Monday, August 13, 2018

Kräutersammler der Finsternis: Der Videospieltester (LitRPG)



Kräutersammler der Finsternis - 1

Der Videospieltester

Ein Roman von Michael Atamanov






Release - September 12, 2018

Der Videospieltester


„HABEN SIE schon einmal Reich ohne Grenzen gespielt?“, eröffnete der HR-Mitarbeiter mittleren Alters das Vorstellungsgespräch mit ausgerechnet der Frage, die ich am meisten gefürchtet hatte.
Laut Stellenanzeige musste ich unbedingt eine Anforderung erfüllen: Ich durfte das Spiel noch nie gespielt haben. Wenn ich die Frage mit „ja“ beantwortete, würde das Gespräch vermutlich so schnell beendet sein wie es begonnen hatte.
„Spielen Sie irgendwelche anderen bekannten Spiele, äh … Timothy?“, fragte er, nachdem er meinen Namen auf dem Bildschirm vor sich gelesen hatte. Er schien einen langen Tag hinter sich zu haben und war bestimmt müde.
„Ja, natürlich. Ich bin seit ungefähr sechs Jahren ein Gamer. Ich habe ziemlich lange Königreiche der Schwerter und Magie gespielt.“
„Gamer“, murmelte er geringschätzig und runzelte die Stirn. Der umgangssprachliche Ausdruck schien ihm nicht zu gefallen. „Und wie haben Sie sich im Spiel unserer Konkurrenz geschlagen? Haben Sie besondere Leistungen erbracht, Timothy?“


Sollte ich ihm die Wahrheit sagen oder war es unklug, einem Fremden solche Details zu verraten? Trotz meiner Bedenken entschied ich, das Risiko einzugehen.
„In den letzten fünf Jahren war es meine einzige Einkommensquelle. Ich habe natürlich nicht genug für eine Luxusjacht oder eine Villa auf einer tropischen Insel oder so etwas verdient, aber es war mehr als genug, um davon leben und mein Studium bezahlen zu können.“
„Warum sagen Sie ‚natürlich nicht genug für eine Jacht’?“, hakte er nach, ehe er zu meiner Überraschung lachte. „Die Spitzenspieler von Reich ohne Grenzen verdienen ohne große Anstrengung genug für ein seetüchtiges Boot. Doch soweit ich weiß, verstößt das Entnehmen von Spielgeld bei KSM gegen die Regeln. Möchten Sie mir ein bisschen mehr darüber erzählen, Timothy?“
Ich hatte wohl die falsche Entscheidung getroffen. Ich hätte nichts davon erwähnen sollen. War dies das Ende? Würde ich abgelehnt werden? Aber der Mann bestand nicht auf einer Antwort. Stattdessen stellte er eine völlig andere Frage.
„Warum wollen Sie mit KSM aufhören? Doch das können wir wohl überspringen, die Antwort liegt auf der Hand. Die Anzahl der aktiven Spieler ist stark gesunken. Mehr und mehr Leute wechseln zu Reich ohne Grenzen. Es ist schließlich unterhaltsamer und realistischer. Das Geld muss einfach ausgegangen sein.“
Ich nickte nur, denn ich hatte dem nichts hinzuzufügen. Früher hatte unser Clan zwischen fünf- und siebentausend Spieler für PvP-Raids in feindlichen Gebieten oder zur Vernichtung eines Superbosses zusammentrommeln können. Doch diese Zeiten waren lange vorbei. Gestern hatten wir gerade mal fünfzehn Spieler für einen Angriff auf eine feindliche Burg zusammenbringen können und drei davon waren Newbies gewesen, die erst eine Woche im Spiel waren. Aber dennoch … wir hatten die Burg gestürmt! Der einzige Verteidiger des feindlichen Clans, der übrig gewesen war, schien froh zu sein, die Bürde loszuwerden. Er hatte uns viel Glück gewünscht und versucht, uns sein Konto aufzuschwatzen, weil er das Spiel verlassen wollte, um bei Reich ohne Grenzen einzusteigen.
Da beschloss ich, dass es an der Zeit war, das sinkende Schiff zu verlassen, bevor es von der Konkurrenz völlig versenkt wurde. Es war natürlich sehr ärgerlich, all das Geld zu verlieren, das ich in das Spiel gesteckt hatte. Nach dem tragischen Tod meiner Eltern hatte ich ihre Wohnung geerbt, doch ich musste sie verkaufen, um die Arztrechnungen meiner Schwester bezahlen zu können. Danach war noch eine ordentliche Summe übrig gewesen, weshalb ich beschlossen hatte, in eine virtuelle Immobilie in der Nähe einer Hauptstadt in KSM zu investieren. Zu der Zeit war Königreiche der Schwerter und Magie rasant gewachsen und es schien eine gute Anlage zu sein.
Wer hätte ahnen können, dass das bis dahin unbekannte Unternehmen Reich ohne Grenzen nur zwei Wochen nach meiner riskanten Anschaffung seine eigenen Spielserver starten würde? Hätte irgendjemand voraussehen können, dass es in nur drei Jahren zum weltweit größten und reichsten Unternehmen werden sollte, das viele hundert Millionen Spieler weltweit in seine äußerst realistische Welt ziehen würde? Der Wert meiner virtuellen Immobilie in Königreiche war so stark gefallen, dass er nicht einmal mehr die Zeit rechtfertigte, die ich damit verbracht hatte, sie zu bauen.
Der HR-Mitarbeiter verbrachte einige Minuten damit, sich meinen Lebenslauf genauer anzusehen, bevor er mich anblickte und lächelnd sagte: „Ein menschlicher Paladin auf Level 310, ein Dunkelelfen-Bogenschütze auf Level 270, ein Halbelfen-Magier auf Level 190 ... Nicht schlecht, gar nicht schlecht. Timothy. Hat man Sie darauf aufmerksam gemacht, dass Spieler in Reich ohne Grenzen nur einen Charakter haben können, der nicht geändert oder gelöscht werden darf? Auf diese Weise gehen wir sicher, dass unsere Spieler ihre Charaktere wirklich verstehen und eine enge Verbindung zu ihnen aufbauen. Nur dann erleben sie die Spielwelt als echte Realität.”
Ich nickte nur, ohne etwas zu sagen. Natürlich wusste ich das. Es war der Punkt, über den ich mir am meisten Sorgen machte, seitdem ich die Online-Stellenanzeige für Reich ohne Grenzen-Spieltester gesehen hatte. Mein Problem war, dass ich schon einmal versucht hatte, Reich ohne Grenzen zu spielen. Doch das war vor über drei Jahren gewesen. Zu der Zeit war es noch eine offene Beta-Version gewesen, die mir etwas „halbgar” erschien. Es gab weder Übungsszenarien, Anleitungen, noch Ingame-Hinweise. Die Stelle, an der ich gestartet war, hatte grob und unvollständig ausgesehen. Keine „prächtigen, lockenden Horizonte” oder „hinreißend echten Sonnenuntergänge”, wie die Werbung es jetzt versprach. Damals hatte es all das in Reich ohne Grenzen nicht gegeben.
Außerdem hatte ich nur sieben Minuten gespielt. Mein Charakter war ein Level-1-Barbar gewesen, ich hatte eine zweihändige Axt gewählt und den Startbereich verlassen. Gleich neben dem Dorf war ich auf eine Gruppe von Level-70-Vampirfledermäusen getroffen - und eine Sekunde später war ich tot. Als ich die Nachricht erhalten hatte, dass ich eine ganze Stunde warten müsste, um zum Spawnpunkt zurückkehren zu dürfen, hatte ich das unausgereifte, unausgewogene Spiel verflucht und es von meinem Computer gelöscht. Jetzt hoffte ich, dass mich mein früherer, fehlgeschlagener Versuch nicht daran hindern würde, einen Job als „Videospieltester” zu bekommen, wie die Position in der offiziellen Stellenanzeige ausgeschrieben war, um die ich mich in diesem Gespräch bewarb.
„Was gibt es noch zu sagen, Timothy? Sie haben wirklich viel Erfahrung mit Videospielen und keine physischen oder psychischen Probleme. Ich sehe keinen Grund, warum Sie nicht für unser Unternehmen arbeiten sollten”, erklärte der Mann mit einem Lächeln und reichte mir ein Tablet mit einem Fragebogen. Er bat mich, in dem kleinen Nebenzimmer Platz zu nehmen, den Bogen auszufüllen und dann auf den Beginn des Einführungsgesprächs zu warten.
Ich ging in das Zimmer, holte mein Handy heraus und tat so, als ob ich ein Selfie vor dem coolen Poster mit dem blauen Wasserdrachen machen würde, während ich eine Nachricht sendete: Das Vorstellungsgespräch ist gut gelaufen.
Gleich darauf vibrierte mein Handy. Es war die Antwort: Keine Eile, aber was bieten sie dir an? Ich sehe mich mal in den Foren um.
Dann setzte ich mich auf einen Stuhl und begann, auf dem Tablet Kästchen anzukreuzen. Die Fragen konzentrierten sich auf meine Gesundheit, mein Familienleben, Vorstrafen und schlechte Gewohnheiten. Der zweite Teil war völlig anders und zielte darauf ab, herauszufinden, welcher Spielcharakter am besten zu meiner Persönlichkeit passte.
Neben mir saßen andere Jobsucher, die ebenfalls auf ihren Tablets herumtippten. Die meisten der Männer und Frauen waren in meinem Alter, einige waren älter und es waren sogar einige Senioren dabei. Es dauerte nicht lange, bis ich einen Eindruck von meinem zukünftigen Arbeitsumfeld hatte. Da waren Schüler, die wegen Abwesenheit oder schlechten Noten von der Schule verwiesen worden waren, Büroangestellte, deren Stellen abgebaut worden waren, gescheiterte Börsenmakler, hoffnungslose Spielsüchtige und verzweifelte Ruheständler, die es nicht geschafft hatten, eine passendere Arbeit zu finden ... Mit anderen Worten: Die Leute, die um mich herum saßen, waren Verlierer, die keinen Platz in der realen Welt gefunden hatten.
Ich sah mich zwar nicht als Verlierer, doch ich passte trotzdem in diese Gruppe. Ich war schon 22 Jahre alt, hatte aber keinen Job, keine Freundin, kein Geld und keine eigene Wohnung. Ich unterschied mich also nicht viel von den anderen. Ich war nicht dumm, ich besaß einen Abschluss in chemischer Forschung. Ich war in der Lage, eine Unterhaltung zu führen, sah nicht schlecht aus und war einigermaßen sportlich. Es fiel mir auch nicht schwer, mit Frauen zurechtzukommen, doch aus irgendeinem Grund hatten alle meine Freundinnen mich wegen anderer Typen verlassen. Sobald sie herausfanden, dass ich mich um meine gehbehinderte Schwester kümmern musste, machten sie sich aus dem Staub. Das war zwar schade, doch ich würde meine Schwester niemals wegen einer oberflächlichen Beziehung aufgegeben.
Meine Schwester Valeria war zur Zeit des Unfalls 11 Jahre alt gewesen. Mein Vater hatte am Steuer des fliegenden Familienautos gesessen, als es mit dem eines Diebes zusammenstieß, der auf der Flucht vor der Polizei war. Durch den Aufprall und dem daraus resultierenden 30-Meter-tiefen Fall waren meine Mutter und mein Vater sofort getötet worden. Meine jüngere Schwester überlebte, doch sie verlor beide Beine und erlitt schwere Verletzungen und Knochenbrüche. Die Polizei hatte ermittelt, dass mein Vater schuldlos gewesen war, doch das machte die Sache auch nicht leichter. Ich hatte unsere Wohnung in einer guten Gegend der Stadt verkaufen müssen, um Vals Behandlung und andere Rechnungen bezahlen zu können.
Ich wurde Valerias Erziehungsberechtigter, ihr Freund und Psychologe. Ich ersetzte ihr die ganze Welt. Am schwersten war die Zeit gleich nach dem Unfall gewesen. Valeria litt ständig unter starken Schmerzen und sah keinen Grund, weiterzuleben. Sie bat mich oft, ihr eine Handvoll Schlaftabletten zu geben, damit sie nicht mehr aufwachen musste. Ich tat mein Bestes, um meine Schwester zu trösten und sie davon zu überzeugen, keinen Selbstmord zu begehen. Tatsächlich wurde ihr Lebenswille nach und nach stärker. Wir versuchten viele Dinge, um ihre Stimmung zu heben, und es stellte sich heraus, dass Spaziergänge das beste Mittel waren. Wir wohnten neben einem großen, schönen Park, in dem wir uns oft aufhielten. Leider mussten wir bald aus dem Stadtzentrum an den Stadtrand ziehen, weil uns das Geld fehlte. Kurz danach wollte Val keine Spaziergänge mehr machen. Meine Schwester konnte die Witze und das Gelächter der Nachbarskinder nicht aushalten. Sie nannten sie Krüppel und bewarfen sie sogar mit Steinen. Es war einfach zu viel.
Doch dann fand sie eine neue Möglichkeit, ihre Behinderung zu vergessen. In virtuellen Computerspiel-Welten konnte sie sich austoben und wieder schöne Umgebungen genießen. Dieser neue Zeitvertreib brachte uns aber kein Geld ein. Ganz im Gegenteil. Die Situation hatte sich besonders in den letzten Monaten verschlechtert, als deutlich wurde, dass die Spielwelt, die sie einige Jahre zuvor gewählt hatte, Königreiche der Schwerter und Magie, zu Ende zu gehen drohte.
Ich schüttelte den Kopf, um die traurigen Gedanken zu verscheuchen, und kehrte zu dem Fragebogen zurück. Nachdem ich alle Fragen beantwortet hatte, kam ich zum letzten Punkt, der gewünschten Zahlungsart. Es gab zwei Optionen: Ein monatliches Festgehalt oder die Möglichkeit, virtuelle Währung zu entnehmen und sie gegen reales Geld einzutauschen. Wie bei den meisten MMOs war es in Reich ohne Grenzen normalerweise nur erlaubt, Geld einzuzahlen. Man konnte zwar reales Geld ins Spiel investieren, doch es war nicht möglich, es wieder zu entnehmen. Nur für die Angestellten des Unternehmens wurde eine Ausnahme gemacht. Wenn sie wollten, konnten sie anstatt eines realen Gehalts virtuelle Währung aus dem Spiel entnehmen.
Was mich betraf, war das der Grund, warum ich unbedingt für das Unternehmen von Reich ohne Grenzen arbeiten wollte. Keine Firma würde einem der kläglichen Verlierer, die mit mir in diesem Zimmer saßen, ein festes Gehalt zahlen. Doch wenn man Spielgeld auf legale Weise in reales Geld umtauschen könnte ... Die Möglichkeiten waren nicht abzusehen. Mein Charakter könnte im Spiel reich werden und damit meine finanziellen Probleme im realen Leben lösen. Meiner Schwester und mir war natürlich klar, dass auf jeden Spieler, der Glück hatte, Tausende kamen, die die falsche Wahl trafen, hart arbeiteten und höchstwahrscheinlich doch nur den Mindestlohn verdienten. Aber wir hatten unsere Entscheidung gemeinsam und bewusst getroffen.
Die rundliche Frau mittleren Alters, die neben mir saß und den Eindruck einer Buchhalterin vermittelte, stieß mich an. Sie war bei einer Frage über „Charisma” angelangt und fragte ihre Nachbarn nun laut flüsternd, was das Wort bedeutete. Ich konnte nicht verstehen, was der Mann antwortete, der zu ihrer anderen Seite saß, aber er versuchte, eine ernste Miene beizubehalten. Die Frau errötete und trug ihre Antwort mit der Schnelligkeit eines Druckers auf ihrem Tablet ein. Dabei verdeckte sie mit der linken Hand, was sie schrieb. Ich schüttelte den Kopf. Wenn das meine Konkurrenz war ... Ich kreuzte zuversichtlich die Option „Virtuelle Währung entnehmen” an.
Die Entscheidung war getroffen, jetzt gab es kein Zurück mehr. Ich versuchte, das unangenehme Gefühl der Angst loszuwerden, das mich beschlich, wenn ich an mein leeres Bankkonto dachte. Doch das war nicht alles. Da gab es noch den überfälligen Kredit, dessen Zinsen sich langsam, aber sicher anhäuften. Wenn ich in den nächsten Wochen nicht wenigstens einen Teil davon abbezahlen konnte, würde die Bank meine Karte sperren. Außerdem hatten meine Schwester und ich seit drei Monaten keine Miete mehr bezahlt. Unsere Vermieterin hatte bereits damit gedroht, uns rauszuwerfen. Es würde äußerst schwierig sein, ohne festes Gehalt auszukommen.
Trotzdem hatte ich beschlossen, das Risiko einzugehen, genau wie damals, als ich die Ingame-Immobilie in Königreiche der Schwerter und Magie gekauft hatte. Doch dieses Mal setzte ich nicht nur eine Zwei-Zimmer-Wohnung aufs Spiel, sondern alles, was meine Schwester und ich noch besaßen.

* * *

„HALLO UND WILLKOMMEN!” Ein elegant gekleideter, dunkelhäutiger Mann mit dunklen Locken betrat die kleine Bühne. „Mein Name ist Alexandro Lavrius. Ich bin Direktor der Abteilung Sonderprojekte des Unternehmens von Reich ohne Grenzen. Sie wurden ausgewählt, um unter meiner Leitung als Videospieltester zu arbeiten. Was ist mit dem Mikrofon los?”
Das Mikrofon gab einen lauten Pfeifton von sich, sodass meine Ohren schmerzten. Die junge Assistentin des Direktors sprang schnell auf die Bühne und stellte das Mikrofon ein, das an Alexandros Kragen befestigt war. Der Direktor warf ihr einen unzufriedenen Blick zu, der nichts Gutes versprach, und fuhr fort: „In Ordnung, jetzt sollte es funktionieren. Zuerst eine kurze Einführung. Das virtuelle Reich ohne Grenzen, in dem Sie arbeiten werden, ist sehr groß. Es ist nicht grenzenlos, wie der Name vielleicht vermuten lässt, doch es hat eine beachtliche Größe. Es ist jetzt schon größer als unsere Erde, Sie können also praktisch grenzenlos herumreisen und neue, interessante Orte entdecken. Zurzeit gibt es etwa 240 Millionen Spieler in Reich ohne Grenzen und diese Zahl steigt pro Monat um etwa zwei bis drei Millionen. Man könnte meinen, unser Unternehmen wäre stolz darauf, würde sich auf seinen Lorbeeren ausruhen und das Geld einfahren. Das ist aber nicht der Fall. Unser Management lässt sich ständig neue, noch grandiosere Pläne einfallen, die Entwicklung des Spiels ist nach wie vor in vollem Gange. Die Planungsabteilung sieht jedoch bestimmte Risiken für die mittelfristige Zukunft und die Direktoren sind der Meinung, dass eine reale Gefahr besteht.
Wir sehen zwei Hauptprobleme. Erstens: Trotz der vielen verschiedenen Völker und ihren einzigartigen Charakteristiken in Reich ohne Grenzen wollen 78 Prozent der Spieler als Menschen spielen. Das ist eine deutliche Unausgewogenheit. Wenn wir außerdem in Betracht ziehen, dass 17 Prozent als verschiedene Arten von Elfen- und Halbelfen spielen und drei Prozent als Zwerge, kommen wir direkt zur Wurzel des Problems. Nur zwei Prozent wählen ein anderes Volk aus den über 100 verfügbaren Möglichkeiten.
Es gibt vielfältige Gründe für dieses Ungleichgewicht. Vor allem haben potenzielle neue Spieler praktisch keine positiven Gamer-Vorbilder, die weniger beliebte Völker gewählt haben. Die Spielforen sind voll von detaillierten Anleitungen über menschliche Paladine, Waldelfen-Bogenschützen und Halbelfen-Assassinen. Daher ist es keine Überraschung, dass neue Spieler Angst haben, einen unbekannten Pfad zu wählen. Weil sie nur einen Charakter haben können, wollen sie kein Risiko eingehen. Das Ergebnis ist, dass sie menschliche Paladine, Elfen-Bogenschützen und Dunkelelfen-Nekromanten erstellen, die es in unserer Welt schon im Überfluss gibt. Unsere bisherigen Nutzer verlieren zu Recht ihr Gefühl der Einzigartigkeit und ihr Interesse am Spiel, weil sie jeden Tag mehrere exakte Ebenbilder von sich selbst treffen.
Das zweite Problem betrifft die Wahl der Wohnorte. Vor unseren Spielern erstreckt sich ein wahres Reich ohne Grenzen, das sich nach Bedarf erweitern lässt. Trotzdem wird die momentan existierende Karte kaum genutzt. Neunzig Prozent der Spieler leben in einer der wenigen Megastädte oder in deren unmittelbarer Nähe. Zu dieser Überbevölkerung kommt es vor allem aus wirtschaftlichen Gründen. Städte verfügen über Ressourcen, dort zirkuliert das Geld und es gibt Banken, bei denen die Spieler ihren Besitz sicher verwahren können. Darum wollen Spieler trotz der hohen Preise für Immobilien und Ressourcen immer noch in diesen Städten leben. Millionen wunderschöner Orte, die von talentierten Designern gestaltet wurden und in denen es einzigartige Missionen und Einheimische gibt, bleiben ungenutzt. Außerdem bemerken wir wachsenden Unmut bei den Spielern, die das Gefühl haben, es gäbe nichts mehr zu entdecken und es werde langsam langweilig.
Warum erzähle ich Ihnen das alles? Wie Sie wahrscheinlich schon erraten haben, darf niemand von Ihnen menschliche oder elfische Charaktere wählen und niemand wird ein weiterer Ritter oder Bogenschütze. Das würde unserem Unternehmen ganz und gar nicht gefallen. Sie beginnen das Spiel in weit entfernten Wildnissen, von denen aus es äußerst schwierig sein wird, dicht besiedelte Orte zu erreichen. Sie starten das Spiel alle an einer anderen Stelle und werden mit größter Gewissheit Gefahren und Problemen begegnen. Das ist kein Zufall. Die Testgruppen haben gezeigt, dass die Herausforderung, schwierige Situationen erfolgreich zu bewältigen, der Faktor ist, der unsere Spieler in der Spielwelt hält.
Wir hoffen, dass mit der Zeit alle Newbies an solchen Orten beginnen werden, weshalb eine Ihrer Missionen darin besteht, zu testen, ob Ihr Charakter unter diesen schwierigen Bedingungen überleben und leveln kann.
Ihre Gruppe ist eine von mehreren, die in den vergangenen Wochen ausgewählt wurden, um neue, ungewöhnliche Volk- und Klassenkombinationen auszuprobieren, nicht ohne dabei einige blaue Flecken davonzutragen. Sie werden interessante Wegbereiter sein, die die Vorteile Ihrer ungewöhnlichen Völker, Klassen und Berufe eloquent beschreiben sollen. Ein Wort zur Warnung: Nur wenige von Ihnen werden die Probezeit bestehen und fest angestellt werden, da unser Unternehmen nur Persönlichkeiten und Geschichten braucht, die bei bestehenden und potenziellen Spielern großes Interesse finden. Doch auch wenn Sie die Probezeit nicht bestehen, gewinnen Sie unschätzbare Erfahrungen im Bereich der Videospiele und erhalten eine ausgezeichnete Gelegenheit, durch modernste Technologie mit all Ihren Sinnen in Reich ohne Grenzen einzutauchen.
Jetzt erhalten Sie die Charakterkarten, die Ihnen aufgrund Ihrer heutigen Testergebnisse automatisch vom System zugewiesen wurden. Dann haben Sie die Möglichkeit, meiner Assistentin Fragen zu stellen. Danach sollten Sie vor Ende des Geschäftstages zur HR-Abteilung gehen, um Ihren Vertrag zu unterzeichnen, damit Sie morgen Ihre Arbeit beginnen können.”
„Können wir heute schon anfangen zu spielen?”, fragte ein rundlicher, junger Mann. Sein blasses Gesicht war von Pickeln übersät.
Alexandro Lavrius sah über uns hinweg auf die Uhr an der Wand, fragte seine Assistentin leise etwas und antwortete dann: „Sie können erst anfangen, wenn Sie den Vertrag unterschrieben haben. Denken Sie daran, dass es in Reich ohne Grenzen jetzt etwa 16 Uhr ist und dass es um 21 Uhr dunkel wird. Nach dieser Einführung gehen Sie zur HR-Abteilung, dann zeigt man Ihnen Ihren Arbeitsplatz und erklärt Ihnen, wie die virtuelle Realitätskapsel benutzt wird. Anschließend müssen Sie einen Charakter erstellen, die Übungsmission beginnen und einen sicheren Ort finden, an dem Sie die Nacht verbringen können. Die Nächte außerhalb der Städte und anderer sicherer Orte sind in Reich ohne Grenzen äußerst hart und gefährlich. Höchstwahrscheinlich werden Sie von Monstern gefressen. Sollte das passieren, verlieren Sie einige Erfahrungspunkte und eine ganze Stunde, bevor Sie respawnen können. Falls Sie es trotzdem riskieren wollen, heute anzufangen, spricht nichts dagegen. Falls Sie die erste Nacht überleben, wird es eine nützliche Erfahrung sein und sich positiv auf Ihre weitere Karriere als Tester auswirken.”

* * *

EIN GOBLIN-KRÄUTERSAMMLER??? Verständnislos starrte ich auf meine Charakterkarte. Ich holte mein Handy heraus, um nach Informationen über Goblins in Reich ohne Grenzen zu suchen. Der erste Link belohnte mich mit folgendem Text aus einem Forum:

Goblins sind hinterlistige Mistkerle, die gemeine Streiche spielen, Gemüse aus Gärten stehlen und Reisende angreifen, die allein unterwegs sind. Zum Glück sind Goblins schwach, daher kann sogar ein totaler Newbie mit ihnen fertig werden. Manchmal findet man ganze Goblindörfer. Mit ihnen lässt sich gut Erfahrung sammeln, sodass Anfänger leicht leveln können. Ich weiß nicht warum, aber die Entwickler haben dieses NPC-Volk für Spieler verfügbar gemacht. Ich persönlich kann mir nicht vorstellen, dass jemand dumm genug wäre, dieses grüne Gräuel zu wählen, besonders in Anbetracht der restriktiven Strafen auf Intelligenz und Stärke, die es für einen Goblin fast unmöglich machen, ein guter Magier zu werden oder eine Kampfklasse zu wählen. Rein theoretisch könnte ich mir einen Goblin-Spieler wegen seiner Boni in Beweglichkeit und Wahrnehmung als Bogen- oder Armbrustschützen vorstellen. Aber ich habe noch niemanden getroffen, der gestört genug wäre, es zu versuchen, denn alle Elfenarten haben bei diesen Attributen noch größere Boni. Ach ja, diese grünen Freaks erhalten auch schwere Strafen auf Beziehung zu Menschen und können standardmäßig keine normalen Spielorte aufsuchen.

Kein Wunder, dass niemand als Goblin spielen wollte. Selbst jemand, der bei der Erstellung seines Charakters einen Goblin in Betracht gezogen hatte, würde nach der Lektüre dieser Beschreibung schnell seine Meinung ändern. Was hatten sich die Entwickler von Reich ohne Grenzen nur dabei gedacht?!
Der Text stammte von jemandem namens Verwilderter Waldbursche. Laut seines Forums spielte er als menschlicher Druide auf Level 204. Aus Neugier las ich auch die nächsten sieben Links, die die Suchmaschine gefunden hatte, doch überall bekam ich die gleichen unangenehmen Informationen. Ich schickte meiner Schwester eine Nachricht über den Charakter, den ich spielen musste, und studierte weiter die Anleitungen zu Goblins und Kräuterkunde.
Als mich laute Stimmen vom Lesen ablenkten, hob ich den Kopf. Der Direktor war schon lange gegangen und jetzt stritt sich die rundliche Frau, die nach der Bedeutung des Wortes Charisma gefragt hatte, mit seiner Assistentin.
„Stimmt etwas nicht mit Ihrem zugewiesenen Charakter?”, fragte die Assistentin in eisigem Ton.
„Das kann man wohl sagen! Ich soll eine Dryadentänzerin spielen! In den Foren habe ich gesehen, dass Dryaden keine Kleidung tragen! Ich bitte Sie! Ich dachte, ich bewerbe mich um einen Bürojob. Die Arbeitszeiten sind vielleicht etwas ungewöhnlich, aber ich hatte nicht damit gerechnet, dass ich als Stripperin arbeiten soll!”
Die Assistentin des Direktors war wegen des Vorfalls mit dem Mikrofon schon gereizt, daher konnte man leichten Ärger in ihrem Ton vernehmen. „Das System hat ermittelt, dass diese Kombination von Volk und Klasse optimal für Sie ist. Wenn es Ihnen nicht gefällt, muss ich Ihnen leider sagen, dass Sie die Probezeit nicht bestanden haben und die erste Teilnehmerin sind, die die Gruppe verlassen muss ...”
Auf dem Gesicht des Mannes, der ihr vorher erklärt hatte, was Charisma bedeutete, bemerkte ich ein höhnisches Grinsen. Die bizarre Kombination war vom System wahrscheinlich aufgrund seiner irreführenden Erklärung gewählt worden.
Die Assistentin streckte ihre Hand aus, um die Charakterkarte der Frau zurückzunehmen, als eine junge Frau aus der hinteren Reihe rief: „Warten Sie! Könnte ich den Charakter mit ihr tauschen?” Eine hübsche, junge Frau mit guter Figur, die ihr kastanienbraunes Haar in einem langen Zopf trug, der ihr bis zum Gürtel reichte, stand auf und kam zur Bühne.
„Ich habe mir die einleitenden Informationen über Dryaden angesehen. Es stimmt, ihre einzigen Ausrüstungsplätze sind für Ringe und Armbänder vorgesehen, aber das wird durch ihre Volksboni ausgeglichen. Außerdem ist die Tänzerklasse ausgezeichnet für Dryaden geeignet. Sie haben schließlich Boni für Attraktivität, Charme und die Reaktion aller Mitglieder des anderen Geschlechts.”
Die Assistentin stimmte ihr zu. „Richtig. Es ist eine gute Rolle. Mit diesem Charakter kann man leicht Erfahrung sammeln. Außerdem ist der Pfad der Dryadentänzerin sehr ungewöhnlich. Es gibt keine einzige Anleitung. Mit einem solchen Charakter zu leveln ist praktisch eine Garantie dafür, die Probezeit zu bestehen.”
Die biedere Buchhalterin schauderte und murmelte unglücklich: „Mal sehen, welchen Schweinkram sie Ihnen aufdrücken wollen ... Schlimmer als eine Stripteasetänzerin kann es ja kaum sein.” Sie nahm der jungen Frau die Karte aus der Hand und las sie. „Oh! Ja! Eine Gremlin-Bankerin! Davon habe ich mein ganzes Leben lang geträumt!”
Die Frau mittleren Alters hätte die junge Frau fast geküsst, die die Karte mit ihr tauschte. Danach hörte ich überall um mich herum Leute rufen:
„Wer möchte gegen einen Troll-Kannibalen tauschen?”
„Ich tausche einen Kobold-Betrüger gegen jede andere Klasse!”
„Will jemand einen Ork-Astrologen? Ich tausche gegen jede Art von Nahkämpfer!”
Ich hatte keine Lust, auf das Ende dieser Freakshow zu warten und stand auf, um mich auf den Weg zur HR-Abteilung zu machen. Der Goblin-Kräutersammler erschien mir nicht mehr so schlimm, ich war mit meinem Los jetzt völlig zufrieden.

* * *

OBWOHL ICH VERSUCHTE, mir nichts anmerken zu lassen, beeindruckte mich der Reichtum und Luxus, den das Unternehmen von Reich ohne Grenzen zur Schau stellte. Es besaß einen riesigen Wolkenkratzer, in dem es auch viele unterirdische Etagen gab. Als ich mit dem Fahrstuhl nach unten fuhr, bemerkte ich, dass es für einige Etagen, die ich durch die Glastüren sehen konnte, keine Knöpfe gab. Die Wachleute auf diesen Etagen waren mit Waffen ausgerüstet und trugen Schutzwesten und Gasmasken.
Der nette Techniker Arthur führte mich zu meinem Arbeitsplatz und erklärte, dass es den normal Sterblichen verboten war, diese unterirdischen Etagen zu betreten. Dort befand sich „das Allerheiligste” des Unternehmens, die Spielserver. Es war einfacher, in einen Banktresor voller Gold hineinzukommen, als sich Zutritt zu diesen Etagen zu verschaffen. Die Stockwerke, auf denen sich die gesamte technische Ausrüstung befand, waren mit zahllosen Sicherheitssystemen und Giftgas ausgestattet, damit Kriminelle nicht einmal daran dachten, einzubrechen.
Ohne anzuhalten kamen wir an der unterirdischen Parkrampe vorbei, auf der viele Luxusautos und fliegende Autos standen. Dann öffnete sich die Fahrstuhltür auf der Etage der Testabteilung und ich sah ES: Ein riesiger Raum, der sich bis ins Endlose erstreckte. Er hatte sehr viele hohe Gänge, die von identischen kleinen Kabinen gesäumt waren. Arthur und ich gingen eine der langen Plattformen hinunter und hielten vor einer durchsichtigen Tür an. Ich blickte ausdruckslos auf ein Schild: 4-16A.
„Vierte Etage, Seite A, Kabine 16. Hier werden Sie arbeiten. Gehen Sie hinein, ziehen Sie Ihre Jacke aus und machen Sie sich mit Ihrer Kabine vertraut”, sagte er und zeigte auf den Stuhl und den Bügel an der Wand. Er blieb jedoch draußen stehen. „Jede Kabine hat einen ausziehbaren Schreibtisch und einen eingebauten Kühlschrank, in dem Sie Lebensmittel aufbewahren oder vor der Arbeit einen Imbiss zu sich nehmen können. Es gibt einen Toilettenraum für je 50 Kabinen und an jedem Ende der Gänge befinden sich Duschen. Aber denken Sie daran, jeder Gang hat 300 Kabinen, darum sind die Duschen abends, wenn die Schicht endet, oft besetzt. Also gut, dann wünsche ich Ihnen viel Glück!”
Während Arthur den Satz äußerte, wandte sich sein Blick von mir ab. Seine Augen folgten einer wunderschönen, fast glamourösen Frau mit prächtigen roten Haaren und stolzem Gesichtsausdruck, die an meiner Kabine vorbeiging. Sie trug ein langes, smaragdgrünes Kleid, hochhackige Schuhe und einen Hut mit breitem Rand. An ihren Fingern steckten mit Edelsteinen besetzte Ringe, die mir durch ihr Schimmern ins Auge fielen. Die Frau sah Arthur nicht an und schien mich nicht einmal zu bemerken. Sie ging noch ein paar Meter weiter, bis sie vor einer Tür anhielt, die genauso aussah wie meine. Es piepte, als die geheimnisvolle Frau die Tür mit ihrem elektronischen Schlüssel öffnete und ihre Kabine betrat.
„Wer war das?”, fragte ich den erstarrten Techniker mit halblauter Stimme.
Arthur zuckte zusammen und war wieder zurück in der Realität. „Woher soll ich das wissen? Sie arbeitet hier. Sie kommt abends und geht erst wieder am nächsten Morgen. Sie muss einen Nachtcharakter spielen. Offensichtlich ist sie eine gute Spielerin und verdient viel Geld. Ich habe sie einmal in der unterirdischen Parkgarage gesehen. Sie fährt einen tollen Luxussportwagen, den ich mir nie leisten könnte, selbst wenn ich bis zu meinem Lebensende sparen würde. Aber ich habe keine Ahnung, wer sie im Spiel ist. Wir können Ihre Avatare nicht sehen, wir helfen Ihnen nur, Ihre Ausrüstung einzurichten. Normalerweise erhalten Spitzenspieler ihre eigenen Büros auf den oberen Etagen des Gebäudes, doch sie muss es aus praktischen Gründen vorziehen, vom Parkplatz aus gleich hier herunter zu kommen. Aber ich schweife ab. Legen Sie die Kleidung ab, ich werde Ihre Maße für einen Sensoranzug und -helm nehmen.”
Nachdem sich die Tür hinter Arthur geschlossen hatte, holte ich mein Handy heraus und teilte meiner Schwester mit, dass ich bereit war.

Ruf die Konsole auf und gib mir die Nummer deiner virtuellen Realitätskapsel und Spielsitzung. Ich versuche, mich zu verbinden.

Ich tippte einen technischen Befehl auf dem Keyboard und machte mit der Kamera meines Handys ein Foto davon.

Warte fünf Minuten, damit wir zur gleichen Zeit anfangen können.

Ich zog den Anzug an, der mit Elektroden besetzt war, und legte mich in die virtuelle Realitätskapsel. Ich beobachtete den Timer auf dem kleinen Monitor, wartete fünf Minuten und schloss dann den Deckel der Kapsel. Jetzt war ich von der realen Welt abgeschottet. Vor mir leuchtete der Bildschirm auf ...

* * *

Erlittener Schaden: 2757 (Biss einer verfluchten Fledermaus)
Du bist tot.

* * *

WAS ZUM TEUFEL war das?! Die Meldung kam herein, sobald der Bildschirm geladen war. Das Bild verblasste langsam und ich war von Dunkelheit umgeben. Eine Minute verging, dann eine zweite und noch ein paar mehr. Nichts passierte. War es für mich vorbei? Es gab kein Spiel-Interface oder irgendwelche andere Menüfester, nur pechschwarze Dunkelheit. Irgendetwas musste falsch gelaufen sein. Fledermäuse! Richtig! Sie waren das Letzte, das ich in meinem kurzen Spiel als Barbar gesehen hatte. Jetzt würde ich bestimmt gleich aus meiner Kapsel geholt und gefeuert, weil ich beim Vorstellungsgespräch gelogen hatte.
Plötzlich wurde die Welt um mich herum wieder hell und das Fenster für die Charaktererstellung erschien auf dem Bildschirm. Puh, ich hatte es gerade so geschafft. Was sah ich vor mir? Einen Goblin-Kräutersammler auf Level 1. Das Volk oder die Klasse konnte ich nicht verändern.

Charaktername: Amra

Mir brach noch einmal kalter Schweiß aus. Als ich meinen Barbaren erstellt hatte, war mein erster Schritt gewesen, ihn zu Ehren des berühmten Barbaren aus dem Fernsehen „Conan” zu nennen, doch der Name war vergeben. Dann hatte ich einen anderen Namen ausprobiert, den der berühmte Held benutzte: Amra.
Ich hatte Glück, auch jetzt war er frei. So weit ich sehen konnte, hatten sich die Spielregeln in den letzten drei Jahren geändert. Die Namen der Charaktere mussten nun aus zwei Worten bestehen, zum Beispiel Tony Schwarzherz, Ahmed Schleichende_Schlange oder Ellie Sehr_Hübsch. Doch mein Name bestand nur aus einem Wort und hatte außerdem nur vier Buchstaben ...
Ein Newbie mit einem Einwort-Namen? Es konnte mir helfen, zu verbergen, dass ich für das Unternehmen arbeitete. Ich hatte wirklich nichts dagegen, es war schön, etwas Besonderes zu sein. Nun war es an der Zeit, mich mit meiner Erscheinung und den Attributen zu beschäftigen.
Ein grünes Gesicht starrte mir entgegen, aus dem zwei riesige Augen hervorstachen, und die Ohren waren überdimensional groß. Das System schlug vor, ich sollte etwas mit den Einstellungen herumspielen, um diesen gewöhnlichen Goblin individuell nach meinem Geschmack zu gestalten, doch ich beschloss, noch damit zu warten. In einem Hinweis las ich, dass ich die Erscheinung meines Charakters bis Level 10 kostenlos verändern konnte, darum beschloss ich, diesen Schritt fürs Erste zu überspringen. Etwas anderes bereitete mir mehr Sorgen: Alexandro Lavrius hatte gesagt, dass nicht mehr viel Zeit bis zum Einbruch der Nacht war, darum durfte ich keine Sekunde verschwenden.
Vor allem wollte ich mir die Boni und Strafen für Goblins ansehen. Leider hatte Verwilderter Waldbursche in Bezug auf die Strafen nicht gelogen:

50% Strafe auf Intelligenzsteigerungsrate
50% Strafe auf Stärkesteigerungsrate
- 20 Strafe auf Beziehungen zu folgenden Völkern: Menschen, Elfen, Zwerge, Gnome, Drachen
20% Strafe auf verdiente Erfahrung

Die Strafen waren eine bittere Pille. Besonders unzufrieden war ich mit der Strafe auf die verdiente Erfahrung. Die negativen Charakteristiken der Goblins wurden durch die Boni kaum aufgewogen:

30% Bonus auf Bewegungssteigerungsrate
30% Bonus auf Wahrnehmungssteigerungsrate
+ 20 Bonus auf Beziehungen zu folgenden Völkern: Goblins, Orks, Kobolde, Oger, Riesen
+ 30 Bonus auf die Reaktion von Wald- und Sumpfkreaturen
30% Bonus auf Bewegungsgeschwindigkeit in Wald- und Sumpfgebieten

Schließlich kam ich zu den Hauptattributen meines segelohrigen Goblins. Jeder Charakter in Reich ohne Grenzen, egal ob NPC oder eine reale Person, hatte nur sechs Hauptattribute: Stärke, Beweglichkeit, Intelligenz, Konstitution, Wahrnehmung und Charisma. Das war Standard und leicht zu verstehen. Stärke bestimmte den Schaden, den man mit Handwaffen verursachen konnte, und das Höchstgewicht, das man tragen konnte. Beweglichkeit war wichtig für Fernwaffen und zum Ausweichen. Intelligenz ermöglichte einem Charakter, die Eigenschaften von Gegenständen zu verstehen und bestimmte die Mana-Menge, über die ein magischer Charakter verfügte, sowie die Wirksamkeit seiner Zauber. Konstitution beeinflusste die Anzahl der Treffer- und Ausdauerpunkte. Wahrnehmung wirkte sich auf die Sehkraft, den Geruchssinn und das Gehör aus und gab einem Charakter außerdem eine größere Chance, verborgene Gegenstände zu entdecken. Und schließlich Charisma: Dieses Attribut definierte das Verhältnis anderer Charaktere zu einem selbst.
Es gab verschiedene Möglichkeiten, die Grundattribute zu verbessern. Man konnte ihnen auf jedem Level eine gewisse Anzahl neuer Attributpunkte zuweisen, in Hauptfertigkeiten leveln oder magische Gegenstände zum Verbessern einsetzen.





Name
Amra
Volk
Goblin
Klasse
Kräutersammler
Erfahrung
0 von 100
Charakterlevel
1
Trefferpunkte
15/15
Ausdauerpunkte
15/15
Attribute

Stärke (Str)
2
Beweglichkeit (Bew)
2
Intelligenz (Int)
2
Konstitution (Kon)
2
Wahrnehmung (Wah)
2
Charisma (Cha)
2
Unbenutzte Punkte
3
Hauptfertigkeiten (2von 4 gewählt)

Kräuterkunde (Wah, Bew)
1
Handel (Cha, Int)
1
Nebenfertigkeiten (0 von 4 gewählt)



Die Entwickler hatten meinem Charakter standardgemäß zwei Hauptfertigkeiten zugewiesen: Kräuterkunde und Handel. Die erste war leicht nachzuvollziehen, ein Kräutersammler, der sich nicht mit Kräutern auskannte, ergab wenig Sinn. Doch Handel verwirrte mich etwas. Ich konnte die Fertigkeit nicht löschen, die Entwickler sahen mich als kleinen Goblin, der durch die Wälder trottete, eine Unmenge Pflanzen sammelte und sie einheimischen Händlern verkaufte. Ich brauchte die Handelsfertigkeit also, damit ich von skrupellosen Schwindlern nicht übers Ohr gehauen wurde. Mein Charakter besaß die Intelligenz eines Stuhls. Ohne die besondere Fertigkeit des Verhandelns würde ich ständig um mein Geld betrogen werden.
Die Buchstaben in Klammern hinter den Fertigkeiten verwirrten mich zuerst ebenfalls, doch ich fand schnell heraus, dass es sich um die Attribute handelte, die der Charakter nach und nach durch das Benutzen der Fertigkeiten verbesserte.
Drei freie Attributpunkte waren nicht gerade viel! Nachdem ich etwas mit den Parametern herumgespielt und ihre Beschreibung gelesen hatte, stellte sich heraus, dass Trefferpunkte und Ausdauerpunkte ausschließlich von der Konstitution abhingen, darum wies ich diesem Attribut gleich einen Punkt zu. Daraufhin erhöhten sich meine Trefferpunkte auf 21 und meine Ausdauer auf 20.
Als Nächstes war Beweglichkeit an der Reihe. Wenn ich die Anleitung des Verwilderten Waldburschen und meine Volksboni richtig verstanden hatte, hing der Erfolg meines segelohrigen Charakters von seiner Beweglichkeit ab. Ich wies dem Attribut 2 Punkte zu und erhöhte es damit auf 4. Das war alles, obwohl ... Im letzten Moment, bevor ich mit dem Spiel beginnen wollte, beschloss ich, dass die niedrige Intelligenz meines Goblins nicht akzeptabel war. In der Beschreibung des Attributs hieß es, dass ich mit einer Punktzahl unter 3 nicht richtig sprechen oder andere verstehen konnte. Das bedeutete, ich würde mich weder mit anderen Spielern oder NPCs unterhalten, noch Missionen und Hinweise verstehen können. Ich reduzierte Charisma auf das Minimum und wies den Punkt Intelligenz zu. Mein Goblin war sowieso keine Schönheit gewesen, doch nun wurde er regelrecht zu einem Monstrum.
Jetzt war ich bereit. Es war Zeit, ins Spiel einzusteigen!




Die Ork-Galeere



ANGST. KÄLTE. SCHMERZEN. Hunger. Mein geschundener Körper schmerzte überall. Trotz des Schmerzes und der Müdigkeit nahm ich laute Geräusche wahr. Ich wollte sie einfach ignorieren und mich in einem tröstenden Traum verlieren, doch die Geräusche wurden lauter und lauter. Ich konnte klirrende Waffen, wütendes Gebrüll und die Schreie von Sterbenden hören. Mir stieg der Geruch von frisch vergossenem Blut in die Nase. Mit großer Anstrengung gelang es mir, die Augen zu öffnen. Ich lag auf einem von verrottetem Stroh bedeckten Boden in einem dunklen Raum. Als ich versuchte, mich zu bewegen, bemerkte ich, dass mein Handgelenk in einer Handschelle aus schwerem Metall steckte. Sie war an einer Kette befestigt, die in der Wand verankert war. War ich ein Gefangener?
Aus dem Augenwinkel sah ich einen Ork in einer Lederrüstung vorbeilaufen, der einen Krummsäbel trug. Nur einige Sekunden später fiel sein blutender Körper zu Boden. Ein riesiger Mensch in einer Rüstung, der den Ork niedergestreckt hatte, näherte sich ihm und erledigte ihn, indem er ihm einen Kurzspeer in die Brust stieß.
„Scheint der Letzte von ihnen zu sein!”, rief er jemandem zu, der sich weit hinter ihm befand und ihm antwortete: „Großartig! Befrei die Gefangenen und bring sie auf unser Schiff! Die Ork-Galeere kann jede Minute an den Felsen der Küste zerschellen!”
Ich wurde befreit! Doch bevor ich Zeit hatte, darüber erleichtert zu sein, drehte sich der riesige Soldat mit einem angewiderten Gesichtsausdruck zu mir um und durchbohrte mich mit seinem Speer!

* * *

WIEDER BRACH Dunkelheit über mich herein. Ich lag vollkommen fassungslos da und konnte nicht glauben, was gerade geschehen war. Der Mann hatte mich fast getötet, obwohl er mich retten sollte! Warum?
Eine innere Stimme lachte und wies mich spöttisch darauf hin, dass ich diese Reaktion hätte erwarten sollen. Goblins hatten bereits eine Strafe von - 20 auf die Reaktion von Menschen und ich hatte mein Charisma auf ein Minimum reduziert. Jeder Mensch, Elf oder Zwerg, dem ich begegnete, würde in gleicher Weise reagieren.
Der Schmerz kehrte zurück und ich öffnete die Augen. Ich sah die Welt in Schwarz- und Rottönen. Wie vorher lag ich auf altem, fauligem Stroh, das jetzt auch noch mit dickem, dunklem Blut getränkt war ... mit meinem Blut.
+ 1 TP von Gesundheitsregeneration
Meine Wunde war fast völlig geheilt, doch mein Lebensbalken blinkte gefährlich bei 3 von 21. Ich sollte erwähnen, dass ich vorher nicht einmal gewusst hatte, dass Goblins Gesundheit regenerieren konnten. Warum wurde in keiner Anleitung darauf hingewiesen? Vielleicht war die Fähigkeit erst kürzlich hinzugefügt worden, um Goblins spielbarer zu machen. Wie auch immer, die Wunde schmerzte wahnsinnig! Ich musste zugeben, dass das Sterben selbst in einem Computerspiel sehr unangenehm war.
Ich hatte keine Ahnung, was ich mir als Nächstes ausgedacht oder getan hätte, doch plötzlich huschte eine Ratte unter den Holzpaneelen meiner Zelle entlang.

Level-1-Ratte

Die kleine Kreatur folgte neugierig seiner Nase, betört von dem berauschenden Blutgeruch. Ich bewegte mich etwas und zog mein rechtes Bein an. Die Ratte drehte sich sofort zu mir um. Sie lief jedoch nicht weg, sondern starrte mich an. Nicht nur das, sie interessierte sich immer mehr für meine kulinarischen Eigenschaften. Wenn ich ganz gesund gewesen wäre, hätte ich eine solche Kreatur leicht töten können, doch im Moment hatte ich nur 3 traurige Trefferpunkte. Die Ratte würde mich fressen!
Offensichtlich kam die Kreatur zum gleichen Schluss und näherte sich. Was dann passierte, hatte weder ich noch die Ratte erwartet.

Zugefügter Schaden: 10 (Vampirbiss)
Wiederhergestellte Gesundheit: + 5 TP
Erhaltene Erfahrung: 8 EP
Erhaltener Gegenstand: Rattenfleisch (Nahrung)
Freigeschaltetes Achievement: Geschmackstester (1/1000)
Freigeschaltete Volksfähigkeit: Blutlust (Erhöht den zugefügten Gesamtschaden für jede einzelne Kreatur, die durch Vampirbiss getötet wird, um + 1%. Aktueller Bonus: 1%)
Freigeschaltete Anzeige: Durst löschen (10/15)

Einige Sekunden lang saß ich nur da, den abscheulichen Geschmack von Rattenblut im Mund. Ich musste im wahrsten Sinne des Wortes erst einmal verdauen, was gerade geschehen war. War ich ein Vampir? Ich öffnete mein Charakterfenster, um nachzusehen. Was ich sah, ließ keinen Zweifel aufkommen:

Volk: Goblin-Vampir

Zum Glück konnte ich verheimlichen, dass ich zum Teil Vampir war, indem ich einfach das spezielle Kästchen „Vor anderen Spielern verbergen” ankreuzte. Als ich mir die Beschreibung der Vampire durchlas, dankte ich dem Himmel und den Entwicklern des Spiels dafür:

- 50 Strafe auf die Reaktion aller lebenden Völker, falls enttarnt
Strafe: Legales Ziel für Tötung durch Spieler und NPCs von lebenden Völkern, falls enttarnt
Strafe: Kann im Zustand von Blutdurst seine wahre Natur nicht verbergen
Strafe: Sofortiger Tod, wenn von Sonnenlicht getroffen

Jetzt steckte ich ziemlich in der Klemme. Von diesem Moment an war meine wichtigste Priorität, meinen Vampirismus geheim zu halten. Er hatte jedoch auch einige Vorteile. Auf Level 1 konnte ein Vampir zum Beispiel + 1 TP Gesundheitsregeneration pro Minute sowie eine zusätzliche Angriffsart erhalten (und im Gegensatz zu den meisten anderen war sie weder rechts- noch linkshändig):

Vampirbiss
Schaden: (1-6) x Stärke
Die Gesundheit des Angreifers wird um 50% des zugefügten Schadens wiederhergestellt.
Beim Angriff auf schlafende, bewusstlose oder gelähmte Ziele ist die Erfolgschance 100% und der Angreifer kann einen Effekt wählen: Sofortiger Tod / 6-stündiger Tiefschlaf / Mit Vampirismus infizieren).

Ich las die Beschreibung des Angriffs noch einmal. Bedeutete es, dass ich jede Kreatur töten konnte, egal auf welchem Level sie war? Ich musste also nur jemanden finden, der schlief, und sogar Level-100-Charaktere waren erledigt. Es war eine großartige Möglichkeit für mich, um Erfahrung zu sammeln und zu leveln! Und ich konnte Spieler und NPCs gleichermaßen angreifen. Doch Augenblick! Ich bremste meine Euphorie. Wenn ich diese Fähigkeit auch nur ein einziges Mal gegen einen Spieler einsetzte, wäre mein Geheimnis enthüllt. Ich würde für den Rest meiner Tage im Spiel gejagt und immer wieder getötet werden, weil die Regeln es erlaubten. Jeder Tod würde mir körperliche Schmerzen bereiten und ich würde Erfahrung verlieren. Darum musste ich meinen Vampirismus unbedingt geheim halten.
„Wer ist da? Ich kann dich hören!”, rief eine Stimme von draußen.
Meine Angst wuchs. Ich sprang auf und wischte mir schnell mit dem Handrücken über die Lippen. Das Letzte, was ich brauchte, war ein Fremder, der Blut in meinem Gesicht sah.
„Ratte erschlagen. Hat angegriffen. Klatsch, klatsch, ich zugeschlagen”, antwortete ich.
Was zum Teufel?! Ich hatte etwas anderes gesagt, doch das Einzige, das aus dem Mund meines Charakters kam, waren diese unbeholfenen, abgehackten Sätze. Wie sich herausstellte, reichten selbst 3 Intelligenzpunkte nicht aus. Ich mochte gar nicht daran denken, wie mein Charakter bei noch weniger Punkten reden würde.
„Eine Ratte? Ja, ich habe sie gesehen. Sie hat mich lange angestarrt, aber dann rannte sie davon. Hast du eine Ahnung, wie du dich von der Kette befreien kannst? Ich bin nicht stark genug.”

Erhaltene Mission: Flucht von der Sklavenhändler-Galeere
Missionskategorie: Erforderlich, Training
Belohnung: 80 EP, Zugang zur Hauptspielwelt

„Kette weiß nicht. Ich verletzt. Mann hat mit Speer gestoßen.”
Hinter der Wand hörte ich das glucksende Lachen des anderen Spielers. „Dein Charisma muss ziemlich niedrig sein, wenn sie dich getötet haben, statt dich zu befreien. Ich bin überrascht, dass du nicht gestorben bist. Soldaten spielen auf Level 25, sie müssten in der Lage sein, dich mit einem Treffer zum Respawnen zu schicken. Mich haben sie einfach nicht bemerkt. Als das Massaker im Laderaum begann, habe ich schnell meine Tarnfertigkeit eingesetzt und konnte sie sogar auf Level 2 erhöhen, bevor die Soldaten verschwanden. Aber ich habe nicht richtig nachgedacht. Vielleicht hätten sie mich zusammen mit den anderen Gefangenen befreit oder mich einfach zum Respawnen geschickt. Dann müsste ich mich jetzt nicht mit dieser Kette herumschlagen, sondern würde einfach zum Spawnpunkt zurückkehren und wäre frei.”
Ich erstarrte vor Angst. Von der Stelle aus, an der ich mich befand, konnte man den Spawnpunkt nicht sehen. Was aber, wenn Charaktere mit meiner gewinnenden Erscheinung nur einen einzigen Weg in die Freiheit hatten, und das war zu sterben und wieder zurückzukehren? Nein, das ergab keinen Sinn! Es musste andere annehmbare Möglichkeiten geben, hier herauszukommen. Ich betrachtete die kurze, rostige Kette, mit der ich angekettet war. Als Erstes versuchte ich, sie zu zerbrechen.

Dein Charakter besitzt nicht genug Stärke, um diese Aktion auszuführen.
Erforderliche Stärke zum Zerbrechen der Kette: 7.

Für die Kette reichte meine Stärke offensichtlich nicht aus, doch was war mit der Handschelle an meinem Handgelenk?

Dein Charakter besitzt nicht genug Beweglichkeit, um diese Aktion auszuführen.
Erforderliche Beweglichkeit zum Zerbrechen der Handschelle: 7.

Ein weiterer Fehlschlag. Ich sah mir meine linke Hand genau an. Das Handgelenk sowie die Hand waren schmal, doch ich hatte einen großen Daumen, der mich daran hinderte, aus der Handschelle zu schlüpfen. Was wenn ... Der Gedanke, meinen eigenen Daumen abzubeißen, war barbarisch, doch ich verwarf ihn nicht sofort. Ich hatte Gesundheitsregeneration, also würde der Daumen bald nachwachsen. Würde ein echter Goblin zögern? Nein, entschied ich, das würde er nicht.
Ich versenkte die Zähne in mein eigenes Fleisch. Schmerzen überwältigten mich und meine Trefferpunkte fielen rapide. Ich musste sogar schnell das Rattenfleisch essen, um etwas Gesundheit wiederherzustellen, doch meine Idee funktionierte! Vorsichtig zog ich meine blutende Hand aus der rostigen Handschelle. Ich war frei! Das Bluten hörte sofort auf, doch von meinen 21 Trefferpunkten waren nur noch 2 übrig. Aber das war egal. Allmählich würde Regeneration meine Gesundheit vollständig wiederherstellen. Dann erschien jedoch ein Debuff ...

Deine linke Hand ist verletzt.
In den nächsten 2 Tagen kannst du keine Waffe in der linken Hand halten, nicht schwimmen oder Felswände und Bäume hochklettern.
Alle anderen mit der linken Hand ausgeführten Aktionen erhalten eine Strafe von 30%.

Auch hatte ich für das Abnehmen der Kette keine Erfahrungspunkte verdient. Entweder hatte den Entwicklern meine Lösung nicht gefallen oder die Mission war noch nicht abgeschlossen.
„Was war das?”, fragte mein Bekannter hinter der Wand.
„Meine Kette ab. Jetzt du.”
Ich stand langsam auf und schaute in die Zelle neben mir. Der Kerl, der dort saß, war ein echter Freak! Auf dem schmutzigen Boden lag eine erschöpfte, blaue Kreatur, halb Mensch, halb Fisch. Sie hatte riesige, hervorstehende Augen und schnappte schwer nach Luft.

Trong Taucher
Najade
Level-1-Taucher

„Du bist ziemlich hässlich, Amra!”, rief der Fischmann aus. Seine Reaktion auf mein Aussehen war die gleiche wie die des Soldaten.
Wir lachten beide, dann beantwortete er die Frage, die ich gerade stellen wollte.
„Bei der Erstellung des Charakters hatte ich keine Ahnung, wie ich mich nennen sollte. Ich dachte mir, das zweite Wort sollte meinen Beruf beschreiben. Also bin ich Herr Taucher, der Taucher. Doch erzähl mir lieber, wie du die Kette losgeworden bist.”
Ich versuchte mein Bestes, um ihm meine Methode und den Debuff, den ich erhalten hatte, verständlich zu machen. Der Fisch schüttelte den Kopf.
„Verdammt ... Nein, das ist nichts für mich. Ich muss tauchen und unter Wasser schwimmen können, doch mit einer verletzten linken Hand ist das nicht möglich. Es ist einfacher für mich, zu sterben und in einer Stunde ohne Debuffs oder fehlende Körperteile wiederaufzuerstehen. Pass auf, ich versuche, einen Weg aus dieser Handschelle zu finden, doch wenn mir nichts Sinnvolles einfällt, kannst du mich töten und ich respawne. Ich kann die Stunde außerhalb des Spiels sowieso gebrauchen. Ich muss Mails beantworten und ein paar Sachen erledigen. Du kannst in der Zwischenzeit etwas essen oder einen Spaziergang machen. Danach können wir zusammen weiterspielen. Ich habe das Gefühl, dass es viel zu schwer ist, hier alleine herauszukommen. Was meinst du?”
Im ersten Moment erschreckte mich sein Vorschlag. Trong sprach sehr gelassen über seinen Tod. Es schien, als ob er sich wegen der zu erwartenden Schmerzen kein bisschen Sorgen machen würde. Doch dann wurde mir bewusst, dass er einfach ein normaler Spieler ohne virtuelle Realitätskapsel war. Er saß zu Hause vor seinem Bildschirm oder trug einen VR-Helm und versuchte, diesen langweiligen Übungsort um jeden Preis so schnell wie möglich zu verlassen, um in die riesige Spielwelt einzutauchen. Das erklärte Trongs Sorglosigkeit. Jeder Spieler, der wie ich die Empfindungen seines Charakters fühlen konnte, würde es vorziehen, sich auf andere Weise zu befreien.
„Ja, gut. Ich gehe, sehe mich um”, antwortete ich dem gefesselten Najadenmann und ging den dunklen Gang hinunter.
Es war Zeit, sich mit dem Interface zu beschäftigen. Zuerst rief ich die Karte auf, machte sie halbtransparent und platzierte sie am oberen rechten Rand. Sie zeigte mir an, dass ich mich im Laderaum einer Sklavengaleere befand. Trong Taucher hinter mir erschien auf der Karte als gelbes Dreieck, während im Dunkeln vor mir drei rote Punkte auf der Lauer lagen. Ein Blick auf die Farbkennzeichnung verriet mir, dass Rot feindliche Gegner signalisierte, was ich selbst hätte erraten können. Gelb bedeutete NPCs und Spieler, deren Einstellung jemandem gegenüber unbekannt war.
Langsam und vorsichtig ging ich weiter. Es roch nach kürzlich vergossenem Blut, doch die Leichen der niedergestreckten Soldaten waren nicht verschwunden, was in den meisten Spielen nach einer bestimmten Zeit der Fall ist. Ich fühlte etwas an meinem Fuß, ein Glasgefäß rollte auf dem Boden hin und her.

Leere Phiole.
Wird benutzt, um alchemistische Elixiere aufzubewahren.

Ich hob das Gefäß auf. Vielleicht konnte es mir von Nutzen sein. Ich betrachtete es, um herauszufinden, wie es geschlossen wurde. Einige Sekunden später erschien eine Meldung:

Möchtest du Alchemie (Int, Bew) als Hauptfertigkeit wählen?

Ich war erstaunt. War es so einfach, eine Fertigkeit aufzunehmen? Keine Ausbilder oder Missionen, keine wahnsinnig teuren Schriftrollen? Alchemie konnte sehr hilfreich für mich sein. Ich würde in meinem Beruf viele Kräuter und Wurzeln finden, die ich sonst im Rohzustand für wenig Geld verkaufen musste. Stattdessen würde ich mit Alchemie wertvolle Elixiere aus den Pflanzen herstellen können, die wahrscheinlich viel mehr wert waren. Ich wählte die Option „Ja”.

Du hast Alchemie als Hauptfertigkeit gewählt.
Fertigkeitslevel: 1.
Gewählte Hauptfertigkeiten: 3 von 4

Erst jetzt erkannte ich, was ich gerade getan hatte: Ohne zu überlegen hatte ich einen der beiden übrigen Fertigkeitsplätze belegt. Und was noch schlimmer war, die Fertigkeit erhöhte Intelligenz, in der Goblins 50% langsamer als andere levelten! Das konnte erhebliche Konsequenzen haben. Was für eine idiotische Wahl!
Statt Alchemie hätte ich eine Fertigkeit wählen sollen, die Beweglichkeit und Wahrnehmung verbesserte, die Stärken meines Goblins. Wenn ich solch eine Fertigkeit auf, sagen wir, Level 100 brachte, würde ich 130 Beweglichkeitspunkte (100 x 1,3) plus 65 Wahrnehmungspunkte (50 x 1.3) erhalten. Das wären zusammen 195 zusätzliche Attributpunkte! Doch mit Alchemie auf Level 100 würde ich wegen der 50-%-Strafe auf Intelligenz nur 50 Intelligenzpunkte (100 x 0,5) und 65 Beweglichkeitspunkte (50 x 1,3) erhalten. Das waren nur 115 Punkte für meinen Charakter statt der 195, die ich hätte verdienen können, wenn ich nachgedacht hätte ...
Ich war so wütend, dass ich die verhängnisvolle Phiole am liebsten an die Wand geworfen hätte, doch ich versuchte, ruhig zu bleiben, und nahm sie mit. Ich wusste nicht genau, wo Gegenstände der Spiellogik nach gesammelt wurden. Ich trug nichts weiter als einen Lendenschurz, doch ich konnte trotzdem Gegenstände in meinem Inventar aufbewahren. Es hatte jedoch nur 8 Plätze. Das war sehr wenig, darum wollte ich einen Beutel finden, in dem ich meine Gegenstände aufbewahren konnte.
Nach einigen Schritten fand ich eine weitere Phiole und danach noch vier mehr. Dem Blut und den tiefen Kerben in einem Holztisch nach zu urteilen, musste hier vor Kurzem ein schwerer Kampf getobt haben und die Kämpfer hatten vermutlich alchemistische Elixiere benutzt, um ihre Stärke zu erhöhen oder sich zu heilen. Glücklicherweise nahmen die sechs gleichen Gefäße nur einen der 8 verfügbaren Plätze in meinem Inventar ein.
Ich kam den roten Punkten auf der Karte immer näher. Ich konnte die Feinde noch nicht sehen, doch ich bewegte mich nun etwas vorsichtiger. Genau in dem Moment erschien eine weitere Meldung:

Möchtest du Tarnung (Bew, Kon) als Hauptfertigkeit wählen?

Dieses Mal ließ ich mir mehr Zeit für meine Entscheidung. Einerseits würde Tarnung meine Stärke erhöhen, das war nützlich. Doch andererseits wären damit alle vier verfügbaren Hauptfertigkeitsplätze belegt, bevor ich überhaupt mit dem Spiel begonnen hatte. Das wäre langfristig betrachtet vielleicht nicht die beste Entscheidung für den Fortschritt meines Charakters. Außerdem durfte ich nicht vergessen, dass ich ein Vampir war. Die Spielmechanik erlaubte nicht, meine Hauptfertigkeiten vor anderen zu verbergen. Es leuchtete ein, dass man jemanden auf gewisse Art einschätzte, wenn man ihn traf, oder? Doch es würde nur zu unnötigen Fragen führen, wenn jeder Charakter, der mir begegnete, sah, dass ich die Fertigkeit Tarnung besaß. Ich sollte schließlich ein friedlicher Goblin-Kräutersammler sein. Mit etwas Bedauern lehnte ich Tarnung als Hauptfertigkeit ab, doch ich akzeptierte sie als Nebenfertigkeit. Attributpunkte wurden durch Nebenfertigkeiten nicht erhöht, doch die Fähigkeit, mich ungesehen zu bewegen, konnte für einen nachtaktiven Vampir von großem Nutzen sein. Vor allem aber konnten andere Spieler Nebenfertigkeiten nicht sehen.

Du hast Tarnung als Nebenfertigkeit gewählt.
Fertigkeitslevel: 1.

Es war einfach, in den Tarnungsmodus zu wechseln, doch es verlangsamte das Gehen meines Charakters erheblich. Ich war nicht in Eile, darum bewegte ich mich so lange wie möglich in diesem Modus. Weil ich meine Attribute im Auge hatte, entging mir nicht der Moment, als der leere Tarnungsbalken langsam anstieg. Es war die reinste Freude!
Ich zwang mich jedoch zur Zurückhaltung, denn jemand könnte mich sehen, wenn ich mich auffällig bewegte. Darum ging ich mit doppelter Vorsicht weiter in den dunklen Laderaum des Schiffs hinein.

Level-1-Ratte
Ich bemerkte sie, bevor ich sie sehen konnte.
Du hast mit der Fertigkeit Tarnung Level 2 erreicht!

Als ich auf die Meldung sah, freute ich mich, doch durch diese Unachtsamkeit stolperte ich über eine kleine Stufe, die ich nicht bemerkt hatte, und fiel der Länge nach zu Boden. In dem Moment entdeckte die Ratte mich. Das aggressive Tier sprang auf mich zu, aber ich hatte keine Waffe, mit der ich mich verteidigen konnte!

Erlittener Schaden: 4 (Rattenbiss)
Gesundheit: 6/21

Noch zwei Bisse und ich war erledigt! Ich schlug die Ratte zweimal, einmal mit der linken Hand und einmal mit der rechten. Kein Schaden, ich hatte sie verfehlt!

Erlittener Schaden: 4 (Rattenbiss)
Gesundheit: 2/21

Offensichtlich richteten meine schwachen Schläge nichts aus, darum versuchte ich, die Ratte zu beißen.

Zugefügter Schaden: 8 (Vampirbiss)
Wiederhergestellte Gesundheit: + 4 TP
Gesundheit: 6/21

Ha! Ich hatte es ihr gegeben! Was war eine kleine Ratte gegen eine schreckenerregende Kreatur der Nacht! Der nächste Biss der Ratte kostete mich weitere 4 TP meiner Gesundheit, dann war ich wieder an der Reihe.

Du hast nicht genügend Ausdauerpunkte, um Vampirbiss einzusetzen.

Ausgerechnet jetzt musste mir die Ausdauer ausgehen! Ich würde verschlungen werden! Verzweifelt versuchte ich erneut, die Ratte mit den Fäusten zu schlagen.

Zugefügter Schaden: 2 (Schlag)
Verdiente Erfahrung: 8 EP
Erhaltener Gegenstand: Rattenfleisch (Nahrung)

Als ich gefragt wurde, ob ich Faustkampf (Str, Kon) als Hauptfertigkeit wählen wollte, lehnte ich ab. Stattdessen setzte ich mich erschöpft auf den feuchten, strohbedeckten Boden. Mein Lebensbalken flackerte bedrohlich bei 2/21 TP, meine Ausdauer war auf 1/20 gesunken. Ich musste mir eingestehen, dass mein segelohriger Goblin seine Begegnung mit der Ratte nur wie durch ein Wunder überlebt hatte. Ich durfte mir keine weiteren Probleme einhandeln, das stand fest. Bevor ich mich auf die Jagd nach den anderen Ratten machte, musste ich mich vorbereiten. Zumindest musste ich meine Gesundheit und Ausdauer wiederherstellen und möglichst irgendeine Waffe finden.
Ich ruhte mich zehn Minuten lang aus und atmete tief durch. In der Zeit erhöhte sich meine Ausdauer auf 10, während meine Gesundheit dank der Regeneration und des Fleisches, das ich aß, vollständig wiederhergestellt wurde. Unmittelbar nachdem ich wieder losgegangen war, entdeckte ich ein Messer auf dem Boden.

Rostiges Küchenmesser
Schaden: (1-4) x Stärke

Das war deutlich besser, als mit bloßen Fäusten mit (1-2) x Stärke zu schlagen! Kaum hatte ich das Messer aufgehoben, schlug das System mir vor, Dolch (Str, Bew) als Hauptfertigkeit zu wählen. Ich schnaufte ungeduldig. Versucht nicht ständig, mich zu verleiten, unüberlegt zu handeln! Wenn Beweglichkeit das Hauptattribut bei dieser Fertigkeit gewesen wäre, hätte ich sie vielleicht in Betracht gezogen, doch Stärke mit der 50-%-Strafe ... Nein, danke. Alchemie mit dem Attribut Intelligenz, das mit einer Strafe belegt war, reichte mir völlig! Als Nebenfertigkeit wollte ich Dolch auch nicht wählen.
Es war aber viel einfacher, Ratten mit dem Küchenmesser zu erledigen. Ich erlitt einen 4-TP-Biss, konterte mit einem Messerstich für 6 TP und gab der Kreatur mit einem Vampirbiss den Rest. Meine Ausdauer sank wieder in den einstelligen Bereich, sodass ich mich ausruhen musste. Obwohl ich bereits gesehen hatte, dass sich eine weitere Ratte vor mir befand, war es Zeit, zu Trong Taucher zurückzukehren.
Der Fischmensch saß am gleichen Ort und war mit seiner metallenen Handschelle an die Wand gefesselt. Ich rief Trong mehrere Male beim Namen, doch es dauerte ein paar Minuten, bis er zu sich kam und antwortete.
„Sorry, ich war nicht am Computer. Wenn du so weit bist, töte mich, wie wir es besprochen haben. Dann gehe ich schnell ins Geschäft und hole mir etwas zu essen. Bitte warte auf mich, bis ich in einer Stunde respawne, okay? Zusammen schaffen wir es weiter!”
Ich erhob das Messer über der Brust des Najadenmannes und stach ihm tief zwischen die Rippen. Obwohl die Wucht des Stichs nicht schlecht war - er fügte 8 TP Schaden zu -, sank Trongs Lebensbalken nur um ein Viertel. Teufelskerl! Seine Lebenspunkte waren eineinhalbmal höher als die meines segelohrigen Goblins! Ich musste wieder und wieder zustechen. Nach dem vierten Stich blinkte Trongs Lebensanzeige in der kritischen Zone. Ich wartete und fragte den Fischmenschen, ob ich ihn wirklich töten sollte, doch ich bekam keine Antwort. Der Spieler war offenbar nicht mehr am Computer, also traf ich meine Entscheidung.
Ich hatte die Informationen in Foren gelesen. Sie besagten, dass es für die Berufe Assassine und Dieb vorteilhaft war, die Fertigkeit Verschleiern zu haben. Sie ermöglichte einem Spieler, Spielprotokolle zu entfernen oder zu modifizieren, sodass man kriminelle Handlungen vor anderen Spielern verbergen konnte. Außerdem konnte man die Dauer der Markierung als Krimineller reduzieren und sie mit der Zeit ganz löschen. Das war genau das, was ich brauchte! Ich versuchte, die letzte Spielmeldung über den Messerstich zu löschen.

Möchtest du Verschleiern (Int, Bew) als Hauptfertigkeit wählen?

Nein, Verschleiern als Hauptfertigkeit war nicht der richtige Schritt. Es wäre unklug, es an die große Glocke zu hängen, dass mein harmloser Goblin Kräutersammler dunkle Neigungen zu verbergen hatte. Doch als Nebenfertigkeit war Verschleiern mehr als hilfreich!

Du hast Verschleiern als Nebenfertigkeit gewählt.
Fertigkeitslevel: 1.
Effektzeit: 1 Minute, verbraucht 5 EP
Ich klickte auf das Verschleiern-Symbol. Nun hatte ich eine ganze Minute im Verborgenen.
Zugefügter Schaden: 6 (Vampirbiss)
Wiederhergestellte Gesundheit: + 3 TP
Verdiente Erfahrung: 80 EP
Level 2!
Freigeschaltetes Achievement: Geschmackstester (2/1000)
Freigeschaltetes Achievement: Spielertöter (1)
Freigeschaltete Volksfähigkeit: Nachtsicht (Hält 12 Stunden an, verbraucht 15 EP)
Verbesserte Volksfähigkeit: Blutlust (Erhöht den zugefügten Gesamtschaden für jede einzelne Kreatur, die durch Vampirbiss getötet wird, um + 1%. Aktueller Bonus: 2%)
Achtung! Dein Charakter wurde als Krimineller markiert! Für die nächsten 8 Stunden bist du ein legales Ziel für Angriffe!

Trong Tauchers Körper blinkte auf und wurde durchsichtig. Nein, ich hatte nicht gedankenlos gehandelt. Dieses Mal hatte ich wirklich alles einkalkuliert. Ich hatte ein Ziel gefunden, mit dem ich meine äußerst nützliche Fähigkeit Blutlust leveln konnte, also ergriff ich meine Chance. Najaden waren schließlich ein seltenes Volk. Wann würde ich wieder die Möglichkeit bekommen, sie meiner Liste besonderer Arten, die ich gebissen hatte, hinzuzufügen? Doch ich war nicht der Einzige, der die Spielprotokolle sehen konnte. Wie würde Trong Taucher reagieren, wenn er die Meldungen über seinen Tod sah und las, dass ihn ein Vampir getötet hatte? Ich musste etwas unternehmen, um mein Geheimnis zu hüten.
Wie konnte ich das Protokoll manipulieren? Es gelang mir, die Meldung, die Trong Taucher in 50 Sekunden sehen würde, zu öffnen:

Zugefügter Schaden: 6 (Vampirbiss von Spieler Amra)
Du bist gestorben.

Ich löschte sie nicht, obwohl ich es gekonnt hätte. Stattdessen änderte ich sie und ersetzte „Vampirbiss” durch „Stich mit rostigem Küchenmesser”. Das sah schon besser aus!

Du hast mit der Fertigkeit Verschleiern Level 2 erreicht!

Nicht schlecht, gar nicht schlecht! Das Leben nahm eine Wende zum Besseren! Nun musste ich nur noch die Attributpunkte zuweisen, die ich durchs Leveln erhalten hatte, und dann konnte ich mich neuen Abenteuern stellen! Übrigens waren aus irgendeinem Grund 2 der 5 Punkte automatisch verteilt worden. Meine Stärke hatte sich auf 3 und meine Konstitution auf 4 erhöht. Seltsam ...
Als ich mir die Anleitungen ansah, fand ich heraus, dass dies eine Besonderheit der Vampire war. Ob es einem gefiel oder nicht, Stärke und Konstitution wurden auf jedem Level erhöht. Damit musste ich mich abfinden, es war nicht zu ändern. Mir blieben nur 3 Attributpunkte übrig.
Ich beschloss, Charisma gleich 2 Punkte zuzuweisen. Es gefiel mir nicht, dass jede Person, der ich begegnete, mich töten wollte, weil ich so hässlich war! Nach längerem Überlegen verteilte ich meinen letzten Attributpunkt auf Intelligenz. Es wurde Zeit, schlauer als ein Stuhl zu werden!

* * *

DIE DRITTE Ratte war kein Problem mehr, sie starb nach zwei Messerstichen – ein klarer Beweis dafür, dass sich die Stärke meines Charakters verbesserte. Nachdem ich ein Stück Rattenfleisch eingesammelt hatte, ging ich weiter auf das Ende des dunklen Laderaums zu, wo eine Treppe zum Oberdeck führte. Sobald ich die erste Stufe betrat, wurde die Karte aktualisiert. Sie zeigte nicht mehr den unteren Laderaum an, sondern das Ruderdeck.
Auf dieser Etage stank es fürchterlich nach Fäulnis, schmutzigen Körpern und Blut. Der üble Geruch war so stark, dass ich fast umgekippt wäre. Mein Goblin musste sich mit seiner verletzten linken Hand die Nase zuhalten. Okay, ich hatte verstanden. Reich ohne Grenzen wurde besonders für seinen Hyperrealismus gelobt. Aber mussten sie wirklich so stark in die widerwärtigen Details gehen? Wie hatten es die Entwickler überhaupt geschafft, die schrecklichen Gerüche dieses jämmerlichen Ortes zu vermitteln? Selbst eine leichte Brise konnte den Gestank, der über dem Deck hing, nicht davontragen.
Als ich mich etwas erholt hatte, sah ich mich um. Alles deutete darauf hin, dass hier kürzlich ein Gemetzel stattgefunden hatte: getrocknetes Blut auf dem Boden, von Klingen zerschlagene Ruderbänke, Teile von Ketten und schmutzige Kleiderfetzen. Leichen waren nicht zu sehen, die Charaktere hatten es bereits geschafft, in die Spielwelt zu entschwinden. Dann sah ich auf der Karte neben den Markierungen einiger entfernter Ratten ein gelbes Dreieck. Ein Spieler? Ich näherte mich vorsichtig und entdeckte ihn oder, besser gesagt, sie.

Valerianna Schnellfuß
Waldnymphe
Level-2-Bestienmeisterin

Meine Schwester! Ich erkannte sie sofort. Valeria benutzte immer den gleichen Namen für ihren Hauptcharakter, egal, welches Spiel sie spielte. Ich ging jedoch nicht näher auf sie zu. Meine Schwester und ich hatten abgesprochen, nicht zu verraten, dass wir uns kannten. Darum kroch ich weiter und beobachtete erfreut, wie mein Tarnungsbalken immer weiter anstieg.
In der Zwischenzeit war die anmutige Nymphe mit blaugrünem Haar damit beschäftigt, auf ungewöhnliche Weise Ratten zu vernichten. Aus der Entfernung brachte sie eine Ratte mit einem Zauber unter ihre Kontrolle und setzte sie gegen die anderen ein. Ich las Valeriannas Hauptfertigkeiten:
Tiere beherrschen: Level 2
Wassermagie: Level 1
Plötzlich erstarrte Valerianna und drehte sich schnell um.
„Wer bist du?” Sie klang eher neugierig als erschreckt. Ich hatte meine Anwesenheit irgendwie verraten und war entdeckt worden. Es wäre dumm gewesen, mich versteckt zu halten, darum trat ich hervor.
„Du bist ein Krimineller! Bleib, wo du bist!”, rief die Nymphe jetzt ängstlich. Sie legte ihre Handflächen aneinander und hielt sie vor sich. Als sie sie auseinanderbewegte, entstand eine kleine, flackernde, blaue Flamme zwischen ihnen.
„Ich dir nichts tun!”, versicherte ich ihr schnell, wobei ich leise die schlechte Sprachfähigkeit meines Charakters verfluchte. „Ich beginne erst Spiel. Kette von Hand gelöst. Dann anderer Fischspieler brauchte Hilfe. Ich töte ihn, er kommt ohne Kette zurück. Er sagt, der einzige Weg. Kriegt Kette nicht ab.”
Die Nymphe, ein gut aussehendes, schlankes Mädchen in einem kurzen, grünen Umhang, konnte ein Lächeln nicht unterdrücken.
„Du bist lustig, Goblin, doch du besitzt nicht sehr viel Verstand. Willst du mir sagen, dass ihr beide nicht genug Stärke-, Beweglichkeits-, Intelligenz- oder Wahrnehmungspunkte hattet, um gemeinsam auf 7 zu kommen? Ihr hättet zusammenarbeiten können!”
Ich stutzte überrascht und verlegen. Die Idee, Trongs Kette gemeinsam aus der Wand zu reißen, war mir nicht in den Sinn gekommen. Die Dummheit meines Goblins färbte hoffentlich nicht auf mich ab! Es wäre so einfach gewesen.
Valerianna dachte einige Sekunden nach und äußerte dann mit besorgter Stimme: „Ich glaube, ich weiß, was passiert ist. Du beschreibst anscheinend einen gewöhnlichen PvP-Betrug. Du hast einen Spieler auf seine Bitte hin getötet und bist jetzt für mehrere Stunden als Krimineller markiert. Der Spieler hätte dich ganz leicht töten können, doch die Belohnung war es nicht wert, den Status Krimineller zu haben. Du würdest durch deinen Tod nichts verlieren und er würde nur 100 Erfahrungspunkte verdienen. Er wollte dir genug Zeit geben, durch Ratten und Übungsmissionen zu leveln, um dich danach zu töten. Sicher hat er dich gebeten, auf ihn zu warten, damit ihr zusammen weiterspielen könnt. Habe ich recht?”
Ich bestätigte die Theorie meiner Schwester mit einem Nicken.
„Sein Charakter muss auf PvP spezialisiert sein, verstehst du? Er hat sich wahrscheinlich auf ein Kampfattribut wie Stärke konzentriert und bereitet sich darauf vor, eine Nahkampfwaffe einzusetzen. Sicher ist er mit Konstitution auf einem hohen Level und hat auch eine hohe Anzahl von Trefferpunkten. Bist du auf Level 3, wenn er dich tötet, verdient er 300 Erfahrungspunkte anstatt nur 100. Das macht am Anfang des Spiels einen großen Unterschied. Die Punkte genügen, um Level 4 zu erreichen. Außerdem erhalten einige Völker und Klassen für das Töten von Spielern zusätzliche Erfahrung oder besondere Boni und Missionen, weshalb dein neuer Freund dich auf alle Fälle töten will. Auf diese Weise ist er auf einem ziemlich hohen Level, wenn er in die Hauptspielwelt kommt, und hat außerdem noch eine reine Weste.”
Valeria hatte ihren VR-Helm abgenommen, das Forum von Reich ohne Grenzen geöffnet und die Informationen daraus vorgelesen. Das bedeutete, dass Trong Tauchers Vorschlag, ihn zu töten, eine Falle gewesen war. Er plante, mich nach seiner Rückkehr zu töten, doch vorher sollte seine Beute etwas Übung bekommen, damit sie mehr wert war, wenn er sie zur Strecke brachte.
„Ist es ein Geheimnis, welchem Volk er angehört?”, fragte die Nymphe, während sie eine weitere Ratte auf ihre Artgenossen hetzte.
„Najade, Taucher”, antwortete ich.
Meine Schwester versank in Gedanken. Während sie bewegungslos dastand, kämpfte die Ratte unter ihrer Kontrolle weiter gegen ihre ehemaligen Freunde. Ich war überrascht, als der Körper der bewegungslosen Nymphe in verschiedenen Farben zu glitzern begann. Eine ihrer Fertigkeiten musste leveln. Ich warf einen Blick auf ihre sichtbaren Attribute. Richtig, Valerias Fertigkeit Tiere beherrschen hatte Level 3 erreicht. Noch während ich ihre Statistik prüfte, kehrte meine Schwester ins Spiel zurück.
„Nur zu deiner Information: Najadentaucher sind das Gleiche wie menschliche Krieger oder zwergische Berserker. Sie erhalten 10 Lebenspunkte zusätzlich für jeden Konstitutionspunkt und bekommen die doppelte Anzahl von Ausdauerpunkten sowie einen zusätzlichen Bonus auf Stärke für das Ausführen verschiedener Kombinationsangriffe.“
„Ich laufe weg?”, fragte ich, doch die Nymphe schüttelte den Kopf. Sie wollte wissen, wie lange es noch dauern würde, bis der Najadenmann respawnte. Ich warf einen Blick auf die Zeitanzeige und machte ihr verständlich, dass er in 40 Minuten zurückkehrte.
„Lauf nicht weg, Goblin. Wenn er wirklich angreift, helfe ich dir. Ich mag Schwindler und Betrüger nicht. Doch ich greife nur ein, wenn er dich zuerst angreift. Fürs Erste bringe ich meine Fertigkeit Wassermagie auf Level 2, dadurch erhöht sich meine Intelligenz durch die Hauptfertigkeiten-Boni auf 17.”
Ich verstand nicht gleich, was sie sagte. Valerianna war bereits auf Level 2 und hatte Intelligenz auf 17 heraufgelevelt. Wie hatte sie das geschafft? Es war mir gelungen, meine Beweglichkeit, Intelligenz und Konstitution auf Level 4 zu bringen, doch ich hatte kein anderes Attribut höher gesteigert als 4.
Sie erklärte eifrig: „Nymphen erhalten einen Bonus, wenn wir in Charisma und Intelligenz ein höheres Level erreichen, und ich habe meinen Charakter vor allem auf Intelligenz ausgerichtet. Außerdem verbessern meine zwei vorgegebenen Hauptfertigkeiten zuerst Intelligenz. Ich konnte die Handschellen einfach von meinem Handgelenk abnehmen, weil ich sofort herausgefunden habe, wie der Verschluss funktioniert. Ich habe ihn einfach geöffnet.”
Nach diesen Worten rief die Nymphe die Ratte zu sich, die unter ihrer Kontrolle stand. Ich bemerkte, dass das Tier etwas gewachsen war. Es war im Kampf gegen andere Ratten auf Level 2 aufgestiegen. Valerianna befahl dem Tier, sich hinzusetzen, schoss einen eisblauen Pfeil auf eine weit entfernte, kaum sichtbare feindliche Ratte ab und tötete sie mit einem Schuss. Bei zwei Ratten in der Nähe hatte sie den gleichen Erfolg. Wieder leuchtete die Nymphe in bunten Farben auf. Ihre Fertigkeit Wassermagie hatte Level 2 erreicht.
„Cool, noch ungefähr 50 Erfahrungspunkte und ich bin auf Level 3!” Die Nymphe lachte erfreut. „Amra, ich muss mich etwas ausruhen, um mein Mana wiederherzustellen. Danach kann ich bis zu 9 Eispfeile abschießen, die jeweils durchschnittlich 40 Punkte Schaden verursachen. Egal, auf welchem Level die Konstitution deines Najadenfreundes ist, das überlebt er nicht. Doch es ist sehr wichtig, dass du ihn nicht in meine Nähe kommen lässt. Ich habe nur 11 TP, er braucht mich bloß anzuspucken und ich bin tot. Übrigens, warum levelst du nicht auch? Es sind noch einige Ratten übrig, hol sie dir.”
Ich nickte gehorsam und ging los. Meine Gedanken waren jedoch weit von den Ratten entfernt. Ich konnte nur an den Angriff von Trong Taucher denken. Valerianna hatte versprochen, einzugreifen, falls der Najadenmann angreifen würde, doch ich musste trotzdem ein oder zwei Treffer des Fischmenschen überleben. Und wenn sein Charakter wirklich auf PvP spezialisiert war, einschließlich aller Modifikatoren für das Zufügen von Schaden, dann ... Ich fragte mich, wie viel Schaden er mit einem Treffer verursachen konnte. Wahrscheinlich war es nicht weniger als die Nymphe mit ihrer Magie. Meine Schwester hatte etwas von 40 Trefferpunkten pro Eispfeil gesagt. Wie konnte ich den Angriff überleben, wenn ich 40 TP als Richtwert nahm? Ich selbst hatte nur 27 Punkte. Konnte ich es schaffen, auszuweichen? Das erschien mir der einzige Ausweg zu sein.
Als sich die nächste Level-1-Ratte auf mich stürzte, stach ich nicht gleich zu, sondern sprang zurück und zur Seite.

Möchtest du Ausweichen (Bew, Wah) als Hauptfertigkeit wählen?
Die Fertigkeit levelte Beweglichkeit und Wahrnehmung, meine stärksten Attribute! Genau das, was ich brauchte! Ich wählte sie sofort.
Du hast Ausweichen als Hauptfertigkeit gewählt.
Fertigkeitslevel: 1
Gewählte Hauptfertigkeiten: 4 von 4
Auf Level 10 kannst du eine fünfte Hauptfertigkeit wählen.

Bevor ich die Ratte tötete, schaffte sie es, mich einmal zu beißen, doch das war nicht schlimm. Gesundheitsregeneration würde die Wunde heilen. Ich bemerkte, dass die Fertigkeit Ausweichen meine Beweglichkeit auf 5 erhöht und meine Wahrnehmung etwas verbessert hatte.
Von meinen vier Hauptfertigkeiten war bis jetzt nur Ausweichen aktiviert worden. Die anderen waren grau hinterlegt und inaktiv, sie hatten noch keinen Einfluss auf meine Attribute. Es lag vielleicht daran, dass ich sie noch nicht eingesetzt hatte.
Ich nahm eine leere Phiole aus meinem Inventar und füllte sie mit dem Blut der toten Ratte.

Rattenblut (alchemistische Zutat)

Die Fertigkeit Alchemie leuchtete auf. Meine Intelligenz und Beweglichkeit erhöhten sich sofort, doch nicht sehr viel. So funktionierte es also! Um eine Hauptfertigkeit zu aktivieren, damit sie die Attribute verbesserte, musste man sie einmal benutzen! Welche anderen Attribute waren noch nicht aktiviert? Kräuterkunde und Handel. Mit Kräuterkunde musste ich noch etwas warten. Wir befanden uns auf einer Galeere, an Bord des Schiffs würde ich keine Pflanzen finden. Aber mit Handel war es ganz einfach. Ich kehrte zu meiner Schwester zurück und versuchte, ihr das Gefäß mit Rattenblut zu verkaufen.
Valerianna schüttelte sich voller Abscheu und lehnte natürlich ab. Doch der Gegenstand musste nicht tatsächlich verkauft werden. Zufrieden stellte ich fest, dass Handel ebenfalls aktiviert war und mein Charisma um einen ganzen Punkt erhöht hatte. Damit verbesserte sich meine Intelligenz auch etwas. Ich goss das Blut auf den Boden, denn ich hatte noch keinen Verschluss für die Phiole gefunden.
Die nächsten zehn Minuten verbrachte ich damit, der letzten Ratte zu entkommen, denn ich wollte meine Fertigkeit Ausweichen schnell auf 3 steigern. Von Bissen übersät und unglaublich zufrieden mit mir kehrte ich zu meiner Schwester zurück.
„He, Segelflieger, brauchst du noch viele Punkte bis Level 3?”, fragte die Nymphe mit gelangweiltem Blick. Sie saß auf einer Ruderbank und starrte auf ihre gepflegten Fingernägel.
„Habe 340 Erfahrung. Will 500”, teilte ich ihr mit.
Meine Schwester warf mir einen missbilligenden Blick zu und sah ärgerlich aus. „Erhöhe deine Intelligenz auf mindestens 5. Es ist schwer, dich zu verstehen. Aber das kannst du später tun. Jetzt hör mir gut zu, Segelohr. Wir müssen das Oberdeck der Galeere erreichen. Ich habe in den Anleitungen eine Beschreibung dieses Ortes gefunden. Dort oben tobt das Meer. Die Wellen krachen gegen das beschädigte Schiff. Wenn du nicht genug Beweglichkeit hast, waschen sie dich über Bord. Dann verlierst du Erfahrung und musst eine Stunde am Spawnpunkt warten. Oder kannst du schwimmen, Amra?”
„Kein Schwimmen. Genug Beweglichkeit.”
„Bist du sicher? Also gut. Ich habe einen Unterwasser-Atemzauber, ich sinke einfach auf den Boden. Dein Najadenfreund ist ein Meereswesen, darum ertrinkt er nicht. Aber du musst das Boot trotz der Wellen und des Wetters mit einem Kran hinunterlassen und dann ans Ufer rudern. Das ist eine Nebenquest, du erhältst dafür 100 Erfahrungspunkte. Wenn du das Ufer erreichst, ist sowohl die Neben- als auch die Hauptübungsmission abgeschlossen. Dafür bekommst du noch einmal 300 Erfahrungspunkte. Sobald du das Ufer betrittst, erreichst du Level 3. Aber ruh dich nicht einfach aus, wenn du dort angelangt bist. Lauf so schnell wie möglich vom Ufer weg oder bereite dich auf einen Kampf vor. Der Taucher greift dich sicher an, darum pass gut auf, verstanden? Dann machen wir uns jetzt auf den Weg nach oben. Lass das Boot ohne meine Hilfe hinunter, damit alle Erfahrungspunkte an dich gehen, sonst erreichst du Level 3 nicht und bist zu schwach, dich dem Najadenmann zu stellen.”

* * *

MEINE SCHWESTER kannte sich wirklich aus. Ohne ihre Warnung wäre ich über Bord gespült worden, als wir das Oberdeck erreichten. Mithilfe eines straffen Seils, an dem ich mich sofort festhielt, schaffte ich es, mich auf dem Schiff zu halten, obwohl ich von einer Woge umgeworfen wurde. Die orkische Galeere krachte in eine Felswand und wurde zwischen Gestein eingekeilt. Riesige Wellen rollten über das Deck und nahmen allen möglichen Müll, Fässer, zerbrochene Ruder und Möbel mit sich.
Auf dem hinteren Teil des zerschellten Schiffs entdeckte ich das Beiboot, das dieses Chaos auf wundersame Weise unbeschädigt überstanden hatte. Um zu ihm zu gelangen, musste ich über das rutschige, schräge Deck laufen, das ständig von schäumenden Wellen überspült wurde.
„Ich warte am Ufer auf dich!”, rief meine Schwester mir zu, bevor sie in die Tiefe gezogen wurde.
Die Level-2-Ratte, die unter der Kontrolle meiner Schwester stand, schwamm an mir vorbei. Sie hatte die Verbindung zu ihrer Herrin verloren und war wieder als aggressiv markiert. Doch sie war nicht im Geringsten an mir interessiert. Sie ruderte verzweifelt mit ihren Pfoten und versuchte, gegen die tobenden Elemente anzukämpfen. Nachdem eine Welle verebbt war, rannte ich über das schräge Deck auf das Beiboot zu.

Die Prüfung deiner Beweglichkeit war positiv.
Verdiente Erfahrung: 8 EP

Bevor der nächste Brecher in das beschädigte Schiff krachen konnte, gelang es mir, den offenen Bereich zu überqueren und mich an der Seite des leinenbespannten Beibootes festzuklammern.

Erhaltene Mission: Das Beiboot benutzen
Missionskategorie: Freigestellt, Training
Belohnung: 80 EP, kleiner Beutel

Das Beiboot war an ein paar Seile gebunden, die zu einem Kran an der Seite des Schiffs führten. Am Kran befand sich eine Kurbel, die ich drehen musste, um das zerbrechliche Beiboot zu Wasser zu lassen. Während ich die Kurbel betätigte, waren meine Empfindungen unglaublich realistisch. Ich vergaß vollkommen, dass ich mich in einem Spiel befand. Der Sturm, das Knirschen der gedehnten Seile, die schäumenden Wellen, die Kälte und der Geruch von Seetang schafften eine äußerst realitätsnahe Umgebung. Meine verletzte linke Hand brannte im salzigen Meerwasser wie Feuer. Es war anstrengend, die Kurbel nur mit meiner gesunden Hand zu drehen, bis das Boot endlich das Wasser erreichte.
„Da bist du ja, Goblin!” Trong Tauchers Stimme ertönte hinter mir.
Ich drehte mich um. Der Najadenmann grinste breit und setzte sich auf die Seitenwand der Galeere.
„Dieses Wetter ist genau das Richtige für mich. Ich liebe das stürmische Meer. Gut, du ruderst im Boot und ich schwimme unter Wasser. Wir treffen uns am Ufer.”
Mit diesen Worten sprang der Fischmensch über Bord. Auf einmal sah ich, dass er einen Dreizack in der Hand hielt. Ich wusste nicht, woher er ihn bekommen hatte, doch er besaß jetzt eine Waffe. Es sah nicht gut aus für mich!
Ich ließ das Seil los und ergriff das Ruder. Verflixt! Mit meiner linken Hand allein konnte ich nicht rudern, darum zog ich es aus dem Ring und ergriff es mit beiden Händen. Auf diese Weise war es viel einfacher. Beim Rudern verlor ich nach und nach Ausdauerpunkte, doch darüber machte ich mir keine Sorgen, denn ich hatte noch viele übrig. Ich navigierte um zerklüftete Felsen herum, die aus dem Wasser ragten, und steuerte das Boot auf eine Lagune zu. Hinter den Riffen, die als natürliche Wellenbrecher dienten, war das Meer viel ruhiger. Einige Minuten später erreichte ich eine Sandbank, die sich wie ein dünnes Band ins Meer zog. Meine Schwester wartete am Ufer auf mich und winkte schon von Weitem. Sobald mein Fuß den nassen Sand berührt hatte, leuchtete mein Körper auf:

Die Mission „Das Beiboot benutzen” ist abgeschlossen.
Verdiente Erfahrung: 80 EP
Die Mission „Flucht von der Sklavenhändler-Galeere” ist abgeschlossen.
Verdiente Erfahrung: 80 EP
Level 3!
Freigeschaltete Volksfähigkeit: Apathie der Unsterblichen (hält 3 Stunden an, verbraucht 20 EP)

Na gut, aber wo war mein Beutel? Ich sah unter der Ruderbank nach und fand einen Leinenbeutel zum Umhängen.

Kleiner Beutel: + 10 Inventarplätze

Ich wollte meine neuen Attributpunkte verteilen, bevor Trong ans Ufer kam. Stärke und Konstitution erhöhten sich standardgemäß, von den übrigen 3 Punkten wies ich Konstitution noch 1 und Beweglichkeit 2 Punkte zu. Jetzt hatte ich 39 Trefferpunkte.
Gerade war ich mit dem Verteilen fertig, da tauchte Trong Taucher aus dem Meer auf und kam auf die Sandbank. Sein Körper leuchtete ebenfalls in bunten Farben, auch er hatte Level 3 erreicht. Als der Fischmensch mich böse angrinste, entdeckte ich mehrere Reihen nadelspitzer Zähne. Plötzlich klappte er seine leuchtend roten Rückenflossen auf und kreischte wütend. Er hatte die andere Spielerin entdeckt, die sich nicht weit von mir befand.
„He, das ist meine Trophäe!”, rief Trong Taucher und zeigte mit seinem Dreizack auf mich. „Ich habe ihn seit dem Beginn des Spiels gehütet!”
Die Nymphe antwortete dem hinterlistigen Najadenmann nicht. Stattdessen erschien zwischen ihren Handflächen die helle, blaue Flamme eines Zaubers, den sie wirkte.
„In Ordnung, wir können ihn uns teilen”, schlug Trong Taucher vor, doch dann griff meine Schwester an.
Der Eispfeil pfiff los, überbrückte die Entfernung zwischen den beiden und zerbrach in vielen Teilen auf den Schuppen des Najadenmannes. Seine Gesundheit fiel sofort um ein Viertel. Der Zauber, der 40 Trefferpunkte wert war, hatte sie aber nur um ein Drittel reduziert! Wie viele Trefferpunkte hatte Trong Taucher?
„Das hast du wohl nicht erwartet, Nymphe, was?”, lachte der Fischmensch hämisch. „Ich verfüge über eine natürliche Resistenz gegen Wassermagie!”
Trong Taucher nahm seinen Dreizack fest in die Hand und stürmte auf meine Schwester zu, um sie daran zu hindern, einen weiteren Zauber zu wirken. Ohne zu überlegen rannte ich ihm nach. Auf halbem Weg wurde der Najadenmann plötzlich von einer Level-1-Krabbe blockiert, die aus dem Meer auf die Sandbank krabbelte. Er verlangsamte seine Schritte und erledigte das unerwartete Hindernis mit einer schnellen Bewegung seines Dreizacks. Doch diese kleine Verzögerung reichte aus, um ihn einzuholen und ihm mein Messer in den Rücken zu stoßen.

Zugefügter Schaden: 9 (11 Stich mit rostigem Küchenmesser - 2 Rüstung)

Trong Tauchers Lebensbalken sank, jedoch nur um 10 Prozent. Wenn ich die Fertigkeit Dolch gewählt hätte, wäre mein Stich in den Rücken vielleicht ein kritischer Treffer gewesen. Doch so war Trong wahrscheinlich eher von meiner Frechheit überrascht als durch meinen Angriff verletzt. Er drehte sich zu mir um.
„Jetzt habe ich dich, Amra! Du kannst dich nirgends mehr verstecken!”
In dem Moment flog noch ein Eispfeil in den Rücken des Fischmenschen und reduzierte seine Gesundheit auf 40 Prozent. Die Farbe seines Lebensbalkens wechselte von grün auf gelb. Trong Taucher zuckte vor Schmerz zusammen. „Das hat nichts zu bedeuten. Ich überlebe ohne Probleme noch einen dieser Eiszapfen-Angriffe und dann habe ich zwei nette Trophäen: dich und die Nymphe! Die 60 Erfahrungspunkte, die ich dabei verdiene, sind genug, um mich direkt auf Level 5 zu bringen!”
Mit diesen Worten machte der Najadenmann einen Satz nach vorne und stach mir mit seinem Dreizack in die Brust. Ich versuchte, dem Angriff auszuweichen, doch es gelang mir nicht. Mistkerl! Das tat verdammt weh!

Erlittener Schaden: 34 (Dreizack-Stoß von Spieler Trong Taucher)
Gesundheit: 5/39

Durch den stechenden Schmerz verpasste ich die Chance, ihn erneut zu treffen. Der Fischmensch sprang von mir weg, sodass ich ihm keinen weiteren Messerstich versetzen konnte. Glücklicherweise zögerte meine Schwester nicht und schoss meinem Angreifer noch einen magischen Eispfeil in den Rücken. Trong Tauchers Gesundheit blinkte rot, doch er lächelte nur unheimlich.
„Ha! Ich habe überlebt! Jetzt bist du tot und ich bekomme alle Gesundheitspunkte zurück, nachdem ich gelevelt habe!” Trong sprang wieder auf mich zu und stieß mit seinem Dreizack zu.
Mit einem unglaublichen Sprung und anschließendem Salto vorwärts entkam ich den scharfen Spitzen in seiner erhobenen linken Hand. Durch diese Aktion sanken meine Ausdauerpunkte erheblich. Weil er so dicht bei mir stand und wir gleich groß waren, stach ich ihm unvermittelt in seine fein geschuppte Kehle.

Zugefügter Schaden: 16 (18 Stich mit rostigem Küchenmesser - 2 Rüstung)
Verdiente Erfahrung: 120 EP
Du hast mit der Fertigkeit Ausweichen Level 4 erreicht!
Möchtest du Akrobatik (Bew, Str) als Nebenfertigkeit wählen?

Das war es also! Bei meinem Versuch, dem sicheren Tod auszuweichen, der auf meine Brust zusteuerte, hatte ich nicht nur Ausweichen eingesetzt, sondern auch Akrobatik! Was sollte ich tun? Die Fertigkeit war zum Überleben von Nutzen, daher wählte ich sie. In der Ferne leuchtete die Nymphe wieder auf, sie hatte bereits Level 4 erreicht.
Nachdem die Formalitäten erledigt waren, sah ich mich um. Trong Tauchers Leiche lag im flachen Wasser und leuchtete leicht. Ich beugte mich zu ihr hinunter und versuchte, den Dreizack aufzuheben, der im Sand lag, doch meine Finger griffen durch den Gegenstand hindurch. Offensichtlich war die Waffe nach den Regeln der Spielwelt nicht gedroppt worden, sie befand sich noch in seinem Inventar. Das war zu schade. Ich sah mir meinen besiegten Feind an. Es war nicht nötig, seine Leiche zu durchsuchen. Stattdessen öffnete sich das Trophäenfenster. Meine Beute bestand aus 3 Silbermünzen, 2 leeren Phiolen und einer mit einem Korken verschlossenen Phiole, die eine blassblaue Flüssigkeit enthielt.

Deine Intelligenz reicht nicht aus, um den Gegenstand zu identifizieren.

In Ordnung, ich würde es später herausfinden oder sie meiner Schwester zeigen. Ich ging zu Valerianna. Die Waldnymphe war verärgert.
„Meine Tiere sterben zu schnell, die Ratten genauso wie die Krabben. Ich bin vielleicht eine schöne Bestienmeisterin! Ich kann Tiere noch nicht mal unter meiner Kontrolle behalten! Und jetzt habe ich eine rote Markierung als Kriminelle über mir. Ich musste den Najadenmann präventiv angreifen, das bedeutet, dass ich ein Verbrechen begangen habe. Jetzt bleibt mein Charakter 8 Stunden in der Spielwelt, auch wenn ich das Spiel verlasse. Hast du dir die Karte mal angesehen?”
Ich schüttelte den Kopf. Als ich einen Blick darauf warf, bemerkte ich, dass nur ein winziger Kreis als entdecktes Gebiet aufleuchtete: das Meeresufer und unsere beiden Charaktere. Außerdem sah ich eine riesige, schwarze Masse, die unentdecktes Territorium darstellte. Ich vergrößerte den Maßstab, doch es waren keine anderen Markierungen auf der Karte zu erkennen. Unser kleiner Kreis wurde nur immer kleiner, bis er ein winziger Punkt war. Die Worte auf der Karte gaben auch keine Informationen:

Koordinaten: ???
Region: ???

„Du verstehst es also”, sagte die Nymphe, als sie den bestürzten, verwirrten Blick auf meinem grünen Gesicht sah. „Wir befinden uns am Ende der Welt und der einzige bekannte Spawnpunkt ist auf der zerschellten Galeere, zu der ich wirklich nicht wieder zurückkehren will. Leider ist es heute bewölkt und es dauert nicht mehr lange, bis es dunkel wird. Wir können nicht mehr viel machen, bevor die Nacht anbricht. Dann ist unser Leben hier draußen in großer Gefahr. Es gibt keinen Grund, am Ufer zu bleiben. Wir müssen uns einen sichereren Ort suchen. Vielleicht haben wir Glück und finden andere Spawnpunkte. Dann wäre es nicht so schlimm, wenn wir sterben, denn wir müssten nicht wieder von der stinkenden Galeere entkommen.”
Ich stimmte Valerianna zu: hierzubleiben war dumm. Also marschierte ich los, gefolgt von der Waldnymphe. Wir gingen den Sandstrand hinunter und als wir gerade die dunklen Büsche erreicht hatten, blinkte eine Meldung vor unseren Augen auf:

Herzlichen Glückwunsch, du hast die Übungsmission erfolgreich abgeschlossen!

Willkommen bei Reich ohne Grenzen!

Gefährliche Nacht



„ES IST DEINE Entscheidung, Segelohr. Sollen wir zusammenbleiben oder uns trennen?” Meine Schwester spielte ihre Rolle in unserem ursprünglichen Täuschungsmanöver weiter, um potenziellen Beobachtern vorzumachen, dass wir uns nicht kannten und uns nur zufällig getroffen hatten. Gutes Mädchen. Sie war erst vierzehn Jahre alt, doch ich hätte mir keinen besseren Partner wünschen können.
Ich musste nicht lange überlegen. „Zusammen gut. Wir zwei zusammen heute Nacht, sterben nicht”, antwortete ich der Waldnymphe.
Ihr Gesicht leuchtete auf. „Großartig! Um ehrlich zu sein, ich habe Angst im Dunkeln. Ich weiß, dass es dumm ist, besonders weil ich in einem Computerspiel bin, aber ich kann es nicht ändern. Jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, um zu entscheiden, wie wir unsere Fertigkeiten am besten ergänzen können. Ich werde Kartografie als Hauptfertigkeit wählen ...”
Pflanzen! In diesem Moment fühlte ich mich wahrscheinlich wie ein Casinobesucher, der den Jackpot gewonnen hatte. Ich vergaß alles um mich herum und stürzte mich auf einen unscheinbaren Strauch mit breiten, gelappten Blättern und unreifen, grünlich-roten Beeren. Meine Fertigkeit Kräuterkunde war endlich aktiviert, sodass sich meine Wahrnehmung auf 5 und meine Beweglichkeit auf 12 erhöhte.
Im Gegensatz zu den anderen Bäumen und Sträuchern in der Nähe leuchtete diese Pflanze grün auf, wenn ich mich näherte, und zeigte damit an, dass ich mit ihr interagieren konnte. Ich riss eine Dolde unreifer Beeren ab.

Sumpf-Johannisbeere (alchemistische Zutat)
Verdiente Erfahrung: 4 EP

Mein Kräuterkunde-Balken stieg um 10%. Toll! Noch 9 weitere Beerendolden, dann würde ich Level 2 erreichen! Aber gleich nachdem ich einen Ast heruntergezogen hatte, verlosch das Leuchten. Ich konnte keine Beeren mehr pflücken, sondern musste nach anderen nutzbaren Pflanzen suchen.
„Konzentriere dich, Segelohr!”, rügte meine Schwester mich. Es gefiel ihr nicht, dass ich mich von einem Beerenstrauch ablenken ließ.
Doch ich hatte nichts falsch gemacht und versuchte, meine Handlung zu erklären. „Pflanzen helfen Punkte verdienen. Wahrnehmung besser, gutes Sehen in Nacht. Finde ich 9 Kräuter, dann sind Sinne viel besser.”
Mein visueller Radius hatte sich merklich vergrößert, als sich meine Wahrnehmung auf 5 erhöhte. Dadurch verbesserten sich auch unsere Chancen, die Nacht in diesem Wald zu überleben, in dem es von gefährlichen Bestien nur so wimmelte. Meine vorrangige Aufgabe war also, Kräuterkunde auf Level 2 zu bringen und meine Wahrnehmung zu verbessern.
Trotz meiner verworrenen Erklärung verstand Valerianna mich. „In Ordnung, Amra. Sammle deine Kräuter und erhöhe dein Level in Wahrnehmung. Das ist für uns beide hilfreich. Meine Hauptfertigkeit Kartografie steigert Intelligenz und verbessert den Lichtradius auf der Karte, sodass wir vielleicht nützliche Orte entdecken können. Doch weit zu sehen ist nicht das einzig Wichtige. Wir müssen auch sichergehen, dass wir nicht von Feinden gesehen werden. Darum wähle ich Tarnung als Nebenfertigkeit. Das und mein Volksbonus als Nymphe von - 50% auf Entdeckungsradius sollte genügen, um gefährlichen Situationen aus dem Weg gehen zu können. Du hast ebenfalls Tarnung gewählt, das habe ich bei unserem ersten Treffen sofort bemerkt. Deine Beweglichkeit ist besser als meine, darum mache ich mir keine großen Sorgen um dich. Deaktiviere aber die leuchtenden Farben beim Leveln in den Spieleinstellungen. Was nützt es, wenn wir unsichtbar sind, aber du levelst im ungünstigsten Moment und leuchtest auf wie ein Christbaum?”
Das war ein guter Rat. Ich rief das Menü der Spieleinstellungen auf, wählte das Fenster „Visuelle Effekte” und deaktivierte alle bunten Lichteffekte. Die vielen kleinen, farbenfrohen Lichter sahen zwar sehr schön aus, doch sie waren völlig unangebracht, wenn man versuchte, unentdeckt durch einen Wald zu schleichen.
Ich hatte auch eine weitere nützliche Eigenschaft nicht vergessen, über die ich verfügte: Als ich ein Level-2-Vampir wurde, hatte ich die Fertigkeit Nachtsicht erhalten. Ich erwähnte nichts davon, doch als es dunkel wurde, aktivierte ich sie für 15 Ausdauerpunkte. Die Farben der Welt wurden kontrastreicher, ich konnte in der Ferne deutlich eine Silhouette erkennen. Es musste eine Waldkreatur sein.
„Ich sehe Feind. Totenschädel über ihm”, flüsterte ich der Nymphe zu.
Sie antwortete mir ebenso leise: „Ein roter Totenschädel über einer Bestie bedeutet, dass sie über 20 Level höher ist. Wir gehen der Kreatur also besser aus dem Weg. Bei einem schwarzen Totenschädel sind es mehr als 50 Level und wir sind erledigt.”
Der Totenschädel war rot. Es hätte noch schlimmer sein können, doch wir machten trotzdem einen weiten Bogen um den Feind. Während wir uns durch den Wald bewegten, beobachtete ich mit unverhohlener Überraschung, wie schnell mein Tarnungsbalken anstieg. Ich brauchte nur noch wenige Punkte, um mit der Fertigkeit Level 3 zu erreichen, darum wollte ich absichtlich noch einige Minuten dort bleiben, doch meine Schwester zog mich weiter.
„Das ist sicher nicht das einzige Monster in diesem Wald, Amra, und wenn wir um jedes einzelne einen großen Bogen laufen müssen, kommen wir hier niemals raus. Gemäß den Regeln von Reich ohne Grenzen wird es in einer Minute Nacht. Dann werden sich hier noch mehr gefährliche Bestien herumtreiben.”
Ich warf einen Blick auf den Timer: Nur noch ein paar Sekunden bis 21 Uhr. Kurz danach erschienen einige Meldungen auf meinem Bildschirm:

Es ist gefährlich, sich bei Nacht außerhalb einer Stadt aufzuhalten.
Erhaltene Mission: Die Nacht überleben
Missionskategorie: Einmalig, persönlich
Belohnung: 160 EP, + 2 Attributpunkte
Zusätzlich erhaltene Mission: Eine sichere Unterkunft finden
Missionskategorie: Freigestellt
Belohnung: 80 EP, 1 zufälliger Ausrüstungsgegenstand

Ich bemerkte, dass meine Schwester auch erstarrt war. Sie hatte sicher gerade die gleichen Meldungen erhalten. Die Nymphe drehte sich zu mir um und flüsterte: „Wenn ich beide Missionen abschließe, verdiene ich genug Erfahrung, um Level 5 zu erreichen. Von jetzt an kein Wort mehr, wir gehen den Rest der Nacht im Tarnungsmodus. Die meisten nachtaktiven Feinde brauchen dich nicht zu sehen, um dich zu finden. Sie verlassen sich bei der Jagd auf ihre Ohren.“

* * *

DEN ENTWICKLERN von Reich ohne Grenzen war es gelungen, die Atmosphäre eines gespenstischen, sumpfigen Waldes perfekt nachzubilden. Überall um uns herum konnte ich Raubtiere heulen und brüllen hören. Ab und zu hörte ich einen Schrei über mir und dann ein boshaftes Lachen, sodass mir vor Angst das Blut in den Adern gefror. Mehrere Male bemerkte ich aus dem Augenwinkel ein paar unheimliche Silhouetten, die vorbeihuschten. Jede von ihnen hatte einen roten Totenschädel über ihrem Kopf. Meine Schwester und ich mussten ständig die Richtung wechseln oder uns in den knorrigen Wurzeln uralter Bäume verstecken, bis die Gefahr vorüber war.
Der Wald war voller Monster, doch wie durch ein Wunder gelang es uns, unbemerkt zu bleiben. Wir hatten panische Angst, uns durch unsere Schritte, Atemzüge oder sogar unseren Herzschlag zu verraten. Als Valerianna auf einen trockenen Ast trat und er zerbrach, machte ich mir vor Angst fast in die Hose.
Trotz allem war ich schlau genug, unterwegs einige Pflanzen wie Sumpf-Johannisbeeren, Sumpf-Brombeeren und Sumpf-Zinnkraut zu sammeln. Als ich mit Kräuterkunde Level 2 erreicht hatte, vergrößerte sich gleich die Auswahl an wertvollen Kräutern und Beeren, die ich fand. Auf Level 3 waren bitteres Maiglöckchen, wilde Heide, bitterer Wermut und wilder Klee schon nichts Neues mehr. Ich war froh, dass ich einen Beutel erhalten hatte, denn mein Inventar verfügte nicht über genügend Plätze, um die vielen verschiedenen Kräuter aufzubewahren.
Irgendwann tippte die Waldnymphe mir vorsichtig auf die Schulter und zeigte auf einen schwarzen Fleck, der sich in der Ferne abzeichnete. Gefahr? Wie sich herausstellte, war es nichts dergleichen. Meine Schwester bestand darauf, in Richtung des Flecks zu gehen. Es dauerte nicht lange, bis ich verstand, warum es sie dorthin zog. Auf der Karte der Umgebung war eine Markierung von drei grauen, ineinandergreifenden Ringen zu sehen. Ein interaktiver Hinweis erklärte uns, dass das Symbol einen Spawnpunkt anzeigte.
Plötzlich sahen wir einen riesigen Wolf auf uns zukommen, der so groß war wie ein Kalb. Bevor er uns entdecken konnte, versteckten wir uns hinter einem zerzausten, von Flechten bedeckten Baum. Dann rannten wir zu dem Ort, der auf der Karte markiert war. Als wir uns näherten, fühlte ich, wie der Boden unter unseren Füßen zu beben begann. Ich konnte eine natürliche Kraft spüren. Ein riesiger Felsen, der aus einem Hügel ragte, war das Zentrum dieser Naturerscheinung. In den Felsen waren überall Runen in einer mir unbekannten Sprache eingeritzt. Sie waren alt und abgenutzt.
„Hier können wir wieder sprechen”, versicherte meine Schwester mir. „NPCs kommen nicht in die Nähe von Spawnpunkten, das erlaubt die Spielmechanik nicht. Die einzigen Leute, auf die du an diesen Orten achten musst, sind Spielercharaktere. Gemeine Leute provozieren ihre Opfer häufig, eine Gewalttat zu begehen, oder verleiten sie zum Diebstahl, damit sie als Kriminelle markiert werden. Dann können sie die armen Teufel ungestraft töten und warten am Spawnpunkt, bis sie zurückkommen, um sie immer wieder zu töten, Erfahrung zu verdienen und gedroppte Gegenstände zu sammeln. Doch du bist nicht gemein, Amra, oder? Kann ich das Spiel verlassen? Es ist sicher hier, ich überlebe die Nacht. Ich möchte die Nebenquest natürlich abschließen, aber ich bin so müde, dass mir langsam die Augen zufallen.”
„Nymphe kann schlafen. Amra nicht böse, kein schlechter Goblin”, beteuerte ich Valerianna, doch ich war etwas beunruhigt darüber, dass meine Schwester mich für eine Weile verlassen würde.
Natürlich konnte ich sie verstehen. Es war bereits nach Mitternacht, das vierzehnjährige Mädchen hätte schon längst schlafen sollen. Normalerweise brachte ich sie gegen 21 oder 22 Uhr ins Bett. Heute war es schon viel später als ihre normale Schlafenszeit.
Die kleine Nymphe setzte sich auf einen warmen Felsvorsprung und schloss die Augen. Als ich ihren Namen rief, reagierte sie nicht. Meine Schwester hatte sich abgemeldet.
Sollte ich jetzt ebenfalls zufrieden sein, dass ich die Hauptmission abgeschlossen hatte, und schlafen gehen? Eine innere Stimme riet mir davon ab. Je länger ich spielte, desto zufriedener wäre mein Arbeitgeber. Was wäre ich für ein Spieletester, wenn mir ein klitzekleiner Teil des Spiels ausreichte und ich einfach für Stunden am gleichen Ort ausharrte? Ich benötigte nur noch 70 Erfahrungspunkte, um auf Level 4 zu kommen. Ich konnte sie mir leicht durch das Sammeln von Waldpflanzen verdienen.
Außerdem wusste ich nicht, wohin ich in der realen Welt gehen sollte, nachdem ich aus der virtuellen Realitätskapsel gestiegen war. Es war mitten in der Nacht. Die Metro- und Trolleybusse fuhren zu dieser Zeit nicht und ich würde keinen Taxifahrer überzeugen können, mich zu einem Außenbezirk der Riesenstadt zu bringen, wo Verbrechen gang und gäbe waren. Sogar die Polizei hielt sich nachts von diesen Gegenden fern. Meine Entscheidung stand fest: Ich würde allein weiterspielen, obwohl es doppelt so gefährlich war.

Bist du sicher, dass du deinen Spawnpunkt wechseln willst?

Ja, ich war hundertprozentig sicher, dass ich das Spiel nicht wieder auf der weit entfernten Ork-Galeere beginnen wollte, falls ich von einem Monster gefressen würde. Ich seufzte und ging entschieden in die dunkle Nacht hinein.
Drei Minuten später hatte ich bereits einen gut begehbaren Weg gefunden, der auf meiner Karte als dünne, rote Linie markiert war. Wenn es einen Weg gab, musste es auch jemanden geben, der ihn benutzte, die Vegetation entfernte und ihn in Ordnung hielt. Welche Richtung sollte ich wählen, rechts oder links? ich konnte mich nicht entscheiden. Beide Richtungen führten in den dichten, tödlichen Wald. Sollte ich eine Münze werfen und das Schicksal entscheiden lassen?
Ich nahm eine siebeneckige Silbermünze aus meinem Inventar. Sie hatte ein rundes Loch in der Mitte, sodass man sie an ein Band hängen und als Kette tragen konnte. Wenn die Seite mit dem Festungsturm oben lag, würde ich nach rechts gehen. Wenn der ... Was war überhaupt auf der anderen Seite abgebildet? Die Münze war alt und abgenutzt, ich konnte das Bild kaum ausmachen. Es sah aus wie ein Drache oder vielleicht ein Krake. Egal, wenn die seltsame Kreatur oben lag, würde ich nach links gehen. Ich warf die Münze hoch und fing sie geschickt in der Luft. Als ich meine Hand öffnete, lag die Kreatur oben.
Im gleichen Moment bemerkte ich auf der interaktiven Karte einen roten Punkt, der mir verdächtig nahe war. Zu nahe. Neben mir befand sich ein Monster. Ich drehte mich ängstlich um und entdeckte einen riesigen Wolf, der einen Schritt von mir entfernt stand. Er sah genauso aus wie die Bestie, vor der meine Schwester und ich uns zuvor versteckt hatten.

Erfahrener Level-27-Wolf

Der rote Totenschädel über dem Kopf des Waldraubtieres bestätigte, dass es mehr als 20 Level höher war als ich. Wahnsinnig großes Pech. Jetzt bekam ich die Quittung dafür, dass ich mich ohne meine Schwester auf den Weg gemacht hatte. Wenigstens war der Spawnpunkt ganz in der Nähe. Es hatte keinen Sinn, wegzulaufen ... oder gar zu kämpfen.

Die Prüfung der Reaktion des erfahrenen Waldwolfes dir gegenüber war positiv.
Verdiente Erfahrung: 20 EP

Die Markierung des Wolfes auf der Karte wechselte unerwartet von rot zu gelb. Vermutlich hatte mein Volksbonus von + 30 auf die Reaktion aller Wald- und Sumpfkreaturen etwas damit zu tun. Ich hatte nicht gedacht, dass er sich einmal als nützlich erweisen würde. Aus irgendeinem Grund lief der erfahrene Wolf nicht davon, sondern sah mich neugierig an und beschnüffelte mich. Was wollte er von mir?
Ich öffnete meinen Beutel und holte etwas Rattenfleisch heraus. Der Wolf schnappte das Fleisch mit seinen Zähnen und hätte mir um ein Haar die Finger abgebissen. Ich zuckte für ein paar Sekunden vor Schmerz zusammen. Er verschlang das Fleisch und wedelte wie ein Hund leicht mit dem Schwanz. Dann starrte er mich wieder mit seinen gelben Augen an.
Nachdem ich Tierliebe (Cha, Int) als Nebenfertigkeit abgelehnt hatte, gab ich dem Wolf die übrigen zwei Stücke Rattenfleisch, die ich bei mir hatte.
„Alles weg. Fleisch alle”, sagte ich zu dem Raubtier und zeigte ihm meine leeren Hände.
Der Wolf beschnüffelte mich ungläubig und steckte seine neugierige Schnauze sogar in meinen Beutel, um sicherzugehen, dass ich ihn nicht beschwindelt hatte. Erst dann drehte er sich um und zog sich zurück. Die Markierung des Tieres auf der Karte wurde grün: Freundschaft. In Ordnung ...
„Warte! Weiß Wolf, wo ist Haus für Goblin?“, rief ich laut.
Der Gedanke, dass ein Tier meine Sprache verstehen könnte, war wahrscheinlich unsinnig. Andererseits war er nicht dümmer als die Idee, mir den eigenen Daumen abzubeißen, die schließlich funktioniert hatte. Der Wolf drehte sich wieder zu mir, starrte mich lange an und ließ sich plötzlich nieder.

SYSTEMFEHLER! Du kannst nicht von der Klasse Kräutersammler zu Wolfreiter wechseln.
Möchtest du Reiten (Bew, Cha) als Nebenfertigkeit wählen?

Ich lehnte den verlockenden Vorschlag ab, bevor ich auf den Rücken des Tieres stieg. Der Wolf stand auf und trottete ins Gebüsch. Ich musste mich ducken, damit mir die Äste nicht ins Gesicht schlugen. Auf der Karte erschien eine Gruppe roter Punkte, auf die wir uns geradewegs zubewegten.

Die Prüfung der Reaktion des erfahrenen Waldwolfes dir gegenüber war positiv.
Verdiente Erfahrung: 20 EP
Die Prüfung der Reaktion des erfahrenen Waldwolfes (weiblich) dir gegenüber war positiv.
Verdiente Erfahrung: 16 EP
Die Prüfung der Reaktion des erfahrenen Waldwolfes dir gegenüber war positiv.
Verdiente Erfahrung: 20 EP
Level 4!
Freigeschaltete Volksfähigkeit: Leben entdecken (hält 3 Stunden an, Entdeckungsradius: Wahrnehmung x 2 Meter, verbraucht 20 EP)

Nach dieser Flut von Meldungen kam ich erst wieder zu mir, als der erfahrene Wolf einen seichten Fluss überquert hatte und unerwartet vor einem langen, dunklen Schutzwall anhielt. Bei näherer Betrachtung erkannte ich eine Palisade, die dreimal so hoch war wie ich. Sie war aus verwitterten Stämmen gebaut, die in die Erde eingegraben und von dornigem Efeu durchzogen waren. Es war eine gut konstruierte Festung, wer sie gebaut hatte, hatte gut geplant. Der Wolf ließ sich wieder nieder, um mir anzudeuten, dass der Ritt zu Ende war.
Sobald ich abgesprungen war, verschwand er geräuschlos im Wald und ließ mich allein an der Palisade zurück. Während ich mich vorsichtig umsah, verfluchte ich leise die dichte Vegetation. Alles war von dem scheußlichen Efeu überwuchert. Seine Ranken waren mit spitzen, zehn Zentimeter langen Dornen bedeckt. Kurz darauf kam ich an ein Holztor mit zwei Türen. Eine davon war aus den Angeln gerissen worden und lag am Boden, die andere hing gerade noch aufrecht an der Palisade. An beiden konnte man tiefen Krallenspuren sehen, die von einem gigantischen Raubtier stammen mussten. Die Furchen im Holz waren mit der Zeit dunkel geworden. Was immer hier auch passiert war, es war vor langer Zeit geschehen.
Als ich vorsichtig durch das Tor ging, erkannte ich ein hohes, dunkles Blockhaus. Es war aus riesigen Stämmen gemacht, die einen Durchmesser von fast einem Meter hatten. Ich konnte nicht sagen, für welche Kreaturen diese Behausung gebaut worden war, doch es war eher eine Festung als ein Wohnhaus. Die dicken Wände hatten schmale Schießschartenfenster, durch die sich nicht einmal eine Katze zwängen konnte. Obwohl die Tür einladend offen stand, betrat ich das Gebäude nicht sofort.
Zuerst rief ich meine Fähigkeit Leben entdecken auf und ging um das Blockhaus herum, doch ich entdeckte keine Gefahr. Im Innern hielten sich keine Kreaturen versteckt. Erst dann betrat ich die Veranda und ging hinein. Auf dem Boden sah ich einen schweren Balken, mit dem die Tür verschlossen werden konnte. Ich hob ihn auf und verbarrikadierte sie.

Die Mission „Eine sichere Unterkunft finden” ist abgeschlossen.
Verdiente Erfahrung: 80 EP

Der Innenraum war dunkel, die Schießscharten waren die einzige Lichtquelle. Ich konnte einen kleinen Eingangsbereich und einen weiteren Raum erkennen. Dem schweren Tisch und der Feuerstelle nach zu urteilen, die aus Zementsteinen hergestellt war, musste es die Küche sein. Eine Treppe führte hoch in den ersten Stock. Ich ging auf den hohen Stufen nach oben. Hier mussten die ursprünglichen Bewohner geschlafen haben. Ich sah ein aus groben Brettern gezimmertes, flaches Bett, auf dem stinkende, alte Tierfelle lagen, einen Stuhl, einen kleinen Tisch und eine leere Kiste. In der Mitte des Raums befanden sich ein riesiger, dunkler Fleck, schmutzige, zerfetzte Kleidungsstücke und viele alte, abgenagte Knochen. Ich schüttelte mich vor Ekel und Abscheu. An dieser Stelle mussten die Bewohner gefressen worden sein. Selbst die hohe Palisade und das schwere Holztor hatten sie nicht retten können.
Neben dem Lager mit den Felldecken nahe der Stelle, an der die blutige Tat stattgefunden hatte, stand ein Paar nagelneuer Lederstiefel. Sie mussten etwa Schuhgröße 30 sein, denn ich hätte mit beiden Beinen in einen Stiefel steigen können und er hätte mir bis an den Gürtel gereicht. Das Paar Stiefel musste wohl der zufällige Gegenstand sein, den ich mir für den Abschluss der Mission verdient hatte. Ja, Spieleentwickler konnten witzig sein. Sie hatten nur einen besonderen Sinn für Humor ...
Vor meinen Augen erschien das durchsichtige, gelbe Symbol eines Tellers, über dem sich eine Gabel und ein Löffel kreuzten. Es musste bedeuten, dass mein segelohriger Goblin hungrig wurde. Ich öffnete eine Seite mit detaillierteren Informationen über meinen Charakter. Der Hungerbalken war unter 25% gesunken. Der Hinweis besagte, dass ich nur noch 6 Stunden Zeit hatte, bevor ich eine Strafe erhielt. Doch viel schlimmer als der Hunger war, dass ich von Blutdurst bedroht war. Meine Durst-löschen-Anzeige stand nur auf 5/15. In 5 Stunden könnte das zu einem großen Problem werden. Normalen Hunger konnte ich stillen, indem ich die Beeren aß, die ich während der Nacht gepflückt hatte, doch ich wollte mich auf keinen Fall in einen Vampir verwandeln, der vor Blutdurst den Verstand verlor und außer Kontrolle geriet.
Also gab ich mir selbst eine Mission: Ich musste vor Sonnenaufgang essen und es musste Fleisch sein, rohes Fleisch. Dazu musste ich auf eine nächtliche Jagd gehen. Doch welche Kreatur konnte ich töten, wenn die einzigen Ziele die hochstufigen Monster waren, die ich die ganze Nacht über gesehen hatte? Und rein technisch gesehen, wie sollte ich töten? Sicherlich nicht mit dem armseligen Küchenmesser! Ich brauchte eine Waffe, die Schaden verursachte, der von meinem Hauptattribut Beweglichkeit abhängig war, wie zum Beispiel ein Bogen. Für die Fertigkeit Bogen benötigte ich jedoch beide Hände, aber meine linke Hand war immer noch verletzt und konnte für weitere eineinhalb Tage keine Waffe halten. Ich brauchte eine einhändige Waffe, die Beweglichkeit steigerte. So etwas musste es einfach geben!
Solche Informationen zu finden war sehr schwierig, während ich mich in der Welt von Reich ohne Grenzen befand, darum rief ich das Spielmenü auf und klickte auf „Spiel verlassen”. Ich öffnete die virtuelle Realitätskapsel, stieg heraus, nahm sofort meinen Helm ab und zog den Anzug aus. Dann setzte ich mich in meiner Unterwäsche auf den Stuhl und holte mein Handy heraus. Ohne zu überlegen rief ich meine Schwester an, um ihr zu erzählen, dass ich eine Unterkunft gefunden hatte. Es dauerte eine Weile, doch schließlich meldete sich Valeria.

„Tim, es ist ein Uhr morgens. Ich habe tief und fest geschlafen. Was willst du?”

Ich erzählte ihr von dem Blockhaus, das ich gefunden hatte. Dort konnte sie ihre freigestellte Mission abschließen. Ich erklärte ihr, in welcher Richtung es sich befand, doch sie klang nicht besonders begeistert.

„Einhundert Erfahrungspunkte sind es nicht wert, meinen Schlaf zu opfern und die Erfahrung zu riskieren, die ich bereits verdient habe. Ohne dich kann ich im Dunkeln nicht sehen. Ich werde von Wölfen oder anderen Raubtieren gefressen. Dann kann ich weder die Nebenmission noch die Hauptmission abschließen. Ich stelle meinen Wecker auf 5 Uhr, kurz bevor es hell wird. Falls die gefährlichen Kreaturen bis dahin schlafen, komme ich vor Sonnenaufgang zu deinem Haus und beende die Nebenmission. Aber vergiss nicht, mir im Spiel eine persönliche Nachricht darüber zu schicken, sonst werde ich vielleicht gefragt, woher ich von der Unterkunft wusste. Wann kommst du nach Hause?”

Ich erklärte ihr, dass ich erst am Morgen zurückkehren würde, wenn die öffentlichen Verkehrsmittel wieder fuhren. Nachdem ich das Gespräch beendet hatte, besuchte ich das Forum von Reich ohne Grenzen, um mir die Ratschläge erfahrener Spieler zur Waffenwahl genauer durchzulesen. Es gab eine ganze Reihe von einhändigen Waffen mit dem Hauptattribut Beweglichkeit: einhändige Armbrüste, Wurfmesser, Pfeile, alle möglichen spitzen Wurfwaffen, Bolas und viele andere Sachen.
Am meisten interessierte mich das Blasrohr. Man konnte damit Nadeln und Dornen abschießen. In der Anleitung stand, dass man die Dornen auch mit verschiedenen Giften behandeln konnte, um bei seinen Opfern negative Effekte zu verursachen, einschließlich plötzlicher Orientierungslosigkeit, dem Sinken von Attributpunkten und sogar Lähmungen. Für Blasrohre benötigte man die Fertigkeit Exotische Waffen (Bew, Wah). Wenn man den Umgang mit der Waffe trainierte, konnte man auch Lassos und Wurfnetze einsetzen, doch dafür waren beide Hände erforderlich.
Eine großartige Möglichkeit für mich! Die Efeuranken an der Palisade meiner Unterkunft hatten mehr als genug Dornen und am Rand des Sumpfes wuchs reichlich Zinnkraut, dessen Halme hohl waren. Ohne Zeit zu verlieren kroch ich wieder in die Kapsel und machte mich auf den Weg, um alle Vorbereitungen zu treffen. Als ich ein Rohr fand, das fast einen Meter lang war, schnitt ich es sofort ab und säuberte es mit einem dünnen Ast. Das Ergebnis war sehr zufriedenstellend.

Selbstgefertigtes Blasrohr (Waffe)

Die Dornen zu sammeln gestaltete sich etwas schwieriger. Es war fast unmöglich, sie von den Efeuranken abzulösen. Es dauerte lange, bis es mir gelungen war, 20 Dornen zu sammeln und einen Platz in meinem Inventar damit zu füllen. Danach kehrte ich zum Haus zurück, schnitt kleine Stücke aus einem alten Fell zu und steckte jeweils eins davon auf einen Dorn.

Selbstgefertigte Blasrohr-Munition
Schaden: (1-3) x Beweglichkeit

Schließlich testete ich die Waffe, indem ich einen Dorn in das Rohr lud und stark pustete. Mit einem dumpfen Geräusch grub er sich tief in die Holzwand ein.

Möchtest du Exotische Waffen (Bew, Wah) als Nebenfertigkeit wählen?

Natürlich wollte ich das! Damit hatte ich meine letzte Fertigkeit gewählt. Erst auf Level 10 konnte ich wieder eine hinzunehmen. Zum Trainieren schoss ich auf Ziele, die ich in die Wand gekratzt hatte, und war mit dem Ergebnis sehr zufrieden. Endlich hatte mein segelohriger Goblin eine geeignete Waffe.
Als ich Level 4 erreicht hatte, waren einige meiner Attributpunkte standardgemäß meiner Stärke und Konstitution zugewiesen worden, doch die übrigen mussten noch verteilt werden. Ich wies Intelligenz, Beweglichkeit und Wahrnehmung jeweils 1 Punkt zu. In den detaillierten Informationen zu meinem Charakter stand, dass ich auf meinem derzeitigen Level 1 in Exotische Waffen mit den Modifikatoren der Fertigkeiten Beweglichkeit (14,15) und Blutlust (1,02) nun einen Schaden von 28 bis 57 verursachen konnte. Ich war ein Schrecken der Nacht, vor dem sich andere in Acht nehmen mussten!
Es war schon nach 3 Uhr morgens, die verbleibende Zeit bis zum Sonnenaufgang reichte nicht mehr aus, um zu versuchen, ein starkes Gift herzustellen. Außerdem war es ohne Rezept, die nötige Ausrüstung und einen deutlich höheren Level in Alchemie unwahrscheinlich, dass es mir gelingen würde. Ich musste mich fürs Erste mit ungiftigen Dornen begnügen.

* * *

ES WAR EINE NORMALE, grau-braun gesprenkelte Ente, abgesehen davon, dass sie die Größe eines stattlichen Truthahns hatte. Sie schlief auf einer kleinen Insel in der Mitte des Sumpfes.

Level-11-Sumpfente

Die Worte erschienen in Rot, daher schloss ich daraus, dass die Ente ein furchterregender Gegner war. Doch zum ersten Mal begegnete ich in dieser Gegend einer Kreatur, die nicht mit einem Totenschädel-Symbol markiert war. Abgesehen von mir musste die Level-11-Ente zu den schwächsten Bewohnern der Region zählen.
Ich lag in den Büschen dicht am Wasser, etwa sieben Meter von meinem potenziellen Opfer entfernt, und konnte mich nicht dazu entschließen, anzugreifen. Die Idee, mich ihr so weit zu nähern, dass ich sie mit einem Vampirbiss töten konnte, verwarf ich schnell. Den zähen Morast am Ufer würde ich niemals unbemerkt durchqueren können.

Du hast mit der Fertigkeit Tarnung Level 6 erreicht!

Nach dieser erfreulichen Meldung beschloss ich, zum Angriff überzugehen. Vorsichtig hob ich meine Waffe, zielte und blies fest in das Rohr. Der Dorn traf den Hals der Ente genau an der Stelle, auf die ich gezielt hatte.

Zugefügter Schaden: 31 (48 Geschossschaden - 17 Rüstung)

Der Gesundheitsbalken der Ente sank kaum merkbar, nur 7 oder 8%. Lieber Himmel! Sie hatte dreimal mehr Leben als Trong Taucher! Jetzt saß ich in der Klemme. Der Vogel wachte auf und drehte sich unerschrocken in meine Richtung. Er schlug heftig mit den Flügeln und quakte laut, um seiner Missbilligung über das unsanfte Erwachen Ausdruck zu geben. Ich sprang auf und lud das Rohr mit einem weiteren Dorn.

Zugefügter Schaden: 12 (29 Geschossschaden - 17 Rüstung)

Wieder hatte ich kein Glück. Ich verursachte nur den geringstmöglichen Schaden. Nun verstummte die Ente, machte eine seltsame Bewegung, als ob sie schlucken wollte, doch dann spuckte sie nach mir! Ich schaffte es gerade noch, aus dem Weg zu springen.

Du hast mit der Fertigkeit Akrobatik Level 2 erreicht!

An der Stelle, wo ich am Ufer gestanden hatte, ertönte ein unheimliches Zischen von den Steinen, bevor sie sich auflösten. Säure! Das war nicht fair! War es wirklich eine Ente oder eine außerirdische Kreatur aus einem Horrorfilm?! Meine nächsten beiden Schüsse trafen nicht. Der Vogel hob steil nach oben ab und kreiste schaurig quakend über mir. In regelmäßigen Abständen spuckte er seine Säure auf mich herunter. Ich konnte ihn so weit entfernt nicht treffen, darum verschwendete ich keine Munition mehr. Außerdem bereitete es mir keine Mühe, der Entenspucke auszuweichen.

Du hast mit der Fertigkeit Ausweichen Level 5 erreicht!

Großartig, perfektes Timing! ich freute mich darüber, dass die hilfreiche Fertigkeit ganz von allein levelte. Noch erfreulicher war die gleichzeitige Steigerung von Beweglichkeit, die meine Schadenstoleranz und Zielgenauigkeit erhöhte. Nachdem ich einkalkuliert hatte, dass sich mein Ziel bewegte, schoss ich erneut.

Kritischer Treffer: 126 (63 x 2 Geschossschaden - Rüstung ignoriert)
Du hast mit der Fertigkeit Exotische Waffen Level 2 erreicht!

Der Dorn hatte die Ente direkt ins Auge getroffen. Ihr Lebensbalken sank um die Hälfte und sie war jetzt auf dem linken Auge blind. Sie überschlug sich ein paar Mal unbeholfen in der Luft und spuckte ziellos, denn sie sah mich offenbar nicht mehr. Als sie mich wieder entdeckte, änderte sie ihre Taktik und beschloss, zum Nahkampf überzugehen. Ich sprang immer wieder zur Seite, um ihren Schnabelhieben auszuweichen, mit denen sie mich angriff. Als sie wieder hochflog, zielte ich auf sie, doch ich verfehlte sie. Erneut drehte die Sumpfente in der Luft und schoss wie ein Pfeil auf mich zu. Dieses Mal war ich vorbereitet:

Zugefügter Schaden: 42 (59 Geschossschaden - 17 Rüstung)

Nun musste ich wieder aus dem Weg springen, um nicht getroffen zu werden. Als die Ente von einem Schuss in die Brust getroffen wurde, war sie nicht mehr in der Lage, ihre Flugbahn zu ändern und prallte auf die Steine am Rand des Sumpfes. Während sie am Boden lag, griff ich erneut an.

Zugefügter Schaden: 30 (47 Geschossschaden - 17 Rüstung)

Die Ente schlug mit den Flügeln und rappelte sich auf, bevor sie sich auf mich stürzte, doch ich wich in Richtung ihres blinden linken Auges aus. Sie hielt inne, als sie mich nicht mehr sehen konnte.

Zugefügter Schaden: 51 (68 Geschossschaden - 17 Rüstung)

Der Lebensbalken der Ente war tief in den roten Bereich gesunken, sie hatte nur noch wenige Lebenspunkte übrig. Ich blieb auf ihrer linken Seite und versetzte ihr einen Biss.

Zugefügter Schaden: 23 (Vampirbiss)
Verdiente Erfahrung: 504 EP
Erhaltene Gegenstände: Entenfleisch x 3 (Nahrung), selbstgefertigte Blasrohr-Munition x 6
Level 5!
Freigeschaltetes Achievement: Geschmackstester (3/1000)
Freigeschaltete Volksfähigkeit: 10% Giftresistenz
Verbesserte Volksfähigkeit: Blutlust (Erhöht den zugefügten Gesamtschaden für jede einzelne Kreatur, die durch Vampirbiss getötet wird, um + 1%. Aktueller Bonus: 3%)

Nicht schlecht! Der Kampf mit der Ente hatte meine Erfahrung fast verdoppelt. Außerdem war mein Blutdurst vollkommen gestillt (15/15). Bei Durst fiel mir etwas ein. Ich nahm eine leere Phiole und füllte sie mit dem vergossenen Blut der Ente. Dann ging ich zu dem Baum, der mir am nächsten stand, und schnitt mit meinem Messer ein Stück seiner Rinde vom Stamm, das ich zurechtschnitzte, bis ich es als Korken benutzen konnte.

Entenblut (alchemistische Zutat)

Es wurde langsam hell, in einer halben Stunde würde die tödliche Sonne aufgehen. Doch ich hatte es noch nicht eilig, zu meiner Unterkunft zurückzukehren. Ich benötigte nur 7 oder 8 nützliche Pflanzen, um mit meiner Fertigkeit Kräuterkunde zu leveln. Bis zum Blockhaus war es nicht weit, darum sammelte ich in aller Ruhe Pflanzen.

Du hast mit der Fertigkeit Kräuterkunde Level 3 erreicht!

Das reichte erst einmal. Es blieben nur noch vier Minuten bis zum Morgen. Ich lief zum Haus zurück, rannte zur Veranda hoch, aber die Tür war von innen versperrt! Die Karte informierte mich bereitwillig, dass sich die Spielerin Valerianna Schnellfuß zurzeit im Haus befand. Meine Schwester! Sie hatte es also doch geschafft, die Unterkunft zu erreichen!
Ich hämmerte an die Tür, doch Val öffnete nicht. War sie wieder eingeschlafen? Wenn sie die Tür nicht binnen der nächsten drei Minuten aufschloss, würde ich den dümmsten Tod sterben, den ein Vampir in der Geschichte dieses Spiels jemals gestorben war. Nicht in einem epischen Kampf gegen einen heiligen Krieger, sondern vor der Tür seines eigenen Hauses, die seine geliebte Schwester verschlossen hatte! Was für ein Pech! Außerdem befand sich der Spawnpunkt an einem ungeschützten Felsen. Dort nach Sonnenaufgang zu erscheinen bedeutete den sicheren Tod.
Ich schrieb Valerianna eine persönliche Nachricht, dass sie sofort die Tür öffnen sollte, doch ich rechnete nicht damit, gerettet zu werden. In der Umgebung des Gebäudes gab es keinen Ort, an dem ich mich vor den Sonnenstrahlen verstecken konnte. Meine einzige Hoffnung war, ins Haus zu gelangen. Als die letzte Minute anbrach, war ich in Panik. Fünfzehn Sekunden. Zehn ...
Ich hörte, wie der schwere Balken von der Tür entfernt wurde.
Neun. Acht. Sieben. Sechs. Die Tür öffnete sich einige Zentimeter.
„Warum machst du so einen Lärm, Amra?”, fragte die gähnende Waldnymphe träge.
Ich stieß die Tür auf und schubste sie aus dem Weg. Dann rannte ich die Treppe hoch, denn im Eingangsbereich war es immer noch zu hell. Die Sonnenstrahlen könnten durch die Fenster scheinen. Fünf. Vier. Drei. Zwei Sekunden vor Sonnenaufgang warf ich mich auf das flache Bett und vergrub mich unter den Tierfellen. Ich hatte es geschafft!

Die Mission „Die Nacht überleben” ist abgeschlossen.
Verdiente Erfahrung: 160 EP
Belohnung: + 2 Attributpunkte
Level 6!
Die Anzahl der Punkte von Blutdurst erhöht sich auf 15/20.

„Tut mir leid, ich muss dringend zurück in die reale Welt, um einige Dinge zu erledigen”, erklärte ich der Nymphe, die völlig verwirrt war. Ich verteilte noch nicht einmal meine angesammelten Attributpunkte, bevor ich das Spiel verließ.

* * *

NACHDEM ICH HELM und Anzug abgelegt hatte, setzte ich mich kraftlos auf den Boden. Meine Hände zitterten noch und mein Herz schlug mir bis zum Hals. Ich hatte richtig Angst gehabt, als ob ich durch die aufgehende Sonne im Spiel wirklich qualvoll gestorben wäre und nicht nur ein paar hundert Erfahrungspunkte verloren hätte. In dem Moment kam mir nicht einmal in den Sinn, dass das Sterben im Spiel keine Bedeutung hatte. Ich konnte die Erfahrung schließlich zurückbekommen. Nein, ich wollte mit jeder Faser meines Körpers überleben!
Sobald ich mich etwas beruhigt hatte, zog ich mich an und verließ meine Kabine. Ich musste dringend zur Toilette. Ich rannte den langen Gang hinunter zum nächsten Badezimmer. Auf der gesamten Etage waren nur zwei Türen, über denen ein rotes Licht leuchtete: meine und die der rothaarigen Frau, die zuvor an mir vorbeigegangen war. Über den anderen dreihundert Türen sowie allen Türen auf dem gegenüberliegenden Gang leuchtete es grün: die Kabinen waren leer. Nur die Frau und ich waren noch da. Ich hörte das Geräusch von laufendem Wasser, das aus der verschlossenen Dusche kam. Jemand auf der verlassenen Etage duschte zu dieser frühen Stunde.
Nachdem ich mich frisch gemacht hatte, ging ich zur Kaffeemaschine. Ich brauchte einen Muntermacher, mir fielen fast die Augen zu. Am Ende des Gangs gab es für die Tester von Reich ohne Grenzen einen Pausenraum. Er war mit Tischen, Sofas, einem Wandfernseher, der jetzt ausgeschaltet war, und Automaten mit Snacks und Wasser ausgestattet. Mit einer heißen Tasse Kaffee in der Hand ging ich an den Automaten entlang und sah mir die Auswahl an. Ich fand einen Beutel Gummidrops für meine Schwester. Sie liebte diese Dinger. Ich versuchte, mit meiner Karte zu bezahlen, doch auf dem Bildschirm erschien eine Meldung, die ich fast erwartet hatte: „Transaktion wegen unzureichender Mittel abgelehnt”. Mir blieb nichts anderes übrig, als meine Taschen zu durchsuchen, um Münzen zu finden. Bargeld war in den letzten Jahren kaum noch im Verkehr, aber Automaten akzeptierten Münzen noch. Ich schob sie in den Schlitz. Womit hatte ich das verdient?! Der Beutel mit Gummidrops blieb im Inneren der Maschine stecken.
„Nanu! Ich habe nicht damit gerechnet, hier so früh jemanden anzutreffen”, ertönte eine klangvolle Frauenstimme hinter mir.
Ich drehte mich um. Es war zweifellos die gleiche geheimnisvolle Frau, die das elegante, smaragdgrüne Kleid und den Hut getragen hatte. Doch jetzt war ihr Körper nur in ein Handtuch gewickelt und sie hielt Shampoo und Lotion in den Händen.
„Entschuldigung, ich wollte Sie nicht erschrecken”, antwortete ich, aber die Frau lachte: „Mich erschrecken? Ich erschrecke nicht so leicht. Im letzten halben Jahr war ich die einzige hier, die nachts gearbeitet hat. Ich dachte nicht, dass ich jemanden treffen würde, darum bin ich so aus der Dusche gekommen”, sagte sie und deutete auf das Handtuch.
„Kein Problem. Ich werde Sie nicht stören. Ich habe gerade die Quest ‚Die Nacht überleben‘ abgeschlossen. Sie kennen sie sicher, es ist eine Mission für Anfänger.”
„Das könnte man so sagen”, lächelte die geheimnisvolle Frau. „Ich bin diejenige, die sie vor zwei Jahren entwickelt hat, um die Leute nachts aus den Städten herauszubekommen. Und, hast du es geschafft?”
„Ja, aber es war nicht einfach”, brüstete ich mich.
„Gut gemacht. Viele Leute versuchen, bis zum Morgen zu überleben, doch nur wenigen gelingt es. Aber jetzt gibt es für Geschöpfe der Nacht reguläre Beute.” Die Frau leckte sich als Ausdruck ihrer räuberischen Natur die Lippen, als ob sie andeuten wollte, dass sie sich selbst an unvorsichtigen Opfern gütlich tat.
Vielleicht meinte sie es ernst. Ich konnte nicht wissen, welche Art von Charakter sie spielte. Sie bemerkte sofort die Veränderung in meinem Verhalten.
„Deine Augen sind vor Angst geweitet, als ob du ein Monster gesehen hättest. Ich versichere dir, es gibt keinen Grund, mich zu fürchten.” Die Frau blickte auf die steckengebliebene Packung Gummidrops und reichte mir ihre Toilettenartikel. „Hier, halt das mal.”
Ohne etwas zu erwidern nahm ich die Flaschen, während die Frau zum Automaten ging und ihre Hand ausstreckte. Die Maschine trat in Aktion. Im oberen Bereich begann sich eine Spirale zu drehen, die den Schokoriegel, den die rothaarige Frau gewählt hatte, vorwärts bewegte. Sieh mal einer an! Sie hatte einen implantierten Identifikationschip statt einer Bankkarte oder eines anderen Ausweisdokuments! Ich hatte von dieser Technologie gehört, aber es war das erste Mal, dass ich so etwas mit eigenen Augen sah.
Der Riegel fiel auf die steckengebliebene Packung Gummidrops, sie löste sich und beide landeten in der Entnahmeschale.
„Siehst du, ich beiße nicht”, schmunzelte die Frau. Ihre nassen Locken wippten, als sie sich aufrichtete. „Du brauchst auch nicht so förmlich zu sein, ich bin nicht viel älter als du. Übrigens, ich heiße Kira.”
„Timothy”, stellte ich mich vor und gab ihr ihre Sachen zurück. Sie nahm sie und wollte gerade etwas sagen, als ... ihr Handtuch zu Boden fiel. Eine peinliche Situation. Sie hatte die Arme voll, sodass sie es nicht aufheben oder ihren Körper irgendwie bedecken konnte.
„Warte, Kira, ich helfe dir!” Schnell hob ich das Handtuch auf und wickelte sie darin ein.
Ihre Haut war nach dem Duschen weich und warm, sie fühlte sich wunderbar an, doch ich ließ meine Hände nicht zu lange verweilen. Selbst als sie mich zum Dank auf die Wange küsste, zögerte ich den Augenblick nicht hinaus. Dies war kein Ort für unmögliche Träume. Kira und ich waren zu verschieden, außerdem hatten wir uns gerade erst kennengelernt.
„Danke, Timothy. Vielleicht sehen wir uns bald wieder. Du kannst den Schokoriegel haben, ich esse keine Schokolade.”
Kira ging zu ihrer Kabine. Ich stand einfach da und sah ihr hinterher. Ich konnte immer noch ihre verführerischen Kurven vor mir sehen. Nun wusste ich, wo und wann Kira arbeitete. Es konnte nicht so schwierig sein, ein weiteres Treffen zu arrangieren.
Eine Stunde später stand ich bereits mit klimperndem Schlüsselbund vor der Tür meiner Mietwohnung. Ich wollte nicht klingeln, um Val nicht zu wecken, doch meine Schwester schlief nicht. Sie saß in ihrem Rollstuhl und öffnete die Tür.
„Kannst du mir vielleicht erklären, was zum Teufel mit dir los war? Du hast mich umgeworfen und bist in das Haus gestürzt, als ob eine Horde Dämonen hinter dir her wären!”
Ich sah keinen Grund, die Wahrheit vor meiner Schwester zu verbergen, also erzählte ich ihr von der dunklen Seite meines Charakters. Valerias Reaktion überraschte mich.
„Warum warst du dann so dumm, Bruder? Du hättest mich am Spawnpunkt mit einem Biss töten und mein Spielprotokoll ändern sollen, um keine Spuren zu hinterlassen! Auf den niedrigen Levels ist ein kleiner Erfahrungsverlust überhaupt nicht wichtig für mich, aber wo findest du eine andere Waldnymphe für dein Achievement Geschmackstester?”
Ich entgegnete, dass ich sie auf keinen Fall töten würde.

Daraufhin schüttelte Val vorwurfvoll den Kopf. „Du musst es wissen, Timothy. Iss jetzt dein Frühstück, es ist schon warm. Sieht aus, als ob du von jetzt an nachts arbeitest. Leg dich vor deiner nächsten Schicht schlafen. Ich werde mich ausführlich über Vampire in Reich ohne Grenzen informieren und mir Gedanken über die nächsten Schritte deines Charakters machen.”

Release - September 12, 2018



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