Thursday, April 11, 2019

Nächstes Level: Held von Dan Sugralinov



Nächstes Level Buch 2
Held
von Dan Sugralinov



Vorbestellung: Amazon
Veröffentlichung am 4. Juni 2019


Prolog


Was für ein schrecklicher Traum! Überall Einsen und Nullen … Und ich dachte, ich sähe eine Zwei …

Futurama


„OKAY, ICH WERDE es anders formulieren. Wie hast du sie umgebracht?“
„Da war dieser kleine Junge … er ist erstickt. Es ist einfach passiert! Und dann war da ein Mädchen … sie ist ebenfalls gestorben … verblutet …“
Der Knall eines Pistolenschusses macht mich beinahe taub. Die Kugel wirft den korrupten Regierungsbeamten zu Boden. In meinen Ohren summt es laut. Nur schwach höre ich Vickys Fluchen. Sie wirft die Pistole von sich.
„Mistkerl, Mistkerl, Mistkerl! Oh, wie ich sie alle hasse!“
Gleb Grechkin, eine bekannte Gestalt in der Kulturabteilung des Rathauses, windet sich auf dem Boden. Offensichtlich hat er es nicht sehr eilig abzukratzen. Seine Wunde ist nicht lebensgefährlich und seine Vitalität befindet sich noch immer im grünen Bereich, obwohl der Debuff durch die Blutung ihre Wirkung entfaltet und den Kinderschänder seiner Gesundheit beraubt.




„Heilige Scheiße, Vick – was hast du bloß angestellt?“
„Er ist Abschaum, verstehst du das denn nicht? Er verdient es nicht, am Leben zu bleiben!“
„Aaaah!“, stöhnt er. „Dafür werdet ihr bezahlen! Ich werde euch auslöschen! Ooooh!“
„Das reicht jetzt – wach auf!“ Ich greife Vicky bei den Schultern und schüttele sie, um sie zur Vernunft zu bringen. „Lass uns gehen!“
„Wohin sollen wir denn gehen? Wir müssen die Sache erst zu Ende bringen!“
Ihre Einstellung bereitet mir ein wenig Sorge, aber der Text über ihrem Kopf verrät mir, dass ihr Buff durch Wut und berechtigten Zorn anhält. Ich nehme sie bei der Hand und ziehe sie zur Tür. Nur um sicherzugehen, stecke ich auch die Waffe ein.
Ich öffne den Kofferraum von Grechkins Geländewagen und halte Ausschau nach einem Schlauch und einem leeren Benzinkanister. Vicky untersucht die anderen Autos, und ich fülle derweilen Benzin aus dem Tank in den Kanister.
„Hier, ich habe noch einen gefunden.“ Vicky reicht mir einen weiteren leeren Benzinkanister.
Es dauert eine Weile, bis beide gefüllt sind. Dann nehme ich sie und gehe zurück in Grechkins Haus.
Grechkins hat sich hinter dem Sofa versteckt. Eine blutige Spur markiert seinen Pfad. Kaum habe ich das Zimmer betreten, schüttelt er sich und murmelt etwas.
Mir fällt etwas ein. Ich fluche, greife in meine Tasche und ziehe das Taschentuch hervor, dass ich dem korrupten „Dimedrol“[1] entwendet habe, Grechkins bestem Freund. Ich gieße ein wenig Wodka darauf und wische damit die Pistole sauber. Vicky nimmt das Taschentuch und geht nach draußen, um unsere Fingerabdrücke im Wagen von Wheezie und Zak zu entfernen. Das sind die beiden Drogensüchtigen, die Vicky und mich auf Befehl von Dimedrol in einer dunklen Seitengasse überfallen und entführt haben. Im Kofferraum ihres Wagens haben sie uns hierhergebracht.
„Was macht ihr denn?“, fragt Grechkin. Er betont jedes Wort, und seine Aussprache noch immer klar. „Ich kann meine Beine nicht mehr fühlen. Was ist bloß los mit mir?“
Ich betrachte das Profil dieses schändlichen Nichts von einem Menschen, den die mysteriöse Benutzeroberfläche in meinem Kopf bereits zum Tode verurteilt hat.

Level des sozialen Status: -1,

meldet mir das System.
Dieses Level hat zu einem dramatischen Abfall seiner sämtlichen Eigenschaften geführt. Die Debuffs, die er erlitten hat, sind auch nicht gerade dazu gedacht, seine Energie zu steigern. Sein Stoffwechsel befindet sich tief im roten Bereich, seine Mobilität ist praktisch nicht-existent. Sobald er all seine Verbrechen gestanden hatte, deklassifizierte ihn das System, brachte seinen sozialen Status in den negativen Bereich und stellte mir die System-Quest, den Kinderschänder zu eliminieren.
Genau das werde ich jetzt tun.
Ich höre jemanden stöhnen, aber es ist nicht Grechkin. Wheezie streckt seinen mit Blut überströmten Kopf in die Höhe. Sein Fuß zuckt. Er ist noch am Leben, aber ich bin noch nicht in der Stimmung, ihn zu töten. Er kann am Leben bleiben … wenigstens einstweilen.
Ich werfe einen Blick auf die Wanduhr über der Tür. Es ist lange nach drei Uhr früh. Ich halte mich vom Kamin fern, in dem ein Feuer brennt, und gieße Benzin über Körper, Möbel und den Billardtisch. Den zweiten Kanister leere ich auf der Veranda, im Flur draußen und auf der Treppe in den ersten Stock. Mit dem Rest lege ich einen Pfad zum Ausgang.
Dann kehre ich ins Wohnzimmer zurück, halte die Waffe im Taschentuch, platziere sie in Zaks Hand.
„Bitte, lasst mich nicht hier liegen!“, fleht Grechkin. „Ich zahle euch eine Million Dollar … In bar! Bitte …“
Ich lasse die leeren Kanister im Haus stehen, greife mir das Feuerzeug von der Sofalehne und betrachte noch einmal den Ort unseres Albtraums.
Dann gehe ich hinaus. Vicky stellt sich neben mich und lehnt den Kopf gegen meine Schulter.
Auch wenn es vielleicht keine Hölle gibt – wir werden Grechkin seine ganz persönliche Hölle bereiten, hier auf diesem Planeten Erde, in diesem speziellen lokalen Abschnitt unserer Galaxie.
Zur Hölle mit allem! Soll es lichterloh brennen!
Aus dem Augenwinkel heraus nehme ich einen Schatten wahr, der plötzlich auftaucht.
Das Letzte, das ich höre, sind mehrere Schüsse, dann verliere ich das Bewusstsein, Vickys Schrei noch im Ohr.




Warnung! Gewaltsame Aktivierung der heldenmütigen Fähigkeit Zeitschummel nach dem Tod des Benutzers!
Datenbanksicherung wird erstellt …
Protokolle werden gelöscht …
Betriebsspeicher des Benutzers wird gelöscht …
Neustart in 3 … 2 … 1 …
Erweiterte Realität!-Plattform. Home Edition



ICH KONNTE NOCH immer die rauchigen, tiefroten Flammen sehen, die sich in meine Netzhaut eingebrannt hatten; ich roch noch immer den metallischen Geruch von Blut und hörte jemanden schreien; und ich schmeckte Benzin und feuchte Erdkrumen in meinem Mund, als ich aufwachte.
„Phil! Ich bin wieder zu Hause!“ Vickys fröhliche Stimme klang durch den Flur und weckte mich aus meinem Albtraum.
Sie kam ins Schlafzimmer, beugte sich über mich und küsste mich.
„Vicky … Süße …“ Ich rieb mir die Augen und streckte mich. Alle Knochen schmerzten. Dann konnte ich mich nicht länger zurückhalten – ich griff nach ihr und zog sie an mich. Oder vielmehr über mich.
Lachend ließ sie sich in meine Umarmung hineinfallen. Ich hielt sie fest, rollte unter ihr hervor und auf sie, stützte mich dabei auf den Ellbogen ab.
„So früh hast du mich nicht zurückerwartet, was?“ Vicky lächelte schelmisch. „Ich dachte, du würdest deine Freiheit genießen! Vielleicht nicht mit anderen Frauen, aber ich war sicher, du würdest dich über das Wochenende mit deinen Freunden treffen.“
„Nein, ich hatte dich noch nicht erwartet. Und nein, ich wollte nicht meine Freiheit genießen. Du weißt genau, ich hasse ausschweifende Wochenenden. Ich war am Morgen joggen, habe anschließend ein wenig Marktforschung betrieben, um ein paar Dinge herauszufinden, dann hatte ich meinen Boxunterricht und mein Krafttraining. Am Abend war ich so erschöpft, dass ich beim Lesen von einem von Dr. Ichak Adizes‘ Büchern eingeschlafen bin. Seine Texte sind so entspannend, ich bin glatt darüber eingedöst.“
Sie brachte mich mit einem Kuss zum Schweigen und wühlte sich mit einer Hand unter mein T-Shirt.
„Warum hast du …“, begann ich. Ich wollte wissen, warum sie so früh von ihren Eltern zurück war – sie hatte das gesamte Wochenende dort verbringen wollen –, aber schlagartig verließ alles Blut mein Gehirn und ließ sich anderswo nieder, und die nächste Viertelstunde lang hatte ich nicht den geringsten Wunsch, ihr irgendwelche Fragen zu stellen.
Endlich lagen wir ausgepumpt nebeneinander. Ich versuchte, die Überreste meines Traums zu erhaschen, konnte mich jedoch lediglich an ein paar einzelne Bilder erinnern. Der Wald, ein Keller, Regen, ein paar Erzschurken, und meine völlige Hilflosigkeit.
Dann fiel mir die unvollendete Frage von vorhin wieder ein. „Was hat dich denn dazu gebracht, früher zurückzukommen als geplant?“
„Ach, weißt du … Wir saßen alle beim Abendessen, haben uns unterhalten, meine Eltern, mein Bruder und meine Tochter …“ Sie hielt inne, erinnerte sich. „Und auf einmal hatte ich das Gefühl, ich müsste dich sofort sehen. Ich hatte ganz unerklärliche Angst, dich zu verlieren. Zuerst wollte ich dich nur anrufen, aber mein Vater beschloss, Nachtfischen zu gehen, und meine Mutter hatte ihre eigenen Pläne. Also habe ich Xena einen Gutenachtkuss gegeben und mich ins Auto gesetzt. Ich hatte es so eilig, vor dem Einbruch der Dunkelheit anzukommen, dass ich beinahe einen Unfall gebaut hätte. Der Wagen ist plötzlich ins Schleudern geraten und auf die Gegenfahrbahn, gerade als ein weißer Land Cruiser vorbeirauschte …“ Ganz nüchtern sprach sie weiter, als ob nicht sie es sei, der das passiert war. „Dann kam ich in die Wohnung, hörte dich im Schlaf keuchen, und sofort ging es mir besser!“
Ihr Bericht traf mich tief. Ich zog sie an mich. Das war meine Empathie-Eigenschaft, die sich da auswirkte – ich konnte beinahe physisch den möglichen Verlust und etwas wahrhaft Schreckliches spüren, das uns hätte zustoßen können, und es dann zum Glück doch nicht tat.
Eine Weile lang lagen wir schweigend da. Dann hob Vicky den Kopf von meiner Brust und sprang auf. Ich erhob mich ebenfalls und folgte ihr ins Bad. Dabei konnte ich die Augen nicht von ihrem wohlgerundeten Hinterteil lösen.
Zusammen stiegen wir unter die Dusche. „Wie wäre es mit Abendessen?“, schlug Vicky vor. „Meine Mutter hat mir jede Menge Pasteten mitgegeben.“
„Frittiert?“
„Nein, sie hat sie mir roh eingepackt …“ Mit dem Schwamm schlug sie nach mir. „Es gibt Ei und Zwiebeln, Kohl und Kartoffeln.“
„Ich hab‘ ja nur gefragt!“ Ich duckte mich, um dem nächsten Hieb auszuweichen. „Ich sende ihr meinen Dank! Okay, okay – ich gebe auf!“
Ihre Reaktion war verständlich; sie hatte es satt, sich von mir Vorträge über gesunde Ernährung anhören zu müssen. Aber was sollte ich denn tun? Jedes Mal, wenn ich bei einer Portion Pommes herzhaft zugriff, überschüttete mich das System mit Warnungen und Debuffs! Der Benutzeroberfläche zufolge erhöhte jede einzelne Fritte das Risiko einer Krebserkrankung und ungesunder Cholesterinwerte. Ich hätte das ja nun einfach ignorieren können, aber wenn ich dann zusehen musste, wie meine Gesundheit ein Tausendstel von einem Prozent sank, nahm mir das jede Freude am Genuss solcher Dinge.
Während Vicky sich anzog, zerkleinerte ich Gemüse für unser Abendessen. Nur so konnte ich die Wirkung von fettem Essen neutralisieren, dank des Systems.
Vicky betrat die Küche. „Hör mal, Phil – meine Mutter fragt mich ständig nach dir aus. Ich würde ihr ja gern etwas erzählen, aber was soll ich denn sagen? Ich kann ihr ja wohl kaum erklären, dass du so ein netter, zuverlässiger, intelligenter Junge bist, und dann die Bombe deiner Arbeitslosigkeit platzen lassen. Sollen wir meine Eltern vielleicht nächstes Wochenende gemeinsam besuchen? Es wird langsam Zeit, dich ihnen vorzustellen.“
Meinen Eltern hatte Vicky sehr gut gefallen. Als wir vor ein paar Wochen zusammen in ihrer Wohnung aufgetaucht waren, hatten sie zuerst nicht gewusst, was sie sagen sollten; schließlich hatten sie mich ohne Begleitung erwartet. Aber sobald die erste Überraschung nachgelassen hatte, hatte meine Mutter sie sofort mit Freundlichkeit überschüttet.
„Steht nicht einfach so vor der Tür herum – kommt rein!“
„Darf ich euch Vicky vorstellen?“, hatte ich erklärt. „Wir sind zusammen. Kennengelernt haben wir uns bei der Arbeit. Vicky, das sind …“
„Ich bin Kira, die Schwester dieses Schwachkopfs“, war mir Kira ins Wort gefallen und hatte Vicky stürmisch umarmt. „Komm rein, keine Förmlichkeiten. Fühl dich wie zu Hause!“
Es war alles hervorragend gelaufen. Der Gedanke, ihre Eltern zu treffen, erfüllte mich allerdings mit Sorge.
Noch während ich darüber nachgrübelte, wechselte Vicky zu einem anderen unangenehmen Thema. „Hör mal, was hast du denn jetzt vor? Wie sieht dein Zeitplan aus? Bist du sicher, du willst dich nicht doch mal bei White Hill, Ltd. bewerben? Ich kenne deren Personalchef. Die sind verdammt große Vertriebshändler in ihrem Bereich, aber ihre Handelsvertreter bleiben meistens nicht lange, also sind sie immer auf der Suche nach neuen Leuten. Wie wäre es, wenn du es dort einmal versuchst? Selbst ein ganz durchschnittlicher Handelsvertreter verdient dort ein ganz anständiges Gehalt, und du bist ein verdammt guter. Ich könnte mal mit denen reden …“
„Bitte, Süße, fang nicht schon wieder damit an. Ich weiß, du bist es gewohnt, dich nur auf dich selbst zu verlassen – also erlaube mir doch bitte, das Gleiche zu tun. Ich habe eine Geschäftsidee und bin sicher, die wird funktionieren. Aber ich muss noch eine Menge vorbereiten, damit ich einen guten Start hinlegen kann. Schließlich betreibe ich diese ganze Marktforschung nicht nur zum Vergnügen …“
„Aber du sprichst nie darüber! Warum kannst du mir denn nicht einfach sagen, was du vorhast? Liegt es vielleicht daran, dass du noch gar keine Idee hast? Oder versuchst du, dich selbst ebenso zu beschummeln wie mich?“
„Ja, ich habe eine Idee“, setzte ich an.
Das Klingeln meines Handys unterbrach mich.
„Warte, ich beantworte nur schnell den Anruf“, sagte ich.
Ich schaute auf das Display meines Handys. Nun sieh mal einer an, wer mich da anrief – Alik, in voller Lebensgröße! Ich hatte ihn schon eine Weile nicht mehr gesehen und auch nichts von ihm gehört; nicht mehr, seit ich ihm meine alte Wohnung überlassen hatte.
Vicky nickte verständnisvoll und machte sich an den Abwasch. Ich ging auf den Balkon, damit das Geräusch des laufenden Wassers mich nicht störte.
„Ich muss Sie etwas fragen, Herr Panfilov“, überfiel Alik mich sofort. „Wie sieht es mit Ihrer Firma aus? Wann fällt der Startschuss?“
Mir wurde klar, er war schon halb beschickert. „Momentan kann ich nicht sprechen. Es kann jetzt jede Woche losgehen. Ich rufe dich an.“
Im Hintergrund hörte ich das Lachen einer Frau, dann flüsterte er: „Es geht jeden Augenblick los! Und du wirst meine Sekretärin!“
Wieder an mich gerichtet, sprach er in normalem Ton weiter: „Herr Panfilov? Sorgen Sie dafür, dass alles seine Ordnung hat. Wenn nicht …“
„Okay“, erklärte ich. „Ich habe keine Ahnung, wo du bist, und wer noch da ist, aber ich schlage vor, du trennst dich von ihr und rufst mich später wieder an. Ende und aus.“
Ich legte auf. Sein nahezu herablassender Ton gefiel mir ganz und gar nicht. Ich blieb auf dem Balkon, wartete darauf, dass er zurückrief.
„Ist alles in Ordnung?“, fragte Vicky aus der Küche. „Wer war es denn?“
„Alles in Ordnung. Es dauert nicht lange.“
Ich wartete ein paar Minuten. Endlich leuchtete das Display wieder auf und zeigte Aliks breites Grinsen. Das Foto hatte ich für sein Profil in meinem Adressbuch von ihm geknipst.
„Ich bin jetzt allein, Phil, wie verlangt“, sagte er in seiner normalen Stimme. „Was gibt’s?“
„Du sagst mir besser, mit wem du dich gerade besäufst. Was wolltest du von mir?“
„Ähm, tut mir leid, wenn ich dir auf die Nerven gegangen bin. Heute ist mein freier Tag, also bin ich mit ein paar Jungs von der Arbeit einen trinken gegangen. Und da ist dieses Mädchen, Irina … Ich glaube, ich mag sie.“ Alik hielt inne, ersichtlich unwillig, weiterzusprechen.
„Und?“
„Nun, ich habe ihr gesagt, dass ich demnächst meinen Job kündige und meine eigene Firma aufziehe. So, als ob ich dein Partner wäre. Sofort hat sie mich bedrängt, sie will unbedingt mitmachen. Und ich …“
„Aha. Ich möchte dich um etwas bitten. Bevor du irgendjemandem etwas versprichst, solltest du das zuerst mit mir erörtern. Sonst kommt nichts dabei heraus. Einverstanden?“
„Natürlich. Tut mir leid, Phil. Du darfst nicht denken, dass ich besoffen bin. Ich hatte nur ein paar Bier. Ich werde mir jetzt Irina schnappen, und dann gehen wir zu mir.“
„Wo wohnst du jetzt?“
„Ich habe eine Wohnung ganz in der Nähe der Arbeit angemietet. Sie ist ziemlich heruntergekommen, aber wenigstens ist sie billig, insgesamt nur fünftausend[2]. Hör mal – soll ich meinen Job jetzt kündigen? Und die Jungs ebenfalls?“
„Welche Jungs?“
„Na, meine Jungs – die Kerle, die dich beinahe zu Brei geschlagen hätten, erinnerst du dich? Tarzan und die anderen beiden? Sie arbeiten für mich. Und wir haben alle eine Kündigungsfrist von einem Monat, die wir noch abarbeiten müssen.“
„Lass deine Jungs ruhig weiterarbeiten – sie arbeiten ja bereits für dich. Aber du kannst nächsten Montag kündigen, ich werde bald deine Hilfe brauchen. Es wird uns etwa einen Monat kosten, alles auf die Beine zu stellen.“
„Jawohl, Boss! Und tut mir leid, dass ich dich gestört habe. Trag mir das nicht nach!“ Er legte auf.
Meinen Berechnungen zufolge sollten drei Wochen reichen, um alle Vorbereitungen für meine kleine Firma abzuschließen. Ich hatte eine Menge Pläne, aber am Ende ließen die sich mit drei wesentlichen Punkten zusammenfassen: Die Statistiken für meine physischen Leistungen über den Durchschnitt heben, meinen Erkenntnislevel verbessern und auf den Abschluss der Optimierung warten. Anschließend konnte ich mit dem Geschäft loslegen.
Beginnen wollte ich mit einer einzigen Aktivität: Dem Eröffnen einer Personalvermittlungsagentur. Es war besser, sich auf eine Sache zu konzentrieren, statt sich mit zu vielen Dingen zu verzetteln. Außerdem verfügte ich bereits über zwei beeindruckende Erfolgsgeschichten, Alik und Fettwanst. Und sobald unsere Agentur sich erst einmal einen Namen gemacht hatte, konnte ich das Angebot nach und nach um andere Dienste erweitern.
Allerdings spielten noch zwei weitere Faktoren eine Rolle. Zum einen hatte ich noch keine Ahnung, welche Vorteile mich auf dem nächsten Erkenntnislevel erwarteten. Man wusste ja nie – vielleicht konnte ich plötzlich verborgene Schätze mit einem simplen Blick auf eine Landkarte finden, oder sogar neue Plutoniumvorkommen. Und zum zweiten würde ein reicher Strom an Arbeitssuchenden mir ermöglichen, die besten Mitarbeiter für meine eigene Firma abzuschöpfen.
Ich ging zurück zu Vicky. Sie hatte uns bereits Tee eingegossen und saß am Küchentisch, die Füße hochgestellt, die Arme um die Knie geschlungen, und betrachtete sehr interessiert etwas auf dem Display ihres Handys. Als ich hereinkam, schaute sie mich fragend an.
„Das war Alik“, beantwortete ich ihre stumme Frage. „Er hat mich dasselbe gefragt wie du – wann es endlich mit meinem Unternehmen losgeht.“
„Alik? Wer ist denn das?“
Oh ja – die beiden waren sich bisher ja noch nicht über den Weg gelaufen; es hatte sich noch keine Gelegenheit ergeben.
„Nur ein Freund“, erwiderte ich. Ich hatte keine Lust, ihr irgendwelche Einzelheiten zu berichten. „Er wird mir in der Firma aushelfen.“
Sie schien nicht sehr überzeugt, sagte jedoch nichts. Ihr Profil in meiner Oberfläche meldete mir eine leicht verschlechterte Laune und ein gestiegenes Interesse.
„Du wirst ihn bald kennenlernen“, erklärte ich. „Und was meine Firma betrifft …“ Ich lachte. „Ich habe nicht nur eine Idee, sondern ich weiß auch schon genau, wie ich das Geschäft anfangen und weiterentwickeln muss. Ich bitte dich nur um ein wenig Geduld. Du wirst nicht enttäuscht sein, das kann ich dir versprechen.“
„Phil, ich mache mir nur Sorgen um dich, verstehst du das denn nicht? Ich kapiere einfach nicht, was in deinem Kopf vor sich geht. Und ich habe Angst, dass du wieder in deinen alten Lebensstil zurückfällst.“ Sie senkte den Blick.
„Schau mir in die Augen, Süße“, drängte ich. Ich legte die Hand aufs Herz. „Ich schwöre dir bei allem, das mir heilig ist: Dieser Gedanke liegt mir absolut fern! Ich setze einen Plan um, und dieser Plan wird unserer kleinen Familie Erfolg bringen!“
Ein Funke Überraschung leuchtete in ihren Augen auf. Sie lächelte. „Sind wir wirklich eine Familie?“
„Ja, das sind wir. Und nächstes Wochenende werden wir deine Eltern besuchen, wie du es vorgeschlagen hast.“
„In dem Fall …“, bemerkte sie verschmitzt, als ob ihr ein Gedanke gekommen wäre.
Plötzlich senkte sie den Kopf, ließ sich die Haare übers Gesicht fallen, dann stand sie auf und breitete die Arme vor sich aus. Es wirkte so, als ob sie die Szene mit Samara aus dem Horrorfilm Ring nachspielen würde.  „Pass nur auf! Das uralte Böse ist in mir erwacht! Und es will dich!“

* * *

AUCH WENN IN meiner Beziehung alles gut lief – für meine Strategie des Aufstiegs in den Leveln konnte ich dasselbe leider nicht behaupten. Alles, was ich in zwei Wochen erreicht hatte, waren ein Level 13 im sozialen Status und +1 jeweils für Stärke und Beweglichkeit sowie +2 für Durchhaltevermögen. Wie geplant, hatte ich die drei Systempunkte in die Wahrnehmung (+2) und die Intelligenz (+1) gesteckt.
Auch wenn ich nun vielleicht klüger geworden war – aufgefallen war mir das nicht. Meine verbesserte Wahrnehmung allerdings hatte meine Welt sofort heller und farbenfroher erscheinen lassen. Meine Sehfähigkeit lag nun bei 20/20, und mein Gehör war ebenso ausgezeichnet wie mein Geschmackssinn. Ich konnte ohne Mühe zwischen verschiedenen Sorten Tee und Kaffee unterscheiden, die vorher für mich alle gleich geschmeckt hätten. Man muss sich das nur einmal vorstellen – bisher hatte ich den grässlichen löslichen Kaffee ebenso genossen wie richtigen Kaffee aus frisch gemahlenen Bohnen!
Ja, und was meine Sehfähigkeiten betraf, so hatte ich vorher am Nachthimmel ohne meine Brille gerade einmal den Polarstern erkennen können. Jetzt jedoch … jetzt bereitet es mir ein ganz besonderes Vergnügen, den Himmel und die verschiedenen Konstellationen zu studieren. Wie zerbrechlich dieser Planet Erde doch war, und wie unbedeutend die Menschheit! Vielleicht stimmte es sogar, diese Geschichte mit den höherrangigen Rassen, die Tausende von Lichtjahren entfernt lebten und uns aufsuchten, wer wusste das denn schon? Und vielleicht gab es tatsächlich diese rätselhaften Vaalphor, die verdächtig wie Dämonen aus einem Horrorfilm aussahen.
Ich hatte eine ganze Weile lang die Systempunkte nicht angerührt, die mir für meinen Fortschritt in den Leveln verliehen worden waren. Insgesamt verfügte ich nun über fünf Punkte. Es wäre nicht sehr klug gewesen, sie jetzt zu investieren. Schließlich kostete es normalerweise nicht viel, in den unteren Leveln aufzusteigen. Deshalb hatte ich beschlossen, auf das Ende der Optimierung meiner Lernfertigkeiten zu warten, die insgesamt dreißig Tage in Anspruch nahm. Danach konnte ich die gesamten verfügbaren Punkte ebenfalls in die Lernfähigkeiten stecken. Wenn ich alles richtig berechnet hatte – ich klopfte dreimal auf Holz –, würde ich anschließend wahrscheinlich in der Lage sein, mir neue Fertigkeiten in wahrhaft kosmischer Geschwindigkeit anzueignen, und das Gleiche galt für die Verbesserung meiner bereits bestehenden Fertigkeiten. Das war dann fast wie in World of Warcraft … Ich musste nur noch zehn Tage warten, bis die 30-Tages-Frist abgelaufen war.
Momentan sah mein Profil wie folgt aus:

Philip “Phil” Panfilov
Alter: 32
Derzeitiger Status: arbeitslos
Level des sozialen Status: 13
Klasse: Buchleser. Level: 8
Geschieden
Kinder: keine

Haupteigenschaften:
Stärke: 9
Beweglichkeit: 7
Intelligenz: 20
Durchhaltevermögen: 9
Wahrnehmung: 11
Ausstrahlung: 14
Glück: 10

Mit ihrem Level 8 hatte meine Fertigkeit im Buchlesen die Fertigkeit Empathie mittlerweile überholt. Heutzutage las ich allerdings keine Vertriebshandbücher mehr. Stattdessen wählte ich Sachbücher, die für meine Fertigkeiten relevant waren. Durch praktisches Ausprobieren hatte ich bereits herausgefunden, dass theoretische Kenntnisse über eine bestimmte Fertigkeit – ob es sich dabei nun um das Boxen handelte oder das Verkaufen – die Geschwindigkeit mächtig erhöhten, in der ich in den Leveln aufsteigen konnte. In Martha Stewarts Kochbücher hatte ich mich bisher noch nicht vertieft, aber die standen ganz oben auf meiner Liste. Ein hohes Level im Kochen ermöglichte mir bestimmt, Essen zuzubereiten, das mir eine Menge Buffs verpasste.
Wäre das nicht klasse, eine große Schüssel Borschtsch[3] in dem Bewusstsein zu leeren, dass mir das +2 Stärke und drei Stunden lang 30 % mehr Zufriedenheit verschaffte?
Verglichen mit der Zeit, als ich noch mit Yanna zusammenlebte, kochte ich heutzutage weit häufiger. Dadurch war ich bereits ein weiteres Level aufgestiegen.
Wenn Vicky bei der Arbeit war, konzentrierte ich mich auf das Gewinnen von Erfahrungspunkten. Wir standen gemeinsam auf, frühstückten und unterhielten uns dabei über unsere Pläne für den Tag oder einen Film, den wir am Abend zuvor gemeinsam gesehen hatten. Wenn sie zur Arbeit ging, begab ich mich in das ziemlich heruntergekommene Fußballstadion in der Nähe. Die Tore waren schief und ohne Netz, und der Rasen wurde von gelblichem Unkraut nahezu erstickt.
Um den Fußballplatz herum lag eine Aschenbahn, auf der streckenweise bereits wieder Gras wuchs. Hier lief ich meine Runden und versuchte, Tempo und Ausdauer zu steigern. Jeder Tag brachte mir einen Bruchteil mehr Fertigkeit ein, und das Laufen fiel mir zunehmend leicht.
An einem schönen Morgen stellte ich plötzlich fest, dass ich mich bereits in meinem achten Kilometer befand – und ich war nicht einmal außer Puste! Kein Teil meines Körpers protestierte gegen die Anstrengung. Hätte mich jemand angerufen, ich hätte mich ganz normal mit ihm unterhalten können, und er hätte nicht einmal bemerkt, dass ich am Joggen war. Ich hatte es auf drei weitere Punkte gebracht und nun Level 5 erreicht.
Nachdem ich erst einmal erkannt hatte, dass mich die Erholung nur wenig Zeit kostete – dank meines wunderbaren systemimmanenten Verstärkers –, begab ich mich jeden Tag ins Fitness-Studio. Und zu meinem Boxunterricht. Auch wenn meine Stärke nicht so rasch zunahm wie zu Beginn, fehlten mir doch nur noch weniger als 20 % bis zum menschheitlichen Durchschnittslevel von 10. Das entsprach einer Woche Training.
Ich hatte auch eine neue Fertigkeit erworben – Athletik. Anders als in The Elder Scrolls III – Morrowind, wo die Athletik den Charakter nur beim Laufen und Schwimmen unterstützt, nutzte mein Spielsystem sie als Wettkampffähigkeit. Mit anderen Worten – diese Fertigkeit war der Beweis, dass das System mich nun als einen richtigen Athleten betrachtete (wenn auch einen Amateur), und nicht länger als Schlappschwanz.
Zugegeben, ich hatte auch längst begonnen, mich tatsächlich wie ein Athlet zu fühlen. Meine Waschbrettbauch war zwar noch immer unter einer Fettschicht versteckt, aber viel war von diesem Fett nicht mehr übrig. Wenn ich noch einmal aus alter Gewohnheit meine Brille aufsetzte, nur um zu überprüfen, ob die zunehmende Wahrnehmung meine Sicht tatsächlich verbessert hatte, blieb sie nicht mehr auf meiner Nase sitzen. Mein Gesicht war so viel schmaler geworden, sie rutschte einfach immer wieder herunter. Kira behauptete, ich sähe auf einmal viele Jahre jünger aus. Nur mein noch immer stark gerundeter Bauch erinnerte weiter an meine alte Figur. Er hing mir zwar nicht mehr über den Gürtel, war jedoch noch immer sichtbar, solange ich ihn nicht einzog.
Alik würde staunen, wenn er mich zu Gesicht bekam. Das letzte Mal hatte ich ihn am Tag seines Auszugs aus der alten Wohnung gesehen. Ich war vorbeigekommen, um zu überprüfen, ob er alles in einem ordentlichen Zustand hinterlassen hatte. Er hatte mich nicht enttäuscht – die Wohnung blitzte und blinkte, und er hatte sogar ein paar Dinge repariert. Meine ehemalige Vermieterin fand nur einen Grund zur Beschwerde – die Krallenspuren, die Boris im Sofa hinterlassen hatte. Angesichts des ehrwürdigen Alters dieses Möbelstücks wurden wir uns insofern jedoch rasch über eine kleine Summe Schadensersatz einig.
An diesem Tag hatte ich im Hof auch Fettwanst getroffen. Er hatte sich gewaltig verändert. Vielleicht nicht so sehr äußerlich, aber seine Vitalität war gewaltig angestiegen, ebenso wie seine Laune. Der feste Job hatte ihm zu mehr Disziplin verholfen und seine Frau beruhigt – ihr eingebauter Nörgel-Modus war inzwischen deaktiviert. Alles zusammen hatte seine Zufriedenheit erhöht, den ehemals arbeitslosen Hitzkopf gewaltig besänftigt und auch seine Gesundheit beträchtlich verbessert.
Auch der Kontakt zu meinen Freunden von der Arbeit war nicht abgerissen. Für die Woche zuvor hatte ich eine Einladung zur Geburtstagsparty von Cyril Cyrilenko erhalten, meinem ehemaligen Kollegen bei Ultrapak. Eigentlich hatte ich Vicky mitnehmen wollen, doch sie weigerte sich strikt. Sie behauptete, sie fühle sich nach der Sache mit Marina und Dennis nicht wohl in dieser Runde, also war ich am Ende allein aufgetaucht.
Cyril hatte sich für ein bescheidenes, aber gemütliches Lokal entschieden, mit eifrigen Kellnern, kaltem Bier, gutem Essen und hervorragender Livemusik. Insgesamt waren wir zehn Gäste, alles seine Freunde und Kollegen. Ich kannte keinen der anderem und setzte mich deshalb zwischen Greg und Marina. Deren Probezeit war fast vorüber, und sie schienen sich keine großen Sorgen um die Zukunft zu machen. Nachdem Dennis wegen der sexuellen Belästigung von Marina gefeuert worden war und ich die Firma verlassen hatte, wollte Pavel beide behalten, zumal ihre Umsatzzahlen ausgezeichnet waren. Greg war einer dieser Leute, die noch in der Wüste Sand verkaufen können, und Marina arbeitete sich durch die Liste potenzieller Kunden, die ich zusammengestellt hatte, und zwar nach dem Motto „Kein Tag ohne Abschluss“.
Nach der Versöhnung zwischen Greg und seiner schwangeren Frau Alina schien sein väterlicher Instinkt jäh erwacht zu sein. Nach wenigen Stunden entschuldigte er sich und begab sich nach Hause. Marina hatte übrigens einen Begleiter mitgebracht, irgendeinen Typen, der gerade an seiner Doktorarbeit saß.
Es machte mich glücklich, dass ich in der Lage gewesen war, meinen Freunden zu helfen und ihren Lebensweg ein wenig zum Guten zu beeinflussen. Und wer weiß – vielleicht hatten die kleinen Anpassungen irgendwann ja eine dramatische Auswirkung. Die vielleicht sogar bereits im Gange war.
Ach, übrigens – das System betrachtete mein Erscheinen bei der Geburtstagsfeier als sozial bedeutungsvolle Handlung, für die ich mit Erfahrungspunkten belohnt wurde. Anscheinend wurde es als Tugend betrachtet, immer zu den eigenen Freunden zu halten, in guten Zeiten ebenso wie in schlechten.
Von Yanna hatte ich seit der Scheidung nichts mehr gehört. Obwohl meine Mutter aus mir völlig schleierhaften Gründen ihre Mutter angerufen und sie gefragt hatte, wie es ihr ging. So war meine Mutter nun einmal – immer machte sie sich um alle Sorgen. Soweit ich das verstanden hatte, war die Unterhaltung knapp und kurzangebunden verlaufen und hatte mit Frau Orlovas Forderung geendet, ihre „Familie in Frieden zu lassen“.
Meine Mutter hatte das voller Verständnis akzeptiert. Ich hatte all das nur ganz zufällig über meinen Vater herausgefunden, als wir beide gemeinsam in unser Sommerhaus gefahren waren, um dort ein Badehaus[4] zu bauen. Die Gelegenheit hatte ich gleich genutzt, um im Gemüsegarten Unkraut zu jäten. Was meine landwirtschaftlichen Fertigkeiten auf Level 2 brachte. Außerdem hatte ich mit einer Handpumpe den gesamten Garten gewässert. Das ist eine Tätigkeit, bei der kein Training im Fitness-Studio mithalten kann. Meine Muskeln beschwerten sich bis heute über all die Anstrengung.
An einem Morgen war ich auf dem Rückweg vom Joggen wieder einmal Herrn Panikoff über den Weg gelaufen, meinem lieben alten Rentner. Was eine ziemliche Anspannung in mir ausgelöst hatte. Gerade war der gesamte düstere Vorfall mit Valiadis und Khphor bei mir ein wenig in Vergessenheit geraten – und nun erinnerte sein Anblick mich wieder daran. Insgeheim hatte ich befürchtet, es könnte erneut etwas Unangenehmes passieren, doch meine Befürchtungen hatten sich zum Glück nicht erfüllt. Er hatte mir lediglich eine neue Quest aufgetragen. Anscheinend hatten ihm seine Kinder einen Tablet-PC geschenkt, auf dem die App seiner Lieblings-Sportzeitung bereits installiert war. Nur funktionierte die natürlich nicht, sobald er außer Reichweite seines WLAN-Netzes geriet. Kaum hatte ich ihn zurück in die Nähe unseres Gebäudes gebracht, bestand die Netzwerkverbindung wieder und er konnte die App aufrufen. Was mir weitere 5 Punkte Ansehen bei Herrn Panikoff eintrug, allerdings nur sehr wenige Erfahrungspunkte.
Ich selbst hatte mir inzwischen ein Laptop der Mittelklasse angeschafft. Es war perfekt für mein Schreiben und die Onlinesuche. Es war leicht, besaß einen Breitbildmonitor, und der Akku hielt ewig. Ich hatte es mir zur Gewohnheit gemacht, das Gerät in meiner Sporttasche mitzuführen. So konnte ich auf dem Rückweg vom Fitness-Studio in einem Café einkehren und ein wenig schreiben. Das hatte sich rasch zu meiner Lieblingszeit des Tages entwickelt. An ein Manuskript mit Romanlänge musste ich mich erst noch heranwagen, aber meine Studien und Kurzgeschichten fanden immer ihre Leserschar und ernteten Likes und Kommentare. Das allein war schon Motivation genug weiterzuschreiben; von der Tatsache einmal ganz zu schweigen, dass sich dadurch mein Rang in diesem Portal für Schriftsteller mehr und mehr verbesserte.
Ich war sogar so weit gegangen, die Geschichte von Alik und Fettwanst aufzuschreiben, allerdings beide kombiniert in einer einzigen Person. Dieser Story war ein überraschender Erfolg beschieden gewesen – sie war unter den am häufigsten gelesenen Kurzgeschichten des Portals gelandet. Die Leser verlangten lauthals nach einer Fortsetzung. Die ich ihnen allerdings nicht liefern konnte; die beiden Vorbilder waren zu sehr damit beschäftigt zu arbeiten und ein weitgehend ereignisloses Leben zu führen. Wenn das so weiterging, nahm ich womöglich eines Tages eine Science-Fiction-Story in Angriff, in der dem Protagonisten dieselbe Systemoberfläche eingepflanzt wurde, über die ich nun verfügte.
Der „Held“ konnte ein nicht sehr hochgewachsener Kerl sein, der zu viel Angst hatte, um sich auf Auseinandersetzungen einzulassen. Warum schließlich nicht? Das konnte mit Gewissheit interessant werden.
Jedenfalls machten meine Fertigkeiten im Schreiben und in MS Word Fortschritte in der Geschwindigkeit von Knoten, wie Schiffe – langsam, aber stetig. Das zeigte sich sowohl in deren numerischem Wert als auch darin, wie ich mich dabei fühlte. Die Worte flossen mir leicht aus der Feder, meine Finger flogen nur so über die Tastatur, und Ideen tauchten aus dem Nichts auf. Letzteres wurde so heftig, ich hatte auf meinem Smartphone sogar eine spezielle Datei angelegt, um sie alle festzuhalten.
Mein veränderter Lebensstil hatte sich indirekt auch auf meine anderen Fertigkeiten ausgewirkt: Selbstdisziplin (+2), Selbstkontrolle (+1), Durchhaltevermögen (+2) und langfristige Planung (+1). Heutzutage fand ich es tatsächlich einfacher, meine eigenen Pläne umzusetzen. Ich gebot allen Versuchen Einhalt, Dinge zu verschleppen, und wenn ich einmal feige Momente der Art „Dazu habe ich momentan einfach keine Lust“ erlebte, setzte ich ihnen sofort ein Ende.
Die weitaus meisten der Erfahrungspunkte, die ich mittlerweile hatte sammeln können, stammten aus der Verbesserung von Fertigkeiten und Eigenschaften. Einige allerdings hatte ich erworben, indem ich Aufgaben erledigte, die ich mir selbst gestellt hatte. Dabei zählte jedes sportliche Ziel (etwa der Versuch, einhundert Meter weiter zu laufen als am Vortag), ebenso wie jede Anstrengung, meine Familie bei ihren alltäglichen Aufgaben zu unterstützen. Als ich meinem Vater im Sommerhaus geholfen hatte, wurde ich dafür mit satten 500 Erfahrungspunkten belohnt.
Was mich ein wenig ärgerte war, dass ich mein Erkenntnislevel noch immer nicht hatte verbessern können. Längst hatte ich es mir zur Gewohnheit gemacht, alles zu identifizieren, das mir begegnete. Das geschah inzwischen so automatisch, wie man sich in der Straße umdreht, um eine schöne Frau auch von hinten zu bewundern … Doch es schien einfach nicht genug zu sein. Der Fortschrittsbalken dieser Fertigkeit war bei etwa 40 % zwischen den Leveln 2 und 3 eingefroren. Hunderte von Objekten hatte ich mittlerweile identifiziert, und es hatte mir gerade einmal Bruchteile eines einzigen Prozents eingebracht.
Das Gleiche galt für die Landkarte der Benutzeroberfläche. Wann immer ich Martha dazu ausfragte, zwängte ihre Antwort mich in eine Zwickmühle: Mein Erkenntnislevel reichte nicht aus, um mir die Antwort auf die Frage zu erschließen, wie ich mein Erkenntnislevel verbessern konnte … Irgendwie hatte ich die Vorstellung, eine Steigerung erzielen zu können, wenn ich die Oberfläche zum Nutzen der Gesellschaft einsetzte. Alternativ konnte die Drosselung des Levels natürlich auch mit meinem sozialen Status verbunden sein. Allerdings hatte ich keine Möglichkeit, die Richtigkeit dieser beiden Theorien zu überprüfen.
Immerhin gab es auch gute Nachrichten: Die größte Verbesserung hatte ich, abgesehen vom Joggen, beim Boxen erreicht (+3) – was mich insgesamt auf Level 4 hob.

Hauptfertigkeiten und -fähigkeiten:

Lernfertigkeiten: 3 (eine primäre Fertigkeit, die sich derzeit in der Optimierung befindet: +4)
Lesen: 8
MS Word: 7)
Empathie: 7
Computerfertigkeiten: 7
Verkaufen: 6
Kommunikationsfertigkeiten: 6
Kreatives Schreiben: 6
Fertigkeiten in der russischen Sprache: 6
Joggen: 5
Intuition: 5
Kochen: 5
Online-Suche: 5
MS Excel: 5
Boxen: 4
Beharrlichkeit: 4
Entscheidungsfindung: 4
Nahkampf: 4
Selbstdisziplin: 4
Selbstkontrolle: 4
Verführung: 4
Fertigkeiten in der englischen Sprache: 3
Langfristige Planung: 3
Tippgeschwindigkeit: 3
Manieren: 3
Autofahren: 2
Fahrradfahren: 2
Führung: 2
Marketing: 2
Kartenlesen: 2
Öffentliches Reden: 2
Angeln: 2
Landwirtschaft: 2
Überzeugungskraft: 2
Athletik: 1
World of Warcraft spielen: 8 (eine sekundäre Fertigkeit, die sich derzeit in der Optimierung befindet: −8)

Systemfertigkeiten:
Erkenntnis: 2
Optimierung: 1
Heldenmut: 1

Verfügbare Systemfertigkeitspunkte: 5

Was allerdings das Geld betraf, das ging mir langsam aber sicher aus. Nachdem ich die drei Monatsmieten für die neue Wohnung überwiesen und mir das Laptop gekauft hatte, musste ich ja immer noch meinen Boxunterricht bezahlen – und ab und zu wollte ich Vicky einfach stilvoll ausführen.
Ich hatte einen gewissen Betrag für schlechte Zeiten zurückgelegt. Den wollte ich jedoch nicht angreifen, sondern war fest entschlossen, meine finanzielle Disziplin zu verbessern. Geld ausgeben ist einfach; es sparen und vermehren hingegen sehr viel schwerer.

* * *

DIE ZWEITAUSEND, DIE ich meinem Boxtrainer für jede Stunde zu zahlen hatte, gingen verdammt ins Geld. Wenn ich mit dem bisschen, das mir noch zur Verfügung stand, weitertrainieren wollte, musste ich mich der Boxgruppe anschließen, um die Kosten zu verringern.
Deshalb wandte ich mich nach dem Unterricht an meinen Trainer. „Herr Matov, ich muss mit Ihnen reden.”
“Was ist denn?” Er schaute auf seine Uhr, war offensichtlich in Eile. „Also gut, aber mach es kurz.“
„Als ich das erste Mal hier war, haben Sie sich geweigert, mich in die Boxgruppe aufzunehmen, erinnern Sie sich noch? Aber was glauben Sie – bin ich jetzt gut genug? Bin ich bereit für die Gruppe?“
Er runzelte die Stirn. „Ich werde es dich wissen lassen, wenn du bereit bist. Meiner persönlichen Meinung nach hinkst den anderen noch immer ziemlich hinterher. Du würdest sie in ihrem Training bremsen. Du hast gewaltige Fortschritte gemacht, da stimme ich dir zu. Der Vergleich zwischen dir jetzt und damals ist wie der zwischen Tag und Nacht. Aber in der Gruppe sind Jungs, die seit ihrer frühen Kindheit trainiert haben, und du bist noch immer ein Schwächling. Jeder auch nur einigermaßen gute Boxer kann dich sofort k.o. schlagen.“
„Ja, aber …“
„Ist dir das wirklich ernst? Hör mal, uns steht ein wichtiges Turnier bevor, und ich habe keine Zeit, dich in der Gruppe zu verhätscheln. Für dein eigenes Training bezahlen, das ist eine Sache – aber wenn du mich Zeit kostest, die ich für die Jungs brauche, die wirklich vielversprechend sind und hart für den Wettkampf trainieren, ist das eine ganz andere. Das kommt überhaupt nicht in Frage. Mach noch sechs Monate weiter, und dann sehen wir mal.“
„Aber ich habe nicht das Geld für weitere sechs Monate! Ich kann Sie noch ein paar weitere Sitzungen bezahlen, und danach muss ich entweder aufgeben, oder mich einem anderen Fitness-Studio anschließen.“
„Bedeutet das, du stellst das individuelle Training ein?“
„Ich fürchte ja. Mehr als für zwei weitere Stunden kann ich nicht bezahlen. Aber ich will das Boxen nicht aufgeben.“
„Jetzt hör mal, ich muss los – wichtige Leute warten auf mich. Ich trainiere zwei Gruppen – die eine montags, mittwochs und freitags, und die andere dienstags, donnerstags und samstags. Beide beginnen um neunzehn Uhr. Komm einfach mal vorbei, und wir schauen, wie du dich machst. Wenn du nicht mithalten kannst, schmeiße ich dich hinaus, und fertig. Melde dich am Empfang an und zahle den Mitgliedsbeitrag. So, und jetzt muss ich mich beeilen. Wir sehen uns!“
Er ließ mich stehen. Ich überlegte, wie ich das alles in meinem Zeitplan unterbringen konnte. Die Wochenenden wollte ich mir freihalten, um mit Vicky ausgehen zu können. Also musste es wohl die Gruppe werden, die jeden Montag, Mittwoch und Freitag trainierte.
In diese Gedanken versunken, begab ich mich in den Umkleideraum. Irgendein Saftsack rauschte an mir vorbei und stieß mich dabei an.
Er schwang herum. „Ist dir der Flur etwa nicht breit genug? Wenn du willst, kann ich dich gerne ein bisschen kleiner machen.“
Ich beschloss, keine große Sache daraus zu machen. „Tut mir leid. Ich war mit den Gedanken ganz woanders.“
„Yuri!“, brüllte jemand aus der Boxhalle. „Wir warten alle auf dich! Setz deinen Arsch in Bewegung!“
„Ich komme ja schon!“, brüllte Yuri zurück. Dann wandte er sich wieder mir zu. „Hör mal, bist du der Kerl, der mit Matov trainiert?“
„Ja. Na und?“
„Aha – ich kapiere. Du bist also der Knabe reicher Eltern, der sich jeden Tag Privatstunden leisten kann. Wie wäre es zur Abwechslung mit einem kleinen Sparring mit mir?“
„Nein danke.“
„Wie du willst. Wir sehen uns … Schlappschwanz.“ Er lachte und verschwand in der Halle.
Ja, natürlich … Nicht mit mir! Er hatte im Boxen Level 7 erreicht. Im Vergleich dazu war mein Level 4 gar nichts.
Ich rief auf dem Smartphone meinen Kalender auf. Ohne den hätte ich meinen strengen Zeitplan niemals einhalten können und wüsste im Zweifel nicht einmal, was für ein Wochentag es war. Ah – heute war Mittwoch. Was bedeutete, Yuri trainierte in der Gruppe, der ich mich eigentlich hatte anschließen wollen. Nein, Boxunterricht inmitten solch unfreundlicher Grobiane, danach stand mir wirklich nicht der Sinn.
Ich revidierte also meine Entscheidung und begab mich zum Empfang. Dort legte ich mein magnetisches Spindarmband auf die Theke.
Eine zierliche Blondine mit dem Namen Katja nahm es an sich und gab mir meine Karte. „Bist du fertig für heute, Phil?“ Sie schenkte mir ein strahlendes Lächeln. „Wie ist es gelaufen?“
„Alles bestens, danke. Hör mal, Katia, ich werde das Einzeltraining bei Matov einstellen und mich seiner Gruppe anschließen. Kannst du mich für Dienstag, Donnerstag und Samstag eintragen?“
„Einen Augenblick. Wann fängst du in der Gruppe an?“
„Nächste Woche. Am Wochenende bin ich unterwegs, und diese Woche möchte ich den Einzelunterricht abschließen, wenn das möglich ist.“
„Natürlich“, erwiderte sie und tippte etwas in den Computer ein. „Also, Boxtraining am Abend. Der Kurs beginnt um neunzehn Uhr. Du darfst nicht zu spät kommen, sonst lässt Matov dich nicht mitmachen.“
„Ich weiß“, lächelte ich. Eine Minute zu spät, und ich hatte verloren ...
„Willst du gleich bezahlen? Es kostet viertausend pro Monat.“
„Ich fürchte, so viel habe ich nicht bei mir. Ich bezahle direkt vor dem Gruppentraining.“
„In Ordnung. Bis dann!“

* * *

WIEDER ZU HAUSE, begrüßte mich Boris, die weibliche Katze, und beschwerte sich bitterlich. Ihr Miauen war gefüllt mit Katzenflüchen. Ich war den ganzen Tag unterwegs gewesen; wahrscheinlich hatte sie mich vermisst. Oder vielleicht war sie auch nur hungrig.
„Darf ich mich wenigstens umziehen, bevor ich dich füttere?“, bat ich. „Meine Klamotten sind total durchnässt!” Es regnete mächtig draußen.
Sie ließ mich jedoch nicht in Ruhe, strich weiter um meine Beine.
Meine Unterhaltungen mit Boris – und vorher auch mit Richie der Töle – entsprachen wahrscheinlich nicht dem Muster, den eine geistig völlig gesunde Person gezeigt hätte. Mir ist sehr wohl bewusst, wie naiv und dumm es ist, in jeder Person und jedem Tier ein menschliches Wesen zu sehen, aber ich konnte nun einmal nicht anders.
Ich öffnete den Küchenschrank. Das Regal, auf dem ich das Katzenfutter aufbewahrte, war leer. Ich hatte wieder einmal vergessen, neues zu kaufen. Es drängte mich, sofort loszustürzen, doch ich zögerte; ich wollte nicht schon wieder nass werden.
„Trink einfach Milch“, wies ich die Katze an.
Entgegen der üblichen Auffassung war Boris auf Milch überhaupt nicht scharf. Ich habe keine Ahnung, warum sie gewerblich hergestelltes Katzenfutter und Fleisch vorzog. Vielleicht versetzten die Firmen das Katzenfutter mit irgendetwas, um die Tiere süchtig danach zu machen. Heute allerdings war sie so hungrig, dass sie sich sogar über die Milch hermachte.
Ich wollte sie jedoch nicht weiter enttäuschen und rief daher Vicky an.
„Ich bin bald bei dir“, erklärte sie.
„Klasse – ich freue mich schon. Kannst du mir einen Gefallen tun und mir etwas mitbringen?“
„Klar. Was brauchst du?“
„Kaffee und Katzenfutter.“
„Kein Problem. Küsschen! Wir sehen uns gleich!“
Für ein wenig Unterhaltung im Hintergrund stellte ich den Fernseher an. Dann schälte ich mich aus meinen nassen Klamotten und warf sie in die Waschmaschine. Plötzlich hörte ich eine sehr dringende und ängstliche Stimme aus dem Gerät kommen.
„Fahndungsaufruf! Gesucht wird Joseph Kogan, ein sechsjähriger Junge. Er wurde zuletzt gesehen im örtlichen Einkaufszentrum in … An Kleidung trägt er … Bitte melden Sie sich beim Such- und Rettungsteam …“
Das war genau das Einkaufszentrum, das ich häufig nutzte! Rasch ging ich zurück ins Wohnzimmer, um ja keine wertvollen weiteren Informationen zu versäumen: das Bild des Jungen, sein Geburtsdatum … Beschreibung und Größe. Jetzt verfügte ich über ausreichend HIDD-Punkte.
Ich öffnete die Systemlandkarte. Er war am Leben, hielt sich jedoch außerhalb der Stadt auf, irgendwo im Nordosten.
Ich zoomte hinein, um mir das Haus näher zu betrachten. Es sah nicht gerade wie eine vornehme Villa aus. Ich erblickte Außengebäude und einen eingezäunten Hof. Neben dem Haus parkte ein weißer Geländewagen. Bewegung konnte ich keine erkennen; doch der Marker des Jungen zitterte auf der Karte, was bedeutete, er bewegte sich langsam im Haus herum.
Ich holte ein Lexikon aus dem Regal und griff mir ein robustes uraltes Nokia-Handy, das ich dahinter versteckt hatte. In einem etwas dubiosen Shop nahe einer Unterführung, der Handys reparierte, hatte ich für genau diese Zwecke gleich mehrere dieser antiken Stücke erworben.
Ich zog mich an, steckte Mobiltelefon, Akku und eine SIM-Karte in die Tasche und ging nach draußen, nachdem ich ein Uber-Taxi bestellt hatte.
Um nicht gleich wieder nass zu werden, wartete ich im Eingang. Nach etwa fünf Minuten fuhr ein ziemlich mitgenommener alter Lada vor. Der Fahrer hatte recht schlechte Bewertungen auf Uber, und kaum waren wir losgefahren, wurde mir auch sofort klar warum. Er legte umgehend mit einem wahren Redestrom los und beschwerte sich über alles und jeden.
„Himmel, ich habe das Auto gerade erst gewaschen, und jetzt regnet es in Strömen! Ich werde ewig brauchen, um diese ganzen schmutzigen Fußabdrücke wieder aus den Teppichen zu entfernen!“
Ich lachte mitfühlend – was er jedoch als Angriff gewertet haben musste.
„Passt Ihnen irgendwas nicht?“, blaffte er. „Ich sitze in meinem eigenen Wagen und kann tun und lassen, was ich will! Wohin soll’s gehen?“
„Ich habe das Ziel beim Buchen angegeben“, erwiderte ich leicht verärgert. Ich war gerade dabei, eine Suchanfrage zu formulieren, und er lenkte mich ab.
„Ist es so schwer, mir die Frage zu beantworten?“
„Nein, natürlich nicht. Vernadsky-Straße 306.“
„Welcher Vernadsky ist das denn – der Geowissenschaftler?“, prahlte er mit seinen Kenntnissen.
„Keine Ahnung. Vielleicht.“
„Diese jungen Leute heutzutage! Keiner kennt mehr die Geschichte seines Heimatlandes! Als ich noch jung war …“
In meiner Tasche vibrierte mein normales Handy. Es war Vicky.
„Wohin bist du denn verschwunden?“, lachte sie. „Hast du dich entschlossen, das Katzenfutter doch selbst zu kaufen? War Boris zu ungeduldig, auf mich zu warten?“
„Nein, ich schaue mir nur ein Büro an“, improvisierte ich. „Es ist ein gutes Angebot, das will ich mir nicht entgehen lassen.“
„Nein – wirklich? Toll! Okay, ich warte auf dich, du kannst mir später alles erzählen. Ich werde uns etwas zum Abendessen kochen. Ich liebe dich!“
„Ich dich auch.“ Ich steckte das Handy wieder ein.
„Ein Büro will er sich anschauen!“, murmelte der Fahrer halblaut. „Heutzutage ist doch jeder ein Geschäftsmann. All diese iPhones, Büros, Unternehmen … Wohin man auch blickt – nichts als Kommerz!“
Ich versuchte, seine Beschwerden auszublenden. Inzwischen war ich weit genug gekommen, um das zu tun, was ich vorgehabt hatte, als ich die Wohnung verließ und mich wieder in den Regen hinausbegab.
Ich steckte Akku und SIM-Karte ins Nokia und schaltete es ein. Dann tippte ich eine SMS-Nachricht ein:

Sie können den vermissten Jungen Joseph Kogan in einem Haus neben der nordöstlichen Schnellstraße finden, 30 Kilometer außerhalb der Stadt. Die exakten Koordinaten sind

Die SMS schickte ich an die beiden Nummern des Such- und Rettungsteams. Anschließend nahm ich die SIM-Karte wieder heraus, zerbrach sie, entfernte den Akku, öffnete das Fenster einen Spalt und warf alles hinaus auf die Straße.
„Ist Ihnen zu warm?“, fragte der Fahrer und warf einen missbilligenden Blick auf das offene Fenster.
„Mir? Ja, es ist ein wenig stickig hier drin. Ach, und ich habe meine Meinung geändert, ich werde nicht mehr in die Vernadsky-Straße fahren. Können Sie mich zu einer anderen Adresse bringen?“
Nach meiner Lüge Vicky gegenüber musste ich nun das Fundament für meinen späteren Bericht legen. Also suchte ich hastig auf der Landkarte nach angebotenen Geschäftsräumen. Ich verfeinerte die Suche: weniger als fünfzig Quadratmeter, Sicherheitsdienst und Reinigungskräfte in der Miete mit inbegriffen, in unmittelbarer Nähe meiner Wohnung, Miete zwischen …
Ich fand eine geeignete Gewerbeimmobilie nur sechs Häuserblocks von meiner Wohnung entfernt. Ich googelte die Adresse und rief die Nummer an, die auf der Website angegeben wurde, doch niemand nahm ab.
Ach, egal. Selbst wenn in der Verwaltung um diese späte Stunde niemand mehr war, konnte ich mir das Gebäude doch wenigstens anschauen. Dann hatte ich Vicky auch etwas zu berichten.
Also, auf zum neuen Ziel!
Der Fahrer meckerte vor sich hin. Ich schaute hoch.
„Hallo?“, schnauzte er ungehalten. „Also wohin jetzt?“
„Chekhov-Straße 72, bitte.“
Kaum hatte ich mich zurückgelehnt, in dem Versuch, mich zu entspannen, klingelte mein Handy erneut.
Die Nummer wurde nicht angezeigt. Eine Weile lang schaute ich auf das Display und überlegte, ob ich den Anruf annehmen sollte oder nicht. Ich hatte keine Angst vor Fremden; das war es nicht. Aber im Augenblick hatte ich keine Lust, mich mit dem Polizeiermittler Igorevsky zu unterhalten, der möglicherweise der Anrufer war.
Am Ende wurde mir jedoch klar, nicht zu wissen, wer mich da anrief, das war schlimmer als eine mögliche Unterhaltung mit einem Polizeibeamten.
Auch dem Fahrer gefiel mein Zögern überhaupt nicht. „Gehen Sie nun endlich dran, oder was?“
Ich meldete mich.
„Hallo – Sie haben gerade diese Nummer angerufen“, erklärte eine männliche Stimme.
„Das stimmt. Spreche ich mit jemandem vom Chekhov-Gewerbezentrum?“
„Ja – worum geht es?“, war die Antwort, sehr ungeduldig vorgebracht. „Was wollten Sie?“
„Ich habe Sie wegen eines Büros angerufen, das Sie zu vermieten haben. Kann ich mir die Räume jetzt gleich einmal anschauen?“
„Was hatten Sie sich denn vorgestellt?“, fragte er, sofort ganz geschäftsmäßig. „Wie groß?“
„Um die fünfzig Quadratmeter.“
„Ja, wir haben da etwas, das ich Ihnen anbieten kann. Aber ich werde das Büro in einer halben Stunde verlassen. Glauben Sie, Sie schaffen es bis dahin?“
„Ich werde in etwa zehn Minuten da sein.“
„Gut. Ich treffe Sie beim Eingang.“
Vorgestellt hatte er sich mir zwar nicht, er schien jedoch glücklich über einen potenziellen neuen Mieter zu sein. Auch meine Laune war gestiegen. Der ursprüngliche Grund für meinen Anruf bei ihm – mein Wunsch, Vicky mein plötzliches Verschwinden plausibel zu machen – war bereits in den Hintergrund getreten. Jetzt wollte ich unbedingt das Büro sehen, in dem ich möglicherweise meine Firma auf die Beine stellen würde. Was, wenn es mir tatsächlich gefiel?
Der Fahrer fuhr vor dem Gewerbezentrum vor. Er hielt direkt am Bordstein, statt auf den Parkplatz zu fahren.
„Ich wünsche Ihnen einen schönen Abend“, erklärte ich, ganz aufrichtig. Er konnte etwas Positives wirklich gut gebrauchen.
Ohne sich die Mühe einer Erwiderung zu machen, fuhr er mit quietschenden Reifen davon, kaum dass ich die Tür geschlossen hatte.
Ich schaute mich gründlich um. Der Parkplatz war nahezu leer; von zwei schäbigen Autos einmal abgesehen, die auf den für die Verwaltung bestimmten Plätzen standen.
Das fünfstöckige Verwaltungsgebäude aus den Zeiten der Sowjetunion war ebenso viereckig wie hässlich. Eine riesige Treppe mit sich lösenden Fliesen führte zu den Eingangstüren. Zwei Blumenbeete flankierten den Eingang, und entlang eines Zaunes verlief eine ungepflegte Hecke. Eine massige Markise aus Beton ragte aus der Fassade hervor. Darauf verkündeten unaufdringliche Buchstaben aus Vinyl, dass man es hier mit dem Chekhov-Gewerbezentrum zu tun hatte.
Ich stieg die Stufen hinauf und lehnte mich gegen die schwere Holztür.
Im Gebäude begrüßte mich der typische Bürogeruch. Die Eingangshalle hatte die Aura der Regierungsgebäude aus der Sowjetzeit bewahrt, komplett mit der lokalen Version des Maxwellschen Dämonen: Eine alte Dame am Empfang, die hinter einem schwächlichen Schreibtisch saß, auf dem ein uraltes Telefon mit Wählscheibe stand. Ihresgleichen entschied normalerweise darüber, wer berechtigt war, das Allerheiligste zu betreten. Obwohl sie offensichtlich gerade dabei gewesen war einzudösen, war sie doch sofort ganz Aufmerksamkeit. Meine Ankunft schien einen Reflex in ihr ausgelöst zu haben.
„Was glauben Sie wohl, wohin Sie gehen?“, fragte sie voller Kampfeslust, die mein Überschreiten einer unsichtbaren Schwelle ausgelöst haben musste.
„Guten Abend! Tut mir leid, ich kenne Ihren Namen nicht.“ Meine Empathiefertigkeit gab mir den richtigen Ansatz ein. Solange ich Respekt für ihr Alter zeigte, war alles in Ordnung.
„Ich bin Tante Ira.“
„Entschuldigen Sie bitte, Tante Ira, ich bin hier wegen eines Büros, das ich vielleicht anmieten möchte. Als ich vorhin angerufen habe, hat man mir gesagt, ich könnte gleich vorbeikommen, um mir die Räume anzuschauen.“
„Und wer hat Ihnen das gesagt? Wissen Sie, wie spät es ist? Es ist niemand mehr hier!“
„Es war ein Mann, aber er hat seinen Namen nicht genannt.“
„Kommen Sie morgen wieder vorbei“, erklärte sie ungnädig und fügte leise hinzu: „Ich bin doch eine faule Ziege – ich hätte die Türen verschließen sollen.“
Sie grummelte weiter vor sich hin und beschwerte sich über alle möglichen Sorten von Leuten, die hier „zu jeder Tages- und Nachtzeit aufkreuzten“. Ich wählte erneut die Nummer. Noch bevor es klingelte, hob sie plötzlich die Hand und rief aus:
„Herr Gorelik! Sie sind noch hier?“
„Das bin ich“, erwiderte ein Mann, der in Begleitung einer Frau die Treppe herunterkam. „Tu mir einen Gefallen, Tanta Ira, und gib wenigstens vor, nicht zu schlafen.“
„Gott bewahre!“, verkündete die alte Dame mit einer weiteren Handbewegung.
Der Mann ließ seine Begleiterin stehen und kam zu mir, mit energiegeladenen Schritten. „Hatten Sie mich wegen des Büros angerufen?“
„Ja, wir haben gerade miteinander telefoniert. Mein Name ist Phil Panfilov.“
„Stephan Gorelik. Ich bin der Manager.“
Seine Begleiterin – eine füllige falsche Blondine, deren Haare sich zu festen Löckchen dauerwellten – gesellte sich zu uns. „Sind wir fertig, Steve? Ich muss los. Mein Mann hat schon mehrfach angerufen.“
„Ja, vielen Dank, Frau Frolova“, erwiderte Gorelik mit einem leichten Lächeln. „Ich weiß Ihre Hilfe mit dem Papierkram wirklich zu schätzen.“
„Keine Ursache“, sagte sie errötend und verschwand.
Gorelik schaute ihr nach. Ich studierte währenddessen sein Profil:

Stephan Gorelik
Alter: 46
Derzeitiger Status: Manager
Level des sozialen Status: 6
Klasse: Angler. Level: 5
Verheiratet
Ehefrau: Maria Gorelik
Kinder: Vasily, Sohn. Alter: 25
Vorstrafen: ja
Ansehen: Gleichgültigkeit 0/30
Interesse: 58 %
Angst: 14 %
Laune: 49 %

Dass sein Interesse an mir recht hoch war, verstand sich von selbst. Wenn man Gebäude mit leeren Räumen verwaltete, die sich nicht von selbst unterhielten, war jeder neue Mieter ein Triumph. Seine eher durchschnittliche Laune konnte durch den langen Arbeitstag erklärt werden, und vielleicht hatte er auch keine Mittagspause gehabt. Aber wieso hatte er Angst? Wovor? War es vielleicht die Furcht der Aufdeckung seines Seitensprungs? Möglich war das.
Ich wollte seinen Angstlevel nicht dadurch erhöhen, dass ich auf seinen geöffneten Hosenstall starrte, also sagte ich nichts.
„Kommen Sie, schauen wir uns die Räume an“, erklärte er.
Wir stiegen die Stufen hinauf. „Was für eine Art Unternehmen haben Sie denn?“
„Eine Personalvermittlungsagentur.“
„Wie viele Mitarbeiter?“ Er keuchte vor Anstrengung.
„Momentan nur ich selbst“, entgegnete ich und ergänzte dann, nachdem ich sein Erstaunen bemerkte: „Der offizielle Start steht erst noch bevor.“
Es ging in den dritten Stock. Mein Auge fiel auf die allgegenwärtigen Hinweise auf die Brandvorschriften an der Wand neben einem Feuerlöscher. Zu beiden Seiten der Treppe erstreckte sich ein langer Gang.
„Nach rechts“, ächzte Gorelik.
Er hielt vor einer Metalltür an, die in einem fröhlichen Hellblau gestrichen war. Was zugegeben nicht sehr professionell wirkte.
„In dem Büro haben bisher ein paar Typen gesessen, die Multi-Level-Marketing betrieben haben“, erklärte er. „Sie haben Make-up, Parfum und so etwas verkauft. Sie hatten großen Erfolg, deshalb sind sie ins Stadtzentrum umgezogen.“
Er wühlte sich durch die Schlüssel an einem großen Bund, fand den richtigen, schloss auf und bat mich hinein. „Kommen Sie.“
Eine schwache Welle der Aufregung erfasste mich, als ich den Raum betrat. Hinter mir schaltete der Manager die Beleuchtung ein. Kaltes Neonlicht breitete sich aus.
„Es wurde gerade ein neuer Teppichboden verlegt“, erklärte er. „Die Jalousien sind ebenfalls neu. Die bisherigen Mieter haben sogar ein paar Schreibtische und Stühle hiergelassen, als Mietzahlung. Wenn Sie eine Festnetzleitung brauchen, müssen Sie die neu anschließen lassen.“
„Und Internet?“
„Das wird gleichzeitig mit der Festnetzleitung angeschlossen. Wir haben einen Dauervertrag mit den Anbietern, das geht alles innerhalb von vierundzwanzig Stunden über die Bühne. Insgesamt sind das etwas unter fünfzig Quadratmeter. Der Preis ist vierhundertsechzig Rubel[5] pro Quadratmeter.” Er zog ein Handy hervor und rechnete schnell etwas aus. Insgesamt sind das dreiundzwanzigtausend Rubel[6] im Monat. Wenn Sie für einen längeren Zeitraum im Voraus bezahlen, kann ich Ihnen einen Rabatt einräumen.“
„Über welchen Zeitraum sprechen wir? Und wie hoch ist der Rabatt?“
„Wenn Sie für das erste Vierteljahr gleich bezahlen, kann ich auf zwanzigtausend pro Monat heruntergehen.“
„Nun, ich muss darüber erst noch nachdenken.“
„Tun Sie das – aber lassen Sie sich nicht zu lange Zeit. Es gibt viele, die nach verfügbaren Räumen fragen, und dieses Büro ist das beste, das wir haben. Sollen wir uns vielleicht noch andere Büros anschauen? Etwas günstigere vielleicht?“
Ich wanderte im Raum umher und hatte dabei ein Auge auf all die Kleinigkeiten, die repariert oder erneuert werden mussten. Die Wände waren stellenweise ein wenig schäbig, ein paar der Fußbodenleisten hatten sich gelöst, auf dem Boden befand sich ein großer Ölfleck, und ein Fenster ließ sich nicht öffnen.
„Eine gründliche Reinigung kostet sie zweitausend Rubel“, bemerkte der Manager. „Und für einen neuen Anstrich müssen Sie noch einmal mit demselben Betrag rechnen.“
Ich bedankte mich für den Tipp und meinte das aufrichtig. Angesichts meines Lebensstils während der letzten Jahre war ich, was Putzen, Anstreichen und Dekorieren betraf, ein blutiger Anfänger. Sobald ich mich entschlossen hatte, würde ich allerdings erst einmal mit Alik reden. Vielleicht kannte er jemanden, der das alles übernehmen konnte.
„Möchten Sie sich jetzt noch ein anderes Büro anschauen?“ Der Manager hatte es auf einmal eilig. „Ich muss wirklich gehen.“
„Ja, bitte – nur zum Vergleich.“
Zehn Minuten später waren wir wieder auf dem Weg nach unten. Die anderen Räume hatten mich überhaupt nicht beeindruckt. Um ehrlich zu sein, hatten sie mich sogar geradezu schockiert.
Eines der Büros war seit den Zeiten der Sowjetunion nicht renoviert worden. Der Parkettfußboden war eingesunken, die Wände waren bis in Schulterhöhe in einem schrecklichen Dunkelblau gestrichen, die Fensterrahmen waren lose und bröckelten. Ein anderes Büro war zu groß und ein drittes zu klein. Letzteres erinnerte mehr an eine Besenkammer. Nachdem ich das gesehen hatte, beschloss ich, wegen des ersten Büros noch ein wenig zu feilschen.
„Also, das ist alles, was Sie mir anbieten können?“, fasste ich zusammen.
„Nein, es gibt da noch ein Büro hier im dritten Stock und vier weitere im vierten.“
„Lassen Sie mich raten – die befinden sich in einem noch schlechteren Zustand als die Räume, die ich bereits gesehen habe? Das gesamte Gebäude ist wirklich nicht sehr gut in Schuss.“
„Nun, sehen Sie, der Eigentümer ist nicht bereit, etwas in eine Renovierung zu investieren“, klagte er. „Er besteht darauf, dass die Mieter das selbst übernehmen. Und Sie wissen ja, wie die Mieter heutzutage sind – die meisten können kaum das Geld für die Miete zusammenkratzen und zahlen oft genug auch noch zu spät.“
„Nachdem Sie also so viele leere Räume haben, die Ihnen gar nichts einbringen, wie wäre es, wenn Sie mit dem Preis für das erste Büro noch ein wenig heruntergehen? Sie wissen, welchen Raum ich meine?“
„Wie soll ich denn noch weniger Miete verlangen? Das ist doch schon weit unter Marktpreis! Zwanzigtausend für ein so schönes Büro! Und alles ist inklusive – Strom, Heizung, Reinigung, und sogar der Sicherheitsdienst!“
Ich lachte. „Meinen Sie mit Sicherheitsdienst etwa die alte Dame am Empfang?“
Er grinste bitter. „Es liegt ganz bei Ihnen. Mehr kann ich Ihnen nicht entgegenkommen.“
„Also ich würde sagen, das Büro ist nicht mehr als dreihundert Rubel pro Quadratmeter wert. Wenn ich einmal die kürzliche Renovierung, den Reinigungsdienst und den Sicherheitsdienst in Form der alten Dame berücksichtige, halte ich fünfzehntausend Rubel pro Monat für angemessen.“
„Wie bitte – fünfzehntausend?“ Er war sichtlich verärgert. „Ein so großartiges Büro mit Nebenkosten, Reinigung und Sicherheitsdienst kann einfach nicht weniger als neunzehntausend Rubel im Monat kosten! Und zwar bei vierteljährlicher Zahlung, drei Monate im Voraus!“
Am Ende einigten wir uns auf siebzehntausendfünfhundert. Gorelik räumte mir eine Frist von einer Woche ein, um mir die Sache zu überlegen, und versprach, das Büro gegen Hinterlegung einer symbolischen Anzahlung für mich zu reservieren.
Eigentlich war ich längst entschlossen. Überlegen musste ich mir nur, wie ich die etwa siebenhundertfünfzig Dollar für das erste Vierteljahr beschaffen konnte.
In meinem ursprünglichen Plan hatte ich eine solche Vorauszahlung nicht vorgesehen. Außerdem war ich naiverweise davon ausgegangen, ihn überreden zu können, die erste Miete erst zum Monatsende zahlen zu müssen. Bis dahin hatte ich gehofft, die ersten Kunden bereits gefunden und ein wenig Geld verdient zu haben. Je intensiver ich mir jedoch die feineren Details meiner Idee betrachtete, umso mehr wurde mir klar: Wenn ich Glück hatte, kam ich in den ersten Monaten wahrscheinlich null auf null heraus, und zwar mit und ohne den Vorteil, den meine Systemoberfläche mir verschaffte.
Das war der Grund, aus dem ich den Startschuss meiner Firma noch immer hinauszögerte. Ich redete mir ein, ich müsste einfach noch ein wenig in den Leveln aufsteigen.
Das System registrierte selbstverständlich die neue Aufgabe und trug sie gleich in meine Liste ein:

Das Geld für die Miete finden, den Mietvertrag unterschreiben und dem Chekhov-Gewerbezentrum die ersten drei Monatsmieten zahlen. Frist: 1. Juli.

Ich gab Gorelik die zweitausend Rubel, auf die wir uns als Vorschuss für die Reservierung des Raums geeinigt hatten. Das Geld verschwand sofort in seiner Tasche, was seine Laune beträchtlich verbesserte.
Zurück im Erdgeschoss, schrieb ich mir seine Handynummer auf und verabschiedete mich von ihm. Auf dem Weg zur Tür konnte ich noch hören, wie er die Sicherheitsoma dafür gewaltig herunterputzte, eine gewisse Veronica ins Gebäude gelassen zu haben, die anscheinend eine hartnäckige Nichtzahlerin war.
„Aber das war ich doch gar nicht!“, widersprach die alte Dame erbost. „Das war während der Schicht der alten Tamara!“
Auf dem Heimweg fiel mir der vermisste Junge wieder ein. Ich schaute auf die Karte. Er war, in einem Krankenwagen, auf dem Weg zurück in die Stadt. Hervorragend! Ich hoffte, er hatte alles relativ unbeschadet überstanden.
Allerdings wurde ich das bohrende Gefühl nicht los, dass mit ihm nicht alles in Ordnung war.




Wer das Glück hat, einen frommen und weisen Tochtermann oder Schwiegersohn zu bekommen, der hat einen Sohn gefunden. Wer aber nicht, der hat auch die Tochter verloren.

Democritus


NACH DER ANKUNFT in Vickys Heimatstadt spazierten wir zuerst in dem Hof herum, in dem sie ihre Kindheit verbracht hatte. Alles daran war niederdrückend; selbst mein alter Hinterhof mit Yagoza und seinen Saufkumpanen wirkte im Vergleich zu dem mit Müll vollgestopften Hof dieses alten Hauses geradezu lebhaft und farbenfroh.
Nicht einmal Bäume wuchsen hier. In den Zweigen eines kränklich wirkenden Strauchs hatte sich eine Plastiktüte gefangen, die im Wind raschelte.
Die gesamte Stadt mit ihrer Bevölkerung von weniger als zwanzigtausend strahlte graue Depression aus. Während der wenigen Stunden, die wir hier verbrachten, berichtete mir Vicky, dass die jungen Leute jede Gelegenheit nutzten, um den Ort zu verlassen, sobald sie die Schule beendet hatten. Sie ließen sich in den großen Städten nieder und holten ihre Eltern zu sich. Deshalb sank die Bevölkerungszahl der Stadt ständig. Neu hinzu zogen vorwiegend Leute aus den ehemaligen sowjetisch-asiatischen Republiken.
Niemand kam heraus, um uns zu begrüßen. Wir stiegen die Treppe zum fünften Stock des heruntergekommenen Fertighauses hinauf, das aus den Zeiten Kruschevs zurückgeblieben war. Mit jedem Schritt wurde Vicky verzagter. Es war offensichtlich, die Beziehung zu ihren Eltern war nicht gerade die warmherzigste. Allerdings beteten sie ihre Enkelin Xena an; inzwischen die einzige Verbindung zwischen Eltern und Tochter.
Vickys Niedergeschlagenheit erwies sich als ansteckend. Ich machte mir mehr und mehr Sorgen um den Ausgang dieser Begegnung. In Gedanken zählte ich bereits all die Gründe auf, aus denen ich ihnen nicht gefallen konnte. Ich hatte weder einen Job noch ein eigenes Haus, ich besaß kein Auto, und um dem allen die Krone aufzusetzen, war ich auch noch geschieden. Die Liste setzte sich fort – aber ich beschloss, alles bis zum Ende durchzustehen und mich von meiner besten Seite zu zeigen.
Kaum hatten wir die Wohnung betreten, wurde es auch schon schmerzhaft offensichtlich: Niemand hier freute sich, mich zu sehen. Alles deutete darauf hin – die Kurzangebundenheit der Begrüßung durch die Eltern, das unfreundlich gemurmelte „Hi“ von ihrem Bruder Victor, und nicht zu vergessen, meine Oberfläche, die mir für mein Ansehen von allen dreien Abneigung meldete.
Ich wurde zum „Warten“ in das Zimmer des Bruders geschickt, während sich Vicky in der Küche mit ihrer Tochter und ihren Eltern unterhielt. Victor versteckte sich, ganz zuvorkommender Gastgeber, sofort hinter seinem Computer und spielte weiter Counter Strike. Im Laufe der nächsten Stunde tauschten wir ein paar belanglose Phrasen aus. Dann rief man uns zum Mittagessen.
Wir saßen alle dichtgedrängt um einen Tisch herum und warteten darauf, dass „Tante“ Toma die Pelmeni[7] servierte.
„Du arbeitest also nicht, richtig?“, stellte „Onkel“ Alexey grimmig fest und stach mit der Gabel in eine der Pelmeni.
„Papa, habe ich dir nicht erzählt, dass Phil seine eigene Firma aufzieht?“, mischte sich Vicky ein.
„Du solltest den Mund halten, wenn die Männer reden!“, wies Tante Toma ihre Tochter zurecht.
„Am besten gehst du mit Xena spazieren“, schlug Onkel Alexey vor. „Wir machen in der Zeit ohne dich weiter.“
Vicky und ich hatten eine ganze Weile mit der Diskussion verbracht, wie ich ihre Eltern ansprechen sollte. Am Ende hatten wir uns auf Tante Toma und Onkel Alexey geeinigt. Formell als Herr und Frau Koval wollte ich sie nicht anreden. Sie Mama und Papa zu nennen, wäre aber ja nun zugegeben ein wenig zu früh gekommen. Mit Onkel und Tante blieb alles nett und neutral.
Ohne ein Wort zu sagen, erhob sich Vicky vom Tisch und ging, Xena die Jacke anzuziehen. Xena war übrigens die einzige, die mich freundlich empfangen hatte. Wir hatten sofort eine gemeinsame Basis gefunden und uns über ihre Lieblings-Zeichentrickfilme unterhalten, noch bevor ich allen vorgestellt worden war und mich zurechtfinden konnte.
Mit Vickys Eltern und ihrem Bruder war die Sache ganz anders verlaufen. Ihr Vater war ein Mann aus der Arbeiterschicht, der sein ganzes Leben damit verbracht hatte, sich den Arsch für ein Bauunternehmen aufzureißen. Stabilität und Zuverlässigkeit waren für ihn die entscheidenden Tugenden. Ihre Mutter arbeitete als Buchhalterin in derselben Firma und stand vollständig hinter den Ansichten ihres Mannes. Die beiden hatten nie aufgehört, Vicky das Scheitern ihrer ersten, erfolglosen Ehe vorzuwerfen. Sie hatte praktisch den ersten Mann geheiratet, der um ihre Hand angehalten hatte. Nach Meinung der Eltern hatte sie eine völlig unvernünftige und falsche Wahl getroffen. Vickys derzeitiger Status als geschiedene alleinerziehende Mutter schien ihnen eine besondere Freude zu bereiten – getreu dem Spruch: „Ich habe es dir doch gesagt!“
„Iss!“, verlangte Onkel Alexey. „Das sind echte Pelmeni. Toma hat den gesamten Morgen damit verbracht, sie zu kochen. Die Füllung haben wir gestern Abend vorbereitet. Frischere Pelmeni kannst du nirgendwo finden. Los, gieß ein wenig saure Sahne darüber! Das ist echte Sahne – nicht das dünne Zeug, das sie euch in der Stadt verkaufen. Iss!“
„Ich esse ja, danke. Die Pelmeni schmecken wirklich hervorragend!“
„Bediene dich!“ Unvermittelt kam er zu seinem anfänglichen Thema zurück. „Also, wie war das mit dem Job? Nach dem, was Vicky uns erzählt hat, hast du in der Firma nicht einmal einen Monat durchgehalten.“
„Und warum hast du dich von deiner Ex-Frau getrennt?“, erkundigte sich Tante Toma, die gerade weitere Salate und Vorspeisen auf den Tisch stellte.
Ich wendete meine Aufmerksamkeit ihr zu, blickte dann wieder zu ihrem Mann und überlegte, welche Frage ich wohl als erste beantworten sollte. Der Vater entschied für mich.
„Nun lass ihn mal in Ruhe, Toma! Setz dich und hör auf, eine solche Hektik zu verbreiten!“
Sie ließ sich auf der Kante eines Stuhls nieder. Beide schauten mich nun an und warteten auf eine Antwort.
„Momentan habe ich keinen Job. Ich habe in Vickys Firma gekündigt, weil ich meine eigene Firma gründen möchte. Ich habe vor …“ Ich füllte meinen Mund mit Pelmeni, um Zeit zu gewinnen, als mir plötzlich einfiel, dass Vickys Vater für meine Idee einer Personalvermittlungsagentur bestimmt nichts übrighatte.
„Und was genau hast du vor?“
„Nun, Geschäfte eben.“
„Ja, krumme Geschäfte“, kicherte der junge Victor, während er sich weiter den Mund vollstopfte. Er schien der Einzige zu sein, dem die bedrückende Atmosphäre nichts ausmachte.
Vickys Vater verpasste ihm einen hörbaren Schlag gegen den Hinterkopf. „Halt die Klappe und hör zu, wenn die Erwachsenen sich unterhalten!“
Victor senkte den Kopf über den Teller. Seine Ohren hatten sich rot gefärbt, und seine Laune war dank der Demütigung durch seinen Vater in der Anwesenheit von Fremden mächtig gesunken.
„Also, um was für eine Art von Geschäften wird es sich handeln?“
„Geschäfte im Dienstleistungssektor“, antwortete ich ausweichend.
„Und was ist das? Willst du Erdnüsse im Kino verkaufen?“ Onkel Alexey gab nicht nach. „Oder anderen Leuten den Arsch abwischen?“
„Nein, es geht mehr um Angebot und Nachfrage.“
Er wischte seine Unzufriedenheit mit dieser Antwort mit einem Lachen beiseite und arbeitete sich weiter durch seine Pelmeni. Mein Ansehen bei ihm war zum geringstmöglichen Wert an Abneigung gesunken. Ein weiterer Schnitzer meinerseits, und ich hatte es mit unverdünnter Feindseligkeit zu tun.
Ich spürte genau, mir stand mit Vickys Eltern keine leichte Aufgabe bevor. Der fünfzigjährige Alexey durchbohrte mich mit seinen Blicken und zog die buschigen Augenbrauen in die Höhe. Er wirkte wahrhaft beeindruckend. Inzwischen wusste ich auch, von wem Vicky ihren wohlgeformten Körper geerbt hatte. Er war ein hochgewachsener Mann, knapp zwei Meter groß, mit Armen, die ersichtlich an harte Arbeit gewöhnt waren. Mein möglicher zukünftiger Schwiegervater saß kerzengerade da, als hätte er einen Stock verschluckt, und überragte alle anderen am Tisch wie ein Riese aus einem Märchen. In seiner schwieligen Pranke wirkte die Gabel wie ein Spielzeug. Es kostete mich alle Selbstbeherrschung, die ich aufbringen konnte, nicht zuerst beiseite zu schauen.
„Nun gut“, brummte er. „Du hast dich sehr klar ausgedrückt. Soll heißen, überhaupt nichts ist klar. Ich bin mir nicht einmal sicher, ob du überhaupt selbst weißt, was du willst. Du willst Vicky nur aufs Glatteis führen.“
„So etwas solltest du wirklich nicht sagen, Onkel Alexey“, verteidigte ich mich. „Ich habe schon alles genau geplant. Vicky wird es an nichts fehlen.  Ich rede nur nicht gerne über unerledigte Dinge. Sobald ich alles auf die Beine gestellt habe, spreche ich darüber und erzähle dir gern alles – aber nicht vorher. Momentan wäre das noch ziemlich sinnlos.“
Er lachte. „Aber klar doch … Das kannst du deiner Großmutter erzählen! Na, meinetwegen – belassen wir es einstweilen dabei. Aber was für eine Art Mensch bist du? Erzähl uns ein bisschen über dich selbst. Was für eine Ausbildung hast du? Wer sind deine Eltern? Und Vicky hat berichtet, du warst schon einmal verheiratet?“
„Ja. Ich habe meine erste Frau online getroffen. Sie war damals noch auf dem College.“
Victor spitzte die Ohren, offensichtlich interessiert. Tante Toma verdrehte den Hals, damit ihr ja kein Wort entgehen konnte. Plötzlich sprang sie auf.
„Warte eine Sekunde, Phil! Ich schenke uns erst den Tee ein, dann kannst du weiterreden.“
Sie war eine zerbrechliche, zierliche Frau, zwei Jahre jünger als ihr Mann, vor dem sie sichtlich Angst hatte, den sie jedoch auch grenzenlos respektierte. Sein Wort war ihr Befehl. Was sie allerdings nicht davon abhielt, sich in unsere Unterhaltung einzumischen.
Sie machte einen ziemlichen Wirbel mit Wasserkessel und Teekanne, goss kochendes Wasser über die Teeblätter und schnitt die Torte auf, die wir mitgebracht hatten. Ich hatte meinen Teller geleert und dankte ihr für das leckere Essen. Ihre Pelmeni waren wirklich ein Gedicht. Dabei spürte ich durchgehend den abschätzenden Blick meines potenziellen Schwiegervaters auf mir.
Deshalb konnte ich die Meldung über eine Quest zunächst nicht lesen, die plötzlich in meinem Blickfeld aufgetaucht war; er hätte mir bestimmt etwas angemerkt. Also minimierte ich das Fenster und verschob das auf später.
„Papa, schauen wir uns jetzt Fußball an?“, fragte Victor. „Kroatien spielt gegen Argentinien.“ Sein Blick wanderte zu mir. „Interessierst du dich für die Weltmeisterschaft?“
„Oh ja, das wäre toll.“
Er lächelte und nickte befriedigt.

Dein Ansehen bei Victor Koval hat sich verbessert!
Derzeitiges Ansehen: Gleichgültigkeit 5/30

„Über Fußball können wir später reden“, beschied ihn Onkel Alexey. „Komm schon, Mutter – setz dich. Berichte uns weiter über dich, Phil.“
„Meine Eltern sind gute Menschen“, erklärte ich. „Mein Vater ist Feuerwehrmann und meine Mutter Lehrerin.“

Dein Ansehen bei Herrn Alexey Koval hat sich verbessert!
Derzeitiges Ansehen: Abneigung 20/30

Dein Ansehen bei Victor Koval hat sich verbessert!
Derzeitiges Ansehen: Abneigung 5/30

Ich kämpfte gegen die Versuchung an, die Systemmitteilungen zu betrachten, die vor meinem mentalen Auge aufleuchteten. Es hätte mir gar nicht gefallen, wenn Vickys Eltern zu dem Schluss gekommen wären, ich würde schielen oder ihren Blicken ausweichen. Die Berufe meiner Eltern hatten jedenfalls in ihren Augen Bestand, also musste ich einfach auf dieselbe Weise weitermachen, ohne dabei zu lügen.
„Was unterrichtet deine Mutter denn?“, wollte Victor wissen.
„Russisch und Literatur. Inzwischen sind beide allerdings pensioniert.“
„Sie sind also Rentner“, schlussfolgerte Alexey weise.
„Und man muss sich doch nur mal die Renten anschauen, die heutzutage gezahlt werden!“, rief Tante Toma aus. „Geradezu lächerlich! Aber du hilfst ihnen ja sicherlich, nicht wahr?“
„Ja, ich versuche zu tun, was ich kann“, erwiderte ich und dachte dabei an meine Unterstützung im Sommerhaus. Ich hatte nicht direkt gelogen. Dennoch plagte mich ein schlechtes Gewissen, denn sie hatte natürlich auf finanzielle Hilfe angespielt. „Ich habe auch noch eine ältere Schwester. Sie arbeitet in einer Bank. Sie …“
„Ist sie verheiratet?“, unterbrach mich Tante Toma. „Deine Schwester, meine ich?“
„Sie ist geschieden und alleinerziehend“, berichtete ich willig in dem Versuch, ihre Neugier zufriedenzustellen. „Ihr Sohn ist etwas jünger als Xena.“
Trotz meiner Antwortbereitschaft gefielen die ganzen direkten Fragen mir überhaupt nicht. Ich hatte das Gefühl, im Rahmen meiner Bewerbung als zukünftiger Schwiegersohn einem knallharten Vorstellungsgespräch unterzogen zu werden.
„Nun los, erzähl weiter“, drängte Onkel Alexey. „Du bist ja nun kein junger Hüpfer mehr. Was hast du bisher mit deinem Leben angefangen?“
„Man muss sich ja nur mal unsere Vicky anschauen“, mischte Tante Toma sich erneut ein. „Wer hätte das gedacht, dass sie mal Karriere in der Stadt macht! Und jetzt ist sie sogar stellvertretender Direktor in einer Fabrik!“
„Stellvertretender Direktor?“, widerholte ich unwillkürlich.
„Natürlich! Das musst du doch wissen, wo ihr zusammengearbeitet habt!“ Sie schüttelt den Kopf voller Unglauben über meine Naivität.
„Jetzt gib ihm endlich die Chance, über sich selbst zu reden!“, schnauzte Vickys Vater sie an.
„Okay, ich sage kein Wort mehr.“ Sie machte eine Fingerbewegung über ihrem Mund, als würde sie einen Reißverschluss schließen.
Victor hatte sich die ganze Zeit mit Torte vollgestopft. Nachdem gerade keiner auf ihn achtete, hatte er ein Drittel des Kuchens bereits vertilgt. Zumindest im Essen war er rekordverdächtig schnell!
Was den „stellvertretenden Direktor“ betraf, so musste ich mich insofern unbedingt mit Vicky absprechen, damit ich nichts Falsches sagte und ihre Seifenblase zum Platzen brachte.
Ihre Eltern warteten noch immer auf meine Erwiderung. Ich nahm all meinen Mut zusammen und begann.
„Ich habe Wirtschaftswissenschaft studiert und den Abschluss gemacht. Allerdings habe ich nach einem Praktikum in diesem Sektor nicht mehr gearbeitet. Ich habe mich gewissermaßen treiben lassen. Sie kennen doch sicher den Spruch – Scheiße geht nicht unter, sie schwimmt immer obenauf?“
Ich erblickte den schwachen Hauch eines Lächelns, das um die Lippen des Mannes spielte. Er wusste ein wenig Selbstherabwürdigung offensichtlich zu schätzen.
Meine nächsten Worte wählte ich mit so großem Bedacht, als ob ich mich in einem Minenfeld bewegen würde. „Eine gewisse Zeit war ich im Verkauf tätig.“
Onkel Alexey verzog das Gesicht. „Als Verkäufer in einem Laden?“
„Nein, nicht direkt. Ich habe nicht hinter der Theke gestanden, sondern bin herumgereist und habe Waren und Dienstleistungen angeboten.“
Sarkastisch kniff er die Augen zusammen. „Waren und Dienstleistungen?“
„Ja – je nachdem, für welche Firma ich gerade gearbeitet habe, Onkel Alexey. Satellitenschüsseln sind Waren, und eine Werbeanzeige für solche Schüsseln in einer Zeitung aufgeben, das ist eine Dienstleistung. Ich war darin allerdings nicht sehr erfolgreich. Deshalb bin ich nach einer Weile zum Schreiben gewechselt.“
„Und was hast du geschrieben?“, fragte Vickys Mutter überrascht.
Ich verstand ihre Überraschung nur zu gut – schließlich hat man nicht alle Tage einen echten Schriftsteller am Tisch. „Keine Bücher, Tante Toma. Ich habe Artikel für verschiedene Websites und Unternehmen verfasst.“
Nachdem die beiden mich endlich nicht mehr unterbrachen, berichtete ich den Rest in einem Schwung, wobei ich allerdings meine Spielsucht unerwähnt ließ. „Damit habe ich ebenfalls nicht sehr viel verdient. Deshalb hat meine erste Frau Yanna mich am Ende verlassen, nachdem sie es vier Jahre lang durchgehalten hat, immer in der Hoffnung, ich würde mich endlich zusammenreißen und etwas Richtiges auf die Beine stellen. Allerdings, wie das Leben so spielt – das ist erst passiert, nachdem ich sie verloren hatte. An diesen Tag – es war im Mai – erinnere ich mich noch immer sehr gut. Ich fühlte mich, als ob ich gegen eine Wand gelaufen wäre. Also bin ich auf den Balkon marschiert und habe mir mein gesamtes bisheriges Leben gründlich durch den Kopf gehen lassen. Die Frage, was ich damit angefangen hatte, musste ich ehrlicherweise mit „Nichts!“ beantworten. Im letzten Winter bin ich zweiunddreißig geworden, und was hatte ich dafür vorzuzeigen? Ich hatte keinen Job, kein eigenes Haus, nicht einmal Kinder, und nun war auch noch meine Frau weggelaufen! Ihr könnt euch nicht vorstellen, wie miserabel ich mich gefühlt habe. Ich war am Boden zerstört.“
Tante Toma lehnte ihre Wange gegen die Hand und lauschte mir mit offenem Mund. Meine Geschichte nahm sie total gefangen. Noch immer rührte sie mit der anderen Hand den Zucker in ihrem Tee, der sich längst aufgelöst haben musste. Onkel Alexey knirschte stumm mit den Zähnen. Selbst Victor saß wie angewurzelt da, ein Stück Torte im Mund.
Jetzt kam es darauf an, meine gesamte Ausstrahlung einzusetzen. Plus sämtliche Kommunikationsfertigkeiten, die ich besaß, versetzt mit einem kräftigen Schuss Empathie.
„Es war, als ob in meinem Kopf plötzlich ein Schalter umgelegt worden wäre. Sofort habe ich damit begonnen, morgens zu joggen, ich habe umgehend einen Job gefunden, mich in einem Fitness-Studio angemeldet und mit Krafttraining und Boxen begonnen. Was die Arbeit betraf, so lief alles hervorragend; Vicky kann euch das bestätigen. Ich war ein erfolgreicher Handelsvertreter. Unser Chef hat mir einen hohen Bonus ausgezahlt und wollte unbedingt, dass ich bleibe. Aber ich hatte bereits beschlossen, mein eigener Chef sein zu wollen.“ Ich verwendete dieses Klischee, um sicherzustellen, dass es in ihren Köpfen haften blieb. „Gestern habe ich ein Büro gefunden. In zwei oder drei Wochen werde ich offiziell loslegen; je nachdem, wie schnell ich die Firma eintragen kann. Um es zusammenzufassen – ich habe mich am Riemen gerissen und die Kurve gekriegt.“
Die Totenstille wurde unterbrochen durch Tante Tomas Teelöffel, der klirrend zu Boden fiel. Während ich auf die Antwort der beiden – oder wenigstens eine stimmige Reaktion – wartete, nahm ich einen Schluck von dem starken Tee, um mir die Kehle anzufeuchten.
In dem Augenblick meldete sich Vicky aus dem Flur.
„Wir sind zurück! Habt ihr Philys Verhör beendet?“
„Phily?“ Victor verdrehte die Augen und gab ein durch seinen Stimmbruch getrübtes Teenagerkichern von sich.
„Oma, ich habe Durst!“, erklärte Xena, als sie in die Küche kam, in der wir saßen.
Tante Toma sprang auf, um ihr Wasser einzugießen. Victor erhob sich ebenfalls vom Tisch. „Danke, Mama – das Essen war großartig. Papa, kann ich jetzt gehen und weiter am Computer spielen?“
„Du setzt dich sofort wieder hin!“, donnerte Vickys Vater. „Wir sind noch nicht fertig. Und Victoria, du kommst sofort her. Das betrifft auch dich.“
Xena trank ihr Wasser und Victor überließ seiner Schwester seinen Stuhl. Sie setzte sich und blickte besorgt in die Runde.
„Also“, fasste Onkel Alexey zusammen, „Victoria, ich habe deinem Liebhaber zugehört und nachgedacht. Er kann gut reden, es macht richtig Spaß, ihm zuzuhören. Aber ich habe kein Vertrauen in ihn. Du bist jetzt eine erwachsene Frau und warst bereits einmal verheiratet. Es ist also deine Entscheidung, wie du dein Leben lebst. Aber eines will ich klarstellen – erwarte nicht, dass wir dir unseren Segen zu deiner Beziehung mit diesem faulen Bummler geben!“
„Nein, das werden wir nicht!“, bekräftigte Tante Toma und nickte dabei eifrig. „Also bitte uns besser gar nicht erst darum. Wir sind von ihm nicht überzeugt, und du solltest das ebenfalls nicht sein.“
Vickys Vater schlug mit der Faust auf den Tisch. „Du hältst die Klappe, Tamara! Deine Meinung interessiert hier niemanden!“ Seine verärgerte Stimme strotzte vor Überzeugung, als würde er ein unumstößliches Urteil verkünden. „Ein verdammter Handelsvertreter! Und nennt sich selbst Geschäftsmann! In seinem Alter besaßen deine Mutter und ich bereits unser eigenes Heim! Wir hatten ein Auto, und ein Sommerhaus! Dir hat es an nichts gefehlt, und Victor war bereits unterwegs. All das haben wir selbst geschafft, deine Mutter und ich! Wir haben unser gesamtes Leben lang hart gearbeitet und uns nicht einmal darüber beschwert! Und was ist dieser Kerl da? Arm wie eine Kirchenmaus! Er versucht, sich aus der Scheiße herauszugraben, in die er sich selbst gebracht hat, indem er sich von dir aushalten lässt! Ich wette, du bist es auch, die ihm diesen Job überhaupt erst verschafft hat! And dann haben deine Chefs erkannt, was für ein elendes Großmaul er ist, und ihn auf die Straße gesetzt! Glaubst du etwa den ganzen Mist, den er erzählt? Oder lügst du, um ihn zu schützen? Du solltest mit deinem Kopf denken, und nicht mit deiner Muschi! Genau darauf baut er doch! Er will, dass du dich in ihn verknallst und ihn heiratest, damit er sich anschließend von dir durchfüttern lassen und sich nun bei dir wie vorher bei seiner Ex-Frau ins gemachte Nest legen kann! Er hat gesehen, du bist hübsch, du hast einen guten Job und eine eigene Wohnung, und deshalb hat er seinen Charm bei dir eingesetzt. Mehr ist es nicht. Hier soll er sich jedenfalls nie wieder blicken lassen!“
Den letzten Satz brachte er ganz langsam und ruhig vor, was seinen Worten zusätzliches Gewicht verlieh. Es war spürbar – er sagte das nicht einfach nur so, sondern er hatte es sich gut überlegt. Er war ein Mann, der alles auf seine eigene Weise durchdachte und zu Entscheidungen kam, die endgültig waren.

Dein Ansehen bei Herrn Alexey Koval hat sich verringert!
Derzeitiges Ansehen: Feindseligkeit 10/30

Dir wurde ein kritischer Schaden zugefügt: verbale Verletzung
- 50 % Geist
- 50 % Selbstvertrauen

Ich schloss die vernichtenden Systemmitteilungen und startete einen letzten Versuch, die Dinge wieder in Ordnung zu bringen, die nicht in Ordnung zu bringen waren. „Onkel Alexey …“
Er schüttelte energisch den Kopf, wollte nichts mehr hören. „Ich habe alles gesagt, was zu sagen ist“, sagte er leise und bestimmt. „Verlass sofort meine Wohnung!“
Langsam erhob ich mich, konnte nicht glauben, was da gerade geschah. Beinahe wäre ich zu Boden gesunken. Ich fühlte mich wie im Fieber und mir war übel. Ich stand kurz vor einer Ohnmacht. Meine Sicht verschwamm. Am liebsten hätte ich mir den Nebelschleier aus den Augen gewischt.
Die Meldung über mein verringertes Ansehen bei Vickys Mutter schloss ich, ohne sie auch nur zu lesen. Sie würde ohnehin allem zustimmen, das ihr Mann sagte oder tat.
Vicky saß kerzengerade da und stützte meinen Ellbogen. Sie starrte vor sich hin und sagte in einer tonlosen, mechanischen Stimme:
„Phil, warte. Xena, hol deine Sachen. Wir fahren nach Hause.“
„Was soll denn das jetzt?“, protestierte ihre Mutter. „Das geht ja wohl nicht an, dass das Kind mit einem fremden Mann unter einem Dach leben muss! Das ist ein Skandal!“
„Mama!“, rief Vicky aus. Eine Träne rollte ihr über die Wange.
„Ich bin jetzt dreißig Jahre lang deine Mutter gewesen. Ich gebe dir Xena nicht. Du kannst sie zurückhaben, sobald du dich von ihm getrennt hast. Es sind ohnehin Schulferien, also muss sie sich nicht in der Stadt aufhalten. Hier ist die Luft weit besser, und das Essen ebenfalls.“
„Mama, bitte, weine nicht“, versuchte Xena Vicky zu trösten.
Vicky gab ihr einen Kuss auf die Wange und stand auf. Sie trat ihren Stuhl beiseite und zog mich zur Tür.
„Vick, einen Augenblick!“, versuchte ich sie aufzuhalten.
Sie entriss mir ihre Hand. „Ich warte im Wagen auf dich.“
Mit diesen Worten verließ sie die Wohnung.
Ich konnte ihr nicht folgen; nicht ohne zuvor auf die verleumderischen Anschuldigungen ihres Vaters zu reagieren. Ich wusste sehr wohl, jedes weitere Wort von mir konnte als lahmer Rechtfertigungsversuch gewertet werden, aber ich wollte die Wogen ein wenig glätten und keine Brücken hinter mir abbrechen.
„Es steckt ein wenig Wahrheit in dem, was du gerade gesagt hast“, erklärte ich. „Ich werde mein Verhalten nicht schönreden. Momentan kann ich dir ohnehin noch nicht das Gegenteil beweisen. Aber die Zeit wird kommen, in der du erkennst, wie sehr du dich geirrt hast. Ich danke euch beiden für eure Gastfreundschaft. Tante Toma, deine Pelmeni sind wirklich ein Gedicht! So gute habe ich noch nie gegessen.“
Niemand erwiderte etwas. Vickys Mutter drehte mir demonstrativ den Rücken zu und stapelte mit viel klirrendem Getöse die Teller aufeinander. Mein ehemals möglicher zukünftiger Schwiegervater rollte sich eine selbstgedrehte Zigarette und ignorierte mich vollständig.
„Also schön. Ich wünsche euch alles Gute.“
Taumelnd (was war bloß mit mir los?) begab ich mich in den Flur und zog meine Schuhe wieder an. Victor war der Einzige, der hinauskam, um sich von mir zu verabschieden.
„Zu schade, dass du nun das Fußballspiel versäumst“, flüsterte er. „Es beginnt in einer Stunde, und ihr seid mindestens zwei, drei Stunden unterwegs.“
„Vielleicht schaffe ich es zur zweiten Halbzeit. Wir sehen uns, Victor. Es war nett, dich kennengelernt zu haben. Und spiel nicht zu viel Counter Strike. Behalte die Verbindung zur realen Welt.“
Er grinste und wir gaben uns die Hand.
Leise schloss ich die Tür hinter mir und verließ die gastfreundliche Behausung. Stolpernd schaffte ich es zwei Stockwerke hinunter, bevor meine Beine nachgaben und ich die Wand entlang zu Boden glitt. Ich fühlte mich schwach und lethargisch. War das etwa die Folge des kritischen verbalen Treffers?
Ich öffnete erneut alle Mitteilungen, die ich bereits geschlossen hatte, und las sie aufmerksam.
Aha! Nein, mit dem kritischen Treffer hatte es nichts zu tun, sondern mit der System-Quest, die ich ignoriert hatte. Es war das erste Mal, dass ich es erlebte, wie ein System ganz plötzlich selbst Quests erstellen konnte. Um dem Ganzen die Krone aufzusetzen, war die Beschreibung der Aufgabe auch noch endlos:

Alarm: System-Quest!
Familienbande I
Dies ist der erste Teil einer Quest-Kette betreffend die Familie Koval.
Du musst ihr Vertrauen und ihr Wohlwollen gewinnen und dein Ansehen bei allen Familienmitgliedern zu mindestens Freundlichkeit steigern.
Derzeitiges Ansehen:
Bei Victorias Vater, Herrn Alexey Koval: Feindseligkeit 25/30
Bei Victorias Mutter, Frau Tamara „Toma“ Koval: Feindseligkeit 10/30
Bei Victorias Bruder Victor: Feindseligkeit 10/30

Belohnung:
Erfahrungspunkte: 2.000 Punkte
Ansehen bei Victoria „Vicky“ Koval: 30 Punkte
Derzeitiges Ansehen:
Seelisches Ansehen: Freundlichkeit 25/30
Emotionales Ansehen: Liebe 1/1

Strafen:
Ansehen bei Victoria „Vicky“ Koval: -20 Punkte
Derzeitiges Ansehen:
Seelisches Ansehen: Freundlichkeit 25/30
Emotionales Ansehen: Liebe 1/1
Erfahrungspunkte: -2.000 Punkte

Warnung! Eine Verringerung deines Ansehens bei einem Familienmitglied bis hinab zur Feindseligkeit führt zu einem Scheitern der Quest!

In dieser Mitteilung waren meine alten Ansehenswerte aufgeführt. Ich hatte das unangenehme Gefühl, genau zu wissen, was in den nächsten Systemmitteilungen stehen würde, die ich noch nicht geöffnet hatte. Trotzdem las ich sie.

Alarm: System-Quest – Familienbande I. Quest gescheitert!

Dein Ansehen bei Victoria „Vicky“ Koval hat sich verringert!
Derzeitiges Ansehen:
Seelisches Ansehen: Freundlichkeit 5/30
Emotionales Ansehen: Liebe 1/1

Verlorene Erfahrungspunkte: 2.000 Punkte
Derzeitiger Level: 13. Fehlende Erfahrungspunkte bis zum nächsten Level des sozialen Status: 8.700/14.000

 Autsch! Das war verdammt hart. So „belohnte“ das System den Benutzer also für gescheiterte Quests und verlorene Erfahrungspunkte, mit Schwindelgefühl und Übelkeit? Na gut – das beruhte wohl auf der Methode „Zuckerbrot und Peitsche“, nahm ich einmal an. Von dem Zuckerbrot hatte ich bereits reichlich genossen, und nun bekam ich eben das erste Mal die Peitsche zu spüren.
Um ehrlich zu sein, wollte ich diese Erfahrung auf keinen Fall wiederholen. Mein Zustand lässt sich am besten durch den Vergleich mit einem extremen Fall von Alkoholvergiftung kombiniert mit Fieber und hohem Blutdruck wiedergeben. Konnte das System tatsächlich die biochemischen Vorgänge in meinem Körper steuern? Hatte es womöglich irgendeine eklige Substanz hergestellt und mir in den Blutkreislauf gespritzt? Eine Art Gift vielleicht?
Was ich ebenfalls sehr merkwürdig fand, das war die Aufschlüsselung des Ansehens in seelisches und emotionales Ansehen. Bei Yanna hatte es diese Unterscheidung nicht gegeben, und auch nicht bei Kira und meinen Eltern, wenn ich es mir recht überlegte. Bei ihnen gab es nur einen einzigen Wert, Liebe 1/1, und fertig. Was steckte denn bloß hinter dieser Aufspaltung? Vielleicht war das ein neuer Ansatz, den eine gestiegene Wahrnehmung mir eingebracht hatte? Aber ich hatte Level 3 doch noch gar nicht erreicht! Oder war das System in der Lage, selbstständig dazuzulernen, und konnte nun die feineren Details der menschlichen Beziehungen unterscheiden?
Dazu musste ich unbedingt Martha befragen. Momentan war das alles reine Theorie.
Ich kämpfte mich wieder auf die Füße und wankte weiter die Treppe hinunter. Dabei hielt ich mich eisern am Geländer fest, um nicht wieder zu stürzen. Ich fühlte mich noch immer schrecklich, doch das System schien anderer Meinung zu sein. Es meldete mir denselben Debuff, den ich ganz zu Anfang erhalten hatte, als ich gerade erst damit begonnen hatte, mich mit der Oberfläche zu befassen:

Teilnahmslosigkeit
Dauer: 18 Stunden
Du bist emotional ausgelaugt. Dein zentrales Nervensystem braucht Ruhe. Wir empfehlen ausreichend Schlaf, eine ausgeglichene Ernährung und ein wenig Sport.

Warnung! Der Zustand der Teilnahmslosigkeit kann leicht zu Depression führen!
-5 % Zufriedenheit alle 6 Stunden
-1 % Vitalität alle 5 Stunden
-6 % Lebenskraft alle 6 Stunden
-2 % Stoffwechsel alle 6 Stunden
-5 % Selbstvertrauen alle 6 Stunden
-2 % Willenskraft alle 6 Stunden

Ich biss die Zähne zusammen, klammerte mich an meine letzten Reste Stärke und Willenskraft und stolperte durch die Haustür auf Vickys Auto zu.
Es war alles in Ordnung – alles würde sich zum Guten wenden. Wenn ich es mir richtig überlegte, was war denn eigentlich gerade passiert? Das war nur ein Missverständnis, weiter nichts. Ich würde jetzt einfach nach Hause gehen, meine eigene Firma gründen, Alik einstellen und mit der Arbeit beginnen. Die Kunden würden schon kommen, und das Geld würde hereinströmen. Schon bald konnten wir uns einen Namen gemacht haben. Und dann konnten Vicky und ich zu ihren Eltern zurückkehren. Vielleicht würde ich auch meine Eltern und Kira einladen mitzukommen, um allem mehr Gewicht zu verleihen. Die Hauptsache war jetzt, dass ich mich zusammenriss und sicherstellte, nicht auch noch das zu verlieren, was von Vickys Freundlichkeit noch übriggeblieben war.
Wie merkwürdig – wann zum Teufel hatte ich bloß ihren Respekt verloren? Inzwischen traf ich täglich so viele Menschen, ich hatte es mir zur Gewohnheit gemacht, die Systemmitteilungen über mein Ansehen zu schließen, ohne sie vorher zu lesen. An einem Tag hatte ich, ganz in Gedanken versunken, achtlos die Straße überquert, und wurde sofort mit Meldungen über die Feindseligkeit unzähliger Autofahrer geradezu überflutet. Das hatte mir die Lust am Lesen genommen. Wahrscheinlich hatte das dazu geführt, dass ich auch die Mitteilung übersehen hatte, die mich über mein gesunkenes Ansehen bei Vicky informierte.
Inzwischen zitterte ich am ganzen Leib wie Espenlaub. Ich schwankte zum Auto, packte den Griff zur Beifahrertür und riss mehrfach daran, bis mir endlich auffiel: Die Tür war verschlossen, und niemand im Wagen.
Wo zum Teufel steckte bloß Vicky?
Dann hörte ich jemanden schreien.




Du konntest sie mir nicht nehmen, so sehr du dich auch darum bemüht hast:
Freiheit ist einfach etwas, das ich in mir trage.

Sergei Shnurov. Freiheit


ICH SCHAUTE MICH um, versuchte Vicky zu entdecken, doch sie war nirgendwo zu sehen. Ein paar Kinder spielten im Sandkasten; eine junge Mutter, die auf einer Bank saß, blickte ängstlich nach links und rechts. Sie musste den Schrei ebenfalls gehört haben.
Auf einmal ging es mir erheblich besser. Fieber, Schwäche und Übelkeit waren verschwunden. Wahrscheinlich war die Strafe für die gescheiterte Quest gerade abgelaufen.
Der Schmerz, den die Peitsche auslöste, war sehr viel stärker als die Freude, die das Zuckerbrot bereitete. Es bestand genau genommen überhaupt kein Verhältnis zwischen den beiden Dingen: Das Glück über das Erreichen eines neuen Levels hielt gerade einmal wenige Sekunden an, während diese Qualen mindestens fünf Minuten gedauert hatten.
Der Schrei war definitiv von einer Reihe von Türen am anderen Ende des Wohnblocks gekommen. Ich schaute mich erneut um und lief dann darauf zu.
Ich hatte das Ende des Gebäudes bereits erreicht, als mir eine Gruppe von Leuten vor einer der vielen Eingangstüren auffiel. Kaum hatte ich die Situation analysiert, seufzte ich auch schon erleichtert auf.
Vicky stand inmitten anderer Frauen, mit denen sie sich fröhlich unterhielt. Nun, nur scheinbar fröhlich – ihre Laune war nach dem Besuch bei ihren Eltern noch immer nicht allzu gut.
„Vicky?“, rief ich.
„Da ist er ja!“, bemerkte sie zu den Frauen und drehte sich dann zu mir um. „Alles in Ordnung?“
„Ja, alles bestens“, nickte ich und betrachtete mir ihre Freundinnen.
Auf den ersten Blick hatte ich deren Alter völlig überschätzt. Jetzt sah ich, sie waren alle in Vickys Alter, aber schon reichlich abgehärmt. Zwei von ihnen – Irina und Olga – erinnerten mich mit ihren altmodisch kurzgeschnittenen und dauergewellten Haaren ein wenig an Schafe. Auch ihre Kleidung entsprach eher der von Frauen ab vierzig oder sogar älter. Die dritte der Frauen – Natasha – war den Standards dieses Ortes nach wahrscheinlich eine berückende Schönheit: Sie trug einen Trainingsanzug in neonpink und hatte die langen, rabenschwarzen Haare zu einem Pferdeschwanz zusammengefasst. Ihre Lippen waren künstlich mit Botox aufgespritzt, ihre Augenbrauen zu kräftig nachgezeichnet, und sie verfügte über den wächsernen Teint einer Instagram-Puppe.
Alle drei Frauen zeigten hohe Werte, was das Interesse an mir betraf. Das von Natasha war mit 60 % am höchsten. Ich durfte jetzt, angesichts Vickys Neigung zur Eifersucht, auf keinen Fall etwas falsch machen.
„Okay, Mädels, wir müssen los“, sagte sie zu ihren Freundinnen. „Wir sehen uns!“
„Warte mal eine Sekunde, Vic!“, hielt Natasha sie mit einem Schmollmund zurück. „Willst du uns nicht wenigstens deinem Verlobten vorstellen? Bitte?“
„Sie hat recht, Vic“, nickte Olga. „Das ist nur höflich!“
Vicky nickte ihr Einverständnis.
„Ich bin Phil“, stellte ich mich nun selbst vor. „Und ihr müsst Vickys Freundinnen sein.“
„Ich bin Natasha“, sagte die Dunkelhaarige lässig.
„Olga … Irina …“, echoten die beiden Schafe.
„Habe ich mir das nur eingebildet, oder hat eine von euch gerade geschrien?“, fragte ich. „Es war ziemlich laut. Deshalb bin ich gleich hierhergelaufen; ich dachte, jemand tut Vicky etwas an.“
„Als ob!“, kicherte Natasha. „Wenn sie will, wird sie mit allen fertig. Sie weiß genau, wie man sich verteidigt. Nein, ich war diejenige, die geschrien hat. Obwohl, schreien würde ich das nicht gerade nennen … Ich habe mich nur so sehr für sie gefreut. Du hast ihr gerade einen Antrag gemacht, nicht wahr?“ Sie zwinkerte mir zu.
„Ja, das hat er“, antwortete statt meiner Vicky. „War das jetzt genug Vorstellung? Wir müssen aufbrechen.“
„Wieso hast du es denn so eilig?“, wollte Natasha wissen. „Nur wegen des Streits mit deinen Eltern? Wir dachten, du bist das ganze Wochenende hier? Lass uns einfach zu mir gehen. Ich lebe allein, da kann dir niemand auf die Nerven gehen. Wir können etwas trinken und uns unterhalten, um uns besser kennenzulernen. Ich habe noch etwas Martini im Haus. Wie wäre es damit?“
Auch ohne meine Intuitionsfertigkeit wäre mir klar gewesen, das war keine gute Idee. Unter anderem von meiner Erfahrung mit Vicky her wusste ich längst: Ein solch erhöhtes Interesse an einem Fremden des anderen Geschlechts ist nie gut. Und nachdem Natasha entweder Vickys beste Freundin oder ihre Erzfeindin war, musste ich genau aufpassen, was ich tat.
Allerdings hatte ich wegen des Verlaufs des Besuchs bei ihren Eltern ein schlechtes Gewissen Vicky gegenüber, deshalb überließ ich ihr die Entscheidung. Wenn sie mit ihren Freundinnen gehen wollte, war das in Ordnung; wenn nicht, fuhren wir einfach nach Hause.
Ich hatte jedenfalls bereits beschlossen, das gesamte Wochenende mit ihr zu verbringen. Die letzten Wochen hatte ich jede Minute damit verbracht, mich an meine eigenen Grenzen zu bringen, voller Angst, auch nur eine einzige Sekunde auf etwas anderes zu verschwenden als das Verbessern meiner Level. Daher fühlte ich mich jetzt komplett ausgelaugt. Es würde mir guttun, eine Weile lang an etwas ganz anderes zu denken.
Auf einmal fielen mir ein paar Einkaufstüten auf, die auf einer Bank standen.
„Sind das deine?“, fragte ich Olga. „Soll ich sie hoch in deine Wohnung tragen?
Sie wirkte verängstigt. „Oh nein, das ist in Ordnung. Ich schaffe das schon.“
„Ihr Mann ist verdammt eifersüchtig“, erklärte Irina. „Er schlägt dich zuerst zu Boden und stellt erst anschließend Fragen.“
„Oh, da hast du dir ja einen richtigen Ritter in schimmernder Rüstung geangelt!“, schwärmte Natasha. „Kann ich mir den mal ausborgen? Ha, ha – das war nur ein Scherz!“
„Ja, klar – träum weiter“, bemerkte Vicky giftig und ignorierte, dass es scherzhaft gemeint gewesen war. Ihre Stimme hatte sich verändert, war rauer, selbstbewusster geworden, und erinnerte nun ein wenig an die eines Straßenjungen. „Danke für die Einladung, aber wir müssen wirklich losfahren.“
„Nun schau sich das einer an!“ Natasha stemmte die Hände gegen die Hüften. „Ganz die Großstadtdame, was? Die Nase hochgetragen, und nicht nur die Nase. Bist du dir inzwischen etwa zu fein dafür, deine Freundinnen aus der Schulzeit zu besuchen? Sie hat einen vornehmen Job in einem großen Unternehmen, ein Auto und eine eigene Wohnung, und jetzt heiratet sie auch noch einen Geschäftsmann! Was hast du bloß angestellt, um das zu verdienen? In der Schule hast du nie etwas gelernt, ums Verrecken nicht! Wo bleibt denn da die Gerechtigkeit? Manchen Leuten fällt eben alles in den Schoß!“
„Halt die Klappe!“, sagte Olga leise. „Fang gar nicht erst an!“
„Natasha, bitte nicht“, unterstützte Irina sie.
„Also meinetwegen soll sie ruhig weitermachen“, meldete sich Vicky zu Wort. „Lass sie doch sagen, was sie zu sagen hat! Es liegt ja auf der Hand, was sie damit andeuten will. Aber wer ist sie denn schon, dass sie sich ein Urteil erlauben kann?“
Sie drehte sich zu mir um und drückte mir den Autoschlüssel in die Hand. „Geh und warte im Wagen!“
Alle drei Frauen schauten mich an.
Aha, so sah die Sache also aus! Mir wurden auf einen Schlag die Augen geöffnet.
Sobald Vicky wieder mit ihren alten Freundinnen zusammen war, wurde aus dem netten Mädchen von nebenan schlagartig die Alphazicke in unserer gerade zusammenwachsenden Familie.
Ohne ein Wort zu sagen, nahm ich ihr den Schlüssel ab. „Nett, euch kennengelernt zu haben, Mädels“, verabschiedete ich mich von ihren Freundinnen. „Wir sehen uns.“
„Gleichfalls“, antwortete Natasha für alle. „Tschüss, Phil!“
Auf dem Rückweg zum Auto fragte ich mich, ob ich mit meinem Heiratsantrag nicht ein wenig zu voreilig gewesen war. Wie sich gerade gezeigt hatte, kannte ich die wahre Vicky überhaupt nicht. Hatte ich mich etwa zu sehr auf die Ansehenswerte des Systems verlassen? Liebe 1/1 – ja, klar … Aber was war denn eigentlich Liebe anderes als ein bestimmter biochemischer Prozess im Körper? Vielleicht eine gewisse seelische Bindung? Auf jeden Fall war romantische Vernarrtheit ja nun nicht unbedingt Liebe.
Mein Vater hatte mir immer die Bedeutung eingetrichtert, die es hat, genau hinzuschauen, bevor man einen Sprung wagte. Sobald eine Entscheidung nach einem solchen gründlichen Blick aber erst einmal getroffen war, zog man sie auch durch. Nach dieser Maxime lebte er. Angesichts meiner Neigung zur Impulsivität, meines explosiven Charakters und meiner Unfähigkeit vorauszudenken war ich sein genaues Gegenteil. Er hätte gewiss mindestens die nächsten beiden Jahre damit verbracht, alle verfügbaren Szenarien zu überprüfen. Nach einer Entscheidung für eine mögliche Partnerin hätte er dann weitere zwei oder drei Jahre gebraucht, um zu überprüfen, ob sie für ihn auch tatsächlich die Richtige war. Den Berichten zufolge waren meine Eltern bereits drei Jahre miteinander befreundet gewesen, bevor sie ihr erstes Date hatten. Und die romantischen Verabredungen setzten sich noch ein weiteres Jahr fort, bevor mein Vater ihr endlich einen Antrag machte.
Tja, in dieser Hinsicht war ich meinem Vater überhaupt nicht ähnlich. Bis zum heutigen Tag hatte nichts in und an Vicky Unbehagen in mir ausgelöst. Sie schien ein guter und treuer Freund, eine vertrauenswürdige Verbündete, eine leidenschaftliche Liebhaberin und eine hervorragende Hausfrau. Außerdem hatte sie versprochen, mir eine gute Ehefrau zu sein.
All das stimmte tatsächlich – und hatte bis zu diesem Augenblick das vage, bislang noch völlig undefinierte Gefühl überwogen, dass irgendetwas in unserer Beziehung nicht ganz in Ordnung war.
Ich setzte mich ins Auto und schaltete das Radio ein. Ohne dem fröhlichen Geplapper des DJs zu lauschen, versuchte ich, meine Gedanken zu ordnen und herauszufinden, was denn jetzt eigentlich bei ihren Eltern gerade passiert war.
Hätte all das vor wenigen Monaten stattgefunden, als ich noch nicht diese komische Benutzeroberfläche im Kopf hatte, hätte ich ganz anders reagiert. Ich hätte meine Erfolge maßlos übertrieben, ohne zu zögern in den schönsten Farben ausgemalt, was ich alles erreicht hatte, so fragwürdig es auch war, und alles getan, um mich bei ihren Eltern einzuschmeicheln. Ohne Zweifel hätte ich sie auch schamlos belogen, wenn die Situation das erfordert hätte.
Damals hätte ich eine ganze Menge Dinge ganz anders angefangen. Wahrscheinlich hätte ich Vicky auch nicht nach der ersten miteinander verbrachten Nacht ins Kino eingeladen.
Doch jetzt, mit dieser seltsamen Software im Kopf, schien ich genau das zu tun, was ich immer hatte tun wollen, ohne diesen Wunsch jemals umzusetzen.
Ehrlich, korrekt und mitfühlend zu sein, das ist nur in Träumen einfach. Wir sehen uns gerne als Menschen mit diesen Eigenschaften, und genau auf diese Weise versuchen wir auch, einige unserer eher fragwürdigen Handlungen zu rechtfertigen. Wir lügen, um „keinen Staub aufzuwirbeln“, wir entschuldigen uns halbherzig, wenn wir nicht nur Fremden, sondern auch den Menschen, die wir lieben, hartnäckig unsere Hilfe verweigern. Schrittweise erweitern sich die Grenzen der Lüge, mit der wir begonnen haben, während wir ungestraft immer dreister werden – oder einfach Angst haben, der Wahrheit ins Gesicht zu sehen. Wir leben mit Partnern zusammen, die wir nicht lieben, wir gehen jeden Morgen zu einer Arbeit, die wir hassen, wir schmeicheln unseren dämlichen Chefs. Und besitzen am Ende noch die Frechheit, uns selbst so zu „lieben“, wie wir sind.
Das Hauptziel einer jeden Lüge sind jedoch unweigerlich wir selbst. Wir belügen uns selbst, im Kleinen wie im Großen. Wir geben uns das Versprechen, morgen zu erledigen, wozu wir heute keine Lust haben. Wir kündigen an, dass wir bald ein neues Leben beginnen werden, ohne damit je anzufangen. Wir hören mit dem Rauchen auf, nur um kurz darauf die nächste Zigarette anzuzünden. Wir stellen das Trinken ein, und greifen dennoch zur Flasche, denn es gibt ja immer eine Gelegenheit, etwas zu begießen. Wir beschließen, endlich Sport zu treiben und „gute“ Bücher zu lesen, doch stattdessen bleiben wir auf dem Sofa liegen, vertieft in Schundliteratur, die Namen der Heldinnen und Helden rasch vergessen und ersetzt durch neue aus dieser Fantasiewelt. Wir nehmen uns fest vor, nur ganz schnell einmal die Feeds in den sozialen Medien zu überprüfen, und verbringen anschließend Stunden dort, immer in der Hoffnung auf diese winzigen Dosen der virtuellen Glückshormone wie Likes und Kommentare.
Und das ist ja auch nur unser gutes Recht, nicht wahr? Wir alle studieren und arbeiten hart, und manche von uns müssen auch noch ein Haus unterhalten. Wir werden müde. Wir brauchen schließlich Erholung. Außerdem, jeder tut genau dasselbe. Wenn man einmal alles bedenkt, geht es uns doch gut, oder?
Aber dieses Hamsterrad verbirgt ein bedrückendes Gefühl der Selbsttäuschung. In den seltenen Augenblicken der Hellsichtigkeit geben wir es zu und legen neue Aufgabenlisten an, lesen Artikel über Selbstmotivierung, zählen Kalorien, packen unsere Sporttasche, drucken uns eine Liste der 100 besten Bücher aller Zeiten aus, in der besten Absicht, sie alle zu lesen; wir hören mit dem Rauchen auf, finden einen neuen Job, absolvieren Kurse und Seminare. Dann berichten wir über all das in den sozialen Medien und ersetzen die wunderbaren Erwartungen eines neuen erfolgreichen Lebens mit weiteren mikroskopischen Injektionen von Glück, die wir aus mehr Likes für unsere Beiträge über das neue Leben ernten, das wir beginnen wollen.
Ich kannte besser als viele andere die hässliche Wahrheit all dieser großartigen unerfüllten Pläne und energiegeladenen Neuanfänge, die zum Scheitern verurteilt sind.
Es hatte der Bewertung durch eine unparteiische außerirdische Software bedurft, um mich selbst so zu sehen, wie ich wirklich war, statt als den imaginären Phil, für den ich mich gehalten hatte. Wie heißt es doch so schön schon in der Bibel? Du wurdest gewogen und für zu leicht befunden …
Was bedeutete, dass mein heutiger Anfall idiotischer Ehrlichkeit bei Vickys Eltern seine Ursache in meinen jüngsten Erfahrungen mit der Oberfläche hatte. Hätte ich die Mitteilung über die System-Quest sofort gelesen, wäre ich womöglich umgeschwenkt und hätte ihnen Lügen erzählt, wer weiß. Zumindest hätte ich mich nicht so naiv Fremden gegenüber geöffnet. Aber jetzt war es passiert, die Katze war aus dem Sack.
Das Merkwürdige war, ich hatte das sichere Gefühl, ich hätte auch dann nicht gelogen, wenn ich von der Quest gewusst hätte. Früher oder später wäre die Wahrheit doch herausgekommen, und ich wollte keine Familie auf Lügen, Halbwahrheiten und Übertreibungen aufbauen. Ehrlichkeit ist immer der beste Weg, und zwar auch die Ehrlichkeit sich selbst gegenüber.
Als ich Natashas Schrei gehört hatte, hatte ich zunächst vermutet, dies sei Teil einer unglaublichen neuen Entwicklung, die auf das Programm zurückzuführen war. Ich hatte gedacht, ich hätte Vickys Stimme erkannt und mir vorgestellt, sie würde von irgendwelchen Raufbolden angegriffen. Und insgeheim gehofft, ich könnte zu ihrer Verteidigung meine neuerworbenen Kampfkünste einsetzen. Natürlich würde ihr Vater alles beobachten und seine Meinung über mich ändern. Anschließend schüttelte er mir die Hand, lud mich erneut in seine Wohnung ein, und am Ende sahen wir uns alle gemeinsam das Fußballspiel an.
Meine eigene Naivität und mein Glaube an Märchen brachte mich zum Lächeln.
Der Hof schien verlassen. Es war Freitagabend, aber die Sonne stand noch immer hoch am Himmel. Heute war der längste Tag des Jahres. Wenigstens fühlte er sich für mich so an. Ich hatte ein Leben geführt, das mich an den Film Und täglich grüßt das Murmeltier erinnerte. Aufstehen, joggen, trainieren, lesen, Fertigkeiten verbessern, ein schnelles Abendessen und ein wenig Entspannung mit Vicky, und schon lag ich wieder im Bett. Die einzelnen Tage verflogen so schnell, ich registrierte es gar nicht richtig; es kam mir vor, als würde ich direkt nach dem Aufstehen schon wieder ins Bett fallen.
Der heutige Tag allerdings zog sich endlos in die Länge und schien kein Ende zu finden.
Ich schaute auf die Uhr. Inzwischen hatte ich bereits eine halbe Stunde auf Vicky gewartet. Ich stieg aus, verschloss den Wagen und machte mich auf die Suche nach ihr, um herauszufinden, ob alles in Ordnung war.
Auf halbem Weg zu dem Ort, an dem sie mit ihren Freundinnen zusammengestanden hatte, kam sie mir entgegen. Sie ging rasch, den Kopf und die Schultern gesenkt. Es war deutlich zu sehen, sie war in keiner guten Stimmung.
„Vicky, ist alles in Ordnung?“, fragte ich.
Sie schaute auf und nickte, begab sich dann zum Wagen. Schweigend folgte ich ihr.
Auf der Rückfahrt sagte sie kein Wort. Auf all meine Fragen und Versuche, eine Unterhaltung in Gang zu bringen, reagierte sie lediglich einsilbig. Am liebsten hätte ich sie in Ruhe gelassen, beschloss jedoch, einen letzten Versuch zu wagen.
„Hör mal, was hat es denn damit auf sich, dass du stellvertretender Direktor einer Fabrik bist? Hat dein Vater damit etwa Ultrapak gemeint?“
„Warum fragst du? Hast du etwa ein Problem damit?“
„Es ist nur … All seine Anschuldigungen beruhten auf dieser kleinen Unwahrheit, das ist alles.“
„Ach ja, wirklich? Waren sie das? Und ich dachte, du selbst hättest dich als nutz- und arbeitslosen Versager bezeichnet? Ich glaube nicht, dass das irgendetwas mit meinem Job zu tun hatte.“
Das von jemandem zu hören, den ich liebte, traf mich tief. Doch ich unterdrückte den aufsteigenden Zorn. Sie hatte nur ausgesprochen, was die Wahrheit war, oder zumindest, was sie für die Wahrheit hielt – wie auch immer ich darüber dachte.
„Ich habe ja nur gefragt“, verteidigte ich mich. „Glaubst du wirklich, ich bin ein Versager?“
„Ich glaube überhaupt nichts – lass mich einfach in Ruhe!“ Sie überholte einen anderen Wagen. Ich sagte nichts, bis sie das Manöver abgeschlossen hatte.
Sie war total angespannt; ihre Finger umklammerten das Lenkrad so heftig, dass ihre Knöchel sich weiß gefärbt hatten. Ich spürte, sie war nicht bereit zu reden. Ihr Profil zeigte mir, sie hatte Angst. Der Wert lag bei 14 %. Das war nicht allzu viel, aber dennoch … War es die Angst eines Autofahrers mit wenig Übung auf der Straße? Oder die Furcht vor einem möglichen Streit zwischen uns?
„Okay, reden wir nicht über mich“, setzte ich erneut an. „Warum sind deine Eltern so sicher …“
„Sei still. Bitte! Je mehr du sagst, desto schlimmer machst du die Sache.“
„Vicky, wenn wir in solchen Augenblicken die Luft nicht bereinigen können, wie sollen wir dann zusammenleben?“
„Was willst du denn hören?“, fragte sie gleichgültig und lehnte sich im Sitz zurück.
Ich erinnerte mich daran, was ihr Vater über ihre erfolgreiche Karriere gesagt hatte, über ihr Auto und ihre Wohnung. Und ich dachte an Natashas Vorwürfe.
Dann fiel mir ein, was Vicky mir selbst berichtet hatte: „Ich bin seit drei Jahren bei Ultrapak. Angefangen habe ich als Büromanager, und dann haben sie mich in die Personalabteilung versetzt.“
So sehr ich auch versuchte, es zu ignorieren – irgendetwas passte hier ganz und gar nicht zusammen. Wie kann es sich ein Büromanager in nur drei Jahren leisten, eine Eigentumswohnung zu kaufen? Laut ihrem Vater hatte sie das alles ja ganz allein bewerkstelligt, und vorher hatte sie, wie sie mir selbst geschildert hatte, eher am Hungertuch genagt.
„Belügst du deine Eltern, um zu erklären, wie du dir deine eigene Wohnung leisten kannst?“, fasste ich meinen Verdacht in einem Satz zusammen.
„Ich habe sie nicht belogen“, widersprach sie. „Für sie ist ein Personalmanager eine große Sache. Er entscheidet schließlich, wer eingestellt wird und wer nicht.“
„Personalmanager? Aber dein Vater hat gesagt, du seist stellvertretender Direktor.“
„Und wenn ich ihnen das erzählt habe – na und?“, blaffte sie wütend. „Was hat das denn mit allem zu tun? Damit tue ich niemandem weh. Sie fühlen sich großartig, weil ihre Tochter es geschafft hat! Meine gesamte Kindheit über haben sie mich ständig herumgeschubst. Sie haben sich mir gegenüber schrecklich benommen, als ich ein Kind war. Und jetzt sind sie stolz auf mich. Reicht dir das als Erklärung? Außerdem geht das niemanden etwas an! Und am allerwenigstens dich!“

Dein Ansehen bei Victoria „Vicky“ Koval hat sich verringert.
Derzeitiges Ansehen:
Seelisches Ansehen: Gleichgültigkeit 25/30
Emotionales Ansehen: Liebe 1/1

Wie war denn das möglich? Wie konnte jemand einem Menschen gegenüber gleichgültig sein, den er liebte? Was für eine Art Liebe war denn das bitte?
Das erste Mal zweifelte ich die Angemessenheit des Bewertungssystems dieses mysteriösen Programms an. Was wusste denn auch schon ein herzloser künstlicher Verstand über den explosiven Cocktail an menschlichen Gefühlen, wenn er sich immer auf die Daten verlassen musste, die er aus dem universellen Infospace heruntergeladen hatte? Das musste ja dazu führen, dass alles viel zu sehr vereinfacht wurde. Oder vielleicht reichte nur meine Erkenntnis noch nicht aus, um den Sinn dahinter zu durchschauen.
Ich ließ Vicky in Frieden. Den Mut, sie über die Höhe ihres Gehalts und etwaige weitere Einnahmequellen auszufragen, die ihr den Erwerb einer Eigentumswohnung ermöglicht hatten, brachte ich einfach nicht auf. Es herrschte bedrückendes Schweigen im Wagen. Endlich wiegte mich das Rauschen der Reifen aus dem Asphalt in den Schlaf.
Ich wurde jäh wachgeschüttelt. „Steig aus. Wir sind da.“
Ich kletterte aus dem Auto und wartete darauf, dass sie mir folgte. Doch stattdessen kurbelte sie das Seitenfenster herunter. „Ich fahre in meine Wohnung“, erklärte sie unfreundlich, dann legte sie einen Schnellstart hin und ließ mich im Hof stehen.
Lange Zeit stand ich da, unentschlossen, ob ich ein solches Verhalten akzeptieren konnte. Was sollte ich denn jetzt bitte tun? Sollte ich sofort versuchen, mich wieder mit ihr zu versöhnen? Oder war es besser, sie eine gewisse Zeit in Ruhe zu lassen?
Mir war das Herz schwer. Ich fühlte mich hundsmiserabel.
Das Programm spielte verrückt, erstellte neue Aufgaben und löschte sie wieder:

Mich mit Vicky versöhnen
Vicky zurückgewinnen
In Vickys Wohnung gehen
Mit Vicky reden
Die Probleme mit Vicky lösen
Mich von Vicky trennen

Am Ende waren alle Aufgaben, in denen ihr Name vorkam, wieder verschwunden, und es blieb nur die Arbeit übrig, das Geld für die Büromiete aufzubringen.
Ich begab mich in meine Wohnung, kochte ein einfaches Abendessen, mehr und mehr davon überzeugt, dass ich wirklich zu voreilig gehandelt hatte. In diesem speziellen Stadium meines Lebens hatte ich langsam wirklich mehr als genug von all den Gefühlen und Beziehungen. Ob Vicky und ich nun wieder zusammenkamen oder uns trennten – in jedem Fall würden meine Anstrengungen in dieser Hinsicht mich viel zu viel Zeit und Energie kosten. Ihr Stil bestand ersichtlich darin, mich zuerst ganz nah an sich heranzuholen und dann wieder fortzustoßen. Das war nichts als die pure Manipulation, und ab sofort würde es bei mir nicht mehr funktionieren.
Das zweite Mal in diesem Monat – das erste Mal war ihre unbegründete Eifersucht auf Marina gewesen – beschloss ich, die Sache ruhig angehen zu lassen und einfach abzuwarten, wie die Dinge sich entwickeln würden. Wenn sie wollte, konnte sie jederzeit wieder zu mir zurückkommen. Und wenn sie keine Anstrengungen in dieser Richtung unternahm, war es klar, wo ihre Prioritäten lagen.
Das Programm unterbrach meine Überlegungen und belohnte mich mit 2.000 Punkten für eine sozial bedeutungsvolle Handlung. Wofür war das denn? Ich las die aktuellen Verbrechensberichte. Methodisch arbeitete ich mich durch die lokalen Nachrichten im Portal unserer Stadt. Dabei stolperte ich über die Meldung, dass der sechsjährige Joseph Kogan gefunden worden war. Um die laufende Untersuchung nicht zu gefährden, wurde der Name seines Entführers nicht genannt.
Irgendetwas an dem Bericht weckte eine vage Erinnerung an meinen früheren Albtraum über einen pädophilen Beamten.
Ich verbrachte die gesamte Nacht damit, das Konzept für meine Agentur zu Papier zu bringen.
Momentan sah ich den Verkauf zumindest im Anfangsstadium als Haupteinnahmequelle. Ja, es war genau dieselbe Tätigkeit, die ich bei Ultrapak ausgeübt hatte. Ich verfügte zwar nicht über meine eigenen Warenlager oder meine eigene Logistik, aber sehr wohl über das, was heutzutage in der Welt am meisten zählte: Informationen. Mit variierenden Suchfiltern konnte ich herausfinden, wer etwas brauchte und welchen Preis er bereit war, dafür zu bezahlen. Anschließend musste ich nachforschen, wer genau das anzubieten hatte.
Das waren simple Handelsgeschäfte; der Art, die Vickys Vater mit dem Verkauf von Erdnüssen im Kino gleichgesetzt hatte. Es umfasste weiter Vermittlungsdienste und das Zusammenbringen von großen Anbietern mit ebenso großen Käufern.
Der soziale Zweck meines Unternehmens war und blieb derselbe: eine Personalvermittlungsagentur. Millionen konnte ich damit zwar keine verdienen, aber dafür drei Fliegen mit einer Klappe schlagen. Das konnte mir ein anfängliches Einkommen verschaffen, mir erlauben, Erfahrungspunkte zu sammeln, und vor allem würden ich – oder vielmehr meine Agentur – sich einen Namen machen und Ansehen gewinnen.
Anschließend konnten wir uns an größere Geschäfte wagen, wie etwa die Vermittlung von leitenden Angestellten für führende Marken. Die wertvollste Ressource jeder Firma ist ihr Personal. Wie hatte Genosse Stalin (möge er in der Hölle schmoren!) doch so treffend einmal gesagt? „Arbeitskräfte sind der Schlüssel“. Das hätte in meinem Fall nicht zutreffender sein können.
Sobald meine Agentur erst einmal bekannt geworden war, würde das Geld schon fließen. Womöglich begann ich dann damit, eine Sportabteilung hochzuziehen. Das kam allerdings nur in Frage, wenn ich meine Lizenz für das Programm irgendwie verlängern konnte. Ich konnte mich auf die Suche nach Talenten im Fußball, Eishockey, Tennis, Boxen und in anderen Sportarten begeben. Auch konnte ich mich um sozial schwache Kinder aus benachteiligten Familien oder solchen mit alleinerziehenden Eltern und aus Waisenhäusern bemühen und sie mit verständnisvollen Trainern oder Sportschulen zusammenbringen, damit sie gefördert werden konnten.
Ein solcher Ansatz konnte auch in anderen Bereichen funktionieren. Wie viele talentierte Künstler, Schriftsteller, Sänger, Tänzer oder Schauspieler schmachten in der Vergessenheit? Nur wenige schafften es, bekannt zu werden.
Und dann waren da ja auch noch die medizinische Diagnose, die Suche nach vermissten Personen, die Kopfgeldjagd, das Aufspüren gefährlicher Verbrecher, eine Detektei … Es gab viele Dinge, die ich aufziehen konnte – allerdings nicht allein.
Wie wäre es, wenn ich die ursprüngliche Agentur lediglich als Sprungbrett nutzte? So konnte ich Finanzmittel beschaffen und ein Team der besten Köpfe in den vielversprechendsten Wissenschaften zusammenstellen. Und dann …
Energisch rief ich mich zur Ordnung und stellte meine Tagträumerei ein. Es hatte keinen Sinn, so weit im Voraus zu planen. Dennoch legte ich eine Liste der Dinge an, die eine nähere Untersuchung wert waren: erweiterte Realität, der universelle Infospace, Biotechnologien, Blockketten-Technologien, Wetware … Ich konnte zum Beispiel ein internationales Unternehmen gründen, die besten Kräfte in verschiedenen Feldern wählen, und ein paar gute Investoren auftun (was dank meiner Oberfläche ein Leichtes war).
All diese Möglichkeiten nahmen mir den Atem.
Das Einzige, was ich brauchte, war Zeit. Aber die Uhr tickte für den Ablauf meiner Lizenz.
Verdammt! Warum hatte ich bloß all diese kostbare Zeit verschwendet? Zum Beispiel damit, die Beziehung zu Vicky zuerst aufzubauen und anschließend zu zerstören? Oder wie ein kopfloses Huhn herumzulaufen und jedem Hinz und Kunz Verpackungsmaterialien zu verkaufen? Oder zu boxen? Oder Stunden im Stadion im Kreis herumzulaufen wie ein Esel am Mühlstein? Oder meine Fertigkeiten in Kochen und Landwirtschaft zu verbessern?
Die Erkenntnis meiner eigenen Dummheit war ernüchternd.
In drei Tagen war endlich die laufende Optimierung abgeschlossen, was meine Lernfertigkeiten auf Level 7 brachte. Noch immer verfügte ich über fünf Systempunkte, die ich mir bei meinen jüngsten Verbesserungen in den Leveln aufgespart hatte. Ich war fest entschlossen, sie ebenfalls in meine Lernfertigkeiten zu investieren. Das brachte mich auf Level 12, mit einer Fertigkeitsentwicklungsrate von 450 %. Dazu kam noch der Bonus von 50 % für die Entwicklung primärer Fertigkeiten, und ich war bei 500 % angelangt. Das konnte ich dann noch einmal mit dem Statistikverstärker multiplizieren, den mein Premium-Konto mir verschaffte, und der die aus dem Einsatz von Fertigkeiten gewonnenen Erfahrungspunkte verdreifachte. Was am Ende 1.500 % ergab. Das bedeutete, ich konnte jede Fertigkeit fünfzehn Male schneller erwerben als normale Menschen.
Ich könnte mich sogar dazu entschließen, eine bislang noch völlig unentwickelte Fertigkeit anzugehen, wie etwa das Fußballspielen, eine Schießsportart oder eine fremde Sprache, ein paar Tage an der Verbesserung arbeiten und sehen, wie schnell sie vor sich ging. Und falls das funktionierte …
Bei dem Gedanken verzogen meine Lippen sich zu einem Lächeln. Möglicherweise würde sich dies jetzt als die verrückteste Zeit sowohl für meine Spielerfahrung als auch für mein wirkliches Leben erweisen.
Außerdem durfte ich mich ja auch noch auf die Aktivierung der heldenmütigen Fähigkeiten freuen.
Davon abgesehen, wartete ich konstant auf neue Angebote des Systems, wie ein Kind auf Weihnachten. Was konnte ich wohl noch alles über den universellen Infospace erfahren, sobald ich erst einmal das nächste Erkenntnislevel erreicht hatte?
Schon der bloße Gedanke an all die Belohnungen, die für einen Gamer das Höchste sind, beruhigte mich und ließ mich die Zukunft – womöglich ohne Vicky – voller Zuversicht betrachten. Ich schob die Erinnerungen an den misslungenen Besuch bei ihren Eltern in den Papierkorb meines Gedächtnisses, zusammen mit denen an die ebenso unlogischen wie unfairen Angriffen ihres Vaters und an Vickys eigenes merkwürdiges Verhalten.
Und wenn ich sie noch so sehr liebte.


[1] Dimedrol: Ein Antihistaminikum mit beruhigender Wirkung, das bei russischen Kriminellen sehr beliebt ist.
[2] Dies entspricht etwa 75 USD pro Monat, was für russische Verhältnisse extrem billig ist.
[3] Borschtsch: Russische Suppe aus roten Rüben.
[4] Ein Dampfbadehaus ist eine besonders auf dem Land geläufige russische Version einer Sauna, beheizt mit einem Holzofen.  Es handelt sich dabei um eine kleine einstöckige Holzhütte, die sich meistens in einiger Entfernung vom Haupthaus befindet, normalerweise im hinteren Bereich des Gartens, und bevorzugt in der Nähe einer Wasserquelle, wie eines Bachs oder Flusses.
[5]  Etwa 7,00 USD pro Quadratmeter.
[6] Etwa 350 USD pro Monat.
[7] Pelmeni: Russische Teigtaschen, mit Fleisch gefüllt, ein sehr beliebtes Gericht. Kann fertig zubereitet im Supermarkt gekauft werden. Aber jeder russische Koch und jede russische Köchin, die etwas auf sich halten, verfügt über ein eigenes Familienrezept.


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Veröffentlichung am 4. Juni 2019



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