Monday, December 10, 2018

Hart am Wind von Michael Atamanov




Kräutersammler der Finsternis Buch 2
Hart am Wind
von Michael Atamanov



Vorbestellung: Amazon, Google Play, iTunes, Kobo
Veröffentlichung am 10. März 2019


1. Der Schluss einer langen Geschichte

„GIB ES ZU, AMRA. Die lange Suche ist umsonst gewesen. Es gibt keine Spur von ihnen!”, sagte die zarte Waldnymphe. In ihrem dünnen Kleid saß sie auf dem Stamm eines umgestürzten Baums und gähnte herzhaft, sodass ihre scharfen, raubtierhaften Zähne sichtbar wurden.
Meine Schwester hatte die ganze Nacht kein Auge zugetan und war offensichtlich völlig übermüdet. Und der Grund, warum sie in dieser Herrgottsfrühe wach war, waren nicht das Licht oder die Morgendämmerung, sondern ich. Valeria hatte ihre Missbilligung deutlich zum Ausdruck gebracht und sich für einige Zeit geweigert, ins Spiel zu kommen, doch die Gefahr, dass einige der vielen Mörder, die hinter mir her waren, beim Verfluchten Haus auftauchen könnten, war sehr real, darum hatte Val sich schließlich entschuldigt und eingewilligt, mit dem Rest unserer Gruppe weiterzuspielen.





Max Sochnier, den ich auf seinem Handy angerufen hatte, hatte versprochen, so schnell wie möglich zur Arbeit zu kommen und uns in der Nähe von Steinhang zu treffen. Auch Leon hatte mich nach kurzem Überlegen gebeten, nicht ohne ihn zu gehen. Ich verstand genau, wie schwierig diese Entscheidung für den früheren Bauarbeiter gewesen sein musste. Auf der einen Seite war da das halb zerstörte Dorf Tysh, wo es für seinen Charakter, einen Oger-Festungsbaumeister, genug Arbeit gab, um ihn für einen vollen Monat zu beschäftigen. Er würde regelmäßig Missionen erhalten, könnte Erfahrung sammeln und seine Levels erhöhen. Auf der anderen Seite hatten wir ihn gebeten, sich unserer Gruppe anzuschließen. Das würde bedeuten, vor gedungenen Mördern zu fliehen, ständig in Gefahr zu sein und sich verstecken zu müssen. Leon hatte sich entschieden, bei seinen Freunden zu bleiben, was ich ihm hoch anrechnete. Mittlerweile musste er das Gebäude des Unternehmens von Reich ohne Grenzen bereits erreicht haben und würde das Spiel jeden Augenblick betreten. Danach würden wir alle um unser Leben rennen müssen, bis wir Steinhang erreicht hatten.
Mit dem lahmenden Akella an ihrer Seite kam Taisha zu mir herüber. Sie hatte sich eng in meinen Mantel eingehüllt. Als Antwort auf meinen fragenden Blick sah die wunderschöne, grünhäutige Goblinfrau zu Boden und schüttelte den Kopf.
„Ich konnte nichts herausfinden. Ich bin um die Palisade von Steinhang herumgegangen und habe die Tore einige Male überprüft, doch die Frau war nirgends zu sehen. Außerdem habe ich mir die Spuren noch einmal angesehen, die die Landarbeiter hinterlassen haben. Keine davon gehörte zu ihr. Die Flüchtige muss das Dorf vor einigen Tagen verlassen haben. Ich habe Tamina Grimmigs Kinder noch einmal auf Lobo und Wolfsblut losgeschickt, um auf der Straße von Steinhang nach Tysh in entgegengesetzter Richtung Ausschau nach ihr zu halten, doch die Chancen, sie zu finden, stehen schlecht. Wir haben dort schon ein paarmal nachgesehen ...”
Ich schlug nach einer lästigen Level-4-Fliege, die um meinen Kopf herumschwirrte. Unser Najadenhändler hatte nicht übertrieben. In der Nähe des Flusses gab es Fliegen, die so groß wie eine Faust waren. Erschöpft setzte ich mich neben meine Schwester auf den umgestürzten Baumstamm. Taisha fand einen Platz neben mir.
Es war kurz vor Tagesanbruch. Im Osten verfärbte sich der Himmel langsam rosa, doch heute musste ich den Sonnenaufgang nicht fürchten, denn ich konnte bereits viele dicke Regenwolken sehen, die wie dunkle, zerrissene Lumpen am Himmel aufzogen. Es würde wahrscheinlich jeden Augenblick anfangen zu regnen und dann würde unsere Suche nach der dunkelhaarigen, jungen Frau zwecklos werden. Der Regen würde alle verbliebenen Fußspuren fortspülen und die Wölfe des grauen Rudels würden ihre Fährte nicht mehr aufnehmen können. Ich musste befürchten, die seltene Quest „Die Vergangenheit des grauen Rudels” nicht abschließen zu können. Dabei hatte ich große Pläne, die alle vom Abschluss der Mission abhingen, denn als Belohnung würde ich die Fähigkeit erhalten, dem grauen Rudel wilde, schnellfüßige Wargs hinzuzufügen. Das war sehr verlockend!
Ich seufzte schwer, als ich den bunten Haarreif, den ich in der Höhle der Wargs gefunden hatte, aus meinem Inventar nahm und ihn in den Händen drehte. Es war ein ganz gewöhnlicher Haarreif, den Mädchen und Frauen trugen, um ihr Haar zurückzuhalten, doch als ich ihn gefunden hatte, war die nächste Mission in der Kettenquest des grauen Rudels ausgelöst worden. Wir konnten uns diese Mission nicht entgehen lassen, die flüchtige Frau durfte uns nicht entkommen! Ich hoffte inständig, dass wir noch eine Chance hatten. Wenn nicht, wäre die ganze Kettenquest vermasselt und das wäre eine Katastrophe. Ärgerlich schlug ich mir mit der flachen Hand gegen die Stirn und zerquetschte dabei eine unverschämte Fliege, die dort gelandet war.

Zugefügter Schaden: 18 (Schlag)
Erhaltene Erfahrung: 4 EP
Erhaltener Gegenstand: Tote Fliege (Köder)
Dein Charakter besitzt nicht die notwendige Fertigkeit, um diesen Gegenstand zu benutzen.
Erforderliche Fertigkeit: Fischen (Wah, Bew), Level 3
Ich schnippte die Fliege weg, denn sie war nutzlos für mich. Dann rief ich wütend aus: „Eine schwangere Frau löst sich nicht einfach in Luft auf, besonders wenn sie ihre Nichte und ihren Neffen bei sich hat! Es muss einen Grund geben, warum sie plötzlich geflohen ist, nachdem sie sich so lange in Steinhang aufgehalten hat. Es muss anstrengend für sie sein, lange Strecken zu laufen! Verdammt noch mal, diese Fliegen machen mich verrückt!”
Tatsächlich war ein ganzer Schwarm summender Insekten aufgetaucht, nachdem ich die Fliege getötet hatte, und kreiste nun mit bösartigem Surren über unseren Köpfen. Valerianna Schnellfuß schüttelte kurz ihre rechte Faust und ihre Hornissengefährten flogen los, um uns zu helfen. In wenigen Sekunden hatten sie den lästigen Blutsaugern den Garaus gemacht.
Als Taisha die gefährlichen, riesengroßen Hornissen gesehen hatte, hatte sie sich niedergekauert und ihren Kopf mit dem Mantel bedeckt, doch ich pfiff anerkennend. Es waren mindestens 10 schwarze, braungelbe und orangerote Hornissen, von denen einige bereits Level 16 erreicht hatten. Wenn sie auf Level 20 waren, konnte die Bestienmeisterin nützliche Zusatzfähigkeiten für sie wählen.
Wie ich meine Schwester kannte, hatte Valerianna Schnellfuß sich bereits einen detaillierten Plan zur Entwicklung ihrer Tierbegleiter überlegt und alle Stärken und Schwächen in Betracht gezogen. Angesichts der verschiedenen Hornissenarten war klar, dass die Waldnymphe ihren Schwarm nicht wahllos zusammengestellt hatte. Meine Schwester fühlte sich durch die Aufmerksamkeit, die die verschiedenfarbigen Schönheiten erregten, offenbar geschmeichelt. Kurz darauf schickte sie ihre fliegenden Tiergefährten fort und setzte zu einer Antwort an.
„Es ist nicht schwer, zu erraten, warum die Frau weggelaufen ist. In den letzten Tagen sind 11 ihrer Freunde getötet worden. Wahrscheinlich wusste sie, dass sie Wargs waren. Sie selbst ist vielleicht kein Warg, doch sie hatte trotzdem Angst um ihr Leben. Wir könnten uns aber auch irren, Tim. Vielleicht hat die junge Frau überhaupt nichts mit der ganzen Sache zu tun. Vielleicht war es nur ein Zufall, dass sie den Bauernhof zur gleichen Zeit verlassen hat. Wie dem auch sei, wir sollten so schnell wie möglich eine Entscheidung treffen. Wir können uns nicht viel länger in der Nähe von Steinhang aufhalten. Wenn die Sonne aufgeht, machen sich die Mörder wieder auf den Weg, um dich zu finden. Meiner Meinung nach sollten wir die Suche abbrechen und diese Gegend schleunigst verlassen.”
Plötzlich verstummte Valerianna und wurde nervös, als sie einen barfüßigen, grauhaarigen, alten Mann entdeckte, der mit einer dunklen Chlamys bekleidet war und aus dem Dorf auf uns zukam. Einen Augenblick später atmete sie jedoch erleichtert auf. Offenbar kannte sie diesen alten Mann und er stellte keine Bedrohung für uns dar. Schnell las ich mir seine Informationen durch.

Umar Knochenrichter
Menschlicher Level-45-Hexendoktor
Es musste sich um den Doktor aus Steinhang handeln, den die Waldnymphe an unserem zweiten Tag im Spiel getroffen hatte. Sie hatte mir mehrmals von ihm erzählt. Der grauhaarige Mann nickte meiner Schwester kurz zu, als würde er eine alte Freundin begrüßen, und hielt dann neben mir an. Er betrachtete mich von Kopf bis Fuß, bevor er gutmütig lachte.
„Du musst der segelohrige Goblin-Kräutersammler sein, der in das Verfluchte Haus eingezogen ist. Ich warte schon seit einiger Zeit auf deine Pflanzenlieferungen! Du bist spät dran.”
Wenn der alte Mann gedacht hatte, er könnte mich mit seinen Worten in Verlegenheit bringen, hatte er sich getäuscht. Es war das erste Mal, dass ich ihn traf, und ich war nicht verpflichtet, ihm Pflanzen zu verkaufen, darum fühlte ich mich kein bisschen schuldig. Außerdem hatte ich noch nicht einmal genug Pflanzen für mich selbst, um meine Fertigkeit Alchemie zu praktizieren. Der Hexendoktor würde also einen Fehler machen, wenn er sich auf mich verließ.
Aber er wartete nicht einmal auf meine Antwort, sondern lenkte seine Aufmerksamkeit auf Taisha. Meine Gefährtin wurde unter seinem strengen Blick verlegen, senkte den Kopf und wickelte sich noch fester in den Mantel, um ihre dünne Diebeskleidung zu verhüllen, die immer noch an mehreren Stellen Brandlöcher aufwies.
„Zu meiner Zeit hätten sich die Frauen geschämt, so herumzulaufen”, sagte der alte Mann vorwurfsvoll und schüttelte den Kopf. „Du hast Erlaubnis, das Dorf zu betreten. Die Wachen am Tor kennen dich und werden dich durchlassen. Das zweite Haus auf der rechten Seite gehört mir. Im Regal beim Eingang findest du Nadel und Faden, um deine armselige Kleidung zu flicken.”
Taisha drehte sich zu mir. Nachdem ich zustimmend genickt hatte, sprang sie auf und machte sich auf den Weg zum Dorf. Gleich darauf ließ sich der alte Hexendoktor stöhnend neben mir auf dem Baumstamm nieder. Er beugte sich hinunter und kraulte Pirat hinter dem Ohr. Er hatte nicht die geringste Angst vor dem Level-17-Waldwolf, der zu Valerianna Schnellfuß‘ Füßen döste. Die mangelnde Vorsicht des Hexendoktors erstaunte mich. Der Tiergefährte meiner Schwester war schließlich ein wildes Raubtier und der alte Mann konnte nicht wissen, wie der Wolf reagieren würde, wenn er berührt wurde. Pirat zuckte jedoch nur schläfrig mit dem Ohr, als ob er eine Fliege verscheuchen wollte, und döste weiter. In dem Augenblick erhielt ich eine persönliche Nachricht von Shrekson.
„Leon und ich haben gerade das Spiel betreten und sind schon auf dem Weg zu euch. Wir laufen so schnell wie möglich, aber wir brauchen trotzdem 1 Stunde bis Steinhang. Wartet auf uns.”
Ich hatte also noch 1 Stunde Zeit, um die Spur der flüchtigen Frau zu finden. Bis dahin würde auch die Sonne aufgegangen sein und wir würden uns so weit wie möglich von Steinhang entfernen müssen. Die Wahrscheinlichkeit, auf einen hochleveligen Feind zu treffen, erhöhte sich von Minute zu Minute. Außerdem würden die Bewohner des Menschendorfs bald aufwachen und uns neugierig beobachten, sodass es für die Wölfe des grauen Rudels unmöglich sein würde, effektiv zu arbeiten.
Als ob er meine Gedanken gelesen hätte, brummte der Hexendoktor: „Wenn ich es recht bedenke, ist diese ganze Angelegenheit ziemlich merkwürdig: Eine Gruppe von Goblins mit einem Rudel Wölfe und einer gefährlichen Mavka kommen zu unserem Menschendorf, kriechen überall herum und versuchen, etwas oder jemandem auf die Spur zu kommen. Man könnte misstrauisch werden und eure Absichten infrage stellen. Vielleicht sollte ich einen Läufer zur Garnison schicken und um mehr Wachen bitten ...”
Alarmiert drehte ich mich zu dem alten Mann, doch er grinste und konnte kaum ein Lachen zurückhalten.
„Ich mache nur Spaß, Dummkopf”, versicherte der Hexendoktor mir eilig. „Die Mavka hat mir gestern erzählt, wen ihr sucht. Du hast noch kein Wort gesagt, Amra, ich wollte nur ein Gespräch beginnen.”
„Wir suchen Landarbeiterin, die von weit entferntem Bauernhof weggelaufen. Viele Arbeiter weggelaufen. Bauer versteht nicht, warum und wohin gelaufen”, erklärte ich, wobei ich meine Sprache absichtlich verdrehte.
Der alte Mann strahlte, doch er schüttelte vorwurfvoll den Kopf. „Goblin, du bist ein schlechter Lügner ... Der habgierige Bauer Kariz würde niemals nach vermissten Arbeitern suchen, besonders nicht kurz vor Ende der Saison, wenn er Lohn bezahlen muss. Für ihn ist das Verschwinden der Landarbeiter von Vorteil – es bedeutet, dass er mehr Münzen in seiner Tasche behalten kann.”
Nachdenklich betrachtete ich den Mann, dessen faltiges Gesicht von einem langen Leben zeugte. Dann beschloss ich, ihm die ganze Wahrheit zu erzählen und nichts zu verheimlichen. Ich sprach sogar ohne meinen verdrehten „Goblinakzent”, damit er mich gut verstehen konnte. Umar Knochenrichter hörte meiner Geschichte vom Töten der Wargs und der Entdeckung ihrer Höhle aufmerksam zu, ohne mich zu unterbrechen.
Als ich bei dem Haarreif und meinen Vermutungen in Bezug auf die flüchtige, dunkelhaarige Frau angelangt war, sagte der Hexendoktor gedankenverloren: „Die Frau, nach der du suchst, heißt Belle. Vom ersten Tag an habe ich gewusst, dass sie keine einfache Dorfbewohnerin ist. Sie ist nicht sehr groß und hat kurzes Haar. Vor 5 Monaten tauchte sie plötzlich im Dorf auf. Der Bauer Kariz hatte die Gruppe von Landarbeitern im Frühling eingestellt, um die Saat auszubringen, und bat mich, sie zu untersuchen. Sie war sehr dünn, erschöpft und sah unwohl aus, als ob sie krank wäre. Ihr kurzes Haar machte die Leute misstrauisch. Welche Frau würde sich einfach ihre Zöpfe abschneiden? Es trübte ihre weibliche Schönheit! Der einzige Grund, den ich mir vorstellen konnte, war Typhus oder eine andere Krankheit.”
Der alte Mann verstummte für eine Weile, als ob er versuchte, sich zu erinnern. Dann fuhr er merklich leiser fort: „Zu der Zeit konnte man Belles Bauch noch nicht sehen. Keiner wusste, dass sie ein Kind erwartete. Doch während der Untersuchung erzählte sie mir die ganze Geschichte. Sie war vor schwerer körperlicher Arbeit, Streitereien und Demütigungen geflohen. Am schlimmsten waren die täglichen unerwünschten Annäherungsversuche ihres früheren Dienstherrn gewesen. Sie konnte nicht einmal einen Spaziergang machen, ohne von ihm bedrängt zu werden. Die Frau des Dienstherrn hatte ihr die Haare abgeschnitten, um zu verhindern, dass Belle ihr den Mann wegnahm. Sie tat mir leid, darum sagte ich Kariz nichts von ihrer Schwangerschaft, sonst hätte er sie fortgeschickt.”
„Wie hast du erkannt, dass sie ungewöhnlich war?”, fragte die Waldnymphe. „Für mich hört sie sich an wie ein typisches malträtiertes Mädchen vom Dorf, dem das Leben schlechte Karten ausgeteilt hat.”
Auf einmal sah der alte Mann verlegen aus und hüstelte. Als er fortfuhr, war seine Stimme kaum noch zu hören. „Alle Frauen bitten den Hexendoktor um Hilfe, wenn es um eine Geburt geht: Heilelixiere, Kräuter, Schmerzmittel und Ähnliches. Die Rezeptur für eine Entbindung ist seit Anbeginn der Zeit bekannt, sie ist immer die gleiche. Zuerst ein Absud aus Wiesenheide, sodass sich der Samen einnistet und sich mit dem Kopf nach unten dreht, wenn die Zeit gekommen ist. Dann ein Trank aus Wildhonig, weißer Kamille und Johanniskraut, um der Frau Stärke für die Geburt zu geben. Frauen müssen viel verkraften, um ein Kind zu gebären, und ich kann alle Rezepturen zubereiten. Belle hat mich jedoch um völlig andere Dinge gebeten: Wolfs-Eisenhut, rote Alraune und einen starken Schlaftrunk, der einen Bergtitanen umgehauen hätte. Ich fragte mich, woher eine arme Dorfbewohnerin wie sie das Geld für diese teuren Elixiere hatte. Es passte nicht zu ihrer Geschichte. Ich weiß nicht, warum sie einen Schlaftrunk benötigte, aber Wolfs-Eisenhut ist nicht nur für seine betäubende Wirkung bekannt, sondern hält Formwandler auch davon ab, ihre Gestalt zu wechseln. In dem Moment wurde mir klar, dass etwas nicht stimmte. Ich ließ die junge Frau nicht mehr aus den Augen, doch ich verriet den Dorfbewohnern trotzdem nichts über Belle, denn sie hat sich unauffällig benommen. Der Wolfs-Eisenhut musste bedeuten, dass sie sich selbst bei Vollmond nicht in eine Bestie verwandeln wollte. Die Geburt ihres Kindes kam jedoch unweigerlich näher und vor den Geburtshelferinnen hätte sie die Wahrheit nicht verbergen können, darum ist Belle mit ihrer Nichte und ihrem Neffen geflohen.”
Der alte Mann verfiel in Schweigen und hatte Tränen in seinen kreideweißen Augen, als er zum Wald hinüberblickte, der aus dem Nebel auftauchte. Ich fragte den Hexendoktor, wann er die flüchtige Frau zuletzt gesehen hatte.

Die Prüfung von Umar Knochenrichters Reaktion dir gegenüber war negativ.
„Hör zu, Winzling”, erwiderte der Hexendoktor des Dorfs ärgerlich, „wenn du keine Pflanzen für mich sammeln willst, kannst du auch keine Hilfe von mir erwarten. Für einen jungen Kerl wie dich ist es ganz einfach. Du kannst dir alles, was du brauchst, im Handumdrehen besorgen. Aber mit meinen steifen Beinen ist es sehr beschwerlich, durch den Sumpf zu waten und Brombeeren und Johannisbeeren zu sammeln ...“

Erhaltene Mission: Pflanzen für den Hexendoktor 1/3
Missionskategorie: Klassenbasiert, Training
Beschreibung: Je 5 Bündel Sumpf-Johannisbeeren, Sumpf-Brombeeren und Sumpf-Zinnkraut für Umar Knochenrichter sammeln.
Belohnung: 160 EP, Fertigkeit Kräuterkunde + 1
Das war also der beste Weg für mich, in Kräuterkunde zu leveln! Statt nachts durch den gefährlichen Wald zu wandern, jedes Mal, wenn Büsche raschelten, vor Angst zu zittern, und mich ständig vor der Begegnung mit einem blutrünstigen Monster zu fürchten, hätte ich einfach zu dem Hexendoktor gehen und mit Trainingsquests leveln können. Doch wenn mein Goblin früher in das Menschendorf gegangen wäre, hätte man ihn wegen seines niedrigen Charismas und der Strafe von – 20 auf Beziehungen zu Menschen höchstwahrscheinlich sofort zum Respawnen geschickt. Außerdem hätte ich das Dorf nicht während des Tages besuchen können, und nachts schliefen die Leute, sodass Steinhangs Tore geschlossen gewesen wären!
Ich sah mir mein Inventar an. Es enthielt genügend Pflanzen, um die erste Mission des Hexendoktors umgehend abzuschließen, doch mir fehlten nur noch einige Pflanzen, um mit Kräuterkunde Level 7 zu erreichen, darum wäre es dumm gewesen, den geschenkten Levelaufstieg zu verschwenden. Ich hatte noch genug Zeit, bis der Oger und der Najadenmann eintreffen würden, darum erkundigte ich mich bei dem alten Mann, wie ich den nächsten Sumpf erreichen könnte, und machte mich dann auf den Weg dorthin. Er war nicht sehr weit entfernt und die Mission war einfach. Die Pflanzen, um die er mich gebeten hatte, wuchsen dicht an dicht und 20 Minuten später kam ich mit meiner Kräuterkunde auf Level 7 wieder zurück.
Umar Knochenrichter saß immer noch auf dem Baumstamm und unterhielt sich friedlich mit der Waldnymphe. Ich übergab dem alten Mann schweigend die von ihm gewünschten Pflanzen.

Die Mission „Pflanzen für den Hexendoktor 1/3” ist abgeschlossen.
Verdiente Belohnung: 160 EP
Du hast mit der Fertigkeit Kräuterkunde Level 8 erreicht!
„Danke! Wo warst du denn so lange?”, rief der alte Mann erfreut aus. Er stopfte die Kräuterbündel in seinen schmutzigen, zerknitterten Sack. „Also gut, ich beantworte deine Frage wie versprochen. Zum letzten Mal habe ich Belle an dem Tag gesehen, als die Unsterblichen in Scharen in unser Dorf gekommen sind. Ich glaube, es war um die Mittagszeit, aber ich kann mich nicht genau entsinnen. Sie war am Bootssteg und holte in Eimern aus Birkenrinde Wasser vom Fluss.”
Ich hatte das Gefühl, als ob über meinem Kopf eine Glühbirne aufleuchten würde. Das war es! Der Fluss. Boote. Warum waren wir nicht eher darauf gekommen?! Ich bemerkte, dass die Waldnymphe mir einen durchdringenden Blick zuwarf, der mir verriet, dass sie gerade das Gleiche dachte. Doch kurz darauf erstarrte sie und sah enttäuscht aus. Ich erhielt eine persönliche Nachricht.
„Irgendwie stimmt etwas mit dem Zeitablauf nicht. Wenn Umar die Wahrheit gesagt hat, muss Belle aus Steinhang weggelaufen sein, BEVOR wir die ersten Wargs getötet haben. Der Tod der Formwandler kann also nicht der Grund für ihre Angst gewesen sein, denn sie war bereits weg.”
Ich antwortete meiner Schwester ebenfalls in einer persönlichen Nachricht: „Offenbar wusste sie nichts vom Tod der 11 Wargs, doch sie ist trotzdem geflohen. Der Geburtstermin muss kurz bevorgestanden haben und sie befürchtete wohl, entdeckt zu werden. Vielleicht hat sie das Dorf auch später verlassen und der alte Mann hat sie einfach einige Tage nicht gesehen. Der Weg auf dem Fluss war die beste Lösung für sie. Wir haben nicht eine einzige Fußspur an Land gefunden und ein Boot wäre der einfachste Weg für eine schwangere Frau, aus dem Dorf herauszukommen.”
„Ist in letzter Zeit ein Boot aus dem Dorf verschwunden?”, wandte ich mich direkt an Umar Knochenrichter. Er reagierte abermals mit einem erzürnten Gesichtsausdruck und ich erhielt eine zweite Quest von dem Hexendoktor, die meine Hauptfertigkeit erforderte.

Erhaltene Mission: Pflanzen für den Hexendoktor 2/3
Missionskategorie: Klassenbasiert, Training
Beschreibung: Je 10 Bündel Berglilien, Gemeine Stechpalme, Feld-Johanniskraut und Feuermohn für Umar Knochenrichter sammeln.
Belohnung: 320 EP, Fertigkeit Kräuterkunde + 1
Als ich die Beschreibung der Quest las, stockte ich für einen Moment. Während der letzten Tage im Spiel hatte ich noch keine dieser Pflanzen gesehen. Genauer gesagt hatte ich außer Feuermohn noch nie eine dieser Pflanzen gesehen. Natürlich fragte ich den alten Hexendoktor, wo sie zu finden waren, doch seine Antwort gefiel mir überhaupt nicht.
„Als Goblin solltest du das besser wissen als ich. Soweit mir bekannt ist, wachsen ganze Felder des Mohns in der Nähe von Tysh, irgendwo jenseits des Friedhofs der brennenden Skelette.”
Das war viel zu weit entfernt von hier, selbst wenn ich mit dem grauen Rudel reiten würde. Der Weg nach Tysh und zurück würde mich zu viel Zeit kosten. Ich dachte kurz nach und beschloss dann, dem alten Hexendoktor einen anderen Vorschlag zu machen. Es war auf alle Fälle einen Versuch wert.
„Hör zu, Umar Knochenrichter. Die Pflanzen, die du haben willst, wachsen zwar nicht direkt vor deiner Haustür, doch sie kommen recht häufig vor. Sie sind in den umliegenden Wäldern weit verbreitet, du kannst sie leicht finden oder jemanden schicken, um sie zu besorgen. Ich möchte dir den wahren Reichtum eines Kräutersammlers anbieten. Im ersten Stock des Verfluchten Hauses hängen hunderte der seltensten Pflanzen zum Trocknen an der Decke: Weißlilien, haarige Johannisbeeren, Goblinbeeren, Wolfs-Eisenhut und bunte Alraunen. Neben der Treppe führt ein Weg in ein Gewölbe mit einem kleinen, unterirdischen Bach. Dort unten gibt es rote Stinkpilze, Höhlenmorcheln, schwarzes Moos und viele andere Pflanzen, die du an der Oberfläche nicht finden kannst. Lass uns ein Geschäft machen: Diese Reichtümer gehören dir, wenn ich nicht im Regen auf der nassen Straße nach Tysh gehen muss.”
Ich wusste, dass der Hexendoktor mein Angebot sehr interessant fand, denn seine Hände zitterten vor Aufregung. Doch er war immer noch unschlüssig.
„Ich soll zum Verfluchten Haus gehen? Komm schon, Amra ... Du bist unsterblich, du hast nichts zu verlieren. Was ist, wenn mich das Monster, das dort lebt, bei lebendigem Leib auffrisst?”
„Mach dir darüber keine Sorgen, alter Mann. Letzte Nacht habe ich die Kreatur, die die Hausbewohner immer getötet hat, zur Strecke gebracht. Sie hieß ‚Mitternachtsgespenst‘. Jetzt gibt es dort keine Gefahr mehr.”

Die Prüfung von Umar Knochenrichters Reaktion dir gegenüber war positiv.
Verdiente Erfahrung: 40 EP
Du hast mit der Fertigkeit Handel Level 12 erreicht!
„Ich hoffe, du sprichst die Wahrheit, Segelohr ...”, brummte der alte Mann und versuchte vergeblich, seine Freude und Ungeduld zu verbergen. „Also gut, ich bin mit dem Handel einverstanden.”

Die Mission „Pflanzen für den Hexendoktor 2/3” ist abgeschlossen.
Verdiente Belohnung: 320 EP
Du hast mit der Fertigkeit Kräuterkunde Level 9 erreicht!
Die Mission „Pflanzen für den Hexendoktor 3/3” ist abgeschlossen.
Verdiente Belohnung: 480 EP
Du hast mit der Fertigkeit Kräuterkunde Level 10 erreicht!
Die Waren, die ich dem Hexendoktor angeboten hatte, waren so wertvoll, dass ich zwei Stufen seiner Quest auf einmal abgeschlossen hatte? Das war ein unerwarteter Erfolg. Ich grinste von einem Ohr zum anderen, doch meine Freude dauerte nicht lange an.
„Nein”, beantwortete der alte Mann nun meine Frage, „in Steinhang ist kein Boot verschwunden. Unsere 3 Boote liegen am Steg, du kannst es selbst überprüfen.”
Der alte Mann freute sich offenbar, dass er mich mit seiner Antwort in eine schwierige Lage gebracht und diese banale Information gegen eine Vielzahl wertvoller Pflanzen eingetauscht hatte. Ja, Umar Knochenrichter war sehr zufrieden mit sich und erklärte auch den Grund dafür.
„Goblin, du musst verstehen, dass die junge Frau sehr freundlich zu mir war. Ich will nicht, dass sie jemand findet und belästigt oder bedroht. Wenn das alles ist, mache ich mich jetzt auf den Weg. Ich muss mir einen Wagen für deine Pflanzen beschaffen.”
Der Hexendoktor stand ächzend auf, stützte sich auf seinen Stock und ging langsam zum Dorf zurück. Er war fast angekommen, als meine Schwester ihm zurief: „Umar, kannst du mir etwas über Belles Nichte und Neffen erzählen, oder muss ich erst eine Quest abschließen, um die Wahrheit zu erfahren?”
Der Heiler drehte sich langsam um und blickte finster zu uns herüber. Gerade als ich dachte, dass wir keine Antwort bekommen würden, überraschte der alte Mann mich.
„Sicher kann ich dir von den beiden erzählen. Es ist kein Geheimnis. Der Junge heißt Dar und das Mädchen Dara. Sie sind etwa 12 oder 13 Jahre alt. Zwei Diebe, Schurken und Raufbolde, viel mehr gibt es über die beiden Rowdys nicht zu sagen. Wenn etwas aus dem Dorf verschwunden war oder ein Kind verletzt wurde, steckten die beiden dahinter. Sie sind geborene Kriminelle, ihre Taten sollten mit schwerer Arbeit oder sogar dem Richtblock geahndet werden. Sie haben keine Bildung, keine Disziplin und keine Achtung gegenüber Älteren. Das Mädchen ist genauso schlimm wie ihr Bruder. Vollkommen hoffnungslos. Die Dorfbewohner haben die beiden oft bestraft. Sie haben sie verprügelt, in der Kälte ausgesperrt und sie sogar an den Schandpfahl in der Dorfmitte gestellt ... Nichts hat geholfen. Als Belles Bauch noch nicht so groß war, konnte sie sie wenigstens etwas im Zaum halten. Ab und zu hat sie ihnen mit einer Rute oder einer Peitsche eine ordentliche Tracht Prügel gegeben. Dann konnte man ihr Geschrei bis zum anderen Ende des Dorfs hören. Die beiden Tollköpfe hatten Angst vor ihr und gehorchten ihr. Doch als ihr Bauch wuchs, konnte sie sie nicht mehr unter Kontrolle behalten. Ehrlich gesagt war ich froh, als die beiden Rowdys das Dorf verlassen haben. Niemand hat ihnen auch nur eine einzige Träne nachgeweint.”
Nach diesen Worten spuckte der alte Mann verdrossen auf den Boden. Im gleichen Augenblick öffnete der Himmel seine Pforten und ein Wolkenbruch ging nieder. Der Hexendoktor demonstrierte eine überraschende Beweglichkeit für solch einen ehrwürdigen, alten Mann, nahm seinen Stock unter den Arm und rannte schnell wie ein Hase ins Dorf. Meine Schwester und ich suchten unter dem nächsten Baum mit breiten Ästen Schutz, um nicht völlig durchnässt zu werden. Dort äußerte ich einen Gedanken, der mir gerade gekommen war.
„Diese Kinder sind ziemlich ungehobelt. Vielleicht finden wir die drei schneller, wenn wir uns in den umliegenden Dörfern nach aufmüpfigen Jugendlichen erkundigen. Wenn uns das nicht weiterbringt, müssen wir wohl aufgeben, denn dieser Regen wird ihre Fußspuren vollkommen vernichten.”
Meine Schwester sah mich mit einem vorwurfsvollen, fast mitleidigen Blick an. „Tim, du bist heute wirklich nicht bei der Sache und dabei ist ‚dein Mädchen‘ noch nicht mal in der Nähe, um dich mit ihren Kurven abzulenken. Dir ist völlig entgangen, dass der alte Mann uns in seiner Antwort ungewollt einen klaren Hinweis gegeben hat. Hast du es wirklich nicht mitbekommen?”
Ich überlegte einen Moment, doch dann musste ich mir eingestehen, dass ich nicht die geringste Ahnung hatte, worauf meine Schwester anspielte. Die Waldnymphe musste mir die Fakten noch einmal vor Augen führen, bevor ich begriff.
„Belle wurde am gleichen Tag am Bootssteg gesehen, an dem die Spieler nach Steinhang geströmt sind, um die einzigartige fliegende Schlange Kayervina zu töten. Die 3 Boote des Dorfs befinden sich immer noch am Steg, darum kann sie keins davon benutzt haben. Aber es gab noch ein weiteres Boot, erinnerst du dich nicht? An diesem Tag war ein dir wohl bekannter Najadenhändler namens Max Sochnier in seinem mit frischen und getrockneten Fischen beladenen Boot nach Steinhang unterwegs! Aber er war gezwungen, seine Fracht zurückzulassen und ins Wasser zu tauchen, weil er in der Nähe von Steinhang von Spielertötern angegriffen wurde! Dieses vierte Boot muss irgendwo abgeblieben sein, meinst du nicht?”
„Val, du bist ein Genie! Ich schulde dir ein Eis”, lächelte ich. Die Schlussfolgerung meiner Schwester ergab Sinn. „Es ist unwahrscheinlich, dass sie in dem Boot flussaufwärts gerudert sind. Das wäre für eine schwangere Frau mit 2 Teenagern viel zu schwer. Wir müssen also flussabwärts nach ihnen suchen, aber zu Fuß können wir sie nicht einholen. Das Ufer ist viel zu sumpfig, steinig und überwuchert. Außerdem wimmelt es dort von allen möglichen aggressiven Monstern. Wir brauchen ein Boot. Nein, ein paar Boote, denn eins ist zu klein für unsere ganze Gruppe.”
„Du bist schon wieder begriffsstutzig, Segelohr”, erwiderte die Mavka und schüttelte den Kopf. „Kein normales Flachbodenboot kann unseren gigantischen Oger tragen und du scheinst zu vergessen, dass wir uns versteckt halten müssen. Es wäre dumm, unseren Verfolgern eine deutliche Spur wie den Diebstahl eines Bootes zu hinterlassen.”
Wie immer hatte Valeria auch dieses Mal recht. Ich öffnete meine Karte. Der Najadenhändler hatte mir seine Karte mit den Orten, die er entdeckt hatte, geschickt, darum konnte ich den ganzen Weg zum Meer sehen. Einige Kilometer vom Dorf entfernt machte der namenlose Fluss eine scharfe Biegung und schlängelte sich um eine dicht bewaldete, enge Landzunge. Als ich diesen Teil so weit wie möglich vergrößert hatte, bemerkte ich ein Symbol mit 3 Kiefern. Das musste wohl der Ort, sein zu dem ich gehen sollte. Ich schrieb eine persönliche Nachricht an den Oger und den Najadenmann, um ihnen die Koordinaten dieses Treffpunktes zu schicken. Gleichzeitig fragte ich den Oger-Festungsbaumeister, wie lange er brauchen würde, um ein stabiles Floß zu bauen, das unsere Gruppe mitsamt den Wölfen tragen konnte. Seine Antwort kam umgehend.
„Ich habe die Werkzeuge bei mir. Wenn es in dem Waldgebiet genügend Kiefern mit hohen, geraden Stämmen gibt, dauert es mit meinen aktuellen Fertigkeiten ungefähr eineinhalb Stunden, höchstens 2. Vielleicht sogar weniger, wenn ihr mir beim Bau des Floßes helft.”
„Natürlich helfen wir dir. Schließlich profitieren wir alle davon”, versprach ich ihm.
***
Ich hatte noch nie die Gelegenheit gehabt, dem Oger-Festungsbaumeister bei der Arbeit zuzusehen. Jetzt konnte ich ohne Übertreibung sagen, dass es ein fantastisches, eindrucksvolles Schauspiel war. Mit unglaublicher Leichtigkeit fielen 50 Jahre alte Kiefern unter seiner Axt. Baumrinde und Zweige flogen dabei wie Fontänen in die Luft. Der Riese trug die dicken Baumstämme auf den Schultern, als würde es sich um Schilfrohr handeln.
Nach 1 Stunde schob Shrekson Bastard das fertige, aus schweren, festgezurrten Stämmen hergestellte Floß in seichtes Wasser und half allen anderen Mitgliedern der Gruppe, darauf zu steigen, bevor er selbst auf das Floß kletterte.
Obwohl der Regen nicht mehr so laut prasselte, ließ er doch nicht nach. Die tropfnassen Wölfe des grauen Rudels zitterten und pressten sich eng aneinander. Sie stolperten auf den rutschigen Stämmen, während das Gefährt auf dem Wasser schaukelte. Die Tiere starrten sehnsüchtig auf das nicht weit entfernte Ufer, doch keiner von ihnen wagte, sich meinem Befehl zu widersetzen. Taisha und Valerianna, die unter einem schwarzen Wargfell saßen, um sich vor dem Regen und dem kalten Wind zu schützen, klapperten mit den Zähnen um die Wette. Tamina Grimmigs Kinder, die Wolfsreiter Irek und Yunna, waren trotz ihrer leichten Bekleidung überraschend lebhaft und fröhlich. Die beiden Goblins lachten, machten Spaß und konnten ihre Freude und Aufregung nicht verbergen.
Dem Oger machte das Wetter nichts aus und ich nahm den eiskalten Regen ebenfalls gelassen hin. Ab und zu musste ich gähnen, denn nach der schlaflosen Nacht war ich müde. Max Sochnier war der Einzige, der sich pudelwohl fühlte. Der Fischmensch war endlich in seinem Element. Er saß vorne auf dem Floß und fing begeistert Fische mit einer Harpune. Ab und zu forderte er den Oger auf, in die eine oder andere Richtung zu lenken.
Während der ersten Minuten unserer Reise war ich hinsichtlich der Stabilität und Lenkfähigkeit des Floßes etwas besorgt gewesen, doch nach einer halben Stunde war ich überzeugt, dass es sicher war. Wir fuhren in gleichmäßigem Tempo, umgingen problemlos Hindernisse und Sandbanken und schlängelten uns um die Flussbiegungen.
Der Najadenmann hatte geschätzt, dass es etwa 6 Stunden dauern würde, das Meer zu erreichen, darum suchte ich mir einen bequemen Platz auf dem hinteren Teil des Floßes und warf mir zum Schutz vor dem Regen ein Wargfell über. Doch bevor ich einschlafen konnte, rief Max Sochnier plötzlich aufgeregt: „Rechts! Da drüben im Schilf!”
Alarmiert warf ich das Fell zur Seite. Im Schilf am Ufer lag ein halb gesunkenes Boot, das aus dem Wasser ragte.
„Das ist mein Boot, ich erkenne es wieder!”, rief der Najadenmann und breitete vor Aufregung seine leuchtend roten Rückenflossen aus. Er sprang ins Wasser, schwamm zum Ufer und versuchte, mit seinen mit Schwimmhäuten versehenen Händen das Wasser aus dem gesunkenen Ruderboot zu schöpfen.
„Wir sollten am Ufer anlegen und die Gegend absuchen!”, ordnete ich an. Der Oger-Festungsbaumeister riss das Ruder herum.
Der Weg durch das dichte Schilf am Flussufer war mühsam. Ich musste uns sogar einen Pfad schlagen, nachdem der Oger vom Floß gesprungen und es ans Ufer geschoben hatte. Nach einer Weile hatten wir trockenen Boden unter den Füßen. Ich wollte den Wölfen die Mission geben, nach menschlichen Spuren zu suchen, doch bevor ich Zeit gehabt hatte, war Irek bereits am Ufer entlanggelaufen und rief der Gruppe nun zu, sich anzusehen, was er gefunden hatte.
Es war eine kleine Hütte, die erst wenige Tage zuvor gebaut worden sein musste. Die Blätter der Äste, die verwendet worden waren, waren noch grün. Daneben fanden wir die Überreste einer Feuerstelle und jede Menge sauber abgenagter Knochen, die von einem riesigen Wiederkäuer stammen mussten. Die Wölfe näherten sich der Stelle, an der wir standen, und begannen zu schnüffeln. Gleich darauf sträubte sich ihr Fell, sie zogen vor Angst die Schwänze ein und liefen weg. Ich wollte mir die Knochenreste jedoch einmal näher ansehen.

Die Prüfung deiner Wahrnehmung war positiv.
Verdiente Erfahrung: 80 EP
An den meisten Knochen fanden sich Spuren scharfer Zähne und rohe Fleischfasern. Ich nahm einige in die Hand, um meine Vermutung zu bestätigen. Ja, die Raubtiere, wer sie auch waren, hatten ihre Beute in Stücke gerissen und sie verschlungen. Doch ich entdeckte noch etwas anderes: Einige Knochen waren eindeutig in einem Topf gekocht worden. Als ich meinen Gefährten davon erzählte, erhielt ich eine überraschende Reaktion.
„Wir könnten auch etwas zu essen gebrauchen”, murmelte der Oger. „Seit heute Morgen blinkt das gelbe Gabel-und-Löffel-Symbol in der Ecke meines Bildschirms und gerade eben hat es zu rot gewechselt ...”
Daraufhin drehten sich alle zu mir und sahen mich fragend an, als ob ich Nahrung für die Gruppe bei mir haben würde. Wo hätte ich die Vorräte wohl verstecken sollen?! Mein segelohriger Goblin war selbst hungrig.
„Ich könnte mit meinem Angelzeug Fische fangen”, schlug der Najadenmann vor. „Das dauert jedoch etwas und ich brauche Köder.”
„Am Fluss gibt es mehr als genug davon!”, antwortete ich, während ich nach einer weiteren roten Fliege schlug, die sich auf mein Gesicht gesetzt hatte. Ich hielt ihm die kleine Tierleiche hin. „Ein Fischer reicht nicht aus, um unsere ganze Gruppe zu versorgen. Wir sollten auf die Jagd nach größerer Beute gehen. Ich werde meinen Lindwurm rufen, er kann aus der Luft nach Tieren Ausschau halten, die sich in unserer Nähe aufhalten.”
Aus naheliegenden Gründen hatte ich XANTHIPPE nicht nach Steinhang mitgenommen. Eine Horde von Goblins, die auf Wölfen dahergeritten kamen, hatte sowieso schon genug ungewollte Aufmerksamkeit bei den Bewohnern erregt. Doch wenn unsere Gruppe mit einer 3 Meter langen, fliegenden Schlange aufgetaucht wäre, wären wir für einige Zeit das Tagesgespräch gewesen, was den Unsterblichen, die mir auf den Fersen waren, sicher nicht entgangen wäre.
Es dauerte nur 1 Minute, bis der königliche Level-16-Wald-Lindwurm herangeflogen kam. Die Schnauze der fliegenden Schlange war von frischem Blut verschmiert.
„Was für ein kluges Köpfchen! Du hast Beute gefangen und sie ganz allein gefressen!”, sagte ich und streichelte die gefährliche Bestie liebevoll an der Schulter. Ich bemerkte, dass meine Tiergefährtin im Level aufgestiegen und gewachsen war.
Ich drückte meine Stirn gegen den Kopf meines geflügelten Reittiers, um XANTHIPPE die Mission so deutlich wie möglich in lebendigen Bildern zu übermitteln: Suche aus der Luft im nahegelegenen Wald nach Kreaturen, die groß genug sind, um die ganze Gruppe mit Nahrung zu versorgen. Ich war nicht sicher, wie gut sie mich verstanden hatte, doch kurz darauf flog sie mit schlagenden Flügeln los und verschwand in den niedrigen Regenwolken.
„Amra, welche Art von Mission hast du in den Einstellungen für dein Reittier gewählt: Auskundschaften, Gebietskontrolle oder Jagen?”, fragte meine Schwester.
Ich antwortete ihr ehrlich, dass ich es selbst nicht wusste und erzählte ihr von meiner experimentellen Methode der Kommunikation mit dem Lindwurm.
Die Waldnymphe schüttelte zweifelnd den Kopf. „Ich glaube nicht, dass es so funktionieren wird. Es gibt ein normales Spiel-Interface mit einem Popup-Menü, das alle möglichen Optionen beschreibt, die man für Tierbegleiter und Reittiere wählen kann, aber die Option ‚Nach großen Wildtieren suchen‘ ist nicht dabei. Du hättest vielleicht eine Kombination verschiedener existierender Befehle benutzen können, aber ich weiß nicht, ob das geklappt hätte ...”
In dem Moment verstummte Valerianna, denn XANTHIPPE war bereits zurückgekehrt. Regennass landete der grüne Lindwurm im Gras und kroch in meine Richtung, wobei sie nicht auf ihren Füßen ging, sondern wie eine Schlange schlängelte. Die smaragdgrüne, geflügelte Bestie beugte ihren Kopf hinunter und drückte ihn vorsichtig gegen meinen. Vor meinen Augen erschien ein Kaleidoskop von Bildern, die beim Fliegen aufgenommenen Screenshots glichen.
Durchbrochene Wolken. Flussufer sichtbar. Dichtes Unterholz. Darin steht ein großes Tier, das beschaulich junge Triebe kaut: Ein riesiger Elchbulle. Breite Hufe und weitverzweigtes Geweih. Kraftvoller Rücken und Buckel. Großer, schwarzer Bart. Beine wie Säulen. Und das Symbol eines roten Totenschädels, das bedeutete, dass der Elch mehr als 20 Levels höher war als mein Lindwurm.
Ich überlegte, wo diese Bilder wohl aufgenommen worden sein konnten. Der Fluss lag hinter mir. Flussaufwärts bog er allmählich nach links. Ja, so ungefähr musste es aus der Luft aussehen. Tatsächlich konnte ich flussaufwärts in der Ferne einen Hügel erkennen, der dicht bewachsen war. Genau dort würden wir unsere Beute finden. Laut verkündete ich meinen Freunden: „Einen halben Kilometer in dieser Richtung grast ein großer Elch im Dickicht. Er ist zwischen Level 40 und 50. Lasst uns auf die Jagd gehen.”
Langes Schweigen folgte als Antwort. Dann fragte Max Sochnier vorsichtig: „Level 50? Und was machen wir, wenn er den Spieß umdreht und beschließt, uns zu jagen? Ich meine, wir sind nicht-kampfbezogene Charaktere. Wir haben keine guten Kampffähigkeiten!”
„Wir können ihn nicht ernsthaft verwunden, Amra, der Levelunterschied ist zu groß!”, stimmte der Oger-Festungsbaumeister mit seinem Freund überein.
Ich tauschte einen überraschten Blick mit meiner Schwester aus. Die Waldnymphe konnte das Zögern der beiden auch nicht verstehen.
„Ich bin sicher, dass wir als Gruppe ein Level-50-Tier ohne Verluste erledigen können. Niemand zwingt euch, die starke Kreatur mit dem Dreizack oder dem Vorschlaghammer anzugreifen”, versicherte ich dem Bauarbeiter und dem Händler. „Es ist nur ein NPC-Tier auf hohem Level. Mit einem guten Plan können wir es zur Strecke bringen!”
„Richtig!”, unterstützte meine Schwester mich. „Wir könnten eine Fallgrube wie die beim Verfluchten Haus graben, den Boden mit spitzen Stöcken spicken, sie mit Zweigen tarnen und den Elch zu uns locken! Es ist ganz einfach. Die Hauptsache ist, dass wir uns weit genug entfernen, damit das Tier uns nicht sieht oder eine Falle erwartet.”
„Onkel Amra, ich kann ein kleines Horn aus Baumrinde herstellen, das wie ein Elch im Frühling röhrt”, warf Yunna ein. „Der Schamane Kaiak Dachsbein hat es mir gezeigt. Es ist zwar kein Frühling, doch ein ausgewachsener Elch wird angelaufen kommen, um zu sehen, wer in sein Revier eingedrungen ist.”
Damit stand unser Plan fest. Der Oger-Festungsbaumeister arbeitete so schnell wie ein Bagger mit einer normalen Schaufel. Erst einige Minuten zuvor hatte er mit dem Graben begonnen, und nun war das Loch bereits groß genug für einen mächtigen Elch. Während er grub, sammelten die anderen spitze Stöcke für den Boden der Falle und Zweige, um sie abzudecken. Taisha und ich legten die Zweige über die Grube, weil wir die beiden Charaktere mit der höchsten Beweglichkeit waren. Bei uns bestand die geringste Gefahr, in das Loch zu fallen.
Nun mussten wir nur noch das letzte Problem lösen: Wie konnten wir es schaffen, das Tier anzulocken und es dazu zu bringen, auf die Äste über der Falle zu treten? Meine Schwester hatte eine Idee: „Gebt mir ein paar Minuten, dann erzeuge ich eine Illusion eines unverschämten, jungen Elchs. Aber zuerst brauche ich das Bild eines Elchs ...”
Valerianna Schnellfuß erstarrte. Meine Schwester musste den VR-Helm abgenommen haben, Reich ohne Grenzen verkleinert haben und sich jetzt Bilder von Elchen auf ihrem Monitor ansehen, um die beste Darstellung zu finden. Kurz darauf wurde sie wieder lebendig.
„Ich habe eins gefunden! Also gut, versteckt euch im Wald und sagt Shrekson, in das Horn zu blasen. Er kann den lautesten Ton damit erzeugen!”
Wir legten uns in ein Bachbett und schickten die Wölfe und den Lindwurm fort, damit sie unseren Plan nicht zunichtemachen konnten. Das ohrenbetäubende Röhren, das aus dem Horn schallte, klang eher wie der Pfiff einer Lokomotive als der Ruf eines Tieres, doch Yunna und Irek versicherten mir, dass es funktionieren würde. Shrekson lief auf uns zu und versteckte sich dann ebenfalls in der Vertiefung.
Wir warteten, doch nichts passierte. „Hat es nicht geklappt?”, flüsterte ich, doch die Waldnymphe legte nur den Finger an die Lippen. „Leise, er kommt.”, flüsterte Valerianna kaum hörbar. „Ich sehe ihn auf der Minikarte. Du wirst ihn auch gleich entdecken, Segelohr.”
Wenige Sekunden später erschien der rote Totenschädel auch auf meiner Karte. Der Elch näherte sich langsam. Er machte lange Pausen, um sich umzusehen und zu schnüffeln. Etwas löste den sechsten Sinn des Tieres aus.

Die Prüfung deiner Wahrnehmung war positiv.
Verdiente Erfahrung: 16 EP
Wind! Das musste es sein! Der Wind blies über die Falle und der Elch konnte offensichtlich die Wölfe, Goblins und die anderen Kreaturen riechen, doch der Geruch seines vermeintlichen Rivalen, eines selbstsicheren, jungen Elchs, fehlte. Ich schrieb meiner Schwester in einer persönlichen Nachricht meine Vermutung.
„Was soll ich machen? Ich kann keine illusorischen Gerüche erzeugen.”
Ich antwortete der Waldnymphe: „Wechsele den Köder zu einem weiblichen Elch.”
„Tim, es ist die falsche Jahreszeit. Außerdem würde er den weiblichen Elch auch nicht riechen können.”
„Ich habe noch eine Idee! Wie wäre es mit einem dummen Jungwolf, der nicht wegläuft und frech genug ist, dem starken, stolzen Elch die Zähne zu zeigen? Es riecht hier nach Wolf, darum klappt es vielleicht. Der Elch will dem unverschämten Wolf bestimmt eine Lektion erteilen und ihn aus seinem Revier verjagen.”
Valerianna bewegte die Lippen und führte eine Beschwörung aus oder wiederholte einfach die neue Mission für sich. Es funktionierte! Der Elchbulle sah die neu erzeugte Illusion und brüllte so laut in den Wald hinein, dass der Ton, den Leon zuvor mit dem Horn produziert hatte, wie eine armselige Parodie erschien. Sein Röhren war buchstäblich ohrenbetäubend und traf uns außerdem mit einer Vielzahl von unangenehmen Effekten.

Erlittener Schaden: 44 (Level-31-Angstzauber)
3 Sekunden Panikeffekt
15 Sekunden Taubheitseffekt

Die Prüfung deiner Wahrnehmung war positiv.
Verdiente Erfahrung: 80 EP

Die Prüfung deiner Konstitution war positiv.
Verdiente Erfahrung: 160 EP
Gesundheitslevel: 179/216
Ich konnte nicht sagen, welche beiden negativen Effekte Amra vermieden hatte, doch diejenigen, denen er ausgesetzt war, waren schlimm genug. Bis ich meinen Charakter wieder unter Kontrolle gebracht hatte, war mein verängstigter Goblin bereits völlig kopflos durch den Wald gerannt, ohne auf einen Weg zu achten. Als er endlich angehalten hatte, fiel er erschöpft ins Gras. Ich hoffte inständig, dass der Elchbulle einem kleinen Goblin, der in weiter Ferne wegrannte, keine Aufmerksamkeit schenken würde und sich stattdessen auf sein eigentliches Ziel konzentrierte. Irek raste an mir vorbei. Sein Mund war geöffnet, doch kein Schrei kam heraus. Offensichtlich tat der Panikeffekt auch bei ihm seine Wirkung. Endlich erlangte ich mein Gehör wieder. Hinter mir hörte ich das begeisterte Geschrei meiner Freunde. Es waren eindeutig Freudenrufe. War unser Plan erfolgreich gewesen? Die NPC-Markierung auf der Minikarte wechselte von gelb zu aggressivem Rot, doch sie befand sich ungefähr an der Stelle, an der wir die Fallgrube gegraben hatten, und bewegte sich nicht. Nun wurde ich wieder selbstsicherer. Ich lief erst langsam, dann immer schneller auf die Falle zu. Trotzdem erreichten meine Freunde die Grube vor mir.

Level-48-Elchbulle
Die mächtige Bestie war wie geplant in die Falle gestürzt, doch durch einen glücklichen Zufall hatte sie sich an den spitzen Stöcken am Boden der Grube nicht ernsthaft verletzt. An einigen Stellen war die Haut des Tieres aufgerissen und an seinen Rippen waren zahlreiche blutige Schürfwunden zu sehen. Der Lebensbalken des Elchs war jedoch nicht nennenswert gesunken und befand sich nach wie vor im grünen Bereich. Hinzu kam, dass die Regeneration des Elchs seine Gesundheit schneller wiederherstellte, als die blutenden Wunden sie reduzieren konnten. Nach nur 1 Minute war der Lebensbalken des gefangenen Tieres wieder auf seinem maximalen Stand.
Der Elch sah uns stumm an, obwohl er noch einmal sein furchterregendes Röhren hätte erdröhnen lassen können. Dadurch wäre er uns sicher losgeworden. Das Tier drehte seinen Kopf und besah sich die schwachen Kreaturen, die es gefangen hatten, eine nach der anderen. Zuletzt ruhte der traurige Blick der stolzen Bestie auf mir. Als ich in seine intelligenten, fast menschlichen Augen blickte, fühlte ich mich plötzlich unwohl. Ja, mir war klar, dass es sich bei dem Wesen nur um ein Codestück handelte, das erstellt worden war, um in einem virtuellen Spiel geschlachtet zu werden. Es gab keine moralische Verpflichtung, die uns daran hinderte, sein Fleisch über einem Feuer zu rösten und uns damit vollzustopfen, doch bei dem Gedanken fühlte ich mich unbehaglich.
Während ich noch überlegte, wie ich meinen Gefährten erklären sollte, dass ich meine Meinung geändert hatte und den stolzen Elch nicht mehr töten wollte, sagte der Oger-Festungsbaumeister plötzlich: „Freunde, ich verzichte. Ich kann nicht mit ansehen, wie sich der Elch quält. Teilt ihn meinetwegen unter euch auf, aber ich will nichts von seinem Fleisch. Lieber bleibe ich hungrig oder begnüge mich mit Pflanzen und Fischen.”
Diese Empfindsamkeit hatte ich von unserem Riesen nicht erwartet. Doch ich erinnerte mich schnell, dass der Anblick des niedergebrannten Dorfs Tysh Shrekson so sehr mitgenommen hatte, dass er eine Weile unter Nervosität und Schlaflosigkeit gelitten hatte. Obwohl der ehemalige Bauarbeiter den Eindruck machte, dass er hart im Nehmen war, war er feinfühlig und hatte ein gutes Herz. Der Oger drehte sich um und ging entschieden in die entgegengesetzte Richtung der Fallgrube.
„Der Elch wäre ein großartiges Reittier. Er könnte sicher das Gewicht des Ogers tragen ...”, bemerkte die Nymphe nachdenklich. Plötzlich sahen alle zu Shrekson hinüber. Der Oger hielt abrupt an, als ob er gegen eine Wand aus Stein gelaufen wäre, drehte sich um und dann passierte es: Der rote Kreis des Elchs in der Falle wechselte zu blau für einen Verbündeten. Über dem Geweih des Tieres erschien der Name „Kleiner_Timbo”.
„Nur ein Name, nicht schlechter als Xanthippe oder Pirat”, murmelte der Riese, obwohl niemand überrascht ausgesehen oder über den seltsamen, etwas ungeeigneten Namen für die riesige Bestie gelacht hatte. Es waren genug Helfer da, um dem Elch aus der Grube heraus zu helfen, obwohl der Oger es auch leicht allein geschafft hätte, darum nutzte ich das Durcheinander, um eine Phiole mit dem Blut des Waldriesen zu füllen.

Elchblut (alchemistische Zutat)
Danach entfernte ich mich von den anderen und ging zurück zu der Hütte, die wir gefunden hatten. Dort kroch ich unter das Dach aus Zweigen und trank die Phiole leer.
Freigeschaltetes Achievement: Geschmackstester (14/1000)
Mein Balken für Durst löschen war fast gefüllt, er zeigte 18/20 an. Mein Goblin-Vampir konnte also weitere 18 Stunden ohne das Blut von Opfern auskommen. Mein Verlangen nach Schlaf wurde jedoch immer stärker, ich gähnte ohne Unterbrechung. Nicht mehr lange und ich würde vor Erschöpfung zusammenbrechen.
Als ich aus meinem Versteck gekrochen war, nahm ich ganz in der Nähe gedämpfte Geräusche wahr, die einem Knurren und Winseln ähnelten. Ich wechselte in den Tarnungsmodus und ging auf sie zu. Vorsichtig schob ich die Äste der Büsche zur Seite. Das graue Rudel hatte sich auf einer kleinen Lichtung versammelt und buddelte mit vollem Einsatz in der Erde. Interessiert näherte ich mich.
Die Wölfe warfen die feuchte Erde energisch hinter sich und hatten schon ein flaches Loch gegraben. Der Boden war offensichtlich locker und gab leicht nach. Jemand hatte dort etwas vergraben. Ich schob die Waldraubtiere beiseite, beugte mich hinunter und zog eine schmutzige Stofftasche aus dem Loch. Neugierig entleerte ich ihren Inhalt ins Gras. Es kamen einige zerknitterte Lumpen und ein Paar zerfledderte Sandalen zum Vorschein. Ich hockte mich hin und betrachtete meinen Fund genauer.
Kleidung. Die Kleidung einer Dorfbewohnerin. Zuoberst lag ein schmutziges, oft geflicktes, altes Kleid. Es war schwer zu sagen, welche Farbe es ursprünglich gehabt hatte. Außerdem fand ich eine zerrissene, ärmellose Bluse und eine kurze Leinenhose oder eher die Shorts eines Jungen. Darunter entdeckte ich eine relativ saubere, doch ebenfalls zerknitterte Schürze, schmutzige Arbeitskleidung, einige billige Glasperlen, die ausgetretenen Sandalen einer Frau und einen vierfarbigen Haarreif, den sich Dorfmädchen ins Haar steckten. Er sah genauso aus wie der Reif in meinem Inventar. War das alles? Ich überprüfte noch einmal die Kleidungsstücke, die vor mir im Gras lagen.

Die Prüfung deiner Wahrnehmung war positiv.
Verdiente Erfahrung: 40 EP
Auf dem schmutzigen, grauen Kleid bemerkte ich schwarzes Haar, das am Stoff hing. Es war 60 Zentimeter lang und zu rau für menschliches Haar. Ich wickelte es um meinen Finger und überlegte, von wem es wohl stammen konnte.

Die Prüfung deiner Wahrnehmung war positiv.
Verdiente Erfahrung: 80 EP
Schwanzhaar eines Wargs (Abfall)
Die drei Flüchtigen, nach denen wir auf der Suche waren, mussten ihr Boot versenkt haben, auf Jagd gegangen sein, um sich den Bauch zu füllen, und dann ihre menschliche Kleidung tief im Wald vergraben haben. Danach hatten sie sich offenbar in ihre tierische Form verwandelt. Das musste vor ein paar Tagen gewesen sein und es war unmöglich zu sagen, wo sich die Wargs jetzt aufhielten. Der ununterbrochene Regen hatte die Suche nach ihren Spuren zum Scheitern verurteilt ...





2. Karten auf den Tisch

DA UNS DIE schwangere Frau entkommen war, mussten wir uns Gedanken über unsere nächsten Schritte machen. Meine Freunde schlugen vor, vorübergehend ein Lager aufzuschlagen und in den umliegenden Wäldern nach Hinweisen zu suchen. Ich sah keinen besonderen Sinn darin, doch ich widersprach ihnen auch nicht. Weil ich nicht vor Erschöpfung einschlafen wollte, während meine Gefährten hart arbeiteten, verließ ich Reich ohne Grenzen. Meine Schwester versprach mir, dass unsere Gruppe am nächsten Tag nicht weit gehen würde, darum brauchte ich mir keine Sorgen zu machen. Ich wusste, dass ich sie einholen würde, sobald ich wieder im Spiel war.
Nachdem ich aus meiner virtuellen Realitätskapsel gestiegen war, setzte ich mich ein paar Minuten auf den Stuhl in meiner Kabine, um zu mir zu kommen. Es war eine ermüdende und nervenaufreibende Spielsession gewesen, doch meine Anstrengungen hatten sich gelohnt: Mein segelohriger Amra hatte es geschafft, alle seine toten NPC-Gefährten wiederauferstehen zu lassen und seine Levels beachtlich zu erhöhen. Ich öffnete meine Statistik.
Name
Amra
Volk
Goblin-Vampir
Beruf
Kräutersammler
Erfahrung
139.777 von 150.000
Charakterlevel
27
Trefferpunkte
196/216
Ausdauerpunkte
185/185
Attribute

Stärke (Str)
28 (28)
Beweglichkeit (Bew)
30 (82,6)
Intelligenz (Int)
5 (15,5)
Konstitution (Kon)
29 (35,5)
Wahrnehmung (Wah)
3 (25,7)
Charisma (Cha)
54 (66)
Unbenutzte Punkte
0
Hauptfertigkeiten (6 von 6 gewählt)

Kräuterkunde (Wah, Bew)
10
Handel (Cha, Int)
12
Alchemie (Int, Bew)
15
Ausweichen (Bew, Wah)
9
Tarnung (Bew, Kon)
13
Exotische Waffen (Bew, Wah
6
Nebenfertigkeiten (5 von 6 gewählt)

Verschleiern
5
Akrobatik
8
Athletik
8
Vorarbeiter
5
Reiten
4

Ich hatte immer noch keine sechste Nebenfertigkeit gewählt, denn die vielen Möglichkeiten verwirrten mich nach wie vor. Meine Schwester hatte mir empfohlen, unbedingt Tiere beherrschen (Int, Cha) zu wählen, um die Attribute meiner Tierbegleiter zu verbessern. Das war insofern sinnvoll, als ich bereits den königlichen Wald-Lindwurm sowie 4 erfahrene Wölfe besaß und die Möglichkeit hatte, dem grauen Rudel 2 weitere Bestien hinzuzufügen, sobald sich die Gelegenheit ergeben würde. Trotzdem zögerte ich, denn Diplomatie, Redekunst oder Tierliebe wären für meinen Charakter ebenfalls sehr nützlich: Mein Goblin würde freien Zugang zu Menschendörfern erhalten oder seine Überlebenschance erhöhen, wenn er auf Monster traf.
Doch zunächst war es Zeit, ein Video über die Abenteuer meines grünen Goblins zu erstellen und im Videoportal hochzuladen. Ich hatte genügend gutes Material zur Auswahl, doch meine krönende Leistung war natürlich XANTHIPPE. Es hatte keinen Sinn mehr, zu verheimlichen, dass ich ein fliegendes Reittier besaß. Der in seinem Stolz verletzte Assassine hatte wahrscheinlich keine Zeit verloren, um allen und jedem von meiner fliegenden Schlange zu erzählen, daher machte ich den königlichen Wald-Lindwurm zum Hauptthema meines Clips. Aus der geheimen Methode, wie man das Ei einer fliegenden Schlange ausbrütete, erstellte ich ein separates, kostenpflichtiges Video, das von allen, die es sehen wollten, für 10 Spielmünzen heruntergeladen werden konnte. Die übrige Zeit widmete ich XANTHIPPES schrittweiser Entwicklung von einem 50 Zentimeter langen Wurm zu einer wunderschönen fliegenden Schlange.
Perros Skrupellos widmete ich ebenfalls etwas Aufmerksamkeit. Während der letzten Tage war mein Spiel durch sein krankhaftes Interesse an meinem segelohrigen Goblin ernsthaft behindert worden, darum hatte er es verdient. Ich kritisierte die intellektuellen Fähigkeiten des Assassinen scharf. Schließlich war er in den beiden vergangenen Tagen 11 Mal (!!!) gestorben. Soweit ich wusste, hatte das Verteidigungssystem des Schlosses der Schläger seine letzten 3 Tode verursacht, wobei Perros selbst das Schloss als seinen neuen Spawnpunkt gewählt hatte.
Unterdessen hatte Mariam Steht_Direkt_Hinter_Dir [SCHLÄGER] ihr Versprechen gehalten und den unglückseligen Assassinen wieder in ihrem Clan aufgenommen, also verschonte ich sie auch nicht mit beißenden Bemerkungen. Man könnte sagen, dass ich mit dem Feuer spielte, wenn ich einen mächtigen Feind wie sie reizte, und das stimmte wohl, doch für mich würde es keinen Unterschied mehr machen. Die Schläger hatten bereits eine 2 Wochen lange Jagd auf mich eröffnet, darum wollte ich es ihnen auf welchem Weg auch immer heimzahlen. Ihr Clan würde durch meinen Spott Ansehen verlieren, was in meinen Augen eine angemessene Vergeltung war.
Vom Mitternachtsgespenst oder von meinem nächtlichen Besuch im Verfluchten Haus erwähnte ich jedoch fürs Erste nichts. Natürlich deutete ich in dem Clip auch nichts vom Bau des Floßes oder unserer Reise flussabwärts an. Es war das Beste, meine Feinde in dem Glauben zu lassen, dass Amra sich immer noch irgendwo in der Nähe des Verfluchten Hauses aufhielt.
Nachdem das Video hochgeladen war, machte ich mich auf den Heimweg, um mich auszuschlafen. Unterwegs hielt ich kurz an, um einige Lebensmittel zu kaufen. Ich gähnte ununterbrochen und hatte Schwierigkeiten, einen klaren Gedanken zu fassen. Weil ich völlig auf „Autopilot” lief, stieg ich in den Elektrobus ein, der zu meiner alten Mietwohnung in der kriminellen Wohngegend am Stadtrand der Metropole fuhr, und hätte ihn fast abfahren lassen. Ich konnte mir lebhaft vorstellen, wie die jugendlichen Gangster sich bei meinem Anblick die Hände gerieben hätten!
Ich bemerkte meinen Fehler jedoch gerade noch rechtzeitig, sprang aus dem Bus und stieg in die richtige Linie ein. Nach einer halben Stunde war ich bereits am Ziel. Als ich die Wohnung betrat, erwartete Val mich in ihrem Rollstuhl an der Tür. Sie zeigte überrascht auf die Tüte mit Lebensmitteln und rief aus: „Ein Paket Makkaroni, gefrorene Schnitzel, ein Beutel Kartoffeln ... Tim, hast du vergessen, dass wir in dieser Wohnung keine Küche haben? Es gibt noch nicht einmal eine vernünftige Mikrowelle, geschweige denn einen Herd. Gestern Abend habe ich 8 Etagen weiter unten ein Café mit Bar entdeckt, aber ganz alleine habe ich mich dort unbehaglich gefühlt. Es waren nur ein paar Kerle da, die Alkohol getrunken und Radau gemacht haben. Außerdem ist es dort sehr teuer. Die Bar und die Tische sind zu hoch, es war zu eng für meinen Rollstuhl und ich konnte überhaupt nichts sehen ...”
„Du hast Hunger, nicht wahr?”, vermutete ich.
„Na ja, ich habe mir Chips und Mineralwasser aus dem Automaten geholt und die Haselnüsse aufgegessen, die ich noch in meinem Rucksack hatte ... Aber ehrlich gesagt könnte ich eine gute Mahlzeit vertragen”, gab meine Schwester zu.
Ich schlug mir die Hand vor die Stirn. Was war ich nur für ein Holzkopf! Während ich gestern Abend ausgegangen war und meinen Spaß gehabt hatte, hatte meine gehbehinderte Schwester ohne Geld und Nahrungsmitteln allein in einer Wohnung gesessen, in die wir gerade erst eingezogen waren. Und ich bezeichnete mich als ihr Bruder! Sofort überwies ich Valeria 35 Credits, die Hälfte der Summe, die ich noch übrig hatte.
„Ich weiß auch nicht, wo ich meine Kleidung waschen und bügeln soll”, beschwerte sich Valeria. „Außerdem muss ich Waschmittel kaufen. Und ich brauche Vorhänge für mein Zimmer. Die Sonne wird von der Spiegelglasfassade des Wolkenkratzers gegenüber reflektiert und blendet mich so stark, dass ich kaum schlafen kann. Und dann ist da noch ...” Valerias Augen füllten sich mit Tränen und sie begann zu schluchzen.[LRF1]  „Tim, warum ist das Leben in Computerspielen so einfach? Die sogenannte ‚reale Welt‘ ist schwierig, langweilig und unerfreulich ...”
Ohne ihre philosophische Frage zu beantworten, nahm ich meine Schwester in den Arm und beruhigte sie: „Mach dir nicht so viele Sorgen. Ich kaufe dir Waschmittel und besorge ein Bügeleisen. In Reich ohne Grenzen habe ich 5.000 in Banknoten und weitere 1.500 in Münzen. Ich werde die Summe so schnell wie möglich in Bargeld umtauschen. Dann können wir eine Mikrowelle und Vorhänge kaufen”, versprach ich meiner Schwester. „Weine nicht mehr, nach und nach werden wir diese Wohnung verschönern und richtig behaglich machen. Aber jetzt gehen wir erst mal ins Café und essen etwas.”
In dem Augenblick klingelte mein Handy. Auf dem Display erschien eine unbekannte Nummer, doch als ich das Gespräch angenommen hatte, erkannte ich sofort die ärgerliche Stimme am anderen Ende: Es war Kira.
„Timothy, was hast du dir bloß gedacht, als du deinen neuesten Clip veröffentlicht hast?”
„Was gefällt dir denn nicht daran?”, fragte ich. „Der Lindwurm?”
„Natürlich der Lindwurm! Was denn sonst? Der wütende Chat im Forum von Reich ohne Grenzen ist so erhitzt, dass die Moderatoren Schwierigkeiten haben, mit dem Löschen der sich wiederholenden Threads nachzukommen. Ganz zu schweigen davon, Spieler zu sperren, die ihre Beherrschung verloren haben. Jede Sekunde werden an die 100 neue Themen über deinen Lindwurm erstellt. Es ist unmöglich, sie alle zu lesen. Aber das ist erst der Anfang. Am Ende des Tages wird es noch schlimmer werden. Wenn ich mich recht erinnere, hat es einen derartigen Aufruhr vorher nur ein einziges Mal gegeben: Als die Entwickler von Reich ohne Grenzen den Algorithmus zum Sammeln von Erfahrung grundlegend geändert und die festgelegten NPC-Verliese aus dem Spiel genommen haben. Spitzenallianzen haben ihre Newbies immer dorthin geschickt, um sie schnell leveln zu lassen. Darum waren sie verständlicherweise ärgerlich.”
Ich erklärte Kira, dass ich gezwungen gewesen war, den Lindwurm zu zeigen, weil ein Feind ihn bereits gesehen hatte. Ich versuchte, meinen Standpunkt zu rechtfertigen: Besser, ich würde die Situation mit meiner fliegenden Tiergefährtin aus meiner Sicht beschreiben, als es mir von jemand anderem aus der Hand nehmen zu lassen. Auf diese Weise war es mir möglich gewesen, bestimmte brisante Momente auszulassen und andere zu betonen. Ein weiterer Vorteil war, dass ich mit dem Clip, in dem ich erklärte, wie man ein Lindwurm-Ei zum Schlüpfen brachte, Geld verdienen konnte.
„Du musst es wissen, Timothy, aber an deiner Stelle würde ich Reich ohne Grenzen im Augenblick nicht betreten. Warte eine Woche oder so, bis sich die Aufregung gelegt hat. Und distanziere dich in Zukunft so weit es geht von deinem Charakter. Niemand darf dich mit dem grünen Goblin in Verbindung bringen, weder Jugendfreunde noch Arbeitskollegen oder Nachbarn. Niemand. Es ist zu deinem eigenen Wohl und deiner Sicherheit.”
Das waren vernünftige Ratschläge, aber ich konnte unmöglich so lange mit dem Spielen aussetzen. Es war meine Arbeit und wenn ich mehrere Arbeitstage nacheinander fehlen würde, bestand durchaus die Gefahr, dass man mich entlassen würde. Außerdem könnte Taisha während meiner Abwesenheit an viele verschiedene Orte gehen und es würde sehr schwierig sein, meine NPC-Gefährtin im riesigen Reich ohne Grenzen wiederzufinden. Am Ende dankte ich Kira für ihren Rat, doch ich hatte nicht vor, ihm zu folgen. Nachdem ich sie davon überzeugt hatte, dass mir der Ernst der Lage bewusst war, wechselte die schöne Frau das Thema.
„Hast du die Karte noch, die ich dir gegeben habe, Timothy? Gut, ich habe sie neu programmieren lassen, sodass du jetzt den Fahrstuhl zum 333. Stock nehmen und die Tür der Wohnung öffnen kannst, in der ich gestern Abend meine Party gefeiert habe. Sie ist bereits gereinigt worden. Du kannst dort gerne jederzeit übernachten. Wenn du willst, kannst du sogar einziehen. Der Weg zur Arbeit wäre viel einfacher für dich, und wer weiß, vielleicht komme ich ja ab und zu mal vorbei. Die Miete für das gesamte Stockwerk ist schon lange für mehrere Jahre im Voraus bezahlt, es besteht also kein Grund, warum du dein Geld verschwenden solltest. Und noch etwas: Ich habe dein Gemälde mit nach Hause genommen. Es war wirklich ein sehr passendes, einmaliges Geschenk.”
Kira verabschiedete sich und ließ mich nachdenklich zurück. Ich war nicht gerne von jemandem abhängig oder fühlte mich jemandem gegenüber verpflichtet, aber in diesem Fall bot Kira mir selbstlos ihre Hilfe an, ohne etwas dafür zu verlangen. Warum sollte ich ihr Angebot nicht annehmen? Es war eine große, möblierte Wohnung mit allen möglichen Haushaltsgeräten und ich brauchte nur halb so lange, um meinen Arbeitsplatz zu erreichen. Außerdem konnten meine Schwester und ich wieder hierher zurückkommen, wenn es uns dort nicht gefiel oder meine Beziehung zu Kira schiefging.
„Tim, schläfst du?”, fragte Val und zog mich am Ärmel. „Lass uns zum Essen gehen, du hast es versprochen!”
Ich blickte zu meiner Schwester hinunter. Sie sah müde aus. Auf ihrem Gesicht konnte ich die Spuren getrockneter Tränen erkennen. Es ging ihr hier nicht gut. Dieses billige Hotel war kein Ort für einen körperbehinderten Teenager. Die Leute, die hier wohnten, waren unverheiratete Fachkräfte, die in den umliegenden großen Bürogebäuden arbeiteten, bescheiden lebende Freiberufler und junge Paare ohne Kinder – wenigstens war das der Eindruck, den ich bekommen hatte. Darum gab es wahrscheinlich auch so viele Bars, Kneipen und Restaurants in dem Gebäude, aber keine geeigneten Einrichtungen für Familien mit Kindern.
Ich wählte meine Worte vorsichtig, als ich Valeria erzählte: „Eine junge Frau, die du nicht kennst, hat mir angeboten, dass wir in eine Wohnung ziehen können, die ihr gehört. Die Bedingungen dort sind viel besser als hier: Es gibt eine richtige Küche, ein Schlafzimmer, ein Badezimmer mit Jaccuzi, ein großes Wohnzimmer und den Ausblick kannst du wechseln wie den Kanal eines altmodischen Fernsehers. Was sagst du dazu, Val?”
„Was die Frau angeht, kann ich nichts sagen, bevor ich sie getroffen habe”, antwortete meine Schwester scherzhaft. „In Bezug auf die Wohnung hängt es davon ab, wie viel Miete sie verlangt.”
„Sie hat sie mir kostenlos angeboten, darum zögere ich etwas”, erwiderte ich.
„Ja, das klingt ein bisschen seltsam”, pflichtete meine Schwester mir mit ernster Miene bei und warf mir einen vorsichtigen Blick zu. „Vielleicht ist sie ja in dich verliebt, Tim. Schließlich hast du deinen neuen Anzug und das superteure Geschenk für sie gekauft, nicht wahr?”
Meine Schwester hatte es natürlich erraten. Ich stritt es nicht ab und nickte nur. Daraufhin sagte Valeria lächelnd: „Dann lass uns diese Ausgaben als eine Art Miete für die Wohnung ansehen. Wenn du mich fragst, sollten wir das Angebot deiner Freundin annehmen. Ich kann dieses schreckliche Hotel nicht ausstehen und außerdem verderben dann die Schnitzel und die Kartoffeln nicht, die du gekauft hast!”

***

Der Duft von Schnitzeln und Bratkartoffeln weckte mich. Mir lief das Wasser im Mund zusammen, noch bevor ich die Augen richtig geöffnet hatte.
„Zeit zum Aufstehen, Faulpelz! Das Essen ist fertig und deine Arbeit beginnt bald”, sagte meine Schwester, als sie auf einen kleinen Tisch neben meinem Bett deutete, auf dem mein gerade zubereitetes Abendessen stand.
„Wir können doch in der Küche oder im Wohnzimmer essen. Warum hast du mir das Essen ins Schlafzimmer gebracht?”, fragte ich überrascht.
Valeria antwortete lachend: „Ich konnte einfach nicht anders. Ich habe schon in der Küche gegessen. Außerdem ist der Geruch von köstlichem Essen der beste Weg, dich wach zu bekommen!”
Ich dankte Val, doch ich aß nicht im Bett. Zuerst wollte ich mich waschen und anziehen. Als ich aus dem Badezimmer kam, hielt Valeria mir mein Handy entgegen.
„Eine Frau namens Jane hat für dich angerufen. Sie wollte nicht mit mir sprechen, aber sie hat gesagt, dass jemand auf dich wartet und dass du wüsstest, wo. Danach hat sie aufgehängt. Ich hoffe, du weißt, worum es geht.”
Ja, ich wusste es ganz genau. Jane war die attraktive Assistentin von Mark Tobius, dem Direktor für Sonderprojekte des Unternehmens von Reich ohne Grenzen und mein Chef. Das bedeutete, dass mein Chef mich sehen wollte. Wahrscheinlich ging es um die vielen Chats, die das Spielforum nach der Veröffentlichung meines Videoclips überschwemmt hatten. Mir wurde etwas mulmig zumute. Zum Direktor zitiert zu werden bedeutete gewöhnlich nichts Gutes. Andererseits hätte Jane kein Blatt vor den Mund genommen, wenn mein Chef wirklich verärgert gewesen wäre.
„Das ist nicht die Frau, der diese Wohnung gehört, oder?”, fragte meine Schwester.
Ich lachte und versicherte ihr, dass Jane nichts mit unserer neuen Bleibe zu tun hatte.
„Gut, denn ihrer Stimme nach zu urteilen mochte sie mich kein bisschen. Ich habe schon befürchtet, sie hätte bezüglich der Wohnung ihre Meinung geändert.”
Während ich mir das Essen schmecken ließ, informierte meine Schwester mich über die Ingame-Ergebnisse dieses Tages. Wie ich vermutet hatte, war die Suche nach Wargspuren erfolglos gewesen, obwohl meine Freunde den umliegenden Wald und sogar die andere Seite des Flusses ausgekundschaftet hatten. Auf einer abgeschiedenen Waldlichtung hatten sie jedoch etwas anderes gefunden, das für uns von Interesse war: einen Spawnstein. Valerianna Schnellfuß hatte dem Oger und dem Najadenmann geraten, ihre Spawnpunkte entsprechend zu ändern, damit sie im Fall ihres Todes nicht viele Kilometer entfernt beim Verfluchten Haus respawnen würden und einen langen Marsch durch Wald und Sumpf zurücklegen mussten, um die Gruppe wieder einzuholen. Nicht lange danach war es losgegangen ...
„In der nächsten halben Stunde bin ich von Briefen und persönlichen Nachrichten buchstäblich überschwemmt worden,” beschwerte sich meine Schwester. „Einige waren kostenlos, die Absender müssen sich also im Umkreis von 10 Kilometern befunden haben. Aber es waren auch mehrere ziemlich teure darunter. In all diesen Nachrichten ging es nur um eine einzige Sache: Die Spieler wollten wissen, wo sie einen Goblin-Kräutersammler namens Amra finden könnten. Einige haben höflich gefragt, andere haben mir Geld angeboten und wieder andere haben mich schlichtweg bedroht. Bei Max Sochnier und Shrekson Bastard sind ebenfalls unzählige Spam-Mails eingegangen. Ich habe das Spiel geschlossen und im Forum von Reich ohne Grenzen nachgesehen, um herauszufinden, was eigentlich los ist. Es hat nur ein paar Minuten gedauert, bis mir das Ausmaß des Problems klar geworden ist.” Valeria machte eine kurze Pause, bevor sie fortfuhr.
„Tim, eine Menge Leute suchen nach dir und die meisten haben nichts Gutes im Sinn. Da du zu der Zeit offline warst, haben sie versucht, dich über die Spieler zu finden, die du in deinen Videoclips erwähnt hast. Ich habe unseren Freunden eingeschärft, diese Nachrichten unter keinen Umständen zu beantworten und das Spiel für 1 Tag zu verlassen. Unsere Goblin-Gefährten habe ich zu einem Gasthaus geschickt, das ich kurz vorher zufällig entdeckt hatte. Ich habe Taisha genug Geld gegeben und sie und Tamina Grimmigs Kinder inständig gebeten, das Haus nicht zu verlassen, bis wir zurückkommen. Zuletzt habe ich dem grauen Rudel befohlen, tief im Wald zu jagen. Danach habe ich mich sofort ausgeloggt, weil ich ein großes Boot voller Spieler gesehen habe, die den Fluss aus Richtung Steinhang heruntergekommen sind. Zum Glück habe ich sie zuerst bemerkt.”
„Was hast du da von einem Gasthaus gesagt”, fragte ich, um mehr Details von diesem Teil der Geschichte meiner Schwester zu erfahren.
Val erzählte mir aufgeregt von ihrer Entdeckung. „Während der Suche nach den Wargs bin ich auf einen Pfad gestoßen, der sich zirka 5 Kilometer westlich von unserem Lager befindet. Er war ziemlich gut ausgetreten. Auf diesem Pfad sind Pirat und ich ungefähr 4 Kilometer in südlicher Richtung entlanggeritten, bis wir an einer Gabelung auf ein großes, solides Gebäude gestoßen sind. Man könnte es fast ein kleines Fort nennen. Es wird von etwa 50 Kobolden betrieben. Nicht weit davon entfernt befindet sich ihre Kupfermine und neben dem Gasthaus haben sie ein Kupfer-Lagerhaus mit Holzkohle und Erz sowie einen kleinen Handelsposten. Das Fort bietet für Händler und Reisende eine gute Gelegenheit, eine Pause einzulegen. Die Übernachtung kostet nicht viel und das Essen ist gut. Ich dachte, es wäre das beste Versteck für ‚dein Mädchen‘. Deine grünhäutige Freundin erregt mit ihrem attraktiven Aussehen und ihren verführerischen Kurven einfach zu viel Aufsehen, die Spieler bemerken sie sofort. Darum habe ich Taisha für 1 oder 2 Tage bei den NPCs untergebracht und ihr eingetrichtert, keinen Schritt vor die Tür zu setzen.”
Ich dankte meiner Schwester für ihr kluges Handeln, mit dem sie die schwierige Situation gemeistert hatte, bevor ich mich auf den Weg zur Arbeit machte. Es dauerte 15 Minuten mit dem städtischen Elektrobus, um zum Wolkenkratzer des Unternehmens von Reich ohne Grenzen zu gelangen. Jetzt war es 19:30 Uhr, darum rechnete ich damit, dass der Direktor noch arbeitete. Mark Tobius war jedoch nicht in seinem Büro. Stattdessen traf ich seine Assistentin Jane an, die sich gelangweilt ihre gepflegten Fingernägel lackierte.
„Wie versprochen”, sagte ich, als ich der Sekretärin die Tafel Schokolade überreichte, die ich ihr noch schuldig war. „Wo ist der Boss?”
„Mark war heute nicht an der Arbeit. Er hat heute Morgen angerufen, weil er sich das Fußgelenk verstaucht hat. Der Boss ist zu Hause und muss sein Bein hochlegen”, antwortete Jane mit spöttischer Stimme, ohne von ihrer Nagelpflege aufzublicken. „Wer war das Mädchen, das Ihr Handy für Sie beantwortet hat, Tim?”
Was? Jane hatte eindeutig eine Spur von Eifersucht in ihrer Stimme, die mich überraschte. Was ging hier vor? Ich hatte noch nie Interesse an der Sekretärin meines Chefs gezeigt. Sie war teure Geschenke, luxuriöse Kleidung und eine Wohnung im Zentrum der Metropole gewohnt, darum kam ich als möglicher Liebhaber für sie nicht infrage. Ich antwortete ihr, dass ich mit meiner Schwester zusammenwohnte.
Jane wandte den Blick von ihren Nägeln ab und legte die Feile in ihre Kosmetiktasche zurück. „Oh, mit Haselnüssen! Sie haben es nicht vergessen!”, rief sie aus, erfreut über die Tafel Schokolade, die vor ihr lag. Wie um sich zu revanchieren, bot sie mir eine Tasse Kaffee an.
„Ich habe Sie angerufen, weil ich selbst mit Ihnen sprechen will. Ich dachte, Sie würden vielleicht zu schätzen wissen, was ich Ihnen sagen will. Ich musste Mark heute mit allen hohen Tieren des Unternehmens verbinden: den Marketingleitern, Wirtschaftsexperten und Kreativdirektoren. Sie waren zusammen in einer Telefonkonferenz, die ich ganz zufällig mitgehört habe. Darin ging es hauptsächlich um Sie ...”
Jane verstummte neben der Kaffeemaschine und drehte sich zu mir um. Sie erwartete offenbar eine Bestätigung, dass ich an dem Thema interessiert war.
Unabsichtlich bemerkte ich ihre elegante Kleidung. Sie war immer gut angezogen, aber heute trug sie ein leuchtend rotes, superkurzes Partykleid mit tiefem Ausschnitt – ein paar Zentimeter kürzer und es wäre unangemessen gewesen. Außerdem trug sie eine rote Korallenkette, Ohrringe und Goldringe an fast jedem Finger. Ihre Haare waren ebenfalls aufwendig zurechtgemacht. Hatte Jane etwas zu feiern? Ihren Geburtstag vielleicht? Auf ihrem Schreibtisch standen jedoch weder Blumen noch Geschenke.
„Sie sehen gut aus!”, sagte ich anerkennend, worauf Jane traurig lächelte.
„Danke für das Kompliment, Timothy. Ich hatte heute Abend etwas vor, doch meine Pläne haben sich zerschlagen. Hier ist Ihr Kaffee.”
Jane überreichte mir eine Tasse des heißen Getränks. Während ich es in kleinen Schlucken trank, erzählte sie mir, was sie gehört hatte.
„Ihr Video hat ziemlich großes Aufsehen erregt! Viele Spieler waren sehr ärgerlich darüber, dass dieses wertvolle Reittier an einen völligen Neuling gegangen ist, der kaum Ahnung vom Spiel hat – entschuldigen Sie die scharfe Ausdrucksweise. Unter diesen Spielern befinden sich Veteranen und sogar Spitzenspieler, die Reich ohne Grenzen Jahre ihres Lebens gewidmet haben und sehr beliebt und kompetent sind. Es gibt bereits Petitionen von berühmten Gamern, die damit drohen, Reich ohne Grenzen zu verlassen, wenn die Situation nicht behoben werden sollte.”
„Was? Ich habe nicht gedacht, dass das Reittier eines Spielers solchen Aufruhr verursachen könnte”, sagte ich nachdenklich.
Jane erwiderte aufgeregt: „Timothy, ich habe noch untertrieben! Sie hätten hören sollen, was die Direktoren wirklich gesagt haben. Der Chef der Werbeabteilung hat nur geflucht und Mark angeschrien, dass dieser Vorfall das sowieso schon geringe Vertrauen unserer Spielergemeinde weiter untergraben könnte. Die Entwickler haben den ganzen Tag Hass-Mails von Spielern erhalten und es hört nicht auf. Im Gegenteil, es wird immer schlimmer!”
Genau das Gleiche hatte ich bereits von meiner Schwester gehört, aber nun wollte ich herausfinden, was die Angestellten des Unternehmens über die ganze Sache dachten.
Jane fuhr fort: „Am Anfang haben die Administratoren des Forums die aggressivsten Leute gesperrt, doch dann sind sie von den obersten Direktoren angewiesen worden, nicht zu rigoros zu sein und hochlevelige Spieler sowie Mitglieder der Spitzenclans in Ruhe zu lassen. Das Unternehmen hat sich immer als verständnisvoll und offen für die Meinung der Spieler präsentiert, darum haben sich die obersten Direktoren getroffen, um eine Lösung zu finden, die es ihnen ermöglicht, Vorteile aus der momentanen fieberhaften Aktivität zu ziehen. Sie reden davon, den Spielern Gelegenheit zu geben, Dampf abzulassen und ihre Frustration zu äußern. Danach wollen sie dem Spiel ‚in Übereinstimmung mit der Meinung unserer Nutzer‘ neue Regeln hinzufügen und die negative Haltung der Spieler gegenüber den Entwicklern auf jemand anderen umlenken ...”
Jane verstummte und ließ mich den Rest erraten. „Verstehe ich das richtig? Sie wollen die Wut der Spieler auf mich lenken?” fragte ich entgeistert. Leider hatte ich richtig geraten.
„Ja, sie diskutieren noch über die Details, aber grundsätzlich sind sie sich einig. Morgen wird im gesamten Reich ohne Grenzen eine Jagd angekündigt, bei der Sie die Beute sind. Der Plan ist, einen Gegenstand in Ihrem Inventar – ein Token oder ein Amulett – mit der Fähigkeit zu veredeln, Ihr Reittier zu kontrollieren. Jedes Mal, wenn Sie getötet werden, besteht eine bestimmte Chance, dass er gedroppt wird. Sollte der Gegenstand gedroppt werden, wird der Spieler, der Sie getötet hat, der neue Besitzer des einzigartigen Reittiers! Die Direktoren haben eine Umfrage unter den Spitzenclans gemacht und das Ergebnis ist eingegangen: Die Clans fanden die Idee sehr spannend. Es könnte ein noch nie dagewesenes Spektakel werden.”
„Zweifellos ...”, entgegnete ich düster. Aus meiner Sicht wurde die Lage von Minute zu Minute trostloser und meine Stimmung war auf dem Tiefpunkt. Die Unternehmensleitung wollte mir meine XANTHIPPE wegnehmen – den schönen, kleinen Lindwurm, den ich offen und ehrlich verdient und mit Taishas Hilfe zum Schlüpfen gebracht hatte. War das erlaubt? Wo stand in den Spielregeln geschrieben, dass sich ein erfolgreicher Spieler von seinem Eigentum trennen musste, um eine gesichtslose Horde von Verlierern zu beschwichtigen? Die letzte Frage äußerte ich laut.
„Das steht natürlich nicht in den Regeln”, stimmte die Assistentin des Direktors mir zu. „Entsprechende Satzungen sollen jedoch ergänzt werden, und außerdem werden sich die Verantwortlichen Ihr freiwilliges Einverständnis einholen, die Jagdbeute zu spielen.”
Als Jane sah, dass ich am Boden zerstört war, versuchte sie, mich ein wenig aufzuheitern. „Ganz so schlimm ist es auch wieder nicht, Timothy. Soweit ich weiß, soll die Jagd nur für einen begrenzten Zeitraum andauern und hat einen potenziellen Vorteil für Sie: Wenn Sie es schaffen, Ihre Tiergefährtin am Ende der Jagd noch in Besitz zu haben, können Sie sie offiziell in einer Auktion von Reich ohne Grenzen verkaufen und die Spielwährung legal in Bargeld umtauschen. Die Direktoren haben von einer Summe in Millionenhöhe gesprochen!”
Ich sah Jane ungläubig an, doch sie bestätigte ihre Äußerung. Wenn ich es schaffen würde, die Trophäe bis zum Ende der Jagd zu behalten, würde ich vom Unternehmen von Reich ohne Grenzen dafür, dass ich bei der großen Jagd die Rolle der Beute gespielt hatte, ein offizielles, öffentliches Stellenangebot erhalten. Auf diese Weise wollten die Direktoren zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: Erstens würden sie erneut viele Leute anwerben können, die für das Unternehmen arbeiten wollen würden, und zweitens könnten sie noch einmal die legale Methode zum Entnehmen von Spielgeld erklären. Während der Jagd würde es mir jedoch streng verboten sein, zu verraten, dass ich für das Unternehmen von Reich ohne Grenzen arbeitete, denn sonst würde ich nur Öl ins Feuer falscher Berichte darüber gießen, dass das Unternehmen die Räder „seiner eigenen Leute” schmierte und sie bevorzugt mit einmaligen Quests und Gegenständen belohnte.
Mir fiel noch etwas anderes ein, das Mark Tobius einmal erwähnt hatte: Es gab Käufer, die bereit waren, 10 Millionen Ingame-Münzen für ein noch nicht geschlüpftes Lindwurm-Ei zu bezahlen. Mein Wald-Lindwurm hatte bereits Level 16 erreicht, daher war er jetzt sicher noch mehr wert, besonders wenn er bei einer offenen Auktion angeboten werden würde, bei der ihn jeder Spieler mit genug Geld kaufen konnte. Im realen Leben waren 1 Million Credits eine Menge Geld. Damit konnten meine Schwester und ich uns eine bequeme Wohnung in einem guten Stadtviertel leisten. Unsere Zukunft wäre gesichert. Val könnte endlich biotische Beine bekommen. Aus dem Grund hatte ich überhaupt angefangen, beim Unternehmen von Reich ohne Grenzen zu arbeiten. Aber es würde verdammt schwer sein, sich diese Million zu verdienen, sonst hätte das Unternehmen das ganze Spektakel der Massenjagd erst gar nicht arrangiert ...
„Wie ich sehe, haben Sie den Ernst der Lage verstanden”, sagte Jane. Sie kam hinter ihrem Schreibtisch hervor, ging zu der Tür hinüber, die zum Flur führte, und verschloss sie von innen. „Jetzt will ich eine noch ernstere Sache mit Ihnen besprechen. Tatsache ist, dass Sie es ohne Hilfe von außen niemals schaffen werden, Ihren Tierbegleiter zu behalten. Ihr Charakter wird bereits von einigen großen Clans überwacht und nachdem die Jagd morgen angekündigt worden ist, wird Ihr Goblin-Kräutersammler das Spiel nicht betreten können, ohne sofort getötet zu werden. Danach werden die Spieler am Spawnpunkt auf Sie warten und Sie immer wieder töten. Früher oder später droppen Sie den Gegenstand und verlieren Ihren Lindwurm. Sie können nichts dagegen tun, denn alle Versuche, den Spawnpunkt zu ändern oder zu verbergen sind nutzlos, weil Sie die Methoden nicht kennen, die von den Spielern eingesetzt werden, um Sie aufzuspüren.”
„Ich vermute, dass Sie einen Hintergedanken dabei haben, mir diese Dinge zu erzählen. Was bieten Sie mir an?”, fragte ich vorsichtig.
Die Frau lachte: „Richtig, Timothy. Sie haben es erraten. Ich will Ihnen ein für beide Seiten nutzbringendes Geschäft vorschlagen. Als Assistentin des Direktors bin ich über viele Dinge auf dem Laufenden, die im Unternehmen vor sich gehen. Ich weiß über bevorstehende Ereignisse, neue Gegenstände und Regeln in der Spielwelt Bescheid und kenne die raffinierten Taktiken der Spieler. Die Direktoren und andere hochrangige Angestellte nehmen mich nicht ernst, sie halten mich für die typische dumme Blondine, ein Möbelstück oder eine einfältige Kaffeeholerin. Ich verfüge über eine sehr gute Ausbildung und habe meine eigenen Pläne. Übrigens ist mein Haar nur gefärbt. Kurz gesagt, als Assistentin eines Direktors wird man schlecht bezahlt. Ohne zusätzliches Einkommen könnte ich nicht von meinem Gehalt leben, wenn Sie wissen, was ich meine ...”
Ich nickte kurz, um zu bestätigen, dass ich sowohl die Vorzüge und Feinheiten von Janes Arbeit als auch ihre hohen Ansprüche verstanden hatte.
Sie seufzte betrübt. „Mit dem Gehalt einer Sekretärin könnte sich eine junge Frau niemals eine Wohnung im Zentrum der Metropole leisten und gute Kosmetikartikel und Kleidung kaufen. Mein letzter Chef hat das verstanden. Alexandro Lavrius hat mich geschätzt und mir bei jeder Gelegenheit einen Bonus geschickt oder mir wertvolle Geschenke gemacht. Aber seitdem er weg ist, hat sich die Situation geändert. Mark Tobius gibt vor, meine Andeutungen nicht zu verstehen. Vielleicht stimmt das ja, aber ich habe Probleme, die Miete zu bezahlen. Mein Zimmer in der Innenstadt allein kostet mehr als ich verdiene! Hier ist mein Angebot: Ich sage Ihnen, wie Sie Ihren Verfolgern entkommen können, und Sie helfen mir mit der Miete. Ich brauche 700 Credits.”
Was für eine Forderung! Momentan hatte ich ganze 30 Credits auf dem Konto. Janes Angebot war zwar verlockend, doch es überstieg bei Weitem meine finanziellen Mittel. Ich dachte an mein Ingame-Geld: Die 1.500 Münzen, die mein segelohriger Goblin besaß, waren in realer Währung 150 Credits wert, doch das war auch nicht genug. Im Übrigen besaß mein Charakter nur noch Schuldscheine der Vertrauenswürdigsten Bank der Gremlins und der Unterirdischen Bank von Thorin, dem Neunten. Unter den augenblicklichen Bedingungen war es für mich unmöglich, zu einer ihrer Zweigstellen zu gelangen. Jeder Versuch würde mit Amras Tod enden, ich würde den Spawnpunkt gar nicht erst verlassen können. Doch dann kam mir eine Idee ...
„Dies sind die Schlüssel zu einer Zwei-Zimmer-Wohnung in einem Hotel”, sagte ich, während ich Jane einen klimpernden Schlüsselring reichte. „Es ist eine ruhige Wohngegend, sie vermieten langfristig an junge Fachkräfte. Die Wohnung ist für 2 Monate im Voraus bezahlt. Für meine Schwester und mich ist sie ungeeignet, weil sie nicht für körperbehinderte Leute ausgelegt ist, aber wir haben unser Geld nicht zurückbekommen. Hier ist die Adresse, wenn Sie damit einverstanden sind.”
In Reich ohne Grenzen wäre jetzt sicher eine Meldung über einen Levelaufstieg in der Fertigkeit Handel vor mir erschienen. Jane ergriff die Schlüssel und notierte sich die Adresse des Hotels in ihrem Handy.
„Vielen Dank! Damit helfen Sie mir sehr, Timothy! Hören Sie jetzt gut zu. Bevor Sie das Spiel betreten, werden Sie wahrscheinlich jede Menge Nachrichten von unbekannten Spielern sehen. Diese Nachrichten sind Ihnen mit Absicht geschickt worden. Ihre Verfolger sind nicht naiv genug, um eine Antwort zu erwarten, sie wollen nur wissen, ob Sie die Nachricht bekommen haben. Wenn ja, bedeutet das, dass Sie sich in einem Umkreis von 10 Kilometern befinden. Daraufhin können sie einen Kreis mit einem Durchmesser von 10 Kilometern auf der Karte platzieren und wissen, dass der Empfänger sich darin befindet. Von da an können sie ihre Suche eingrenzen. Sie entfernen sich 5 oder 10 Kilometer und schicken dem Spieler, der offline ist, noch eine kostenlose Nachricht. Wenn es funktioniert, platzieren sie einen weiteren Kreis von 10 Kilometern Durchmesser und prüfen, wo sich die beiden Kreise überschneiden. Nach ein paar Stunden erhalten sie ein kleines Gebiet, in dem sie nach ihrem Opfer suchen können. Bis das Opfer ins Spiel zurückkehrt, haben sie die Position des Charakters in der Regel bis auf ein paar Meter ausgemacht. Dann legen sie sich in einen Hinterhalt und müssen nur noch warten. Diese Mörder arbeiten gewöhnlich in Gruppen, sodass es weniger als 1 Stunde dauert, bis sie die Position des Offline-Charakters gefunden haben. Es ist jedoch nicht schwer, dieser Verfolgungsmethode zu entgehen. Sie müssen einfach die Einstellungen Ihres Nachrichtenempfangs ändern und die Annahme kostenloser persönlicher Nachrichten von unbekannten Spielern ablehnen.”
Ich war beeindruckt, doch diese Informationen allein waren noch keine 700 Credits wert. „Das ist ja schön und gut, aber was mache ich, wenn die Mörder schon da sind, wenn ich ins Spiel zurückgehe?”
Jane lachte. Ihr Gesichtsausdruck ähnelte nun dem mitleidigen Blick, den meine Schwester mir zuwarf, wenn ich mich offensichtlich dumm verhielt und elementare Dinge nicht verstand. Doch dieses Mal kam ich selbst darauf und überlegte mir bereits Taktiken, um die Mörder loszuwerden. Ich bat Jane, sich nicht von meiner Frage ablenken zu lassen und mir von anderen Verfolgungsarten zu erzählen. Immerhin war Reich ohne Grenzen riesig und in den meisten Fällen konnten sich Spieler nicht darauf verlassen, einen bestimmten Charakter innerhalb von 10 Kilometern ihrer eigenen Position zu finden.
„Bezahlte Nachrichten kann man in den Einstellungen nicht ablehnen, denn das Unternehmen von Reich ohne Grenzen erzielt mit ihnen regelmäßige Gewinne, die sich sehen lassen können. Bezahlte Nachrichten können auf verschiedene Arten versendet werden. Eine davon ist der Einsatz magischer Boten. Der Verfolger schickt ein magisches Wesen los, findet mit einem Kompass die Richtung heraus, in die es fliegt, und zieht eine gerade Linie an seiner Flugbahn entlang. Entweder bittet er danach einen Partner, dem Opfer eine Nachricht aus einer anderen Stadt zu senden, oder er benutzt eine Teleportationsrolle zu einem anderen Ort und tut es selbst. Auf der Karte kann er dann sehen, wo sich die Linien überschneiden. Dort befindet sich der Flüchtige. Diese Methode ist jedoch ziemlich ungenau, oftmals ergibt sie ein Gebiet von mehreren Quadratkilometern. Von dort aus verwendet der Verfolger dann kostenlose oder billigere persönliche Nachrichten, um die genauen Koordinaten zu bestimmen. Manchmal ist ein ganzer Clan an einer Suche beteiligt und nutzt diese Methoden.”
Nun hatte Jane mir Informationen gegeben, die ihr Geld wert waren. Es sah aus, als ob mein segelohriger Goblin nirgends, noch nicht einmal in den entlegensten Winkeln von Reich ohne Grenzen, sicher sein würde. Trotzdem hatten die Verfolgungsarten auch ihre Schwachpunkte. Den ungefähren Aufenthaltsort einer Person zu finden, brachte nicht viel. Die Verfolger mussten auch an diesen Ort gelangen können. Doch wenn er sich in einer abgelegenen Wildnis befand, hunderte von Kilometern von der nächsten Stadt entfernt, und keine Teleportationsrollen verfügbar waren, würden sie tagelang über Berge und durch Wälder und Sümpfe wandern müssen. Danach würden sie auf der Suche nach dem Flüchtigen die Wildnis durchkämmen müssen und letztendlich entdecken, dass ihr Opfer schon lange weg war und sich nun 1.000 Kilometer in der entgegengesetzten Richtung befand. Teleportationsrollen waren schließlich auch für Amra erlaubt, er musste sich nur welche beschaffen.
Es piepste, als eine Nachricht auf Janes Computer einging. Sie ging zu ihrem Schreibtisch hinüber und las den Text auf dem Bildschirm.
„Morgen früh kommt Mark Tobius trotz seines verletzten Fußes ins Büro. Er hat mich gerade beauftragt, Sie für morgen Vormittag einzubestellen. Sicher wird er Sie über die Entscheidung des Vorstands und die Regeln der großen Jagd informieren. Sie verstehen hoffentlich, dass unsere Unterhaltung geheim bleiben muss, darum geben Sie vor, überrascht zu sein und ärgerlich zu werden.”
Ich versprach Jane, dem Direktor eine gute Show vorzuspielen, damit er keinen Zweifel daran haben würde, dass ich von nichts wusste und außer mir war.
„Aber übertreiben Sie es nicht. Mark ist leicht reizbar und verliert schnell die Kontrolle. Erst vor Kurzem hat er einen Angestellten rausgeworfen, der ihm widersprochen hat. Ich hoffe, Sie haben genug Fingerspitzengefühl und Verstand, einzulenken, wenn es Zeit ist, sein Angebot anzunehmen.”
„Keine Sorge, nach Ihren Warnungen bin ich gut auf ein Gespräch mit dem Boss vorbereitet.”
Jane lächelte zufrieden. Sie schwang ihre Hüften verführerisch, während sie zur Tür ging und sie öffnete. Unser Gespräch war offensichtlich beendet. Ich verabschiedete mich höflich, doch als ich an ihr vorbeiging, ergriff sie unerwartet meine Hand, drehte mich zu sich um und legte mir eine Hand auf die Schulter.
„Ich hoffe auf eine lange Zusammenarbeit mit Ihnen, Timothy. Ich habe einem erfolgreichen Tester dieses Unternehmens viel zu bieten. Wenn Sie Ihre Karten richtig spielen und auf meine Ratschläge hören, werden Sie genug Geld verdienen, um sich meine Dienste leisten zu können.”
Jane stellte sich auf die Fußspitzen und küsste mich auf die Lippen. Ich war sprachlos. Auf einmal hörte sich das Angebot ihrer Dienste sehr zweideutig an. Sie war zufrieden mit der Wirkung, die sie erzielt hatte, schob mich mit einem Lächeln in den Flur und wünschte mir viel Glück beim Spielen.
Als ich im Aufzug stand und mir das Gespräch mit der Assistentin des Direktors noch einmal durch den Kopf gehen ließ, dämmerte mir, dass Janes elegante Kleidung, ihre durchkreuzten Pläne für den Abend und das verstauchte Fußgelenk von Mark Tobius zusammenhängen mussten. Nachdem Jane das Gespräch der Direktoren über die große Jagd und den Hauptpreis mit angehört hatte, musste sie mich als passenden Ersatz auserkoren haben.

***

Auf meiner Etage war es laut und überfüllt. Der Arbeitstag näherte sich seinem Ende. Die Tester des Unternehmens hatten das Spiel verlassen und machten sich auf den Heimweg. Ich nutzte die Geschäftigkeit und schlüpfte schnell in meine Kabine. Es war nicht der richtige Zeitpunkt, mich meinen neuen Kollegen vorzustellen und mich mit ihnen zu unterhalten. Kira war bereits bei der Arbeit, denn das Licht über der Tür ihrer Kabine leuchtete rot. Ich hatte mir den Sensoranzug zwar schon angezogen, wollte aber noch nicht gleich wieder ins Spiel zurückkehren. Ich lud meinen „Arbeitsplatz”, änderte die Einstellungen des Nachrichtenempfangs und öffnete meine Mailbox.
Ja, es waren tatsächlich eine Menge Nachrichten eingegangen ... Statt wertvolle Zeit damit zu vergeuden, sie zu lesen, schrieb ich die Namen der Spieler auf, die es geschafft hatten, mir kostenlose Nachrichten zu schicken. Sie mussten sich in der Nähe aufhalten und stellten die größte Gefahr dar. Es waren 26 Namen. Ich setzte sie alle auf meine Sperrliste, damit ich immer wusste, ob sie in Reich ohne Grenzen waren oder sich abgemeldet hatten. Drei Spieler machten mich besonders misstrauisch, weil sie mir im Abstand von 30 bis 60 Minuten mehrere Nachrichten geschickt hatten. Es sah so aus, als ob sie die Position meines Goblins mit der von Jane beschriebenen Methode herausgefunden hatten.
Keiner dieser hinterhältigen Spieler war im Moment im Spiel, doch das bedeutete gar nichts. Valeria und ich hatte in anderen Spielen oft die „Einloggen-Falle” eingesetzt, wenn ein Spieler, den wir töten wollten, die Gefahr bemerkt und das Spiel verlassen hatte. Wir hatten uns einfach gleich nach ihm ausgeloggt und von einem anderen Konto aus beobachtet, wann er sich wieder einloggte. Dann waren wir ebenfalls ins Spiel zurückgekehrt und hatten ihn erledigt.
In Reich ohne Grenzen durften Spieler jedoch nur ein Konto haben und ich konnte mir kaum vorstellen, dass jemand einen Partner überzeugen konnte, bei so einer Sache zu helfen. Besonders nachts machte es keinen Spaß, stundenlang auf der Lauer zu liegen, um herauszufinden, wann das Opfer wieder ins Spiel kam. Außerdem ging der Hauptpreis für meinen Tod – Mitglied der Schläger zu werden – nur an eine Person und er war bereits vergeben worden.
Trotzdem wollte ich noch eine Weile warten, bevor ich weiterspielte. Es war 22:00 Uhr, in Reich ohne Grenzen war die Nacht bereits angebrochen, doch 2 weitere Spieler von meiner Sperrliste waren noch im Spiel, darum musste ich auf der Hut sein.
Ich rief Valeria an und bat sie, nachzusehen, ob sie ebenfalls Nachrichten von diesen Charakteren erhalten hatte und, wenn ja, was sie von ihr wollten. Doch während meine Schwester nach den Informationen suchte, wechselte der grüne Kreis neben einem der beiden Namen zu grau: Der Spieler hatte Reich ohne Grenzen verlassen. Nun war von meinen Verfolgern nur noch eine Frau im Spiel, eine Level-80-Elementarmagierin. Aufgrund ihres hohen Levels waren die Nachtmonster dieser Gegend offenbar keine Bedrohung für sie, daher war es unwahrscheinlich, dass die Magierin das Spiel bald verlassen würde.
„Beantworte ihre Nachricht”, schlug ich meiner Schwester vor, „und rede mit ihr auf einem privaten Kanal. Wenn sie nach mir fragt, sag ihr, dass ich erst am Morgen wieder spielen werde. Du kannst dir selbst einen guten Grund dafür ausdenken.”
Nach 3 Minuten hatte sich auch der letzte meiner Verfolger ausgeloggt und gleich darauf erhielt ich einen Anruf von Val.
„Sie hat tatsächlich nach dir gefragt, aber ich habe mich dumm gestellt. Ich habe ihr bereitwillig erzählt, dass du für einen Test lernen musst und heute nicht mehr zurückkommst. Dann habe ich sie eingeladen, mich nach Steinhang zu begleiten. Ich habe so getan, als ob ich es nicht geschafft hätte, vor Anbruch der Nacht das sichere Dorf zu erreichen, und nun Angst hätte, allein durch den furchterregenden, dichten Wald zu gehen. Die Magierin hat geantwortet, sie müsse im realen Leben einige Sachen erledigen, hat sich entschuldigt und ist verschwunden.”
„Sehr gut, Val. Nun geh ins Spiel und überprüfe die Gegend! Wenn in der Nähe des Lagers alles in Ordnung ist, ruf mich an”, erwiderte ich. Danach kletterte ich in die virtuelle Realitätskapsel und war bereit, mich jeden Augenblick einzuloggen.
Es dauerte jedoch 6 Minuten, bevor meine Schwester mich wissen ließ, dass es um unser Lager herum sicher war. Ich schloss die Kapsel und 30 Sekunden später fand ich mich neben der Hütte wieder. Es dauerte einen Moment, bis ich mich an die Dunkelheit gewöhnt hatte.
„Warum hat es denn so lange gedauert?”, fragte ich Valerianna Schnellfuß vorwurfsvoll. Doch ich verstummte unvermittelt, als ich die leuchtend rote Markierung als Kriminelle sah, die wie ein Lichtsignal über dem Kopf der Waldnymphe hing. Der Lebensbalken meiner Schwester war in den orangefarbenen Bereich gesunken und in ihrer rechten Schulter steckte ein Pfeil mit roter Befiederung.
„Am Fluss haben 2 Spieler nach uns Ausschau gehalten”, erklärte meine Schwester und zuckte vor Schmerz zusammen. „Ein Berserker und eine Bogenschützin. Zuerst haben sie mich nicht bemerkt, weil sie ... beschäftigt waren. Das wird ihnen eine Lektion sein. Reich ohne Grenzen ist eine gefährliche Welt mit vollem PvP, kein Zimmer in einem Bordell ... Ich habe schlicht und einfach Glück gehabt.”
Ich half der Waldnymphe, den Pfeil, der sich tief in ihre Schulter gebohrt hatte, zu entfernen und gab ihr einen Heiltrank.
„Ah, jetzt fühle ich mich schon viel besser!”, rief die Mavka aus und lächelte. Ihre Gesundheit war fast vollständig wiederhergestellt.
„Amra, dort drüben am Fluss liegen mehrere Ausrüstungsgegenstände im Gras. Schau sie dir an, vielleicht können unsere Wolfsreiter sie gebrauchen.”
In dem Durcheinander am Flussufer fand ich eine vollständige Berserker-Rüstung und direkt daneben ein sorgfältig zusammengelegtes Kleid, ein Kettenhemd, einen Helm und ein Paar Stiefel. Die Gegenstände waren nicht alle großzügig gedroppt worden, ihre Eigentümer hatten sich von Leidenschaft überwältigt ihrer Kleidung entledigt. Warum sie sie nicht in ihrem Inventar aufbewahrt hatten, war mir ein Rätsel. Wahrscheinlich war es nicht romantisch genug gewesen. Die Leichen des unglückseligen Liebespaares konnte ich jedoch nicht entdecken. Der Fluss musste sie davongetragen haben.
Nachdem ich die Ausrüstung eingesammelt hatte, rief ich das graue Rudel zu mir. Die Wölfe waren keine 5 Minuten entfernt gewesen.
„Nimm diese Karte der Umgebung, Amra, sie ist vollständiger als deine”, sagte die Waldnymphe. Sie schickte mir das Angebot einer Transaktion für 0 Münzen. „Nur einen halben Kilometer von hier befindet sich ein Spawnstein. Du solltest ihn unbedingt aufsuchen und ihn deiner Liste von Steinen hinzufügen. Doch vorher habe ich noch eine nette Überraschung für dich!”
Valerianna verschwand im dichtem Gebüsch des Flussufers, stieg bis zu den Knien ins Wasser, hantierte an etwas herum und zog dann einen Stringer mit lebenden Fischen heraus.
„Der Najadenmann hat den ganzen Morgen gefischt. Ich habe ihn gebeten, einen Teil seines Fangs für dich aufzubewahren. Ein Fisch von jeder Sorte. Alle frisch, lebendig und voller Blut – ganz nach deinem Geschmack! Wenn es dir peinlich ist, kann ich mich umdrehen.”
„Nein, es stört mich nicht. Du kannst ruhig zusehen ... ”, erwiderte ich, nahm den Stringer in die Hand und betrachtete die zappelnden, silbrigen Fische.

Level-4-Flusswels
Gemeines Level-2-Rotauge
Ausgewachsene Level-13-Brachse
Level-8-Schlammschleie
Gemeine Level-1-Rotfeder
5 neue Arten auf einmal! Das perfekte Geschenk für einen Vampir! Das Festmahl konnte beginnen. Ich würde mir zwar nicht den Bauch vollschlagen, aber ich wollte von jedem Fisch ein wenig naschen!
Zugefügter Schaden: 30 (Vampirbiss)
Erhaltene Erfahrung: 20 EP
Erhaltener Gegenstand: Flusswelsfleisch (Nahrung) x 2
Verbesserte Volksfähigkeit: Blutlust (Erhöht den zugefügten Gesamtschaden für jede einzelne Kreatur, die durch Vampirbiss getötet wird, um + 1 %. Aktueller Bonus: 8 %)
Freigeschaltetes Achievement: Geschmackstester (15/1000)

Zugefügter Schaden: 89 (Vampirbiss)
Erhaltene Erfahrung: 96 EP
Erhaltener Gegenstand: Schlammschleienfleisch (Nahrung) x 4
Verbesserte Volksfähigkeit: Blutlust (Erhöht den zugefügten Gesamtschaden für jede einzelne Kreatur, die durch Vampirbiss getötet wird, um + 1 %. Aktueller Bonus: 9 %)
Freigeschaltetes Achievement: Geschmackstester (16/1000)
...
Verbesserte Volksfähigkeit: Blutlust (Erhöht den zugefügten Gesamtschaden für jede einzelne Kreatur, die durch Vampirbiss getötet wird, um + 1 %. Aktueller Bonus: 12 %)
Freigeschaltetes Achievement: Geschmackstester (20/1000)
Gesundheitsregeneration verbessert auf 3 TP pro Minute
Mein segelohriger Goblin rülpste zufrieden und klopfte sich auf den Bauch. Großartig! Ich hatte nicht nur meinen Hunger gestillt, sondern auch die Durst-löschen-Anzeige wieder ganz gefüllt. Das war die bisher schnellste und sicherste Methode gewesen, die Levels meiner vampirischen Fähigkeiten zu erhöhen. Ich musste unbedingt den Fischmarkt der Unterwasserstadt Ookaa besuchen. Vermutlich würde ich dort eine wahre Fülle verschiedener Fischarten finden. Er musste für einen Blutsauger wie mich ein ausgezeichnetes Jagdrevier sein.
„Hast du genug, Segelohr?”, erkundigte sich Valerianna verständnisvoll. „Dann lass uns von hier verschwinden. Das graue Rudel ist bereits da. Schnell, wir sollten auf die Wölfe steigen und uns auf den Weg machen!”
Trotz der späten Stunde erreichten wir den Spawnstein, ohne unterwegs auf die gefürchteten Waldkreaturen zu treffen. Danach befahl ich dem grauen Rudel, uns zum Gasthaus der Kobolde zu bringen, denn ich musste Taisha, Irek und Yunna dort herausholen. Der 8 Kilometer lange Ritt dauerte nur eine halbe Stunde. Dabei erhöhte ich meine Fertigkeit Reiten auf Level 6 und Athletik auf Level 9. Akella lahmte schwer und blieb hinter dem übrigen Rudel zurück. Zwar würden sie uns nicht zurücklassen - denn ein einzelner verwundeter Level-28-Wolf war eine leichte Beute für die Kreaturen, die sich in diesen Wäldern herumtrieben -, dennoch achtete ich darauf, sie nicht aus den Augen zu verlieren.[LRF2] 
200 Meter vor dem Gasthaus sprang ich von dem Wolf ab, denn ich wollte die Leute im Gasthaus nicht mit dem Waldraubtier erschrecken. Die Waldnymphe und ich gingen den Rest des Weges zu Fuß.
„Halt! Wer seid ihr?”, rief eine Wache aus. Ich hob meinen Kopf und sah hoch oben in einem Baum eine kleine Gestalt mit einem dunklen Umhang, die mit einer Armbrust auf uns zielte.

Level-62-Koboldwächter
Die Prüfung deiner Wahrnehmung war negativ.
Wahrscheinlich war der Wächter nicht allein, sondern hatte Freunde dabei, die sich in den dichten Kronen der benachbarten Bäume versteckt hielten. Ich konnte jedoch keine anderen Bogenschützen entdecken.
„Ich will essen in Taverne! Viele Goblins dort. Sie meine Freunde”, antwortete ich.
„Warum mit Mavka? Mavkas raffiniert und haben scharfe Zähne.”
„Mavka war hier am Tag. Hat in Gasthaus gegessen, bezahlt Kobolde mit Münzen. Jetzt kommt mit mir.”
Zwar ähnelte die Koboldsprache der Goblinsprache, doch es gab auch einige Unterschiede. Wir sprachen in abgehackten, verdrehten Sätzen, aber wir verstanden uns trotzdem. Inzwischen wartete Valerianna geduldig auf das Ergebnis unserer Verhandlungen.

Die Prüfung der Reaktion des Koboldwächters dir gegenüber war positiv.
Verdiente Erfahrung: 80 EP
Das Tor öffnete sich knarrend und wir traten ein. Obwohl es schon spät war, sprühte der Innenhof des Gasthauses nur so vor Leben. Öllampen hingen an Pfosten und sorgten für Licht, während eine Reihe grau- und blauhäutiger Kobolde mehrere Wagen, die einem reisenden Händler gehörten, mit schweren Ballen beluden. Das alles geschah natürlich unter den wachsamen Augen der Wachen des Händlers. Niemand schenkte meiner Schwester und mir Beachtung. Wir gingen zu einem zweistöckigen Gebäude hinüber. In den Fenstern brannten helle Lichter und ich hörte das Klappern von Geschirr.
„Keine Zimmer für Übernachten! Alle voll! Ihr könnt nur in Saal essen”, rief ein großer, dicker Kobold missmutig, der am Eingang zum Speisesaal stand.
Ich versicherte ihm, dass wir keine Zimmer benötigten, sondern nur mit unseren Freunden essen wollten. Dabei zeigte ich auf Taisha, Irek und Yunna, die unauffällig an einem Tisch in der Ecke saßen. Als unsere Freunde meine Stimme hörten, drehten sie sich um, sprangen auf und rannten mit lauten Freudenschreien auf mich zu. Irek und Yunna hielten vor mir an, doch Taisha sprang auf meinen Rücken und sagte: „Wo bist du den ganzen Tag gewesen, Amra? Du kannst mich nicht einfach an einem fremden Ort zurücklassen!”
Fast wäre ich unter ihrem Gewicht zusammengebrochen, denn mein Charakter zeichnete sich immer noch nicht durch besondere Stärke aus. Doch ich umarmte meine NPC-Braut fest und schaffte es sogar, sie herumzuwirbeln.

Du hast mit der Fertigkeit Athletik Level 10 erreicht!
Aha! Sogar das System betrachtete meine Handlungen als anstrengend und kräftezehrend. Ich versicherte Taisha froh gelaunt, dass ich bei der ersten Gelegenheit gekommen war, um sie abzuholen. An den Nachbartischen saßen weitere Wachen des Händlers, die uns ziemlich feindselig beim Küssen beobachteten, doch sie sagten nichts und versuchten auch nicht, uns davon abzuhalten. Trotzdem tippte meine Schwester mir auf die Schulter und bemerkte: „Genug mit der öffentlichen Zurschaustellung von Zuneigung. Du und deine grüne Schönheit erregt zu viel Aufmerksamkeit. Morgen werden unsere Verfolger die einheimischen NPCs fragen und schnell herausfinden, dass du hier warst. Wir müssen verschwinden und uns so weit wie möglich von hier entfernen.”
„Du hast recht”, stimmte ich ihr zu. Ich drehte mich zu Taisha um und erklärte: „Die Wölfe des grauen Rudels warten vor dem Tor auf uns. Wir müssen gehen.”
Taisha ließ mich los, blickte traurig auf den leeren Tisch und fragte: „Können wir nicht auf das Abendessen warten, das wir bestellt haben? Taminas Kinder und ich sind hungrig und wir haben auch schon bezahlt”, bat die grünhäutige Goblinfrau. „Wir warten schon seit 1 Stunde, aber sie haben uns unser Essen immer noch nicht gebracht.”
Die Waldnymphe und ich wollten herausfinden, warum unsere Freunde so lange auf ihr Essen warten mussten. Ich durfte die Küche nicht betreten, doch der Koboldkoch kam heraus, wischte sich mit seinem pelzigen blauen Arm über die verschwitzte Stirn und sagte dann: „Heute Abend ist Teufel los. Wichtiger Händler gekommen und 25 Wachen mit hungrigen Bäuchen. Sie müssen essen. Ich koche in allen Töpfen über allen Feuern. Außerdem Menschenfrau kurz vor Geburt auch hungrig. Adelige Dame mit 2 älteren Kindern. Ihr Essen fast fertig, deine Goblins als Nächstes an Reihe.”
Der Koch deutete auf ein Holztablett mit vielen Gerichte und Tellern für die Menschenfrau. Entweder hatte sie ihr Kind bereits bekommen oder die Geburt stand kurz bevor. Meine Schwester und ich sahen uns wortlos an. Eine schwangere Frau mit 2 älteren Kindern? Das war interessant. Sehr interessant ...
„Ich kann Tablett zu Menschenfrau bringen. Du viel zu tun, kannst Essen für hungrige Goblins kochen”, schlug ich dem Koch vor.

Die Prüfung der Reaktion des Koboldkochs dir gegenüber war positiv.
Verdiente Erfahrung: 80 EP
„Gut. Goblin nimm es und bring zu Frau. Das große Hilfe”, stimmte der Koch gnädig zu und reichte mir das beladene Tablett. „Treppe hoch, Tür an linker Seite.”
Die Prüfung deiner Beweglichkeit war positiv.
Verdiente Erfahrung: 16 EP
Weil das Tablett so groß war, konnte ich die erste Treppenstufe vor mir nicht sehen und stolperte, sodass mir das Tablett fast aus den Händen geglitten wäre. Die Waldnymphe half mir, die verrutschten Teller und Tassen wieder an ihren Platz zu stellen. Mit zitternder Stimme flüsterte sie mir zu: „Ich habe Angst, Amra. Es ist Nacht und diese Leute verwandeln sich nachts in ihr anderes Ich. Was ist, wenn sich hinter der Tür keine harmlose Frau vom Land mit ihrer Nichte und ihrem Neffen befindet, sondern ein Rudel hungriger, mörderischer Wargs mit unbekanntem Level? Oder was ist, wenn sie noch Menschen sind, sich aber in ihr anderes Ich verwandeln, sobald sie herausfinden, dass wir ihr Geheimnis entdeckt haben?”
Ich hielt unvermittelt an. Valeriannas Bedenken waren durchaus gerechtfertigt. „Halte das Tablett für einen Moment”, sagte ich und übergab es meiner Schwester. „Ich werde eine Sicherheitsmaßnahme ergreifen. In meinem Inventar befindet sich noch etwas Wolfs-Eisenhut. Es ist nur ein einziges Blatt, aber es müsste ausreichen, um es zu Pulver zu machen und einem der Gerichte in den großen Schüsseln hinzuzufügen. Wenn sie uns nicht angreifen und ihre Mahlzeit essen, ist die größte von ihnen sofort kaltgestellt. Sollten wir uns irren und diese Leute sind nicht unsere Wargs, wird ihnen das Pulver kein bisschen schaden.”
Die Waldnymphe gab mir das Tablett mit den köstlichen Gerichten zurück, strich ihr grünes Haar zurück und nahm ihren Zauberstab in die Hand.
„Du gehst hinein, stellst das Tablett auf den Tisch und beginnst ein Gespräch. Sie erwarten jemanden, der das Essen bringt, darum werden sie nicht überrascht sein. Ich warte derweil hinter der Tür und beobachte die Lage. Wenn etwas schiefläuft, komme ich dir sofort zur Hilfe. Stirb nicht zu schnell. Wenn es brenzlig wird, locke sie in den Speisesaal. Dort sitzen einige menschliche Wachen, die uns helfen können, gegen die Wargs zu kämpfen. Unsere Goblin-Verbündeten können uns auch unterstützen ...”, dachte Valerianna laut. Ich konnte Sorge und Unentschlossenheit in ihrem Gesicht sehen.
„Lass uns nach oben gehen, Val. Wir wissen nicht, wer sich in dem Zimmer befindet, bis ich die Tür geöffnet habe. Es wird schon schiefgehen! Hoffen wir, dass es Menschen sind.”
Mit dem Tablett auf einer Hand klopfte ich höflich an, trat ein ... und erstarrte. Als meine Schwester überlegt hatte, was uns erwarten könnte – Menschen oder Wargs –, hatten wir nicht im Traum an das gedacht, was ich nun vor mir hatte. Es übertraf alle unsere Befürchtungen.





3. Vor der Jagd

DIE WORTE, DIE ich für die flüchtige NPC vorbereitet hatte, blieben mir im Hals stecken. Sie hätten den Charakter, der vor mir stand, ohnehin nicht täuschen können. Ich wurde von den Blicken einer lebenden Spielerin durchbohrt: Es war eine Frau von etwa 30 Jahren mit kurzem, dunklem Haar, die einen langen, hellroten Morgenmantel trug. Selbst ihre lockere Kleidung konnte den riesigen Bauch und die bevorstehende Geburt nicht verbergen.

Belle Liebling
Mensch
Level-78-Druidin
Zunächst traute ich meinen Augen nicht, doch als ich die Informationen über den Charakter öffnete, wurden meine letzten Zweifel ausgeräumt. Die Person, die vor mir stand, war wirklich eine Spielerin, ich konnte ihre Hauptfertigkeiten sehen.

Tierliebe (Wah, Cha) Level 56
Verwandlung (Kon, Str) Level 44
Dicke Haut (Kon, Str) Level 39
Tiere beherrschen (Wah, Cha) Level 29
Nahkampf (Str, Bew) Level 50
Verfolgen (Wah, Bew) Level 89
Tarnung (Bew, Kon) Level 67
Ich war sprachlos. Mein kleiner Goblin Amra hatte keine Chance gegen sie, selbst wenn man ihr zusätzliches Gewicht und die momentan eingeschränkte Beweglichkeit berücksichtigte. Auf einem Teppich neben der schwangeren Frau saßen 2 NPC-Kinder, ein Junge und ein Mädchen, die sich schweigend mit ihrem Spielzeug beschäftigten.

Darius Rabiat
Menschlicher Level-19-Dorfbewohner
Darina Rabiat
Menschliche Level-18-Dorfbewohnerin
In dem Zimmer war es fast dunkel. Die Öllampen an der Wand waren nicht angezündet, aber auf dem Tisch stand ein Leuchter mit 3 Kerzen, die gerade hell genug schienen, damit ich mich umsehen konnte. Es war ein großes Zimmer mit teuren Möbeln. Auf dem Boden lagen dicke Teppiche. An der Wand hing das Gemälde einer Kampfszene. Vor den 3 Fenstern hingen schwere Vorhänge, die kein Licht ins Zimmer ließen. Nach den Maßstäben der bescheidenen Kobolde war dies nicht einfach ein Zimmer, es war ein wahrer Palast.
Als das Schweigen anhielt, machte ich einige Schritte nach vorne und stellte das Tablett auf dem Tisch ab. Die Frau schaute erst auf das Essen und sah mich dann an. Sie versteckte ihre Überraschung nicht, als sie leise fragte: „Was machst du hier?”
Ich beschloss, zu meinem ursprünglichen Plan zurückzukehren und antwortete der hochleveligen Spielerin mit unschuldiger Miene: „Unten hat NPC-Koch viel zu tun. Händler ist angekommen mit vielen Wachen. Allen knurrt Magen. Ich helfe Koboldmann und bringe Essen. Wir auch hungrig, aber Koch braucht lange für Goblins Essen. Ich überrascht zu sehen Unsterbliche hier.”
„Aha ...”, erwiderte die Frau. Sie konnte ein Lächeln nicht unterdrücken, während sie meinem Gebabbel zuhörte. „Nun gut, Junge. Deine Aufgabe ist erledigt, du hast mir und meinen Gefährten das Essen gebracht. Geh jetzt und lass uns in Ruhe speisen.”
Ich wurde höflich, doch bestimmt aus der Tür geschoben. Sollte ich einfach gehen oder war es besser, einen Vorwand zu finden, um mich mit Belle zu unterhalten und mehr über diese geheimnisvolle Frau herauszufinden? Ich deutete auf ihren großen Bauch und fragte: „Darf Frau mit großem Bauch in Reich ohne Grenzen spielen? Virtuelle Welt ist gefährlich. Stress, Sorge, schweres Heben. Spiel kann schädlich sein für Baby. Besonders schlecht kurz vor Geburt.”
Belle lachte, bis ihr Tränen in die Augen traten. „Junge, du musst doch wissen, dass wir im Spiel oft anders aussehen als im realen Leben. Läufst du außerhalb von Reich ohne Grenzen vielleicht mit grüner Haut und Riesenohren herum?”
Ich schüttelte meinen Kopf so heftig, dass meine Ohren flatterten.
„Da siehst du es. Ich spiele nur eine Frau mit einem Schwangerenbauch, im realen Leben denke ich nicht mal daran, ein Baby zu bekommen. Es ist nur eine Quest. Sehr selten. Ich muss in den sauren Apfel beißen und so tun, als ob ich schwanger bin.”
In dem Moment unterbrach das Mädchen, das ein sauberes, helles Kleid trug, unsere Unterhaltung. „Was sagst du da, Tante Belle? Hast du Dar und mich vielleicht beschwindelt und uns nur vorgespielt, dass du schwanger bist? Bringst du denn nicht Fenrirs Erben zur Welt?”
Fenrirs Erbe?! Ich war so verblüfft, dass mir fast die Kinnlade herunterfiel.

Erneuerte Mission: Die Vergangenheit des grauen Rudels
Missionskategorie: Selten, Gruppe
Beschreibung: Die Besitzerin des Haarreifs im Zimmer finden und ihn ihr zurückgeben.
Belohnung: 2.000 EP, die Fähigkeit, Wargs im grauen Rudel aufzunehmen
Die Aufgabe war nicht sehr schwierig. Die schwangere Belle hatte eine modische Kurzhaarfrisur. Für sie wäre der Haarreif überflüssig und würde nur stören. Darius war ein Junge. Er hatte zwar lange Zöpfe, die ihm bis zu den Schultern reichten, doch Jungen würden diesen mädchenhaften Haarschmuck nicht tragen. Die einzige Person im Zimmer, die den Haarreif benutzen könnte, war Darina.
Während ich die Meldung über die Mission las und die Lösung der Aufgabe noch einmal überdachte, wies die adelige Frau das Mädchen scharf zurecht, weil es sich ungebeten in das Gespräch eingeschaltet hatte. Auf Belles schönem Gesicht war ein teuflisches Grinsen erschienen, als sie sagte: „Darina, wie oft muss ich dir noch sagen, dass du Erwachsene nicht unterbrechen sollst? Du hast nicht mal die Hälfte von dem verstanden, worüber Amra und ich gesprochen haben. Das zeigt nur, wie dumm du bist! Ich werde dich streng bestrafen müssen!”
„Ja, Tante”, sagte das ängstliche Mädchen. Darina blickte zu Boden und spielte nervös mit ihrem langen Haar.

„Amra, die Quest ist für mich gerade aktualisiert worden!”, schrieb Valerianna Schnellfuß mir in einer Nachricht und bestätigte damit meine eigenen Beobachtungen. „Es sieht aus, als ob du auf der richtigen Spur bist!”
„Ja, ich weiß”, antwortete ich ihr. „Aber komm nicht ins Zimmer. Das Level der Spielerin ist höher als 70 und du hast immer noch die deutlich sichtbare Markierung als Kriminelle über dir. Ich gebe dem Mädchen jetzt den Haarreif zurück und komme hinaus auf den Flur. Danach können wir zusammen überlegen, wie wir weitermachen wollen.”

„Fenrirs Erbe?”, wiederholte ich Darinas unvorsichtige Worte. Dann fuhr ich mit gespieltem Erstaunen fort: „Ist Fenrir riesiger Wolf, groß wie zweistöckiges Haus? Du musst irren, Darina. Deine Tante ... wie sage ich zu kleines Kind ... sie ist normale Person, nicht Frau von Wolf. Ist keine Verrückte, nicht zu Tieren hingezogen. Solches Paar unnatürlich. Außerdem, wie soll das gehen, wenn Größe so unterschiedlich?”
Das Mädchen antwortete nicht, sondern verzog nur kaum wahrnehmbar ihre Mundwinkel nach oben. Ihr Bruder konnte sich jedoch nicht zurückhalten und brach in lautes Lachen aus, woraufhin seine Tante ihm eine schallende Ohrfeige gab.
„Ist das alles, Amra?”, fragte Belle, die ihren Ärger nicht länger verstecken konnte.
„Fast. Letzte Frage und Goblin geht weg. Amra hat schon lange eine Quest. Etwas langweilig und nicht ungewöhnlich wie Belles gespielte Schwangerschaft. Goblin war in Steinhang. Mann dort bittet Goblin, nach Besitzer von Haarreif zu suchen und verlorenen Gegenstand zurückzugeben. Hat nur gesagt ‚Nichte und Neffe von schwangerer Menschenfrau, haben in Steinhang gewohnt. Sind aber gegangen und er weiß nicht, wohin‘. Amra muss zugeben, er gedacht, dass Mission ist nutzlos und gesperrt – es sehr, sehr schwer, diese Leute in riesigem Reich ohne Grenzen zu finden. Aber nun sehen meine Augen schwangere Frau und Tante, sehen Nichte und Neffen. Darum fragt Amra Kinder, ob in Steinhang gewesen und diesen Haarreif mit vielen bunten Farben verloren.”
Das Mädchen drehte sich zögernd zu ihrer strengen Tante um und wartete auf ihre Reaktion, doch dann senkte es wieder seinen Blick. Der Junge stand jedoch unerwartet auf und streckte fordernd seine Hand aus.
„Er gehört mir! Dara hat ihn mir gegeben, damit mir mein langes Haar nicht ständig ins Gesicht fällt.”
„Du irrst dich, Darius”, mischte sich die Frau nun mit gepresster Stimme ein. „Wir sind noch nie in Steinhang gewesen. Der Haarreif sieht nur so aus wie deiner.”
Daraufhin wurde der Junge ganz klein und setzte sich wortlos wieder auf den Boden. Trotzdem reichte ich ihm den Haarreif. „Hier, Goblin gibt ihn dir! Dein langes Haar muss hinter Augen, nicht davor!”

Die Mission „Die Vergangenheit des grauen Rudels” ist abgeschlossen.
Verdiente Belohnung: 2.000 EP
Erhaltene Fähigkeit: Du kannst von jetzt an Wargs im grauen Rudel aufnehmen.
Auf der Minikarte wechselte die gelbe Markierung des NPC-Jungen zu grün: Der Charakter war mir gegenüber nun freundlich eingestellt. Ich ergriff die gute Gelegenheit, holte den zweiten Haarreif heraus und hielt ihn dem Mädchen hin.
„Hier, Goblin kann sehen, du möchtest auch einen, aber schämst dich zu fragen. Geschenk für dich!”

Passiver Gebrauch des Artefakts Fenrirs Ring
Die Prüfung deines Charismas war positiv.
Verdiente Erfahrung: 16 EP
Trotz des wütenden Aufschreis der Druidin und der drohenden Bestrafung ergriff Darina entschlossen den Haarreif und steckte ihn in die Tasche ihres Kleides.
Die versteckte Mission „Die Vergangenheit des grauen Rudels” (zusätzlich, Wölfe) ist abgeschlossen.
Dein Charisma hat sich um + 2 erhöht.
Vorgegebene Beziehungen zu den folgenden NPC-Kreaturen verbessern sich um + 5: Hunde, Wölfe, Wargs, Werwölfe, Rougarous, Hund-Chimären, Höllenhunde

„Raus aus meinem Zimmer!”, schrie Belle Liebling. Ihre Augen brannten vor Wut. Ich musste das Zimmer der Druidin so schnell wie möglich verlassen, sonst würde die hochlevelige Spielerin mich angreifen und sofort töten. Also entschuldigte ich mich, lief eilig hinaus und schloss die Tür hinter mir. Mein Herz raste vor Aufregung. Im Zimmer schrie Belle ihre „Nichte” und ihren „Neffen” an, doch ich lächelte zu der Waldnymphe hinüber, die einige Schritte von mir entfernt stand.
„Es hat funktioniert! In Ordnung, jetzt gibt es hier nichts mehr für uns zu tun. Komm, wir gehen in den Speisesaal hinunter, lassen die Goblins essen, geben Irek und Yunna die Kleidung des Liebespaares und machen dann, dass wir von hier verschwinden.”
Sobald wir die Treppe erreicht hatten, bombardierte meine Schwester mich mit Fragen. „Hast du Dar und Dara gesehen? Waren sie wirklich Wargs? Kannst du sie ins graue Rudel aufnehmen?”
„Sie sind die Tiergefährten einer Level-78-Druidin und die Spielerin ist nicht bereit, ihre Helfer aufzugeben. Doch ich habe ihnen den Haarreif gegeben und die Quest abgeschlossen. Wenn wir Wargs begegnen, können wir also von jetzt an versuchen, sie unter unsere Kontrolle zu bringen und sie dem grauen Rudel hinzuzufügen.”
Im Speisesaal bekamen die Goblins gerade ihr Abendessen. Der fette Koch stellte die Teller auf den Tisch. Wir durften keine Zeit verlieren, darum bat ich Taisha und Tamina Grimmigs Kinder, ihre Mahlzeit so schnell wie möglich zu essen. Danach ging ich mit Valerianna Schnellfuß zum Handelsdepot. Da Kobolde Nachtkreaturen waren, überraschte es wenig, dass der Händler wach war und uns in einem Raum voller aufgestapelter Kisten und Ballen begrüßte.

Möchtest du Giftmischer (Bew, Int) als Nebenfertigkeit wählen?
Ich brauchte einige Sekunden, um herauszufinden, warum ich die Meldung erhalten hatte: Belle Liebling war vermutlich dabei, ihre speziell gewürzte Mahlzeit zu essen. Nein, ich lehnte die Fertigkeit Giftmischer ab, aber meine Stimmung verbesserte sich enorm: Die hochlevelige Druidin würde ihre Kampfform so schnell nicht annehmen können, daher brauchten wir uns keine Gedanken um gefährliche, angriffslustige Tiere zu machen. Das kam mir sehr gelegen.
„Er hat nur Ramsch”, sagte die Waldnymphe unzufrieden, nachdem sie sich das bescheidene Sortiment des Koboldhändlers angeschaut hatte. „Es sieht aus, als ob diese Ausrüstungsgegenstände und Waffen für Neulinge gedacht sind, die an diesen Ort kommen. Für uns sind sie nutzlos. Augenblick, jemand ruft mich auf meinem Handy an.”
Die Waldnymphe erstarrte, meine Schwester war AFK. Unterdessen blieb mein Blick an zwei kurzen Speeren mit flachen, breiten Spitzen hängen, die sich gut für unsere beiden Goblin-Wolfsreiter eignen würden. Irek und Yunna würden sie sowohl auf dem Rücken des Wolfes sitzend als auch auf dem Boden stehend benutzen können. Der Händler akzeptierte keine Schuldscheine, sodass ich mit Münzen bezahlen musste. Er verlangte 10 Silberstücke pro Speer. Nachdem er das Geld zweimal nachgezählt hatte, fädelte der Händler die 7-seitigen Münzen, die ein Loch in der Mitte hatten, auf ein Lederband und hängte es sich um den Hals.
Erst jetzt bemerkte ich die vielen Schuldscheine der Vertrauenswürdigsten Bank der Gremlins und der Unterirdischen Bank von Thorin, dem Neunten, die ich erhalten hatte. Ich öffnete mein Finanzen-Fenster noch einmal und traute meinen Augen nicht: Ich besaß Schuldscheine der Banken von Reich ohne Grenzen im Wert von über 86.000 Münzen! Hatten tatsächlich über 8.000 Spieler meinen kostenpflichtigen Videoclip über das Ausbrüten und Aufziehen des Lindwurms gekauft? Es sah ganz so aus! Noch während ich zusah, erhöhte sich die Summe immer weiter. Das bedeutete, dass mehr und mehr Spieler an dem Clip interessiert waren. Ich würde demnächst in eine große Stadt gehen müssen, um diese Schuldscheine zu Bargeld zu machen. Sie beliefen sich bereits auf 8.000 Credits in realem Geld. Damit konnte ich Val und mir ein gutes Auto kaufen! Noch weitere 2.000 Credits und ich würde mir biotische Prothesen für meine Schwester leisten können.
Die Mavka bewegte sich wieder, meine Schwester war ins Spiel zurückgekehrt.
„Das war Max Sochnier. Es hat das Spielforum von Reich ohne Grenzen ebenfalls gelesen und ist, gelinde gesagt, schockiert. Die Aufregung will sich einfach nicht legen. Es gibt neue Petitionen, in denen Spieler verlangen, dass dein fliegendes Reittier konfisziert wird. Ihr Argument ist, dass du einen unfairen Vorteil hattest, der nur für Goblins verfügbar ist: Die Methode, mit der man das Ei zum Schlüpfen bringt, ist allein dem NPC-Schamanen Kaiak Dachsbein bekannt, und er verrät sie nur anderen Goblins. Spieler anderer Völker erhalten diese Hinweise nicht und der Lindwurm-Embryo wäre sicher gestorben. Die Administratoren tun ihr Bestes und rufen zur Geduld auf. Sie versichern den Spielern, dass sie morgen ihre Entscheidung im Hinblick auf den Lindwurm bekanntgeben werden. Max lässt fragen, ob wir seine Hilfe brauchen. Er kann den Oger-Festungsbaumeister auch mitbringen. Sie sind offenbar gut ausgeruht und bereit, ins Spiel zurückzukehren. Max kann Leon mit seinem Auto abholen und beide können in 40 Minuten in Reich ohne Grenzen sein.”
„Ja, lass sie kommen!”, erwiderte ich, erfreut über die unerwartete Hilfe meiner Freunde. „Sag ihnen, dass wir uns in 40 Minuten beim Lager im Wald treffen. Von dort können wir dann weitergehen. Noch etwas: Frag den Najadenmann, wann das Handelsschiff üblicherweise die Docks in Ookaa erreicht. Mac Sochnier hat mir einmal vom Segelschiff eines menschlichen NPC-Händlers erzählt, das einmal pro Woche anlegt, um die Fische aufzukaufen, die die Bewohner der Unterwasserstadt gefangen haben.”
Meine Schwester erstarrte erneut für einige Sekunden und als sie wieder da war, rief sie freudig erregt: „Tim, du bist ein Genie! Die Händler sollten morgen früh bei Sonnenaufgang eintreffen. Sie bleiben nur 1 Stunde, bevor sie zu weit entfernten Inseln segeln. Wenn das Schiff uns mitnehmen würde, wären wir unsere Verfolger sicher für eine Weile los!”

***

Leider gelang es uns nicht, das Gasthaus unbehelligt zu verlassen. Kurz nachdem sich das Tor hinter uns geschlossen hatte, erspähte ich Belle Liebling, die mit ihrer Nichte und ihrem Neffen im dunklen Wald auf uns wartete. Über der Frau mit dem riesigen Bauch schwebte bedrohlich das Symbol des schwarzen Totenschädels: Die Spielerin war über 50 Levels höher als ich. Zwar trug die Druidin keine erkennbaren Waffen bei sich, doch sie benötigte auch keine. Ihre Stärke bestand darin, sich jeden Moment in eine räuberische Bestie verwandeln zu können. Als Level-78-Charakter mit Kampffertigkeiten, die ebenfalls auf hohem Level waren, würde Belle Liebling uns alle in Sekundenschnelle erledigen können.
„Zuerst will ich mich ein wenig mit dir unterhalten”, sagte die Frau mit einem räuberischen Lächeln. Sie hatte die Markierung als Kriminelle über dem Kopf der Waldnymphe bemerkt. „‚Ein wenig unterhalten‘ bedeutet, ich stelle die Fragen und du gibst mir ehrliche Antworten. Wenn mir deine Antworten gefallen, lasse ich euch vielleicht laufen. Alle außer der Mavka, natürlich. Sie schicke ich auf alle Fälle zum Respawnen, weil ich Gesetzesbrecher grundsätzlich nicht ungeschoren davonkommen lasse.”
„Warum so ein einseitiges Gespräch? Ich habe ebenfalls einige Fragen an einen interessanten Charakter wie dich”, erwiderte ich. Mir war klar, dass ich mich unverschämt anhören musste, doch ich weigerte mich, die Rolle des Opfers zu spielen. „Als Erstes antworte du mir ehrlich: Erwartest du wirklich Fenrirs Kind?”
Die Druidin zuckte unmutig mit den Schultern. Offenbar hatte Belle damit gerechnet, dass wir bei ihrem Anblick vor Angst wie gelähmt sein würden und es nicht wagen würden, auch nur einen Ton von uns zu geben, um sie nicht zu verärgern. Nun war die starke Spielerin von unserem ruhigen Verhalten überrascht. Die Fähigkeit meines Goblins, normal zu sprechen, war ebenfalls eine unangenehme Überraschung für sie. Ich war nicht sicher, ob ich tatsächlich eine Antwort erhalten würde, doch nach einer kurzen Pause erklärte die Frau: „Also gut, diese eine Frage beantworte ich. Ja, ich war eine Wölfin im großen grauen Rudel. Eines Tages, kurz vor Fenrirs Ende, als das graue Rudel nur noch knapp ein Zehntel seiner früheren Mitglieder hatte, wurde der Anführer auf mich aufmerksam. Wir hatten gerade 3 Kämpfe nacheinander verloren und unsere stärksten und kampferprobtesten Raubtiere waren gestorben. Sie waren das militärische Rückgrat des grauen Rudels gewesen, darum hatten wir keine Chance mehr. Spieler verfolgten uns Tag und Nacht. Sie jagten uns in die unwegsamen Sümpfe östlich der Stadt Lars. Fenrir war klug, er wusste genau, dass unser Ende nahte. Doch solange der Rudelführer am Leben war, würde das Rudel den Kampf fortsetzen. In einer mondlosen Nacht legte sich der große Fenrir zu mir. Am nächsten Tag befahl er mir, die Wargjungen über einen schwankenden Damm zu führen und in Sicherheit zu bringen. Seine Wargs hatten ihn aus über den Sumpf gelegten Zweigen gebaut. Anfangs waren es ungefähr 10 Junge, doch diese beiden sind die Einzigen, die es durch den Sumpf geschafft haben”, erzählte die Druidin und zeigte auf Darius und Darina. „Einige Tage später fand ich heraus, dass Fenrir in einem ungleichen Kampf mit den Unsterblichen als Held gefallen war und sein Rudel sich aufgelöst hatte. Zu dem Zeitpunkt begann eine Kette einzigartiger Quests für mich, die das Ziel hat, das graue Rudel wieder aufzubauen. Ja, ich erwarte Fenrirs Erben. Mein Kind wird vielleicht eines Tages die Bestien dieses Waldes um sich versammeln und das Rudel zu seiner einstigen Größe zurückführen!”

Erhaltene Mission: Anführer des grauen Rudels
Missionskategorie: Selten, Gruppe
Beschreibung: Das graue Rudel kann nur einen Anführer haben. Beseitige deine Konkurrenz!!
Achtung! Wenn du stirbst, erhöht sich die Chance, bei diesem Kampf den Gegenstand Fenrirs Ring (verfluchter Gegenstand) zu verlieren, auf 100 %.
Belohnung: 8.000 EP, + 1 auf die maximale Anzahl von Mitgliedern des grauen Rudels (bis zu 7)

Die Druidin fuhr noch eine Weile mit ihrer leidenschaftlichen Erzählung darüber fort, wie sie die Spuren verwechselt und einen neuen Ort zum Leben gefunden hatte. Dabei hatte sie immer darauf geachtet, Begegnungen mit anderen Spielern zu vermeiden. Dann war sie in die wilden, unbekannten Gebiete von Reich ohne Grenzen gezogen und hatte den beiden überlebenden Wargjungen beigebracht, mit Menschen umzugehen und sich in ihrer Gesellschaft angemessen zu verhalten.
Plötzlich hielt die Frau inne und schaute mich überrascht an, als ob sie mich zum ersten Mal sehen würde. „Sieh einer an, wie interessant! Es ist schon 2 Monate her, seitdem eine Mission im Zusammenhang mit dem grauen Rudel für mich aktualisiert wurde. Jetzt wirst du sicher verstehen, Amra, dass ich dich nicht länger am Leben lassen kann. Greift an!”
Mir war bereits zu Beginn ihrer langen Geschichte klar gewesen, dass unsere Begegnung nicht friedlich enden würde. Aus dem Grund hatte ich meine Schwester bereits gewarnt und mein Wurfnetz vorbereitet, das ich nun abgewickelt in den Händen hielt. Ich wollte nicht zuerst angreifen, um keine Markierung als Krimineller zu bekommen, doch falls meine Verbündeten oder ich selbst angegriffen würden, konnte ich sofort zurückschlagen.
Trotz der ernsten Lage musste ich mir ein Grinsen verkneifen, als ich sah, wie meine Feinde sich um die Wette ihrer Kleidung entledigten. Belles Nichte und Neffe zogen sich in Sekundenschnelle aus, ließen sich auf alle Viere nieder und verwandelten sich in langbeinige Raubtiere mit schwarzem Fell und Mäulern voll scharfer Zähne. Die Druidin legte bis auf ein Kleidungsstück ebenfalls alles ab, platzierte die Sachen in ihrem Inventar und ging auch auf alle Viere. Doch im Gegensatz zu ihren Tiergefährten verwandelte sie sich nicht, sondern blieb die angreifbare menschliche Frau mit dickem Bauch.
Ich warf mein Netz über die Druidin und hoffte, unsere stärkste Feindin dadurch bewegungsunfähig zu machen.

Du hast mit der Fertigkeit Exotische Waffen Level 7 erreicht!
In dem Augenblick hatte meine Schwester eine Überraschung für mich: Erst verdoppelte die Waldnymphe ihre Gestalt und gleich darauf verdoppelte sie die 2 Gestalten noch einmal, sodass nun 4 identische Mavkas in verschiedene Richtungen liefen und Frostzauber auf die kniende, schwangere Frau wirkten. Die Wargs liefen mit großen Sprüngen auf die Mavka-Gestalt zu, die ihnen am nächsten stand, aber als sie versuchten, das grünhaarige Mädchen zu beißen, sprangen sie durch ein Trugbild.
Belle versuchte ein paarmal, sich aus dem Netz zu befreien, doch als sie die Wölfe sah, die über das Feld gelaufen kamen, und den Lindwurm, der wie ein Pfeil nach unten geschossen kam ... verließ sie das Spiel!
Sie versuchte eine Notfall-Abmeldung und hoffte, dass wir es nicht schaffen würden, ihren Charakter innerhalb der 30 Sekunden bis zu ihrem Verschwinden zu töten. In Anbetracht ihrer Unmenge von Trefferpunkten – viele ihrer Hauptfertigkeiten erhöhten Konstitution –, ihrer enorm hohen Resistenzen und ihres hohen Levels in Dicke Haut, einer Fertigkeit, die Schaden abwehrte, hätte ihre Taktik durchaus funktionieren können. Sie war entweder unerfahren oder kannte sich nicht mit der Spielmechanik aus, denn Belle Liebling war ein wichtiger Punkt entgangen: Sie selbst hatte zwar noch niemanden angegriffen, doch da ihre Warg-Gefährten meine Schwester attackiert hatten, würde es statt 30 Sekunden 30 Minuten dauern, bis ihre Herrin aus Reich ohne Grenzen verschwinden könnte. Wenn ihre Tiergefährten statt der Waldnymphe mich oder einen meiner Goblin-Begleiter angegriffen hätten, wäre Belle Liebling eine Kriminelle geworden, die zur Strafe 8 weitere Stunden hätte im Spiel bleiben müssen, doch 30 Minuten würden uns völlig ausreichen, um sie zu töten, weil sie sich nicht wehrte.
Nachdem die beiden Wargs die Verbindung zu ihrer Herrin verloren hatten und keine neuen Befehle erhielten, legten sie sich einfach auf den Boden und sahen gleichgültig zu, wie sich ein Schwarm bösartiger Hornissen auf den Körper der Frau stürzte, Goblins mit Speeren und Dolchen auf sie einstachen und wütende Wölfe der hochleveligen Druidin Schaden zufügten. Der Lindwurm spuckte Säure auf sie herab und meine Schwester probierte verschiedene Zauber aus ihrem magischen Repertoire aus. Sie bedeckte die kniende Frau mit einer Eisschicht und beschoss sie mit Eiszapfen. Belle Lieblings Lebensbalken sank schnell in den roten Bereich. Ich schoss 2 Dornen mit meinem Blasrohr ab, doch sie verursachten überhaupt keinen Schaden, darum platzierte ich die Waffe wieder in meinem Inventar, denn ich benötigte sie nicht mehr. Wir hatten es geschafft! In weniger als 1 Minute war es uns gelungen, die Druidin zu erledigen.
Verdiente Erfahrung: 780
Freigeschaltetes Achievement: Spielertöter (5)
Ich hatte „Spielertöter” erhalten? Das bedeutete, dass einer meiner NPC-Tiergefährten der Frau den Todesstoß versetzt hatte. Die verdiente Erfahrung war recht dürftig, doch das überraschte mich nicht, denn wir mussten sie mit einer großen Gruppe teilen.
Ich hielt Irek und Yunna davon ab, sich auf die wehrlosen Wargs zu stürzen, und befahl dem grauen Rudel, sich etwas auszuruhen. Meine Aufmerksamkeit wurde auf ein hektisch blinkendes Spielsymbol gelenkt, das für die Kontrolle von Reittieren und Tierbegleitern benutzt wurde. Oh, das war neu! In den Einstellungen für das graue Rudel waren neue Zeilen erschienen, doch nur die ersten beiden waren für mich wählbar.

Junger weiblicher Warg, Level 18
Junger männlicher Warg, Level 19
Garm, Level 0 (inaktiv)
Wer war Garm? Ich versuchte mehrmals, die letzte Zeile zu wählen, doch es funktionierte nicht. Außerdem verblasste sie schnell und ich beobachtete, wie sich die Worte langsam in nichts auflösten. „Garm, der größte aller Hunde ...” Das riesige, vieräugige Monster aus der skandinavischen Mythologie musste noch nicht geboren worden sein. Zu schade, dass mir die einzigartige Kreatur entgangen war. Fürs Erste musste ich mich wohl mit dem begnügen, was ich hatte. Ich setzte ein Häkchen neben die beiden Wargs und nahm sie damit in das graue Rudel auf. Einen Moment später wechselten die NPC-Dreiecke von rot zu blau – nun waren sie Verbündete.
Das System sah die Quest jedoch noch nicht als abgeschlossen an, ein Teil war offenbar noch nicht erfüllt. Ich ging zur Leiche der Druidin hinüber und öffnete das Beute-Fenster. Fast 200 Münzen, rohes Fleisch, 2 Phiolen mit Menschenblut, ein Paar Frauenstiefel mit unbekannten Eigenschaften ... Da war es: Eine dunkle Metallkette mit einem Anhänger in Form einer Raubtierkralle!

Amulett Fenrirs Kralle (einzigartiger Gegenstand)
Verleiht + 250 Konstitution, + 250 Stärke, + 50 % Resistenz gegen Körperschaden, + 50 % auf Reaktion der folgenden Kreaturen: Hunde, Wölfe, Wargs, Werwölfe
Achtung! Das Level deines Charakters ist zu niedrig, um diesen Gegenstand zu benutzen.
Erforderliches Level: 125
Trotz Level 78 hatte Belle Liebling diesen Gegenstand auch noch nicht benutzen können. Stattdessen wollte sie ihn wohl so lange bei sich tragen, bis sie das erforderliche Level erreicht hatte. Kaum hielt ich das Amulett in meiner Hand, war die Quest abgeschlossen.

Die Mission „Anführer des grauen Rudels” ist abgeschlossen.
Erhaltene Belohnung: 8.000 EP, + 1 auf die maximale Anzahl von Mitgliedern des grauen Rudels (bis zu 7)
Level 28!
Verbesserte Volksfähigkeit: 60 % Kälteresistenz
Über meinem Kopf leuchtete ein Licht: Mein königlicher Wald-Lindwurm hatte Level 17 erreicht und verdrehte sich nun vor Freude in eine komplizierte Form nach der anderen.
„Puh, fast hätten wir es nicht geschafft!”, rief Irek aus. Er näherte sich dem Körper der toten Druidin und stieß sie mit der Spitze seines Speers an.
„Im Gegenteil, Goblin. Der Ausgang war vorhersehbar”, widersprach Valerianna Schnellfuß. „Sicher hätte Belle Liebling uns in der Gestalt einer Wölfin - oder in was auch immer sie sich verwandeln wollte - mit einem Schlag ihrer krallenbewehrten Pranke töten können. In menschlicher Gestalt hätte die Druidin uns ebenfalls mit einem Schlag erledigt. Aber wer von uns hätte die schwangere Feindin in seine Reichweite kommen lassen? Amra und ich haben sie aus der Distanz beschossen und ihr beiden hattet eure Schleudern. Natürlich hätte der Kampf länger gedauert und sie hätte sich zwischendurch geheilt, doch das Ergebnis war von vornherein klar. Die Druidin hat uns die Arbeit nur erleichtert, als sie sich abgemeldet hat.”
Grundsätzlich stimmte ich mit meiner Schwester überein: Unsere bösartige Horde hätte einen Level-78-Spieler mit starken Debuffs auf Bewegungsgeschwindigkeit wie die schwangere Belle tatsächlich erledigen können. Valerianna verschwieg jedoch geflissentlich die Tatsache, dass einer von uns die Wargs hätte davon ablenken müssen, die Waldnymphe zu beißen, die den meisten Schaden von uns allen verursachen konnte. Außerdem hätte die kleinste Fehlkalkulation oder Panne zu Verlusten in unseren Rängen führen können.
„Muss ich davon ausgehen, dass diese beiden Menschenfresser von jetzt an mit uns reisen werden?”, fragte Taisha zögerlich und sah zu Dar und Dara hinüber.
Ich wollte meiner grünen Gefährtin widersprechen und so etwas wie: „Wie kommst du darauf, dass sie Menschen fressen? Nur weil sie Wargs sind?” sagen, doch nachdem ich mich zu den neuen Mitgliedern des grauen Rudels umgedreht hatte ... blieben mir die Worte im Hals stecken. Aargh! Das Schauspiel der Nichte und des Neffen, die ihre „Tante” verschlangen, war einfach scheußlich.
„Stopp! Was macht ihr da? Habt ihr völlig den Verstand verloren? Darius, spuck das aus! Darina, hör auf! Los, weg mit euch!” Ich versuchte, die Raubtiere von der Leiche zu vertreiben, doch die beiden starrten mich nur aus wilden, animalischen Augen an. Ich konnte nicht die geringste Spur von Intelligenz in ihrem Blick erkennen.
Mir blieb nichts anderes übrig, als sofort das Kontrollmenü des grauen Rudels zu öffnen und die beiden Raubtiere wegzuschicken. Die Wargs gehorchten zwar, doch sie atmeten weiterhin gierig den Geruch der frischen Beute ein und leckten sich die blutverschmierten Schnauzen.
„In dieser Gestalt sind sie wilde Tiere, sie können die menschliche Sprache nicht verstehen”, sagte meine Schwester traurig und schockiert. „Sie bleiben bis zum Sonnenaufgang in diesem Zustand, du darfst sie nicht aus den Augen lassen. Aber das hat auch Vorteile: Als Bestien laufen sie schnell und halten uns nicht auf. Ich sammle ihre Kleidung ein und gebe sie ihnen morgen früh zurück.“

***

Der Rückweg zum Lager blieb mir in Erinnerung, weil wir einem Rudel von Level-50-Urwölfen begegneten. Sie folgten uns einige Zeit, doch sie waren nur neugierig oder wollten einfach potenzielle Konkurrenten aus ihrem Territorium vertreiben, denn die Markierungen der NPCs auf der Minikarte blieben gelb. Unsere Wölfe, die auf Geschwindigkeit „gemoddet” waren, konnten sich der Verfolgung leicht entziehen. Zu dem Zeitpunkt endete auch Akellas Lahmheit und er konnte wieder mit seinen hochleveligen Wolfsbrüdern mithalten. Ich hatte gerade meine Fertigkeit Reiten auf Level 8 erhöht, sodass sich die Geschwindigkeit meines Reittiers pro Level um 1 % erhöhte. Meine Schwester hatte im Forum von Reich ohne Grenzen einige Kommentare der Entwickler gefunden, die besagten, dass sich die Fertigkeit auch passiv auf Kreaturen auswirken würde, die dem Spieler gehörten oder Mitglied seiner Gruppe waren, selbst wenn sie nicht geritten wurden.
Shrekson Bastard und Max Sochnier warteten im Waldlager auf uns. Der riesige Elch Kleiner_Timbo reagierte anfangs etwas beunruhigt auf die Wölfe und die Wargs, doch er beruhigte sich nach kurzer Zeit und ignorierte sie einfach. Wir legten eine 10-minütige Pause ein, bevor wir uns auf den Weg machen wollten. Während meine Schwester ihre Stärke mit belegten Broten wieder erhöhte, stieg ich aus der virtuellen Realitätskapsel und gesellte mich zu meinen Freunden, die bei der Kaffeemaschine im Pausenbereich standen.
Leon kannte ich bereits gut, aber Max Sochnier sah ich im realen Leben zum ersten Mal. Er war wirklich Franzose, ein junger Mann mittlerer Größe mit dunklen Locken, der einen intelligenten Eindruck machte. Max hatte früher als Klavier- und Flötenlehrer an einer Musikschule gearbeitet, war aber vor einigen Jahren entlassen worden, als die meisten lebendigen Lehrer weltweit durch Computerprogramme und Roboter ersetzt worden waren.
Ich hatte in den Nachrichten davon gehört. Zu der Zeit hatte es in den meisten Großstädten Proteste der entlassenen Lehrer gegeben. Dieser zivile Ungehorsam war von der Polizei scharf unterdrückt worden. Die Aktivisten wurden verhaftet und einige sogar erschossen. Nach seinen eigenen Worten war Max Sochnier kein Aktivist der Protestbewegung gewesen, doch er war in die Mühlen der Justiz geraten und hatte einige Monate mit einer elektronischen Fußfessel unter Hausarrest verbracht.
Als regierungsfeindlicher Radikaler gebrandmarkt war es schwierig für ihn, Arbeit zu finden. Eineinhalb Jahre lang suchte er eine normale Stellung, bis er eines Tages zufällig die Stellenanzeige für Videospieltester beim bekannten Unternehmen von Reich ohne Grenzen entdeckt hatte. Er bewarb sich, hatte aber keine große Hoffnung, angenommen zu werden. Er hatte nicht lange über seinen Aliasnamen nachgedacht, sondern einfach seinen richtigen Namen verwendet. Der frühere Musiklehrer sah den erfolgreichen Abschluss seiner Probezeit als Zeichen an, dass das Schicksal ihm die Möglichkeit gegeben hatte, zu einem normalen, ruhigen Leben zurückzukehren.
„Warum haben sie dir statt einer musikalischen Klasse wie beispielsweise Barde die Klasse Händler zugewiesen? Sollte das System nicht einen Charakter wählen, der sich an unseren Interessen orientiert?”
Der Mann zuckte als Antwort mit den Schultern. „Mein Vater hat lange Jahre als Verkäufer gearbeitet, daher bin ich mit Verkauf und Verhandeln vertraut. Das ist vielleicht der Grund. Musik löst bei mir nur traurige und unangenehme Erinnerungen aus, darum wäre Barde auf jeden Fall die falsche Klasse gewesen.”
Daraufhin zog ich ihn zur Seite und bat ihn, mir genau zuzuhören. Ich erzählte ihm von der großen Jagd ebenso wie von den Methoden der Spieler, uns aufzuspüren, und erklärte ihm eindringlich, dass beides ein Geheimnis bleiben musste.
Max Sochnier rieb sich nachdenklich den Nasenrücken, bevor er antwortete. „Du sitzt ja ganz schön in der Patsche, Timothy, aber ich bin auf deiner Seite. Du kannst dich hundertprozentig auf mich verlassen! An einem solchen Massenereignis auf der Seite des Flüchtenden teilzunehmen, ist schließlich eine einmalige Gelegenheit, dem Unternehmen zu zeigen, was ich kann, und meinen Ruhm zu erhöhen. Sicher wird der Chef zufrieden mit uns sein, wenn wir für einige Zeit entkommen können und uns nicht gleich schnappen lassen. Selbst wenn es nur einige Tage sind, wir müssen durchhalten!”
Leon sagte ungefähr das Gleiche, nur in einfacheren Worten. Beide Freunde glaubten nicht, dass ich bis zum Ende der Jagd überleben konnte, doch sie boten trotzdem ihre Hilfe an, um das ungewöhnliche Ereignis so lange wie möglich hinauszuziehen.
„Gut. Dann trinken wir jetzt unseren Kaffee aus und kehren ins Spiel zurück. Ich habe gesehen, dass unser Floß noch am Flussufer liegt. Damit werden wir es schaffen, bis Sonnenaufgang das Meer zu erreichen. Danach zerstören wir es und treffen das Schiff des NPC-Fischhändlers an den Docks von Ookaa. Max, unsere gemeinsame Mission besteht darin, Handel und andere Fertigkeiten einzusetzen, um ihn zu überzeugen, uns mitzunehmen. Meine Schwester Valeria hat bereits herausgefunden, dass es in der von Spielern erstellten Informationsbank von Reich ohne Grenzen weder Informationen über die Existenz des Handelsschiffs noch über seine Route gibt. Auf diesen Schritt sind unsere Verfolger nicht vorbereitet. Sie werden einige Zeit brauchen, um unsere Spur wieder aufzunehmen, und wir gewinnen ein paar Stunden Vorsprung.”





 [LRF1]Auch wenn es in der englischen Version andersherum ist, es ergibt einfach keinen Sinn, dass sie zuerst schluchzt. 😉


 [LRF2]Auch wenn’s anders ist, man braucht zu lange, um zu verstehen, wie das gemeint ist.



Vorbestellung: AmazonGoogle PlayiTunesKobo
Veröffentlichung am 10. März 2019


No comments :

Post a Comment