Tuesday, March 26, 2019

Falle für den Herrscher von Michael Atamanov



Kräutersammler der Finsternis Buch 3
Falle für den Herrscher
von Michael Atamanov



Vorbestellung: Amazon
Veröffentlichung am 24. Juni 2019



                    
  
Der neue Direktor
„SIE WOLLTEN MICH sprechen?”, fragte ich, klopfte höflich und trat durch die weit geöffnete Tür in das Büro meines neuen Chefs. Ich hielt einen Moment inne und las den Namen auf dem kupfernen Schild, das der Handwerker gerade an die Tür schraubte.
Max Tohner
Direktor für Sonderprojekte
Er war bereits die vierte Person in einem Monat, die dieses Büro bezog. Es war eine Position, auf der ein Fluch liegen musste. Der neue Leiter der Abteilung für Sonderprojekte sah jedoch überhaupt nicht bedrückt aus. Seine ganze Erscheinung strahlte Selbstvertrauen, Autorität und Kraft aus. Als ich eintrat, nickte er nur knapp und deutete auf einen Stuhl.



Aufgrund der nächtlichen Unterhaltung, die ich vor Kurzem mit dem Wächter geführt hatte, hatte ich mir ein völlig falsches Bild von meinem neuen Chef gemacht. Die Stimme und das Verhalten der leuchtenden, geflügelten Gestalt hatten angedeutet, dass die Person, die den Wächter gespielt hatte, jünger, etwa in meinem Alter war. Doch der Mann, der jetzt im riesigen Sessel des früheren, beleibten Direktors Mark Tobius saß, war klein, etwa 50 Jahre alt und hatte bereits graue Strähnen in seinem kastanienbraunen Haar. Eine kahle Stelle reicht bis auf seinen Hinterkopf. Seine Augen waren besonders auffällig: Sie waren kalt, weißlich mit einer hellfarbigen Iris. Irgendwie sahen sie nicht menschlich aus, eher wie die Augen einer Schlange oder eines Fisches.
„Sie kennen meinen Namen bereits”, sagte Max Tohner mit einem Nicken auf das Schild an der Tür, „und ich kenne Ihren. Darum lassen Sie uns gleich zum Geschäft kommen. Welche Art von Charakter spielen Sie, Timothy?”
„Einen Goblin-Kräutersammler”, antwortete ich.
Seine Unwissenheit überraschte mich. Wie war es möglich, dass er es nicht wusste?! Er hatte mich schließlich in Reich ohne Grenzen getroffen und meinen segelohrigen Amra selbst gesehen. Sicher hatte er die Meldung über das Volk, den Beruf und das Level meines Charakters gelesen! Hatte er diese Informationen tatsächlich vergessen? Es stellte sich jedoch schnell heraus, dass er die Frage nicht aus Vergesslichkeit oder Unwissenheit gestellt hatte.
„Sie sind also ein Kräutersammler und kein Pirat, Wolfsreiter oder Bestienmeister! Trotzdem ist Kräuterkunde Ihre am wenigsten entwickelte, am meisten vernachlässigte Fertigkeit! Sie haben es noch nicht einmal geschafft, sie bis zur ersten Spezialisierung zu leveln, obwohl Ihr Charakter auf Level 40 ist! Das ist unakzeptabel! Das Unternehmen hat Sie eingestellt, um eine ganz bestimmte Aufgabe zu erfüllen: Sie sollen unseren Nutzern zeigen, welche Vorzüge es hat, als Goblin-Kräutersammler zu spielen, doch aus irgendeinem Grund tun Sie alles andere, als diese ausdrückliche Aufgabe zu erfüllen!”
Mit jedem neuen Satz wurde die Stimme meines Chefs lauter. Am Ende schrie er mir seine Anschuldigungen ins Gesicht. Ich versuchte, mich zu rechtfertigen, indem ich den Direktor lächelnd daran erinnerte, dass mein Amra wegen der großen Jagd ständig auf der Flucht gewesen war und keine Zeit gehabt hatte, Pflanzen zu sammeln, doch ich hätte einfach den Mund halten sollen ...
Der Direktor war nicht zum Scherzen aufgelegt und fand meine Erwiderung völlig unpassend. Außerdem missfiel es ihm außerordentlich, dass ein Untergebener ihm widersprach. Vorwürfe und Flüche hagelten auf mich herab. Er beschuldigte mich, meine Vorgesetzten nicht zu respektieren, trotzig zu sein, mich wie ein Flegel zu benehmen, meine Arbeit zu vernachlässigen und warf mir zu guter Letzt vor, Verrat am Unternehmen von Reich ohne Grenzen zu begehen.
Als er seinen wütenden Monolog beendet hatte, beruhigte Max Tohner sich etwas und bemerkte in einem mehr oder weniger normalen Ton: „Die große Jagd ist schon seit mehreren Tagen beendet. Seitdem haben Sie einige Arbeitsschichten versäumt und Ihr Goblin ist während Ihrer letzten Spielsession kein einziges Level in Kräuterkunde aufgestiegen. Ihr Charakter hat sich ebenfalls nicht weiterentwickelt. Sie sind nachts einfach nach Herzenslust über die Wüste geflogen und haben Ihre Zeit vertrödelt statt zu arbeiten.”
Seinen letzten Vorwurf konnte ich nicht leugnen. Nachdem der königliche Wald-Lindwurm ein Level erreicht hatte, auf dem er mein Gewicht tragen konnte, hatte ich alles vergessen, was auf der Erde vor sich ging, und nur das Gefühl des Fliegens genossen, während meine Ork-Armee auf dem Weg durch die Große Wüste war. Doch die anderen Beschwerden waren nicht so leicht hinzunehmen. Ich war schockiert und wusste nicht, was ich tun sollte.
Es war lange her, dass mich jemand abgekanzelt hatte. Damals hatte mich der Schuldirektor heruntergeputzt, weil ich nicht zu meinem letzten Mathematiktest erschienen war. Ich hatte mich nicht gut genug auf den wichtigen Test vorbereitet und stattdessen beschlossen, einfach zu schwänzen und zu behaupten, ich hätte Schmerzen in der Brust. Ich war erst 10 Jahre alt gewesen und hatte in meiner Naivität angenommen, dass man mich nach Hause gehen lassen würde und ich den Test einige Tage später schreiben könnte. Ich hatte mir die Fragen von meinen Klassenkameraden besorgen und die Antworten zu Hause herausfinden wollen. Doch die ganze Sache war natürlich schief gegangen. Mein unbeholfener Versuch, eine Krankheit vorzutäuschen, war von den Sanitätern schnell entdeckt worden, und statt die höchste Punktzahl im Test zu erreichen, war ich zu dem wütenden Schuldirektor zitiert worden ...
Damals war mir klar gewesen, dass der Direktor nichts Gutes zu sagen haben würde, und war moralisch auf seine Vorwürfe vorbereitet gewesen. Doch jetzt hatte mich der neue Direktor für Sonderprojekte des Unternehmens von Reich ohne Grenzen mit seiner scharfen Kritik überrascht. Ich wusste nicht, wie ich reagieren sollte. Ich konnte unterwürfig sein und ihm zustimmen oder dem rüpelhaften Mann sagen, was ich von der Art und Weise hielt, wie er seine Untergebenen behandelte, und auf der Stelle meine Kündigung einreichen.
Das Leben würde nach Reich ohne Grenzen weitergehen. Ich würde eine neue Arbeitsstelle finden, wo mich die Vorgesetzten gut behandeln würden. Die 250.000 Credits, die ich bei der großen Jagd verdient hatte, erlaubten mir, optimistisch in die Zukunft zu schauen und mir keine zu großen Sorgen darüber machen zu müssen, dass ich diese Stelle verloren hatte. Trotzdem wollte ich keine vorschnelle Entscheidung treffen, die sich nicht mehr rückgängig machen lassen würde. Mein Chef hatte mir die Meinung gesagt, Dampf abgelassen und fasste sich langsam wieder.
Einige Dinge, die er gesagt hatte, entsprachen der Wahrheit. Zudem bemerkte ich, dass er müde aussah, als ob er nicht genügend Schlaf bekommen hatte. Wahrscheinlich war er deshalb übermäßig gereizt. Dazu kam, dass Max Tohner wahrscheinlich von seinen Chefs unter Druck gesetzt worden war, sich möglichst schnell in seine neue Position einzuarbeiten. Sicher übertrug er seine Wut darüber nun auf seine Untergebenen.
Bezüglich meines Gameplays erwartete ich hingegen eine vollkommen andere Bewertung. So oder so, Amra war es gelungen, das wunderbare fliegende Reittier zu behalten, er hatte dem grauen Rudel einen mythischen Hund hinzugefügt, war seinen Verfolgern entkommen und hatte die ganze Zeit ein rasantes Tempo vorgelegt. Meine in den Ranglisten weit oben stehenden Videoclips waren der Beweis für meinen Erfolg. Ich nutzte die Pause, die der Direktor eingelegt hatte, und erinnerte ihn an meine Leistungen.
Doch auch in diesem Punkt war mein Chef völlig anderer Ansicht. „Dieser plötzliche Anstieg in Popularität hat kaum etwas mit Ihren Leistungen zu tun. Dass Sie den einzigartigen Wald-Lindwurm bekommen haben, war nur ein Glücksfall. Mir sind die Einzelheiten nicht bekannt, doch ich habe Gerüchte darüber gehört, dass Sie sich in Ihrer viel gerühmten Quest nicht immer an die Regeln gehalten haben und dass andere Direktoren für Sonderprojekte wegen einiger undurchsichtiger Details entlassen worden sind. Von da an sind Sie mit dem Strom geschwommen. Ihre Clips sind so beliebt, weil die Spieler an der wertvollen Trophäe der großen Jagd interessiert waren, nicht weil Sie so ein fantastischer Spieler sind. Ihr Ruhm wird schon bald verfliegen und übrig bleibt nur ein trauriger Rest: ein abscheulicher Goblin-Kräutersammler, der noch nicht einmal seine Hauptfertigkeiten entwickelt hat.”
Ich wollte ihm widersprechen und hatte bereits meinen Mund geöffnet, um zu sprechen, doch ich blieb stumm und senkte den Kopf. Was meinen Charakter betraf, musste ich dem Direktor zustimmen.
Max Tohner fuhr fort: „Wenn Sie nur ein normaler Spieler wären, würde niemand etwas über das niedrige Level Ihrer Fertigkeit erwähnen, aber Sie sind ein Angestellter des Unternehmens von Reich ohne Grenzen und alle wissen es! Sie müssen ein Vorbild für andere Spieler sein, ihnen zeigen, welche Vorteile es hat, einen Kräutersammler zu spielen, das Potenzial dieses Pfades aufdecken und es wenigstens schaffen, nicht in Ihrem Beruf hinterherzuhinken. Im Moment sind Sie eine verdammte Schande! Die Fertigkeit Kräuterkunde eines durchschnittlichen Level-40-Kräutersammlers ist ungefähr auf Level 42 oder 43. Sie sind erst auf Level 15 ... Ich mache keinen Hehl daraus: Jemand, der für einen Spieleentwickler wie Reich ohne Grenzen arbeitet, sollte sich deswegen schämen. Wie viel Zeit brauchen Sie, um das Problem in den Griff zu bekommen? Ist 1 Woche genug?”
„Mehr als genug”, antwortete ich mit gleichmäßiger, selbstbewusster Stimme. Ich versuchte, meine wahren Gefühle zu verbergen, doch im Innern zog sich mein Magen vor Schreck zusammen. Würde ich es wirklich schaffen können, meine Fertigkeit Kräuterkunde in 1 Woche um 30 Levels zu erhöhen? Selbst wenn ich Tag und Nacht in Wäldern und Sümpfen herumkriechen würde, um Kräuter und Blumen zu sammeln, war ich nicht sicher, ob es ausreichen würde. Doch ich wollte mein mangelndes Selbstvertrauen vor meinem Chef nicht zeigen. Ich war immer noch ein leitender Tester und ein ziemlich berühmter Spieler. Mein Chef sollte mich als erfahrenen Angestellten sehen, der seinen Wert kannte.
„Großartig!” Max Tohner sah erfreut aus. „Lassen Sie uns sehen, wie weit Sie in 1 Woche kommen. Jetzt sollten wir einen Blick darauf werfen, wie Sie Ihre einzigartige fliegende Schlange für das gemeinsame Interesse und zum Vorteil des gesamten Unternehmens von Reich ohne Grenzen einsetzen können. Es gibt nur wenige fliegende Reittiere und Ihr Vorteil gegenüber anderen Spielern muss ständig betont werden. Wie wäre es, wenn Sie einige unentdeckte Länder erforschen würden?”
Ich hatte große Mühe, eine bissige Bemerkung zurückzuhalten. Es war kaum unmöglich, die ganze nächste Woche Kräuter zu sammeln und gleichzeitig ausgedehnte Flüge mit XANTHIPPE zu unternehmen. Doch ich wollte meinen Chef nicht provozieren, sondern antwortete stattdessen, dass ich bereits etwas Ähnliches planen würde.
„Den Lindwurm zu haben, ist natürlich ein großer Vorteil, doch er allein reicht nicht aus, um lange Entdeckungsmissionen auszuführen. Die fliegende Schlange ist noch zu klein und schwach. Sie ist schnell erschöpft und muss oft landen. An von gefährlichen Monstern bewohnten Orten würden wir gefressen werden, sobald XANTHIPPE landen würde. Und vergessen Sie nicht die fliegenden Bestien. In Reich ohne Grenzen gibt es jede Menge davon. In weit entfernten, unbekannten Gegenden haben sie unglaublich hohe Levels erreicht, XANTHIPPE und ich wären für sie nur kleine Häppchen. Aber ich habe zurzeit etwa 300 gnadenlose Orks unter meinem Kommando. Ich hätte die NPC-Piraten einfach freilassen können, aber das wäre meiner Meinung nach die falsche Entscheidung gewesen. Sie sind eine wertvolle Ressource, die nur darauf wartet, an der richtigen Stelle eingesetzt zu werden. Vielleicht könnte ich mit ihnen auf eine große Expedition zu schwer zugänglichen, unentdeckten Ländern gehen.”
„Fahren Sie fort”, erwiderte der Direktor interessiert. Er faltete seine Hände und lehnte sich über den Schreibtisch in meine Richtung.
„Meine Truppe ist gerade auf dem Weg durch den engsten Teil der Großen Wüste. Heute oder morgen werden wir die andere Seite erreicht haben. Ich habe meinen Kriegern den Weg beschrieben und die gante Nacht damit verbracht, hin und her zu fliegen, um sie mit Wasser aus einer verzauberten Quelle nahe der Kupfermine zu versorgen, das Stärke wiederherstellt. Es ist ein besonderes Elixier, aber es verdirbt schnell. Ich musste es auf dem königlichen Wald-Lindwurm transportieren, um es den Orks rechtzeitig zu bringen. Jedenfalls kommen sie schnell voran und werden die Wüste bald durchquert haben. Dann werden sie einen tiefen, breiten, schwarzen Fluss erreichen, der sich an der äußersten Grenze der bekannten Welt befindet. Ich könnte eine Karte dieser neuen Gebiete erstellen oder sogar einen Verteidigungsposten am Fluss bauen, an dem Spieler die gefährlichen Nächte in Sicherheit verbringen können.”
Der Direktor schaltete seinen Bildschirm an, überprüfte einige Minuten etwas und scrollte durch den Text. Dann lehnte er sich in seinem Ledersessel zurück und sah mich spöttisch an.
„Timothy, Sie haben keine Ahnung, wovon Sie reden. Der schwarze Fluss, zu dem Sie Ihre Orks führen, heißt Styx. Er ist auch als ‚Fluss des Todes‘ bekannt, weil sein Wasser tödlich ist. Es kann nicht getrunken werden. Seine Ufer sind sumpfig, überwuchert und es wimmelt dort von blutsaugenden Tieren, die unheilbare Krankheiten übertragen. Die größte Attraktion in seiner Umgebung sind die unzähligen gefährlichen, hochleveligen Kreaturen. Weiter flussaufwärts werden die Monster noch tödlicher. Ihre Zähne werden immer größer und schärfer.”
„In Spielwelten gibt es ein durchgängiges Gesetz: Je weiter man sich von leicht erreichbaren Orten entfernt, desto schwieriger werden die Bedingungen, desto gefährlicher werden die Bestien, aber desto wertvoller wird auch die Beute”, bemerkte ich in ruhigem Ton, obwohl diese neuen Informationen mich in höchste Alarmbereitschaft versetzt hatten.
„Richtig,” stimmte der Direktor mir zu. „Am Oberlauf des Styx verbergen sich viele interessante Orte mit einzigartigen Trophäen. Sich diese Trophäen zu holen, ist jedoch sehr schwierig. Ich habe einige aufschlussreiche Hinweise gefunden, die besagen, dass bereits 26 große Expeditionen von ernstzunehmenden Clans organisiert wurden. Dazu kommen unzählige Alleinreisende und kleine Gruppen, die versucht haben, den Oberlauf des Styx zu finden. Keiner von ihnen hat es geschafft, alle mussten früher oder später umkehren. Jetzt wollen Sie mir erzählen, dass Sie hoffen, erfolgreich zu sein, wo viele hochlevelige und besser vorbereitete Spieler sich geschlagen geben mussten?”
Ich gab dem Direktor keine klare Antwort auf seine Frage, doch ich versprach ihm, ernsthaft über die Sache nachzudenken und ihm um 20:00 Uhr in diesem Büro mitzuteilen, ob ich die Mission unternehmen wollte. Einerseits war ich nicht gerade erfreut, dass der Fluss, den ich von XANTHIPPES Rücken aus gesehen hatte, der legendäre, grausige Styx war. Andererseits stand mir ein fliegender Lindwurm zur Verfügung, der es mir bedeutend erleichterte, abgelegene Gegenden zu erreichen.
Mein Chef war von meiner Vorsicht nicht sehr beeindruckt und versuchte offen, mich zu verleiten, die Mission anzunehmen. „Wenn Sie diese Quest abschließen, nehme ich zurück, dass Ihr Goblin-Kräutersammler nutzlos ist. Weil die Mission dazu beiträgt, Reich ohne Grenzen zu erkunden, und allen Spielern zugute kommt, werde ich außerdem versuchen, die Unternehmensführung dazu zu bringen, Ihnen eine wertvolle Belohnung zu geben, die dem Schwierigkeitsgrad der Quest angemessen ist.”
Ich wiederholte jedoch nur mein Versprechen, ernsthaft darüber nachdenken zu wollen, verabschiedete mich und verließ das Büro. Obwohl die Mission offensichtlich sehr schwierig war, wollte ich sie nicht gleich ablehnen. Die Vorstellung von der sinkenden Popularität von Amras Videoclips, nachdem die große Jagd beendet war, versetzte mir einen unerwarteten Schock. Ich hatte mich schnell an meine Beliebtheit und den Ruhm gewöhnt. Sie waren wie eine Droge. Nachdem Millionen von Spielern jeden Tag mit angehaltenem Atem auf meine Clips gewartet hatten, wäre es unerträglich schmerzhaft, plötzlich wieder zu einem unbekannten Niemand zu werden.
Ich war bereit, an diesem großen, gefährlichen Abenteuer teilzunehmen, wenn es dazu führen würde, das Interesse der Zuschauer an meinem segelohrigen Goblin wieder zu steigern. Doch eine wichtige Entscheidung wie diese musste ich erst mit meiner Schwester besprechen. Wir spielten als Team und ich würde Val niemals zwingen, mich an solche düsteren und bedrohlichen Orte zu begleiten, wenn sie nicht einverstanden war.
***
Gleich nachdem ich aufgewacht war, ging ich zu meinem Computer, um herauszufinden, wie viele Zuschauer sich meinen neuen Videoclip über die Reise der Orks durch die Große Wüste und meine Ritte auf dem Lindwurm angesehen hatte. Es waren 2.104. Vor nicht allzu langer Zeit hätte mich diese Zahl vor Freude an die Decke springen lassen, doch verglichen mit den Millionen von Views während der großen Jagd waren es erbärmlich wenige, was mich äußerst unzufrieden machte ...
Mein Chef hatte recht gehabt, der Ruhm meines Goblin-Kräutersammlers verflog schnell. Diese traurige Tatsache ging mir im Kopf herum, als ich aus dem Schlafzimmer trat ... und sofort haltmachte.
Kira lag, von einer leichten Decke bedeckt, auf dem Sofa und schlief. Ihr leuchtend rotes Haar war auf dem Kissen ausgebreitet, sie hielt einen großen Stoffhasen im Arm. Wann meine Freundin in die Wohnung gekommen war, wusste ich nicht. Ich hatte einen halben Tag tief und fest geschlafen, weil ich während der Nacht gespielt hatte. Ich war nicht sicher, was ich tun sollte. Zuerst sollte ich mich wohl anziehen und nicht nur in meiner Unterwäsche in der Wohnung herumlaufen. Ich ging auf Zehenspitzen ins Schlafzimmer zurück, doch Kira wachte trotzdem auf.
„Wie spät ist es?”, murmelte sie schlaftrunken, ohne die Augen zu öffnen.
„19:00 Uhr”, antwortete ich.
„Verflixt, schon 19:00 Uhr? Dann muss ich aufstehen. Mir brummt der Kopf ... Muss ich heute wirklich zur Arbeit gehen, Timothy?”
Die seltsame Frage brachte mich zum Lächeln und ich antwortete fröhlich, dass ich ihr gerne den Tag frei geben würde, doch angesichts der Tatsache, dass sie in der Unternehmenshierarchie viel höher stünde als ich, vielleicht sogar die Präsidentin von Reich ohne Grenzen wäre, würde es praktisch einem Putsch gleichen, wenn ich ihr vorschreiben würde, was sie tun sollte.
Kira öffnete die Augen und warf die Decke zur Seite. Sie trug nichts weiter, als ein halb durchsichtiges Nachthemd. Sie setzte sich auf und sagte: „Machst du Witze, Timothy? Wie lange arbeitest du jetzt als Tester für das Unternehmen? Einen Monat? Willst du mir erzählen, dass du während dieser Zeit nicht versucht hast, herauszufinden, wer das Unternehmen von Reich ohne Grenzen leitet?”
Ich wurde verlegen, blickte zu Boden und zuckte mit den Schultern. Ja, ich war nur ein leitender Tester und meine Aufgabe war es, in Reich ohne Grenzen einen Goblin-Kräutersammler mit flatternden Ohren zu spielen. Die Ernennung und der Wechsel von Direktoren, Gewinnauszahlungen an Aktionäre und ähnliche Themen lagen nicht unbedingt in meinem Arbeitsfeld.
Kira schüttelte den Kopf, sah mir direkt in die Augen und informierte mich: „Der Präsident unseres Unternehmens heißt Thomas Heywood. Er ist hochgewachsener, stattlicher Mann mit dunklen Haaren. Er besitzt ein bemerkenswertes Charisma, ist sehr gebildet und verfügt über einen überraschenden Weitblick. Ich habe den Eindruck, dass er alles weiß! Auf jeder Etage des Unternehmensgebäudes hängen Porträts und Zitate aus seinen Reden! Sind sie dir noch nie aufgefallen? Wie dem auch sei, ich kenne Thomas persönlich. Vor einiger Zeit hat meine Großmutter Inessa versucht, mich mit ihm zu verheiraten. Thomas und ich hatten einige Dates, doch bald darauf haben wir uns in gegenseitigem Einvernehmen getrennt. Er war an mir als Frau nicht interessiert. Er benötigte ein Werkzeug, um Einfluss auf den Vorstand nehmen zu können, und ein Sprungbrett zur Macht. Wir sind gute Freunde geblieben und treffen uns manchmal bei privaten Unternehmensfeiern und Zusammenkünften hoher Persönlichkeiten der Stadt.”
Kira wollte mich nicht absichtlich meinen niedrigen gesellschaftlichen Stand spüren lassen, doch es war genau das, was passierte. Die schöne, rothaarige Frau hatte noch nie zuvor den Abgrund erwähnt, der unsere soziale Stellung trennte. Es war ein schmerzhafter Schlag ins Gesicht, doch es stimmte: Meine Freundin wies zwar nicht bei jeder Gelegenheit darauf hin, aber sie gehörte zur Elite der Metropole und war schwerreich. Sie erlaubte mir aus einer flüchtigen Laune heraus, in ihrer Nähe zu sein, weil sie von reichen Bewunderern und Männern, die nach einer interessanten Ablenkung suchten, genug hatte.
Ich sagte nichts zu Kira und zeigte ihr nicht, dass ihre Worte mich verletzt hatten, doch in dem Moment traf ich eine Entscheidung: Ich musste den Oberlauf des Styx finden, selbst wenn meine Schwester sich weigern würde, mich zu begleiten! Ich ging in die Küche und kochte Kaffee für uns. Gerade wollte ich die Tassen holen, als mein Handy klingelte. Der Klingelton und die Nummer waren mir unbekannt ... Sehr merkwürdig. Trotzdem nahm ich den Anruf an.
„Hallo?”
„Hallo Amra! Wann kommst du wieder ins Reich ohne Grenzen zurück? Ich vermisse dich und bin nach dem endlosen Tag sehr erschöpft. Die heiße Wüste hat uns alle erledigt. Selbst die Orks mit der höchsten Ausdauer taumeln bereits. Egal, wohin ich schaue, überall sehe ich brennend heiße Dünen ...”
Taisha? Was war hier los? Ich schüttelte den Kopf und kniff mir sogar in den Arm, um sicherzugehen, dass ich nicht träumte oder den Verstand verloren hatte. Eine NPC aus dem Spiel hatte mich in der realen Welt angerufen! Wie war das möglich? Ein Freund musste mir einen Streich gespielt haben!
Ich fragte die verdächtige Stimme einige Fragen, die nur meine NPC-Braut beantworten können würde. Sie kannte die Antworten! Es gab keinen Zweifel: Es war Taisha, ein von einem Computer erstellter Charakter aus einem virtuellen Spiel!
„Wie hast du meine Nummer herausgefunden? Und wie hast du es geschafft, in der Welt der Unsterblichen anzurufen?”
Die grünhäutige Schönheit am anderen Ende lachte laut und war sehr zufrieden mit der Überraschung, die sie bei mir ausgelöst hatte. „Du hast mir doch selbst gezeigt, wie es gemacht wird, Amra! Du hast in meiner Anwesenheit deine Nummer angegeben, als du den Notdienst angerufen hast. Hast du das vergessen?”
Nein, ich hatte es nicht vergessen ... Ich erinnerte mich genau an den schrecklichsten Moment meines Lebens. Mein ängstlicher, segelohriger Goblin hatte die bewusstlose Waldnymphe, meine Schwester, verzweifelt im Arm gehalten, während Valeria in der realen Welt fast gestorben wäre. Ich hatte den Notdienst direkt aus dem Spiel angerufen und der Mitarbeiterin des Notrufdienstes meine Adresse und Telefonnummer gegeben. Doch es wäre mir nicht im Traum eingefallen, dass meine NPC-Braut sich die Nummer merken und mich in der realen Welt anrufen würde.
Ich musste Taisha eine Antwort geben. Um sie zu beruhigen und aufzumuntern, versicherte ich der NPC-Diebin, dass ich ins Spiel zurückkehren würde, sobald die Sonne untergegangen wäre, wenn für meinen Goblin-Vampir keine Gefahr mehr von den glühenden Sonnenstrahlen ausgehen würde. Außerdem bat ich Taisha, dem Quartiermeister Ziabash Robust meinen Befehl zu übermitteln, die Gruppe weitermarschieren zu lassen. Sie mussten die Große Wüste durchqueren, egal, wie beschwerlich es war, über den heißen Sand zu laufen. Taisha versprach mir, den Quartiermeister zu informieren und legte auf. Ich senkte meine Hand, in der ich das Handy hielt.
„Wer war die Frau, mit der du gerade gesprochen hast? In welcher Sprache hast du gesprochen?”, fragte Kira beunruhigt. Sie war vom Sofa aufgestanden und stand nun in der Küchentür, um herauszufinden, wer mich angerufen hatte.
„Was meinst du mit ‚in welcher Sprache‘?”, fragte ich lächelnd ... und erstarrte gleich darauf. Sie hatte recht! Ich hatte nicht in meiner Muttersprache gesprochen, sondern ... Ich war mir nicht einmal sicher, wie ich es nennen sollte. Goblinsprache? Besser konnte ich es meiner Freundin nicht erklären. Ich fügte hinzu, dass der Anruf von einer NPC-Diebin namens Taisha gekommen war, ein von einem Computer erstellter Charakter aus dem Spiel Reich ohne Grenzen.
„Willst du dich über mich lustig machen? Hältst du mich für so naiv, dass ich dir eine solche Lügengeschichte glauben würde? Sag mir die Wahrheit oder ich werde sehr ärgerlich!”, schrie Kira.
Ich blieb jedoch dabei und wiederholte mehrmals, dass ich die Wahrheit gesagt hatte: Ich war wirklich von einem digitalen Charakter angerufen worden, der mich gefragt hatte, wann ich ins Spiel zurückkehren würde. Meine rothaarige Freundin fauchte wie eine wütende Katze und sagte mit zusammengebissenen Zähnen: „Ich werde dir natürlich eine Chance geben und deine Geschichte von den Experten des Unternehmens überprüfen lassen, obwohl es offensichtlich keinen Sinn ergibt. Sollte es sich jedoch als Lüge herausstellen und du machst mich vor wichtigen Leuten lächerlich, dann werde ich ... Dann werde ich ...”
Kira beendete ihren Satz nicht, sondern drehte sich einfach um, ging ins Wohnzimmer und schlug die Tür hinter sich zu. Ich wusste nicht, was sie tun würde, falls der Anruf der NPC-Diebin nicht von den Experten bemerkt worden war. Würde sie sich von mir trennen? Mich aus der Wohnung werfen? Sich bei ihrer einflussreichen Großmutter über mich beschweren? Ich konnte mir sicher sein, dass es auf jeden Fall zu negative Konsequenzen führen würde.
Als ich einige Minuten später mit 2 Tassen frischem, duftenden Kaffee ins Wohnzimmer kam, hatte Kira die Wohnung bereits verlassen.
***
Als ich im Krankenhaus ankam, war Val nicht in ihrem Zimmer. Ihr Rollstuhl war ebenfalls nicht da. War sie nur kurz weg und würde gleich wieder zurück sein? Doch eine Krankenschwester, die ich auf dem Flur traf, erzählte mir, dass sie meine Schwester auf einer der unteren Etagen mit anderen Teenagern gesehen hatte. Ich zog überrascht die Augenbrauen hoch. Meine schüchterne, reservierte Schwester war mit anderen Gleichaltrigen spazieren gegangen und hatte mit ihnen gesprochen? Das würde ich erst glauben, wenn ich es mit eigenen Augen gesehen hatte!
Doch die Krankenschwester hatte recht gehabt. Schon auf der Treppe schallten mir fröhliches Gelächter und freudig erregte Stimmen entgegen, einschließlich der meiner Schwester. Ich hielt abrupt an. Für ein Mädchen, das sich erst vor einigen Tagen das Leben nehmen wollte, weil die reale Welt unerträglich grau und langweilig für sie war, waren positive Gefühle so wichtig wie die Luft zum Atmen. Es würde keine gute Idee sein, meine Schwester aus dem Gemeinschaftsraum zu holen, wo sie im Moment Spaß hatte, um sie mit meinen Problemen zu belasten. Darum unterbrach ich sie nicht und kehrte in Vals Krankenzimmer zurück. Ich hatte nicht mehr viel Zeit, bevor ich zur Arbeit gehen musste, darum legte ich eine Tüte mit Obst und ein Geschenk für meine Schwester aufs Bett und schrieb ihr eine kurze Nachricht.
„Ich habe mit dem neuen Direktor gesprochen. Ich muss unbedingt meine Fertigkeit Kräuterkunde verbessern. Wenn du Zeit hast, lies bitte mal nach, wie ich sie innerhalb 1 Woche um 30 Levels erhöhen kann. Wir sehen uns heute Abend um 21:00 Uhr im Spiel.”
Heute Morgen hatte ich dem neuen Direktor versprochen, ihm meine Entscheidung hinsichtlich der Expedition zum Oberlauf des Flusses Styx um genau 20:00 Uhr mitzuteilen. Es war bereits kurz vor 20:00 Uhr und ich war besorgt, zu einem Treffen zu spät zu kommen, das ich selbst vorgeschlagen hatte. Das wäre ausgesprochen verantwortungslos und respektlos gegenüber meinem Vorgesetzten gewesen. Angespannt hastete ich die Treppen zum Gebäude des Unternehmens hoch, rannte zum Aufzug und um 19:55 stand ich vor der Tür mit dem Schild „Max Tohner. Direktor für Sonderprojekte.”
Die Tür war jedoch verschlossen ... Hatte der Direktor nicht auf mich gewartet? Kurz darauf piepte mein Handy. Es war mein Freund Max Sochnier, der Najadenhändler.
„Hallo, Timothy. Hast du schon mit dem neuen Direktor gesprochen?”
Ich konnte eine gewisse Andeutung in der scheinbar normalen Frage hören. Bevor ich antwortete, fragte ich meinen Freund, warum er es wissen wollte.
„Ich habe sein Büro vor 10 Minuten verlassen und jetzt bin ich vollkommen verzweifelt ... Wenn er nicht zu irgendeinem Notfall gerufen worden wäre, hätte er mir den Kopf abgerissen. Leon sitzt gerade neben mir am Tisch. Er ist ganz blass, seine Hände zittern und er raucht im Gebäude.”
Ich konnte die aufgebrachte Stimme des ehemaligen Bauarbeiters hören. „Ja, der hat mich richtig wütend gemacht. Wenn sie mich rauswerfen, weil ich hier drinnen rauche, dann zur Hölle mit dieser Arbeit! Ich musste mich schwer zusammenreißen, um dem alten Mistkerl nicht mit einem Aufwärtshaken den Kiefer zu brechen!”
Ich gab zu, dass ich heute Morgen während meines Gesprächs mit Max Tohner die gleiche Wut empfunden hatte. Ich sagte, dass ich es ebenfalls nicht gewohnt war, derart anschrien zu werden, und dass ich nicht wusste, ob ich mich darüber freuen sollte, vor der verschlossenen Tür seines Büros zu stehen, weil der zweite Teil des schwierigen Gesprächs offenbar auf später verschoben worden war.
„Ja, das verstehe ich!”, entgegnete Max Sochnier. „Komm auf die Etage der Tester hinunter. Leon und ich warten auf dich. Wir sitzen in einer Ecke bei den Verkaufsautomaten. Es gibt viel zu besprechen.”
Exakt 3 Minuten später trat ich aus dem Fahrstuhl und ging zu meinen Freunden hinüber. Leon und Max Sochnier standen auf, als sie mich sahen. Wir begrüßten uns herzlich.
„Jungs, der neue Direktor ist ein wildes Tier”, sagte der ehemalige Musiklehrer und kam gleich zum Thema. „Er hat mich angeschrien und mir fast mit einer Gefängnisstrafe gedroht, nur weil ich Geld vom Spielkonto meines Charakters abgehoben habe. Ich habe tatsächlich 30.000 Spielmünzen in 3.000 Credits umgetauscht, weil ich mein altes Elektroauto gegen ein neueres Modell auswechseln wollte.”
„Was ist denn daran kriminell?”, fragte ich. „Du bist ein Angestellter und wenn es in deinem Vertrag steht, hast du das Recht, Geld zu entnehmen.”
„Das dachte ich auch!”, brauste Max Sochnier auf. „Aber offenbar ist es nicht so einfach. Die Finanzabteilung hat sich beim Direktor über mich beschwert. Da mein Charakter mehrere Kredite und Kundengelder verwaltet, musste unser Chef sich mit der Situation vertraut machen und die Finanzleute beruhigen. Danach hat er mich angebrüllt, dass eine Person in meiner Position, die Geld aus Reich ohne Grenzen entnimmt, der Unterschlagung beschuldigt werden könnte. Es würde sowohl gegen die Regeln des Unternehmens als auch gegen die allgemeinen Steuergesetze verstoßen. Das ist total verrückt. Ohne Zustimmung eines vom Unternehmen speziell eingesetzten Prüfers, der jede meiner Geldentnahmen auf ihre Rechtmäßigkeit hin überprüft, kann ich noch nicht mal an mein eigenes Gehalt kommen! Ich bin ein Händler, ich werde immer Geld haben, dass eine Vorauszahlung von jemandem ist. Warum soll ich deshalb ohne Gehalt dasitzen?”
„Ja, das ist völliger Unsinn”, stimmte ich ihm zu. ”Und wenn du die Zahlungsart deines Gehalts im Vertrag änderst und ein monatliches Festgehalt wählst?”
Max Sochnier lachte düster und antwortete, dass der neue Direktor versucht hatte, ihn genau dazu zu zwingen. Doch in dem Fall wäre sein Gehalt viermal geringer ...
Als Nächstes erzählte Leon die Geschichte seines Gesprächs mit dem neuen Chef. Er versuchte, angemessene Worte zu finden, doch das gelang ihm nicht immer. Dem Direktor hatte einfach alles missfallen: Das niedrige Level des Oger-Festungsbaumeisters, das Fehlen eines durchdachten Spielplans, der starke Rückgang seiner Fortschritte und sogar seine romantische Beziehung mit einer angestellten Testerin. All das nutzte er, um dem früheren Bauarbeiter ein schlechtes Gewissen zu machen.
Ich berichtete ebenfalls von meiner Erfahrung mit unserem neuen Chef. Danach waren meine Freunde vollkommen entmutigt und ließen die Köpfe hängen. Als ich sah, wie bedrückt sie waren, nahm ich meinen Mut zusammen und erzählte ihnen von meinem Plan: Wir würden zusammen an einen Ort gehen, den niemand je betreten hatte, nicht nur kein einziger Mensch, sondern kein einziger Spieler aus Reich ohne Grenzen, egal welchen Volkes: Den Oberlauf des Styx!
„Und was bringt uns das?”, fragte Leon verdrossen.
„Popularität und einzigartige Trophäen, aber nicht nur das”, grinste ich. „Der Direktor wird gezwungen sein, uns respektvoll zu behandeln, wenn wir öffentlich ankündigen, dass wir Angestellte des Unternehmens sind, die eine besondere, äußerst gefährliche Mission zum Wohle des ganzen Reich ohne Grenzen ausführen. Wir könnten unseren Chef sogar beim Namen nennen und sagen, dass das Unternehmen ihn direkt beauftragt hat, uns diese Mission zu geben!”
Max Sochnier und Leon tauschten einige Blicke aus und feixten, als sie sich das Gesicht unseres Chefs vorstellten, nachdem er diese Nachricht erhalten würde.
„Das wird er uns sicher heimzahlen wollen ...”, warf der vorsichtige Najadenhändler ein.
„Wird er nicht. Erstens hat er mich selbst angestachelt, diese abenteuerliche Reise zu unternehmen, darum ist es die Wahrheit. Zweitens werde ich mein Bestes tun, um eine Menge Spieler dazu zu bringen, unserer Expedition zuzuschauen. Ich habe ein paar Trumpfkarten im Ärmel. Statt täglicher Videoclips könnten wir dazu übergehen, live zu streamen, ohne irgendetwas herauszuschneiden, damit die Zuschauer alle unsere Hindernisse, Gefahren und Tode miterleben können. Aber das Wichtigste ist, die Mission so zu präsentieren, dass die Zuschauer sie nicht als private Initiative einer kleinen Gruppe von Spielern verstehen, sondern als ein Projekt, das vom Unternehmen von Reich ohne Grenzen organisiert wurde. Wir müssen sie auf eine Weise vorstellen, dass unser Erfolg oder Misserfolg als der Erfolg oder Misserfolg des Unternehmens gesehen wird.”
Meine Freunde dachten lange nach. Schließlich hörte Max Sochnier auf, vor Nervosität mit seinen Fingern auf dem Tisch zu trommeln, und entgegnete: „Das ist ja alles schön und gut und ich bin bereit, dich auf dieses Abenteuer zu begleiten. Aber ich verstehe nicht ganz, wie du es schaffen willst, das Interesse an deinen Videoclips zu erhöhen. Es gibt tausende und abertausende von Spielern in Reich ohne Grenzen, die ihre Clips streamen, doch nur wenigen gelingt es, bekannt zu werden.”
Ich stieß ein kurzes Lachen aus und offenbarte meinen Kollegen schwer seufzend: „Es gibt eine wichtige Einzelheit, die mich von den anderen unterscheidet: Mein Charakter ist mit Vampirismus infiziert! Er ist von Anfang des Spiels an so erstellt worden, darum ist mein Goblin-Vampir gezwungen, nachts zu spielen und regelmäßig Blut zu trinken. Ich glaube, jetzt ist der richtige Zeitpunkt, um der ganzen Welt mein Geheimnis zu verraten. Wir könnten es sogar als eine weitere Laune der Entwickler präsentieren.”
Meine Freunde waren über mein Geständnis vor Schreck verstummt. Nach einer Weile presste Leon heraus: „Jetzt wird mir Vieles am Verhalten deines Goblin-Kräutersammlers klar. Zum Beispiel, warum du nie am Tag spielst und Blutproben für ‚Gegengifte‘ nimmst.”
„Ich wette, die Spieler werden sich deine Streams wirklich ansehen”, fuhr Max Sochnier nachdenklich fort. „Stellt euch das vor! Einer der letzten Vampire im Spiel! Unsere Gruppe darf bloß keiner Gruppe von Paladinen, Kämpfern der Untoten oder anderen Vampirjägern begegnen ...”
Die Befürchtungen meines Freundes waren durchaus begründet. Tatsächlich hatte ich für den Fall schon vorausgeplant.
„Darum werden wir meinen Vampirismus erst verraten, wenn unsere Gruppe sich von bewohnten Gebieten entfernt hat. Wenn ein Spieler sich einen Vampir holen will, muss er uns in die düsteren, gefährlichen Gegenden um den Fluss des Todes folgen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es viele geben wird, die ungeduldig genug sind, dieses Wagnis einzugehen. Die meisten Spieler werden unsere Reise verfolgen, auf unsere Rückkehr warten und hoffen, meinen Goblin-Kräutersammler nach dem gefährlichen Abenteuer zu erwischen.”
„Aber früher oder später wird unsere Mission beendet sein”, wandte Leon ein. „Was wirst du machen, wenn dein Vampir zurückkehrt und jede Menge Spieler mit Holzpflöcken, silbernen Kreuzen und Knoblauchketten auf ihn warten?”
Ich zuckte mit den Schultern. Warum sollte ich mir über etwas Gedanken machen, das vielleicht in ferner Zukunft oder gar nicht passieren würde? Außerdem gab es ein bedeutendes Detail: Es war für die Spieler nicht genug, in meinen Videos vom Vampirismus des Goblin-Kräutersammlers zu erfahren. Im Spiel würde es ihren Charakteren kein bisschen weiterhelfen. Um die Quest auszulösen, müssten sie den Vampir im Spiel entdecken, und das würde ich ihnen so schwer wie möglich machen. Mit meiner Level-20-Fertigkeit Verschleiern konnte ich meinen Namen verbergen und meine Schwester konnte ihre Illusionen einsetzen, um meinen segelohrigen Goblin auf viele verschiedene Arten zu tarnen. Dann sollte mal jemand versuchen, den Vampir in der Menge ausfindig zu machen, wenn er völlig anders aussah und einen anderen Namen hatte! Und wenn es wirklich gefährlich werden sollte, hatte ich immer noch die Möglichkeit, auf XANTHIPPE davonzufliegen. Alles in allem sah ich mich keinesfalls in einer ausweglosen Lage, sondern war zuversichtlich, dass ich in jeder Situation entkommen konnte.
Meine Freunde und ich saßen noch 1 Stunde am Tisch und planten die konkreten Einzelheiten unserer bevorstehenden Mission. Vor allem musste das Problem der Vorräte und des Proviants gelöst werden. Um Max Sochnier die Schikanen durch den Finanzprüfer zu ersparen, beschlossen wir, Vorräte für 300 Orks von dem Geld zu kaufen, das er sich von mir geliehen hatte. Besondere Aufmerksamkeit widmeten wir der Auswahl der Käufe und dem Lieferungsort.
Ich bat meine Freunde, nach alten Karten der 26 gescheiterten Expeditionen zum Oberlauf des Styx zu suchen. Ich wusste, dass diese Karten nicht öffentlich verfügbar waren, denn ich hatte bereits nachgesehen, doch vielleicht könnten wir Spieler finden, die bereit waren, eine zu verkaufen.
Darüber hinaus benötigten wir zusätzliche Gefährten, vorzugsweise NPCs, die als Reiseführer und Kundschafter in gefährlichen, unbekannten Wildnissen dienen konnten. Weder wir noch meine Goblins und Piraten hatten die nötige Erfahrung und das Wissen, um in rauen, sumpfigen Gegenden zu überleben. Diese Charaktere konnten wir sicher im Spiel finden, darum bat ich Max Sochnier, sich in den Häfen und Städten umzusehen, an denen seine Beschwipster Tölpel auf ihrer Handelsroute vorbei kam, und einige anzuheuern.
Es gab noch weitere Einzelheiten, die Planung erforderten, doch als mein Alarm um 21:00 Uhr klingelte, mussten wir unser Gespräch vorerst beenden. Die Welt von Reich ohne Grenzen erwartete mich.

Verlorene Oase
ICH LUD DAS Spiel hoch. Es gab keine neuen Nachrichten – ein weiterer Beweis dafür, dass die Popularität meines Goblin-Kräutersammlers bei den Spielern und Zuschauern gesunken war. Ich erinnerte mich, dass ich während der großen Jagd manchmal die Lust verloren hatte, die ständig eingehenden, unzähligen Nachrichten durchzusehen. Ich hoffte, dass dieses Desinteresse nur ein vorübergehendes Phänomen sein würde.
Die Tabelle mit der Statistik meines Charakters erschien vor meinen Augen.

Name
Amra
Volk
Goblin-Vampir
Beruf
Kräutersammler
Erfahrung
513.172 von 540.000
Charakterlevel
40
Trefferpunkte
336/336
Ausdauerpunkte
293/293
Attribute

Stärke (Str)
42 (42)
Beweglichkeit (Bew)
49 (150)
Intelligenz (Int)
5 (21)
Konstitution (Kon)
44 (55,5)
Wahrnehmung (Wah)
3 (45,3)
Charisma (Cha)
78 (96)
Unbenutzte Punkte
0
Hauptfertigkeiten (6 von 6 gewählt)

Kräuterkunde (Wah, Bew)
15
Handel (Cha, Int)
18
Alchemie (Int, Bew)
23
Ausweichen (Bew, Wah)
22
Tarnung (Bew, Kon)
23
Exotische Waffen (Bew, Wah
13
Nebenfertigkeiten (6 von 6 gewählt)

Verschleiern
13
Akrobatik
18
Athletik
16
Vorarbeiter
26
Reiten
18
Tiere beherrschen
14

Wie man es auch drehte und wendete, ich war mit Kräuterkunde tatsächlich in großen Rückstand geraten. Meine anderen Fertigkeiten mussten ebenfalls erhöht werden, aber das war normal für einen Charakter, der seine Erfahrung hauptsächlich mit dem Abschließen von Quests verdiente, und nicht durch stundenlanges Farmen. Wie auch immer, ich würde mir etwas einfallen lassen, um die Situation zu korrigieren.
Es war später Abend in Reich ohne Grenzen. Die Sonne war am Horizont verschwunden und unzählige Sterne leuchteten am Himmel. Um mich herum sah ich die vielen Zelte der Orks. Dahinter konnte ich ärgerliche Stimmen und laute Streitereien hören. Ich stand neben einer Feuerstelle, wo einige Orks etwas in einem Topf kochten, das ziemlich unappetitlich roch. Meine Ankunft löste Jubel aus.
„Kapitän! Kapitän Amra ist wieder da! Er kann unser Problem lösen!”
Das immer lauter werdende Geschrei hinter den Zelten sagte mir, dass ich sofort eingreifen musste. Ich schob die Orks beiseite und lief in Richtung des erhitzten Streits. Ich kam gerade rechtzeitig. Zwei Gruppen randalierender Piraten standen sich gegenüber und hatten bereits ihre Säbel und Dolche gezogen. Eine Gruppe wurde vom Schamanen angeführt, die andere, doppelt so große, wurde von meinem Quartiermeister kommandiert.
„Was geht hier vor?”, rief ich. Meine wütende Stimme unterbrach den Streit. Beide Seiten steckten eilig ihre Waffen in die Scheiden zurück.
Glücklicherweise war außer dem Troll noch niemand verletzt worden, aber die riesige, grüne Kreatur besaß völlige Gesundheitsgeneration. Er zog eine gebogene Klinge aus seiner Brust, die bis zum Griff in ihm steckte. Ohne ein Wort gab er die Waffe seinem Besitzer zurück. Der Quartiermeister Ziabash Robust trat einen Schritt nach vorne und erklärte, worum es bei dem Streit gegangen war.
„Kapitän Amra, ich habe den Befehl erhalten, unseren Weg durch die Wüste fortzusetzen. Aber meine Leute sind müde, sie sind seit Tagen ohne Pause durch den heißen Sand gelaufen. Sie fragen mich immer wieder, wohin wir eigentlich gehen. Das Meer befindet sich in der entgegengesetzten Richtung und vor uns liegen nur Sand und Tod ... Trotzdem treibe ich sie an, doch sie gehorchen mir immer weniger. Nicht mehr lange und sie werden offen rebellieren!”
„Die unerträglich heiße Sonne hätte uns heute fast umgebracht!”, rief ein erzürnter Ork aus. Er wagte es jedoch nicht, mir seine Beschwerde ins Gesicht zu sagen, sondern versteckte sich hinter den anderen.
„Richtig”, fuhr der Quartiermeister nun selbstsicherer fort, als er die Stimmung der Mannschaft erfasste. „Die letzten Tage in der Wüste waren katastrophal. Unsere Wasservorräte waren am Mittag verbraucht und die Sonne hat gnadenlos geschienen. Jeder von uns hätte für einen Schluck Wasser getötet. Erst heute Abend haben wir diese kleine, zwischen den Dünen versteckte Oase gefunden.”
Der Troll, dessen Wunden bereits völlig verheilt waren, führte Ziabashs Rede fort.
„Hier haben wir zwar Wasser und sind vor der Sonne geschützt, doch es gibt nichts zu essen. Ein paar Palmnüsse sind für 300 hungrige Mäuler ein Tropfen auf dem heißen Stein. Wir haben seit 2 Tagen nichts zu essen gehabt. Schamane Ghuu hat sich mit 12 Freiwilligen zu den Klippen im Süden auf den Weg gemacht, doch nach nur 1.000 Schritten sind sie von einem Ifrit[1] angegriffen worden...
Zu allem Überfluss auch noch ein Ifrit? Wir hatten schon genügend Probleme. Ich verstand den Missmut meiner Mannschaft, doch ich wusste im Moment nicht, wie ich die Piraten beschwichtigen und die Ordnung wiederherstellen sollte.
„Ein Ifrit?” Valerianna Schnellfuß hatte Reich ohne Grenzen ebenfalls betreten. „Seid ihr sicher, dass es ein Ifrit war?”, unterbrach sie die Auseinandersetzung.
„Ja, Zauberin”, antwortete der Schamane Ghuu Gel Allwissend und trat ebenfalls hervor. „Es war ein Sandsturm-Ifrit auf Level 77. Ein riesiger, halb durchsichtiger Geist, der aussah, als ob er aus Sand und leuchtenden Blitzen gemacht war. Wir hatten nicht einmal Zeit, unsere Waffen zu ziehen, so schnell hat der Dämon Staubstürme um unsere Gruppe herum wirbeln lassen. Peitschender, heulender Wind und Sand wehte uns direkt in die Augen. Wir konnten nichts mehr erkennen oder uns orientieren. Danach hat sich wie in einem grauenhaften Alptraum der Sand unter unseren Füßen aufgetan und 3 Orks sind bis zur Hüfte hineingefallen. Sie haben vor Schmerzen laut geschrien, als ob ihnen bei lebendigem Leib die Haut abgezogen werden würde. Von Minute zu Minute sind sie tiefer und tiefer in den Sand gezogen worden ...”
„Es war schrecklich, Kapitän!”, bestätigte der Ork, der dem Troll Minuten zuvor seinen Säbel in die Brust gestoßen hatte. „Die Schreie der bedauernswerten Seelen klingen mir noch immer in den Ohren. Wir sind vor Angst zu Stein erstarrt und konnten uns nicht bewegen. Wir haben nur da gestanden und zugesehen, wie unsere Kameraden gestorben sind. Kurz darauf wurden sie völlig in den Sand hineingezogen und das Schreien ist verstummt. Danach war es, als ob unsere unsichtbaren Fesseln abgefallen wären, und wir konnten uns wieder bewegen. In panischer Angst sind wir davongelaufen.”
„Ich habe mit den übrigen Orks den Rückzug angetreten, Kapitän. Meine Magie war gegen den grauenvollen Dämon wirkungslos ...” Der Schamane senkte den Kopf. „Sobald wir wieder im Lager waren, habe ich einige Geister beschworen und sie um Rat gefragt. Sie haben mir gesagt, je tiefer wir in die Wüste gehen würden, desto gefährlicher würde es werden. Wir würden immer mehr Ifrits begegnen und sie würden immer stärker werden. Die Geister haben uns geraten, schnell umzukehren, bevor es zu spät ist! Sie haben gesagt, wenn wir weitergehen, erwartet uns der sichere Tod!”
Die Piraten begannen, laut durcheinander zu reden. Einige waren der Meinung, wir sollten zur Kupfermine zurückkehren, wie der Schamane geraten hatte. Das stellte ein Problem dar, mit dem ich nicht gerechnet hatte ... Dass meine Piratenmannschaft mir auf der gefährlichen Reise zum Oberlauf des Styx nicht folgen wollen würde, war mir überhaupt nicht in den Sinn gekommen. Ich wusste nicht, was ich tun sollte.
Zum Glück kam mir meine Schwester mit einem Kommentar über den Ifrit zur Hilfe, wenn auch aus einer etwas merkwürdigen Perspektive.
„So ein glücklicher Zufall!”, rief sie. „Die Unsterblichen betrachten Ifrits als großartige Möglichkeit, um reiche Beute zu machen, weil sie hunderte, manchmal tausende von Jahren leben und viele Schätze ansammeln. In der Nähe der Stelle, wo der Ifrit euch angegriffen hat, hat er bestimmt ein Versteck, in dem er seine Schätze hortet. Ifrits leben gewöhnlich in Höhlen und tarnen die Eingänge sehr gut mit Magie. Doch Kapitän Amra hat ein Talent dafür, Verstecke zu finden, und ich kann den magischen Vorhang öffnen. Wir sollten zu dem Ort zurückkehren, an dem ihr angegriffen worden seid, und nach dem Eingang zu der Höhle mit den Schätzen suchen!”
Ich bemerkte, wie sich die Stimmung der Piraten änderte. Vor einem Moment hatte der Gedanke an den Sandsturm-Ifrit die Orkpiraten noch in Angst und Schrecken versetzt, sodass sie so schnell wie möglich entkommen wollten, doch jetzt zögerten sie. Ihre Angst vor dem grauenvollen Dämon kämpfte gegen die Verlockung seiner Reichtümer. Ich musste die Idee meiner Schwester unterstützen, um sie endgültig zu überzeugen.
Ich hob meinen Arm, um sie zur Ruhe zu bringen, und verkündete laut, sodass alle Piraten mich hören konnten: „Wir haben wirklich Glück gehabt, dass uns die Kreatur begegnet ist. Derjenige, der den Ifrit zuerst gesehen hat, erhält eine Belohnung von 50 Münzen! Natürlich nur, falls er noch am Leben ist”, fügte ich grinsend hinzu und viele Orkpiraten lachten.
Du hast mit der Fertigkeit Vorarbeiter Level 27 erreicht!
„Ifrits sind nur gefährlich, wenn sie Leute überraschend angreifen können. Eine gut vorbereitete Mannschaft kann eine solche Kreatur hingegen ohne große Schwierigkeiten besiegen”, versicherte die Mavka und beseitigte damit die letzten Zweifel der Piraten. Das furchterregende Monster war in ihren Augen zu einer wertvollen Trophäe geworden.
„Der Ifrit ist uns wirklich in den Schoß gefallen”, fuhr ich fort. „Wir müssen die Höhle des Wüstengeistes ausräumen, damit unsere entbehrungsreiche Reise durch die Große Wüste nicht umsonst war. Doch nur die Stärksten und Mutigsten dürfen mich auf die Jagd nach dem Schatz begleiten. Meine Krieger dürfen sich nicht von starkem Wind in die Flucht schlagen lassen ...”
„Ich komme mit!”, unterbrach mich meine NPC-Braut Taisha, ohne das Ende meines Satzes abzuwarten. Sie trug ihre Rüstung aus Smaragddrachenhaut und sah sehr eindrucksvoll und entschlossen aus. Als ich zustimmend nickte, stieß die schöne Goblinfrau einen Freudenschrei aus und warf sich mir an den Hals. Der Schamane Ghuu trat ebenfalls vor, umfasste seinen knorrigen Stab und murmelte etwas davon, in den Schätzen des Dämons wühlen zu wollen. Danach war es einfach, eine Gruppe von Freiwilligen zusammenzustellen. Es gab mehr als genug Orks, die mit uns kommen wollten.
„Ich hoffe inständig, dass du recht hast und wir das Monster besiegen können”, flüsterte ich der Waldnymphe zu, als wir allein waren. „Sonst muss ich befürchten, meine Autorität als erfolgreicher Kapitän einer Piratenmannschaft ein für alle Mal zu verlieren.”
„Das hoffe ich auch”, entgegnete Valerianna Schnellfuß genauso leise. „Wie auch immer, Segelohr, du solltest zu den Palmen gehen, die sich in einiger Entfernung befinden. Ich kann dort die Markierung für einen Spawnpunkt erkennen ...”
***
„Das Beste an Ifrits ist, dass sie am anfälligsten für Körperschaden sind”, informierte die Waldnymphe mich. Sie hatte den Artikel über die Kreaturen bereits im Bestiarium von Reich ohne Grenzen nachgelesen. „Ifrits sind magische Wesen. Es ist sehr schwierig, sie mit Magie zu töten. Sie verfügen über vollständige Resistenz gegen Luftmagie, doch sie können leicht durch normale Pfeile und Klingenwaffen verletzt werden. Außerdem sind sie nicht gerade für ihre Intelligenz bekannt. Es wird empfohlen, erst 1 oder 2 Tanks mit guter Rüstung und hohen Trefferpunkten gegen einen Ifrit einzusetzen, und ihn danach von Schützen aus der Ferne erschießen zu lassen. Keine besonders einfallsreiche Strategie, aber es funktioniert.”
„Willst du damit sagen, dass ein Wüstendämon nicht einmal genug Intelligenz besitzt, um einem Pfeil aus dem Weg zu gehen?”, fragte ich zweifelnd.
„Erwartest du wirklich, dass Wüstenwinde intelligent sind, Tim? Außer ihrer enormen Größe und der Fähigkeit, Wirbelwinde zu beschwören, ist ein Ifrit ein gehirnloser Strom aus brennender Luft und Sand, den dämonische Magie lebendig werden lässt. Er greift starrköpfig alle Feinde an, die sich in seiner Nähe befinden. Wenn du unseren Troll einsetzen willst, statte ihn mit einer guten Rüstung aus und lass ihn die Treffer einstecken ...”
Nachdem ich mir den Plan durch den Kopf gehen lassen hatte, lehnte ich ihn ab. „Nein, Val. Ein Level-77-Monster wird unseren Level-54-Troll schnell besiegt haben, egal, wie gut seine Rüstung und Gesundheitsregeneration sind. Nicht einmal die Heilmagie unseres Schamanen wird ihm helfen können. Der Unterschied in Levels ist zu groß. Ich bin der Meinung, wir sollten Taisha und mich als Köder benutzen, die vor der Nase des Ifrits hin und her sausen. Während wir den Windböen und dem Flugsand ausweichen, beschießen ihn 20 Orks mit Pfeilen. Der Schamane kann uns helfen, indem er unsere Stärke und Beweglichkeit erhöht, und du kannst mit deiner Illusionsmagie Kopien von uns kreieren. Das wird den Ifrit völlig verwirren. Vielleicht sollten wir das graue Rudel und die Goblins Irek und Yunna ebenfalls mitnehmen. Sie sterben nicht und können die zusätzliche Erfahrung gut gebrauchen.”
Es war ein einfacher Plan und ich hatte keinen Zweifel, dass er funktionieren würde. Die Hauptsache war, den Ifrit zu provozieren, sodass er aus seinem Versteck kriechen und sich zeigen würde. Danach würden wir leicht mit ihm fertig werden. Soweit meine Theorie, doch die Realität hatte eine Überraschung für uns parat. Wir versuchten alles Mögliche, doch der Ifrit wollte sich einfach nicht zeigen. Wir wanderten eine ganze Stunde in Gruppen oder einzeln in der dunklen Wüste herum, doch der heimtückische Sanddämon hatte keine Lust, herauszukommen. Selbst nachdem ich meine Fähigkeiten Leben entdecken und Nachtsicht aktiviert hatte, konnte ich nichts entdecken.
„Hast du dich vielleicht geirrt und dies ist nicht der richtige Ort?”, fragte die Mavka den Schamanen zum wiederholten Mal, aber Ghuu Gel Allwissend versicherte ihr, dass ihm kein Irrtum unterlaufen war und wir an der Stelle befanden, wo der Ifrit die Orks attackiert hatte.
Die Worte des Schamanen wurden durch riesige, orkische Fußspuren bestätigt, die von der Oase kamen und dorthin zurück führten, doch plötzlich aufhörten. Die Staubteufel, die der Ifrit beschworen hatte, mussten alle Spuren verweht und nichts als glatten Wüstensand zurückgelassen haben.
„Vielleicht ist der Sanddämon durch die 3 Orks satt und ruht sich aus, um seine Beute zu verdauen. Oder er hat Stärke gesammelt und sich einen anderen Ort gesucht”, schlug Valerianna Schnellfuß vor, doch Taisha, die nicht weit entfernt stand, schüttelte den Kopf.
„Nein, der Ifrit ist nicht satt. Er ist gestorben ...”
„Was?!” Mein segelohriger Goblin lief zu der NPC-Diebin hinüber. Taisha deutete auf einen bunten Stein, der halb von Sand bedeckt war.
Herz eines Sandsturm-Ifrits (alchemistische Zutat)
Deine Intelligenz reicht nicht aus, um die Eigenschaften zu bestimmen.
Die Prüfung deiner Wahrnehmung war positiv.
Verdiente Erfahrung: 160 EP
Der Stein sah nass aus. Merkwürdig ... Wasser im Sand der Großen Wüste? Sicher war es nur Tau. Aber wie konnte zu Beginn der Nacht Tau entstanden sein? Besonders nach einem unerträglich heißen Tag? Ich hob den seltsamen Stein auf. Er war ziemlich schwer, nass und etwas klebrig. Ich betrachtete ihn etwas genauer. Nein, es war kein Wasser!
Ifritblut (alchemistische Zutat)
Das Blut eines Ifrits war sehr selten, wenn man bedachte, wie schwierig es war, einem Ifrit zu begegnen. Für meine vampirische Sammlung war es von unschätzbarem Wert! Außer Taisha und Valerianna stand niemand in der Nähe, daher musste ich mich nicht verstellen. Ohne Zeit zu verlieren, steckte ich den Stein in den Mund, um das Blut abzusaugen.
Freigeschaltetes Achievement: Geschmackstester (42/1000)
Die Meldung, die folgte, war erfreulich und voraussehbar gewesen, doch die nächsten Ereignisse zeigten mir, wie wenig ich über Reich ohne Grenzen wusste. Der Stein begann plötzlich, in meinem Mund zu pulsieren. Das Herz des Ifrits schlug noch und mein Goblin verschluckte es vor Schreck ... Ich hatte das Gefühl, zu ersticken, und fiel auf die Knie, weil der Stein ziemlich groß war. Es kostete mich große Anstrengung, doch schließlich gelang es mir, ihn ganz herunterzuschlucken. Die nächste Meldung ließ meinen Goblin vor Überraschung die Ohren aufstellen.
Dein Ruhm hat sich erhöht.
Aktueller Wert: 5
Du bist der erste Spieler, der ein Ifritherz auf diese Weise genutzt hat.
Du hast einen magischen Gegenstand aktiviert. Du kannst 1 Effekt wählen:
- Einmaliger Erfahrungsgewinn von 500.000 EP
- Permanente +5 % Schutz gegen Luftmagie
- Von 1 Gegenstand aus deinem Inventar werden Level- und Fertigkeitsanforderungen entfernt
Lieber Himmel! Eine halbe Million Erfahrungspunkte würden meinen Goblin-Kräutersammler sofort auf Level 51 erhöhen! 11 Levels auf einmal! Obwohl ... Ich stellte mir vor, wie mein Direktor sagen würde: „Sie sind auf Level 51, aber Kräuterkunde ist erst auf Level 15”, und meine Begeisterung verging mir wieder. Es blieben also Schutz gegen Luftmagie oder ... Ich besaß Fenrirs Kralle, die ich wegen der Levelanforderungen nicht benutzen konnte! Richtig! Ich öffnete mein Inventar.
Amulett Fenrirs Kralle (einzigartiger Gegenstand)
Verleiht +250 Konstitution, +250 Stärke, +50 % Resistenz gegen Körperschaden, +50 % auf Reaktion der folgenden Kreaturen: Hunde, Wölfe, Wargs, Werwölfe
Achtung! Das Level deines Charakters ist zu niedrig, um diesen Gegenstand zu benutzen.
Erforderliches Level: 125
Dieser Gegenstand wäre bestens geeignet, um die Levelanforderungen zu entfernen! Ich beschloss, das Ifritherz für diesen Effekt zu nutzen. 5 Sekunden lang passierte nichts, die Informationen über Fenrirs Kralle änderte sich nicht. Ich befürchtete schon, dass es nicht funktioniert hatte. Doch ich konnte das Amulett bereits an den richtigen Platz ziehen, was ich sofort tat. Danach spuckte das System eine Vielzahl von Meldungen aus.
Du hast 2 Gegenstände von Fenrirs verfluchten Insignien ausgerüstet.
Die versteckte Mission „Wahres Alphatier des grauen Rudels” ist abgeschlossen.
Verdiente Erfahrung: 40.000 EP, die begrenzte Mitgliederzahl des grauen Rudels erhöht sich auf 10
Set-Bonus freigeschaltet: Alle Mitglieder des grauen Rudels erhalten einen Bonus von +50 Stärke, +50 Beweglichkeit, +50 Konstitution, +25 % Bewegungsgeschwindigkeit, +25 % Erfahrungsgewinn
Level 41!
Level 42!
Du hast mit der Fertigkeit Tiere beherrschen Level 15 erreicht!
Erhaltene Mission: Fenrirs Vermächtnis (1/4)
Missionskategorie: Einzigartig, persönlich
Beschreibung: Die verbleibenden 4 Gegenstände von Fenrirs verfluchten Insignien sammeln und ausrüsten
Belohnung für jeden einzelnen Gegenstand: 100.000 EP, +10 Tiere beherrschen, +50 Stärke, +50 Beweglichkeit, +50 Konstitution, +2 auf begrenzte Mitgliederzahl des grauen Rudels
Optionale Bedingung: Rüste alle Gegenstände von Fenrirs verfluchten Insignien aus.
Belohnung: 1.000.000 EP, Ruhm +3, Begrenzung der Mitgliederzahl des grauen Rudels wird entfernt und ist ausschließlich von Charisma und Fertigkeiten abhängig.
ACHTUNG! Falls du die optionale Bedingung erfüllst, erhält dein Charakter die für alle Spieler sichtbare Markierung als Krimineller. Sie ist so lange aktiv, bis dein Charakter alle Gegenstände von Fenrirs verfluchten Insignien abgelegt hat.
Durch den Tod deines Charakters wird die Markierung als Krimineller nicht entfernt.
Ich brauchte eine Weile, um die Informationen sorgfältig durchzulesen und zu verarbeiten. Das Spiel hatte mir eine einzigartige Quest angeboten und das kam nur äußerst selten vor. Außerdem war mir gerade ein Pfad eröffnet worden, der es meinem Goblin ermöglichen würde, unbegrenzte Macht zu erreichen. Keine begrenzte Mitgliederzahl des grauen Rudels mehr! Das bedeutete ... Die unendlichen Möglichkeiten ließen mir den Atem stocken. Wenn ich mein Charisma erhöhen und die Fertigkeiten Tiere beherrschen sowie Vorarbeiter hochleveln würde, würde ich hunderte von furchterregenden Raubtieren in meinem Rudel aufnehmen können!
Zusätzlich würde ich den Tieren die Spezialisierung Rudeljäger geben können. Dadurch würden die Stärke, Überlebensfähigkeit und Kampffähigkeiten jeder einzelnen Bestie proportional zur gesamten Mitgliederzahl zunehmen ... Außerdem würden die Tiere durch meine Fertigkeiten gestärkt und die Boni von Fenrirs verfluchten Insignien kamen auch noch dazu ...
Die permanente Markierung als Krimineller war zwar äußerst unangenehm und würde jedem das Recht geben, meinen segelohrigen Goblin-Kräutersammler zu töten, doch mein vampirischer Charakter war sowieso dabei, ein gesuchter Verbrecher zu werden, daher würde es keinen großen Unterschied machen.
Nun gab es nur noch einen Haken: Ich musste die 4 Gegenstände finden. Doch bevor ich mich auf die Suche machen konnte, musste ich herausfinden, um welche Gegenstände es sich überhaupt handelte und wie sie hießen ... Ich hatte keine Ahnung, wonach ich suchen sollte. Stiefel oder vielleicht einen Helm oder Umhang? Mein einziger Hinweis war, dass der Name des Gegenstands höchstwahrscheinlich mit dem riesigen, mythischen Wolf Fenrir in Verbindung stand.
Ich seufzte schwer, als ich wieder auf den Boden der Tatsachen zurückgekehrt war. Ich wusste nicht genug über die einzigartigen Gegenstände. Jeder von ihnen war einmalig und Reich ohne Grenzen war riesengroß. Sie zu finden würde äußerst schwierig sein. Plötzlich schoss mir ein Gedanke durch den Kopf: Vielleicht befanden sie sich noch im Besitz der Spieler, die Fenrir vor einigen Monaten getötet hatten! Es konnte nicht so schwer sein, die Teilnehmer des berüchtigten Ereignisses festzustellen, denn es gab unzählige Videoclips und damit verbundene Themen im Spielforum. Wahrscheinlich gab es sogar eine detaillierte, auf die Sekunde genaue Aufzeichnung des letzten Kampfes!
Natürlich konnte es sein, dass die Spieler ihre Trophäen schon lange verkauft oder verschenkt hatten, weil die verfluchten Gegenstände für sie wertlos waren. Ich vermutete, dass die Objekte erst vor Kurzem zu einem Set kombiniert worden waren. Schließlich war Fenrirs Ring erst vor 3 Wochen von den Spieladministratoren erstellt worden. Die Spieler mussten die Beute, die Fenrir und seine Armee zurückgelassen hatten, nur für merkwürdige Gegenstände gehalten haben, die größtenteils nutzlos und noch dazu verflucht waren, sodass es fast unmöglich gewesen sein musste, sie dem Rudel abzunehmen.
In dem Moment stieß ich auf ein weiteres Hindernis: Selbst wenn es mir gelingen würde, den dritten Gegenstand der verfluchten Insignien ausfindig zu machen, würde ich ihn nicht anlegen können! Genau wie das Amulett, für das ich mindestens auf Level 125 sein musste, würden die anderen Gegenstände wahrscheinlich ähnliche Anforderungen haben ...
Ich wollte noch etwas länger über die Sache nachdenken, doch zuerst rief ich die Waldnymphe an und erzählte ihr von meiner unerwarteten Entdeckung. Meine Schwester suchte sofort nach den wichtigsten Informationen.
„Du solltest heute Nacht das Forum von Reich ohne Grenzen durchsuchen, um die anderen Gegenstände von Fenrirs verfluchten Insignien zu finden. Die Zerschlagung des grauen Rudels ist noch nicht so lange her, sicher kannst du Hinweise finden. Aber gehe so diskret wie möglich vor, sonst werden die Lurker im Forum auf dein Interesse an verfluchten Gegenständen aufmerksam. Viele Spieler sehen sich im Forum um und einige sind ziemlich gerissen. Sie achten besonders auf ungewöhnliche Suchanfragen, um sich mit Gegenständen davonzumachen, deren Wert unterschätzt wird. Vielleicht sollte ich ins Forum gehen, Tim. Ich habe mehr Erfahrung.”
Ich stimmte meiner Schwester voll und ganz zu. Val kannte sich mit solchen Sachen viel besser aus als ich. Außerdem war sie schneller und vorsichtiger. Nur für alle Fälle schlug ich Valeria eine weitere Spur vor, die sie verfolgen konnte.
„Diese Gegenstände haben keinen praktischen Wert, doch sie sind einzigartig, darum ist es durchaus möglich, dass die Besitzer sie einfach versteigern wollen. Das wäre eine weitere Möglichkeit, wie du sie finden könntest. Überprüfe alle aktiven Auktionen in allen Provinzen von Reich ohne Grenzen. Vielleicht bietet jemand sogar gerade ein Ifritherz zum Kauf an. Es ist nur eine alchemistische Zutat, niemand kennt ihren wahren Wert. Wenn wir Glück haben, können wir vielleicht eins oder sogar mehrere kaufen. Wenn du etwas findest, bezahle für eine schnelle Lieferung durch magischen Boten!”
„In Ordnung, Tim. Der Doktor hat gesagt, ich sollte nicht länger als 4 Stunden pro Tag im Spiel verbringen, darum muss ich mich nach Mitternacht abmelden. Danach kann ich das Forum und die Auktionen durchsuchen. Mach dich jetzt auf die Suche nach dem Versteck des Ifrits.”
***
Wir entdeckten den Eingang zur Höhle des Ifrits kurz nachdem meine Schwester den Zauber „Magie auflösen” gewirkt hatte. Natürlich wäre es uns schon früher gelungen, doch wir waren nicht gerade wild darauf gewesen, in dunklen, verwirrenden, unterirdischen Gängen gegen ein hochleveliges, magisches Wesen zu kämpfen. Doch da der schreckliche Ifrit nicht mehr existierte, rüsteten wir uns mit Fackeln aus und gingen einer nach dem anderen durch den engen, kurzen Eingang.
„Vorsicht! Hier ist eine Falle!”, warnte Taisha uns, die die Höhle als Erste betreten hatte.
Für 3 Minuten untersuchte die schöne Diebin ein Loch in der Wand und lockere Steine am Boden. Dann drückte sie auf eine unauffällige, raue Stelle an der niedrigen Decke. Wir konnten ein mechanisches Klicken hören und Taisha leuchtete in bunten Flammen auf, als sie Level 33 erreicht hatte.
„Die Falle ist entschärft, wir können weitergehen”, versicherte die schöne Goblinfrau uns. „Doch der Weg zum Schatz des Ifrits ist nicht dort, wo er zu sein scheint. Dieser Weg ...”, Taisha deutete in einen dunklen Gang, „führt zu einer Einsturzstelle. Dort unten wartet vermutlich der Tod auf unvorsichtige Schatzsucher. Der richtige Weg führt direkt durch die Wand.”
Die Mavka erhöhte die Kraft ihrer magischen Fackel und sah vorsichtig durch das Hindernis hindurch.
„Ja, Taisha hat recht. Diese Wand ist eine Illusion”, stimmte meine Schwester zu und entfernte die trügerische Barriere.
Die Schatzkammer des Ifrits war eine kleine Aushöhlung. Der Boden war von einer dicken Schicht alter, trockener Knochen, faulender Stoffe, angelaufenen silbernen und bronzenen Geschirrs und alten Waffen bedeckt. Zwischen dem Müll lagen unzählige Münzen, die so stark in unseren Fackeln reflektierten, dass meine empfindlichen Augen von ihrem Glitzern schmerzten. Vor allem nahm meine Nase jedoch den Geruch von frischem Blut wahr. Mir war sofort klar, dass es sich um Orkblut handelte.
Ich orientierte mich und ging langsam auf das für Vampire berauschende Aroma zu. Unter einem Teppich entdeckte ich 3 vollkommen zerschmetterte, frische Leichen ... Doch ... Unerwartet blickte ich in die irren Augen eines Orks. Mit Mühe erkannte ich einen der Ruderer von der Weißer Hai. Sein Körper war eine einzige offene Wunde.
„Kap-pitän ...”, brachte der blutüberströmte Matrose mit rauer, fast unverständlicher Stimme heraus. Sein Blick war auf mich gerichtet. „Ich ... Ich ha-be ... alles mit ei-genen Aug-en ... gesehn ... 2 Wirb-el-winde ... Kampf ... Einer ... aus ... Sand, ... der andere ... aus ... etwas anderem ...”
Nach seinen letzten Worten lief Blut aus seinem Mund und seine Augen wurden glasig. Der Schamane, der hinter mir stand, nahm wortlos seinen Hut ab. Ich schwieg und las die eingehende Systemmeldung.
Erhaltene Mission: Etwas anderes ...
Missionskategorie: Einzigartig, Gruppe (nicht mehr als 8), zeitbegrenzt
Beschreibung: Innerhalb von 23 Stunden und 59 Minuten den Mörder des Sandsturm-Ifrits finden.
Belohnung: 1 Wunsch
„Was soll ‚1 Wunsch‘ wohl bedeuten?” Valerianna hatte die Quest ebenfalls erhalten und konnte ihre Verwunderung nicht verstecken. „Es ist das erste Mal, dass ich von einer ungewöhnlichen Belohnung wie dieser gehört habe. Ein Wunsch? Was passiert, wenn sich mein Wunsch nicht in Zahlen hinsichtlich Attributen und Fertigkeiten ausdrücken lässt?”
Mir war eine Quest dieser Art auch noch nie begegnet. Sie war so einmalig, dass sie etwas absolut Einzigartiges versprach. Kurz darauf wurden unsere Überlegungen durch eine überraschende Bemerkung von Taisha unterbrochen. Die grünhäutige NPC-Diebin hatte eine Weile geschwiegen, als ob sie etwas betrachten würde, das wir nicht sehen konnten, doch nun fragte sie: „Amra, was bedeutet ‚Erhaltene Mission‘?

Taishas Wunsch
NPCs KONNTEN KEINE unabhängigen Quests erhalten oder abschließen. Das war eine grundlegende Regel jedes virtuellen Spiels. Eine unantastbare Wahrheit, ein Dogma! Welchen Nutzen hätten lebende Spieler, wenn Mobs ihre eigenen Probleme lösen könnten? Sicher, NPCs generierten Missionen für Spieler, akzeptierten abgeschlossene Quests und erhielten manchmal sogar Erfahrung und Gegenstände, nachdem die Aufgabe erledigt war. Doch sie selbst erhielten niemals Quests! Darum war die Überraschung groß, als Taisha zur gleichen Zeit wie meine Schwester und ich, die lebenden Spieler, eine einzigartige Mission erhalten hatte.
Valerianna, die wie ich gedacht hatte, dass es unmöglich wäre, sah mich mit großen Augen an und war nicht in der Lage, meiner NPC-Braut eine Erklärung zu geben. Ich versuchte, mich irgendwie herauszureden.
„Erinnerst du dich, dass du dir gewünscht hast, genau wie die Unsterblichen zu werden? Offenbar haben die Götter von Reich ohne Grenzen deine Gebete erhört und du wirst mehr und mehr wie wir. Du erstehst nach deinem Tod wieder auf, kannst unabhängige Entscheidungen treffen und jetzt kannst du sogar Missionen erhalten und Erfahrung und Belohnungen bekommen. Vielleicht wirst du bald in die Welt der Unsterblichen eintreten können!”
Als ich meiner Braut diese bombastischen Erklärungen gab, wollte ich sie beschwichtigen und ermutigen. Doch während ich sprach, dachte ich an etwas vollkommen anderes. Einzigartige Missionen waren so außergewöhnlich, dass die meisten Spieler nie auf eine stießen. Ich hatte natürlich keine Statistiken vor mir, aber irgendwo im Forum hatte ich gelesen, dass es selbst unter erfahrenen, hochleveligen Spielern nur etwa 20 Prozent gab, die eine solche Mission erhalten hatten. Daher konnte ich einfach nicht glauben, dass mein segelohriger Goblin-Kräutersammler rein zufällig in weniger als 10 Minuten zwei einzigartige Quests bekommen haben sollte. Das war einfach unmöglich!
Aber was konnte der Grund sein? Offenbar griffen die Administratoren in unser Spiel ein und beobachteten genau, wie sich die Situation entwickelte. Ich war davon überzeugt, dass sie es nicht meinem Goblin zuliebe taten. Ich war nicht erfolgreich genug, für mich würde niemand Regeln ändern oder die umgebende Welt verändern. Das Gleiche galt für Valerianna Schnellfuß, obwohl meine Schwester eine bemerkenswerte Spielerin war.
In meinem inneren Kreis gab es jedoch eine kurvenreiche, grünhäutige NPC-Frau, die mit ihrem ungewöhnlichen Verhalten und seltsamen Algorithmen schon seit einiger Zeit das Interesse der Experten von Reich ohne Grenzen geweckt hatte. Vermutlich war der Anruf der NPC in der realen Welt endgültig zu viel gewesen und sie hatten beschlossen, sich Taisha genauer anzusehen.
„Was meinst du, Segelohr? Sollen wir die einzigartige Quest sofort abschließen oder andere Spieler einladen, uns zu helfen?” Die Frage meiner Schwester brachte mich in die Realität zurück.
Was meinte sie mit „sofort”? Ich starrte die Waldnymphe verständnislos an. Meine Schwester lächelte mich mitleidig an, wie sie es schon oft getan hatte, wenn sie andeuten wollte, dass sie wieder einmal an meiner geistigen Leistungsfähigkeit zweifelte.
„Amra, willst du mir ernsthaft erzählen, dass du nicht weißt, wer den Sandsturm-Ifrit getötet hat?”
Ihre Frage machte mich verlegen. Ich errötete und musste zugeben, die Identität des Mörders nicht zu kennen. Valerianna drehte sich zu Taisha und stellte ihr die gleiche Frage. Wenn die NPC die Antwort gewusst hätte, wäre ich wahrscheinlich vor Verlegenheit gestorben, doch die grünhäutige Diebin musste ebenfalls zugeben, es nicht zu wissen. Die Mavka seufzte schwer und gab uns dann einige Hinweise.
„Der sterbende Orkpirat hat gesagt, dass zwei Wirbelstürme gegeneinander gekämpft haben ... Im Bestiarium vieler Computerspiele gibt es eine Vielzahl durchsichtiger Kreaturen, die Wirbelstürmen ähneln und Ifrits hassen ... Sie sind ihre Erzfeinde und wenn sie aufeinandertreffen, kämpfen sie auf Leben und Tod ... Erinnerst du dich immer noch nicht, Amra? Sie gewähren 3 Wünsche, wenn du sie aus einer Bronzelampe befreist!”
„Ein Dschinn!” riefen Taisha und ich gleichzeitig aus.
„Richtig!” Die Mavka applaudierte, als wir endlich auf die Lösung gekommen waren. „Diese Höhle ist voll von altem Müll, den der Ifrit hierher gebracht hat, nachdem er Karawanen ausgeraubt hatte. Vermutlich befindet sich unter all diesen Knochen und dem bronzenen Geschirr eine Lampe. Es wäre nur eine leichte Berührung nötig gewesen, um den darin gefangenen Dschinn herauszulassen, und sein Erzfeind hätte vor ihm gestanden!”
Die Vermutung meiner Schwester war glaubwürdig. Der Ifrit hatte die 3 Gefangenen unter die Erde gezogen. In dieser kleinen Höhle hatte einer der noch lebenden Orks vielleicht zufällig eine alte, magische Lampe berührt. Es musste bereits zu spät gewesen sein, den Ork zu retten, aber der Dschinn, den er freigelassen hatte, hatte sich gerächt und den Sandsturm-Ifrit getötet. Ich erinnerte mich, dass nicht alle Dschinns aus den Märchen ihren Befreiern dankbar waren. Tatsächlich war das Gegenteil der Fall. In den meisten Fällen versuchten diese magischen Wesen, die unverschämte Person zu töten, die es gewagt hatte, ihren jahrhundertelangen Schlaf zu stören ...
„Da ist eine alte Öllampe, aber sie ist leer! Hier ist noch eine und dort eine weitere! Da drüben steht ein ganzer Sack voller Lampen!” Taisha holte unter dem Teppich eine ganze Reihe von Küchenutensilien hervor, einschließlich mehrerer Öllampen.
Unentschlossen betrachtete ich die Lampen. Ich war nicht länger sicher, dass ich den Dschinn ohne Unterstützung freilassen wollte. Kira hatte mir einmal einen guten Rat gegeben: „Wenn du eine einzigartige Quest findest und nicht weißt, ob du sie allein erledigen kannst, verkaufe sie!” Unsere Quest schien in diese Kategorie zu gehören.
Reich ohne Grenzen hatte viele hundert Millionen Spieler, von denen einige im realen Leben sehr reich waren und beträchtliche Summen ins Spiel steckten. Außerdem würden eingefleischte Spielsüchtige bereit sein, ihr letztes Hemd zu verkaufen, nur um sich durch eine seltene Mission auszuzeichnen oder an einem interessanten Massenereignis teilzunehmen. Wir hatten eine einzigartige Quest für 8 Spieler, denen ein geheimnisvoller „Wunsch” versprochen wurde, falls sie die Mission erfolgreich abschließen würden. 3 Plätze waren bereits von Valerianna, Taisha und mir eingenommen, aber die übrigen 5 konnte ich verkaufen!
Doch diese Spieler mussten zu einer namenlosen Oase reisen, die weit von großen Städten entfernt war. Wie sollten sie es in weniger als 1 Tag schaffen, uns zu erreichen? Meine Orks hatten eine ganze Nacht und fast den ganzen folgenden Tag gebraucht, um von Dotur Khawa, der Stadt der Zwerge, hier anzukommen. Berittene Spieler waren schneller, doch es würde trotzdem viele Stunden dauern, bis sie zu uns stoßen würden. Plötzlich fiel mir die Stählerne Legion ein, der stärkste und einer der reichsten Clans in Reich ohne Grenzen. Sie besaßen eine Flotte von 5 silbernen Pegasus, mit denen sie die Oase von Dotur Khawe aus schnell erreichen konnten. Außerdem hatte die Stählerne Legion Teleportationsrollen zur Stadt der Zwerge und der Prika-Mine, wo ihre Mitglieder Wache gestanden hatten, als ich ins Spiel zurückgekehrt war.
Ich hatte die Kontaktinformationen für einen Vertreter der Stählernen Legion: Alexander der Grö3te, ein Level-230-Sonnenpriester, der meinem Amra während der großen Jagd seine Hilfe angeboten hatte. Ich schrieb ihm eine bezahlte Nachricht mit der Beschreibung der einzigartigen Quest. Vor dem nächsten Morgen erwartete ich keine Antwort, darum war ich überrascht, als ein paar Minuten später ein lilafarbener magischer Bote in Gestalt eines Teufels in der Höhle erschien und mir eine Schriftrolle aushändigte.
„Die Quest klingt interessant, aber ich muss noch weitere Informationen sammeln und mit dem Anführer des Clans sprechen. Verkaufe deine 5 Plätze an keine anderen Spieler. Meine Telefonnummer findest du unten. Ruf mich in 20 Minuten an, dann habe ich eine Antwort für dich.
Alexander der Grö3te, Mensch, Level-231-Sonnenpriester [LEGION]”
***
Das Telefongespräch dauerte nicht lange. Alexanders Stimme nach zu urteilen, war er ein älterer Mann. Statt mich zu begrüßen kam er gleich zum Geschäft. Er hatte nur eine Frage: „Was verlangst du im Tausch gegen die Quest?” Ich versuchte, meine Aufregung nicht zu zeigen, als ich ihm meine Forderungen nannte: Lebensmittel für 300 hungrige Orks, die mitten in die Wüste geliefert werden mussten, die beste Karte des Styx, die die Stählerne Legion besaß, und mindestens 2 Ifritherzen, wenn möglich noch mehr.
Die Ifritherzen hatte ich in letzter Minute hinzugefügt. Ich erwartete Verhandlungen oder Einschränkungen, doch er hörte sich meine Forderungen ruhig an und antwortete kurz, dass die Stählerne Legion einverstanden wäre. Soweit mir bekannt war, hatte der mächtige Clan alle möglichen alchemistischen Zutaten in seinen Vorratskammern, darum bestand für mich kein Zweifel, dass auch Ifritherzen darunter waren.
Am Ende fragte der alte Mann mich nach den Koordinaten und antwortete nach einigen Minuten, dass der Reiter eines silbernen Pegasus uns in 1 ½ Stunden erreichen würde und eine Portalrolle aktivieren würde, durch die die anderen Spieler reisen würden.
Als ich ins Spiel zurückkam und meiner Schwester vom Ergebnis des Gesprächs berichtete, wurde Valerianna ärgerlich.
„Es war dumm von dir, unser Interesse an Ifritherzen zu verraten! Ich wollte heute Nacht oder morgen früh die Auktionen der verschiedenen Regionen durchgehen, um nach ihnen zu suchen! Jetzt ist es sinnlos geworden. Falls diese Herzen zu einem akzeptablen Preis angeboten wurden, sind sie jetzt wahrscheinlich schon weg ... Die Stählerne Legion und alle anderen Spitzenclans verfügen über sehr gute Analytiker. Dein unerwartetes Interesse an der Ressource ist ihnen sicher nicht entgangen und die besten Alchemisten und Handwerker der Stählernen Legion werden bereits dabei sein, die verborgenen Eigenschaften zu untersuchen. Falls unser Geheimnis nicht schon entdeckt worden ist, wird die Legion es bald herausfinden, und danach werden alle Ifritherzen auf allen 3 Kontinenten in Reich ohne Grenzen innerhalb von wenigen Minuten aufgekauft worden sein!”
Vielleicht hatte meine Schwester recht und ich hatte eine gute Gelegenheit vertan. Andererseits würde ich definitiv einige Ifritherzen bekommen, statt sie später vielleicht bei einer Auktion zu finden. Es gab keine Garantie dafür, dass mehr als 2 Ifritherzen bei Auktionen angeboten würden und dass wir sie ersteigern könnten. Außerdem bestand nach wie vor die Möglichkeit, dass unser Interesse an der alchemistischen Zutat die großen Clans veranlasst hatte, sie zu recherchieren. In dem Fall würden wir dumm dastehen. Ich zog den Spatz in der Hand der Taube auf dem Dach vor.
Während die Orks sorgfältig die Berge von Knochen und Müll durchsuchten und alle wertvollen Dinge aus der Schatzkammer des Ifrits entfernten, kehrten Taisha, meine Schwester und ich zum Lager zurück. XANTHIPPE kam angeflogen, legte mir einen halb toten Level-21-Wüstenwaran vor die Füße und streckte erwartungsvoll ihren langen Hals aus, um ihren Anteil entgegenzunehmen.
„Gutes Mädchen! Du lässt deinen Herrn nie hungern oder durstig werden!”, lobte ich sie und streichelte die weiche, schuppige Haut unter dem Kiefer der fliegenden Schlange. Der Lindwurm legte sich auf den Bauch und schloss vor Behagen und Glück für einen Moment die Augen. Niemand beobachtete uns, darum tötete ich ihre Beute mit einem Vampirbiss.
Erhaltene Erfahrung: 105 EP
Freigeschaltetes Achievement: Geschmackstester (43/1000)
Verbesserte Volksfähigkeit: Blutlust (Erhöht den zugefügten Gesamtschaden für jede einmalige Kreatur, die durch Vampirbiss getötet wird, um +1 %. Aktueller Bonus: 25 %)
Nachdem ich Fenrirs Kralle ausgerüstet hatte, war meine Stärke auf 294 gestiegen. Das bedeutete, dass ich mit einem einzigen Biss zwischen 367 und 2202 Schadenspunkte zufügen konnte. Nun konnte ich einen Spieler oder ein Monster meines Levels ohne Schwierigkeiten besiegen. Nur ein einziger Biss würde tödlich für sie enden, und mit meinen über 1.500 Ausdauerpunkten konnte Amra seine Feinde unendlich oft beißen.
Ich riss den Körper des Wüstenwarans mit bloßen Händen in 2 Teile. Eine Hälfte gab ich den hungrigen Wölfen des grauen Rudels, die andere bekamen die bedauernswerten Köche, die immer noch ihren unappetitlichen, ekelhaft riechenden Eintopf kochten und vergeblich hofften, er würde genießbar sein. Die wilden Orks warfen das blutige Fleisch nicht in den Topf oder rösteten es über dem Feuer, sondern rissen es in Stücke und verschlangen es roh. Ich musste zugeben, dass es ein schockierender Anblick war.
„Auf der Weißer Hai gab es einen Koch, der gute Mahlzeiten zubereitet hat. Wo ist er?”, fragte ich die barbarischen Kerle.
„Unser Koch ist während des Seegefechts mit den Unsterblichen gestorben, Kapitän”, antwortete einer der Orks, während er sich sein blutverschmiertes Maul mit dem Handrücken abwischte.
Also gut ... Ich hatte mir schon lange überlegt, diese Horde von wilden Halsabschneidern zu strukturieren. Jetzt war der richtige Zeitpunkt gekommen. Ich befahl den Orks, die stinkende Masse, die sie in ihrem Topf kochten, weit vom Lager entfernt auszuschütten, und bat den Quartiermeister Ziabash Robust und den Schamanen Ghuu, zur Feuerstelle zu kommen.
***
„Ich verstehe nicht, Kapitän. Du willst unsere Piratenmannschaft in eine normale Armee verwandeln?”, fragte Ziabash Robust. Er war nicht sonderlich begeistert und strich sich mit seiner riesigen Pranke über den Hinterkopf.
„Das könnte man so sagen”, bestätigte ich seine Einschätzung meines Plans. „Jeder Ork ist größer, stärker und wilder als ein menschlicher oder elfischer Krieger. Aber in großen Gruppen oder Armeen besiegen die Menschen die Orks immer wieder. Sie vertreiben sie von ihren Ländern und nehmen ihre Städte ein!”
Ziabash Robust fletschte die Zähne und knurrte, doch ich fuhr beharrlich fort: „Das ist die bittere Wahrheit. Nenne mir einen großen Kampf, den die Orks gegen die Menschen gewonnen haben. Nicht irgendeinen Überfall auf erschöpfte Landarbeiter oder einen langsamen Wagenzug, sondern einen echten Kampf zwischen zwei Armeen. Dir fällt keiner ein, stimmt's? Das überrascht mich nicht, denn es gibt keinen. Menschen sind von Natur aus die schwächeren Wesen, doch sie haben immer gesiegt, weil sie diszipliniert sind, über gute Waffen und Rüstungen verfügen und eine bessere Ausbildung und Koordination haben.”
„Aber Orks sind anders als Menschen”, wandte der Schamane ein. „Menschen werden von aristokratischen Familien angeführt und sind betrügerischer und weniger ehrenhaft. Sie sind immer die Ersten, die ihre Brüder und Schwestern versklaven und Thronanwärter beseitigen, einschließlich ihrer eigenen Eltern. Menschliche Befehlshaber stehen hinter ihren Divisionen und schicken andere in den Tod. Orks sind in der Hinsicht viel aufrichtiger. Sie haben mutigere und stärkere Anführer, die sich durch ihre Taten auf dem Schlachtfeld Respekt verdient haben, nicht durch den Ursprung ihrer Familien. Unsere Befehlshaber stehen immer in den ersten Reihen und gehen durch ihren Mut für andere mit gutem Beispiel voran. Sie ...”
„Sie sind die Ersten, die sterben, und lassen ihre Armee entmutigt und führungslos zurück ...”, vervollständigte ich die leidenschaftliche Rede des Schamanen.
Der Schamane Ghuu stockte und verstummte dann, weil er zugeben musste, dass ich recht hatte.
„Unsere Armee wird nicht für irgendwelche Könige kämpfen oder ihr Blut für die Interessen anderer vergießen. Die aufrichtigen, gradlinigen orkischen Krieger brauchen ein klares, leicht verständliches Ziel. Unsere Kämpfer müssen wissen, welche Belohnung sie persönlich erhalten, wenn die ganze Gruppe eine Mission ausführt. Jeder Krieger muss genau wissen, welche Funktion er ausführen muss, um die Armee zum Sieg zu führen. Ich werde nicht länger zusehen, wie meine wilden, starken Soldaten gezwungen sind, ihr eigenes Essen zuzubereiten, ihre Zelte aufzuschlagen und ihre eigene Kleidung zu waschen und auszubessern. Diese Aufgaben müssen von geschickten Leuten mit angemessener Ausbildung erledigt werden!”
Du hast mit der Fertigkeit Vorarbeiter Level 28 erreicht!
Zum ersten Mal sah ich Neugier in den Augen der Orks aufleuchten. Mit meinen Worten hatte ich es geschafft, ihre Zweifel und althergebrachte Denkweise zu durchbrechen. Zum ersten Mal stellten sich die Orkpiraten eine andere Zukunft vor, als auf See beerdigt zu werden. Der Quartiermeister, der Schamane und immer mehr Orks versammelten sich um das Feuer und hörten ihrem Kapitän aufmerksam zu. Ich musste diesen Moment nutzen, um den wilden Piraten die Idee näherzubringen, dass wir eine gefährliche Reise auf Fluss des Todes unternehmen mussten.
„Ich will eine starke, gut organisierte Schwadron aufbauen, die in dieser grausamen Welt überleben und sich in allen Situationen behaupten kann. Eine ausgebildete, mutige und kühne Truppe, die sich allen Veränderungen schnell anpassen kann, und in der jedes Mitglied seinen Platz kennt: Kundschafter finden den Weg, Soldaten kämpfen gegen die Feinde, Heiler behandeln die Verwundeten, Magier helfen mit ihrer Magie und gute Köche bereiten köstliches Essen zu.”
Als ich vom Essen sprach, war Zähneknirschen und das Knurren hungriger Bäuche zu hören. Gut, sollten die Piraten ruhig daran erinnert werden, dass die momentane Lage der Dinge unannehmbar war und geändert werden musste.
„In dieser Welt, die von den Unsterblichen Reich ohne Grenzen genannt wird, findet man die seltensten, wertvollsten Trophäen in den entlegensten Gegenden. Sie zu erreichen ist sehr schwierig. Doch nur dort kann man wahrhaft reiche Beute machen, von der wir alle profitieren können! Ich möchte, dass wir unseren Kindern und Enkelkindern bei einem Glas schaumigen Biers stolz Geschichten von unseren Abenteuern erzählen können. Doch im Augenblick begnügen wir uns mit jämmerlichen Überresten von Frachtschiffen und armen Fischern, die selbst von der Hand im Mund leben!”
„Das ist ja alles gut und schön, Kapitän, aber ich möchte wissen, wo wir Orte mit solchen Reichtümern finden können”, warf Ziabash Robust ein.
„Das lässt sich leicht herausfinden ...”, begann ich meine Antwort und bemerkte, dass es sofort um mich herum still wurde. Es schien, als ob die Orks den Atem anhielten. Keiner sagte ein Wort. „Der nächste magische Ort liegt hinter der Wüste am Oberlauf eines schwarzen, toten Flusses namens Styx. Man erzählt sich, dass es eine unheimliche, grauenvolle Gegend ist, in der es unglaubliche Schätze gibt. Doch es ist schwierig, dorthin zu gelangen, und ihr seid für solche schweren Herausforderungen noch nicht bereit!”
Daraufhin stießen viele Orks ein wütendes, beleidigtes Brüllen aus. Die gesamte Piratenmannschaft war der Meinung, dass ihr Kapitän nicht an ihrer Stärke und Fähigkeiten zweifeln sollte. Ich grinste und zog die Lippen hoch.
„Heute war nur ein einziger Ifrit nötig, um euch das Fürchten zu lehren. Die Kreatur hat einer Gruppe meiner besten Krieger so große Angst eingejagt, dass sie auf der Stelle umgekehrt sind. Das ist der Stand der Dinge! Aber am Oberlauf des Styx sind die Monster noch viel fürchterlicher und gefährlicher als ein Ifrit! Darum müsst ihr eingeteilt und ausgebildet werden. Außerdem benötigt ihr gute Rüstungen und Waffen. Ich habe sie bereits gekauft. Die mit unseren Vorräten beladene Galeere Beschwipster Tölpel wird in den nächsten Tagen den Styx erreichen. Dort werden wir sie treffen. Doch zuerst braucht ihr alle etwas zu essen. Meine Mannschaft verdient es, mit vollem Bauch zu marschieren! Euer Kapitän hat einige Unsterbliche bezahlt, um in die heiße Wüste zu kommen und euch köstliches Essen und starke Getränke zu bringen! Ich schwöre bei meinen grünen Ohren, dass ihr bei Sonnenaufgang satt und zufrieden sein werdet!”
Du hast mit der Fertigkeit Handel Level 19 erreicht!
Du hast mit der Fertigkeit Vorarbeiter Level 29 erreicht!
Du hast mit der Fertigkeit Vorarbeiter Level 30 erreicht!
Die begeisterten Schreie der Orks ließen mir die Ohren klingeln. Noch nie hatte meine Mannschaft einen Kapitän so sehr bewundert und verehrt! Als der Lärm sich etwas gelegt hatte, sprang meine Schwester auf und deutete mit ihrer Hand auf einen hellen Punkt am sternenklaren Nachthimmel.
„Dort kommt der Kundschafter der Unsterblichen! Legt mehr Holz aufs Feuer, damit er uns sehen kann!”
***
Die Ankunft der Stählernen Legion war fantastisch und eindrucksvoll. Ein Level-290-Kundschafter flog auf einem riesigen, silbernen Pegasus über uns und warf aus der Luft einen pulsierenden Gegenstand ab, der am Boden ein großes, ovales Portal öffnete. Aus den glitzernden Toren strömten angsteinflößende Soldaten in Rüstungen, Magier in glänzenden Gewändern und düstere Nekromanten und Priester, die Mantras sangen. Sie ritten auf den unglaublichsten Reittieren und waren von vielen verschiedenen Tiergefährten umgeben. Ich konnte niemanden unter Level 200 sehen. Einige Charaktere hatten sogar schon Level 300 überschritten. Die letzten, die aus dem langsam verschwindenden Portal kamen, waren 4 Spitzenspieler der Stählernen Legion auf silbernen Pegasus.
Sicher war nicht der gesamte Clan gekommen, sondern nur eine schnelle Eingreiftruppe. Trotzdem konnte die konzentrierte, potenziell zerstörerische Macht, die in Sekundenschnelle bei unserem kleinen Lager in der Großen Wüste aufgetaucht war, selbst die Dämonen und Götter von Reich ohne Grenzen zum Zittern bringen. Ich wusste nicht, für wen der prunkvolle Auftritt organisiert worden war, aber selbst die wildesten Orks waren äußerst beeindruckt. Sie krochen aus ihren Zelten, versammelten sich am Rand der Oase und unterhielten sich lebhaft über das noch nie zuvor gesehene Spektakel, doch sie hatten keine Angst. Die Kräfte waren so ungleichmäßig verteilt, dass ihnen der Gedanke eines Kampfes überhaupt nicht in den Sinn kam.
Die Stählerne Legion hatte sich 300 Meter von der Oase entfernt formiert. Die 4 silbernen Pegasus landeten vor den stockstill stehenden Reihen hochleveliger Spieler und die Anführer des Clans sprangen ab. Ich musste eine leichte Schüchternheit unterdrücken, als ich den Orks befahl, im Lager zu bleiben, und auf meinem mythischen Level-58-Hund, dem schneeweißen, zottigen Fimbulthul, hinausritt. Hinter mir folgte das graue Rudel: Akella, Lobo und Wolfsblut, die erfahrenen Level-38-Waldwölfe, Blanca, die Level-37-Wölfin sowie Darius und Darina, die beiden Level-32-Wargs.
Die Prüfung deiner Wahrnehmung war positiv.
Verdiente Erfahrung: 400 EP
Die nächtliche Brise trug eine leise Unterhaltung der Clan-Anführer zu meinen scharfen Ohren. Sie sprachen über meinen segelohrigen Goblin-Kräutersammler.
„Scheint ziemlich viele Tiergefährten für einen einzigen Spieler zu haben und nicht die Art, die man erwarten würde.”
„Hmm. Ein Kräutersammler sollte wirklich nicht so viele haben.”
„Habt ihr es bemerkt? Die Tiergefährten sind auf höheren Levels als sie sein sollten.”
„Ein Cheater?”
„Er ist entweder ein Cheater oder das Unternehmen von Reich ohne Grenzen frisiert die Zahlen für ihre Tester.”
Sie dachten, ich wäre ein Cheater! Das gefiel mir nicht, doch während der großen Jagd hatte man mir alle möglichen Beschuldigungen und Beleidigungen an den Kopf geworfen. Meistens war mir egal, was andere Spieler von mir dachten, selbst wenn es weltberühmte Stars aus dem stärksten Clan des Spiels waren. Ich ließ das graue Rudel 10 Schritte von den Spielern entfernt zurück, sprang von Fimbulthuls Rücken und las ihre Informationen.
Kristina Mozzi [LEGION]
Mensch
Level-332-Walküre
Leon Schatten_Jäger [LEGION]
Dunkelelf
Level-305-Assassine
Violetta Bestia [LEGION]
Lichtelfe
Level-323-Chaosmagierin
Antonio de_Pirienne [LEGION]
Mensch
Level-317-Inquisitor
Merkwürdig. Ich war sicher, dass ich im Forum gelesen hatte, der Anführer der Stählernen Legion wäre ein Spieler namens Till Schnellfinger, ein Dieb auf Level 350+ und der tödlichste höchstlevelige Spieler des südlichen Kontinents. Außerdem sollte er im Besitz eines der 5 silbernen Pegasus sein, die die Stählerne Legion bei einem großen PvP-Turnier gewonnen hatte, doch alle 5 Pegasus waren schon hier: 4 waren am Boden und der fünfte wurde von dem Kundschafter geritten, der seine Kreise am Nachthimmel drehte. Keiner der 5 Reiter entsprach der Beschreibung des Clan-Anführers. Nutzte er vielleicht Verschleiern, um seinen wahren Namen zu verbergen?
Ich hatte über das große Turnier der Clans und seine Sieger gelesen und erinnerte mich an die Namen und Klassen der glücklichen Gewinner. Ein Inquisitor war ganz bestimmt nicht unter ihnen gewesen.
„Ich nehme an, du bist Till Schnellfinger”, sagte ich und verbeugte mich vor dem Inquisitor, der rechts von mir stand.
Du hast mit der Fertigkeit Verschleiern Level 14 erreicht!
Die Reaktion des Inquisitors verriet mir, dass ich recht gehabt hatte. Der Spieler wechselte einen überraschten Blick mit seinen Gefährten, doch sie zuckten nur mit den Schultern. Gleich darauf stand statt des ernsten, alten Inquisitors, in dessen Augen ein fanatisches Feuer brannte, ein großgewachsener Mann vor mir. Seine Kleidung hatte die Farbe einer mondlosen Nacht und sein Gesicht war von einer Kapuze verdeckt.
Till Schnellfinger [LEGION]
Mensch
Level-357-Dieb
Wie ihr Herr wechselten auch die Tiergefährten ihre Erscheinung. Statt der 3 grausig aussehenden Höllenhunde sah ich eine dunkle, struppige Spinne, die so groß wie eine Person war, einen kleinen Gremlin mit einer Miniatur-Armbrust und einen durchsichtigen Geisterjungen, der im Dunkeln fast nicht zu erkennen war.
„Habt ihr die Lampe schon gefunden?”, fiel die Chaosmagierin ins Gespräch ein. Die Annahme meiner Schwester war also richtig gewesen.
„Wir haben 18 Lampen gefunden und sie in einer Reihe vor dem Höhlenausgang aufgestellt, aber wir wissen nicht, welche die richtige ist. Wir haben keine mit bloßen Händen berührt.”
„Sehr vernünftig”, lobte die Magierin unsere Vorsicht. „Es ist erst das vierte Mal, dass diese Quest ausgelöst worden ist. Die letzten 3 Male ist der Versuch, den Dschinn herauszurufen, für den Spieler, der die Lampe gefunden hatte, tödlich ausgegangen und, was noch schlimmer war, der Dschinn ist entkommen und an einen anderen Ort gezogen. Weißt du, auf welchem Level das Monster ist?”
Ich schüttelte den Kopf. Das Level des Dschinns war höher als 77, denn er hatte den Sandsturm-Ifrit in seiner Höhle besiegt. Die Frage war, um wie viele Levels höher.
„Wir nehmen diese Mission sehr ernst. Das Wichtigste ist, den Dschinn nicht entkommen zu lassen”, sagte Till. Er drehte sich erst zu seinen Gefährten und dann wandte er sich an mich. „Du musst 5 Spieler in die Gruppe aufnehmen. Ich schicke dir die Liste in einer persönlichen Nachricht.”
In nächsten Moment öffnete sich ein privates Chatfenster und ich las die Informationen. 4 der Spieler standen direkt vor mir, doch ich stellte überrascht fest, dass der fünfte weder der Besitzer des fünften Pegasus noch Mitglied der Stählernen Legion war.
Larsen Glücklich
Mensch
Level-221-Händler
Die Überraschung musste mir auf dem Gesicht gestanden haben, denn Till Schnellfinger beeilte sich, zu erklären: „Er ist ein alter Freund unseres Clans, wir haben bestimmte Abmachungen mit ihm. Außerdem bezahlt er einen guten Preis für die Möglichkeit, an solchen Aktivitäten teilzunehmen.”
Das konnte mir wirklich egal sein. Nachdem ich die 5 Namen in der Liste der Questteilnehmer aufgenommen hatte, entspannten sich die Spieler merklich. Hatten sie allen Ernstes gedacht, dass ich keine einzigartige Quest hätte und sie nur reinlegen wollte?
„Alles in Ordnung, genau wie wir es besprochen haben”, bestätigte die Walküre. „Und jetzt bitte ich euch, nicht einzugreifen oder in unsere Nähe zu kommen, während wir die Quest abschließen. Wir rufen euch, wenn die Mission erledigt ist und ihr euch die Belohnung holen könnt. Unser Diplomat gibt dir die Karte und die alchemistischen Zutaten. Die Vorräte sind bereits abgeladen. Deine Orks können sich über sie her machen, sobald unsere Soldaten unterwegs sind.”
***
Die hungrigen Orks „speisten” oder „aßen” nicht, sondern verschlangen ihr Essen. Anders konnte man es nicht nennen. Eilig schoben sie es sich in ihre mit Hauern ausgestatteten Mäuler und jeder versuchte, sich die größten Stücke zu schnappen. Sie mampften, schluckten und würgten ihre Nahrung hinunter, um anschließend laut zu rülpsen. Es war kein schöner Anblick, doch es war nicht der richtige Zeitpunkt, um den wilden Piraten Manieren beizubringen. Die Menschen, die nicht mit den Orks vertraut waren, warfen ihnen entsetzte Blicke zu und wandten sich ab.
Das einzige Mitglied der Stählernen Legion, das nicht am Kampf gegen den Dschinn teilnahm, war der Level-231-Sonnenpriester Alexander der Grö3te, der einen riesigen Level-150-Tyrannosaurus ritt. Er blieb als Nachhut zurück. Zuerst war ich überrascht, doch dann erinnerte ich mich, dass der Diplomat schon ein älterer Mann war, und stellte keine taktlosen Fragen. Kurz darauf bestätigte der alte Mann meine Vermutung.
„Mit 82 Jahren schätzt man Ruhe und Frieden mehr als spannende Abenteuer. Es gibt jede Menge anderer Leute im Clan, die bereit sind, im Kampf gegen Monster ihr Blut zu vergießen. Ich werde für andere Fähigkeiten geschätzt. Ich kann sehr gut organisieren und meine reiche Lebenserfahrung hilft mir, herauszufinden, mit welcher Art von Person ich es zu tun habe. Bei Verhandlungen ist das sehr hilfreich.”
Der alte Mann verstummte und starrte auf das glitzernde Leuchten, das aus der Richtung des Kampfes kam. Die Magier der Stählernen Legion hatten den Ort mit einer durchsichtigen Kuppel abgeschirmt, die sie betreten konnten, doch aus der niemand entweichen konnte. Dem furchtbaren Heulen und den Blitzen nach zu urteilen, waren die Vorsichtsmaßnahmen der Stählernen Legion nicht übertrieben gewesen. Offenbar hatte der Dschinn die magische Grenze mehrmals getestet.
Ein Handelsfenster öffnete sich. Alexander der Grö3te bot mir 3 Ifritherzen an und verlangte 0 Münzen als Bezahlung. Ich erklärte mich augenblicklich einverstanden.
„Unsere Magier haben heute herausgefunden, dass diese Herzen eine Eigenschaft besitzen, die wir noch nicht entdeckt hatten ...”, begann der Mann schmunzelnd. „Sicher kennst du sie schon. Eine halbe Million Erfahrungspunkte sind nur für einen Newbie interessant. Charaktere auf Level 200 und höher brauchen nur 1 Monster töten, um diese Anzahl zu erhalten. Levelanforderungen von Gegenständen zu entfernen ist ebenfalls nur für Beginner nützlich, doch die Resistenz gegen Luftmagie zu verbessern, ist eine interessante Sache. Jetzt können wir sogar Wolkenpaläste und die himmlischen Festungen von Luft-Elementaren farmen. Bisher waren diese Orte selbst für Spitzenallianzen zu unwirtlich, daher wird es bald eine große Nachfrage nach Ifritherzen geben und ihr Preis wird in die Höhe schießen. Was die Karten betrifft ...”
Alexander der Grö3te [LEGION] bietet dir einen privaten Vertrag an.
Ich öffnete den Vertrag und las mir die Bedingungen durch. Er bot mir eine Karte für 0 Münzen an. Alexander der Grö3te wartete auf meine Zustimmung, bevor er nachhakte: „Darf ich fragen, warum du eine Karte dieser gefährlichen Gegend benötigst?”
Es war kein Geheimnis, darum erzählte ich dem alten Mann, dass mein Chef mir als Tester und Angestellter des Unternehmens von Reich ohne Grenzen die schwierige Mission gegeben hatte, zum Oberlauf des Styx zu reisen. Ich führte aus, dass der Direktor mir gesagt hatte, der Besitzer eines fliegenden Reittiers wäre die am besten geeignete Person, neue Gebiete zu erkunden, und die Erforschung würde den vielen Millionen Spielern von Reich ohne Grenzen zugute kommen. Außerdem hätten schon viele Spieler vor mir erfolglos versucht, den Oberlauf des schwarzen Flusses zu erreichen, einschließlich einiger großer Clans. Ich fügte hinzu, dass ich um die Karte des Gebietes gebeten hätte, weil ich annahm, dass die Stählerne Legion bereits dort gewesen war.
„Du hast eine äußerst schwierige Mission erhalten”, sagte der alte Mann nach längerem Schweigen. „Die Stählerne Legion hat vor 1 ½ Jahren eine Expedition zum Oberlauf des Styx geplant, kurz nachdem er dem Spiel hinzugefügt worden war. Neue Orte, neue Quests und einzigartige Ressourcen. Das alles verspricht wertvolle Beute und hat uns gelockt. Doch dann kam ein Krieg zwischen uns und einer Allianz von 3 anderen Clans dazwischen, sodass wir die Reise nie unternommen haben. Wir haben beobachtet, wie andere große Clans sich nacheinander die Zähne daran ausgebissen haben, den Fluss des Todes zu erkunden. Ich kann mir nicht vorstellen, warum die Entwickler diese Gebiete so unglaublich schwer erreichbar gestaltet haben oder welche Belohnung die immensen Schwierigkeiten kompensieren soll ... oder ob solch eine Trophäe überhaupt existiert.”
Der alte Mann verfiel wieder in Schweigen, doch kurze Zeit später zuckte er kurz, als ob er etwas gesehen oder gehört hätte, das mir entgangen war. Der Diplomat drehte seinen Tyrannosaurus in Richtung des Kampfgeschehens und erklärte: „Der Kampf ist vorüber. Der Dschinn ist ruhig gestellt. Ruf deine Freunde, es ist Zeit, eure Belohnungen einzusammeln.”
***
Valerianna Schnellfuß, Taisha und ich näherten uns der glänzenden Kuppel, die mehrere Magier der Stählernen Legion mit offensichtlicher Mühe hochhielten. Wachen rieten mir, zu Fuß weiterzugehen, weil der Zauber NPCs, Tiergefährten oder Reittieren den Zutritt verweigern würde. Ich sprang von Fimbulthuls Rücken und wartete, um Taisha und Valerianna zuerst durch die magische Barriere gehen zu lassen. Ich war um Taishas Willen besorgt und machte mich bereit, die Magier zu bitten, die Kuppel zu entfernen, doch meine NPC-Braut hatte keine Schwierigkeiten, die Barriere zu passieren. Ohne Zeit zu verlieren, folgte ich ihr.
Dutzende toter Körper und schwarze Flecken von zu Glas verschmolzenem Sand ließen erkennen, dass es hier im wörtlichen wie auch im übertragenen Sinne sehr heiß zugegangen sein musste. Der Dschinn hatte sie einen hohen Preis für seine Freiheit zahlen lassen. Gleich darauf fiel mein Blick auf die Kreatur, die das Chaos verursacht hatte: Ein fast durchsichtiger, hellblauer Geist, der von vielen hell glitzernden Kraftlinien festgehalten wurde, die zu einer Kugel von etwa 1 ½ Meter Durchmesser führten, die bewegungslos in der Luft schwebte.
Al-Hassan Gottesgeißel
Dschinn-Sultan (einzigartige Kreatur)
Eine einzigartige Kreatur! Seine Markierung auf der Minikarte war golden! Eines der seltensten Wesen, die es in Reich ohne Grenzen gab, es existierte nur ein einziges Mal. Ich konnte sein Level nicht sehen, für mich war der Dschinn-Sultan nur mit einem schwarzen Totenschädel markiert. Das bedeutete, dass mehr als 50 Levels zwischen uns lagen.
Kristina Mozzi, die Level-333-Walküre, kam zu mir und meinen Gefährten herüber. Sie erhob ihren Zeigefinger, um unsere Aufmerksamkeit zu bekommen, und erklärte uns dann kurz einige Anweisungen.
„Die Bedingungen der Mission sind Folgende: Dieser Sohn eines Satans erschafft keine materiellen Dinge, doch davon abgesehen können die ‚Wünsche‘, die er gewährt, jeglicher Art sein. Es gibt nur eine Auflage: Sie müssen klar formuliert sein und eure Statistik betreffen. Ihr könnt ein Attribut verstärken, ein Fertigkeitslevel oder eine Resistenz erhöhen, die Koordinaten eines seltenen Gegenstands oder einer Quest bestimmen ... Überlegt euch einfach etwas. Wir haben unsere Wünsche schon erhalten, jetzt seid ihr an der Reihe!”
Es wäre sicher interessant gewesen, die Wünsche der Spitzenspieler des stärksten Clans in Reich ohne Grenzen zu hören! Bestimmt hatten sie um etwas äußerst Seltenes, Interessantes oder Globales gebeten! Vermutlich waren wir erst gerufen worden, nachdem die Wünsche der Anführer der Stählernen Legion gewährt worden waren, um zu verhindern, dass wir sie hörten.
Ehrlich gesagt wusste ich nicht, was ich mir wünschen sollte. Man könnte meinen, dass ich genügend Zeit gehabt hatte, darüber nachzudenken, doch ich hatte die Entscheidung immer wieder verschoben und angenommen, dass mir schon das Richtige einfallen würde, wenn es soweit war. Doch jetzt kam mir nichts Vernünftiges in den Sinn. Als Valerianna Schnellfuß mein Zögern bemerkte, trat sie vor das gefesselte Wesen.
„Mein Wunsch ist, den Effekt der Spezialisierung meines Insektenschwarms unter der Fertigkeit Tiere beherrschen zu verdoppeln!”
Der Dschinn sagte nichts laut, doch meine Schwester musste trotzdem eine Antwort erhalten haben, denn sie korrigierte ihren Wunsch sofort.
„Also gut, wenn es nicht möglich ist, den Effekt zu verdoppeln, dann erhöhe ihn um die von den Spielregeln erlaubten 40 Prozent!”
Der Dschinn musste zugestimmt haben, denn nach kurzem Schweigen sprang die Waldnymphe vor Freude in die Luft.
„Amra, die Anzahl meiner Hornissen hat sich von 12 auf 17 erhöht! Und sie verfügen alle über die Verstärkungsboni, die auf der Anzahl der Insekten im Schwarm basieren! Das ist fantastisch!”
Nach meiner Schwester trat ich vor, um meinen Wunsch zu formulieren.
„Ich möchte wissen, wo sich die Gegenstände befinden, die zu Fenrirs verfluchten Insignien gehören!”
Nicht möglich”, erklang eine Stimme in meinem Kopf. „Für 1 Wunsch erhältst du Informationen über nur 1 einzigartigen Gegenstand.”
„Na gut, dann verrate mir den Ort mindestens 1 Gegenstands von Fenrirs verfluchten Insignien ...”, änderte ich meinen Wunsch nach seiner Einschränkung. Doch bevor der Dschinn antworten konnte, fügte ich eilig hinzu: „... abgesehen von denen, die ich bereits habe!”
Verflixt ... Du hast einen großartigen Scherz ruiniert”, antwortete der Dschinn ärgerlich. „In Ordnung. Du kannst Fenrirs Stiefel in dem Harpyiendorf Sini-Nalle finden. Dort gibt es einen Minotaurus-Lumpenhändler namens Rho, der sie in seinem Besitz hat.
Die Mission „Etwas anderes ...” ist abgeschlossen.
Verdiente Belohnung: 1 Wunsch
Dein Ruhm hat sich erhöht.
Aktueller Wert: 6
Sini-Nalle? Wo befand sich dieser Ort? Ich hatte keine Ahnung, aber ich würde es auf jeden Fall herausfinden! Jetzt hatte ich ein neues Ziel!
Inzwischen hatte Taisha es nicht eilig, dem Dschinn ihren Wunsch mitzuteilen. Stattdessen wandte meine NPC-Braut sich an die Walküre: „Was passiert, wenn der Dschinn den letzten der 8 Wünsche gewährt hat?”
Auf Kristina Mozzis Gesicht breitete sich ein raubtierhaftes Grinsen aus, sodass ihre weißen Zähne zu sehen waren.
„Der Dschinn denkt, dass wir ihn freilassen ... Er ist so naiv! Wer würde sich die Chance entgehen lassen, eine einzigartige Kreatur zu töten? Wir verdienen eine riesige Menge von Erfahrungspunkten, einmalige Beute und noch mehr Ruhm für jeden, der an dem Kampf teilnimmt! Jetzt wünsche dir schnell etwas, wir wollen nicht mehr länger warten. Außerdem ist es Nacht und viele von uns müssen morgen arbeiten.”
„Gut, dann werde ich euch nicht länger warten lassen ...” Taisha drehte sich um und ging langsam zu der todgeweihten Kreatur hinüber.
Erst im letzten Moment vermutete ich, was Taisha sich wünschen würde. Ich erstarrte vor Schreck, als ich die unausweichliche Katastrophe auf und zu kommen sah. Meine Intuition war richtig gewesen ...
„Ich wünsche mir, dass der Dschinn-Sultan Al-Hassan Gottesgeißel freigelassen wird!”
Taisha hatte in der Goblinsprache gesprochen, sodass nur wenige wussten, was sie gesagt hatte. Doch ich hatte sie verstanden, und die Chaosmagierin Violetta Bestia offenbar auch, denn die Elfe stieß einen markerschütternden Schrei aus und wollte sich schützen, indem sie ihren magischen Stab erhob und irgendeinen Zauber wirkte. Sie war jedoch nicht schnell genug – genau wie jeder andere in der Nähe ...
Du bist gestorben.
Verlorene Erfahrung: 55.808 EP
Du respawnst in 59 Minuten und 58 Sekunden an deinem zuletzt festgelegten Spawnpunkt.


[1] Ein arabisches, aus Feuer geschaffenes Geistwesen. Seite „Ifrit”. In: Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. Bearbeitungsstand: 12. Februar 2019)



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Veröffentlichung am 24. Juni 2019



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