mach dich ans Aufwischen.“
Der alte Mann klopfte ihm wohlwollend auf die Schulter.

* * *

HAGEN DUSCHTE, zog sich um und machte sich auf den Weg zur Abstellkammer, von der aus er den Reinigungswagen mit Mopps und Putzmitteln in Richtung Boxhalle schob. Mittlerweile hatte er diese ruhigen Stunden, wenn niemand mehr im Studio war und nur noch der intensive Geruch nach Schweiß und Deodorant in der Luft hing, schätzen gelernt. Die Halle schien ganz still zu werden, nur ein paar Boxsäcke schwangen aus irgendeinem Grund noch hin und her.
Der alte Ochoa war dann immer schon auf dem Heimweg. Er vertraute Hagen genug, dass er ihm einen Ersatzschlüssel und die Codes für die Alarmanlage gegeben hatte.
Es war die perfekte Zeit für ihn, eine Weile mit sich allein zu sein. Mike nahm einen Lappen und verlor sich in seinen eigenen Gedanken, während er automatisch die Geräte abwischte.
„He, Bro!“, brachte ihn eine Stimme zurück in die Gegenwart. „Wie war doch gleich dein Name?“
Einer der Typen, die er in der Umkleide getroffen hatte, und an dessen Namen er sich nicht erinnerte, trat an Hagen heran. Zu viele Leute hatten sich gleichzeitig vorgestellt, sodass ihre Namen ihm nicht im Gedächtnis geblieben waren. In der Vergangenheit hatte er nicht allzu oft neue Leute kennengelernt, soviel war sicher, also hatte er nie die Gelegenheit gehabt, ein gutes Namensgedächtnis zu entwickeln.
Der Typ sah aus wie das Klischee eines Latinos mit weiten Shorts, einem roten Stirntuch auf dem glatt rasierten Kopf, einem karierten Hemd und dem unvermeidlichen Tränentattoo unter einem Auge. Also war er entweder ein unbedeutendes Mitglied einer Latino-Gang, oder wollte zumindest dafür durchgehen. Hagen hielt sich stets von solchen Typen fern, auch wenn es in dem Viertel, in dem er aufgewachsen war, viele davon gab. Mom hatte ihn immer gewarnt, dass die nur Ärger machten. Baby Mikey durfte sich ihnen nicht einmal nähern, geschweige denn in irgendeiner Form mit ihnen kommunizieren. Aber sie näherten sich ihm ständig, sie hatten einen Blick dafür, welchem Schulkind man ein oder zwei Dollar abnehmen konnte, als stände es ihm ins Gesicht geschrieben. Noch bevor er in die Highschool kam, hatte er erfahren müssen, dass es unter ihnen einige wirklich grausame, psychotische Typen gab – die verprügelten einen nicht nur, viele hatten auch Messer bei sich. Einige trugen Schusswaffen unter dem Gürtel und verdeckten sie mit ihren karierten Hemden, genau wie das, das dieser Typ hier trug ...
Hagen spannte sich instinktiv an und zog den Kopf zwischen die Schultern.
„Alter, das war ein klasse Kampf!“, sprudelte der Kerl lebhaft hervor und imitierte sogar Hagens Faustschlag vom Vortag. „Ich hab‘s nicht selber gesehen, aber meine Brüder haben mir ein Video geschickt. Also, wie heißt du?“
„Mike. Mike Hagen.”
„Ich bin Gonzalo Herrera.“ Der Typ streckte ihm die Hand hin. „Du bist ‘ne krasse Nummer, Alter! Wer hätte gedacht, dass man Juan mit einem einzigen Schlag umhauen kann? Ha ha!“
„Äh ... Danke ...“
„Hey, Bro. Hast du Bock, auf die Schnelle ein paar Scheinchen zu verdienen?“
„Nö.“
Diese Antwort musste so unterwartet gekommen sein, dass der Latino einen Moment lang einfror wie ein Windows-Betriebssystem beim Update. Doch Hagen klangen noch die Worte seiner Mutter im Ohr, die sich auf FOX alle einschlägigen Serien ansah und sicherlich genau über Straßengangs Bescheid wusste. Sie sagte immer: „Mikey, nimm niemals irgendein Angebot von solchen Gangstern an. Sie erzählen dir was von einer Gelegenheit, schnell an Geld zu kommen. Wenn du zustimmst und anfängst, Meth zu verkaufen, schnappt dich früher oder später die Drogenfahndung.“
Warum sie überhaupt annahm, dass ein fremder Latino ihm jemals anbieten sollte, Meth zu verkaufen, war ihm nicht ganz klar, aber Hagen wollte seine Mom trotzdem auf keinen Fall enttäuschen. Selbst jetzt, wo sie nicht mehr unter den Lebenden weilte.
„Äh-h-h, Alter?“
Hagen tauchte seinen Mopp in den Eimer, wrang das überschüssige Wasser aus und wischte damit über den Boden. „Ich deale nicht mit Drogen.“
Wieder erstarrte der Latino und musste diese Antwort erstmal verarbeiten, dann lachte er laut auf, schlug sich auf die Knie und konnte eine ganze Weile nicht mehr damit aufhören.
Inzwischen wischte Hagen ungerührt weiter den Boden. Immerhin war es ihm gelungen, den Kerl zum Lachen zu bringen. Das war schon mal ein gutes Zeichen.
Als Gonzalo schließlich fertiggelacht hatte, sagte er: „Was für Drogen, Alter? Ich bin clean. Ich rede vom Kämpfen, hermano. Ein echter Kampf in einem echten Ring. Bist du interessiert? Ey? Und überhaupt, Mann, was sollen diese Vorurteile? Beurteile doch die Leute nicht nach ihrem Aussehen. Du hast nur einen Blick auf mich geworfen, und hattest dir schon eine Meinung gebildet, was? Ein Mexikaner ist automatisch verdächtig? Da liegst du falsch, Bruder! Ich bin Boxer! Ich nehm keine Drogen! Und dealen tu ich auch nicht.“
Hagen stand einen Augenblick stumm da.
Der andere nahm das als Zeichen seines Zweifels. „He, hör mal!“ Er wartete, bis Hagen seinen Mopp beiseite geräumt hatte. „Es gibt da in der Gegend von Buckhead Island so einen geschlossenen Club für MMA-Wettkämpfe. Jeder außer Profis kann teilnehmen – die wollen sich sowieso nicht unter uns gemeines Volk mischen. Also kämpfen da nur Normalos wie du und ich. Die meisten Leute sind arm und kommen von der Straße, aber als Geldsack will man da eh nicht mitmachen – die Bezahlung ist nicht gerade üppig. Juan hat da früher auch gekämpft. Bis du ihm das Licht ausgeknipst hast. Ha ha!“
Ohne zu antworten, begann Mike, mit dem bereits getrockneten Mopp weiter den Boden zu wischen. Er senkte einfach den Kopf, weigerte sich, dem anderen in die Augen zu sehen und wünschte sich sehnlichst, dass Gonzalo endlich gehen würde. Moms Angst vor Fernsehserien-Gangstern hatte tiefe Spuren bei ihm hinterlassen.
„Keine Sorge, Alter. Die Kämpfe sind echt, aber sie sind hauptsächlich zur Unterhaltung der Clubbesucher gedacht. Also wirst du sogar dann bezahlt, wenn du verlierst. Wenn du beim Publikum gut ankommst, nehmen dich die Clubbesitzer unter Vertrag. Dann kannst du regelmäßig kämpfen. Einer von meinen Brüdern ist gerade einer ihrer Topstars! Er kriegt sogar einen Anteil an den Wetteinnahmen. Hat sich davon grade ‘nen heißen Schlitten geleistet. Glaubst du mir?“
Mike nickte. Es war nicht so, als hätte er irgendwelche Zweifel. Aber zur Hölle mit diesem Typen und ganz allgemein auch mit halblegalen Kämpfen. In einem Ring vor Hunderten von Leuten zu kämpfen? Und dabei immer das Risiko, einen Schlag einzustecken, der schmerzhaft und demütigend sein konnte? Nein, danke. Sehr gern, aber nicht gerade jetzt. Er war einfach noch nicht soweit.
Hagen stellte sich oft vor, wie er einen Kampf gewann, aber das waren nur Tagträume. Selbst Ochoa hatte ihm gesagt, dass sein Sieg über Juan nur ein glücklicher Zufall gewesen war. Keine Chance! Er musste auf Ochoa hören und erst trainieren.
„Also, was sagst du, Bro?“
„Tut mir leid, aber ich bin noch nicht bereit zu kämpfen“, gab Hagen zu.
„Machst du Witze? Juan ist der geborene Kämpfer, und du hast ihn einfach so ausgeknockt.“
„Das war nur ein total zufälliger Sieg ...“
„Zufälliger Sieg, ja klar! Schau, Mike: Merk dir die Adresse. Buckhead Island, Zwölfte Straße. Das Schild „Dark Devil Club“ ist echt riesig, das kannst du gar nicht übersehen. Wenn du drin bist, sag denen, ich hab dich geschickt. Gonzalo. Kapiert?“
Mike nickte. Der Mexikaner streckte ihm die Hand hin. Mike bot ihm die seine an, und Gonzalo vollführte so einen speziellen Handschlag wie einer der Gangster in den Serien, die seine Mutter so gemocht hatte. Dann presste er ihm die Faust an die Wange und sagte:
„Ich hoffe doch schwer, dich mal in einem Kampf zu treffen, Bro.“
Hagen bekreuzigte sich in Gedanken. Gott behüte!
Er sah Gonzalo hinterher und seufzte erleichtert auf, als die Tür sich schloss. Dieser Gonzalo Herrera war eigentlich gar nicht so beängstigend. Keine Waffe, kein Messer ... Und Drogen hatte er ihm auch keine angeboten. War es möglich, dass seine Mom die Gefahr überschätzt hatte?



Veröffentlichung am 1. August 2019



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