Monday, August 13, 2018

Kräutersammler der Finsternis: Der Videospieltester (LitRPG)



Kräutersammler der Finsternis - 1

Der Videospieltester

Ein Roman von Michael Atamanov






The book is released 
Amazon


Der Videospieltester


„HABEN SIE schon einmal Reich ohne Grenzen gespielt?“, eröffnete der HR-Mitarbeiter mittleren Alters das Vorstellungsgespräch mit ausgerechnet der Frage, die ich am meisten gefürchtet hatte.
Laut Stellenanzeige musste ich unbedingt eine Anforderung erfüllen: Ich durfte das Spiel noch nie gespielt haben. Wenn ich die Frage mit „ja“ beantwortete, würde das Gespräch vermutlich so schnell beendet sein wie es begonnen hatte.
„Spielen Sie irgendwelche anderen bekannten Spiele, äh … Timothy?“, fragte er, nachdem er meinen Namen auf dem Bildschirm vor sich gelesen hatte. Er schien einen langen Tag hinter sich zu haben und war bestimmt müde.
„Ja, natürlich. Ich bin seit ungefähr sechs Jahren ein Gamer. Ich habe ziemlich lange Königreiche der Schwerter und Magie gespielt.“
„Gamer“, murmelte er geringschätzig und runzelte die Stirn. Der umgangssprachliche Ausdruck schien ihm nicht zu gefallen. „Und wie haben Sie sich im Spiel unserer Konkurrenz geschlagen? Haben Sie besondere Leistungen erbracht, Timothy?“


Sollte ich ihm die Wahrheit sagen oder war es unklug, einem Fremden solche Details zu verraten? Trotz meiner Bedenken entschied ich, das Risiko einzugehen.
„In den letzten fünf Jahren war es meine einzige Einkommensquelle. Ich habe natürlich nicht genug für eine Luxusjacht oder eine Villa auf einer tropischen Insel oder so etwas verdient, aber es war mehr als genug, um davon leben und mein Studium bezahlen zu können.“
„Warum sagen Sie ‚natürlich nicht genug für eine Jacht’?“, hakte er nach, ehe er zu meiner Überraschung lachte. „Die Spitzenspieler von Reich ohne Grenzen verdienen ohne große Anstrengung genug für ein seetüchtiges Boot. Doch soweit ich weiß, verstößt das Entnehmen von Spielgeld bei KSM gegen die Regeln. Möchten Sie mir ein bisschen mehr darüber erzählen, Timothy?“
Ich hatte wohl die falsche Entscheidung getroffen. Ich hätte nichts davon erwähnen sollen. War dies das Ende? Würde ich abgelehnt werden? Aber der Mann bestand nicht auf einer Antwort. Stattdessen stellte er eine völlig andere Frage.
„Warum wollen Sie mit KSM aufhören? Doch das können wir wohl überspringen, die Antwort liegt auf der Hand. Die Anzahl der aktiven Spieler ist stark gesunken. Mehr und mehr Leute wechseln zu Reich ohne Grenzen. Es ist schließlich unterhaltsamer und realistischer. Das Geld muss einfach ausgegangen sein.“
Ich nickte nur, denn ich hatte dem nichts hinzuzufügen. Früher hatte unser Clan zwischen fünf- und siebentausend Spieler für PvP-Raids in feindlichen Gebieten oder zur Vernichtung eines Superbosses zusammentrommeln können. Doch diese Zeiten waren lange vorbei. Gestern hatten wir gerade mal fünfzehn Spieler für einen Angriff auf eine feindliche Burg zusammenbringen können und drei davon waren Newbies gewesen, die erst eine Woche im Spiel waren. Aber dennoch … wir hatten die Burg gestürmt! Der einzige Verteidiger des feindlichen Clans, der übrig gewesen war, schien froh zu sein, die Bürde loszuwerden. Er hatte uns viel Glück gewünscht und versucht, uns sein Konto aufzuschwatzen, weil er das Spiel verlassen wollte, um bei Reich ohne Grenzen einzusteigen.
Da beschloss ich, dass es an der Zeit war, das sinkende Schiff zu verlassen, bevor es von der Konkurrenz völlig versenkt wurde. Es war natürlich sehr ärgerlich, all das Geld zu verlieren, das ich in das Spiel gesteckt hatte. Nach dem tragischen Tod meiner Eltern hatte ich ihre Wohnung geerbt, doch ich musste sie verkaufen, um die Arztrechnungen meiner Schwester bezahlen zu können. Danach war noch eine ordentliche Summe übrig gewesen, weshalb ich beschlossen hatte, in eine virtuelle Immobilie in der Nähe einer Hauptstadt in KSM zu investieren. Zu der Zeit war Königreiche der Schwerter und Magie rasant gewachsen und es schien eine gute Anlage zu sein.
Wer hätte ahnen können, dass das bis dahin unbekannte Unternehmen Reich ohne Grenzen nur zwei Wochen nach meiner riskanten Anschaffung seine eigenen Spielserver starten würde? Hätte irgendjemand voraussehen können, dass es in nur drei Jahren zum weltweit größten und reichsten Unternehmen werden sollte, das viele hundert Millionen Spieler weltweit in seine äußerst realistische Welt ziehen würde? Der Wert meiner virtuellen Immobilie in Königreiche war so stark gefallen, dass er nicht einmal mehr die Zeit rechtfertigte, die ich damit verbracht hatte, sie zu bauen.
Der HR-Mitarbeiter verbrachte einige Minuten damit, sich meinen Lebenslauf genauer anzusehen, bevor er mich anblickte und lächelnd sagte: „Ein menschlicher Paladin auf Level 310, ein Dunkelelfen-Bogenschütze auf Level 270, ein Halbelfen-Magier auf Level 190 ... Nicht schlecht, gar nicht schlecht. Timothy. Hat man Sie darauf aufmerksam gemacht, dass Spieler in Reich ohne Grenzen nur einen Charakter haben können, der nicht geändert oder gelöscht werden darf? Auf diese Weise gehen wir sicher, dass unsere Spieler ihre Charaktere wirklich verstehen und eine enge Verbindung zu ihnen aufbauen. Nur dann erleben sie die Spielwelt als echte Realität.”
Ich nickte nur, ohne etwas zu sagen. Natürlich wusste ich das. Es war der Punkt, über den ich mir am meisten Sorgen machte, seitdem ich die Online-Stellenanzeige für Reich ohne Grenzen-Spieltester gesehen hatte. Mein Problem war, dass ich schon einmal versucht hatte, Reich ohne Grenzen zu spielen. Doch das war vor über drei Jahren gewesen. Zu der Zeit war es noch eine offene Beta-Version gewesen, die mir etwas „halbgar” erschien. Es gab weder Übungsszenarien, Anleitungen, noch Ingame-Hinweise. Die Stelle, an der ich gestartet war, hatte grob und unvollständig ausgesehen. Keine „prächtigen, lockenden Horizonte” oder „hinreißend echten Sonnenuntergänge”, wie die Werbung es jetzt versprach. Damals hatte es all das in Reich ohne Grenzen nicht gegeben.
Außerdem hatte ich nur sieben Minuten gespielt. Mein Charakter war ein Level-1-Barbar gewesen, ich hatte eine zweihändige Axt gewählt und den Startbereich verlassen. Gleich neben dem Dorf war ich auf eine Gruppe von Level-70-Vampirfledermäusen getroffen - und eine Sekunde später war ich tot. Als ich die Nachricht erhalten hatte, dass ich eine ganze Stunde warten müsste, um zum Spawnpunkt zurückkehren zu dürfen, hatte ich das unausgereifte, unausgewogene Spiel verflucht und es von meinem Computer gelöscht. Jetzt hoffte ich, dass mich mein früherer, fehlgeschlagener Versuch nicht daran hindern würde, einen Job als „Videospieltester” zu bekommen, wie die Position in der offiziellen Stellenanzeige ausgeschrieben war, um die ich mich in diesem Gespräch bewarb.
„Was gibt es noch zu sagen, Timothy? Sie haben wirklich viel Erfahrung mit Videospielen und keine physischen oder psychischen Probleme. Ich sehe keinen Grund, warum Sie nicht für unser Unternehmen arbeiten sollten”, erklärte der Mann mit einem Lächeln und reichte mir ein Tablet mit einem Fragebogen. Er bat mich, in dem kleinen Nebenzimmer Platz zu nehmen, den Bogen auszufüllen und dann auf den Beginn des Einführungsgesprächs zu warten.
Ich ging in das Zimmer, holte mein Handy heraus und tat so, als ob ich ein Selfie vor dem coolen Poster mit dem blauen Wasserdrachen machen würde, während ich eine Nachricht sendete: Das Vorstellungsgespräch ist gut gelaufen.
Gleich darauf vibrierte mein Handy. Es war die Antwort: Keine Eile, aber was bieten sie dir an? Ich sehe mich mal in den Foren um.
Dann setzte ich mich auf einen Stuhl und begann, auf dem Tablet Kästchen anzukreuzen. Die Fragen konzentrierten sich auf meine Gesundheit, mein Familienleben, Vorstrafen und schlechte Gewohnheiten. Der zweite Teil war völlig anders und zielte darauf ab, herauszufinden, welcher Spielcharakter am besten zu meiner Persönlichkeit passte.
Neben mir saßen andere Jobsucher, die ebenfalls auf ihren Tablets herumtippten. Die meisten der Männer und Frauen waren in meinem Alter, einige waren älter und es waren sogar einige Senioren dabei. Es dauerte nicht lange, bis ich einen Eindruck von meinem zukünftigen Arbeitsumfeld hatte. Da waren Schüler, die wegen Abwesenheit oder schlechten Noten von der Schule verwiesen worden waren, Büroangestellte, deren Stellen abgebaut worden waren, gescheiterte Börsenmakler, hoffnungslose Spielsüchtige und verzweifelte Ruheständler, die es nicht geschafft hatten, eine passendere Arbeit zu finden ... Mit anderen Worten: Die Leute, die um mich herum saßen, waren Verlierer, die keinen Platz in der realen Welt gefunden hatten.
Ich sah mich zwar nicht als Verlierer, doch ich passte trotzdem in diese Gruppe. Ich war schon 22 Jahre alt, hatte aber keinen Job, keine Freundin, kein Geld und keine eigene Wohnung. Ich unterschied mich also nicht viel von den anderen. Ich war nicht dumm, ich besaß einen Abschluss in chemischer Forschung. Ich war in der Lage, eine Unterhaltung zu führen, sah nicht schlecht aus und war einigermaßen sportlich. Es fiel mir auch nicht schwer, mit Frauen zurechtzukommen, doch aus irgendeinem Grund hatten alle meine Freundinnen mich wegen anderer Typen verlassen. Sobald sie herausfanden, dass ich mich um meine gehbehinderte Schwester kümmern musste, machten sie sich aus dem Staub. Das war zwar schade, doch ich würde meine Schwester niemals wegen einer oberflächlichen Beziehung aufgegeben.
Meine Schwester Valeria war zur Zeit des Unfalls 11 Jahre alt gewesen. Mein Vater hatte am Steuer des fliegenden Familienautos gesessen, als es mit dem eines Diebes zusammenstieß, der auf der Flucht vor der Polizei war. Durch den Aufprall und dem daraus resultierenden 30-Meter-tiefen Fall waren meine Mutter und mein Vater sofort getötet worden. Meine jüngere Schwester überlebte, doch sie verlor beide Beine und erlitt schwere Verletzungen und Knochenbrüche. Die Polizei hatte ermittelt, dass mein Vater schuldlos gewesen war, doch das machte die Sache auch nicht leichter. Ich hatte unsere Wohnung in einer guten Gegend der Stadt verkaufen müssen, um Vals Behandlung und andere Rechnungen bezahlen zu können.
Ich wurde Valerias Erziehungsberechtigter, ihr Freund und Psychologe. Ich ersetzte ihr die ganze Welt. Am schwersten war die Zeit gleich nach dem Unfall gewesen. Valeria litt ständig unter starken Schmerzen und sah keinen Grund, weiterzuleben. Sie bat mich oft, ihr eine Handvoll Schlaftabletten zu geben, damit sie nicht mehr aufwachen musste. Ich tat mein Bestes, um meine Schwester zu trösten und sie davon zu überzeugen, keinen Selbstmord zu begehen. Tatsächlich wurde ihr Lebenswille nach und nach stärker. Wir versuchten viele Dinge, um ihre Stimmung zu heben, und es stellte sich heraus, dass Spaziergänge das beste Mittel waren. Wir wohnten neben einem großen, schönen Park, in dem wir uns oft aufhielten. Leider mussten wir bald aus dem Stadtzentrum an den Stadtrand ziehen, weil uns das Geld fehlte. Kurz danach wollte Val keine Spaziergänge mehr machen. Meine Schwester konnte die Witze und das Gelächter der Nachbarskinder nicht aushalten. Sie nannten sie Krüppel und bewarfen sie sogar mit Steinen. Es war einfach zu viel.
Doch dann fand sie eine neue Möglichkeit, ihre Behinderung zu vergessen. In virtuellen Computerspiel-Welten konnte sie sich austoben und wieder schöne Umgebungen genießen. Dieser neue Zeitvertreib brachte uns aber kein Geld ein. Ganz im Gegenteil. Die Situation hatte sich besonders in den letzten Monaten verschlechtert, als deutlich wurde, dass die Spielwelt, die sie einige Jahre zuvor gewählt hatte, Königreiche der Schwerter und Magie, zu Ende zu gehen drohte.
Ich schüttelte den Kopf, um die traurigen Gedanken zu verscheuchen, und kehrte zu dem Fragebogen zurück. Nachdem ich alle Fragen beantwortet hatte, kam ich zum letzten Punkt, der gewünschten Zahlungsart. Es gab zwei Optionen: Ein monatliches Festgehalt oder die Möglichkeit, virtuelle Währung zu entnehmen und sie gegen reales Geld einzutauschen. Wie bei den meisten MMOs war es in Reich ohne Grenzen normalerweise nur erlaubt, Geld einzuzahlen. Man konnte zwar reales Geld ins Spiel investieren, doch es war nicht möglich, es wieder zu entnehmen. Nur für die Angestellten des Unternehmens wurde eine Ausnahme gemacht. Wenn sie wollten, konnten sie anstatt eines realen Gehalts virtuelle Währung aus dem Spiel entnehmen.
Was mich betraf, war das der Grund, warum ich unbedingt für das Unternehmen von Reich ohne Grenzen arbeiten wollte. Keine Firma würde einem der kläglichen Verlierer, die mit mir in diesem Zimmer saßen, ein festes Gehalt zahlen. Doch wenn man Spielgeld auf legale Weise in reales Geld umtauschen könnte ... Die Möglichkeiten waren nicht abzusehen. Mein Charakter könnte im Spiel reich werden und damit meine finanziellen Probleme im realen Leben lösen. Meiner Schwester und mir war natürlich klar, dass auf jeden Spieler, der Glück hatte, Tausende kamen, die die falsche Wahl trafen, hart arbeiteten und höchstwahrscheinlich doch nur den Mindestlohn verdienten. Aber wir hatten unsere Entscheidung gemeinsam und bewusst getroffen.
Die rundliche Frau mittleren Alters, die neben mir saß und den Eindruck einer Buchhalterin vermittelte, stieß mich an. Sie war bei einer Frage über „Charisma” angelangt und fragte ihre Nachbarn nun laut flüsternd, was das Wort bedeutete. Ich konnte nicht verstehen, was der Mann antwortete, der zu ihrer anderen Seite saß, aber er versuchte, eine ernste Miene beizubehalten. Die Frau errötete und trug ihre Antwort mit der Schnelligkeit eines Druckers auf ihrem Tablet ein. Dabei verdeckte sie mit der linken Hand, was sie schrieb. Ich schüttelte den Kopf. Wenn das meine Konkurrenz war ... Ich kreuzte zuversichtlich die Option „Virtuelle Währung entnehmen” an.
Die Entscheidung war getroffen, jetzt gab es kein Zurück mehr. Ich versuchte, das unangenehme Gefühl der Angst loszuwerden, das mich beschlich, wenn ich an mein leeres Bankkonto dachte. Doch das war nicht alles. Da gab es noch den überfälligen Kredit, dessen Zinsen sich langsam, aber sicher anhäuften. Wenn ich in den nächsten Wochen nicht wenigstens einen Teil davon abbezahlen konnte, würde die Bank meine Karte sperren. Außerdem hatten meine Schwester und ich seit drei Monaten keine Miete mehr bezahlt. Unsere Vermieterin hatte bereits damit gedroht, uns rauszuwerfen. Es würde äußerst schwierig sein, ohne festes Gehalt auszukommen.
Trotzdem hatte ich beschlossen, das Risiko einzugehen, genau wie damals, als ich die Ingame-Immobilie in Königreiche der Schwerter und Magie gekauft hatte. Doch dieses Mal setzte ich nicht nur eine Zwei-Zimmer-Wohnung aufs Spiel, sondern alles, was meine Schwester und ich noch besaßen.

* * *

„HALLO UND WILLKOMMEN!” Ein elegant gekleideter, dunkelhäutiger Mann mit dunklen Locken betrat die kleine Bühne. „Mein Name ist Alexandro Lavrius. Ich bin Direktor der Abteilung Sonderprojekte des Unternehmens von Reich ohne Grenzen. Sie wurden ausgewählt, um unter meiner Leitung als Videospieltester zu arbeiten. Was ist mit dem Mikrofon los?”
Das Mikrofon gab einen lauten Pfeifton von sich, sodass meine Ohren schmerzten. Die junge Assistentin des Direktors sprang schnell auf die Bühne und stellte das Mikrofon ein, das an Alexandros Kragen befestigt war. Der Direktor warf ihr einen unzufriedenen Blick zu, der nichts Gutes versprach, und fuhr fort: „In Ordnung, jetzt sollte es funktionieren. Zuerst eine kurze Einführung. Das virtuelle Reich ohne Grenzen, in dem Sie arbeiten werden, ist sehr groß. Es ist nicht grenzenlos, wie der Name vielleicht vermuten lässt, doch es hat eine beachtliche Größe. Es ist jetzt schon größer als unsere Erde, Sie können also praktisch grenzenlos herumreisen und neue, interessante Orte entdecken. Zurzeit gibt es etwa 240 Millionen Spieler in Reich ohne Grenzen und diese Zahl steigt pro Monat um etwa zwei bis drei Millionen. Man könnte meinen, unser Unternehmen wäre stolz darauf, würde sich auf seinen Lorbeeren ausruhen und das Geld einfahren. Das ist aber nicht der Fall. Unser Management lässt sich ständig neue, noch grandiosere Pläne einfallen, die Entwicklung des Spiels ist nach wie vor in vollem Gange. Die Planungsabteilung sieht jedoch bestimmte Risiken für die mittelfristige Zukunft und die Direktoren sind der Meinung, dass eine reale Gefahr besteht.
Wir sehen zwei Hauptprobleme. Erstens: Trotz der vielen verschiedenen Völker und ihren einzigartigen Charakteristiken in Reich ohne Grenzen wollen 78 Prozent der Spieler als Menschen spielen. Das ist eine deutliche Unausgewogenheit. Wenn wir außerdem in Betracht ziehen, dass 17 Prozent als verschiedene Arten von Elfen- und Halbelfen spielen und drei Prozent als Zwerge, kommen wir direkt zur Wurzel des Problems. Nur zwei Prozent wählen ein anderes Volk aus den über 100 verfügbaren Möglichkeiten.
Es gibt vielfältige Gründe für dieses Ungleichgewicht. Vor allem haben potenzielle neue Spieler praktisch keine positiven Gamer-Vorbilder, die weniger beliebte Völker gewählt haben. Die Spielforen sind voll von detaillierten Anleitungen über menschliche Paladine, Waldelfen-Bogenschützen und Halbelfen-Assassinen. Daher ist es keine Überraschung, dass neue Spieler Angst haben, einen unbekannten Pfad zu wählen. Weil sie nur einen Charakter haben können, wollen sie kein Risiko eingehen. Das Ergebnis ist, dass sie menschliche Paladine, Elfen-Bogenschützen und Dunkelelfen-Nekromanten erstellen, die es in unserer Welt schon im Überfluss gibt. Unsere bisherigen Nutzer verlieren zu Recht ihr Gefühl der Einzigartigkeit und ihr Interesse am Spiel, weil sie jeden Tag mehrere exakte Ebenbilder von sich selbst treffen.
Das zweite Problem betrifft die Wahl der Wohnorte. Vor unseren Spielern erstreckt sich ein wahres Reich ohne Grenzen, das sich nach Bedarf erweitern lässt. Trotzdem wird die momentan existierende Karte kaum genutzt. Neunzig Prozent der Spieler leben in einer der wenigen Megastädte oder in deren unmittelbarer Nähe. Zu dieser Überbevölkerung kommt es vor allem aus wirtschaftlichen Gründen. Städte verfügen über Ressourcen, dort zirkuliert das Geld und es gibt Banken, bei denen die Spieler ihren Besitz sicher verwahren können. Darum wollen Spieler trotz der hohen Preise für Immobilien und Ressourcen immer noch in diesen Städten leben. Millionen wunderschöner Orte, die von talentierten Designern gestaltet wurden und in denen es einzigartige Missionen und Einheimische gibt, bleiben ungenutzt. Außerdem bemerken wir wachsenden Unmut bei den Spielern, die das Gefühl haben, es gäbe nichts mehr zu entdecken und es werde langsam langweilig.
Warum erzähle ich Ihnen das alles? Wie Sie wahrscheinlich schon erraten haben, darf niemand von Ihnen menschliche oder elfische Charaktere wählen und niemand wird ein weiterer Ritter oder Bogenschütze. Das würde unserem Unternehmen ganz und gar nicht gefallen. Sie beginnen das Spiel in weit entfernten Wildnissen, von denen aus es äußerst schwierig sein wird, dicht besiedelte Orte zu erreichen. Sie starten das Spiel alle an einer anderen Stelle und werden mit größter Gewissheit Gefahren und Problemen begegnen. Das ist kein Zufall. Die Testgruppen haben gezeigt, dass die Herausforderung, schwierige Situationen erfolgreich zu bewältigen, der Faktor ist, der unsere Spieler in der Spielwelt hält.
Wir hoffen, dass mit der Zeit alle Newbies an solchen Orten beginnen werden, weshalb eine Ihrer Missionen darin besteht, zu testen, ob Ihr Charakter unter diesen schwierigen Bedingungen überleben und leveln kann.
Ihre Gruppe ist eine von mehreren, die in den vergangenen Wochen ausgewählt wurden, um neue, ungewöhnliche Volk- und Klassenkombinationen auszuprobieren, nicht ohne dabei einige blaue Flecken davonzutragen. Sie werden interessante Wegbereiter sein, die die Vorteile Ihrer ungewöhnlichen Völker, Klassen und Berufe eloquent beschreiben sollen. Ein Wort zur Warnung: Nur wenige von Ihnen werden die Probezeit bestehen und fest angestellt werden, da unser Unternehmen nur Persönlichkeiten und Geschichten braucht, die bei bestehenden und potenziellen Spielern großes Interesse finden. Doch auch wenn Sie die Probezeit nicht bestehen, gewinnen Sie unschätzbare Erfahrungen im Bereich der Videospiele und erhalten eine ausgezeichnete Gelegenheit, durch modernste Technologie mit all Ihren Sinnen in Reich ohne Grenzen einzutauchen.
Jetzt erhalten Sie die Charakterkarten, die Ihnen aufgrund Ihrer heutigen Testergebnisse automatisch vom System zugewiesen wurden. Dann haben Sie die Möglichkeit, meiner Assistentin Fragen zu stellen. Danach sollten Sie vor Ende des Geschäftstages zur HR-Abteilung gehen, um Ihren Vertrag zu unterzeichnen, damit Sie morgen Ihre Arbeit beginnen können.”
„Können wir heute schon anfangen zu spielen?”, fragte ein rundlicher, junger Mann. Sein blasses Gesicht war von Pickeln übersät.
Alexandro Lavrius sah über uns hinweg auf die Uhr an der Wand, fragte seine Assistentin leise etwas und antwortete dann: „Sie können erst anfangen, wenn Sie den Vertrag unterschrieben haben. Denken Sie daran, dass es in Reich ohne Grenzen jetzt etwa 16 Uhr ist und dass es um 21 Uhr dunkel wird. Nach dieser Einführung gehen Sie zur HR-Abteilung, dann zeigt man Ihnen Ihren Arbeitsplatz und erklärt Ihnen, wie die virtuelle Realitätskapsel benutzt wird. Anschließend müssen Sie einen Charakter erstellen, die Übungsmission beginnen und einen sicheren Ort finden, an dem Sie die Nacht verbringen können. Die Nächte außerhalb der Städte und anderer sicherer Orte sind in Reich ohne Grenzen äußerst hart und gefährlich. Höchstwahrscheinlich werden Sie von Monstern gefressen. Sollte das passieren, verlieren Sie einige Erfahrungspunkte und eine ganze Stunde, bevor Sie respawnen können. Falls Sie es trotzdem riskieren wollen, heute anzufangen, spricht nichts dagegen. Falls Sie die erste Nacht überleben, wird es eine nützliche Erfahrung sein und sich positiv auf Ihre weitere Karriere als Tester auswirken.”

* * *

EIN GOBLIN-KRÄUTERSAMMLER??? Verständnislos starrte ich auf meine Charakterkarte. Ich holte mein Handy heraus, um nach Informationen über Goblins in Reich ohne Grenzen zu suchen. Der erste Link belohnte mich mit folgendem Text aus einem Forum:

Goblins sind hinterlistige Mistkerle, die gemeine Streiche spielen, Gemüse aus Gärten stehlen und Reisende angreifen, die allein unterwegs sind. Zum Glück sind Goblins schwach, daher kann sogar ein totaler Newbie mit ihnen fertig werden. Manchmal findet man ganze Goblindörfer. Mit ihnen lässt sich gut Erfahrung sammeln, sodass Anfänger leicht leveln können. Ich weiß nicht warum, aber die Entwickler haben dieses NPC-Volk für Spieler verfügbar gemacht. Ich persönlich kann mir nicht vorstellen, dass jemand dumm genug wäre, dieses grüne Gräuel zu wählen, besonders in Anbetracht der restriktiven Strafen auf Intelligenz und Stärke, die es für einen Goblin fast unmöglich machen, ein guter Magier zu werden oder eine Kampfklasse zu wählen. Rein theoretisch könnte ich mir einen Goblin-Spieler wegen seiner Boni in Beweglichkeit und Wahrnehmung als Bogen- oder Armbrustschützen vorstellen. Aber ich habe noch niemanden getroffen, der gestört genug wäre, es zu versuchen, denn alle Elfenarten haben bei diesen Attributen noch größere Boni. Ach ja, diese grünen Freaks erhalten auch schwere Strafen auf Beziehung zu Menschen und können standardmäßig keine normalen Spielorte aufsuchen.

Kein Wunder, dass niemand als Goblin spielen wollte. Selbst jemand, der bei der Erstellung seines Charakters einen Goblin in Betracht gezogen hatte, würde nach der Lektüre dieser Beschreibung schnell seine Meinung ändern. Was hatten sich die Entwickler von Reich ohne Grenzen nur dabei gedacht?!
Der Text stammte von jemandem namens Verwilderter Waldbursche. Laut seines Forums spielte er als menschlicher Druide auf Level 204. Aus Neugier las ich auch die nächsten sieben Links, die die Suchmaschine gefunden hatte, doch überall bekam ich die gleichen unangenehmen Informationen. Ich schickte meiner Schwester eine Nachricht über den Charakter, den ich spielen musste, und studierte weiter die Anleitungen zu Goblins und Kräuterkunde.
Als mich laute Stimmen vom Lesen ablenkten, hob ich den Kopf. Der Direktor war schon lange gegangen und jetzt stritt sich die rundliche Frau, die nach der Bedeutung des Wortes Charisma gefragt hatte, mit seiner Assistentin.
„Stimmt etwas nicht mit Ihrem zugewiesenen Charakter?”, fragte die Assistentin in eisigem Ton.
„Das kann man wohl sagen! Ich soll eine Dryadentänzerin spielen! In den Foren habe ich gesehen, dass Dryaden keine Kleidung tragen! Ich bitte Sie! Ich dachte, ich bewerbe mich um einen Bürojob. Die Arbeitszeiten sind vielleicht etwas ungewöhnlich, aber ich hatte nicht damit gerechnet, dass ich als Stripperin arbeiten soll!”
Die Assistentin des Direktors war wegen des Vorfalls mit dem Mikrofon schon gereizt, daher konnte man leichten Ärger in ihrem Ton vernehmen. „Das System hat ermittelt, dass diese Kombination von Volk und Klasse optimal für Sie ist. Wenn es Ihnen nicht gefällt, muss ich Ihnen leider sagen, dass Sie die Probezeit nicht bestanden haben und die erste Teilnehmerin sind, die die Gruppe verlassen muss ...”
Auf dem Gesicht des Mannes, der ihr vorher erklärt hatte, was Charisma bedeutete, bemerkte ich ein höhnisches Grinsen. Die bizarre Kombination war vom System wahrscheinlich aufgrund seiner irreführenden Erklärung gewählt worden.
Die Assistentin streckte ihre Hand aus, um die Charakterkarte der Frau zurückzunehmen, als eine junge Frau aus der hinteren Reihe rief: „Warten Sie! Könnte ich den Charakter mit ihr tauschen?” Eine hübsche, junge Frau mit guter Figur, die ihr kastanienbraunes Haar in einem langen Zopf trug, der ihr bis zum Gürtel reichte, stand auf und kam zur Bühne.
„Ich habe mir die einleitenden Informationen über Dryaden angesehen. Es stimmt, ihre einzigen Ausrüstungsplätze sind für Ringe und Armbänder vorgesehen, aber das wird durch ihre Volksboni ausgeglichen. Außerdem ist die Tänzerklasse ausgezeichnet für Dryaden geeignet. Sie haben schließlich Boni für Attraktivität, Charme und die Reaktion aller Mitglieder des anderen Geschlechts.”
Die Assistentin stimmte ihr zu. „Richtig. Es ist eine gute Rolle. Mit diesem Charakter kann man leicht Erfahrung sammeln. Außerdem ist der Pfad der Dryadentänzerin sehr ungewöhnlich. Es gibt keine einzige Anleitung. Mit einem solchen Charakter zu leveln ist praktisch eine Garantie dafür, die Probezeit zu bestehen.”
Die biedere Buchhalterin schauderte und murmelte unglücklich: „Mal sehen, welchen Schweinkram sie Ihnen aufdrücken wollen ... Schlimmer als eine Stripteasetänzerin kann es ja kaum sein.” Sie nahm der jungen Frau die Karte aus der Hand und las sie. „Oh! Ja! Eine Gremlin-Bankerin! Davon habe ich mein ganzes Leben lang geträumt!”
Die Frau mittleren Alters hätte die junge Frau fast geküsst, die die Karte mit ihr tauschte. Danach hörte ich überall um mich herum Leute rufen:
„Wer möchte gegen einen Troll-Kannibalen tauschen?”
„Ich tausche einen Kobold-Betrüger gegen jede andere Klasse!”
„Will jemand einen Ork-Astrologen? Ich tausche gegen jede Art von Nahkämpfer!”
Ich hatte keine Lust, auf das Ende dieser Freakshow zu warten und stand auf, um mich auf den Weg zur HR-Abteilung zu machen. Der Goblin-Kräutersammler erschien mir nicht mehr so schlimm, ich war mit meinem Los jetzt völlig zufrieden.

* * *

OBWOHL ICH VERSUCHTE, mir nichts anmerken zu lassen, beeindruckte mich der Reichtum und Luxus, den das Unternehmen von Reich ohne Grenzen zur Schau stellte. Es besaß einen riesigen Wolkenkratzer, in dem es auch viele unterirdische Etagen gab. Als ich mit dem Fahrstuhl nach unten fuhr, bemerkte ich, dass es für einige Etagen, die ich durch die Glastüren sehen konnte, keine Knöpfe gab. Die Wachleute auf diesen Etagen waren mit Waffen ausgerüstet und trugen Schutzwesten und Gasmasken.
Der nette Techniker Arthur führte mich zu meinem Arbeitsplatz und erklärte, dass es den normal Sterblichen verboten war, diese unterirdischen Etagen zu betreten. Dort befand sich „das Allerheiligste” des Unternehmens, die Spielserver. Es war einfacher, in einen Banktresor voller Gold hineinzukommen, als sich Zutritt zu diesen Etagen zu verschaffen. Die Stockwerke, auf denen sich die gesamte technische Ausrüstung befand, waren mit zahllosen Sicherheitssystemen und Giftgas ausgestattet, damit Kriminelle nicht einmal daran dachten, einzubrechen.
Ohne anzuhalten kamen wir an der unterirdischen Parkrampe vorbei, auf der viele Luxusautos und fliegende Autos standen. Dann öffnete sich die Fahrstuhltür auf der Etage der Testabteilung und ich sah ES: Ein riesiger Raum, der sich bis ins Endlose erstreckte. Er hatte sehr viele hohe Gänge, die von identischen kleinen Kabinen gesäumt waren. Arthur und ich gingen eine der langen Plattformen hinunter und hielten vor einer durchsichtigen Tür an. Ich blickte ausdruckslos auf ein Schild: 4-16A.
„Vierte Etage, Seite A, Kabine 16. Hier werden Sie arbeiten. Gehen Sie hinein, ziehen Sie Ihre Jacke aus und machen Sie sich mit Ihrer Kabine vertraut”, sagte er und zeigte auf den Stuhl und den Bügel an der Wand. Er blieb jedoch draußen stehen. „Jede Kabine hat einen ausziehbaren Schreibtisch und einen eingebauten Kühlschrank, in dem Sie Lebensmittel aufbewahren oder vor der Arbeit einen Imbiss zu sich nehmen können. Es gibt einen Toilettenraum für je 50 Kabinen und an jedem Ende der Gänge befinden sich Duschen. Aber denken Sie daran, jeder Gang hat 300 Kabinen, darum sind die Duschen abends, wenn die Schicht endet, oft besetzt. Also gut, dann wünsche ich Ihnen viel Glück!”
Während Arthur den Satz äußerte, wandte sich sein Blick von mir ab. Seine Augen folgten einer wunderschönen, fast glamourösen Frau mit prächtigen roten Haaren und stolzem Gesichtsausdruck, die an meiner Kabine vorbeiging. Sie trug ein langes, smaragdgrünes Kleid, hochhackige Schuhe und einen Hut mit breitem Rand. An ihren Fingern steckten mit Edelsteinen besetzte Ringe, die mir durch ihr Schimmern ins Auge fielen. Die Frau sah Arthur nicht an und schien mich nicht einmal zu bemerken. Sie ging noch ein paar Meter weiter, bis sie vor einer Tür anhielt, die genauso aussah wie meine. Es piepte, als die geheimnisvolle Frau die Tür mit ihrem elektronischen Schlüssel öffnete und ihre Kabine betrat.
„Wer war das?”, fragte ich den erstarrten Techniker mit halblauter Stimme.
Arthur zuckte zusammen und war wieder zurück in der Realität. „Woher soll ich das wissen? Sie arbeitet hier. Sie kommt abends und geht erst wieder am nächsten Morgen. Sie muss einen Nachtcharakter spielen. Offensichtlich ist sie eine gute Spielerin und verdient viel Geld. Ich habe sie einmal in der unterirdischen Parkgarage gesehen. Sie fährt einen tollen Luxussportwagen, den ich mir nie leisten könnte, selbst wenn ich bis zu meinem Lebensende sparen würde. Aber ich habe keine Ahnung, wer sie im Spiel ist. Wir können Ihre Avatare nicht sehen, wir helfen Ihnen nur, Ihre Ausrüstung einzurichten. Normalerweise erhalten Spitzenspieler ihre eigenen Büros auf den oberen Etagen des Gebäudes, doch sie muss es aus praktischen Gründen vorziehen, vom Parkplatz aus gleich hier herunter zu kommen. Aber ich schweife ab. Legen Sie die Kleidung ab, ich werde Ihre Maße für einen Sensoranzug und -helm nehmen.”
Nachdem sich die Tür hinter Arthur geschlossen hatte, holte ich mein Handy heraus und teilte meiner Schwester mit, dass ich bereit war.

Ruf die Konsole auf und gib mir die Nummer deiner virtuellen Realitätskapsel und Spielsitzung. Ich versuche, mich zu verbinden.

Ich tippte einen technischen Befehl auf dem Keyboard und machte mit der Kamera meines Handys ein Foto davon.

Warte fünf Minuten, damit wir zur gleichen Zeit anfangen können.

Ich zog den Anzug an, der mit Elektroden besetzt war, und legte mich in die virtuelle Realitätskapsel. Ich beobachtete den Timer auf dem kleinen Monitor, wartete fünf Minuten und schloss dann den Deckel der Kapsel. Jetzt war ich von der realen Welt abgeschottet. Vor mir leuchtete der Bildschirm auf ...

* * *

Erlittener Schaden: 2757 (Biss einer verfluchten Fledermaus)
Du bist tot.

* * *

WAS ZUM TEUFEL war das?! Die Meldung kam herein, sobald der Bildschirm geladen war. Das Bild verblasste langsam und ich war von Dunkelheit umgeben. Eine Minute verging, dann eine zweite und noch ein paar mehr. Nichts passierte. War es für mich vorbei? Es gab kein Spiel-Interface oder irgendwelche andere Menüfester, nur pechschwarze Dunkelheit. Irgendetwas musste falsch gelaufen sein. Fledermäuse! Richtig! Sie waren das Letzte, das ich in meinem kurzen Spiel als Barbar gesehen hatte. Jetzt würde ich bestimmt gleich aus meiner Kapsel geholt und gefeuert, weil ich beim Vorstellungsgespräch gelogen hatte.
Plötzlich wurde die Welt um mich herum wieder hell und das Fenster für die Charaktererstellung erschien auf dem Bildschirm. Puh, ich hatte es gerade so geschafft. Was sah ich vor mir? Einen Goblin-Kräutersammler auf Level 1. Das Volk oder die Klasse konnte ich nicht verändern.

Charaktername: Amra

Mir brach noch einmal kalter Schweiß aus. Als ich meinen Barbaren erstellt hatte, war mein erster Schritt gewesen, ihn zu Ehren des berühmten Barbaren aus dem Fernsehen „Conan” zu nennen, doch der Name war vergeben. Dann hatte ich einen anderen Namen ausprobiert, den der berühmte Held benutzte: Amra.
Ich hatte Glück, auch jetzt war er frei. So weit ich sehen konnte, hatten sich die Spielregeln in den letzten drei Jahren geändert. Die Namen der Charaktere mussten nun aus zwei Worten bestehen, zum Beispiel Tony Schwarzherz, Ahmed Schleichende_Schlange oder Ellie Sehr_Hübsch. Doch mein Name bestand nur aus einem Wort und hatte außerdem nur vier Buchstaben ...
Ein Newbie mit einem Einwort-Namen? Es konnte mir helfen, zu verbergen, dass ich für das Unternehmen arbeitete. Ich hatte wirklich nichts dagegen, es war schön, etwas Besonderes zu sein. Nun war es an der Zeit, mich mit meiner Erscheinung und den Attributen zu beschäftigen.
Ein grünes Gesicht starrte mir entgegen, aus dem zwei riesige Augen hervorstachen, und die Ohren waren überdimensional groß. Das System schlug vor, ich sollte etwas mit den Einstellungen herumspielen, um diesen gewöhnlichen Goblin individuell nach meinem Geschmack zu gestalten, doch ich beschloss, noch damit zu warten. In einem Hinweis las ich, dass ich die Erscheinung meines Charakters bis Level 10 kostenlos verändern konnte, darum beschloss ich, diesen Schritt fürs Erste zu überspringen. Etwas anderes bereitete mir mehr Sorgen: Alexandro Lavrius hatte gesagt, dass nicht mehr viel Zeit bis zum Einbruch der Nacht war, darum durfte ich keine Sekunde verschwenden.
Vor allem wollte ich mir die Boni und Strafen für Goblins ansehen. Leider hatte Verwilderter Waldbursche in Bezug auf die Strafen nicht gelogen:

50% Strafe auf Intelligenzsteigerungsrate
50% Strafe auf Stärkesteigerungsrate
- 20 Strafe auf Beziehungen zu folgenden Völkern: Menschen, Elfen, Zwerge, Gnome, Drachen
20% Strafe auf verdiente Erfahrung

Die Strafen waren eine bittere Pille. Besonders unzufrieden war ich mit der Strafe auf die verdiente Erfahrung. Die negativen Charakteristiken der Goblins wurden durch die Boni kaum aufgewogen:

30% Bonus auf Bewegungssteigerungsrate
30% Bonus auf Wahrnehmungssteigerungsrate
+ 20 Bonus auf Beziehungen zu folgenden Völkern: Goblins, Orks, Kobolde, Oger, Riesen
+ 30 Bonus auf die Reaktion von Wald- und Sumpfkreaturen
30% Bonus auf Bewegungsgeschwindigkeit in Wald- und Sumpfgebieten

Schließlich kam ich zu den Hauptattributen meines segelohrigen Goblins. Jeder Charakter in Reich ohne Grenzen, egal ob NPC oder eine reale Person, hatte nur sechs Hauptattribute: Stärke, Beweglichkeit, Intelligenz, Konstitution, Wahrnehmung und Charisma. Das war Standard und leicht zu verstehen. Stärke bestimmte den Schaden, den man mit Handwaffen verursachen konnte, und das Höchstgewicht, das man tragen konnte. Beweglichkeit war wichtig für Fernwaffen und zum Ausweichen. Intelligenz ermöglichte einem Charakter, die Eigenschaften von Gegenständen zu verstehen und bestimmte die Mana-Menge, über die ein magischer Charakter verfügte, sowie die Wirksamkeit seiner Zauber. Konstitution beeinflusste die Anzahl der Treffer- und Ausdauerpunkte. Wahrnehmung wirkte sich auf die Sehkraft, den Geruchssinn und das Gehör aus und gab einem Charakter außerdem eine größere Chance, verborgene Gegenstände zu entdecken. Und schließlich Charisma: Dieses Attribut definierte das Verhältnis anderer Charaktere zu einem selbst.
Es gab verschiedene Möglichkeiten, die Grundattribute zu verbessern. Man konnte ihnen auf jedem Level eine gewisse Anzahl neuer Attributpunkte zuweisen, in Hauptfertigkeiten leveln oder magische Gegenstände zum Verbessern einsetzen.





Name
Amra
Volk
Goblin
Klasse
Kräutersammler
Erfahrung
0 von 100
Charakterlevel
1
Trefferpunkte
15/15
Ausdauerpunkte
15/15
Attribute

Stärke (Str)
2
Beweglichkeit (Bew)
2
Intelligenz (Int)
2
Konstitution (Kon)
2
Wahrnehmung (Wah)
2
Charisma (Cha)
2
Unbenutzte Punkte
3
Hauptfertigkeiten (2von 4 gewählt)

Kräuterkunde (Wah, Bew)
1
Handel (Cha, Int)
1
Nebenfertigkeiten (0 von 4 gewählt)



Die Entwickler hatten meinem Charakter standardgemäß zwei Hauptfertigkeiten zugewiesen: Kräuterkunde und Handel. Die erste war leicht nachzuvollziehen, ein Kräutersammler, der sich nicht mit Kräutern auskannte, ergab wenig Sinn. Doch Handel verwirrte mich etwas. Ich konnte die Fertigkeit nicht löschen, die Entwickler sahen mich als kleinen Goblin, der durch die Wälder trottete, eine Unmenge Pflanzen sammelte und sie einheimischen Händlern verkaufte. Ich brauchte die Handelsfertigkeit also, damit ich von skrupellosen Schwindlern nicht übers Ohr gehauen wurde. Mein Charakter besaß die Intelligenz eines Stuhls. Ohne die besondere Fertigkeit des Verhandelns würde ich ständig um mein Geld betrogen werden.
Die Buchstaben in Klammern hinter den Fertigkeiten verwirrten mich zuerst ebenfalls, doch ich fand schnell heraus, dass es sich um die Attribute handelte, die der Charakter nach und nach durch das Benutzen der Fertigkeiten verbesserte.
Drei freie Attributpunkte waren nicht gerade viel! Nachdem ich etwas mit den Parametern herumgespielt und ihre Beschreibung gelesen hatte, stellte sich heraus, dass Trefferpunkte und Ausdauerpunkte ausschließlich von der Konstitution abhingen, darum wies ich diesem Attribut gleich einen Punkt zu. Daraufhin erhöhten sich meine Trefferpunkte auf 21 und meine Ausdauer auf 20.
Als Nächstes war Beweglichkeit an der Reihe. Wenn ich die Anleitung des Verwilderten Waldburschen und meine Volksboni richtig verstanden hatte, hing der Erfolg meines segelohrigen Charakters von seiner Beweglichkeit ab. Ich wies dem Attribut 2 Punkte zu und erhöhte es damit auf 4. Das war alles, obwohl ... Im letzten Moment, bevor ich mit dem Spiel beginnen wollte, beschloss ich, dass die niedrige Intelligenz meines Goblins nicht akzeptabel war. In der Beschreibung des Attributs hieß es, dass ich mit einer Punktzahl unter 3 nicht richtig sprechen oder andere verstehen konnte. Das bedeutete, ich würde mich weder mit anderen Spielern oder NPCs unterhalten, noch Missionen und Hinweise verstehen können. Ich reduzierte Charisma auf das Minimum und wies den Punkt Intelligenz zu. Mein Goblin war sowieso keine Schönheit gewesen, doch nun wurde er regelrecht zu einem Monstrum.
Jetzt war ich bereit. Es war Zeit, ins Spiel einzusteigen!




Die Ork-Galeere



ANGST. KÄLTE. SCHMERZEN. Hunger. Mein geschundener Körper schmerzte überall. Trotz des Schmerzes und der Müdigkeit nahm ich laute Geräusche wahr. Ich wollte sie einfach ignorieren und mich in einem tröstenden Traum verlieren, doch die Geräusche wurden lauter und lauter. Ich konnte klirrende Waffen, wütendes Gebrüll und die Schreie von Sterbenden hören. Mir stieg der Geruch von frisch vergossenem Blut in die Nase. Mit großer Anstrengung gelang es mir, die Augen zu öffnen. Ich lag auf einem von verrottetem Stroh bedeckten Boden in einem dunklen Raum. Als ich versuchte, mich zu bewegen, bemerkte ich, dass mein Handgelenk in einer Handschelle aus schwerem Metall steckte. Sie war an einer Kette befestigt, die in der Wand verankert war. War ich ein Gefangener?
Aus dem Augenwinkel sah ich einen Ork in einer Lederrüstung vorbeilaufen, der einen Krummsäbel trug. Nur einige Sekunden später fiel sein blutender Körper zu Boden. Ein riesiger Mensch in einer Rüstung, der den Ork niedergestreckt hatte, näherte sich ihm und erledigte ihn, indem er ihm einen Kurzspeer in die Brust stieß.
„Scheint der Letzte von ihnen zu sein!”, rief er jemandem zu, der sich weit hinter ihm befand und ihm antwortete: „Großartig! Befrei die Gefangenen und bring sie auf unser Schiff! Die Ork-Galeere kann jede Minute an den Felsen der Küste zerschellen!”
Ich wurde befreit! Doch bevor ich Zeit hatte, darüber erleichtert zu sein, drehte sich der riesige Soldat mit einem angewiderten Gesichtsausdruck zu mir um und durchbohrte mich mit seinem Speer!

* * *

WIEDER BRACH Dunkelheit über mich herein. Ich lag vollkommen fassungslos da und konnte nicht glauben, was gerade geschehen war. Der Mann hatte mich fast getötet, obwohl er mich retten sollte! Warum?
Eine innere Stimme lachte und wies mich spöttisch darauf hin, dass ich diese Reaktion hätte erwarten sollen. Goblins hatten bereits eine Strafe von - 20 auf die Reaktion von Menschen und ich hatte mein Charisma auf ein Minimum reduziert. Jeder Mensch, Elf oder Zwerg, dem ich begegnete, würde in gleicher Weise reagieren.
Der Schmerz kehrte zurück und ich öffnete die Augen. Ich sah die Welt in Schwarz- und Rottönen. Wie vorher lag ich auf altem, fauligem Stroh, das jetzt auch noch mit dickem, dunklem Blut getränkt war ... mit meinem Blut.
+ 1 TP von Gesundheitsregeneration
Meine Wunde war fast völlig geheilt, doch mein Lebensbalken blinkte gefährlich bei 3 von 21. Ich sollte erwähnen, dass ich vorher nicht einmal gewusst hatte, dass Goblins Gesundheit regenerieren konnten. Warum wurde in keiner Anleitung darauf hingewiesen? Vielleicht war die Fähigkeit erst kürzlich hinzugefügt worden, um Goblins spielbarer zu machen. Wie auch immer, die Wunde schmerzte wahnsinnig! Ich musste zugeben, dass das Sterben selbst in einem Computerspiel sehr unangenehm war.
Ich hatte keine Ahnung, was ich mir als Nächstes ausgedacht oder getan hätte, doch plötzlich huschte eine Ratte unter den Holzpaneelen meiner Zelle entlang.

Level-1-Ratte

Die kleine Kreatur folgte neugierig seiner Nase, betört von dem berauschenden Blutgeruch. Ich bewegte mich etwas und zog mein rechtes Bein an. Die Ratte drehte sich sofort zu mir um. Sie lief jedoch nicht weg, sondern starrte mich an. Nicht nur das, sie interessierte sich immer mehr für meine kulinarischen Eigenschaften. Wenn ich ganz gesund gewesen wäre, hätte ich eine solche Kreatur leicht töten können, doch im Moment hatte ich nur 3 traurige Trefferpunkte. Die Ratte würde mich fressen!
Offensichtlich kam die Kreatur zum gleichen Schluss und näherte sich. Was dann passierte, hatte weder ich noch die Ratte erwartet.

Zugefügter Schaden: 10 (Vampirbiss)
Wiederhergestellte Gesundheit: + 5 TP
Erhaltene Erfahrung: 8 EP
Erhaltener Gegenstand: Rattenfleisch (Nahrung)
Freigeschaltetes Achievement: Geschmackstester (1/1000)
Freigeschaltete Volksfähigkeit: Blutlust (Erhöht den zugefügten Gesamtschaden für jede einzelne Kreatur, die durch Vampirbiss getötet wird, um + 1%. Aktueller Bonus: 1%)
Freigeschaltete Anzeige: Durst löschen (10/15)

Einige Sekunden lang saß ich nur da, den abscheulichen Geschmack von Rattenblut im Mund. Ich musste im wahrsten Sinne des Wortes erst einmal verdauen, was gerade geschehen war. War ich ein Vampir? Ich öffnete mein Charakterfenster, um nachzusehen. Was ich sah, ließ keinen Zweifel aufkommen:

Volk: Goblin-Vampir

Zum Glück konnte ich verheimlichen, dass ich zum Teil Vampir war, indem ich einfach das spezielle Kästchen „Vor anderen Spielern verbergen” ankreuzte. Als ich mir die Beschreibung der Vampire durchlas, dankte ich dem Himmel und den Entwicklern des Spiels dafür:

- 50 Strafe auf die Reaktion aller lebenden Völker, falls enttarnt
Strafe: Legales Ziel für Tötung durch Spieler und NPCs von lebenden Völkern, falls enttarnt
Strafe: Kann im Zustand von Blutdurst seine wahre Natur nicht verbergen
Strafe: Sofortiger Tod, wenn von Sonnenlicht getroffen

Jetzt steckte ich ziemlich in der Klemme. Von diesem Moment an war meine wichtigste Priorität, meinen Vampirismus geheim zu halten. Er hatte jedoch auch einige Vorteile. Auf Level 1 konnte ein Vampir zum Beispiel + 1 TP Gesundheitsregeneration pro Minute sowie eine zusätzliche Angriffsart erhalten (und im Gegensatz zu den meisten anderen war sie weder rechts- noch linkshändig):

Vampirbiss
Schaden: (1-6) x Stärke
Die Gesundheit des Angreifers wird um 50% des zugefügten Schadens wiederhergestellt.
Beim Angriff auf schlafende, bewusstlose oder gelähmte Ziele ist die Erfolgschance 100% und der Angreifer kann einen Effekt wählen: Sofortiger Tod / 6-stündiger Tiefschlaf / Mit Vampirismus infizieren).

Ich las die Beschreibung des Angriffs noch einmal. Bedeutete es, dass ich jede Kreatur töten konnte, egal auf welchem Level sie war? Ich musste also nur jemanden finden, der schlief, und sogar Level-100-Charaktere waren erledigt. Es war eine großartige Möglichkeit für mich, um Erfahrung zu sammeln und zu leveln! Und ich konnte Spieler und NPCs gleichermaßen angreifen. Doch Augenblick! Ich bremste meine Euphorie. Wenn ich diese Fähigkeit auch nur ein einziges Mal gegen einen Spieler einsetzte, wäre mein Geheimnis enthüllt. Ich würde für den Rest meiner Tage im Spiel gejagt und immer wieder getötet werden, weil die Regeln es erlaubten. Jeder Tod würde mir körperliche Schmerzen bereiten und ich würde Erfahrung verlieren. Darum musste ich meinen Vampirismus unbedingt geheim halten.
„Wer ist da? Ich kann dich hören!”, rief eine Stimme von draußen.
Meine Angst wuchs. Ich sprang auf und wischte mir schnell mit dem Handrücken über die Lippen. Das Letzte, was ich brauchte, war ein Fremder, der Blut in meinem Gesicht sah.
„Ratte erschlagen. Hat angegriffen. Klatsch, klatsch, ich zugeschlagen”, antwortete ich.
Was zum Teufel?! Ich hatte etwas anderes gesagt, doch das Einzige, das aus dem Mund meines Charakters kam, waren diese unbeholfenen, abgehackten Sätze. Wie sich herausstellte, reichten selbst 3 Intelligenzpunkte nicht aus. Ich mochte gar nicht daran denken, wie mein Charakter bei noch weniger Punkten reden würde.
„Eine Ratte? Ja, ich habe sie gesehen. Sie hat mich lange angestarrt, aber dann rannte sie davon. Hast du eine Ahnung, wie du dich von der Kette befreien kannst? Ich bin nicht stark genug.”

Erhaltene Mission: Flucht von der Sklavenhändler-Galeere
Missionskategorie: Erforderlich, Training
Belohnung: 80 EP, Zugang zur Hauptspielwelt

„Kette weiß nicht. Ich verletzt. Mann hat mit Speer gestoßen.”
Hinter der Wand hörte ich das glucksende Lachen des anderen Spielers. „Dein Charisma muss ziemlich niedrig sein, wenn sie dich getötet haben, statt dich zu befreien. Ich bin überrascht, dass du nicht gestorben bist. Soldaten spielen auf Level 25, sie müssten in der Lage sein, dich mit einem Treffer zum Respawnen zu schicken. Mich haben sie einfach nicht bemerkt. Als das Massaker im Laderaum begann, habe ich schnell meine Tarnfertigkeit eingesetzt und konnte sie sogar auf Level 2 erhöhen, bevor die Soldaten verschwanden. Aber ich habe nicht richtig nachgedacht. Vielleicht hätten sie mich zusammen mit den anderen Gefangenen befreit oder mich einfach zum Respawnen geschickt. Dann müsste ich mich jetzt nicht mit dieser Kette herumschlagen, sondern würde einfach zum Spawnpunkt zurückkehren und wäre frei.”
Ich erstarrte vor Angst. Von der Stelle aus, an der ich mich befand, konnte man den Spawnpunkt nicht sehen. Was aber, wenn Charaktere mit meiner gewinnenden Erscheinung nur einen einzigen Weg in die Freiheit hatten, und das war zu sterben und wieder zurückzukehren? Nein, das ergab keinen Sinn! Es musste andere annehmbare Möglichkeiten geben, hier herauszukommen. Ich betrachtete die kurze, rostige Kette, mit der ich angekettet war. Als Erstes versuchte ich, sie zu zerbrechen.

Dein Charakter besitzt nicht genug Stärke, um diese Aktion auszuführen.
Erforderliche Stärke zum Zerbrechen der Kette: 7.

Für die Kette reichte meine Stärke offensichtlich nicht aus, doch was war mit der Handschelle an meinem Handgelenk?

Dein Charakter besitzt nicht genug Beweglichkeit, um diese Aktion auszuführen.
Erforderliche Beweglichkeit zum Zerbrechen der Handschelle: 7.

Ein weiterer Fehlschlag. Ich sah mir meine linke Hand genau an. Das Handgelenk sowie die Hand waren schmal, doch ich hatte einen großen Daumen, der mich daran hinderte, aus der Handschelle zu schlüpfen. Was wenn ... Der Gedanke, meinen eigenen Daumen abzubeißen, war barbarisch, doch ich verwarf ihn nicht sofort. Ich hatte Gesundheitsregeneration, also würde der Daumen bald nachwachsen. Würde ein echter Goblin zögern? Nein, entschied ich, das würde er nicht.
Ich versenkte die Zähne in mein eigenes Fleisch. Schmerzen überwältigten mich und meine Trefferpunkte fielen rapide. Ich musste sogar schnell das Rattenfleisch essen, um etwas Gesundheit wiederherzustellen, doch meine Idee funktionierte! Vorsichtig zog ich meine blutende Hand aus der rostigen Handschelle. Ich war frei! Das Bluten hörte sofort auf, doch von meinen 21 Trefferpunkten waren nur noch 2 übrig. Aber das war egal. Allmählich würde Regeneration meine Gesundheit vollständig wiederherstellen. Dann erschien jedoch ein Debuff ...

Deine linke Hand ist verletzt.
In den nächsten 2 Tagen kannst du keine Waffe in der linken Hand halten, nicht schwimmen oder Felswände und Bäume hochklettern.
Alle anderen mit der linken Hand ausgeführten Aktionen erhalten eine Strafe von 30%.

Auch hatte ich für das Abnehmen der Kette keine Erfahrungspunkte verdient. Entweder hatte den Entwicklern meine Lösung nicht gefallen oder die Mission war noch nicht abgeschlossen.
„Was war das?”, fragte mein Bekannter hinter der Wand.
„Meine Kette ab. Jetzt du.”
Ich stand langsam auf und schaute in die Zelle neben mir. Der Kerl, der dort saß, war ein echter Freak! Auf dem schmutzigen Boden lag eine erschöpfte, blaue Kreatur, halb Mensch, halb Fisch. Sie hatte riesige, hervorstehende Augen und schnappte schwer nach Luft.

Trong Taucher
Najade
Level-1-Taucher

„Du bist ziemlich hässlich, Amra!”, rief der Fischmann aus. Seine Reaktion auf mein Aussehen war die gleiche wie die des Soldaten.
Wir lachten beide, dann beantwortete er die Frage, die ich gerade stellen wollte.
„Bei der Erstellung des Charakters hatte ich keine Ahnung, wie ich mich nennen sollte. Ich dachte mir, das zweite Wort sollte meinen Beruf beschreiben. Also bin ich Herr Taucher, der Taucher. Doch erzähl mir lieber, wie du die Kette losgeworden bist.”
Ich versuchte mein Bestes, um ihm meine Methode und den Debuff, den ich erhalten hatte, verständlich zu machen. Der Fisch schüttelte den Kopf.
„Verdammt ... Nein, das ist nichts für mich. Ich muss tauchen und unter Wasser schwimmen können, doch mit einer verletzten linken Hand ist das nicht möglich. Es ist einfacher für mich, zu sterben und in einer Stunde ohne Debuffs oder fehlende Körperteile wiederaufzuerstehen. Pass auf, ich versuche, einen Weg aus dieser Handschelle zu finden, doch wenn mir nichts Sinnvolles einfällt, kannst du mich töten und ich respawne. Ich kann die Stunde außerhalb des Spiels sowieso gebrauchen. Ich muss Mails beantworten und ein paar Sachen erledigen. Du kannst in der Zwischenzeit etwas essen oder einen Spaziergang machen. Danach können wir zusammen weiterspielen. Ich habe das Gefühl, dass es viel zu schwer ist, hier alleine herauszukommen. Was meinst du?”
Im ersten Moment erschreckte mich sein Vorschlag. Trong sprach sehr gelassen über seinen Tod. Es schien, als ob er sich wegen der zu erwartenden Schmerzen kein bisschen Sorgen machen würde. Doch dann wurde mir bewusst, dass er einfach ein normaler Spieler ohne virtuelle Realitätskapsel war. Er saß zu Hause vor seinem Bildschirm oder trug einen VR-Helm und versuchte, diesen langweiligen Übungsort um jeden Preis so schnell wie möglich zu verlassen, um in die riesige Spielwelt einzutauchen. Das erklärte Trongs Sorglosigkeit. Jeder Spieler, der wie ich die Empfindungen seines Charakters fühlen konnte, würde es vorziehen, sich auf andere Weise zu befreien.
„Ja, gut. Ich gehe, sehe mich um”, antwortete ich dem gefesselten Najadenmann und ging den dunklen Gang hinunter.
Es war Zeit, sich mit dem Interface zu beschäftigen. Zuerst rief ich die Karte auf, machte sie halbtransparent und platzierte sie am oberen rechten Rand. Sie zeigte mir an, dass ich mich im Laderaum einer Sklavengaleere befand. Trong Taucher hinter mir erschien auf der Karte als gelbes Dreieck, während im Dunkeln vor mir drei rote Punkte auf der Lauer lagen. Ein Blick auf die Farbkennzeichnung verriet mir, dass Rot feindliche Gegner signalisierte, was ich selbst hätte erraten können. Gelb bedeutete NPCs und Spieler, deren Einstellung jemandem gegenüber unbekannt war.
Langsam und vorsichtig ging ich weiter. Es roch nach kürzlich vergossenem Blut, doch die Leichen der niedergestreckten Soldaten waren nicht verschwunden, was in den meisten Spielen nach einer bestimmten Zeit der Fall ist. Ich fühlte etwas an meinem Fuß, ein Glasgefäß rollte auf dem Boden hin und her.

Leere Phiole.
Wird benutzt, um alchemistische Elixiere aufzubewahren.

Ich hob das Gefäß auf. Vielleicht konnte es mir von Nutzen sein. Ich betrachtete es, um herauszufinden, wie es geschlossen wurde. Einige Sekunden später erschien eine Meldung:

Möchtest du Alchemie (Int, Bew) als Hauptfertigkeit wählen?

Ich war erstaunt. War es so einfach, eine Fertigkeit aufzunehmen? Keine Ausbilder oder Missionen, keine wahnsinnig teuren Schriftrollen? Alchemie konnte sehr hilfreich für mich sein. Ich würde in meinem Beruf viele Kräuter und Wurzeln finden, die ich sonst im Rohzustand für wenig Geld verkaufen musste. Stattdessen würde ich mit Alchemie wertvolle Elixiere aus den Pflanzen herstellen können, die wahrscheinlich viel mehr wert waren. Ich wählte die Option „Ja”.

Du hast Alchemie als Hauptfertigkeit gewählt.
Fertigkeitslevel: 1.
Gewählte Hauptfertigkeiten: 3 von 4

Erst jetzt erkannte ich, was ich gerade getan hatte: Ohne zu überlegen hatte ich einen der beiden übrigen Fertigkeitsplätze belegt. Und was noch schlimmer war, die Fertigkeit erhöhte Intelligenz, in der Goblins 50% langsamer als andere levelten! Das konnte erhebliche Konsequenzen haben. Was für eine idiotische Wahl!
Statt Alchemie hätte ich eine Fertigkeit wählen sollen, die Beweglichkeit und Wahrnehmung verbesserte, die Stärken meines Goblins. Wenn ich solch eine Fertigkeit auf, sagen wir, Level 100 brachte, würde ich 130 Beweglichkeitspunkte (100 x 1,3) plus 65 Wahrnehmungspunkte (50 x 1.3) erhalten. Das wären zusammen 195 zusätzliche Attributpunkte! Doch mit Alchemie auf Level 100 würde ich wegen der 50-%-Strafe auf Intelligenz nur 50 Intelligenzpunkte (100 x 0,5) und 65 Beweglichkeitspunkte (50 x 1,3) erhalten. Das waren nur 115 Punkte für meinen Charakter statt der 195, die ich hätte verdienen können, wenn ich nachgedacht hätte ...
Ich war so wütend, dass ich die verhängnisvolle Phiole am liebsten an die Wand geworfen hätte, doch ich versuchte, ruhig zu bleiben, und nahm sie mit. Ich wusste nicht genau, wo Gegenstände der Spiellogik nach gesammelt wurden. Ich trug nichts weiter als einen Lendenschurz, doch ich konnte trotzdem Gegenstände in meinem Inventar aufbewahren. Es hatte jedoch nur 8 Plätze. Das war sehr wenig, darum wollte ich einen Beutel finden, in dem ich meine Gegenstände aufbewahren konnte.
Nach einigen Schritten fand ich eine weitere Phiole und danach noch vier mehr. Dem Blut und den tiefen Kerben in einem Holztisch nach zu urteilen, musste hier vor Kurzem ein schwerer Kampf getobt haben und die Kämpfer hatten vermutlich alchemistische Elixiere benutzt, um ihre Stärke zu erhöhen oder sich zu heilen. Glücklicherweise nahmen die sechs gleichen Gefäße nur einen der 8 verfügbaren Plätze in meinem Inventar ein.
Ich kam den roten Punkten auf der Karte immer näher. Ich konnte die Feinde noch nicht sehen, doch ich bewegte mich nun etwas vorsichtiger. Genau in dem Moment erschien eine weitere Meldung:

Möchtest du Tarnung (Bew, Kon) als Hauptfertigkeit wählen?

Dieses Mal ließ ich mir mehr Zeit für meine Entscheidung. Einerseits würde Tarnung meine Stärke erhöhen, das war nützlich. Doch andererseits wären damit alle vier verfügbaren Hauptfertigkeitsplätze belegt, bevor ich überhaupt mit dem Spiel begonnen hatte. Das wäre langfristig betrachtet vielleicht nicht die beste Entscheidung für den Fortschritt meines Charakters. Außerdem durfte ich nicht vergessen, dass ich ein Vampir war. Die Spielmechanik erlaubte nicht, meine Hauptfertigkeiten vor anderen zu verbergen. Es leuchtete ein, dass man jemanden auf gewisse Art einschätzte, wenn man ihn traf, oder? Doch es würde nur zu unnötigen Fragen führen, wenn jeder Charakter, der mir begegnete, sah, dass ich die Fertigkeit Tarnung besaß. Ich sollte schließlich ein friedlicher Goblin-Kräutersammler sein. Mit etwas Bedauern lehnte ich Tarnung als Hauptfertigkeit ab, doch ich akzeptierte sie als Nebenfertigkeit. Attributpunkte wurden durch Nebenfertigkeiten nicht erhöht, doch die Fähigkeit, mich ungesehen zu bewegen, konnte für einen nachtaktiven Vampir von großem Nutzen sein. Vor allem aber konnten andere Spieler Nebenfertigkeiten nicht sehen.

Du hast Tarnung als Nebenfertigkeit gewählt.
Fertigkeitslevel: 1.

Es war einfach, in den Tarnungsmodus zu wechseln, doch es verlangsamte das Gehen meines Charakters erheblich. Ich war nicht in Eile, darum bewegte ich mich so lange wie möglich in diesem Modus. Weil ich meine Attribute im Auge hatte, entging mir nicht der Moment, als der leere Tarnungsbalken langsam anstieg. Es war die reinste Freude!
Ich zwang mich jedoch zur Zurückhaltung, denn jemand könnte mich sehen, wenn ich mich auffällig bewegte. Darum ging ich mit doppelter Vorsicht weiter in den dunklen Laderaum des Schiffs hinein.

Level-1-Ratte
Ich bemerkte sie, bevor ich sie sehen konnte.
Du hast mit der Fertigkeit Tarnung Level 2 erreicht!

Als ich auf die Meldung sah, freute ich mich, doch durch diese Unachtsamkeit stolperte ich über eine kleine Stufe, die ich nicht bemerkt hatte, und fiel der Länge nach zu Boden. In dem Moment entdeckte die Ratte mich. Das aggressive Tier sprang auf mich zu, aber ich hatte keine Waffe, mit der ich mich verteidigen konnte!

Erlittener Schaden: 4 (Rattenbiss)
Gesundheit: 6/21

Noch zwei Bisse und ich war erledigt! Ich schlug die Ratte zweimal, einmal mit der linken Hand und einmal mit der rechten. Kein Schaden, ich hatte sie verfehlt!

Erlittener Schaden: 4 (Rattenbiss)
Gesundheit: 2/21

Offensichtlich richteten meine schwachen Schläge nichts aus, darum versuchte ich, die Ratte zu beißen.

Zugefügter Schaden: 8 (Vampirbiss)
Wiederhergestellte Gesundheit: + 4 TP
Gesundheit: 6/21

Ha! Ich hatte es ihr gegeben! Was war eine kleine Ratte gegen eine schreckenerregende Kreatur der Nacht! Der nächste Biss der Ratte kostete mich weitere 4 TP meiner Gesundheit, dann war ich wieder an der Reihe.

Du hast nicht genügend Ausdauerpunkte, um Vampirbiss einzusetzen.

Ausgerechnet jetzt musste mir die Ausdauer ausgehen! Ich würde verschlungen werden! Verzweifelt versuchte ich erneut, die Ratte mit den Fäusten zu schlagen.

Zugefügter Schaden: 2 (Schlag)
Verdiente Erfahrung: 8 EP
Erhaltener Gegenstand: Rattenfleisch (Nahrung)

Als ich gefragt wurde, ob ich Faustkampf (Str, Kon) als Hauptfertigkeit wählen wollte, lehnte ich ab. Stattdessen setzte ich mich erschöpft auf den feuchten, strohbedeckten Boden. Mein Lebensbalken flackerte bedrohlich bei 2/21 TP, meine Ausdauer war auf 1/20 gesunken. Ich musste mir eingestehen, dass mein segelohriger Goblin seine Begegnung mit der Ratte nur wie durch ein Wunder überlebt hatte. Ich durfte mir keine weiteren Probleme einhandeln, das stand fest. Bevor ich mich auf die Jagd nach den anderen Ratten machte, musste ich mich vorbereiten. Zumindest musste ich meine Gesundheit und Ausdauer wiederherstellen und möglichst irgendeine Waffe finden.
Ich ruhte mich zehn Minuten lang aus und atmete tief durch. In der Zeit erhöhte sich meine Ausdauer auf 10, während meine Gesundheit dank der Regeneration und des Fleisches, das ich aß, vollständig wiederhergestellt wurde. Unmittelbar nachdem ich wieder losgegangen war, entdeckte ich ein Messer auf dem Boden.

Rostiges Küchenmesser
Schaden: (1-4) x Stärke

Das war deutlich besser, als mit bloßen Fäusten mit (1-2) x Stärke zu schlagen! Kaum hatte ich das Messer aufgehoben, schlug das System mir vor, Dolch (Str, Bew) als Hauptfertigkeit zu wählen. Ich schnaufte ungeduldig. Versucht nicht ständig, mich zu verleiten, unüberlegt zu handeln! Wenn Beweglichkeit das Hauptattribut bei dieser Fertigkeit gewesen wäre, hätte ich sie vielleicht in Betracht gezogen, doch Stärke mit der 50-%-Strafe ... Nein, danke. Alchemie mit dem Attribut Intelligenz, das mit einer Strafe belegt war, reichte mir völlig! Als Nebenfertigkeit wollte ich Dolch auch nicht wählen.
Es war aber viel einfacher, Ratten mit dem Küchenmesser zu erledigen. Ich erlitt einen 4-TP-Biss, konterte mit einem Messerstich für 6 TP und gab der Kreatur mit einem Vampirbiss den Rest. Meine Ausdauer sank wieder in den einstelligen Bereich, sodass ich mich ausruhen musste. Obwohl ich bereits gesehen hatte, dass sich eine weitere Ratte vor mir befand, war es Zeit, zu Trong Taucher zurückzukehren.
Der Fischmensch saß am gleichen Ort und war mit seiner metallenen Handschelle an die Wand gefesselt. Ich rief Trong mehrere Male beim Namen, doch es dauerte ein paar Minuten, bis er zu sich kam und antwortete.
„Sorry, ich war nicht am Computer. Wenn du so weit bist, töte mich, wie wir es besprochen haben. Dann gehe ich schnell ins Geschäft und hole mir etwas zu essen. Bitte warte auf mich, bis ich in einer Stunde respawne, okay? Zusammen schaffen wir es weiter!”
Ich erhob das Messer über der Brust des Najadenmannes und stach ihm tief zwischen die Rippen. Obwohl die Wucht des Stichs nicht schlecht war - er fügte 8 TP Schaden zu -, sank Trongs Lebensbalken nur um ein Viertel. Teufelskerl! Seine Lebenspunkte waren eineinhalbmal höher als die meines segelohrigen Goblins! Ich musste wieder und wieder zustechen. Nach dem vierten Stich blinkte Trongs Lebensanzeige in der kritischen Zone. Ich wartete und fragte den Fischmenschen, ob ich ihn wirklich töten sollte, doch ich bekam keine Antwort. Der Spieler war offenbar nicht mehr am Computer, also traf ich meine Entscheidung.
Ich hatte die Informationen in Foren gelesen. Sie besagten, dass es für die Berufe Assassine und Dieb vorteilhaft war, die Fertigkeit Verschleiern zu haben. Sie ermöglichte einem Spieler, Spielprotokolle zu entfernen oder zu modifizieren, sodass man kriminelle Handlungen vor anderen Spielern verbergen konnte. Außerdem konnte man die Dauer der Markierung als Krimineller reduzieren und sie mit der Zeit ganz löschen. Das war genau das, was ich brauchte! Ich versuchte, die letzte Spielmeldung über den Messerstich zu löschen.

Möchtest du Verschleiern (Int, Bew) als Hauptfertigkeit wählen?

Nein, Verschleiern als Hauptfertigkeit war nicht der richtige Schritt. Es wäre unklug, es an die große Glocke zu hängen, dass mein harmloser Goblin Kräutersammler dunkle Neigungen zu verbergen hatte. Doch als Nebenfertigkeit war Verschleiern mehr als hilfreich!

Du hast Verschleiern als Nebenfertigkeit gewählt.
Fertigkeitslevel: 1.
Effektzeit: 1 Minute, verbraucht 5 EP
Ich klickte auf das Verschleiern-Symbol. Nun hatte ich eine ganze Minute im Verborgenen.
Zugefügter Schaden: 6 (Vampirbiss)
Wiederhergestellte Gesundheit: + 3 TP
Verdiente Erfahrung: 80 EP
Level 2!
Freigeschaltetes Achievement: Geschmackstester (2/1000)
Freigeschaltetes Achievement: Spielertöter (1)
Freigeschaltete Volksfähigkeit: Nachtsicht (Hält 12 Stunden an, verbraucht 15 EP)
Verbesserte Volksfähigkeit: Blutlust (Erhöht den zugefügten Gesamtschaden für jede einzelne Kreatur, die durch Vampirbiss getötet wird, um + 1%. Aktueller Bonus: 2%)
Achtung! Dein Charakter wurde als Krimineller markiert! Für die nächsten 8 Stunden bist du ein legales Ziel für Angriffe!

Trong Tauchers Körper blinkte auf und wurde durchsichtig. Nein, ich hatte nicht gedankenlos gehandelt. Dieses Mal hatte ich wirklich alles einkalkuliert. Ich hatte ein Ziel gefunden, mit dem ich meine äußerst nützliche Fähigkeit Blutlust leveln konnte, also ergriff ich meine Chance. Najaden waren schließlich ein seltenes Volk. Wann würde ich wieder die Möglichkeit bekommen, sie meiner Liste besonderer Arten, die ich gebissen hatte, hinzuzufügen? Doch ich war nicht der Einzige, der die Spielprotokolle sehen konnte. Wie würde Trong Taucher reagieren, wenn er die Meldungen über seinen Tod sah und las, dass ihn ein Vampir getötet hatte? Ich musste etwas unternehmen, um mein Geheimnis zu hüten.
Wie konnte ich das Protokoll manipulieren? Es gelang mir, die Meldung, die Trong Taucher in 50 Sekunden sehen würde, zu öffnen:

Zugefügter Schaden: 6 (Vampirbiss von Spieler Amra)
Du bist gestorben.

Ich löschte sie nicht, obwohl ich es gekonnt hätte. Stattdessen änderte ich sie und ersetzte „Vampirbiss” durch „Stich mit rostigem Küchenmesser”. Das sah schon besser aus!

Du hast mit der Fertigkeit Verschleiern Level 2 erreicht!

Nicht schlecht, gar nicht schlecht! Das Leben nahm eine Wende zum Besseren! Nun musste ich nur noch die Attributpunkte zuweisen, die ich durchs Leveln erhalten hatte, und dann konnte ich mich neuen Abenteuern stellen! Übrigens waren aus irgendeinem Grund 2 der 5 Punkte automatisch verteilt worden. Meine Stärke hatte sich auf 3 und meine Konstitution auf 4 erhöht. Seltsam ...
Als ich mir die Anleitungen ansah, fand ich heraus, dass dies eine Besonderheit der Vampire war. Ob es einem gefiel oder nicht, Stärke und Konstitution wurden auf jedem Level erhöht. Damit musste ich mich abfinden, es war nicht zu ändern. Mir blieben nur 3 Attributpunkte übrig.
Ich beschloss, Charisma gleich 2 Punkte zuzuweisen. Es gefiel mir nicht, dass jede Person, der ich begegnete, mich töten wollte, weil ich so hässlich war! Nach längerem Überlegen verteilte ich meinen letzten Attributpunkt auf Intelligenz. Es wurde Zeit, schlauer als ein Stuhl zu werden!

* * *

DIE DRITTE Ratte war kein Problem mehr, sie starb nach zwei Messerstichen – ein klarer Beweis dafür, dass sich die Stärke meines Charakters verbesserte. Nachdem ich ein Stück Rattenfleisch eingesammelt hatte, ging ich weiter auf das Ende des dunklen Laderaums zu, wo eine Treppe zum Oberdeck führte. Sobald ich die erste Stufe betrat, wurde die Karte aktualisiert. Sie zeigte nicht mehr den unteren Laderaum an, sondern das Ruderdeck.
Auf dieser Etage stank es fürchterlich nach Fäulnis, schmutzigen Körpern und Blut. Der üble Geruch war so stark, dass ich fast umgekippt wäre. Mein Goblin musste sich mit seiner verletzten linken Hand die Nase zuhalten. Okay, ich hatte verstanden. Reich ohne Grenzen wurde besonders für seinen Hyperrealismus gelobt. Aber mussten sie wirklich so stark in die widerwärtigen Details gehen? Wie hatten es die Entwickler überhaupt geschafft, die schrecklichen Gerüche dieses jämmerlichen Ortes zu vermitteln? Selbst eine leichte Brise konnte den Gestank, der über dem Deck hing, nicht davontragen.
Als ich mich etwas erholt hatte, sah ich mich um. Alles deutete darauf hin, dass hier kürzlich ein Gemetzel stattgefunden hatte: getrocknetes Blut auf dem Boden, von Klingen zerschlagene Ruderbänke, Teile von Ketten und schmutzige Kleiderfetzen. Leichen waren nicht zu sehen, die Charaktere hatten es bereits geschafft, in die Spielwelt zu entschwinden. Dann sah ich auf der Karte neben den Markierungen einiger entfernter Ratten ein gelbes Dreieck. Ein Spieler? Ich näherte mich vorsichtig und entdeckte ihn oder, besser gesagt, sie.

Valerianna Schnellfuß
Waldnymphe
Level-2-Bestienmeisterin

Meine Schwester! Ich erkannte sie sofort. Valeria benutzte immer den gleichen Namen für ihren Hauptcharakter, egal, welches Spiel sie spielte. Ich ging jedoch nicht näher auf sie zu. Meine Schwester und ich hatten abgesprochen, nicht zu verraten, dass wir uns kannten. Darum kroch ich weiter und beobachtete erfreut, wie mein Tarnungsbalken immer weiter anstieg.
In der Zwischenzeit war die anmutige Nymphe mit blaugrünem Haar damit beschäftigt, auf ungewöhnliche Weise Ratten zu vernichten. Aus der Entfernung brachte sie eine Ratte mit einem Zauber unter ihre Kontrolle und setzte sie gegen die anderen ein. Ich las Valeriannas Hauptfertigkeiten:
Tiere beherrschen: Level 2
Wassermagie: Level 1
Plötzlich erstarrte Valerianna und drehte sich schnell um.
„Wer bist du?” Sie klang eher neugierig als erschreckt. Ich hatte meine Anwesenheit irgendwie verraten und war entdeckt worden. Es wäre dumm gewesen, mich versteckt zu halten, darum trat ich hervor.
„Du bist ein Krimineller! Bleib, wo du bist!”, rief die Nymphe jetzt ängstlich. Sie legte ihre Handflächen aneinander und hielt sie vor sich. Als sie sie auseinanderbewegte, entstand eine kleine, flackernde, blaue Flamme zwischen ihnen.
„Ich dir nichts tun!”, versicherte ich ihr schnell, wobei ich leise die schlechte Sprachfähigkeit meines Charakters verfluchte. „Ich beginne erst Spiel. Kette von Hand gelöst. Dann anderer Fischspieler brauchte Hilfe. Ich töte ihn, er kommt ohne Kette zurück. Er sagt, der einzige Weg. Kriegt Kette nicht ab.”
Die Nymphe, ein gut aussehendes, schlankes Mädchen in einem kurzen, grünen Umhang, konnte ein Lächeln nicht unterdrücken.
„Du bist lustig, Goblin, doch du besitzt nicht sehr viel Verstand. Willst du mir sagen, dass ihr beide nicht genug Stärke-, Beweglichkeits-, Intelligenz- oder Wahrnehmungspunkte hattet, um gemeinsam auf 7 zu kommen? Ihr hättet zusammenarbeiten können!”
Ich stutzte überrascht und verlegen. Die Idee, Trongs Kette gemeinsam aus der Wand zu reißen, war mir nicht in den Sinn gekommen. Die Dummheit meines Goblins färbte hoffentlich nicht auf mich ab! Es wäre so einfach gewesen.
Valerianna dachte einige Sekunden nach und äußerte dann mit besorgter Stimme: „Ich glaube, ich weiß, was passiert ist. Du beschreibst anscheinend einen gewöhnlichen PvP-Betrug. Du hast einen Spieler auf seine Bitte hin getötet und bist jetzt für mehrere Stunden als Krimineller markiert. Der Spieler hätte dich ganz leicht töten können, doch die Belohnung war es nicht wert, den Status Krimineller zu haben. Du würdest durch deinen Tod nichts verlieren und er würde nur 100 Erfahrungspunkte verdienen. Er wollte dir genug Zeit geben, durch Ratten und Übungsmissionen zu leveln, um dich danach zu töten. Sicher hat er dich gebeten, auf ihn zu warten, damit ihr zusammen weiterspielen könnt. Habe ich recht?”
Ich bestätigte die Theorie meiner Schwester mit einem Nicken.
„Sein Charakter muss auf PvP spezialisiert sein, verstehst du? Er hat sich wahrscheinlich auf ein Kampfattribut wie Stärke konzentriert und bereitet sich darauf vor, eine Nahkampfwaffe einzusetzen. Sicher ist er mit Konstitution auf einem hohen Level und hat auch eine hohe Anzahl von Trefferpunkten. Bist du auf Level 3, wenn er dich tötet, verdient er 300 Erfahrungspunkte anstatt nur 100. Das macht am Anfang des Spiels einen großen Unterschied. Die Punkte genügen, um Level 4 zu erreichen. Außerdem erhalten einige Völker und Klassen für das Töten von Spielern zusätzliche Erfahrung oder besondere Boni und Missionen, weshalb dein neuer Freund dich auf alle Fälle töten will. Auf diese Weise ist er auf einem ziemlich hohen Level, wenn er in die Hauptspielwelt kommt, und hat außerdem noch eine reine Weste.”
Valeria hatte ihren VR-Helm abgenommen, das Forum von Reich ohne Grenzen geöffnet und die Informationen daraus vorgelesen. Das bedeutete, dass Trong Tauchers Vorschlag, ihn zu töten, eine Falle gewesen war. Er plante, mich nach seiner Rückkehr zu töten, doch vorher sollte seine Beute etwas Übung bekommen, damit sie mehr wert war, wenn er sie zur Strecke brachte.
„Ist es ein Geheimnis, welchem Volk er angehört?”, fragte die Nymphe, während sie eine weitere Ratte auf ihre Artgenossen hetzte.
„Najade, Taucher”, antwortete ich.
Meine Schwester versank in Gedanken. Während sie bewegungslos dastand, kämpfte die Ratte unter ihrer Kontrolle weiter gegen ihre ehemaligen Freunde. Ich war überrascht, als der Körper der bewegungslosen Nymphe in verschiedenen Farben zu glitzern begann. Eine ihrer Fertigkeiten musste leveln. Ich warf einen Blick auf ihre sichtbaren Attribute. Richtig, Valerias Fertigkeit Tiere beherrschen hatte Level 3 erreicht. Noch während ich ihre Statistik prüfte, kehrte meine Schwester ins Spiel zurück.
„Nur zu deiner Information: Najadentaucher sind das Gleiche wie menschliche Krieger oder zwergische Berserker. Sie erhalten 10 Lebenspunkte zusätzlich für jeden Konstitutionspunkt und bekommen die doppelte Anzahl von Ausdauerpunkten sowie einen zusätzlichen Bonus auf Stärke für das Ausführen verschiedener Kombinationsangriffe.“
„Ich laufe weg?”, fragte ich, doch die Nymphe schüttelte den Kopf. Sie wollte wissen, wie lange es noch dauern würde, bis der Najadenmann respawnte. Ich warf einen Blick auf die Zeitanzeige und machte ihr verständlich, dass er in 40 Minuten zurückkehrte.
„Lauf nicht weg, Goblin. Wenn er wirklich angreift, helfe ich dir. Ich mag Schwindler und Betrüger nicht. Doch ich greife nur ein, wenn er dich zuerst angreift. Fürs Erste bringe ich meine Fertigkeit Wassermagie auf Level 2, dadurch erhöht sich meine Intelligenz durch die Hauptfertigkeiten-Boni auf 17.”
Ich verstand nicht gleich, was sie sagte. Valerianna war bereits auf Level 2 und hatte Intelligenz auf 17 heraufgelevelt. Wie hatte sie das geschafft? Es war mir gelungen, meine Beweglichkeit, Intelligenz und Konstitution auf Level 4 zu bringen, doch ich hatte kein anderes Attribut höher gesteigert als 4.
Sie erklärte eifrig: „Nymphen erhalten einen Bonus, wenn wir in Charisma und Intelligenz ein höheres Level erreichen, und ich habe meinen Charakter vor allem auf Intelligenz ausgerichtet. Außerdem verbessern meine zwei vorgegebenen Hauptfertigkeiten zuerst Intelligenz. Ich konnte die Handschellen einfach von meinem Handgelenk abnehmen, weil ich sofort herausgefunden habe, wie der Verschluss funktioniert. Ich habe ihn einfach geöffnet.”
Nach diesen Worten rief die Nymphe die Ratte zu sich, die unter ihrer Kontrolle stand. Ich bemerkte, dass das Tier etwas gewachsen war. Es war im Kampf gegen andere Ratten auf Level 2 aufgestiegen. Valerianna befahl dem Tier, sich hinzusetzen, schoss einen eisblauen Pfeil auf eine weit entfernte, kaum sichtbare feindliche Ratte ab und tötete sie mit einem Schuss. Bei zwei Ratten in der Nähe hatte sie den gleichen Erfolg. Wieder leuchtete die Nymphe in bunten Farben auf. Ihre Fertigkeit Wassermagie hatte Level 2 erreicht.
„Cool, noch ungefähr 50 Erfahrungspunkte und ich bin auf Level 3!” Die Nymphe lachte erfreut. „Amra, ich muss mich etwas ausruhen, um mein Mana wiederherzustellen. Danach kann ich bis zu 9 Eispfeile abschießen, die jeweils durchschnittlich 40 Punkte Schaden verursachen. Egal, auf welchem Level die Konstitution deines Najadenfreundes ist, das überlebt er nicht. Doch es ist sehr wichtig, dass du ihn nicht in meine Nähe kommen lässt. Ich habe nur 11 TP, er braucht mich bloß anzuspucken und ich bin tot. Übrigens, warum levelst du nicht auch? Es sind noch einige Ratten übrig, hol sie dir.”
Ich nickte gehorsam und ging los. Meine Gedanken waren jedoch weit von den Ratten entfernt. Ich konnte nur an den Angriff von Trong Taucher denken. Valerianna hatte versprochen, einzugreifen, falls der Najadenmann angreifen würde, doch ich musste trotzdem ein oder zwei Treffer des Fischmenschen überleben. Und wenn sein Charakter wirklich auf PvP spezialisiert war, einschließlich aller Modifikatoren für das Zufügen von Schaden, dann ... Ich fragte mich, wie viel Schaden er mit einem Treffer verursachen konnte. Wahrscheinlich war es nicht weniger als die Nymphe mit ihrer Magie. Meine Schwester hatte etwas von 40 Trefferpunkten pro Eispfeil gesagt. Wie konnte ich den Angriff überleben, wenn ich 40 TP als Richtwert nahm? Ich selbst hatte nur 27 Punkte. Konnte ich es schaffen, auszuweichen? Das erschien mir der einzige Ausweg zu sein.
Als sich die nächste Level-1-Ratte auf mich stürzte, stach ich nicht gleich zu, sondern sprang zurück und zur Seite.

Möchtest du Ausweichen (Bew, Wah) als Hauptfertigkeit wählen?
Die Fertigkeit levelte Beweglichkeit und Wahrnehmung, meine stärksten Attribute! Genau das, was ich brauchte! Ich wählte sie sofort.
Du hast Ausweichen als Hauptfertigkeit gewählt.
Fertigkeitslevel: 1
Gewählte Hauptfertigkeiten: 4 von 4
Auf Level 10 kannst du eine fünfte Hauptfertigkeit wählen.

Bevor ich die Ratte tötete, schaffte sie es, mich einmal zu beißen, doch das war nicht schlimm. Gesundheitsregeneration würde die Wunde heilen. Ich bemerkte, dass die Fertigkeit Ausweichen meine Beweglichkeit auf 5 erhöht und meine Wahrnehmung etwas verbessert hatte.
Von meinen vier Hauptfertigkeiten war bis jetzt nur Ausweichen aktiviert worden. Die anderen waren grau hinterlegt und inaktiv, sie hatten noch keinen Einfluss auf meine Attribute. Es lag vielleicht daran, dass ich sie noch nicht eingesetzt hatte.
Ich nahm eine leere Phiole aus meinem Inventar und füllte sie mit dem Blut der toten Ratte.

Rattenblut (alchemistische Zutat)

Die Fertigkeit Alchemie leuchtete auf. Meine Intelligenz und Beweglichkeit erhöhten sich sofort, doch nicht sehr viel. So funktionierte es also! Um eine Hauptfertigkeit zu aktivieren, damit sie die Attribute verbesserte, musste man sie einmal benutzen! Welche anderen Attribute waren noch nicht aktiviert? Kräuterkunde und Handel. Mit Kräuterkunde musste ich noch etwas warten. Wir befanden uns auf einer Galeere, an Bord des Schiffs würde ich keine Pflanzen finden. Aber mit Handel war es ganz einfach. Ich kehrte zu meiner Schwester zurück und versuchte, ihr das Gefäß mit Rattenblut zu verkaufen.
Valerianna schüttelte sich voller Abscheu und lehnte natürlich ab. Doch der Gegenstand musste nicht tatsächlich verkauft werden. Zufrieden stellte ich fest, dass Handel ebenfalls aktiviert war und mein Charisma um einen ganzen Punkt erhöht hatte. Damit verbesserte sich meine Intelligenz auch etwas. Ich goss das Blut auf den Boden, denn ich hatte noch keinen Verschluss für die Phiole gefunden.
Die nächsten zehn Minuten verbrachte ich damit, der letzten Ratte zu entkommen, denn ich wollte meine Fertigkeit Ausweichen schnell auf 3 steigern. Von Bissen übersät und unglaublich zufrieden mit mir kehrte ich zu meiner Schwester zurück.
„He, Segelflieger, brauchst du noch viele Punkte bis Level 3?”, fragte die Nymphe mit gelangweiltem Blick. Sie saß auf einer Ruderbank und starrte auf ihre gepflegten Fingernägel.
„Habe 340 Erfahrung. Will 500”, teilte ich ihr mit.
Meine Schwester warf mir einen missbilligenden Blick zu und sah ärgerlich aus. „Erhöhe deine Intelligenz auf mindestens 5. Es ist schwer, dich zu verstehen. Aber das kannst du später tun. Jetzt hör mir gut zu, Segelohr. Wir müssen das Oberdeck der Galeere erreichen. Ich habe in den Anleitungen eine Beschreibung dieses Ortes gefunden. Dort oben tobt das Meer. Die Wellen krachen gegen das beschädigte Schiff. Wenn du nicht genug Beweglichkeit hast, waschen sie dich über Bord. Dann verlierst du Erfahrung und musst eine Stunde am Spawnpunkt warten. Oder kannst du schwimmen, Amra?”
„Kein Schwimmen. Genug Beweglichkeit.”
„Bist du sicher? Also gut. Ich habe einen Unterwasser-Atemzauber, ich sinke einfach auf den Boden. Dein Najadenfreund ist ein Meereswesen, darum ertrinkt er nicht. Aber du musst das Boot trotz der Wellen und des Wetters mit einem Kran hinunterlassen und dann ans Ufer rudern. Das ist eine Nebenquest, du erhältst dafür 100 Erfahrungspunkte. Wenn du das Ufer erreichst, ist sowohl die Neben- als auch die Hauptübungsmission abgeschlossen. Dafür bekommst du noch einmal 300 Erfahrungspunkte. Sobald du das Ufer betrittst, erreichst du Level 3. Aber ruh dich nicht einfach aus, wenn du dort angelangt bist. Lauf so schnell wie möglich vom Ufer weg oder bereite dich auf einen Kampf vor. Der Taucher greift dich sicher an, darum pass gut auf, verstanden? Dann machen wir uns jetzt auf den Weg nach oben. Lass das Boot ohne meine Hilfe hinunter, damit alle Erfahrungspunkte an dich gehen, sonst erreichst du Level 3 nicht und bist zu schwach, dich dem Najadenmann zu stellen.”

* * *

MEINE SCHWESTER kannte sich wirklich aus. Ohne ihre Warnung wäre ich über Bord gespült worden, als wir das Oberdeck erreichten. Mithilfe eines straffen Seils, an dem ich mich sofort festhielt, schaffte ich es, mich auf dem Schiff zu halten, obwohl ich von einer Woge umgeworfen wurde. Die orkische Galeere krachte in eine Felswand und wurde zwischen Gestein eingekeilt. Riesige Wellen rollten über das Deck und nahmen allen möglichen Müll, Fässer, zerbrochene Ruder und Möbel mit sich.
Auf dem hinteren Teil des zerschellten Schiffs entdeckte ich das Beiboot, das dieses Chaos auf wundersame Weise unbeschädigt überstanden hatte. Um zu ihm zu gelangen, musste ich über das rutschige, schräge Deck laufen, das ständig von schäumenden Wellen überspült wurde.
„Ich warte am Ufer auf dich!”, rief meine Schwester mir zu, bevor sie in die Tiefe gezogen wurde.
Die Level-2-Ratte, die unter der Kontrolle meiner Schwester stand, schwamm an mir vorbei. Sie hatte die Verbindung zu ihrer Herrin verloren und war wieder als aggressiv markiert. Doch sie war nicht im Geringsten an mir interessiert. Sie ruderte verzweifelt mit ihren Pfoten und versuchte, gegen die tobenden Elemente anzukämpfen. Nachdem eine Welle verebbt war, rannte ich über das schräge Deck auf das Beiboot zu.

Die Prüfung deiner Beweglichkeit war positiv.
Verdiente Erfahrung: 8 EP

Bevor der nächste Brecher in das beschädigte Schiff krachen konnte, gelang es mir, den offenen Bereich zu überqueren und mich an der Seite des leinenbespannten Beibootes festzuklammern.

Erhaltene Mission: Das Beiboot benutzen
Missionskategorie: Freigestellt, Training
Belohnung: 80 EP, kleiner Beutel

Das Beiboot war an ein paar Seile gebunden, die zu einem Kran an der Seite des Schiffs führten. Am Kran befand sich eine Kurbel, die ich drehen musste, um das zerbrechliche Beiboot zu Wasser zu lassen. Während ich die Kurbel betätigte, waren meine Empfindungen unglaublich realistisch. Ich vergaß vollkommen, dass ich mich in einem Spiel befand. Der Sturm, das Knirschen der gedehnten Seile, die schäumenden Wellen, die Kälte und der Geruch von Seetang schafften eine äußerst realitätsnahe Umgebung. Meine verletzte linke Hand brannte im salzigen Meerwasser wie Feuer. Es war anstrengend, die Kurbel nur mit meiner gesunden Hand zu drehen, bis das Boot endlich das Wasser erreichte.
„Da bist du ja, Goblin!” Trong Tauchers Stimme ertönte hinter mir.
Ich drehte mich um. Der Najadenmann grinste breit und setzte sich auf die Seitenwand der Galeere.
„Dieses Wetter ist genau das Richtige für mich. Ich liebe das stürmische Meer. Gut, du ruderst im Boot und ich schwimme unter Wasser. Wir treffen uns am Ufer.”
Mit diesen Worten sprang der Fischmensch über Bord. Auf einmal sah ich, dass er einen Dreizack in der Hand hielt. Ich wusste nicht, woher er ihn bekommen hatte, doch er besaß jetzt eine Waffe. Es sah nicht gut aus für mich!
Ich ließ das Seil los und ergriff das Ruder. Verflixt! Mit meiner linken Hand allein konnte ich nicht rudern, darum zog ich es aus dem Ring und ergriff es mit beiden Händen. Auf diese Weise war es viel einfacher. Beim Rudern verlor ich nach und nach Ausdauerpunkte, doch darüber machte ich mir keine Sorgen, denn ich hatte noch viele übrig. Ich navigierte um zerklüftete Felsen herum, die aus dem Wasser ragten, und steuerte das Boot auf eine Lagune zu. Hinter den Riffen, die als natürliche Wellenbrecher dienten, war das Meer viel ruhiger. Einige Minuten später erreichte ich eine Sandbank, die sich wie ein dünnes Band ins Meer zog. Meine Schwester wartete am Ufer auf mich und winkte schon von Weitem. Sobald mein Fuß den nassen Sand berührt hatte, leuchtete mein Körper auf:

Die Mission „Das Beiboot benutzen” ist abgeschlossen.
Verdiente Erfahrung: 80 EP
Die Mission „Flucht von der Sklavenhändler-Galeere” ist abgeschlossen.
Verdiente Erfahrung: 80 EP
Level 3!
Freigeschaltete Volksfähigkeit: Apathie der Unsterblichen (hält 3 Stunden an, verbraucht 20 EP)

Na gut, aber wo war mein Beutel? Ich sah unter der Ruderbank nach und fand einen Leinenbeutel zum Umhängen.

Kleiner Beutel: + 10 Inventarplätze

Ich wollte meine neuen Attributpunkte verteilen, bevor Trong ans Ufer kam. Stärke und Konstitution erhöhten sich standardgemäß, von den übrigen 3 Punkten wies ich Konstitution noch 1 und Beweglichkeit 2 Punkte zu. Jetzt hatte ich 39 Trefferpunkte.
Gerade war ich mit dem Verteilen fertig, da tauchte Trong Taucher aus dem Meer auf und kam auf die Sandbank. Sein Körper leuchtete ebenfalls in bunten Farben, auch er hatte Level 3 erreicht. Als der Fischmensch mich böse angrinste, entdeckte ich mehrere Reihen nadelspitzer Zähne. Plötzlich klappte er seine leuchtend roten Rückenflossen auf und kreischte wütend. Er hatte die andere Spielerin entdeckt, die sich nicht weit von mir befand.
„He, das ist meine Trophäe!”, rief Trong Taucher und zeigte mit seinem Dreizack auf mich. „Ich habe ihn seit dem Beginn des Spiels gehütet!”
Die Nymphe antwortete dem hinterlistigen Najadenmann nicht. Stattdessen erschien zwischen ihren Handflächen die helle, blaue Flamme eines Zaubers, den sie wirkte.
„In Ordnung, wir können ihn uns teilen”, schlug Trong Taucher vor, doch dann griff meine Schwester an.
Der Eispfeil pfiff los, überbrückte die Entfernung zwischen den beiden und zerbrach in vielen Teilen auf den Schuppen des Najadenmannes. Seine Gesundheit fiel sofort um ein Viertel. Der Zauber, der 40 Trefferpunkte wert war, hatte sie aber nur um ein Drittel reduziert! Wie viele Trefferpunkte hatte Trong Taucher?
„Das hast du wohl nicht erwartet, Nymphe, was?”, lachte der Fischmensch hämisch. „Ich verfüge über eine natürliche Resistenz gegen Wassermagie!”
Trong Taucher nahm seinen Dreizack fest in die Hand und stürmte auf meine Schwester zu, um sie daran zu hindern, einen weiteren Zauber zu wirken. Ohne zu überlegen rannte ich ihm nach. Auf halbem Weg wurde der Najadenmann plötzlich von einer Level-1-Krabbe blockiert, die aus dem Meer auf die Sandbank krabbelte. Er verlangsamte seine Schritte und erledigte das unerwartete Hindernis mit einer schnellen Bewegung seines Dreizacks. Doch diese kleine Verzögerung reichte aus, um ihn einzuholen und ihm mein Messer in den Rücken zu stoßen.

Zugefügter Schaden: 9 (11 Stich mit rostigem Küchenmesser - 2 Rüstung)

Trong Tauchers Lebensbalken sank, jedoch nur um 10 Prozent. Wenn ich die Fertigkeit Dolch gewählt hätte, wäre mein Stich in den Rücken vielleicht ein kritischer Treffer gewesen. Doch so war Trong wahrscheinlich eher von meiner Frechheit überrascht als durch meinen Angriff verletzt. Er drehte sich zu mir um.
„Jetzt habe ich dich, Amra! Du kannst dich nirgends mehr verstecken!”
In dem Moment flog noch ein Eispfeil in den Rücken des Fischmenschen und reduzierte seine Gesundheit auf 40 Prozent. Die Farbe seines Lebensbalkens wechselte von grün auf gelb. Trong Taucher zuckte vor Schmerz zusammen. „Das hat nichts zu bedeuten. Ich überlebe ohne Probleme noch einen dieser Eiszapfen-Angriffe und dann habe ich zwei nette Trophäen: dich und die Nymphe! Die 60 Erfahrungspunkte, die ich dabei verdiene, sind genug, um mich direkt auf Level 5 zu bringen!”
Mit diesen Worten machte der Najadenmann einen Satz nach vorne und stach mir mit seinem Dreizack in die Brust. Ich versuchte, dem Angriff auszuweichen, doch es gelang mir nicht. Mistkerl! Das tat verdammt weh!

Erlittener Schaden: 34 (Dreizack-Stoß von Spieler Trong Taucher)
Gesundheit: 5/39

Durch den stechenden Schmerz verpasste ich die Chance, ihn erneut zu treffen. Der Fischmensch sprang von mir weg, sodass ich ihm keinen weiteren Messerstich versetzen konnte. Glücklicherweise zögerte meine Schwester nicht und schoss meinem Angreifer noch einen magischen Eispfeil in den Rücken. Trong Tauchers Gesundheit blinkte rot, doch er lächelte nur unheimlich.
„Ha! Ich habe überlebt! Jetzt bist du tot und ich bekomme alle Gesundheitspunkte zurück, nachdem ich gelevelt habe!” Trong sprang wieder auf mich zu und stieß mit seinem Dreizack zu.
Mit einem unglaublichen Sprung und anschließendem Salto vorwärts entkam ich den scharfen Spitzen in seiner erhobenen linken Hand. Durch diese Aktion sanken meine Ausdauerpunkte erheblich. Weil er so dicht bei mir stand und wir gleich groß waren, stach ich ihm unvermittelt in seine fein geschuppte Kehle.

Zugefügter Schaden: 16 (18 Stich mit rostigem Küchenmesser - 2 Rüstung)
Verdiente Erfahrung: 120 EP
Du hast mit der Fertigkeit Ausweichen Level 4 erreicht!
Möchtest du Akrobatik (Bew, Str) als Nebenfertigkeit wählen?

Das war es also! Bei meinem Versuch, dem sicheren Tod auszuweichen, der auf meine Brust zusteuerte, hatte ich nicht nur Ausweichen eingesetzt, sondern auch Akrobatik! Was sollte ich tun? Die Fertigkeit war zum Überleben von Nutzen, daher wählte ich sie. In der Ferne leuchtete die Nymphe wieder auf, sie hatte bereits Level 4 erreicht.
Nachdem die Formalitäten erledigt waren, sah ich mich um. Trong Tauchers Leiche lag im flachen Wasser und leuchtete leicht. Ich beugte mich zu ihr hinunter und versuchte, den Dreizack aufzuheben, der im Sand lag, doch meine Finger griffen durch den Gegenstand hindurch. Offensichtlich war die Waffe nach den Regeln der Spielwelt nicht gedroppt worden, sie befand sich noch in seinem Inventar. Das war zu schade. Ich sah mir meinen besiegten Feind an. Es war nicht nötig, seine Leiche zu durchsuchen. Stattdessen öffnete sich das Trophäenfenster. Meine Beute bestand aus 3 Silbermünzen, 2 leeren Phiolen und einer mit einem Korken verschlossenen Phiole, die eine blassblaue Flüssigkeit enthielt.

Deine Intelligenz reicht nicht aus, um den Gegenstand zu identifizieren.

In Ordnung, ich würde es später herausfinden oder sie meiner Schwester zeigen. Ich ging zu Valerianna. Die Waldnymphe war verärgert.
„Meine Tiere sterben zu schnell, die Ratten genauso wie die Krabben. Ich bin vielleicht eine schöne Bestienmeisterin! Ich kann Tiere noch nicht mal unter meiner Kontrolle behalten! Und jetzt habe ich eine rote Markierung als Kriminelle über mir. Ich musste den Najadenmann präventiv angreifen, das bedeutet, dass ich ein Verbrechen begangen habe. Jetzt bleibt mein Charakter 8 Stunden in der Spielwelt, auch wenn ich das Spiel verlasse. Hast du dir die Karte mal angesehen?”
Ich schüttelte den Kopf. Als ich einen Blick darauf warf, bemerkte ich, dass nur ein winziger Kreis als entdecktes Gebiet aufleuchtete: das Meeresufer und unsere beiden Charaktere. Außerdem sah ich eine riesige, schwarze Masse, die unentdecktes Territorium darstellte. Ich vergrößerte den Maßstab, doch es waren keine anderen Markierungen auf der Karte zu erkennen. Unser kleiner Kreis wurde nur immer kleiner, bis er ein winziger Punkt war. Die Worte auf der Karte gaben auch keine Informationen:

Koordinaten: ???
Region: ???

„Du verstehst es also”, sagte die Nymphe, als sie den bestürzten, verwirrten Blick auf meinem grünen Gesicht sah. „Wir befinden uns am Ende der Welt und der einzige bekannte Spawnpunkt ist auf der zerschellten Galeere, zu der ich wirklich nicht wieder zurückkehren will. Leider ist es heute bewölkt und es dauert nicht mehr lange, bis es dunkel wird. Wir können nicht mehr viel machen, bevor die Nacht anbricht. Dann ist unser Leben hier draußen in großer Gefahr. Es gibt keinen Grund, am Ufer zu bleiben. Wir müssen uns einen sichereren Ort suchen. Vielleicht haben wir Glück und finden andere Spawnpunkte. Dann wäre es nicht so schlimm, wenn wir sterben, denn wir müssten nicht wieder von der stinkenden Galeere entkommen.”
Ich stimmte Valerianna zu: hierzubleiben war dumm. Also marschierte ich los, gefolgt von der Waldnymphe. Wir gingen den Sandstrand hinunter und als wir gerade die dunklen Büsche erreicht hatten, blinkte eine Meldung vor unseren Augen auf:

Herzlichen Glückwunsch, du hast die Übungsmission erfolgreich abgeschlossen!

Willkommen bei Reich ohne Grenzen!

Gefährliche Nacht



„ES IST DEINE Entscheidung, Segelohr. Sollen wir zusammenbleiben oder uns trennen?” Meine Schwester spielte ihre Rolle in unserem ursprünglichen Täuschungsmanöver weiter, um potenziellen Beobachtern vorzumachen, dass wir uns nicht kannten und uns nur zufällig getroffen hatten. Gutes Mädchen. Sie war erst vierzehn Jahre alt, doch ich hätte mir keinen besseren Partner wünschen können.
Ich musste nicht lange überlegen. „Zusammen gut. Wir zwei zusammen heute Nacht, sterben nicht”, antwortete ich der Waldnymphe.
Ihr Gesicht leuchtete auf. „Großartig! Um ehrlich zu sein, ich habe Angst im Dunkeln. Ich weiß, dass es dumm ist, besonders weil ich in einem Computerspiel bin, aber ich kann es nicht ändern. Jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, um zu entscheiden, wie wir unsere Fertigkeiten am besten ergänzen können. Ich werde Kartografie als Hauptfertigkeit wählen ...”
Pflanzen! In diesem Moment fühlte ich mich wahrscheinlich wie ein Casinobesucher, der den Jackpot gewonnen hatte. Ich vergaß alles um mich herum und stürzte mich auf einen unscheinbaren Strauch mit breiten, gelappten Blättern und unreifen, grünlich-roten Beeren. Meine Fertigkeit Kräuterkunde war endlich aktiviert, sodass sich meine Wahrnehmung auf 5 und meine Beweglichkeit auf 12 erhöhte.
Im Gegensatz zu den anderen Bäumen und Sträuchern in der Nähe leuchtete diese Pflanze grün auf, wenn ich mich näherte, und zeigte damit an, dass ich mit ihr interagieren konnte. Ich riss eine Dolde unreifer Beeren ab.

Sumpf-Johannisbeere (alchemistische Zutat)
Verdiente Erfahrung: 4 EP

Mein Kräuterkunde-Balken stieg um 10%. Toll! Noch 9 weitere Beerendolden, dann würde ich Level 2 erreichen! Aber gleich nachdem ich einen Ast heruntergezogen hatte, verlosch das Leuchten. Ich konnte keine Beeren mehr pflücken, sondern musste nach anderen nutzbaren Pflanzen suchen.
„Konzentriere dich, Segelohr!”, rügte meine Schwester mich. Es gefiel ihr nicht, dass ich mich von einem Beerenstrauch ablenken ließ.
Doch ich hatte nichts falsch gemacht und versuchte, meine Handlung zu erklären. „Pflanzen helfen Punkte verdienen. Wahrnehmung besser, gutes Sehen in Nacht. Finde ich 9 Kräuter, dann sind Sinne viel besser.”
Mein visueller Radius hatte sich merklich vergrößert, als sich meine Wahrnehmung auf 5 erhöhte. Dadurch verbesserten sich auch unsere Chancen, die Nacht in diesem Wald zu überleben, in dem es von gefährlichen Bestien nur so wimmelte. Meine vorrangige Aufgabe war also, Kräuterkunde auf Level 2 zu bringen und meine Wahrnehmung zu verbessern.
Trotz meiner verworrenen Erklärung verstand Valerianna mich. „In Ordnung, Amra. Sammle deine Kräuter und erhöhe dein Level in Wahrnehmung. Das ist für uns beide hilfreich. Meine Hauptfertigkeit Kartografie steigert Intelligenz und verbessert den Lichtradius auf der Karte, sodass wir vielleicht nützliche Orte entdecken können. Doch weit zu sehen ist nicht das einzig Wichtige. Wir müssen auch sichergehen, dass wir nicht von Feinden gesehen werden. Darum wähle ich Tarnung als Nebenfertigkeit. Das und mein Volksbonus als Nymphe von - 50% auf Entdeckungsradius sollte genügen, um gefährlichen Situationen aus dem Weg gehen zu können. Du hast ebenfalls Tarnung gewählt, das habe ich bei unserem ersten Treffen sofort bemerkt. Deine Beweglichkeit ist besser als meine, darum mache ich mir keine großen Sorgen um dich. Deaktiviere aber die leuchtenden Farben beim Leveln in den Spieleinstellungen. Was nützt es, wenn wir unsichtbar sind, aber du levelst im ungünstigsten Moment und leuchtest auf wie ein Christbaum?”
Das war ein guter Rat. Ich rief das Menü der Spieleinstellungen auf, wählte das Fenster „Visuelle Effekte” und deaktivierte alle bunten Lichteffekte. Die vielen kleinen, farbenfrohen Lichter sahen zwar sehr schön aus, doch sie waren völlig unangebracht, wenn man versuchte, unentdeckt durch einen Wald zu schleichen.
Ich hatte auch eine weitere nützliche Eigenschaft nicht vergessen, über die ich verfügte: Als ich ein Level-2-Vampir wurde, hatte ich die Fertigkeit Nachtsicht erhalten. Ich erwähnte nichts davon, doch als es dunkel wurde, aktivierte ich sie für 15 Ausdauerpunkte. Die Farben der Welt wurden kontrastreicher, ich konnte in der Ferne deutlich eine Silhouette erkennen. Es musste eine Waldkreatur sein.
„Ich sehe Feind. Totenschädel über ihm”, flüsterte ich der Nymphe zu.
Sie antwortete mir ebenso leise: „Ein roter Totenschädel über einer Bestie bedeutet, dass sie über 20 Level höher ist. Wir gehen der Kreatur also besser aus dem Weg. Bei einem schwarzen Totenschädel sind es mehr als 50 Level und wir sind erledigt.”
Der Totenschädel war rot. Es hätte noch schlimmer sein können, doch wir machten trotzdem einen weiten Bogen um den Feind. Während wir uns durch den Wald bewegten, beobachtete ich mit unverhohlener Überraschung, wie schnell mein Tarnungsbalken anstieg. Ich brauchte nur noch wenige Punkte, um mit der Fertigkeit Level 3 zu erreichen, darum wollte ich absichtlich noch einige Minuten dort bleiben, doch meine Schwester zog mich weiter.
„Das ist sicher nicht das einzige Monster in diesem Wald, Amra, und wenn wir um jedes einzelne einen großen Bogen laufen müssen, kommen wir hier niemals raus. Gemäß den Regeln von Reich ohne Grenzen wird es in einer Minute Nacht. Dann werden sich hier noch mehr gefährliche Bestien herumtreiben.”
Ich warf einen Blick auf den Timer: Nur noch ein paar Sekunden bis 21 Uhr. Kurz danach erschienen einige Meldungen auf meinem Bildschirm:

Es ist gefährlich, sich bei Nacht außerhalb einer Stadt aufzuhalten.
Erhaltene Mission: Die Nacht überleben
Missionskategorie: Einmalig, persönlich
Belohnung: 160 EP, + 2 Attributpunkte
Zusätzlich erhaltene Mission: Eine sichere Unterkunft finden
Missionskategorie: Freigestellt
Belohnung: 80 EP, 1 zufälliger Ausrüstungsgegenstand

Ich bemerkte, dass meine Schwester auch erstarrt war. Sie hatte sicher gerade die gleichen Meldungen erhalten. Die Nymphe drehte sich zu mir um und flüsterte: „Wenn ich beide Missionen abschließe, verdiene ich genug Erfahrung, um Level 5 zu erreichen. Von jetzt an kein Wort mehr, wir gehen den Rest der Nacht im Tarnungsmodus. Die meisten nachtaktiven Feinde brauchen dich nicht zu sehen, um dich zu finden. Sie verlassen sich bei der Jagd auf ihre Ohren.“

* * *

DEN ENTWICKLERN von Reich ohne Grenzen war es gelungen, die Atmosphäre eines gespenstischen, sumpfigen Waldes perfekt nachzubilden. Überall um uns herum konnte ich Raubtiere heulen und brüllen hören. Ab und zu hörte ich einen Schrei über mir und dann ein boshaftes Lachen, sodass mir vor Angst das Blut in den Adern gefror. Mehrere Male bemerkte ich aus dem Augenwinkel ein paar unheimliche Silhouetten, die vorbeihuschten. Jede von ihnen hatte einen roten Totenschädel über ihrem Kopf. Meine Schwester und ich mussten ständig die Richtung wechseln oder uns in den knorrigen Wurzeln uralter Bäume verstecken, bis die Gefahr vorüber war.
Der Wald war voller Monster, doch wie durch ein Wunder gelang es uns, unbemerkt zu bleiben. Wir hatten panische Angst, uns durch unsere Schritte, Atemzüge oder sogar unseren Herzschlag zu verraten. Als Valerianna auf einen trockenen Ast trat und er zerbrach, machte ich mir vor Angst fast in die Hose.
Trotz allem war ich schlau genug, unterwegs einige Pflanzen wie Sumpf-Johannisbeeren, Sumpf-Brombeeren und Sumpf-Zinnkraut zu sammeln. Als ich mit Kräuterkunde Level 2 erreicht hatte, vergrößerte sich gleich die Auswahl an wertvollen Kräutern und Beeren, die ich fand. Auf Level 3 waren bitteres Maiglöckchen, wilde Heide, bitterer Wermut und wilder Klee schon nichts Neues mehr. Ich war froh, dass ich einen Beutel erhalten hatte, denn mein Inventar verfügte nicht über genügend Plätze, um die vielen verschiedenen Kräuter aufzubewahren.
Irgendwann tippte die Waldnymphe mir vorsichtig auf die Schulter und zeigte auf einen schwarzen Fleck, der sich in der Ferne abzeichnete. Gefahr? Wie sich herausstellte, war es nichts dergleichen. Meine Schwester bestand darauf, in Richtung des Flecks zu gehen. Es dauerte nicht lange, bis ich verstand, warum es sie dorthin zog. Auf der Karte der Umgebung war eine Markierung von drei grauen, ineinandergreifenden Ringen zu sehen. Ein interaktiver Hinweis erklärte uns, dass das Symbol einen Spawnpunkt anzeigte.
Plötzlich sahen wir einen riesigen Wolf auf uns zukommen, der so groß war wie ein Kalb. Bevor er uns entdecken konnte, versteckten wir uns hinter einem zerzausten, von Flechten bedeckten Baum. Dann rannten wir zu dem Ort, der auf der Karte markiert war. Als wir uns näherten, fühlte ich, wie der Boden unter unseren Füßen zu beben begann. Ich konnte eine natürliche Kraft spüren. Ein riesiger Felsen, der aus einem Hügel ragte, war das Zentrum dieser Naturerscheinung. In den Felsen waren überall Runen in einer mir unbekannten Sprache eingeritzt. Sie waren alt und abgenutzt.
„Hier können wir wieder sprechen”, versicherte meine Schwester mir. „NPCs kommen nicht in die Nähe von Spawnpunkten, das erlaubt die Spielmechanik nicht. Die einzigen Leute, auf die du an diesen Orten achten musst, sind Spielercharaktere. Gemeine Leute provozieren ihre Opfer häufig, eine Gewalttat zu begehen, oder verleiten sie zum Diebstahl, damit sie als Kriminelle markiert werden. Dann können sie die armen Teufel ungestraft töten und warten am Spawnpunkt, bis sie zurückkommen, um sie immer wieder zu töten, Erfahrung zu verdienen und gedroppte Gegenstände zu sammeln. Doch du bist nicht gemein, Amra, oder? Kann ich das Spiel verlassen? Es ist sicher hier, ich überlebe die Nacht. Ich möchte die Nebenquest natürlich abschließen, aber ich bin so müde, dass mir langsam die Augen zufallen.”
„Nymphe kann schlafen. Amra nicht böse, kein schlechter Goblin”, beteuerte ich Valerianna, doch ich war etwas beunruhigt darüber, dass meine Schwester mich für eine Weile verlassen würde.
Natürlich konnte ich sie verstehen. Es war bereits nach Mitternacht, das vierzehnjährige Mädchen hätte schon längst schlafen sollen. Normalerweise brachte ich sie gegen 21 oder 22 Uhr ins Bett. Heute war es schon viel später als ihre normale Schlafenszeit.
Die kleine Nymphe setzte sich auf einen warmen Felsvorsprung und schloss die Augen. Als ich ihren Namen rief, reagierte sie nicht. Meine Schwester hatte sich abgemeldet.
Sollte ich jetzt ebenfalls zufrieden sein, dass ich die Hauptmission abgeschlossen hatte, und schlafen gehen? Eine innere Stimme riet mir davon ab. Je länger ich spielte, desto zufriedener wäre mein Arbeitgeber. Was wäre ich für ein Spieletester, wenn mir ein klitzekleiner Teil des Spiels ausreichte und ich einfach für Stunden am gleichen Ort ausharrte? Ich benötigte nur noch 70 Erfahrungspunkte, um auf Level 4 zu kommen. Ich konnte sie mir leicht durch das Sammeln von Waldpflanzen verdienen.
Außerdem wusste ich nicht, wohin ich in der realen Welt gehen sollte, nachdem ich aus der virtuellen Realitätskapsel gestiegen war. Es war mitten in der Nacht. Die Metro- und Trolleybusse fuhren zu dieser Zeit nicht und ich würde keinen Taxifahrer überzeugen können, mich zu einem Außenbezirk der Riesenstadt zu bringen, wo Verbrechen gang und gäbe waren. Sogar die Polizei hielt sich nachts von diesen Gegenden fern. Meine Entscheidung stand fest: Ich würde allein weiterspielen, obwohl es doppelt so gefährlich war.

Bist du sicher, dass du deinen Spawnpunkt wechseln willst?

Ja, ich war hundertprozentig sicher, dass ich das Spiel nicht wieder auf der weit entfernten Ork-Galeere beginnen wollte, falls ich von einem Monster gefressen würde. Ich seufzte und ging entschieden in die dunkle Nacht hinein.
Drei Minuten später hatte ich bereits einen gut begehbaren Weg gefunden, der auf meiner Karte als dünne, rote Linie markiert war. Wenn es einen Weg gab, musste es auch jemanden geben, der ihn benutzte, die Vegetation entfernte und ihn in Ordnung hielt. Welche Richtung sollte ich wählen, rechts oder links? ich konnte mich nicht entscheiden. Beide Richtungen führten in den dichten, tödlichen Wald. Sollte ich eine Münze werfen und das Schicksal entscheiden lassen?
Ich nahm eine siebeneckige Silbermünze aus meinem Inventar. Sie hatte ein rundes Loch in der Mitte, sodass man sie an ein Band hängen und als Kette tragen konnte. Wenn die Seite mit dem Festungsturm oben lag, würde ich nach rechts gehen. Wenn der ... Was war überhaupt auf der anderen Seite abgebildet? Die Münze war alt und abgenutzt, ich konnte das Bild kaum ausmachen. Es sah aus wie ein Drache oder vielleicht ein Krake. Egal, wenn die seltsame Kreatur oben lag, würde ich nach links gehen. Ich warf die Münze hoch und fing sie geschickt in der Luft. Als ich meine Hand öffnete, lag die Kreatur oben.
Im gleichen Moment bemerkte ich auf der interaktiven Karte einen roten Punkt, der mir verdächtig nahe war. Zu nahe. Neben mir befand sich ein Monster. Ich drehte mich ängstlich um und entdeckte einen riesigen Wolf, der einen Schritt von mir entfernt stand. Er sah genauso aus wie die Bestie, vor der meine Schwester und ich uns zuvor versteckt hatten.

Erfahrener Level-27-Wolf

Der rote Totenschädel über dem Kopf des Waldraubtieres bestätigte, dass es mehr als 20 Level höher war als ich. Wahnsinnig großes Pech. Jetzt bekam ich die Quittung dafür, dass ich mich ohne meine Schwester auf den Weg gemacht hatte. Wenigstens war der Spawnpunkt ganz in der Nähe. Es hatte keinen Sinn, wegzulaufen ... oder gar zu kämpfen.

Die Prüfung der Reaktion des erfahrenen Waldwolfes dir gegenüber war positiv.
Verdiente Erfahrung: 20 EP

Die Markierung des Wolfes auf der Karte wechselte unerwartet von rot zu gelb. Vermutlich hatte mein Volksbonus von + 30 auf die Reaktion aller Wald- und Sumpfkreaturen etwas damit zu tun. Ich hatte nicht gedacht, dass er sich einmal als nützlich erweisen würde. Aus irgendeinem Grund lief der erfahrene Wolf nicht davon, sondern sah mich neugierig an und beschnüffelte mich. Was wollte er von mir?
Ich öffnete meinen Beutel und holte etwas Rattenfleisch heraus. Der Wolf schnappte das Fleisch mit seinen Zähnen und hätte mir um ein Haar die Finger abgebissen. Ich zuckte für ein paar Sekunden vor Schmerz zusammen. Er verschlang das Fleisch und wedelte wie ein Hund leicht mit dem Schwanz. Dann starrte er mich wieder mit seinen gelben Augen an.
Nachdem ich Tierliebe (Cha, Int) als Nebenfertigkeit abgelehnt hatte, gab ich dem Wolf die übrigen zwei Stücke Rattenfleisch, die ich bei mir hatte.
„Alles weg. Fleisch alle”, sagte ich zu dem Raubtier und zeigte ihm meine leeren Hände.
Der Wolf beschnüffelte mich ungläubig und steckte seine neugierige Schnauze sogar in meinen Beutel, um sicherzugehen, dass ich ihn nicht beschwindelt hatte. Erst dann drehte er sich um und zog sich zurück. Die Markierung des Tieres auf der Karte wurde grün: Freundschaft. In Ordnung ...
„Warte! Weiß Wolf, wo ist Haus für Goblin?“, rief ich laut.
Der Gedanke, dass ein Tier meine Sprache verstehen könnte, war wahrscheinlich unsinnig. Andererseits war er nicht dümmer als die Idee, mir den eigenen Daumen abzubeißen, die schließlich funktioniert hatte. Der Wolf drehte sich wieder zu mir, starrte mich lange an und ließ sich plötzlich nieder.

SYSTEMFEHLER! Du kannst nicht von der Klasse Kräutersammler zu Wolfreiter wechseln.
Möchtest du Reiten (Bew, Cha) als Nebenfertigkeit wählen?

Ich lehnte den verlockenden Vorschlag ab, bevor ich auf den Rücken des Tieres stieg. Der Wolf stand auf und trottete ins Gebüsch. Ich musste mich ducken, damit mir die Äste nicht ins Gesicht schlugen. Auf der Karte erschien eine Gruppe roter Punkte, auf die wir uns geradewegs zubewegten.

Die Prüfung der Reaktion des erfahrenen Waldwolfes dir gegenüber war positiv.
Verdiente Erfahrung: 20 EP
Die Prüfung der Reaktion des erfahrenen Waldwolfes (weiblich) dir gegenüber war positiv.
Verdiente Erfahrung: 16 EP
Die Prüfung der Reaktion des erfahrenen Waldwolfes dir gegenüber war positiv.
Verdiente Erfahrung: 20 EP
Level 4!
Freigeschaltete Volksfähigkeit: Leben entdecken (hält 3 Stunden an, Entdeckungsradius: Wahrnehmung x 2 Meter, verbraucht 20 EP)

Nach dieser Flut von Meldungen kam ich erst wieder zu mir, als der erfahrene Wolf einen seichten Fluss überquert hatte und unerwartet vor einem langen, dunklen Schutzwall anhielt. Bei näherer Betrachtung erkannte ich eine Palisade, die dreimal so hoch war wie ich. Sie war aus verwitterten Stämmen gebaut, die in die Erde eingegraben und von dornigem Efeu durchzogen waren. Es war eine gut konstruierte Festung, wer sie gebaut hatte, hatte gut geplant. Der Wolf ließ sich wieder nieder, um mir anzudeuten, dass der Ritt zu Ende war.
Sobald ich abgesprungen war, verschwand er geräuschlos im Wald und ließ mich allein an der Palisade zurück. Während ich mich vorsichtig umsah, verfluchte ich leise die dichte Vegetation. Alles war von dem scheußlichen Efeu überwuchert. Seine Ranken waren mit spitzen, zehn Zentimeter langen Dornen bedeckt. Kurz darauf kam ich an ein Holztor mit zwei Türen. Eine davon war aus den Angeln gerissen worden und lag am Boden, die andere hing gerade noch aufrecht an der Palisade. An beiden konnte man tiefen Krallenspuren sehen, die von einem gigantischen Raubtier stammen mussten. Die Furchen im Holz waren mit der Zeit dunkel geworden. Was immer hier auch passiert war, es war vor langer Zeit geschehen.
Als ich vorsichtig durch das Tor ging, erkannte ich ein hohes, dunkles Blockhaus. Es war aus riesigen Stämmen gemacht, die einen Durchmesser von fast einem Meter hatten. Ich konnte nicht sagen, für welche Kreaturen diese Behausung gebaut worden war, doch es war eher eine Festung als ein Wohnhaus. Die dicken Wände hatten schmale Schießschartenfenster, durch die sich nicht einmal eine Katze zwängen konnte. Obwohl die Tür einladend offen stand, betrat ich das Gebäude nicht sofort.
Zuerst rief ich meine Fähigkeit Leben entdecken auf und ging um das Blockhaus herum, doch ich entdeckte keine Gefahr. Im Innern hielten sich keine Kreaturen versteckt. Erst dann betrat ich die Veranda und ging hinein. Auf dem Boden sah ich einen schweren Balken, mit dem die Tür verschlossen werden konnte. Ich hob ihn auf und verbarrikadierte sie.

Die Mission „Eine sichere Unterkunft finden” ist abgeschlossen.
Verdiente Erfahrung: 80 EP

Der Innenraum war dunkel, die Schießscharten waren die einzige Lichtquelle. Ich konnte einen kleinen Eingangsbereich und einen weiteren Raum erkennen. Dem schweren Tisch und der Feuerstelle nach zu urteilen, die aus Zementsteinen hergestellt war, musste es die Küche sein. Eine Treppe führte hoch in den ersten Stock. Ich ging auf den hohen Stufen nach oben. Hier mussten die ursprünglichen Bewohner geschlafen haben. Ich sah ein aus groben Brettern gezimmertes, flaches Bett, auf dem stinkende, alte Tierfelle lagen, einen Stuhl, einen kleinen Tisch und eine leere Kiste. In der Mitte des Raums befanden sich ein riesiger, dunkler Fleck, schmutzige, zerfetzte Kleidungsstücke und viele alte, abgenagte Knochen. Ich schüttelte mich vor Ekel und Abscheu. An dieser Stelle mussten die Bewohner gefressen worden sein. Selbst die hohe Palisade und das schwere Holztor hatten sie nicht retten können.
Neben dem Lager mit den Felldecken nahe der Stelle, an der die blutige Tat stattgefunden hatte, stand ein Paar nagelneuer Lederstiefel. Sie mussten etwa Schuhgröße 30 sein, denn ich hätte mit beiden Beinen in einen Stiefel steigen können und er hätte mir bis an den Gürtel gereicht. Das Paar Stiefel musste wohl der zufällige Gegenstand sein, den ich mir für den Abschluss der Mission verdient hatte. Ja, Spieleentwickler konnten witzig sein. Sie hatten nur einen besonderen Sinn für Humor ...
Vor meinen Augen erschien das durchsichtige, gelbe Symbol eines Tellers, über dem sich eine Gabel und ein Löffel kreuzten. Es musste bedeuten, dass mein segelohriger Goblin hungrig wurde. Ich öffnete eine Seite mit detaillierteren Informationen über meinen Charakter. Der Hungerbalken war unter 25% gesunken. Der Hinweis besagte, dass ich nur noch 6 Stunden Zeit hatte, bevor ich eine Strafe erhielt. Doch viel schlimmer als der Hunger war, dass ich von Blutdurst bedroht war. Meine Durst-löschen-Anzeige stand nur auf 5/15. In 5 Stunden könnte das zu einem großen Problem werden. Normalen Hunger konnte ich stillen, indem ich die Beeren aß, die ich während der Nacht gepflückt hatte, doch ich wollte mich auf keinen Fall in einen Vampir verwandeln, der vor Blutdurst den Verstand verlor und außer Kontrolle geriet.
Also gab ich mir selbst eine Mission: Ich musste vor Sonnenaufgang essen und es musste Fleisch sein, rohes Fleisch. Dazu musste ich auf eine nächtliche Jagd gehen. Doch welche Kreatur konnte ich töten, wenn die einzigen Ziele die hochstufigen Monster waren, die ich die ganze Nacht über gesehen hatte? Und rein technisch gesehen, wie sollte ich töten? Sicherlich nicht mit dem armseligen Küchenmesser! Ich brauchte eine Waffe, die Schaden verursachte, der von meinem Hauptattribut Beweglichkeit abhängig war, wie zum Beispiel ein Bogen. Für die Fertigkeit Bogen benötigte ich jedoch beide Hände, aber meine linke Hand war immer noch verletzt und konnte für weitere eineinhalb Tage keine Waffe halten. Ich brauchte eine einhändige Waffe, die Beweglichkeit steigerte. So etwas musste es einfach geben!
Solche Informationen zu finden war sehr schwierig, während ich mich in der Welt von Reich ohne Grenzen befand, darum rief ich das Spielmenü auf und klickte auf „Spiel verlassen”. Ich öffnete die virtuelle Realitätskapsel, stieg heraus, nahm sofort meinen Helm ab und zog den Anzug aus. Dann setzte ich mich in meiner Unterwäsche auf den Stuhl und holte mein Handy heraus. Ohne zu überlegen rief ich meine Schwester an, um ihr zu erzählen, dass ich eine Unterkunft gefunden hatte. Es dauerte eine Weile, doch schließlich meldete sich Valeria.

„Tim, es ist ein Uhr morgens. Ich habe tief und fest geschlafen. Was willst du?”

Ich erzählte ihr von dem Blockhaus, das ich gefunden hatte. Dort konnte sie ihre freigestellte Mission abschließen. Ich erklärte ihr, in welcher Richtung es sich befand, doch sie klang nicht besonders begeistert.

„Einhundert Erfahrungspunkte sind es nicht wert, meinen Schlaf zu opfern und die Erfahrung zu riskieren, die ich bereits verdient habe. Ohne dich kann ich im Dunkeln nicht sehen. Ich werde von Wölfen oder anderen Raubtieren gefressen. Dann kann ich weder die Nebenmission noch die Hauptmission abschließen. Ich stelle meinen Wecker auf 5 Uhr, kurz bevor es hell wird. Falls die gefährlichen Kreaturen bis dahin schlafen, komme ich vor Sonnenaufgang zu deinem Haus und beende die Nebenmission. Aber vergiss nicht, mir im Spiel eine persönliche Nachricht darüber zu schicken, sonst werde ich vielleicht gefragt, woher ich von der Unterkunft wusste. Wann kommst du nach Hause?”

Ich erklärte ihr, dass ich erst am Morgen zurückkehren würde, wenn die öffentlichen Verkehrsmittel wieder fuhren. Nachdem ich das Gespräch beendet hatte, besuchte ich das Forum von Reich ohne Grenzen, um mir die Ratschläge erfahrener Spieler zur Waffenwahl genauer durchzulesen. Es gab eine ganze Reihe von einhändigen Waffen mit dem Hauptattribut Beweglichkeit: einhändige Armbrüste, Wurfmesser, Pfeile, alle möglichen spitzen Wurfwaffen, Bolas und viele andere Sachen.
Am meisten interessierte mich das Blasrohr. Man konnte damit Nadeln und Dornen abschießen. In der Anleitung stand, dass man die Dornen auch mit verschiedenen Giften behandeln konnte, um bei seinen Opfern negative Effekte zu verursachen, einschließlich plötzlicher Orientierungslosigkeit, dem Sinken von Attributpunkten und sogar Lähmungen. Für Blasrohre benötigte man die Fertigkeit Exotische Waffen (Bew, Wah). Wenn man den Umgang mit der Waffe trainierte, konnte man auch Lassos und Wurfnetze einsetzen, doch dafür waren beide Hände erforderlich.
Eine großartige Möglichkeit für mich! Die Efeuranken an der Palisade meiner Unterkunft hatten mehr als genug Dornen und am Rand des Sumpfes wuchs reichlich Zinnkraut, dessen Halme hohl waren. Ohne Zeit zu verlieren kroch ich wieder in die Kapsel und machte mich auf den Weg, um alle Vorbereitungen zu treffen. Als ich ein Rohr fand, das fast einen Meter lang war, schnitt ich es sofort ab und säuberte es mit einem dünnen Ast. Das Ergebnis war sehr zufriedenstellend.

Selbstgefertigtes Blasrohr (Waffe)

Die Dornen zu sammeln gestaltete sich etwas schwieriger. Es war fast unmöglich, sie von den Efeuranken abzulösen. Es dauerte lange, bis es mir gelungen war, 20 Dornen zu sammeln und einen Platz in meinem Inventar damit zu füllen. Danach kehrte ich zum Haus zurück, schnitt kleine Stücke aus einem alten Fell zu und steckte jeweils eins davon auf einen Dorn.

Selbstgefertigte Blasrohr-Munition
Schaden: (1-3) x Beweglichkeit

Schließlich testete ich die Waffe, indem ich einen Dorn in das Rohr lud und stark pustete. Mit einem dumpfen Geräusch grub er sich tief in die Holzwand ein.

Möchtest du Exotische Waffen (Bew, Wah) als Nebenfertigkeit wählen?

Natürlich wollte ich das! Damit hatte ich meine letzte Fertigkeit gewählt. Erst auf Level 10 konnte ich wieder eine hinzunehmen. Zum Trainieren schoss ich auf Ziele, die ich in die Wand gekratzt hatte, und war mit dem Ergebnis sehr zufrieden. Endlich hatte mein segelohriger Goblin eine geeignete Waffe.
Als ich Level 4 erreicht hatte, waren einige meiner Attributpunkte standardgemäß meiner Stärke und Konstitution zugewiesen worden, doch die übrigen mussten noch verteilt werden. Ich wies Intelligenz, Beweglichkeit und Wahrnehmung jeweils 1 Punkt zu. In den detaillierten Informationen zu meinem Charakter stand, dass ich auf meinem derzeitigen Level 1 in Exotische Waffen mit den Modifikatoren der Fertigkeiten Beweglichkeit (14,15) und Blutlust (1,02) nun einen Schaden von 28 bis 57 verursachen konnte. Ich war ein Schrecken der Nacht, vor dem sich andere in Acht nehmen mussten!
Es war schon nach 3 Uhr morgens, die verbleibende Zeit bis zum Sonnenaufgang reichte nicht mehr aus, um zu versuchen, ein starkes Gift herzustellen. Außerdem war es ohne Rezept, die nötige Ausrüstung und einen deutlich höheren Level in Alchemie unwahrscheinlich, dass es mir gelingen würde. Ich musste mich fürs Erste mit ungiftigen Dornen begnügen.

* * *

ES WAR EINE NORMALE, grau-braun gesprenkelte Ente, abgesehen davon, dass sie die Größe eines stattlichen Truthahns hatte. Sie schlief auf einer kleinen Insel in der Mitte des Sumpfes.

Level-11-Sumpfente

Die Worte erschienen in Rot, daher schloss ich daraus, dass die Ente ein furchterregender Gegner war. Doch zum ersten Mal begegnete ich in dieser Gegend einer Kreatur, die nicht mit einem Totenschädel-Symbol markiert war. Abgesehen von mir musste die Level-11-Ente zu den schwächsten Bewohnern der Region zählen.
Ich lag in den Büschen dicht am Wasser, etwa sieben Meter von meinem potenziellen Opfer entfernt, und konnte mich nicht dazu entschließen, anzugreifen. Die Idee, mich ihr so weit zu nähern, dass ich sie mit einem Vampirbiss töten konnte, verwarf ich schnell. Den zähen Morast am Ufer würde ich niemals unbemerkt durchqueren können.

Du hast mit der Fertigkeit Tarnung Level 6 erreicht!

Nach dieser erfreulichen Meldung beschloss ich, zum Angriff überzugehen. Vorsichtig hob ich meine Waffe, zielte und blies fest in das Rohr. Der Dorn traf den Hals der Ente genau an der Stelle, auf die ich gezielt hatte.

Zugefügter Schaden: 31 (48 Geschossschaden - 17 Rüstung)

Der Gesundheitsbalken der Ente sank kaum merkbar, nur 7 oder 8%. Lieber Himmel! Sie hatte dreimal mehr Leben als Trong Taucher! Jetzt saß ich in der Klemme. Der Vogel wachte auf und drehte sich unerschrocken in meine Richtung. Er schlug heftig mit den Flügeln und quakte laut, um seiner Missbilligung über das unsanfte Erwachen Ausdruck zu geben. Ich sprang auf und lud das Rohr mit einem weiteren Dorn.

Zugefügter Schaden: 12 (29 Geschossschaden - 17 Rüstung)

Wieder hatte ich kein Glück. Ich verursachte nur den geringstmöglichen Schaden. Nun verstummte die Ente, machte eine seltsame Bewegung, als ob sie schlucken wollte, doch dann spuckte sie nach mir! Ich schaffte es gerade noch, aus dem Weg zu springen.

Du hast mit der Fertigkeit Akrobatik Level 2 erreicht!

An der Stelle, wo ich am Ufer gestanden hatte, ertönte ein unheimliches Zischen von den Steinen, bevor sie sich auflösten. Säure! Das war nicht fair! War es wirklich eine Ente oder eine außerirdische Kreatur aus einem Horrorfilm?! Meine nächsten beiden Schüsse trafen nicht. Der Vogel hob steil nach oben ab und kreiste schaurig quakend über mir. In regelmäßigen Abständen spuckte er seine Säure auf mich herunter. Ich konnte ihn so weit entfernt nicht treffen, darum verschwendete ich keine Munition mehr. Außerdem bereitete es mir keine Mühe, der Entenspucke auszuweichen.

Du hast mit der Fertigkeit Ausweichen Level 5 erreicht!

Großartig, perfektes Timing! ich freute mich darüber, dass die hilfreiche Fertigkeit ganz von allein levelte. Noch erfreulicher war die gleichzeitige Steigerung von Beweglichkeit, die meine Schadenstoleranz und Zielgenauigkeit erhöhte. Nachdem ich einkalkuliert hatte, dass sich mein Ziel bewegte, schoss ich erneut.

Kritischer Treffer: 126 (63 x 2 Geschossschaden - Rüstung ignoriert)
Du hast mit der Fertigkeit Exotische Waffen Level 2 erreicht!

Der Dorn hatte die Ente direkt ins Auge getroffen. Ihr Lebensbalken sank um die Hälfte und sie war jetzt auf dem linken Auge blind. Sie überschlug sich ein paar Mal unbeholfen in der Luft und spuckte ziellos, denn sie sah mich offenbar nicht mehr. Als sie mich wieder entdeckte, änderte sie ihre Taktik und beschloss, zum Nahkampf überzugehen. Ich sprang immer wieder zur Seite, um ihren Schnabelhieben auszuweichen, mit denen sie mich angriff. Als sie wieder hochflog, zielte ich auf sie, doch ich verfehlte sie. Erneut drehte die Sumpfente in der Luft und schoss wie ein Pfeil auf mich zu. Dieses Mal war ich vorbereitet:

Zugefügter Schaden: 42 (59 Geschossschaden - 17 Rüstung)

Nun musste ich wieder aus dem Weg springen, um nicht getroffen zu werden. Als die Ente von einem Schuss in die Brust getroffen wurde, war sie nicht mehr in der Lage, ihre Flugbahn zu ändern und prallte auf die Steine am Rand des Sumpfes. Während sie am Boden lag, griff ich erneut an.

Zugefügter Schaden: 30 (47 Geschossschaden - 17 Rüstung)

Die Ente schlug mit den Flügeln und rappelte sich auf, bevor sie sich auf mich stürzte, doch ich wich in Richtung ihres blinden linken Auges aus. Sie hielt inne, als sie mich nicht mehr sehen konnte.

Zugefügter Schaden: 51 (68 Geschossschaden - 17 Rüstung)

Der Lebensbalken der Ente war tief in den roten Bereich gesunken, sie hatte nur noch wenige Lebenspunkte übrig. Ich blieb auf ihrer linken Seite und versetzte ihr einen Biss.

Zugefügter Schaden: 23 (Vampirbiss)
Verdiente Erfahrung: 504 EP
Erhaltene Gegenstände: Entenfleisch x 3 (Nahrung), selbstgefertigte Blasrohr-Munition x 6
Level 5!
Freigeschaltetes Achievement: Geschmackstester (3/1000)
Freigeschaltete Volksfähigkeit: 10% Giftresistenz
Verbesserte Volksfähigkeit: Blutlust (Erhöht den zugefügten Gesamtschaden für jede einzelne Kreatur, die durch Vampirbiss getötet wird, um + 1%. Aktueller Bonus: 3%)

Nicht schlecht! Der Kampf mit der Ente hatte meine Erfahrung fast verdoppelt. Außerdem war mein Blutdurst vollkommen gestillt (15/15). Bei Durst fiel mir etwas ein. Ich nahm eine leere Phiole und füllte sie mit dem vergossenen Blut der Ente. Dann ging ich zu dem Baum, der mir am nächsten stand, und schnitt mit meinem Messer ein Stück seiner Rinde vom Stamm, das ich zurechtschnitzte, bis ich es als Korken benutzen konnte.

Entenblut (alchemistische Zutat)

Es wurde langsam hell, in einer halben Stunde würde die tödliche Sonne aufgehen. Doch ich hatte es noch nicht eilig, zu meiner Unterkunft zurückzukehren. Ich benötigte nur 7 oder 8 nützliche Pflanzen, um mit meiner Fertigkeit Kräuterkunde zu leveln. Bis zum Blockhaus war es nicht weit, darum sammelte ich in aller Ruhe Pflanzen.

Du hast mit der Fertigkeit Kräuterkunde Level 3 erreicht!

Das reichte erst einmal. Es blieben nur noch vier Minuten bis zum Morgen. Ich lief zum Haus zurück, rannte zur Veranda hoch, aber die Tür war von innen versperrt! Die Karte informierte mich bereitwillig, dass sich die Spielerin Valerianna Schnellfuß zurzeit im Haus befand. Meine Schwester! Sie hatte es also doch geschafft, die Unterkunft zu erreichen!
Ich hämmerte an die Tür, doch Val öffnete nicht. War sie wieder eingeschlafen? Wenn sie die Tür nicht binnen der nächsten drei Minuten aufschloss, würde ich den dümmsten Tod sterben, den ein Vampir in der Geschichte dieses Spiels jemals gestorben war. Nicht in einem epischen Kampf gegen einen heiligen Krieger, sondern vor der Tür seines eigenen Hauses, die seine geliebte Schwester verschlossen hatte! Was für ein Pech! Außerdem befand sich der Spawnpunkt an einem ungeschützten Felsen. Dort nach Sonnenaufgang zu erscheinen bedeutete den sicheren Tod.
Ich schrieb Valerianna eine persönliche Nachricht, dass sie sofort die Tür öffnen sollte, doch ich rechnete nicht damit, gerettet zu werden. In der Umgebung des Gebäudes gab es keinen Ort, an dem ich mich vor den Sonnenstrahlen verstecken konnte. Meine einzige Hoffnung war, ins Haus zu gelangen. Als die letzte Minute anbrach, war ich in Panik. Fünfzehn Sekunden. Zehn ...
Ich hörte, wie der schwere Balken von der Tür entfernt wurde.
Neun. Acht. Sieben. Sechs. Die Tür öffnete sich einige Zentimeter.
„Warum machst du so einen Lärm, Amra?”, fragte die gähnende Waldnymphe träge.
Ich stieß die Tür auf und schubste sie aus dem Weg. Dann rannte ich die Treppe hoch, denn im Eingangsbereich war es immer noch zu hell. Die Sonnenstrahlen könnten durch die Fenster scheinen. Fünf. Vier. Drei. Zwei Sekunden vor Sonnenaufgang warf ich mich auf das flache Bett und vergrub mich unter den Tierfellen. Ich hatte es geschafft!

Die Mission „Die Nacht überleben” ist abgeschlossen.
Verdiente Erfahrung: 160 EP
Belohnung: + 2 Attributpunkte
Level 6!
Die Anzahl der Punkte von Blutdurst erhöht sich auf 15/20.

„Tut mir leid, ich muss dringend zurück in die reale Welt, um einige Dinge zu erledigen”, erklärte ich der Nymphe, die völlig verwirrt war. Ich verteilte noch nicht einmal meine angesammelten Attributpunkte, bevor ich das Spiel verließ.

* * *

NACHDEM ICH HELM und Anzug abgelegt hatte, setzte ich mich kraftlos auf den Boden. Meine Hände zitterten noch und mein Herz schlug mir bis zum Hals. Ich hatte richtig Angst gehabt, als ob ich durch die aufgehende Sonne im Spiel wirklich qualvoll gestorben wäre und nicht nur ein paar hundert Erfahrungspunkte verloren hätte. In dem Moment kam mir nicht einmal in den Sinn, dass das Sterben im Spiel keine Bedeutung hatte. Ich konnte die Erfahrung schließlich zurückbekommen. Nein, ich wollte mit jeder Faser meines Körpers überleben!
Sobald ich mich etwas beruhigt hatte, zog ich mich an und verließ meine Kabine. Ich musste dringend zur Toilette. Ich rannte den langen Gang hinunter zum nächsten Badezimmer. Auf der gesamten Etage waren nur zwei Türen, über denen ein rotes Licht leuchtete: meine und die der rothaarigen Frau, die zuvor an mir vorbeigegangen war. Über den anderen dreihundert Türen sowie allen Türen auf dem gegenüberliegenden Gang leuchtete es grün: die Kabinen waren leer. Nur die Frau und ich waren noch da. Ich hörte das Geräusch von laufendem Wasser, das aus der verschlossenen Dusche kam. Jemand auf der verlassenen Etage duschte zu dieser frühen Stunde.
Nachdem ich mich frisch gemacht hatte, ging ich zur Kaffeemaschine. Ich brauchte einen Muntermacher, mir fielen fast die Augen zu. Am Ende des Gangs gab es für die Tester von Reich ohne Grenzen einen Pausenraum. Er war mit Tischen, Sofas, einem Wandfernseher, der jetzt ausgeschaltet war, und Automaten mit Snacks und Wasser ausgestattet. Mit einer heißen Tasse Kaffee in der Hand ging ich an den Automaten entlang und sah mir die Auswahl an. Ich fand einen Beutel Gummidrops für meine Schwester. Sie liebte diese Dinger. Ich versuchte, mit meiner Karte zu bezahlen, doch auf dem Bildschirm erschien eine Meldung, die ich fast erwartet hatte: „Transaktion wegen unzureichender Mittel abgelehnt”. Mir blieb nichts anderes übrig, als meine Taschen zu durchsuchen, um Münzen zu finden. Bargeld war in den letzten Jahren kaum noch im Verkehr, aber Automaten akzeptierten Münzen noch. Ich schob sie in den Schlitz. Womit hatte ich das verdient?! Der Beutel mit Gummidrops blieb im Inneren der Maschine stecken.
„Nanu! Ich habe nicht damit gerechnet, hier so früh jemanden anzutreffen”, ertönte eine klangvolle Frauenstimme hinter mir.
Ich drehte mich um. Es war zweifellos die gleiche geheimnisvolle Frau, die das elegante, smaragdgrüne Kleid und den Hut getragen hatte. Doch jetzt war ihr Körper nur in ein Handtuch gewickelt und sie hielt Shampoo und Lotion in den Händen.
„Entschuldigung, ich wollte Sie nicht erschrecken”, antwortete ich, aber die Frau lachte: „Mich erschrecken? Ich erschrecke nicht so leicht. Im letzten halben Jahr war ich die einzige hier, die nachts gearbeitet hat. Ich dachte nicht, dass ich jemanden treffen würde, darum bin ich so aus der Dusche gekommen”, sagte sie und deutete auf das Handtuch.
„Kein Problem. Ich werde Sie nicht stören. Ich habe gerade die Quest ‚Die Nacht überleben‘ abgeschlossen. Sie kennen sie sicher, es ist eine Mission für Anfänger.”
„Das könnte man so sagen”, lächelte die geheimnisvolle Frau. „Ich bin diejenige, die sie vor zwei Jahren entwickelt hat, um die Leute nachts aus den Städten herauszubekommen. Und, hast du es geschafft?”
„Ja, aber es war nicht einfach”, brüstete ich mich.
„Gut gemacht. Viele Leute versuchen, bis zum Morgen zu überleben, doch nur wenigen gelingt es. Aber jetzt gibt es für Geschöpfe der Nacht reguläre Beute.” Die Frau leckte sich als Ausdruck ihrer räuberischen Natur die Lippen, als ob sie andeuten wollte, dass sie sich selbst an unvorsichtigen Opfern gütlich tat.
Vielleicht meinte sie es ernst. Ich konnte nicht wissen, welche Art von Charakter sie spielte. Sie bemerkte sofort die Veränderung in meinem Verhalten.
„Deine Augen sind vor Angst geweitet, als ob du ein Monster gesehen hättest. Ich versichere dir, es gibt keinen Grund, mich zu fürchten.” Die Frau blickte auf die steckengebliebene Packung Gummidrops und reichte mir ihre Toilettenartikel. „Hier, halt das mal.”
Ohne etwas zu erwidern nahm ich die Flaschen, während die Frau zum Automaten ging und ihre Hand ausstreckte. Die Maschine trat in Aktion. Im oberen Bereich begann sich eine Spirale zu drehen, die den Schokoriegel, den die rothaarige Frau gewählt hatte, vorwärts bewegte. Sieh mal einer an! Sie hatte einen implantierten Identifikationschip statt einer Bankkarte oder eines anderen Ausweisdokuments! Ich hatte von dieser Technologie gehört, aber es war das erste Mal, dass ich so etwas mit eigenen Augen sah.
Der Riegel fiel auf die steckengebliebene Packung Gummidrops, sie löste sich und beide landeten in der Entnahmeschale.
„Siehst du, ich beiße nicht”, schmunzelte die Frau. Ihre nassen Locken wippten, als sie sich aufrichtete. „Du brauchst auch nicht so förmlich zu sein, ich bin nicht viel älter als du. Übrigens, ich heiße Kira.”
„Timothy”, stellte ich mich vor und gab ihr ihre Sachen zurück. Sie nahm sie und wollte gerade etwas sagen, als ... ihr Handtuch zu Boden fiel. Eine peinliche Situation. Sie hatte die Arme voll, sodass sie es nicht aufheben oder ihren Körper irgendwie bedecken konnte.
„Warte, Kira, ich helfe dir!” Schnell hob ich das Handtuch auf und wickelte sie darin ein.
Ihre Haut war nach dem Duschen weich und warm, sie fühlte sich wunderbar an, doch ich ließ meine Hände nicht zu lange verweilen. Selbst als sie mich zum Dank auf die Wange küsste, zögerte ich den Augenblick nicht hinaus. Dies war kein Ort für unmögliche Träume. Kira und ich waren zu verschieden, außerdem hatten wir uns gerade erst kennengelernt.
„Danke, Timothy. Vielleicht sehen wir uns bald wieder. Du kannst den Schokoriegel haben, ich esse keine Schokolade.”
Kira ging zu ihrer Kabine. Ich stand einfach da und sah ihr hinterher. Ich konnte immer noch ihre verführerischen Kurven vor mir sehen. Nun wusste ich, wo und wann Kira arbeitete. Es konnte nicht so schwierig sein, ein weiteres Treffen zu arrangieren.
Eine Stunde später stand ich bereits mit klimperndem Schlüsselbund vor der Tür meiner Mietwohnung. Ich wollte nicht klingeln, um Val nicht zu wecken, doch meine Schwester schlief nicht. Sie saß in ihrem Rollstuhl und öffnete die Tür.
„Kannst du mir vielleicht erklären, was zum Teufel mit dir los war? Du hast mich umgeworfen und bist in das Haus gestürzt, als ob eine Horde Dämonen hinter dir her wären!”
Ich sah keinen Grund, die Wahrheit vor meiner Schwester zu verbergen, also erzählte ich ihr von der dunklen Seite meines Charakters. Valerias Reaktion überraschte mich.
„Warum warst du dann so dumm, Bruder? Du hättest mich am Spawnpunkt mit einem Biss töten und mein Spielprotokoll ändern sollen, um keine Spuren zu hinterlassen! Auf den niedrigen Levels ist ein kleiner Erfahrungsverlust überhaupt nicht wichtig für mich, aber wo findest du eine andere Waldnymphe für dein Achievement Geschmackstester?”
Ich entgegnete, dass ich sie auf keinen Fall töten würde.

Daraufhin schüttelte Val vorwurfvoll den Kopf. „Du musst es wissen, Timothy. Iss jetzt dein Frühstück, es ist schon warm. Sieht aus, als ob du von jetzt an nachts arbeitest. Leg dich vor deiner nächsten Schicht schlafen. Ich werde mich ausführlich über Vampire in Reich ohne Grenzen informieren und mir Gedanken über die nächsten Schritte deines Charakters machen.”


Das graue Rudel



MEINE SCHWESTER weckte mich. „Steh auf, Tim! Wie lange willst du denn noch schlafen, Faulpelz?”
Ich öffnete die Augen und sah auf die Uhr: Es war 16:30 Uhr. „Warum soll ich denn so früh aufstehen? In Reich ohne Grenzen wird es erst um 21 Uhr dunkel. Ich brauche nur eine Stunde, um an die Arbeit zu kommen. Du hättest mich erst gegen 20 Uhr wecken sollen”, erwiderte ich. Tatsächlich fühlte ich mich vollkommen ausgeruht, ich beschwerte mich nur, um sie zu ärgern. Meine Schwester wusste das ganz genau.
Ich schwang mich aus dem Bett und suchte nach meinen ständig verlegten Socken.
Valeria fuhr mit ihrem Rollstuhl zur Kommode und öffnete eine Schublade. „Ich habe deine Socken in die Wäsche geworfen. Nimm dir ein neues Paar. Übrigens, unsere Vermieterin ist heute vorbeigekommen. Sie hat mich nachdrücklich daran erinnert, dass wir ihr 3 Monatsmieten schulden. Außerdem habe ich heute alle unsere Charaktere von Königreiche der Schwerter und Magie für 580 Credits verkauft. Theoretisch könnten wir davon fast 2 Monate Miete bezahlen.”
„Lass uns erst einmal 1 Monatsmiete zahlen. Wir müssen schließlich von irgendetwas leben. Ich schicke sie der Vermieterin heute, damit sie uns noch etwas Zeit gibt. Du bist ein helles Köpfchen, Val. Konntest du etwas über Vampire in Reich ohne Grenzen herausfinden?”
Meine Schwester schaute niedergeschlagen drein, rollte zum Computertisch und griff nach einem Blatt Papier, auf dem sie handschriftlich Notizen gemacht hatte.
„Das ist alles, was ich finden konnte. Eine Zeitlang gab es viele Vampire in Reich ohne Grenzen, NPCs sowie auch Spielercharaktere. In den ersten Monaten nach Veröffentlichung des Spiels war der Umsiedlungsmodus sehr beliebt. Leute reisten mit dem Schiff in unbekannte Länder, bauten dort Festungen und verteidigten die Gebiete um jeden Preis. Sie mussten ständige Angriffe ganzer Scharen von Unsauberen und Unsterblichen zurückschlagen. Dann erfand das Marketingteam von Reich ohne Grenzen eine erfolgreiche Strategie: Sie appellierten an den Stolz der Menschen und zogen in kurzer Zeit Millionen von Spielern an. Ich erinnere mich noch an die Werbeslogans von vor 3 Jahren: ‚Die Menschheit steht am Rande des Aussterbens. Deine Klinge könnte die Menschen retten‘.”
„Ja, stimmt. Genau diese Werbung hat mich damals dazu gebracht, Reich ohne Grenzen auszuprobieren”, erwiderte ich.
„Wie gesagt, zu der Zeit stellten die Vampire eine der größten Bedrohungen für die Menschheit dar und es gab viele Quests, sie zu vernichten. Menschliche Paladine vieler Gruppen mussten wenigstens 1 Vampir töten, um ihre Aufnahmequests abzuschließen. Doch was die Entwickler nicht vorausgesehen hatten, war, dass es plötzlich zu viele Menschen und nicht genug Vampire gab. Vampir-Spieler wurden aufgespürt und konnten einfach nicht spielen, weil sie ständig getötet wurden, bevor sie den Spawnpunkt verlassen konnten. Hunderte, sogar Tausende von Spielern versammelten sich, um auf das Respawnen eines als Vampir bekannten Charakters zu warten. Jeder von ihnen hoffte, derjenige zu sein, dem es gelingen würde, ihn zu töten. Es folgten viele Beschwerden, darum entfernten die Entwickler die Möglichkeit, als Vampir zu spielen, und erlaubten stattdessen bereits existierenden Spielercharakteren, das Volk zu wechseln. Ich habe ein Interview mit einem der Direktoren von Reich ohne Grenzen aus dem letzten Jahr gefunden. Darin erklärte er, dass es offiziell nur 14 Vampir-Spielercharaktere gibt, und sie sind sehr darauf bedacht, ihre wahre Natur zu verbergen, weil sie genau wissen, was passieren kann, wenn sie entdeckt werden.”
„Gibt es auch NPC-Vampire?”, fragte ich, während ich mich anzog.
„Sie wurden im Spiel gelassen, sind jedoch sehr selten und äußerst raffiniert. Es ist äußerst schwierig, sie zu enttarnen. Darum gibt es auch noch Vampir-Missionen, doch sie sind nicht mehr notwendig und man erhält eine großzügige Belohnung. Schwer zu sagen, wie viele NPC-Vampire existieren. Der Spielmechanik entsprechend ist ein getöteter NPC für immer tot. Einen NPC-Vampir zu entdecken und zu töten könnte also ein einmaliges Ereignis sein.”
Jetzt hatte ich ein klares Bild. Es war richtig gewesen, meine dunkle Natur zu verbergen. Die Reichweite des Problems hatte ich jedoch stark unterschätzt.

* * *

ES MAG SELTSAM ERSCHEINEN, aber in unserer Partnerschaft beim Spielen war meine Schwester immer der kluge Kopf. Ich spielte Spiele, um mir auf angenehme Weise die Zeit zu vertreiben und Geld für das eine oder andere Bier zu verdienen. Doch meine Schwester lebte ihr ganzes Leben in virtuellen Welten. Es bereitete ihr die größte Freude, sich Handbücher durchzulesen und alles über Magie und Handwerke herauszufinden. Sie hatte auch Spaß an den Rätseln, auf die wir in den Spielen stießen, daher war sie gewöhnlich diejenige, die sie für uns beide löste. Sie tüftelte aus, auf welche Art unsere Charaktere die größten Fortschritte machten und welches Verhalten am klügsten war. Zu diesem Zeitpunkt hielt sie das reale Leben wahrscheinlich für eine Art von virtueller Realität mit guter Grafik, doch einer schrecklich trostlosen Handlung.
Irgendwann hatte ich sie in ihrem Interesse an Videospielen bestärkt, um zu verhindern, dass sie in Hoffnungslosigkeit versank. Ich hielt mich zurück und ließ sie alle wichtigen Entscheidungen treffen. Mein Vertrauen machte sie glücklich, sie löste all unsere Probleme mit größtem Eifer und präsentierte mir fertige Lösungen. Manchmal erschienen mir ihre Methoden fragwürdig, doch am Ende lag Valeria immer richtig.
Während ich die Granitstufen zum Wolkenkratzer des Unternehmens von Reich ohne Grenzen hochstieg, ging mir darum wieder und wieder durch den Kopf, was meine Schwester mir gesagt hatte: „Mit deinen Fertigkeiten steigerst du bereits Beweglichkeit und Wahrnehmung. Stärke, Intelligenz und Konstitution sind wichtig, aber für deinen Charakter zweitrangig. Ignoriere sie, auch wenn es dir Angst macht. Du solltest all deine neuen Attributpunkte auf Charisma verteilen.”
Ich ging durch die Drehtür in eine riesige Halle und machte vor einem Drehkreuz halt. Ich hielt die Magnetkarte, die ich gestern bekommen hatte, an das Lesegerät, doch es leuchtete rot auf und gab einen lauten Summton von sich. Abgelehnt? Ich versuchte es erneut, doch das Ergebnis war das gleiche. Ich durfte nicht zur Arbeit gehen? Warum? Ich ging zu einem Fenster, hinter dem ein Sicherheitsbeamter saß, und erklärte ihm, dass mein Pass nicht funktionierte. Der mürrische, muskulöse Mann nahm mir die Karte aus der Hand und gab die Nummer in seinen Computer ein.
„Ihre Zugangskarte ist gesperrt worden. Zugang zu Ihrer virtuellen Realitätskapsel auch. Ihr Charakter wurde verboten. Herr Lavrius hat angeordnet, Sie sofort in sein Büro zu bringen, sobald Sie erscheinen.”
Mein Herz schien auszusetzen. Hatte ich die Probezeit etwa nicht bestanden? Ich hatte so viele Pläne für Reich ohne Grenzen, doch jetzt würde ich vielleicht schon am ersten verdammten Tag rausgeworfen?
In düsterer Verfassung fuhr ich zur 44. Etage hoch, auf der sich die Abteilung Sonderprojekte befand. Alexandro Lavrius Büro war schon von Weitem zu erkennen. Mehrere Personen standen an seiner Tür, unter ihnen einige der Tester, die ich am Tag zuvor beim Ausfüllen des Fragebogens getroffen hatte.
Die Tür des Büros öffnete sich und die biedere Frau mittleren Alters, die es abgelehnt hatte, eine Dryade zu spielen, kam mit Tränen in den Augen heraus. Nachdem sie die Tür geschlossen hatte, ließ sie ihren Blick über die versammelten Leute gleiten und bemerkte: „Ich dachte mir gestern schon, dass dieser Job nichts für mich sein würde. Heute bin ich mir sicher. Gut, dass ich nicht zu viel Zeit verschwendet habe.”
Die Tür öffnete sich wieder und der rundliche, junge Mann mit Brille kam heraus. Wenn ich mich richtig erinnerte, hatte er seinen Troll-Astrologen eintauschen wollen.
„Konnte irgendjemand herausfinden, wie man sich von der Kette befreit? Ich habe es nicht geschafft. Den ganzen Tag habe ich mit der Handschelle an meinem Arm gelitten, bevor sie mich angewiesen haben, aus der Kapsel zu steigen.”
„Du bist doch ein Troll. Trolle haben die beste Gesundheitsregeneration von allen Völkern. Du hättest einfach deine Hand abbeißen und eine Stunde später mit einer neu nachgewachsenen fortfahren können”, erwiderte ich.
Meine Antwort verärgerte ihn. „Woher sollte ich denn wissen, dass Trolle Gesundheitsregeneration haben?”
Ich führte nicht weiter aus, dass jeder Spieler es hätte wissen sollen, sogar völlige Anfänger. Wie stellte er es sich vor, als Troll zu spielen, wenn er sich noch nicht einmal die Mühe gemacht hatte, sich über die besonderen Eigenschaften seines Volkes zu informieren?!
Jetzt war mir klar, dass das Unternehmen offensichtlich Verlierer wie ihn aussortierte. Aber warum war ich hier? Über der Tür leuchtete ein Schild „Geöffnet” auf, doch niemand der anderen im Flur traute sich hineinzugehen. Ich kümmerte mich nicht darum, wer als Nächstes an der Reihe war, sondern betrat das Büro und schloss die Tür hinter mir.
Alexandro Lavrius saß hinter einem massiven, altmodischen Schreibtisch. Aus dem riesigen Fenster seines Büros hatte man einen unglaublichen Blick über die dunkle Stadt.
„Sie wollten mich sehen, Herr Direktor?”, fragte ich und versuchte, meine Stimme nicht eingeschüchtert klingen zu lassen.
Der Mann drehte sich in seinem Bürostuhl zu mir um, starrte mich lange durchdringlich an und wandte sich dann mit fragendem Blick seiner Assistentin zu. Um keine Zeit zu verlieren, gab sie ihrem Chef einen Ordner und flüsterte kaum hörbar: „Das ist der Vampir, über den wir gesprochen haben.”
Auf dem Gesicht des Direktors erschien ein wissender Blick. Er deutet auf einen Stuhl, bevor er den Ordner mit meinen Unterlagen öffnete. „Also gut, Timothy. In Ihrem Interview haben Sie uns eine fette Lüge erzählt. Sie haben angegeben, Reich ohne Grenzen noch nie gespielt zu haben ...”
Das Gespräch ging in die denkbar schlechteste Richtung, darum riskierte ich es, meinen Chef zu unterbrechen, denn ich hatte nichts zu verlieren. „Das stimmt nicht, Herr Direktor, ich habe nicht gelogen. Beim Vorstellungsgespräch hatte ich nur völlig vergessen, dass ich das Spiel schon mal gespielt habe. Die grobe, unfertige Version, die ich vor über 3 Jahren ein paar Minuten lang ausprobiert habe, war in einer sehr frühen Entwicklungsphase. Das Spiel hat sich inzwischen sehr weit entwickelt. Es kam mir überhaupt nicht in den Sinn, dass es sich um das gleiche Reich ohne Grenzen handelt. Genau darüber habe ich übrigens schon in den Social Media und auf meinem Videokanal berichtet, den ich heute gestartet habe, um die Goblins zu promoten.”
„Moment. Stimmt das?” Alexandro Lavrius öffnete seinen Bildschirm und suchte danach. „Ja, richtig, hier ist er, ein brandneuer Kanal. Noch keine Abonnenten, nur ein 5-minütiger Clip. Das ist nicht viel.”
„Bis jetzt habe ich meinen zukünftigen Abonnenten nur erzählt, dass ich KSM nach 6 Jahren verlassen und eine neue, viel aufregendere Spielwelt gefunden habe. Ich habe meinen ersten erfolglosen Spielversuch genau beschrieben, denn ich muss ja irgendwie den Einwort-Namen meines Charakters erklären. Ich glaube, es könnte eine gute Sache sein. Meine zukünftigen Zuschauer kommen dadurch nicht so leicht darauf, dass ich für das Unternehmen arbeite ...”
„Das war eine gute Entscheidung, Timothy”, unterbrach der Direktor mich. „Wir haben hunderte Millionen reguläre Spieler, die Spielern des Unternehmens gegenüber nicht immer positiv eingestellt sind. Einige sehen, dass sie Spielgeld entnehmen und in reales Geld umtauschen können und versuchen, sie zu bestechen oder sich auszahlen zu lassen. Andere beschweren sich darüber, dass unsere Angestellten zu schnell im Level aufsteigen. Sie vermuten unfaire Methoden wie einzigartige Quests oder versteckte Schatzkisten, die regulären Spielern nicht zugänglich sind. Einige von ihnen glauben sogar, unsere Angestellten können ihre Punktzahlen manipulieren. Das ist natürlich Unsinn. Trotzdem ist es besser, Ihre Zugehörigkeit zum Unternehmen zu verbergen.” Der Direktor sah mich daraufhin schweigend an.
Ich nutzte die Pause und fuhr mit meiner Geschichte fort: „Durch die besonderen Eigenschaften als Vampir werde ich während des Tages oft nicht im Spiel sein können. Darum dachte ich mir, ich nutze diese Zeit zu meinem Vorteil und erstelle interessante Videoclips für meinen Kanal. Ich habe erst einen Tag oder, besser gesagt, eine Nacht im Spiel verbracht, doch es gibt bereits mehr als genug Material, über das ich berichten kann: Meine ungewöhnliche Methode, aus der Handschelle zu kommen, wie ich das Oberdeck der Galeere erreicht und das Boot heruntergelassen habe, der Kampf mit Trong Taucher, der gefährliche Weg durch den Wald bei Nacht, das freundliche Wolfsrudel, die Herstellung einer Waffe für Goblins und die Jagd auf die säurespuckende Ente. Wenn ich alles gut bearbeite und einen passenden Soundtrack hinzufüge, sind diese Sachen bestimmt sehr interessant für potenzielle Zuschauer.”
Alexandro Lavrius drehte meine Unterlagen gedankenverloren in seinen Händen. Dann legte er sie beiseite, doch nicht auf den Stapel der anderen Ordner. Erleichtert atmete ich auf. Mein Rauswurf schien fürs Erste abgewendet zu sein.
„Na gut, Timothy. Ihre Erklärung hat mich überzeugt. Ich ordne an, Ihren Charakter und Ihre Karte wieder zu entsperren. Ich erwarte bis morgen hochwertiges Material von Ihnen. Doch ich möchte Sie auf zwei wichtige Dinge aufmerksam machen: Erstens, die Zuschauer sind nicht nur an nächtlichen Aktivitäten interessiert. Außerdem werden sie vielleicht misstrauisch, wenn Sie nur in der Nacht unterwegs sind. Wenn Sie verhindern wollen, dass Ihr Geheimnis aufgedeckt wird, muss Ihr Charakter auch am Tag aktiv sein.”
„Wie soll ich das machen, wenn die Sonne mich sofort zu Asche verbrennt?”
„Tageszeit bedeutet nicht automatisch Sonne. In unserem Spiel gibt es auch bewölkte, neblige und regnerische Tage. Nutzen Sie sie, so gut Sie können. Zweitens, im Vergleich zu regulären Spielern brauchen Sie viel mehr Zeit, um zu leveln. Spieler, die traditionelle, gut bekannte Pfade wählen, erreichen bis zum Ende des ersten Tages gewöhnlich Level 11 und bis zum Ende des zweiten Tages Level 16. Egal, wie interessant die Werbung für Ihren alternativen Pfad auch ist, Newbies werden vor allem in Betracht ziehen, wie schnell sie mit ihrem Charakter höhere Levels erreichen können. Letztendlich wollen die Leute alles sofort haben. Ich hoffe, Sie haben sich bereits überlegt, wie Ihr Kräutersammler seine Erfahrung erhöht, zumal Sie im Gegensatz zu anderen Charakteren an sonnigen Tagen keine Pflanzen sammeln können.”
Ich nickte kurz, denn ich hatte nicht die Absicht, meinem Chef die Details meines Plans zu verraten.
„Großartig. Übrigens, ich habe vergessen zu erwähnen, dass unser Unternehmen kleine Preise an Angestellte zahlt, die neue Dinge im Spiel finden oder Bugs entdecken, von denen wir nichts wussten. Sie haben sich bereits 2 dieser Preise verdient: Einen für die ungewöhnliche Methode, mit der Sie sich aus der Handschelle befreit haben, und einen weiteren für den Klassenwechsel-Fehler. Sie erhalten insgesamt 200 Credits. Wir können sie über Ihre Bankkarte auf Ihr Konto überweisen oder Ihnen 2.000 Münzen im Spiel geben.”
„Auf mein Konto, bitte”, antwortete ich. Meine Stimme war heiser vor Freude. Ich musste den Satz noch einmal wiederholen.
Das war perfektes Timing. Ich brauchte unbedingt eine Einzahlung, damit die Bank meine Karte nicht sperrte. Es war einfach ein Wunder!
„In Ordnung, das Geld wird am Ende des Tages auf Ihrem Konto sein. Haben Sie noch Fragen zu Ihrer Arbeit?”
„Ja, Herr Direktor. Ich konnte in den Foren keine Antwort auf diese Frage finden: Wenn ein Spieler mich tötet, weil er keine Goblins mag oder aus irgendeinem anderen Grund, der nichts mit Vampiren zu tun hat, und eine seiner unerledigten Quests ist, einen Vampir zu töten, wäre seine Quest dann abgeschlossen?”
„Hmm ...”, erwiderte der Direktor, während er nachdachte. „Es wäre ziemlich unlogisch, wenn das Geheimnis des Vampirismus so schnell aufgedeckt werden könnte. Soweit ich es sehe, sollte ein Spieler erst einige Vorbedingungen zu erfüllen haben, um sicherzugehen, dass er den entsprechenden Vampir tatsächlich enttarnt hat, bevor seine Quest abgeschlossen ist. Sonst könnten ja Quests, bei denen Spieler Unsterbliche in einem bestimmten Dorf finden müssen, einfach durch das Töten aller Bewohner abgeschlossen werden. Nun gut, machen Sie sich wieder an die Arbeit. Meine Assistentin wird Ihre Frage an unsere Programmierer weiterleiten.”

* * *

ES WAR 20 UHR, als ich mit der Bearbeitung meines Videos fertig wurde. Es war harte Arbeit, aber ich konnte ohne falsche Bescheidenheit sagen, dass es gut gelungen war. In dem 15-minütigen Clip hatte ich es geschafft, die Untergangsstimmung auf der orkischen Galeere, das tosende Meer, den hitzigen Kampf mit dem Najadenmann sowie den gespenstischen Wald bei Nacht zu vermitteln und dem Ganzen meine ironischen Kommentare hinzuzufügen. Ich sprach offen über meine Fehler und verpassten Chancen. Zum Beispiel verschwieg ich nicht, dass mein segelohriger Freak einen Knoten in der Zunge hatte und ziemlich dumm war. Nachdem ich das Video gepostet hatte, war ich endlich bereit, mit dem Spiel fortzufahren.
Vor meinem zweiten Tag sah ich mir die Statistik meines Charakters an:

Name
Amra
Volk
Goblin-Vampir
Klasse
Kräutersammler
Erfahrung
1.280 von 1.800
Charakterlevel
6
Trefferpunkte
57/57
Ausdauerpunkte
45/45
Attribute

Stärke (Str)
7 (7)
Beweglichkeit (Bew)
8 (17,1)
Intelligenz (Int)
5 (5,8)
Konstitution (Kon)
9 (9)
Wahrnehmung (Wah)
3 (10,2)
Charisma (Cha)
8 (9)
Unbenutzte Punkte
2
Hauptfertigkeiten (4 von 4 gewählt)

Kräuterkunde (Wah, Bew)
3
Handel (Cha, Int)
1
Alchemie (Int, Bew)
1
Ausweichen (Bew, Wah)
5
Nebenfertigkeiten (4 von 4 gewählt)

Tarnung
6
Verschleiern
2
Akrobatik
2
Exotische Waffen
2

Ganz gleich, was der Direktor über den verlangsamten Fortschritt meines Charakters gesagt hatte, ich war stolz auf meinen segelohrigen Amra! Jetzt gefiel mir auch seine Erscheinung. Meine Schwester hatte sich während des Tages daran versucht und das Ergebnis war ein kleines, grünes Goblingesicht, das einen zum Lächeln brachte, weil es so süß war. Kein Spieler würde es mit Vampiren oder Gefahr in Verbindung bringen. Ich hatte es bereits ins Spiel geladen und bestätigt, dass ich die Erscheinung meines Charakters ändern wollte. Außerdem folgte ich Valerias Rat und verteilte meine 2 freien Attributpunkte auf Charisma.
Damit konnte meine zweite Nacht im Spiel beginnen. Na ja, die Nacht musste erst anbrechen. Nachdem sich die virtuelle Realitätskapsel geschlossen hatte, fand ich mich im Blockhaus unter den schweren, stinkenden Tierfellen wieder. Vorsichtig lugte ich darunter hervor, um mich umzusehen. Die Sonne stand schon tief am Horizont. Durch das Schießschartenfenster konnte ich Wolken sehen, die leicht rosa leuchteten. Das bedeutete, dass die brennende Sonne keine Bedrohung mehr für mich war. Ich konnte mit dem Spielen beginnen, aber wo?
Als ich mir den Raum näher ansah, bemerkte ich, dass der dunkle, blutige Fleck verschwunden war. Stattdessen waren Wischspuren auf dem Boden zu sehen. Manchmal konnte ich nur den Kopf über meine Schwester schütteln.
Mein Goblin wurde langsam hungrig und wollte außerdem Blut trinken. Ich öffnete mein Inventar und stillte den Hunger meines ungelenken Charakters mit Entenfleisch. Nun musste ich nur noch das Blut trinken, das ich von der letzten Nacht aufbewahrt hatte, und dann konnte ich loslegen. Was zum ...? Ich starrte auf die Phiole mit dem Entenblut. Die Flüssigkeit war geronnen und hatte sich dunkelbraun verfärbt.
Verdorbenes Blut (Abfall)
Ich sah besorgt auf die Durst-löschen-Anzeige. Sie blinkte gefährlich rot bei 1/20! Mir blieb weniger als eine Stunde, um Blut zu trinken, sonst würde ich die Kontrolle verlieren. Es war Zeit, auf die Jagd zu gehen, bevor es zu spät war!
Auf der Karte sah ich nicht weit vom Haus die Markierung von Valerianna Schnellfuß. Mehrere rote Kreise drehten ihre Runden um die Waldnymphe. Befand sich meine Schwester im Kampf? Ich musste ihr zur Hilfe kommen! Doch die Kreise bewegten sich langsam mit ihr zusammen auf das Gebäude zu. Jetzt waren sie nahe an der Palisade. Ich sah aus dem Fenster und erkannte 3 riesige braune Kröten, die neben meiner Schwester her hüpften.
Level-7-Warzenkröte
Die Nymphe schien keine Angst vor den Bestien zu haben, sie mussten ihre neuen Tiergefährten sein. Ich trat auf die Veranda hinaus. Sofort erstarrten die Kröten, doch nach einem Befehl von Valerianna, den ich nicht hören konnte, wechselte ihre Markierung von rot zu grün. Jetzt verstand ich: Meine Schwester hatte ihnen vermittelt, dass ich ein Freund war.
„Sei gegrüßt, Segelohr. Oh, wie ich sehe, hast du dir ein neues Gesicht erstellt. Du wolltest wohl die Monster nicht verängstigen, was? Ich mache nur Spaß! Dein freundliches, neues Aussehen passt gut zu dir. Wo warst du den ganzen Tag? Ich bin schon ganz müde vor Langeweile. Ich habe mich überall in der Gegend umgesehen. Können wir uns auf den Weg machen?”
Ich sollte erwähnen, dass meine Schwester wieder ihre Rolle eingenommen hatte, damit niemand herausfand, dass wir zusammen spielten. Wir hatten verabredet, eine Münze zu werfen, um zu entscheiden, ob wir noch einige Tage in unserer Unterkunft bleiben sollten oder nicht, aber im Moment hatte ich dafür keine Zeit. Ich musste sofort Beute finden und Blut trinken! Trotzdem unterdrückte ich meine Eile und antwortete ihr entsprechend unseres Plans.
„Wohin wir gehen?”, täuschte ich Unverständnis vor. „Haus sicher. Ich will bleiben, Spiel lernen.”
Eigentlich besaß ich inzwischen genug Intelligenz, um nicht mehr auf diese verdrehte Art sprechen zu müssen, doch meine Schwester und ich fanden, dass sie Amra eine gewisse Einzigartigkeit und Charme verlieh. Darüber hinaus würde es Fremden den Eindruck vermitteln, ich sei eine völlig verdummte, urzeitliche Kreatur. Manchmal konnte es hilfreich sein, dümmer zu erscheinen als man wirklich war. Dadurch wurde man von Gegnern unterschätzt.
„Was können wir hier tun? Die Gegend ist vollkommen abgelegen, kilometerweit nur Wald und Sumpf. Sicher, nicht weit entfernt gibt es 2 Orte. 7 Kilometer von hier befindet sich ein Menschendorf namens Steinhang. Ich habe es mir angesehen. Die Einwohner begrüßten mich zurückhaltend, aber sie ließen mich durchs Tor. Dort gibt es auch nicht viel zu tun, ich habe nur 20 Gebäude gezählt. Sie hatten noch nicht einmal einen eigenen Schmied, nur einen Heiler, der Kräuter kauft. Das ist vielleicht von Interesse für dich. In südöstlicher Richtung liegt ein Goblindorf, doch ich konnte es nicht betreten, weil ich sofort von aggressiven Wächtern angegriffen wurde. Sie waren auf Level 60 oder so und haben mich gleich getötet.”
Erhaltene Mission: Kontakte knüpfen 1/3
Kontakt mit den Einwohnern des Menschendorfs aufnehmen
Kontakt mit den Einwohnern des Goblindorfs aufnehmen
Missionskategorie: Kette, Gruppe
Belohnung: 800 EP
„He!” Meine Schwester verstummte, entweder wegen der neuen Quest oder weil sie gerade einen großen, dunkelgrauen Wolf am verfallenen Tor der Palisade gesehen hatte. „Der schon wieder! Dieser Wolf war den ganzen Tag ein großes Ärgernis für mich! Heute Morgen hat er meine Tiere gefressen und während des Tages noch einmal. Ich kann nichts dagegen tun, er ist auf einem viel höheren Level als ich und ist mit 3 anderen streunenden Wölfen unterwegs. Es ist unglaublich schwierig, in Bestienmeister zu leveln, wenn überall diese Monster auftauchen! Jedes Mal, wenn ein Tiergefährte stirbt, verliere ich 2 Fertigkeitslevels!”
Obwohl meine Schwester heute bis auf Level 9 aufgestiegen war, hatte sie keine Chance gegen einen erfahrenen Level-27-Waldwolf.
Es sah so aus, als ob sich das graue Raubtier erneut an Valeriannas verzauberten Kreaturen gütlich tun wollte. Auf meiner Karte erschien der Wolf grün, er war mir also freundlich gesinnt. Also gut, mal sehen, was passieren würde. Ich ging zu dem Wolf, der unentschlossen vor dem Tor saß und nicht sicher war, ob er den eingezäunten Hof betreten sollte.
„Hungrig? Ich habe Fleisch!” Ich warf dem Waldwolf mein letztes Stück Entenfleisch zu. Er wedelte neidvoll mit dem Schwanz, doch er berührte es nicht, sondern trat ein paar Schritte zurück. Im nächsten Augenblick trottete eine Level-22-Wölfin auf mich zu. Ich bemerkte sofort ihren gewölbten Bauch und ihre geschwollenen Zitzen. Offensichtlich war sie hochträchtig und kurz davor, Mutter zu werden. Nachdem sie das Stück Fleisch auf dem Boden gierig verschlungen hatte, starrte sie mich erwartungsvoll an. Zwei weitere Level-27-Wölfe kamen aus dem Wald und nun fixierten mich 4 Bestien mit hungrigen Augen.
Erhaltene Mission: Das Rudel füttern
Missionskategorie: Selten, individuell
Belohnung: Variabel
Sieh mal einer an! Eine seltene Quest mit einer variablen Belohnung, die davon abhing, wie ich die Quest abschloss. Sehr interessant. Meine Mission bestand also darin, 4 hungrige Mäuler zu füttern.
„Nymphe, wo hast du Kröten gefunden?”, fragte ich Valerianna, die sich auf die Veranda zurückgezogen hatte und bereit war, jeden Moment im Haus zu verschwinden.
„Ganz in der Nähe, ich markiere dir die Stelle auf der Karte. Fang dir welche, doch nur zu deiner Information: Kröten sind ängstlich, sie springen ganz schnell ins Wasser.“
Die Spielerin Valerianna Schnellfuß möchte dir eine Ortskarte verkaufen.
Preis: Kostenlos
Ich akzeptierte und öffnete meine aktualisierte Karte. Ausgezeichnet! Meine Schwester war sehr beschäftigt gewesen. Innerhalb von 1 Kilometer rund um das Blockhaus hatte sie sich alles ganz genau angesehen, einschließlich der beiden Straßen, die in entgegengesetzte Richtungen führten. Das 7 Kilometer entfernte Menschendorf Steinhang war ebenfalls markiert, doch weiter war die Nymphe nicht gegangen. In der anderen Richtung hörte das entdeckte Gebiet entlang der Straße nach 4 Kilometern plötzlich auf. Dort hatte sie die Notiz „Gefahr!!!” platziert. Ihre anderen Notizen hörten sich ebenfalls interessant an: „Gewölbe, habe ich noch nicht betreten”, „Blumenfeld”, „Höhle, stinkt fürchterlich”, „Kupferader im Gestein” und schließlich „Sumpf mit Level-7- bis Level-12-Kröten”.
Nachdem ich den Sumpf mit einer Markierung versehen hatte, erschien ein Richtungspfeil mit einer Zahl darunter: 830 Meter. Ich näherte mich dem Wolf, der mein Freund war, sah ihm in die Augen und sagte laut: „Hier Kröten nicht fressen. An anderer Stelle viele davon. Ich zeige Wölfen, ihr könnt alle haben. Wir folgen Straße.”
Der Wolf hatte mich verstanden und ließ sich nieder. Ich stieg auf seinen Rücken, zeigte in Richtung der Straße und schrie enthusiastisch: „Auf die Jagd! Im Rudel!
Die 4 Wölfe sprangen los und rannten in die von mir gezeigte Richtung. Ich war etwas um die trächtige Wölfin besorgt, doch sie konnte ohne Probleme mithalten. Eine persönliche Nachricht von meiner Schwester erschien: „He, wie hast du das gemacht?”
Ich antwortete nicht, denn ich wusste selbst nicht, wie es mir gelungen war, mit den Wölfen zu kommunizieren. Nur eine Minute später hatte das Rudel den Rand des riesigen Sumpfes erreicht. Ich befahl ihnen anzuhalten und sprang vom Rücken des Wolfes. Um das ohrenbetäubende Gequake zu übertönen, das vom Sumpf kam, rief ich mit lauter Stimme: „Wölfe bleiben bei Steinen. Ich schieße, locke Kröten hierher. Ihr fangt sie zusammen.”
4 lautlose, graue Schatten teilten sich in verschiedene Richtungen auf und versteckten sich in nahegelegenen Büschen. Ich ging vorsichtig los, während ich meine Waffe lud. Es dauerte nicht lange, bevor ich mein erstes Beutetier hinter einem Busch sah.
Level-9-Warzenkröte
Die riesige Kröte war so groß wie ein ausgewachsener Dobermann. Sie quakte voller Hingabe, aus beiden Wangen kamen Wasserblasen. Sie bemerkte mich nicht, bis ich geschossen hatte.
Zugefügter Schaden: 53 (59 Geschossschaden – 6 Rüstung)
Ein einziger Schuss hatte den Lebensbalken der übergroßen Amphibie um ein ganzes Drittel sinken lassen. Wäre die Kröte schlauer gewesen, hätte sie erkannt, dass es besser für sie war, sich trotz ihres höheren Levels nicht mit mir anzulegen. Doch im Spiel wie auch im richtigen Leben waren Amphibien nicht besonders intelligent. Ich rollte zur Seite, als die Kröte sprang. Sie landete mit einem laut quatschenden Geräusch an der Stelle, an der ich gerade gestanden hatte. Ihre klebrige Zunge schoss heraus, doch ich sah sie kommen und rannte einfach ein paar Schritte von meinem Gegner weg. Die Kröte sprang erneut auf mich zu, ließ ihre Zunge herausschießen, doch sie verfehlte mich wieder. Theoretisch hätte ich so einen unbeweglichen, berechenbaren Gegner allein erledigen können, doch das war Zeitverschwendung.
„Fangt sie! Beißt zu!”
Sofort tauchten die Raubtiere aus allen Richtungen auf und zerfetzten ihre Beute.
Verdiente Erfahrung: 58 EP
Die Erfahrung, die durch 5 geteilt wurde, war nicht sehr hoch, doch das war nicht wichtig. Ich war mehr an der Belohnung interessiert. Ohne auf das bedrohliche Knurren und die entblößten Zähne der Wölfin zu achten, die das Fleisch gierig verschlang, näherte ich mich dem Beutetier mit einer Phiole. Ich füllte sie mit dem Blut der Kröte, bevor die Wölfe ihre Mahlzeit beendet hatten.
Krötenblut (alchemistische Zutat)
Freigeschaltetes Achievement: Geschmackstester (4/1000)
Sofort trank ich das gesammelte Blut, aber meine Durst-löschen-Anzeige stieg nur um 3 Punkte auf 4/20. Das war nicht viel. Entweder musste ich das Blut direkt von meinem Opfer trinken oder die Kröte war kein guter Blutspender für mich. Nachdem meine wölfischen Partner ihre Beute vertilgt hatten, ging ich los, um eine weitere Kröte zu finden.
Ich hatte herausgefunden, dass Kröten unter Level 9 vor Angst ins Wasser sprangen, wenn sie getroffen wurden, sodass meine Munition mit ihnen verschwand. Darum konzentrierte ich mich auf die größten Tiere.
Level-12-Warzenkröte
Dieses Mal lockte ich die Kröte nicht zu den Wölfen. Ich war zu habgierig, um die Erfahrung mit ihnen zu teilen. Zum Glück hatte das höhere Level meines Gegners nur einen geringen Einfluss auf seine intellektuellen Fähigkeiten. Diese Kröte verhielt sich genauso berechenbar wie die kleineren Exemplare. Außerdem entdeckte ich, dass die Kröte mich schnell aus den Augen verlor, wenn ich bewegungslos dastand. Es war, wie man so schön sagte, mein Glückstag. Ich hatte keine Schwierigkeiten, die Kröte von Weitem mit meinen Pfeilen anzuschießen und sie anschließend mit einem Vampirbiss zu töten.
Verdiente Erfahrung: 640 EP
Erhaltene Gegenstände: Krötenfleisch x 5 (Nahrung), Krötenhaut, selbst gefertigte Blasrohr-Munition x 9
Level 7!
Freigeschaltete Volksfähigkeit: 10 % Giftresistenz
Verbesserte Volksfähigkeit: Blutlust (Erhöht den zugefügten Gesamtschaden für jede einzelne Kreatur, die durch Vampirbiss getötet wird, um + 1 %. Aktueller Bonus: 4 %)

Großartig! Wenn ich bedachte, dass mein Blutdurst mit 20/20 vollkommen gestillt war und ich zusätzlich meine Fertigkeit Exotische Waffen auf Level 3 erhöht hatte, war ich ausgesprochen zufrieden! Ich rief meine pelzigen Partner, um ihnen die Leiche der Kröte zu zeigen. Zwei Sekunden später war nichts mehr davon übrig. Die Wölfin würgte, weil sie sich überfressen hatte. Dann kam sie zu mir herüber und leckte gutherzig meine Wange mit ihrer blutigen Zunge.
Die Mission „Das Rudel füttern” ist abgeschlossen.
Alle 4 Wölfe waren auf der Karte jetzt grün markiert. Ich wartete auf ein paar weitere „kleine Boni” für den Abschluss der Quest, doch nichts geschah. Der Wolf, der mein Reittier war, ließ sich wieder auf den Boden nieder. War die Jagd schon zu Ende? Das wäre zu schade! Ich war gerade erst auf den Geschmack gekommen. Doch mit jeder Sekunde, die ich zögerte, wurden die Wölfe nervöser und ihr Unbehagen übertrug sich auf mich. Kaum war ich auf den Rücken des Raubtiers geklettert, als es auch schon wie ein Pfeil davonflog, seine Ohren in panischer Angst an den Kopf gepresst. Der Rest des Rudels folgte ihm dicht auf den Fersen.
„Amra, vergiss nicht, dass die Nacht gleich hereinbricht.”
In dem Moment, als die Nachricht meiner Schwester erschien, hörte ich ein fürchterliches Geräusch hinter mir, das aus dem Sumpf kam. Es klang wie ein dunkles Lachen oder Quaken. Ängstlich drehte ich mich um. Bei der Lichtung, auf der die Wölfe die erste Kröte in Stücke gerissen hatten, sah ich eine majestätische Kreatur.
Stinkender Level-42-Ochsenfrosch-Patriarch
Nun verstand ich, warum die Wölfe so unruhig gewesen waren, und stimmte ihnen zu. Ich wollte auch so schnell wie möglich aus dem Sumpf heraus, denn ich hatte nicht die Absicht, zu sterben. Eine Minute später setzten die Wölfe mich bei dem zertrümmerten Tor der Palisade ab. Ich klopfte meinem erschöpft hechelnden Reittier freundschaftlich auf den Rücken. Es war nicht einfach, diesen Wolf von den anderen zu unterscheiden. Sonst hatte ich ihn an der Farbe seiner Markierung auf der Karte erkannt, doch jetzt waren die 4 Waldwölfe grün markiert. Ich versuchte, den Wolf auf der Karte zu benennen. Es klappte, mein gewählter Name für ihn erschien sofort über seinem Kopf: Akella.
„Gib den anderen doch auch Namen”, schlug die Nymphe aus sicherer Entfernung vor. Ich zögerte nicht lange und folgte ihrem Vorschlag.
Neben Akella erschienen Wolfsblut und Lobo. Die namenlose Wölfin hieß nun Blanca. Die Tiere registrierten die Namensgebung, denn sie tauschten überraschte Blicke aus.
„Segelohr, die Wölfe erscheinen jetzt gelb auf meiner Karte, sie sind nicht mehr aggressiv!”, rief die Waldnymphe erstaunt aus. „Sie sind alle wunderschön, als ob sie besonders ausgewählt worden wären. Wenn ich auf einem höheren Level bin als sie, kann ich sie vielleicht zu meinen Tiergefährten machen.”
Valerianna hatte ihren Satz kaum zu Ende gesprochen, da erklang aus der Tiefe des Waldes ein abscheuliches, schreckenerregendes Heulen gefolgt von einem unheimlichen Jaulen. Die Wölfe spitzten die Ohren und sträubten das Fell. Mit gefletschten Zähnen starrten sie in die Dunkelheit.
Erhaltene Mission: Das Rudel beschützen
Missionskategorie: Selten, Gruppe
Erforderliche Bedingung: Blanca muss die Nacht überleben.
Belohnung: 800 EP
Optionale Bedingung: Alle Rudelmitglieder müssen überleben.
Belohnung: Variabel
Ich erschauderte. Ganz gleich, wer oder was sich aus der Dunkelheit näherte, die Wölfe hatten panische Angst und übertrugen sie auf mich. Ich blickte auf die Tür des Tors, die auf dem Boden lag. Vielleicht konnte ich sie aufheben und wieder einhängen ...
Dein Charakter besitzt nicht genug Stärke, um diese Aktion auszuführen.
Erforderliche minimale Stärke zum Aufheben der Tür des Tors: 200.
Dein Charakter besitzt nicht genug Beweglichkeit, um diese Aktion auszuführen.
Erforderliche minimale Beweglichkeit zum Einhängen der Tür: 200.
Ich war also nicht in der Lage, das Tor zu reparieren und uns vor den nachtaktiven Bestien zu schützen. Wenn die Palisade uns nicht retten konnte, sollte ich vielleicht versuchen, die Wölfe zu überreden, sich im Gebäude zu verstecken? Nachdem meine Schwester ins Haus gelaufen war, sagte ich: „Akella, ins Haus. Nimm Freunde mit. Wir schließen Tür.”
Es war nicht schwer, die Waldraubtiere zu überzeugen. Sie gingen nacheinander zur Veranda hoch und kratzten an der Türschwelle. Ich ließ sie ins Haus, folgte ihnen schnell und verbarrikadierte die stabile Tür mit dem schweren Balken.
Valerianna Schnellfuß stand oben an der Treppe, blickte auf die grauen Wölfe und sagte zitternd vor Angst: „Sie sollten unten bleiben. Ich habe in einem Eimer aus Birkenrinde Wasser geholt, das sie trinken können. Lass sie bitte nicht hoch kommen ...”
Die Worte der Nymphe wurden von einem entsetzlichen Brüllen übertönt, das vom Innenhof erklang. Die erfahrenen Wölfe winselten wie kleine Welpen, rannten in die Küche und kauerten sich zusammen in eine Ecke des Raums. Ich warf durch die Schießscharte einen Blick nach draußen. Im Hof standen einige riesige, bucklige Kreaturen, die sich auf 4 schlaksigen Beinen fortbewegten. Ihre Augen leuchteten in der Dunkelheit rubinrot auf.
Level 54-Warg
Sicher, die Laute, die sie vor einer Weile von sich gegeben hatten, waren mir eine Warnung gewesen, doch jetzt, nachdem ich sie gesehen hatte, war es unvorstellbar für mich, heute Nacht das Haus zu verlassen. Ich erinnerte mich, dass mein Inventar viele verschiedene Kräuter enthielt, deren Eigenschaften ich noch nicht kannte. Außerdem war es Zeit, meine Fertigkeit Alchemie zu leveln. Ich hatte sie lange genug vernachlässigt. Im Haus gefangen zu sein war letztendlich doch keine Zeitverschwendung.
„Ich muss das Spiel jetzt verlassen, Amra.” Meine Schwester hatte offenbar auch gerade einen Blick auf die Monster geworden und verspürte kein Verlangen, ihnen näher zu kommen.
„Wie wär‘s, wenn wir morgen früh zum Goblindorf gehen? Dich erschießen sie nicht gleich und du kannst ihnen sagen, dass ich zu dir gehöre. Schließlich müssen wir die Quest ‚Kontakte knüpfen‘ abschließen.”
Morgen früh? Hatte meine Schwester etwa vergessen, dass ich nirgendwo hingehen konnte, wenn mich der kleinste Sonnenstrahl töten würde?
Mit wissendem Blick fügte Valerianna hinzu: „Der Wind wird dichte, graue Wolken über diese Gegend bringen. Morgen ist es den ganzen Tag über bewölkt und regnerisch.”
Das hatte sie sich also überlegt! Durch das unfreundliche Wetter hatte sich die Situation völlig geändert. Großartig! Ich musste jede Gelegenheit nutzen, um am Tag aktiv zu sein, damit niemand auf die Idee kam, dass mein Goblin ein Vampir war. Ein Regentag war eine ausgezeichnete Möglichkeit für solch einen Tagesausflug!
„Gut. Amra kommt mit, beschützt Nymphe. Morgen gehen zusammen zum Dorf von Goblins.”




Besuch bei den Nachbarn



DIE NYMPHE setzte sich mit gekreuzten Beinen auf den Boden und erstarrte – meine Schwester hatte das Spiel verlassen. 30 Sekunden später begann sich ihr Körper aufzulösen und kurz darauf war sie zusammen mit ihren 3 Krötengefährten verschwunden. So sah es also aus, wenn jemand das Spiel verließ! Charaktere, die keine Aggressionsstrafen hatten und nicht kriminell waren, wurden für die anderen Bewohner von Reich ohne Grenzen bei Inaktivität ganz einfach unsichtbar.
Der Hinweis, den ich zu diesem Thema aufrief, besagte, dass Aggression gegen einen NPC die Zeitspanne bis zum Verschwinden des Charakters auf 10 Minuten erhöhte. Aggression gegen einen lebenden Spieler, durch die ein Charakter nicht kriminell wurde, wie zum Beispiel ein legales Duell oder ein Faustkampf in einer Taverne, erhöhte diese Verzögerung auf 30 Minuten, andere auszurauben auf 2 Stunden und einen Spieler zu töten auf 8 Stunden.
Das waren nützliche Informationen für die Zukunft. Wir Goblins waren feige und schwach. Rechtzeitiges Abmelden konnte also manchmal der beste Weg sein, um bestimmte Situationen zu vermeiden. Es war mir egal, wenn Spieler, die sich auf PvP konzentrierten, empört aufschrien und mich beschimpften, dass ich „unfaire Methoden” benutzte. Bei einem Kampf zwischen einem Hochlevel-Krieger und einem nicht-kampfbezogenen Charakter, der von Anfang an chancenlos war, konnte man auch nicht von Fairness sprechen.
Meine Schwester hatte von herannahenden Wolken gesprochen. Ich konnte bereits überall am Horizont Blitze sehen und Donnerschläge hören, aber über meinem Blockhaus war der Himmel noch klar. Das Mondlicht reichte aus, um im halbdunklen Wohnschlafzimmer des ersten Stocks nicht gegen die Wände zu laufen, doch für sehr genaue Arbeiten benötigte ich Kerzen oder Lampen. Da ich nichts davon zur Verfügung hatte, versuchte ich etwas anderes: Ich aktivierte meine Nachtsicht. Danach konnte ich an die Arbeit gehen.
Ich legte meine Phiolen auf den Tisch, füllte eine kleine Tonschale mit Wasser und breitete ein altes Tuch aus, das ich unter den Tierfellen auf dem Bett gefunden hatte. Dann hängte ich überall Kräutersträuße, Blumenkränze, aufgefädelte Pilze und Beerendolden auf. Es roch nun sehr gut nach Wildblumen und ein wenig nach Honig. Der Raum sah langsam nach einem Alchemielabor oder dem Haus eines Heilers aus.
Ich wusste bereits, dass das Verzehren von 1 Dolde Sumpf-Johannisbeeren 1 Trefferpunkt wiederherstellte. Der Saft, den ich aus diesen Beeren presste, hatte die gleiche Eigenschaft. Um eine Phiole zu füllen, waren 3 Dolden nötig.
Verdiente Erfahrung: 4 EP
Du hast ein schwaches Heilelixier hergestellt (stellt + 3 TP wieder her).
Dem Laborbuch wurde ein neues Rezept hinzugefügt.
Trotz meiner relativ niedrigen Intelligenz gelang es mir also, die Eigenschaften der einfachsten alchemistischen Tränke herauszufinden. Das erleichterte meine Arbeit erheblich. Die Tränke, die nur 3 Trefferpunkte wiederherstellten, waren nicht sehr gut, doch ich war trotzdem stolz auf mich, weil es das erste Elixier war, das ich selbst hergestellt hatte. Nun versuchte ich mich an einem Trank aus Sumpf-Zinnkraut.
Verdiente Erfahrung: 4 EP
Du hast ein schwaches Pflanzengift hergestellt (entzieht 3 TP).
Dem Laborbuch wurde ein neues Rezept hinzugefügt.
Ich experimentierte weiter, bis ich alle Phiolen gefüllt hatte. Jetzt war es an der Zeit, kompliziertere Rezepte auszuprobieren, indem ich verschiedene Elixiere mischte. Ich trank eine der nutzlosen Mixturen, um ein Gefäß für einen neuen Trank zu leeren. Nachdem ich ein schwaches Verwirrungselixier aus schleimigen, braunen Pilzen hergestellt hatte, mischte ich es mit dem schwachen Pflanzengift.
Verdiente Erfahrung: 8 EP
Du hast ein unbekanntes Getränk hergestellt (Trank).
Deine Intelligenz reicht nicht aus, um den Gegenstand zu identifizieren.
Du hast mit der Fertigkeit Alchemie Level 2 erreicht!
Ich nahm die Phiole in die Hand und betrachtete die trübe, weiße Substanz. In der Vergangenheit war es nicht nur für Alchemisten des Mittelalters, sondern auch für ausgebildete Chemiker bis weit ins 19. Jahrhundert hinein üblich gewesen, den Geschmack einer neuen Substanz zu beschreiben, den sie zusammen mit anderen Eigenschaften in ihren Laborbüchern notierten. Diese Gewohnheit hatte Wilhelm Scheele, dem Entdecker der Blausäure, sowie vielen anderen Chemikern das Leben gekostet. Im Gegensatz zu ihnen war der Tod für mich jedoch keine große Sache. Zudem besaß ich eine gewisse Giftresistenz, darum konnte nicht allzu viel schiefgehen. Ich leerte die Phiole mit einem Schluck. Die Wirkung setzte sofort ein: Ich stolperte und fiel fast um.
Erlittener Schaden: 5 TP (Gift)
Dein Charakter ist für 0,5 Sekunden gelähmt.
Offensichtlich hatte ich ein schwaches Gift hergestellt, das eine vorübergehende Lähmung verursachte. Kein schlechtes Ergebnis. Auf einmal verdunkelte es sich merklich im Raum. Ich drehte mich um und erschrak. Durch eine der Schießscharten sah mich ein riesiges, gelbes Auge an!
Level-48-Zyklop
Wie groß musste dieses Monster sein, wenn es durch ein Fenster im ersten Stock sehen konnte! Schnell ergriff ich meine Waffe, stieß ein paar wilde Flüche aus und drohte ihm, ich würde genau wie Odysseus eine neue Art von augenlosen Riesen kreieren, wenn es nicht aufhörte, mich anzustarren. Der Zyklop seufzte traurig und entfernte sich vom Fenster. Auf der Karte konnte ich 8 verschiedene Bestien erkenne, die vor meiner Unterkunft umherstreiften. Was wollten sie hier? Hatte ich richtig gesehen, war der Zyklop mit Honig verschmiert?
Ich verwarf die unwillkommenen Gedanken und kehrte zu den Experimenten zurück. Meine Fertigkeit Alchemie levelte herauf. Nun war der richtige Zeitpunkt, um zu prüfen, ob ich durch das erhöhte Level in dieser Fertigkeit stärkere Tränke herstellen konnte. Ich machte mich wieder daran, den Saft von Sumpf-Johannisbeeren in eine Phiole zu pressen, und sah mir das Resultat an.
Schwaches Heilelixier (stellt + 4 TP wieder her)
Ja! Ich schrie vor Freude laut auf. Sicher, die Wirkung des Tranks hatte sich nur um 1 Trefferpunkt erhöht, doch das war nur der Anfang! Ich musste in die Zukunft schauen: Während sich mein Level in Alchemie verbesserte, würden meine Tränke immer stärker werden, besser heilen, mehr Ausdauer wiederherstellen, und die schwachen Gifte, die im Moment eine halbe Sekunde lähmten ... Ich grinste von einem Ohr zum anderen, denn wie hieß es in den Eigenschaften von Vampirbiss doch gleich:
Beim Angriff auf schlafende, bewusstlose oder gelähmte Ziele ist die Erfolgschance 100 % und der Angreifer kann einen Effekt wählen: Sofortiger Tod / 6-stündiger Tiefschlaf / Mit Vampirismus infizieren
Das würde sich in der Zukunft zu einer großen Unausgewogenheit entwickeln! Schließlich brauchte ich mein Opfer nur für ein paar Sekunden lähmen, um mich zu nähern und es zu beißen. Sobald ich solche Lähmungstränke herstellen konnte, mussten sich die NPC-Monster vor mir in Acht nehmen! Mein schwacher, kleiner Goblin hatte gerade einen Pfad entdeckt, auf dem er mit der Zeit zu einer Bedrohung für das gesamte Reich ohne Grenzen werden würde!
Seltsam knirschende, scharrende Geräusche von unten lenkten mich davon ab, mit meinen alchemistischen Experimenten fortzufahren. Akella, Wolfsblut und Lobo knurrten bedrohlich, als ob sie versuchten, einen Feind zu vertreiben, den ich nicht sehen konnte. Erneut nahm ich meine Waffe und lief die Treppe hinunter. Die Wölfe standen vor der versperrten Tür. Ihr Fell war gesträubt, sie fletschten ihre angsteinflößenden Zähne. Lobo kratzte mit seinen Pfoten auf dem Boden und an der Tür. Was war nur los? Wollten sie nach draußen, um gegen jemanden zu kämpfen? Obwohl auf der Karte 10 Feinde zu sehen waren, die sich in der Nähe aufhielten, befand sich keiner direkt vor der Tür.
In dem Moment erregten rätselhafte nagende Geräusche und starker Blutgeruch vermischt mit einem Anflug von etwas, das mir unbekannt war, in einer Ecke der Küche meine Aufmerksamkeit. Ich warf einen verhaltenen Blick in diese Richtung. Blanca hatte gerade eine Nabelschnur durchgebissen und hinuntergeschluckt. Nun senkte sie ihre Schnauze und leckte ein kleines, blindes Wolfsjunges trocken. Als ich einen Schritt auf sie zuging, um den neugeborenen Wolf genauer zu betrachten, fletschte Blanca die Zähne und ihre Markierung auf der Karte wechselte von grün zu gelb. Ich trat sofort zurück.
„Amra versteht. Stört nicht mehr.”
Ich ging die Treppe hinauf und wählte im Menü die Option „Spiel beenden”. Nachdem ich den Deckel der virtuellen Realitätskapsel geöffnet hatte, stieg ich nicht aus, sondern streckte nur die Hand aus, nahm mein Handy vom Tisch und rief meine Schwester an.
„Ich weiß, dass du schläfst, aber Blanca bringt gerade ihre Jungen zur Welt. Sie braucht vielleicht Hilfe.”
„Hast du den Verstand verloren, Tim? Sie ist ein Wolf, sie braucht keine Hebamme. Das schafft sie ganz gut allein. Obwohl ... Ich melde mich trotzdem schnell an. Ich habe noch nie gesehen, wie ein NPC-Tier Junge bekommt.”
Es war kurz nach 3 Uhr morgens und ich war hungrig. Das hieß nicht, dass der Nahrungsbalken meines segelohrigen Charakters zu tief gesunken wäre. Ich wollte in der realen Welt etwas essen. Also kletterte ich aus der virtuellen Realitätskapsel und entfernte das Sensornetz, das elektronische Impulse an meinen Körper schickte. Ich holte die Tüte mit den belegten Broten und die Flasche Mineralwasser heraus, die meine Schwester mir mitgegeben hatte.
Genau wie gestern leuchteten nur über 2 Türen die Lichter rot auf, alle anderen leuchteten grün. Nur Kira und ich waren noch hier. Nach meiner Ankunft an diesem Abend und dem Gespräch mit dem Direktor war es anders herum gewesen. Über fast allen Türen hatte das rote Licht geleuchtet, fast alle Kabinen waren besetzt gewesen.

* * *

ALS ICH WIEDER ins Spiel zurückkehrte, saß meine Schwester bereits neben der Wölfin. Blanca versuchte nicht, sie zu verjagen. Valerianna wandte sich zu mir und bemerkte: „Blanca traut dir nicht, du solltest hochgehen und dich hier heraushalten. Außerdem haben wir geplant, nachher deine Artgenossen zu besuchen. Du bist fast nackt. Willst du dich nur in einem Lendenschurz vorstellen? Die anderen Goblins werden dich auslachen! Nimm ein Fell vom Bett und näh dir wenigstens eine Weste und eine einfache Hose.”
Ich nickte und ging die Treppe hoch. Während ich auf die alten, stinkenden Felle blickte und mir überlegte, wie ich Kleidung aus ihnen herstellen sollte, erschien meine Schwester und nahm 2 breite Felle mit nach unten in die Küche. Ich musste mich mit den restlichen begnügen. Eine Weste für meinen Goblin zu machen, war nicht schwer. Ich schnitt einfach ein rechteckiges Stück Fell zurecht und schnitt Armlöcher hinein. Für die Hose war jedoch etwas mehr Arbeit erforderlich. Zunächst kratzte ich auf der Rückseite des Fells ein Schnittmuster vor. Weil mir Nadel und Faden fehlten, musste ich mit einem Messer kleine Löcher in die Ränder bohren, durch die ich dann mit der Hand faulende, ständig reißende Fasern zog.
Nachdem ich diese schwierige Arbeit erledigt hatte, war es draußen hell geworden. Es war ein regnerischer Morgen, der Himmel war wolkenverhangen, doch das war kein schlechtes Omen, denn ich hatte meine Quest erfüllt.
Die Mission „Das Rudel beschützen” ist abgeschlossen.
Belohnung: 800 EP
Optionale Bedingung erfüllt. Hol dir bei Blanca deine Belohnung ab.
Level 8!
Verbesserte Volksfähigkeit: 15 % Giftresistenz
In der Küche dösten die Wölfe noch vor sich hin. Als sie mich sahen, sprangen sie auf, beschnüffelten mich geräuschvoll und starrten mich mit großen Augen an. Dann legte sich Wolfsblut auf den Boden und rollte sich auf dem Rücken hin und her. Sein Verhalten musste so etwas wie „Ich lach‘ mich kaputt!” ausdrücken.
„Du magst ja ein akzeptabler Kräutersammler sein, Amra, aber ehrlich gesagt ist Kleidung herstellen nicht dein Ding”, kommentierte meine Schwester. Sie konnte ihr Lachen ebenfalls kaum zurückhalten.
Mit einer wegwerfenden Handbewegung ging ich zu Blanca hinüber. Die Wölfin lag immer noch in der Ecke der Küche. Neben ihr schliefen 4 winzige Wolfsjunge.
„Blanca hat mir das schwarze geschenkt, das zweite von rechts. Du kannst dir ein anderes aussuchen!”, rief Valerianna Schnellfuß.
Ich zögerte, denn damit hatte ich es nicht eilig. Erstens, wozu brauchte ich ein Wolfsjunges? Für die Nymphe war es nützlich, sie war eine Bestienmeisterin und brauchte einen Tierbegleiter, um zu leveln, aber für mich hatte es keinen Nutzen. Zweitens ahnte ich, dass Blanca mir kein Junges geben wollte. Wenn ich auf meiner Belohnung für die Mission bestand, würde ich eins von ihr bekommen, doch innerlich würde sie sich dagegen sträuben. Drittens fragte ich mich, ob mit „Belohnung: Variabel” noch etwas anderes gemeint sein konnte. Wenn das Wolfsjunge meine Belohnung war, wäre es sicher entsprechend beschrieben worden: „Belohnung: Ein Wolfsjunges”.
„Amra nimmt Kind nicht von Mutter weg. Blanca kann kleine Wölfe behalten.”
KRITISCHER FEHLER!
Der Spielclient wird jetzt neu gestartet.
Wir entschuldigen uns für die entstandenen Unannehmlichkeiten.
Die Welt verblasste. Vor meinen Augen liefen einige technische Codezeilen über den Bildschirm. 20 Sekunden vergingen, dann wurde das Bild wieder klar. Was war passiert? Ich stand neben Blanca, die Mission war bereits abgeschlossen. Meine Erfahrung hatte sich nicht erhöht, doch die Markierungen der Wölfe auf der Karte hatten von grün zu blau gewechselt. Der Popup-Hinweis besagte, dass die blaue Farbe „Verbündeter” oder „Clanmitglied” bedeutete.
Außerdem erschien das Symbol eines Tellers, über dem sich eine Gabel und ein Löffel kreuzten: Mein segelohriger, ungelenker Goblin war wieder hungrig. Die Nacht war vorüber, die gefährlichsten Feinde waren jetzt verschwunden. Ich öffnete die Tür und ging hinaus. Am Tor und an der Palisade entdeckte ich frische Kratzer. Die ungebetenen Gäste von letzter Nacht mussten versucht haben, hereinzukommen. Einige Kratzspuren waren weit oben, sodass ich nur bei dem Gedanken an die Monster, die sie verursacht haben könnten, Angst bekam. Doch das Tor hatte standgehalten und darauf kam es an.
„Rudel jagt Kröten!”, rief ich euphorisch und die Wölfe eilten an meine Seite. Nur Blanca blieb bei ihren Jungen im Haus.
Wie gewöhnlich setzte ich mich auf Akellas Rücken und wollte gerade den Befehl zum Aufbruch geben.
„Kann ich dich geleiten, Amra?”, fragte die Nymphe scheu.
Ich hatte nichts dagegen einzuwenden. Lobo ließ sich nieder und die Nymphe kletterte auf seinen Rücken. Nach einem lauten Pfiff setzte sich das Rudel in Bewegung. Kurz darauf waren wir in unserem alten Jagdgebiet. Durch den Regen waren die Sichtverhältnisse bedeutend schlechter. Ich bemerkte, dass es jetzt viel mehr quakende Amphibien gab als in der letzten Nacht.
Nachdem ich den Wölfen befohlen hatte, sich zu verstecken, machte ich mich auf den Weg, um Beute zu finden. Es stellte sich schnell heraus, dass sich nur Level-11- und Level-12-Kröten durch einen Angriff zum Kämpfen provozieren ließen. Alle anderen, einschließlich der großen Level-10-Frösche, brachten sich einfach in Sicherheit. Das waren keine guten Aussichten für mich. Es bedeutete, dass der Sumpf ein immer schlechteres Jagdgebiet werden würde, je höher mein Charakter levelte. Dessen ungeachtet aß ich meinen Teil und stillte sogar meinen Blutdurst. Doch die Level-27-Wölfe waren immer noch hungrig.
Die Suche nach großen Kröten führte uns etwas weiter in den Sumpf, als wir bisher gegangen waren. Plötzlich zeigte meine Schwester auf ein höher liegendes Gebiet, das durch den dichten Regen kaum sichtbar war. Ich konnte nicht erkennen, was es war, doch es sah aus, als ob sich dort etwas bewegte.
„Auf der Karte steht ein Fragezeichen über der Gegend, Segelohr. Das bedeutet, dass es sich um einen unbekannten Ort handelt. Klingt interessant, wir sollten es uns näher ansehen.”
Erhaltene Mission: Neugier und die Katze
Missionskategorie: Einzigartig, Gruppe, zeitbegrenzt
Beschreibung: Die geheimnisvolle Insel im Sumpf innerhalb von 2 Tagen, 23 Stunden und 59 Minuten erforschen.
Belohnung: 8.000 EP
8.000 Erfahrungspunkte! Mein Charakter hatte nur 2.976 Erfahrung und für den Abschluss dieser einen Mission wurde mir solch eine großzügige Belohnung angeboten! Damit würde ich sofort Level 13 erreichen. Die Nymphe war genauso begeistert wie ich.
„10.000 Erfahrungspunkte! Fantastisch! Ich könnte auf Level 14 kommen. Doch der Name der Mission gibt mir zu denken. Jeder kennt den Spruch und weiß, was mit einer neugierigen Katze passiert.”[1]
Wir gingen am Rand des Sumpfes entlang, um einen anderen Weg zu der Insel zu finden. Weder die Nymphe noch ich würden es allein durch den Sumpf schaffen. Zwar konnte ich aus der Entfernung keine Informationen über die dortigen Monster erhalten, doch ihr Anblick allein ließ mein Selbstvertrauen sinken. Sie ähnelten mehrköpfigen Schlangen oder Hydren.
„Also gut, Segelohr. Wir wollen keine Zeit verschwenden. Lass uns aus diesem Morast hier verschwinden und zum Goblindorf gehen.”
Nachdem die Wölfe uns zum Blockhaus zurückgebracht hatten, gab Valerianna Schnellfuß der hungrigen Blanca Krötenfleisch zu fressen. Ich schlug vor, auf den Wölfen zum Dorf zu reiten, aber meine Schwester widersprach.
„Wenn wir das tun, verlieren wir die Wölfe. Die Goblinbogenschützen werden sie erschießen. Es ist besser, zu Fuß zu gehen, damit dich deine Artgenossen sehen und dich als einen der ihren erkennen. Das Dorf ist nicht weit von hier, in etwa 1 Stunde sind wir dort. Unterwegs kannst du nützliche Pflanzen sammeln, am Straßenrand wachsen ganz viele Blumen.”

* * *

DIE NYMPHE GÄHNTE, während wir unterwegs waren. Meine kleine Schwester hatte letzte Nacht nicht genug geschlafen und kämpfte gegen ihre Müdigkeit. Die 3 Kröten hüpften folgsam hinter ihr her und warteten geduldig, wenn sie stehenblieb. Ich pflückte eine Vielzahl von Wald- und Wiesenblumen. Es gab jede Menge verschiedener Pflanzen, sodass ich meine Kräuterkunde schnell auf Level 4 erhöhen konnte. Wir waren noch nicht ganz an der Stelle angelangt, wo die Nymphe am Tag zuvor von Goblinbogenschützen erschossen worden war, als eine barsche Stimme rief: „Halt! Keinen Schritt weiter!”
Ich blieb sofort stehen und signalisierte meiner Schwester, ebenfalls anzuhalten. Hinter dem mächtigen Stamm eines riesigen Baums trat ein großer Goblin mit gelb-brauner Haut hervor, der einen Köcher mit langen Pfeilen auf dem Rücken trug.
Level-48-Goblinpfeilwerfer
Lieber Himmel, was für ein Anblick! Er hatte ein verzogenes Gesicht, einen Mund voller kleiner, schiefer Zähne und riesengroße, gelbe Augen. Sein rechtes Auge sah aus, als ob jemand versucht hätte, es herauszubeißen, und sein linkes Ohr war halb abgerissen. Seine Nase war von Narben übersät. Er erinnerte mich an einen streunenden Hund, der keinem Kampf aus dem Weg ging und dessen narbenbedeckte Schnauze der Beweis für all seine Siege und Niederlagen war. Der abstoßende Goblin war jedoch nicht an mir interessiert.
„Eine Mavka! Nicht noch eine! Erst gestern haben wir eine getötet und heute taucht die nächste auf.”
Als der kampferprobte Goblin nach einem Pfeil griff, drohte der Nymphe ein erneuter Tod und Respawn. Ich musste schnell eingreifen.
„Stopp! Die Nymphe ist den Goblins freundlich gesinnt! Sie gehört zu mir!”
Die Prüfung der Reaktion des Goblinpfeilwerfers dir gegenüber war positiv.
Verdiente Erfahrung: 40 EP
„Mavkas sind gefährlich. Sie warten auf den richtigen Zeitpunkt, dann locken sie redliche Goblins tief in den Wald, greifen sie an und essen sie”, murmelte der narbige Veteran, doch er senkte seine Waffe.
Ich nutzte die Gelegenheit, um mich und meine Begleiterin vorzustellen, und erzählte ihm, dass wir ein Goblindorf suchten und friedlich gesinnt waren. Der Wächter kratzte sich nachdenklich an der Nase, bis er schließlich auf etwas in der Ferne zeigte.
„Nun gut, du hast es gefunden. Unser Dorf Tysh liegt gleich dort drüben hinter der Kurve. Stell dich zuerst unserem Anführer Ugruem vor. Du musst ihm deinen Respekt erweisen, sonst verärgerst du ihn. Gehe danach zu Kaiak, er verteilt die Arbeiten im Dorf. Und lass die Mavka nicht aus den Augen. Es wäre bedauerlich, wenn es zu einem Missverständnis käme!”
Nachdem wir den Pfeilwerfer hinter uns gelassen hatten, fragte die Nymphe mich, worüber ich mit ihm gesprochen hatte.
Ich hielt überrascht an. „Nymphe hat gehört! Stand dicht dabei.”
„Ich habe gehört, dass ihr gesprochen habt, aber ich spreche die Goblinsprache nicht.”
Es stellte sich heraus, dass Amra keinen Knoten in der Zunge hatte, wenn er in seiner Muttersprache sprach. Ich wiederholte kurz das Wichtigste aus dem Gespräch mit dem Goblinwächter und fragte meine Schwester, warum er sie eine „Mavka” genannt hatte.
„Für die Goblins bin ich eine ‚Mavka‘, eine ‚Rusalka‘[2] des Waldes. Die Figur stammt aus dem osteuropäischen Volkstum. Eine Mavka ist ein weiblicher Waldgeist, der Reisende von ihrem Weg abbringt und sie tief in den Wald führt, wo sie für immer verschwinden. Die Entwickler müssen diese Goblins mit slawischer Mythologie ausgestattet haben.”
Ich fragte die Waldnymphe, ob in diesen Geschichten ein Funken Wahrheit steckte oder ob sie erfunden waren. Mein Amra brachte diesen komplizierten Satz mit seiner begrenzten Sprachfähigkeit kaum heraus.
Die Nymphe lächelte geheimnisvoll. „Du hast es vielleicht nicht bemerkt, doch ich esse rohes Fleisch. Es könnte gut sein, dass einige Mavkas Magie benutzen, um Alleinreisende in die Tiefen des Waldes zu locken. Nymphen haben jedoch keine Reißzähne oder Krallen, mit denen sie ihre Beute erledigen. Aber es ist egal, ob sie ihre Opfer mit Magie aus der Ferne töten, Waldraubtiere auf sie hetzen oder sie zu gefährlicheren Verwandten wie den Kikimoras[3] und Leshii[4] locken. Es gibt noch ein anderes bekanntes Volksmärchen. Darin heißt es, dass eine Waldrusalka demjenigen, der sie fängt, 3 Wünsche erfüllt. Das ist jedoch frei erfunden und enthält nicht das kleinste Körnchen Wahrheit.”
Wir verstummten, als wir die erste Verteidigungslinie des Dorfs erreichten. Pfahlreihen waren in die Erde getrieben worden und an einigen hingen noch die halb verwesten Leichen von Monstern. Dahinter befand sich ein breiter Graben, der mit stehendem Wasser gefüllt war. Der Verwesungsgestank, der aus dem Graben kam, war so stechend, dass ich mir meine empfindliche Nase zuhalten musste.
Die Nymphe hielt sich ebenfalls die Nase zu und bemerkte: „Offenbar gibt es viele Bestien, die ständig versuchen, ins Dorf zu gelangen, doch nur wenige schaffen es bis zur Mauer. Und diejenigen, denen es gelingt, werden von den Pfeilen der Wachen auf den beiden Türmen erledigt.”
Sie hatte recht, es war fast unmöglich, das Dorf Tysh zu überfallen. Ein steiler Hügel, eine Verteidigungslinie aus Pfählen, ein Wassergraben und eine weite Schlucht ließen den Feinden nur einen Weg: Die Straße hinunter an den Verteidigungstürmen vorbei, auf denen ein Dutzend Bogenschützen Platz hatten und zwischen denen wir jetzt hindurchgingen. Meine Schwester deutete auf die riesigen Metallspitzen, die 1 Meter weit aus den Türen des Tors herausragten.
Neben dem Eingang zum Dorf schlachteten 10 gewaltige Goblins gerade eine riesige Kreatur. Im Fell der Bestie steckten zahlreiche Pfeile und Wurfspeere. Ich hörte zufällig ein Gespräch mit an und erfuhr, dass diese Bestie versucht hatte, das Tor einzuschlagen, und von den Verteidigern des Dorfs zur Strecke gebracht worden war. Ich erregte bei den Bewohnern keine Besorgnis, doch die Waldnymphe wurde schockiert angestarrt. Trotzdem versuchte niemand, sie aufzuhalten.
„Ich bin auf der Suche nach Ugruem”, sagte ich zu einem der Goblinschlachtern.
Die Prüfung der Reaktion des Goblinpatriarchen dir gegenüber war positiv.
Verdiente Erfahrung: 80 EP
„Du hast ihn gefunden, Junge. Was ist dein Anliegen?”, fragte der fette Goblinschlachter und drehte sich zu mir um. Er trug eine Lederschürze, hielt ein Hackebeil in der Hand und war von oben bis unten blutverschmiert.
Ich hätte schwören können, dass ich nur eine Sekunde vorher einen schwarzen Totenschädel über seinem Kopf gesehen hatte, was bedeutete, dass er über 50 Levels höher war als ich. In dem Moment erschien sein Name:
Ugruem Schlächter
Level-87-Goblinpatriarch
Level 87! Ich versuchte, meine Überraschung zu verbergen, während ich ihm die Geschichte meiner Flucht von der Galeere der Sklavenhändler und meines zweitägigen Aufenthalts in dem alten Haus erzählte. Als ich am Ende angelangt war, konnte ich auf den Gesichtern der Goblins, die zugehört hatten, einen deutlich bestürzten, fast ängstlichen Ausdruck erkennen.
„Heißt das, dass du und die Mavka euch im Haus der Toten versteckt habt?”, fragte Ugruem nach und erklärte, dass er das mit einer Palisade umgebenen Blockhaus meinte, dessen Tor aus den Angeln gerissen war.
Ich verstand nicht, was so seltsam daran sein sollte, doch die Goblins um uns herum plapperten aufgeregt. Ihnen blieb vor Angst fast die Luft weg.
Ugruem brachte sie zum Schweigen und sagte: „Das Haus ist verflucht, Junge. Vor 8 Jahren wurde es von einigen Ogern gebaut. Sie haben auch die Palisade errichtet und unter der Erde einen kleinen Brunnen und einen Erdkeller zum Aufbewahren von Fleisch angelegt. Diese Riesen waren Jäger. Sie sahen zwar grimmig aus, aber sie lebten friedlich mit ihren Nachbarn zusammen. Sie handelten mit uns und auch mit den Menschen. Eines Tages waren sie spurlos verschwunden und der ganze Hof war mit Blut getränkt. Seitdem ist allen, die versucht haben, in ihrer Jagdhütte zu leben, das Gleiche passiert.
Der Erste war mein Vater Uguzh. Nach einem Streit mit seinen Brüdern beschloss er, in das Blockhaus zu ziehen. Er hielt es länger aus als alle anderen: ganze 11 Tage. Doch am Morgen des 12ten Tages waren nur blutige Flecken auf der Veranda von ihm übrig. Seit der Zeit haben Menschen, Goblins und viele andere Arten Unterkunft im Verfluchten Haus gesucht, aber alle sind innerhalb von ein paar Tagen einen schrecklichen Tod gestorben. Unser Schamane Kaiak sagt, dass ein uralter Fluch gegen die ursprünglichen Oger auf dem Blockhaus liegt.”
Erhaltene Mission: Das alte Verfluchte Haus
Missionskategorie: Ruf
Beschreibung: Den Grund für die vielen seltsamen Todesfälle herausfinden.
Belohnung: Bessere Beziehungen zum Dorf Tysh
„Hat der Dicke dir gerade eine Quest gegeben?”, wollte meine Schwester wissen. Kurz darauf zuckte sie zusammen und bat mich, ein gutes Wort für sie einzulegen, weil die Goblins im Dorf ihr gegenüber immer noch feindlich eingestellt waren.
Langsam versammelten sich mehr und mehr Goblins um uns herum. Ugruem wischte sich seine blutigen Hände an der schmutzigen Lederschürze ab und rief eine fette, grünhäutige Goblinfrau mit muskulösen Armen und Beinen, die wie Kartoffelstampfer aussahen, zu sich herüber. Der Anführer zeigte mit dem Finger auf mich und erklärte der Frau unmissverständlich: „Lass ihn bei dir wohnen, Tamina. Er ist klein und schwach, er nimmt nicht viel Platz weg.”
Die Prüfung von Tamina Grimmigs Reaktion dir gegenüber war negativ.
Die Frau stemmte ihre starken Arme in die Hüften und widersprach Ugruem in einem unangenehm schrillen Ton. „Hast du wieder zu viele Zauberpilze gegessen, Ugruem? Wo soll er denn schlafen? Ich habe 11 Kinder, in meinem Haus ist nicht mal genug Platz, sich frei zu bewegen! Wo soll ich ihn denn unterbringen?”
Sie wagte es, dem Anführer des Dorfs zu widersprechen? Als ich die Informationen über die streitlustige Frau las, fielen mir fast die Augen aus dem Kopf.
Tamina Grimmig
Level-78-Goblinkriegerin
Auf meiner Karte war sie mit einem schwarzen Totenschädel markiert. Es wäre mein Todesurteil, sollte sie beschließen, meine Feindin zu sein. Obwohl Ugruem auf einem höheren Level war als die Frau, zog er seinen Befehl zurück, denn er wollte keinen Streit.
„Na gut, Amra. Sieh dich im Dorf um und frage herum, ob dir jemand Unterkunft gewähren kann. Aber was deine Begleiterin betrifft - im Dorf Tysh ist kein Platz für eine Mavka. Sie sind hinterlistig und gefährlich, ich würde niemals eine in meine Nähe lassen. Erst gestern hat sich eine Mavka fast bis zu unserer Mauer herangeschlichen. Zum Glück haben die Bogenschützen sie erledigt.”
Ich erkannte, dass er über meine Schwester sprach, die am Tag zuvor getötet worden war.
„Ugruem, dies ist die Mavka von gestern. Sie hatte nichts Böses im Sinn. Sie wollte nur neue Orte für uns beide finden. Übrigens ist es sinnlos, Valerianna Schnellfuß zu töten. Sie gehört zu den Unsterblichen. Gegen sie zu kämpfen, ist keine gute Idee. Im Moment ist sie zwar nur auf Level 10, aber gestern war sie erst auf Level 1. In etwa einer Woche wird diese Mavka stärker sein als die meisten Bewohner von Tysh, und in einigen Monaten wird sie stärker sein als alle hier, sogar stärker als du. Sag mir, weiser Ugruem, ist es sinnvoll, mit einer unsterblichen Mavka zu kämpfen, die einfach wieder respawnt? Willst du, dass sie zornig wird und die Dorfbewohner als Nahrung betrachtet? Ist es nicht besser, sich mit der unsterblichen Mavka anzufreunden und sie als Verteidigerin von Tysh zu haben, die den hier lebenden Goblins hilft? Valerianna Schnellfuß bittet nur darum, Tysh in Frieden besuchen zu dürfen, mit den Goblins sprechen und benötigte Gegenstände kaufen zu können.”
Du hast mit der Fertigkeit Handel Level 2 erreicht!
Handel? Ich verstand nicht, warum diese Fertigkeit etwas mit den Verhandlungen zwischen Ugruem und mir zu tun hatte, doch den Spielalgorithmen nach zu urteilen, betrieben wir Handel. Ich überprüfte die Informationen über meinen Charakter. Richtig, während ich in der Handelsfertigkeit levelte, hatte sich mein Charisma auch um 1 erhöht. Das war in dieser Situation sehr hilfreich.
Ugruem saß wieder in nachdenklicher Stille da und rollte unbewusst die blutige Schürze mit seinen starken Händen auf. Ich bezweifelte nicht, dass der Goblin versuchte, einen Weg zu finden, der gefährlichen Mavka das Genick zu brechen. Doch er musste ernsthaft in Betracht ziehen, dass die Waldnymphe unbesiegbar war. Es sah aus, als ob er seinen Verstand nicht sehr oft einsetzte. Der angestrengte Gesichtsausdruck des Patriarchen zeigte deutlich, dass ihm die Last der Entscheidung zu schaffen machte.
Während der Anführer in Gedanken versunken war, näherte sich ein alter Goblin. Er hielt einen gebogenen Stab in der Hand und trug einen mit Nagetierschädeln verzierten Umhang. Um seinen Hals hingen Ketten aus getrockneten Pilzen. Das Gesicht des alten Mannes war voller Falten und er hatte einen seltsam hüpfenden Gang. Die anderen Goblins verbeugten sich respektvoll, als sie ihn sahen. Noch bevor er zu sprechen begann, wusste ich, dass ich den Schamanen des Dorfs vor mir hatte.
Kaiak Dachsbein
Level-56-Goblinschamane
Die Prüfung der Reaktion des Goblinschamanen dir gegenüber war positiv.
Verdiente Erfahrung: 50 EP
Das Verhalten des Schamanen überraschte mich: Er machte erst vor der Waldnymphe und dann vor mir eine tiefe Verbeugung bis fast auf den Boden. Danach erklärte er mit respektvoller Stimme: „Es ist eine große Ehre für uns, euch Unsterbliche im Dorf Tysh willkommen zu heißen. Die Waldmavka erhält das Recht, sich in Tysh aufzuhalten, mit uns zu sprechen und zu handeln. Im Gegenzug erwarten wir ihr Versprechen, kein Goblinfleisch zu verzehren. Du, grüner Bruder, kannst dich hier im Dorf niederlassen.”
Die Mission „Kontakte knüpfen 1/3” ist abgeschlossen.
Belohnung: 800 EP
Level 8!
Verbesserte Volksfähigkeit: 15 % Kälteresistenz
Was? Wie konnte die erste Mission der Kette schon abgeschlossen sein? Ich hatte doch das Menschendorf Steinhang noch nicht besucht. Es handelte sich allerdings um eine Gruppenmission und Valerianna war gestern ohne mich dort gewesen. Das hatte offenbar ausgereicht.
Ich verbeugte mich vor dem Schamanen und dankte ihm für die Ehre, die er uns erwiesen hatte. Danach versicherte ich ihm, dass Valerianna Schnellfuß keine Goblins aß und dass es daher für die Bewohner von Tysh keinen Grund zur Sorge gab. In dem Moment erhielt ich eine persönliche Nachricht von Valerianna Schnellfuß.
„Segelohr, du hast sie überzeugt! Alle Goblins auf meiner Karte sind jetzt gelb markiert. Die Feindseligkeit ist verschwunden.”
Damit machten sich die versammelten Goblins wieder an ihre Arbeit. Niemand schenkte der Mavka noch besondere Aufmerksamkeit. Der Schamane zog seinen Umhang zurecht und warf die Kapuze über seinen kahlen Kopf, um wieder zu seiner Hütte zu gehen. Was sollten meine Schwester und ich jetzt machen? Einfach in der Nähe der Tore von Tysh bleiben?
Als ob er meine stumme Frage gehört hatte, sagte Kaiak Dachsbein: „Sprich mit den Dorfbewohnern. Sicher werden sie dir einen Schlafplatz für die Nacht nicht verwehren. Vielleicht erklärt sich sogar jemand bereit, die Mavka aufzunehmen. Kommt danach zu meiner Hütte, ich habe euch etwas anzubieten. Es haben sich viele Missionen angesammelt, die nur Unsterbliche absolvieren können.”
Erhaltene Mission: Einen Schlafplatz im Dorf Tysh organisieren
Missionskategorie: Normal
Belohnung: 160 EP
Die Nymphe und ich waren uns jetzt selbst überlassen. Alles war so gelaufen, wie es in einem Spiel laufen sollte: Wir hatten uns bei den Einheimischen vorgestellt, hatten sie ein wenig kennengelernt und eine Quest erhalten. Doch ich hatte trotzdem das Gefühl, als ob etwas nicht stimmte. Je länger ich darüber nachdachte, desto fragwürdiger war das Ganze: Wozu brauchte ich ein stinkendes Bett in einem Haus, in dem sowieso schon zu viele Goblins lebten? Schließlich hatte ich bereits mein eigenes geräumiges Blockhaus. Zwar war dort eine unbekannte Kraft am Werk, die regelmäßig NPCs tötete, doch meine Schwester und ich waren lebende Spieler und unser Tod war nicht endgültig. Wenn wir das seltsame Etwas sehen würden, könnten wir sogar die Mission des Verfluchten Hauses abschließen. Das war vielversprechender für uns.
Ich bekam den Eindruck, dass die Zeitabfolge seit unserem Eintritt in die Hauptspielwelt von Reich ohne Grenzen falsch war. Wir hätten die Straße nehmen und bis zu einem der Dörfer gehen sollen. In dem Fall waren die Quests zum Kennenlernen der Einheimischen und zur Suche eines Schlafplatzes sinnvoll. Das verlassene Blockhaus sollte ein verborgener Ort bleiben und die Quest des Verfluchten Hauses sollte später kommen. Doch weil ich den Wölfen zufällig begegnet war, hatte ich das verlassene Blockhaus eher entdeckt als die Dörfer und war dort eingezogen.
Doch dieser Ablauf der Ereignisse kam mir sehr gelegen. Ich hatte mein eigenes Alchemielabor, wo mich niemand bei meinen Experimenten störte, und ein Rudel Waldwölfe als Wächter. Sicher, ich musste das Haus etwas auf Vordermann bringen und einige Sicherheitsvorkehrungen treffen. Als Erstes musste das Tor repariert werden, um ungebetene Gäste fernzuhalten. Doch ich war der Herr meines eigenen Hauses und konnte tun und lassen, was ich wollte. Hier in Tysh wusste ich nicht, was ich während der Nacht tun konnte, wenn mich Hunderte von wachsamen Augen verfolgten.
„Also gut, Segelohr, sollen wir uns trennen oder im Dorf nach Goblins suchen, die uns beiden Unterkunft geben?” Valerianna trieb mich zur Eile an, mein Zögern gefiel ihr nicht.
„Amra will Tysh nicht. Nach Hause zu Blanca. Amra geht zu Schamane und sagt ihm, wir gehen.”
Die Nymphe war eine Weile still, bevor sie mir zustimmte. „Ich will auch nicht im Goblindorf wohnen. Jeder, dem ich begegne, betrachtet mich als gefährliche Bestie. Wir haben unser eigenes Haus. Wir müssen es verbessern statt nach einem anderen zu suchen. Ich wähle Ingenieur als Hauptfertigkeit und lasse mir einige Verteidigungsanlagen für unsere Unterkunft einfallen. Du solltest anfangen, unsere Wölfe zu trainieren. Sie müssen wenigstens bis Level 40 aufsteigen, damit sie nicht jedes Mal vor Angst pinkeln, wenn sie eine Nachtkreatur sehen! Nach der letzten Nacht muss ich wieder den Boden wischen ...”




Nacht der Wunder



DAS GESPRÄCH drehte sich im Kreis. Der Schamane Kaiak Dachsbein war besorgt, weil wir uns nicht im Dorf Tysh niederlassen wollten. Er versuchte, herauszufinden, warum wir uns anscheinend weigerten, den Bewohnern zu helfen. Meine Schwester und ich erklärten ihm, dass wir sehr wohl helfen wollten, und baten ihn, uns eine Mission zu geben. Der Schamane freute sich sehr über unsere Bereitschaft, Arbeit zu erledigen, und forderte uns auf, eine Unterkunft im Dorf zu finden. An dem Punkt ging das Ganze von vorne los.
Doch Valerianna und ich setzten die scheinbar sinnlose Konversation mit dem NPC fort, denn wir hatten beide unabhängig voneinander bemerkt, dass unser Ansehen beim Schamanen allmählich stieg. Wenn wir ablehnten, im Dorf zu bleiben, fiel es um 10 %, doch wenn wir zustimmten, im Dorf zu helfen, stieg es um 15 %. Sobald unser Ansehen beim Schamanen stieg, erhöhte es sich auch beim ganzen Dorf. Als die Markierung des Schamanen auf meiner Karte bei insgesamt + 80 zu blau wechselte, erschien eine neue Meldung.
Erhaltene Mission: Kontakte knüpfen 2/3
Im Dorf Tysh den Status Freundschaft erreichen (durchschnittliches Ansehen von 50 +)
Im Dorf Steinhang den Status Freundschaft erreichen (durchschnittliches Ansehen von 50 +)
Missionskategorie: Kette, Gruppe
Belohnung: 3.200 EP
Die Nymphe und ich sahen uns kurz an, bevor Valerianna Schnellfuß den Kopf schüttelte.
„Das schaffe ich jetzt nicht. Durch die Geburt der Wolfsjungen habe ich letzte Nacht viel zu wenig Schlaf bekommen. Ich bin so müde, dass ich gleich im Stehen einschlafe. Erledige die Quest allein, Segelohr. Du hast sowieso einen Volksbonus von + 20 bei den Goblins, es ist viel einfacher für dich, dein Ansehen bei ihnen zu erhöhen.
Ich habe mir die Karte mal angeschaut. Im ganzen Dorf gibt es nur 6 wichtige NPCs: Der Anführer Ugruem, die beiden Wächter am Tor, die mit schwarzen Totenschädeln markiert sind, der Schamane Dachsbein, die grimmige Frau und ein weiterer Goblin am Ende des Dorfs. Um die anderen brauchst du dich gar nicht zu kümmern.
Also gut, ich melde mich jetzt ab. Sobald ich mich ausgeruht habe, mache ich mich auf den Weg nach Steinhang. Ich werde versuchen, dort eine Mission zu erhalten, um mein Ansehen zu verbessern.”
Die Nymphe setzte sich neben den alten Schamanen auf den Boden und verblasste kurz darauf. Einige Minuten später erhielt ich eine persönliche Nachricht:
„Fast hätte ich etwas vergessen. Ich habe gesehen, dass du einen Videokanal gestartet hast. Ich werde dir das Video von der NPC-Wölfin schicken, die ihre Jungen bekommen hat. Bearbeite es etwas und lade es hoch. Es sind seltene Szenen, die den Zuschauern sicher gefallen werden.”
Ehrlich gesagt wurde ich auch langsam müde und brauchte eine Pause. Kaiak und ich führten das gleiche Gespräch noch viermal, bevor beim fünften Mal eine Fehlermeldung erschien.
SYSTEMFEHLER!
Die Ansehen-Variable des NPC-Charakters $FF0076-AF5780 hat den erlaubten Wert überschritten.
Fehlercode #LOC/ER-002056
Diese Meldung wurde an den technischen Support von Reich ohne Grenzen geschickt.
Wir entschuldigen uns für die entstandenen Unannehmlichkeiten.
Was hatte Alexandro Lavrius über Prämien für Angestellte gesagt, die Bugs entdeckten? In ausgezeichneter Laune folgte ich dem Beispiel meiner Schwester und verließ ebenfalls das Spiel. Dann verbrachte ich eine weitere Stunde damit, das Video zusammenzustellen und meine Kommentare aufzunehmen. Die interessanten Momente meiner zweiten Spielsession ergaben 15 Minuten. Nun konnte ich mich auf den Heimweg machen. Ich hatte gerade die Drehtür in der Halle erreicht, als mein Handy klingelte: Ein Anruf von einer unbekannten Nummer.
„Guten Morgen, Timothy! Hier ist Jane, die Assistentin von Alexandro Lavrius. Bevor Sie das Gebäude verlassen, möchte Herr Lavrius Sie in seinem Büro sprechen.”
Was wollte der Direktor wohl dieses Mal von mir? Während ich mit dem Aufzug in den 44. Stock fuhr, zermarterte ich mir das Gehirn und kam auf die unmöglichsten Sachen. Doch die Realität war noch bizarrer. Als ich das Büro betrat, sah sich mein Chef gerade das Video von Blanca und ihren Jungen auf seinem Computer an.
„Hier, lesen Sie sich das durch und unterschreiben Sie es”, sagte er ohne mich zu begrüßen. Er hielt mir ein mehrseitiges Dokument entgegen und deutete auf einen Stuhl an der Wand. Dabei sah er sich weiter mein hochgeladenes Video an.
Das Dokument hatte die Überschrift „Änderungsprotokoll für Patch 15.48 von Reich ohne Grenzen”. Ich hatte keine Ahnung, warum er mir die Unterlagen gegeben hatte, doch ich setzte mich auf den Stuhl und las das Schriftstück sorgfältig durch.
„... Zauberzeit für den Zauber „Eiskugel” verlängert sich auf 12,7 Sekunden ... Durchschnittliche Härte von Mithril-Brustschützern erhöht sich um 70 % ... Maximale Entfernung für Ingame-Nachrichten erhöht sich auf 10 Kilometer ... Wenn ein Chamäleon-Spieler langsam verschwindet, darf er nicht länger „Geschlechtsorgan” als den letzten Körperteil wählen, der verschwindet ... Von verschiedenen Handfächern verursachter Schaden wird um 20 % reduziert ...”
Wozu benötigte ich diese Informationen? Ich betrachtete die Liste mit den kommenden Änderungen für das Spiel, bis mich eine wie ein Blitz traf: Der besondere Angriff „Vampirbiss” funktioniert nicht länger bei gelähmten oder bewusstlosen Zielen.
Wie ärgerlich! Ich hatte bereits Pläne für den Einsatz dieser Fähigkeit gemacht. Als der Direktor der Abteilung Sonderprojekte an meiner Reaktion gemerkt hatte, dass ich an dem mich betreffenden Punkt angelangt war, erklärte er: „Die anderen Zuschauer Ihres Videos sind nicht darauf gekommen, weil sie nicht alle Informationen hatten, doch ich habe eins und eins zusammengezählt. Sie könnten Kräuterkunde und Alchemie benutzen, um Lähmungsgifte herzustellen. Dann würde Vampirbiss Ihnen ermöglichen, fast jeden Gegner zu töten. Darum habe ich darauf bestanden, dass diese Änderungen in der Spielmechanik vorgenommen werden, und die Unternehmensführung hat mir zugestimmt. Ein unausgewogenes Werkzeug wie dieses, mit dem Vampire jede Kreatur, egal auf welchem Level, sofort töten können, kann nicht im Spiel bleiben. Unterschreiben Sie auf der letzten Seite des Dokuments, dass Sie über die kommenden Änderungen informiert wurden und das Unternehmen von Reich ohne Grenzen nicht verklagen.”
Ich kam seinem Wunsch nur äußerst ungern nach, doch mir war klar, dass ich sofort gefeuert würde, wenn ich nicht unterschrieb. Ich nahm den goldenen Kugelschreiber vom Schreibtisch des Direktors. In dem Moment kam Jane ins Zimmer, zeigte auf eine leere Stelle am Ende des Schriftstücks und bat mich, es zu datieren und zu unterzeichnen. Dann nahm sie das Dokument an sich.
„Das benötigen wir für unsere Rechtsabteilung”, erklärte sie. „Es gab schon Präzedenzfälle, bei denen gewöhnliche Spieler das Unternehmen von Reich ohne Grenzen verklagt haben, weil sie der Meinung waren, Änderungen in der Spielmechanik würden ihre Interessen oder ihr virtuelles Eigentum schädigen, das sie mit realem Geld erworben haben. Doch Sie sind ein Angestellter, auch wenn Sie sich noch in der Probezeit befinden, darum gelten diese Schadensersatzregelungen nicht für Sie.“
„Nun, nun, Jane. Kein Grund, ihm Angst einzujagen”, unterbrach Alexandro Lavrius seine Assistentin. „Timothy macht seine Arbeit als Tester recht gut und gute Arbeit muss belohnt werden. Wir haben beschlossen, dass Sie und die Nymphe das hohe Ansehen des NPC-Schamanen behalten dürfen, obwohl Sie offensichtlich ein Schlupfloch im Spielalgorithmus ausgenutzt haben. Übrigens hat Jane von den Programmierern die Antwort auf Ihre Frage erhalten. Sollte Ihr Goblin zufällig getötet werden, gilt keine der vielen Quests zur Tötung eines Vampirs als abgeschlossen und Ihr Geheimnis bleibt gewahrt. Sie sollten aber wenigstens versuchen, etwas vorsichtiger zu sein und Ihre zweite Natur nicht an die große Glocke zu hängen.”
„Was meinen Sie mit ‚an die große Glocke hängen‘?“, fragte ich überrascht. Ich hatte nicht die leiseste Ahnung, worauf er sich bezog.
Der Direktor zeigte auf den Bildschirm, auf dem ein Standbild meines Videos zu sehen war. „Überlegen Sie sich für Ihre Zuschauer eine glaubhafte Erklärung, woher Ihr Goblin eine Nachtsicht hat.”
Einige Sekunden saß ich starr vor Schreck mit geöffnetem Mund da. Dann musste ich plötzlich grinsen und rief aus: „Maiglöckchen! Wenn man die Beeren von Maiglöckchen verzehrt, erhält man kurzzeitig den gleichen Effekt!”
„Ausgezeichnet!” Alexandro Lavrius nickte anerkennend. „Ich hätte jedoch etwas anderes vorgeschlagen. Beim Erstellen eines Charakters kann man ein Untervolk wählen. Es gibt 6 Möglichkeiten. Nachtgoblins besitzen auch Nachtsicht. Doch Ihre Version gefällt mir besser, weil sie erklärt, warum Ihr Amra während des Tages normal sehen kann. Denken Sie daran, die Beeren des Maiglöckchens im Kommentar Ihres Videos zu erwähnen, bevor die anderen Spieler unangenehme Fragen stellen.”
Der Direktor gab einen Befehl ein und die detaillierte Statistik meines Amras erschien auf dem Bildschirm, einschließlich einer Liste von Gegenständen in meinem Inventar und aktuellen Quests. Mir fielen vor Überraschung fast die Augen aus dem Kopf. Ich hatte nicht gewusst, dass er so leicht Zugriff auf die Details meines Charakters erhalten konnte. Andererseits hätte ich nicht überrascht sein sollen, denn die Entwickler mussten die Möglichkeit haben, das Spiel zu kontrollieren.
Alexandro Lavrius wandte seinen Blick vom Bildschirm ab. „Sammeln Sie noch mehr Maiglöckchen. Dann zeigen Sie, wie viele davon Sie in Ihrem Inventar haben, als ob es nichts Besonderes wäre, und kommentieren Sie auf Ihre moderne, ironische Art. Doch im Großen und Ganzen sehr gute Arbeit. Ihre Vorstellungskraft wird Ihnen weiterhin sehr gelegen kommen. Ihre einfallsreichen Problemlösungen sind vielversprechend.
Außerdem hatten Sie ziemlich viel Glück, Timothy, und das können Sie in Ihrem Beruf gut gebrauchen. Gleich zu Anfang des Spiels eine einzigartige Quest zu erhalten ist ein Glücksfall. Das Unternehmen hatte nichts damit zu tun. Ihr Charakter hat den seltenen, zufälligen Ort ganz allein entdeckt. Doch es gibt einen Haken: Um die Mission ‚Neugier und die Katze‘ mithilfe von Kampfaktivitäten abzuschließen, brauchen Sie einen gut ausgerüsteten Charakter mit einem erheblich höheren Level als Ihr Kräutersammler bisher erreicht hat.
Gerade vor einer Stunde habe ich mich mit einigen unserer Experten über genau dieses Thema unterhalten. Manche von ihnen glauben, dass Sie die Mission wie beschrieben abschließen können, obwohl es schwierig ist. Sollte es Ihnen gelingen, können Sie Ihre Probezeit als bestanden betrachten. Und um den Einsatz noch etwas zu erhöhen, haben die Programmierer eine wirklich fantastische Belohnung für diese Quest erstellt. Ich bin sehr neugierig, ob Sie sie voll ausschöpfen können.”

* * *

„STEH AUF, Tim! Zeit, an die Arbeit zu gehen!” Valeria war in bester Laune und hatte offensichtlich viel Zeit vor dem Spiegel verbracht, um sich zurechtzumachen.
Ich lächelte meine Schwester an und versuchte, zu verbergen, dass mir das Herz schwer wurde. Mit ihren 14 Jahren sah Valeria ausgesprochen hübsch aus. Sie hatte lockiges, kastanienbraunes Haar, feine Gesichtszüge, große, freundliche, braune Augen und ein strahlendes Lächeln. Wenn ihr Leben anders verlaufen wäre, würden die Jungen jetzt Schlange stehen. Wenn nur der schreckliche Unfall nicht passiert wäre ...
„Du siehst toll aus”, stellte ich fest.
„Ich habe genug Schlaf bekommen und Zeit gehabt, mein Haar zu kämmen und mich zu schminken”, lachte Val. „Außerdem war ich heute noch nicht im Spiel. Ich wollte zuerst unsere Pläne mit dir besprechen.”
„Hast du etwas Interessantes gefunden?”, fragte ich. Meine Schwester nickte mit zufriedenem Blick.
Während ich mich rasierte, erzählte Valeria mir, dass sie im Lauf des Tages von 6 Spielern aus Reich ohne Grenzen persönliche Nachrichten bekommen hatte, die alle das Gleiche wollten: Sie baten meine Schwester, ihnen ihre Karte zu verkaufen. Einer versprach, ihr zu helfen, Missionen abzuschließen, ein anderer bot ihr an, durch einheimische Monster schnell hochzuleveln, und ein dritter wollte Blanca und die Wolfsjungen mit eigenen Augen sehen. Der Rest von ihnen wollte ihr die Karte für lächerliche Summen zwischen 30 und 100 Münzen einfach abkaufen.
„Meine plötzliche Popularität und das besondere Interesse an meiner Karte haben mich natürlich neugierig gemacht. Ich war auf der Hut, darum habe ich die Spielforen durchkämmt. Sieh dir an, was ich gefunden habe.” Meine Schwester deutete auf den Monitor.
Es waren alte Nachrichten aus der Rubrik Kleinanzeigen des Spielforums von Reich ohne Grenzen:
„Zahle 5.000 Münzen für die Einladung in eine Gruppe, die die Mission ‚Neugier und die Katze‘ angenommen hat.”
„Biete eine Vorauszahlung von 6.000 Münzen für eine Gruppe, um ‚Neugier und die Katze‘ anzunehmen. Beute ist mir egal, ihr könnt das Geld behalten.”
„Zahle 5.000 für die Koordinaten des Ortes von ‚Neugier und die Katze‘. Weitere 30.000, wenn die Beute ist, was sie sein sollte. Kein Betrug, alles legal.”
Ich starrte mit großen Augen auf die Anzeigen. 30.000 Spielmünzen waren umgerechnet 3.000 Credits im realen Leben. Dafür konnte man ein mittelgroßes, elektrisches Auto kaufen oder 1 Jahr Miete für eine Wohnung wie die bezahlen, in der meine Schwester und ich zurzeit lebten. Ich gab „Belohnung Neugier und die Katze” in die Suchmaschine ein, doch ich erhielt keine Ergebnisse.
„Das habe ich alles schon versucht. Ich habe alle möglichen Suchanfragen über diese Quest ausprobiert, aber nichts Hilfreiches gefunden. Einige Spieler müssen interessante Informationen über diese Mission haben, sonst würden sie nicht diese riesigen Summen anbieten, nur, um die Möglichkeit zu bekommen, daran teilzunehmen. Sieh dir die Charaktere an, die mir die Nachrichten geschickt haben: Level 108, Level 130, sogar Level 150! Sicher kann man bei dieser Quest einen Gegenstand erhalten, der sogar für einen Hochleveler sehr nützlich ist.
Darum solltest du niemandem deine Koordinaten verraten und die Karte mit den Orten, die du entdeckt hast, nicht verkaufen. Wenn es dort wirklich etwas Wertvolles gibt, nehmen die Hochleveler uns die Belohnung einfach gewaltsam weg. Vielleicht können wir später einige coole Spieler einladen, sich unserer Mission ‚Neugier und die Katze‘ anzuschließen, doch erst müssen wir den wahren Wert der Belohnung herausfinden. Danach können wir Tickets verkaufen. Es ist vielleicht besser, diesen wertvollen Gegenstand selbst zu behalten.“
Ich dachte darüber nach, was Valeria gesagt hatte. Dann warf ich einen Blick auf die Zuschauerzahlen des Videos, das ich am Morgen hochgeladen hatte. Über 3.000 Aufrufe an einem einzigen Tag! Kein schlechtes Ergebnis! Es war das Video, in dem ich den Erhalt der Mission „Neugier und die Katze” erwähnt hatte. All diese Zuschauer wussten jetzt davon. Was hatte der Direktor wohl mit „eine wirklich fantastische Belohnung” für diese Quest gemeint?
„Also gut, Val. Ich mache mich jetzt auf den Weg zur Arbeit. Wenn ich dort bin, rufe ich dich an. Ich muss wissen, wie das Wetter im Spiel ist. Du gehst nach Steinhang und ich ins Goblindorf, um den zweiten Teil der Questkette ‚Kontakte knüpfen‘ abzuschließen.”
Valeria nickte, fuhr in ihrem Rollstuhl zum Computertisch hinüber und nahm den VR-Helm in die Hand. Ich ging zu ihr und strich durch ihr dickes Haar. „Val, sobald wir etwas mehr Geld verdient haben, kaufe ich dir die gleiche virtuelle Realitätskapsel, die wir beim Unternehmen von Reich ohne Grenzen haben. Das verspreche ich dir. Dann kannst du die echte Immersion erleben!”
Meine Schwester knuffte mich gutmütig in die Seite. „Du bist ein unverbesserlicher Optimist, Tim! Die billigsten Kapseln kosten 6.000 Credits und die besten Modelle mindestens 50.000. Kümmere dich erst mal darum, unsere Schulden zu bezahlen.”
„Das werde ich! Heute Morgen habe ich die ersten 400 Credits erhalten, weil ich Bugs im Spiel entdeckt habe. Der Mann von der Bank hat bereits angerufen und mir mitgeteilt, dass mein Kredit um ein Jahr verlängert wurde. Und was die virtuelle Realitätskapsel angeht, ich meine es ernst, Val. Irgendwann werde ich dir die beste Kapsel kaufen, die zu haben ist, damit du wirklich empfinden kannst, wie es ist, vollständig in eine virtuelle Welt einzutauchen.”

* * *

„ES IST BEDECKT, doch ab und zu scheint die Sonne durch die Wolken. Du kannst spielen, aber sei vorsichtig.”
Ich dankte meiner Schwester und zog mich aus, um für meine dritte Spielsession in die virtuelle Realitätskapsel zu steigen. Kaum hatte sich ihr Deckel geschlossen, erschien auf dem schwarzen Hintergrund eine Meldung über die neuesten Spielaktualisierungen. Eine lange Liste von Änderungen folgte. Ich überflog sie und bestätigte, dass mir die Regeländerungen jetzt bekannt waren. Als ich danach die Augen öffnete, war ich wieder im Haus des alten Goblinschamanen. Kaiak Dachsbein saß auf einem Stuhl und stellte etwas aus Federn, Baumharz und dünnen Zweigen her.
„Guten Abend, weiser Schamane.” Ich dachte, ich hätte in einem besonders respektvollen Ton gesprochen, doch der alte Goblin erschrak trotzdem vor Angst und ließ seine Handarbeit zu Boden fallen.
„Ach, du bist es, Amra! Erschreck mich doch nicht so!” Der Goblin beugte sich hinunter und sah traurig auf den seltsamen, zerbrochenen Gegenstand. Dann blickte er zur Tür, die noch von innen verschlossen war. Er stand ächzend auf. „Ich habe gehört, dass Unsterbliche am gleichen Ort wiedererscheinen, an dem sie verschwunden sind, doch es ist das erste Mal, dass ich es gesehen habe. Hast du schon mit den Dorfbewohnern gesprochen und eine Unterkunft für die Nacht gefunden?”
Wieder die gleiche Leier? Ich hatte gehofft, dass der Fehler von den Programmierern behoben worden wäre. Plötzlich hatte ich eine Idee.
„Darüber wollte ich mit dir sprechen, weiser Schamane. Du hast ein geräumiges Haus, in dem Platz für ein weiteres Lager ist. Ich übernachte hier nur sehr selten, denn ich plane, in einem anderen Haus zu wohnen. Ich mache keinen Krach und esse dir auch nicht die Haare vom Kopf. Was meinst du, kann ich die Nacht bei dir verbringen, Kaiak Dachsbein?”
Die Prüfung der Reaktion des Goblinschamanen dir gegenüber war positiv.
Verdiente Erfahrung: 50 EP
„Wie kann ich zu einem höflichen, jungen Goblin wie dir nein sagen? Du kannst bei mir wohnen, so lange du willst.”
Die Mission „Einen Schlafplatz im Dorf Tysh organisieren” ist abgeschlossen.
Belohnung: 160 EP
Letztendlich hätte es nicht leichter sein können, die Quest abzuschließen. Mein Erfolg war offensichtlich der Beweis für mein + 100 Ansehen bei Kaiak. Ich dankte dem Schamanen für seine Bereitschaft, mir Unterkunft zu gewähren, und ging hinaus. Die Nacht war noch nicht angebrochen, die Dorfbewohner hatten sich noch nicht in ihre Häuser zurückgezogen. Es war die beste Zeit, am zweiten Teil von „Kontakte knüpfen” zu arbeiten.
Ich erinnerte mich daran, was meine Schwester gesagt hatte: Es gab nur 6 wichtige NPCs, die mein durchschnittliches Ansehen im Dorf bestimmten. Sie waren die einzigen Bewohner von Tysh, mit denen ich wirklich sprechen musste. Ich hatte ein Ansehen von + 100 beim Schamanen Kaiak Dachsbein, + 25 beim Anführer Ugruem, + 20 bei der grobschlächtigen Tamina Grimmig und + 20 bei den anderen 3 wichtigen Goblins des Dorfs. Das arithmetische Mittel betrug + 34, die genaue Punktzahl meines Ansehens im Dorf Tysh.
Auf der Karte sah ich, dass sich einer dieser hochrangigen Goblins gleich um die Ecke befand. Ich erkannte ihn an dem schwarzen Totenschädel, mit dem er markiert war. Ich konnte meine Mission genauso gut mit ihm fortsetzen.
Tarek Riesenfuß
Level-77-Goblinkrieger
Der Goblin saß auf einer Bank neben einem kleinen Feuer, auf dem ein Topf stand. Mit einem Stock rührte er eine dicke, schwarze Masse, die kochte und brodelte. Tareks Füße waren unverhältnismäßig groß, sie sahen wie Baumstümpfe aus. Mir kam sofort der Gedanke, dass die riesigen Stiefel, die ich in der Kiste im Verfluchten Haus gefunden hatte, möglicherweise speziell für seine Füße hergestellt worden waren. Ich hielt 2 Schritte vor dem NPC an und versuchte, herauszufinden, was er tat. Es sah nicht so aus, als ob er Essen kochte. Aus dem Topf kam vielmehr ein stechender, unappetitlicher Geruch.
Unterdessen war auf der gleichen Straße eine grünhäutige, junge Frau erschienen. Ich bemerkte zum ersten Mal, dass Goblins auch hübsch sein konnten. Sie hatte eine gute Figur und wundervolle, kupferroten Haare, aus denen ihre spitzen Ohren herausragten. Bekleidet war sie mit einer einfachen, blauen Schürze. Meine Schwester hatte zugegeben, am Tag zuvor 40 Minuten damit verbracht zu haben, mein neues Gesicht zu erstellen. Ich vermutete, dass die Programmierer und Designer genauso viel Zeit in diese attraktive Goblinfrau investiert hatten. Auf keinen Fall konnte sie ein zufällig generierter NPC sein, sie stach unter den hässlichen Gesichtern von Tyshs Bewohnern einfach zu sehr hervor. Trotzdem waren die Informationen über den Charakter der jungen Frau ganz typisch und unterschieden sich in keiner Weise von den vielen anderen, die ich gesehen hatte.
Level-22-Goblindorfbewohnerin
„Hast du den Harz dabei?”, fragte Tarek die Dorfbewohnerin, als sie sich näherte.
„Ich habe nur ein Stück neben der Straße gefunden, Vater. Ich bin nicht weiter in den Wald gegangen, weil du es mir verboten hast.”
Die junge Frau gab ihrem Vater einen goldfarbenen Klumpen Baumharz, den der großfüßige Goblin sogleich in den Topf warf.
„Das reicht nicht aus. Damit kann ich die Risse im Boot nicht abdichten”, murmelte Tarek ärgerlich.
Wenn das nicht der Beginn einer Mission war, hatte ich noch nie zuvor ein Computerspiel gespielt! Ich machte ein paar Schritte auf das Feuer zu und sagte: „Du musst ein sehr stolzer Vater sein! Deine Tochter ist etwas Besonderes unter den Goblins! Tarek Riesenfuß, würdest du mir bitte den Namen dieses charmanten Wesens verraten?”
Der runzelige Goblin öffnete überrascht den Mund und erstarrte.
Seine Tochter antwortete an seiner Stelle. „Es ist schön, diese netten Worte zu hören, Amra. Mein Name ist Taisha, doch meine Freunde nennen mich Funke.”
„Hast du deinen Spitznamen wegen deiner wunderschönen Haare bekommen?” fragte ich. Das junge Mädchen nickte.
„Funke, ich habe zufällig dein Gespräch mit deinem Vater mitbekommen. Ich bin auf dem Weg zum nahegelegenen Wald. Vielleicht könnte ich Baumharz für ihn sammeln. Wie viel benötigt er?”
„Fünfmal so viel wie Taisha mir gerade gebracht hat”, rief Tarek Riesenfuß nun dazwischen.
Erhaltene Mission: Baumharz für Tarek Riesenfuß sammeln
Missionskategorie: Normal
Belohnung: 80 EP
Die Quest war offensichtlich für Spieler der niedrigsten Levels konzipiert. Ich benötigte nur 5 Minuten, um die notwendige Menge Harz von den Baumstämmen zu sammeln und wieder zurückzukehren. Inzwischen war Taisha bereits gegangen. Nachdem ich ihrem Vater das Harz gegeben hatte, setzte ich mich ans Feuer und beobachtete, wie die zähe Masse im Topf blubberte.
Mittlerweile holte Tarek ein kleines Flachbodenboot aus dem Hinterhof, das wir zusammen abdichteten. Es war eine weitere kleine Quest, um meinen Ruf bei ihm zu steigern. Zufrieden bemerkte ich, dass sich mein Ansehen bei Taishas Vater nach und nach verbesserte. Als ich über + 60 erreicht hatte, erklärte Tarek Riesenfuß plötzlich: „Amra, du bist ein guter Kerl, doch ich muss dir davon abraten, das Herz meiner Tochter zu gewinnen!” Sein drohender Ton passte überhaupt nicht zu seiner vorherigen Redeweise.
Doch ich ließ mich nicht entmutigen. „Warum nicht, Tarek? Deine Tochter ist bildschön. Ich habe in meinem ganzen Leben noch nie so eine wunderschöne Goblinfrau gesehen.”
„Sieh dich mal an, Amra”, antwortete Taishas Vater stirnrunzelnd. „Du bist schwach. In Tysh gibt es kleine Kinder, die stärker sind als du. Außerdem bist du arm und trägst fast keine Kleidung. Du bist nicht in der Lage, meine Tochter zu beschützen, geschweige denn, sie zu versorgen! Die besten Männer des ganzen Dorfs wollen meine Tochter zur Frau haben. Sogar aus dem Nachbardorf Tyrym kommen Verehrer, nur um einen Blick ihrer seltenen Schönheit zu erhaschen. Ein dahergelaufener Kerl wie du passt nicht zu uns!”
Erhaltene Mission: Den Respekt von Tarek Riesenfuß verdienen
Missionskategorie: Persönlich, Ruf
Erforderliche Bedingungen: Du musst ein + 100 Ansehen bei Tarek Riesenfuß haben.
Gib Tarek Riesenfuß die Trophäe einer Level-50-Kreatur oder höher.
Bezahle Tarek Riesenfuß 300 Münzen.
Alle Ausrüstungsplätze müssen mit Kleidungsstücken gefüllt werden.
Belohnung: 4.000 EP, dauerhafte Verbesserung deines Ansehens bei Taisha um + 50
Ich war dabei, mir die Bedingungen der ungewöhnlichen Mission durchzulesen, als ich eine Nachricht von meiner Schwester erhielt.
„Gerade ist mir Trong Taucher nicht weit von Steinhang begegnet. Er hat Level 10 erreicht und macht jetzt Jagd auf uns. Er hat keine guten Absichten. Als er mich sah, beschimpfte er mich und zog sofort seine Waffe. Dank Wolfsblut konnte ich ihn zum Respawnen schicken.”
Die Nachricht beunruhigte mich. Tausende von Kilometern um mich herum gab es nichts weiter als unbekannte Gebiete. Wie war es dem Najadenmann gelungen, uns zu finden? Wir hatten uns schon ziemlich weit von der Küste entfernt. Konnte es ...? Ich klickte auf „Spiel verlassen” und rief meine Schwester an.
„Val, ich habe beim Erstellen der Videos nicht bedacht, dass es ein Risiko sein könnte, die Namen der Dörfer Tysh und Steinhang zu erwähnen! Es muss einen Weg geben, einen bestimmten Ort über seinen Namen zu finden oder wenigstens den Kontinent und die Provinz zu ermitteln.”
„Warte einen Augenblick, ich prüfe es”, erwiderte Valeria, doch ich war schon dabei, es selbst zu versuchen. Ich gab „Steinhang Tysh” in die Suchmaschine ein und klickte auf den ersten Link, der erschien.
Steinhang. Ein kleines Menschendorf in der Provinz Lars auf dem südlichen Kontinent, 370 Kilometer nordöstlich der nächstgelegenen Stadt Weiden. Etwa 100 Bewohner der Levels 40 bis 70. Sie vergeben einige Standardmissionen zur Verbesserung des Ansehens im Dorf.
Die Informationen über Steinhang in der von Spielern erstellten Datenbank waren vor einem Jahr von einem Halbelfen namens Garret Biergenießer hinzugefügt worden, der jetzt auf Level 220 spielte. Über Tysh fand ich keine Daten, doch das machte keinen Unterschied mehr. Es reichte, dass die Spieler wussten, wo sich Steinhang befand.
Ich überprüfte die Statistik der Suchmaschine. Gestern waren Steinhang und Tysh noch völlig uninteressant gewesen, doch heute war diese Wortkombination von 117 Leuten gesucht worden. Wahrscheinlich waren einige dieser Spieler schon auf dem Weg in die Provinz Lars zur Stadt Weiden und würden von dort aus in nordöstlicher Richtung weitergehen. Wenn sich meine Schwester und ich nicht beeilten, würden diese Hochleveler den geheimen Ort mit der einzigartigen Mission finden und uns die unbekannte Belohnung von „Neugier und die Katze” wegnehmen.
Als meine Schwester mit den Informationen über Steinhang zurückrief, sagte ich bestimmt: „Lass alles stehen und liegen und geh zum Blockhaus. Ich komme auch so schnell ich kann. Dann machen wir uns zusammen auf den Weg zum Sumpf und überlegen uns, wie wir die Mission als Erste abschließen können.”

* * *

„WO WILLST DU denn hin, Winzling?”, fragte Tarek mich unwirsch. „Wir müssen noch prüfen, ob alle Leckstellen des Bootes dicht sind. Der Wassergraben vor dem Dorf eignet sich gut dafür.”
Es sah aus, als ob ich die nächste Quest zur Verbesserung meines Ansehens bei Taishas Vater erhalten hatte, aber das Timing könnte nicht schlechter sein! In weniger als einer Stunde würde die Sonne untergehen. Zu versuchen, im Dunkeln einen Weg durch den Sumpf zu finden, war viel zu gefährlich. Obwohl ... wenn ich ein Boot hätte, könnte ich mich auf dem Wasser fortbewegen. Ich musste Tarek nur überzeugen, das Boot dorthin zu tragen, denn ich selbst besaß nicht genug Stärke.
„Tarek, du willst mir doch nicht im Ernst erzählen, dass du dein Boot in dem stinkenden Wassergraben ausprobieren willst, oder? Deine Nachbarn werden dich auslachen. Warum setzt du es nicht gleich in die Pfütze in der Dorfmitte? Um das Boot richtig zu testen, brauchst du ein großes Gewässer mit Wellen, um die Ruder ebenfalls zu prüfen.”
Der Goblin fuhr sich über seinen kahlen Kopf. Er überlegte, welcher Ort in der Nähe des Dorfs sich dazu eignen würde.
„Wir könnten es auf dem See im Sumpf testen, der in der Nähe des Verfluchten Hauses liegt. Genau! Lass uns dorthin gehen”, schlug ich vor.
„Welcher See? Dort ist nichts als Sumpf. Außerdem ist es ziemlich weit und es wird bereits dunkel.”
„Was höre ich da?”, fragte ich mit gespielter Überraschung, um ihn anzustacheln. „Hast du Angst im Dunkeln, Tarek? Du könntest die Kröten dort mit einem einzigen linken Haken erledigen!”
„Die Kröten sind mir egal, sie sind meine geringste Sorge”, erwiderte der Goblin bedächtig. „Aber in dem zähen Morast gibt es so viele glitschige Blutegel, dass man nicht auf den Grund sehen kann. Es ist grässlich, dort barfuß zu gehen. Außerdem sind die Kreaturen, auf die man trifft, wenn man weiter in den Sumpf hineingeht, viel furchterregender als Kröten ...”
Sofort fiel mir etwas ein. „Ich habe ein Paar riesige Lederstiefel, genau die richtige Größe für deine Riesenfüße. Sie gehören dir, wenn du das Boot zum See trägst und die größten Kröten verjagst, damit sie mich nicht aufhalten. Was die Raubtiere in den Tiefen des Sumpfes angeht, mach dir darüber keine Sorgen. Ich rudere das Boot selbst und sage dir, ob es dicht ist. Sie können mich nicht töten, ich bin unsterblich. Wenn das Boot beschädigt wird, zahle ich dir 10 Münzen Entschädigung. Die Stiefel kannst du auf alle Fälle behalten.
Du hast mit der Fertigkeit Handel Level 3 erreicht!
Erhaltene Mission: Das Boot von Tarek Riesenfuß testen
Missionskategorie: Normal
Belohnung: 160 EP, Verbesserung deines Ansehens bei Tarek Riesenfuß um + 15
„Wenn mein Boot sinkt, schuldest du mir 15 Münzen”, knurrte der Goblin. Dann hievte er das Flachbodenboot auf seine Schultern, als ob es federleicht wäre, und marschierte los. „Hol die Ruder und meine Keule, Amra, und beeil dich!”
Tarek schnitt die lange Kurve der Straße und nahm den direkten Weg zum Verfluchten Haus. Ich konnte kaum mit dem Goblin Schritt halten. Wir gingen einen steilen Abhang hoch und durch ein Gebiet mit schwerer, sumpfiger Erde, doch er schritt so schnell voran, als ob er auf Asphalt liefe. Eine halbe Stunde später waren wir bereits angekommen. Ich lief ins Blockhaus, um die Stiefel zu holen. Das graue Rudel war nirgends zu sehen, nur Blanca säugte ihre Jungen in der Küche. Die Nymphe Valerianna saß am Tisch und war damit beschäftigt, Kerzen aus Wachs und gedrehtem Faden herzustellen.
„Großer Goblin Boot getragen. Nymphe muss mir helfen, in Nacht durch Sumpf gehen.”
Meine Schwester sprang auf, ohne Fragen zu stellen. Im Hof erwartete uns eine Überraschung. Tarek Riesenfuß hatte das Boot abgesetzt. Er stand am Tor und versuchte, die schwere Tür wieder in die Angeln zu hängen. Ich rannte hinüber, um ihm zu helfen, und Valerianna folgte mir. Leider war es umsonst. Tarek hatte zwar mehr als genug Stärke, die Tür aufzuheben, doch selbst zusammen besaßen wir nicht genug Beweglichkeit, um sie einzuhängen. Taishas Vater fluchte und legte sie wieder auf den Boden. Doch als er die Stiefel sah, lachte er vor Freude und verbeugte sich sogar vor mir.
„Großartige Schuhe! Solche habe ich noch nie besessen! Ich kann es kaum erwarten, sie meinen Nachbarn zu zeigen!”
Bereits einige Minuten später hatten wir den Rand des Sumpfes erreicht. Es war Nacht geworden. Alle Kreaturen, die auf meiner Karte mit einem roten Totenschädel markiert waren, kamen aus ihren Verstecken. In der Entfernung sah ich ein Monster, das die Wölfe am Tag zuvor zu Tode geängstigt hatte.
Stinkender Level-42-Ochsenfrosch-Patriarch
„Der grüne Ballonkopf ist dir im Weg, ich werde ihn verjagen.” Taishas Vater nahm entschlossen seine gestachelte Keule in die Hand, doch ich stoppte ihn.
Es wäre dumm gewesen, die Erfahrung von Monstern mit Level 40 oder höher zu verlieren, wenn er sie töten konnte. Diese Chance wollte ich mir nicht entgehen lassen. Ich erklärte dem runzeligen Goblin meinen Plan für die Jagd. Er hatte nichts dagegen, dass ich das Froschfleisch als Trophäe behielt. Die Nymphe und der Goblinkrieger versteckten sich hinter den Büschen, während ich mein Blasrohr nahm und losging, um den stinkenden Ochsenfrosch-Patriarchen aus dem Sumpf zu locken.
Zugefügter Schaden: 3 (58 Geschossschaden – 55 Rüstung)
Lieber Himmel! Diese Kreatur besaß eine ungewöhnlich dicke Haut, die fast den gesamten Schaden absorbierte, den ich ihr zugefügt hatte! Der riesige, grüne Patriarch drehte sich ungläubig zu mir um.
Zugefügter Schaden: 0 (34 Geschossschaden – 55 Rüstung)
Du hast mit der Fertigkeit Ausweichen Level 6 erreicht!
Mein segelohriger Amra, der im Vergleich zu seinem Gegner wie ein Zwerg aussah, schaffte es gerade noch, aus dem Weg zu springen, bevor ein Schwall säurehaltiger Spucke an ihm vorbeischoss. Wo sie auftraf, stieg eine dunkle Wolke auf, die vermutlich giftig war. Gleich danach sprang der Ochsenfrosch vorwärts. Ich fühlte, wie die Erde bebte, als sein großer Körper dort landete, wo ich gerade gestanden hatte.
Kurz darauf flog ein Eispfeil in das Maul des riesigen Frosches. Meine Schwester hatte sich dem Kampf angeschlossen. Doch Wassermagie schien nicht die beste Waffe gegen eine Amphibie zu sein, denn der Lebensbalken des Ochsenfrosches sank kein bisschen. Eine Sekunde später lief Tarek Riesenfuß auf ihn zu und entzog ihm mit einem einzigen Schlag seiner gestachelten Keule zwei Drittel seiner Gesundheitspunkte. Mit seinem nächsten Treffer schlug er dem Monster den Schädel ein.
Verdiente Erfahrung: 15.520 EP
Level 10!
Level 11!
Level 12!
Level 13!
Level 14!
Level 15!
Verbesserte Volksfähigkeit: 30 % Giftresistenz
Verbesserte Volksfähigkeit: 30 % Kälteresistenz
Meine Güte! Ich fühlte mich so schwach, dass ich zu Boden fiel. Ein intensives Zittern überkam mich. 6 Levels auf einmal! Mein Charakter erhielt 30 Attributpunkte! Dieses Gefühl konnte kaum übertroffen werden!

* * *

„WENN DU DICH nicht wie ein Schwein im Matsch gewälzt hättest, hätten wir den anderen Ochsenfrosch auch noch gehabt”, kanzelte meine Schwester mich wegen meiner mangelnden Zurückhaltung ab und sie hatte völlig recht.
Der Energieschub war plötzlich und unerwartet gewesen, eine Zeit lang hatte ich vollkommen die Kontrolle über meinen Charakter verloren. Tarek Riesenfuß sah mich an und spuckte verächtlich auf den Boden. Daraufhin sammelte er schnell alle für ihn wertvollen Gegenstände ein, die der Frosch hinterlassen hatte, und machte sich auf den Rückweg zum Dorf Tysh. Es befanden sich noch mehr ähnliche Monster in der Nähe, doch ohne den Goblin konnten die Nymphe und ich sie nicht besiegen.
Das Boot war jetzt im seichten Wasser. Ich setzte mich hinein, wickelte mich in die Froschhaut und versuchte, mich nicht zu bewegen. Inzwischen hatte sich Valerianna Schnellfuß in den kalten Morast gekniet und sammelte nasse Zweige und Schilfrohr, die überall herumlagen. Damit baute sie einen großen Sichtschutz, um das Boot und die Ruder vor ungebetenen Beobachtern zu verstecken.
Bei der Herstellung der Tarnung konnte ich meiner Schwester nicht helfen, daher machte ich mich daran, meine Attributpunkte zu verteilen. Meine Stärke und Konstitution hatten sich standardgemäß um je 6 Punkte erhöht. Bei den übrigen freien Punkten musste ich nachdenken. Einerseits wäre eine gezielte Steigerung von Charisma vorteilhaft. Es würde meinem Charakter helfen, besser zu sprechen und ungewöhnliche Handlungsstränge aufzudecken. Das war sehr wichtig, denn nur wahrhaft einzigartige und außergewöhnliche Geschichten würden mehr Zuschauer anziehen und das Interesse meines Arbeitgebers gewinnen.
Andererseits war ich ziemlich ärgerlich darüber, dass mein Charakter nicht in der Lage war, schwere Gegner zu verletzen. Der zugefügte Schaden war so gering, dass er von ihrer Rüstung vollkommen absorbiert wurde. Um das zu ändern, musste ich meine Beweglichkeit erheblich erhöhen. Nachdem ich alle Aspekte abgewogen hatte, verteilte ich 11 freie Attributpunkte auf Charisma und 7 auf Beweglichkeit.
Da ich Level 10 erreicht hatte, konnte mein Goblin eine weitere Haupt- und Nebenfertigkeit wählen. Sofort machte ich meine Nebenfertigkeit Tarnung (Bew, Kon) zur Hauptfertigkeit. Die Zuschauer meines Kanals wussten bereits, dass Amra sich oft im Dunkeln bewegen musste. Außerdem hatte ich ihnen erzählt, dass es eine meiner Nebenfertigkeiten war.
Du hast Tarnung als Hauptfertigkeit gewählt.
Fertigkeitslevel: 6
Gewählte Hauptfertigkeiten: 5 von 5
Prompt erhöhte sich meine Beweglichkeit um fast 8 Punkte. Die 18 zusätzlichen Trefferpunkte kamen mir auch sehr gelegen. Doch dann stellte sich mir die Frage, welche beiden Nebenfertigkeiten ich wählen sollte. In Reich ohne Grenzen gab es Schamanismus, Schlossknacken, Diplomatie, Führungsfertigkeit, Schleichen, Fischen, Lederverarbeitung, Landwirtschaft, Leichte Rüstung, Tierliebe und hunderte von anderen Fertigkeiten. Mir war ganz wirr im Kopf, darum entschloss ich mich, mit meiner Wahl noch etwas zu warten.
„Ich habe Illusionsmagie gewählt”, erklang die Stimme meiner Schwester, die durch die Zweige hindurch schlecht hörbar war. „Ich lasse mich jetzt wie eine Kröte aussehen und wirke rund um deinen Sichtschutz einen Illusionszauber, damit er wie ein kleiner Hügel aus Sumpfboden aussieht. Es ist die ideale Tarnung. Das hätte ich gleich zu Anfang tun sollen ... Oh, nein, großer Fehler! Die riesigen Kröten spüren den Gebrauch von Magie! Mach dich aus dem Staub, Amra! Schließ die Mission ab und entschädige mich für meine verlorene Erfahrung!”
Ich fühlte, wie mein Boot vorwärts geschoben wurde, und hörte ein schnelles Quatschen im Morast. Dann schaukelte mein kleines Boot auf den Wellen. Von der Nymphe kam ein ängstlicher Schrei und neben ihrem grünen Kreis auf der Karte erschien ein roter Totenschädel. Im nächsten Moment war alles vorbei. Das Symbol neben dem Namen Valerianna Schnellfuß wechselte zu einem grauen Kreis. Die Spielerin war tot ...
Es war 23:30 Uhr in der Nacht. Durch das Gewicht der nassen Zweige meines Sichtschutzes lag mein Flachbodenboot gefährlich tief im schwarzen Wasser. Ganz vorsichtig drehte ich mein überladenes Boot um. Dabei achtete ich darauf, dass die Ruder nicht knarrten und kein Sumpfwasser über die Seiten ins Boot lief. Langsam bewegte ich mich auf die weit entfernte Markierung zu, die auf der Karte den Ort der einzigartigen Mission anzeigte.
Mich durch den Sumpf zu bewegen, in dem es vor schrecklichen Monstern nur so wimmelte, machte mir zwar keine Angst, doch es dauerte sehr lange und war nicht besonders angenehm. Ich navigierte um die roten Totenschädel auf der Karte herum und versuchte, große Gruppen von Monstern zu vermeiden. Ich musste langsam und vorsichtig vorgehen, damit die Sumpfbewohner nicht misstrauisch wurden und das Zweiggeflecht, das durch den Sumpf schwamm, tatsächlich nur als einen natürlichen Hügel wahrnahmen.
Du hast mit der Fertigkeit Tarnung Level 7 erreicht!
Mein Boot befand sich nun im Sichtradius einer ganzen Gruppe von roten Markierungen. Selbst nachdem ich auf Level 7 war, stieg mein Tarnungsbalken immer noch schnell an. Einige Minuten später näherte ich mich Level 8. Welche Kreaturen lauerten wohl in diesem großen See im Sumpf? Ich hätte sehr gern die Zweige, die meine Sicht blockierten, etwas zur Seite geschoben und einen Blick riskiert, doch der Name der Quest ließ mich innehalten und belehrte mich eines Besseren. Gemächlich ging es vorwärts, nur 1 oder 2 Ruderschläge pro Minute. Ja, ich war sehr langsam, doch keines der einheimischen Monster bemerkte mein getarntes Boot.
Du hast mit der Fertigkeit Tarnung Level 8 erreicht!
In dem Moment konnte ich auf der Karte eine kleine Insel vor mir sehen, die von roten und schwarzen Totenschädeln übersät war. Sie interessierten mich nicht im Geringsten, doch inmitten der Bestien sah ich ein goldenes Dreieck. Das musste das Ziel meines Abenteuers sein! Ich rief einen Hinweis auf und las die Beschreibung.
Ein goldenes Dreieck markiert in Reich ohne Grenzen eine einzigartige Kreatur. Diese Kreaturen sind intelligent und wer sie findet und mit ihnen zusammenarbeitet, kann zahlreiche seltene Missionen mit sehr ungewöhnlichen Belohnungen erhalten.
Auf der Karte konnte ich erkennen, dass der direkte Weg zur Insel von einer schmalen Untiefe und einigen kleinen Erhöhungen blockiert war. Vorsichtig ruderte ich in einem weiten Bogen um die Hindernisse herum. Als mein überladenes Boot es endlich geschafft hatte, dicht an die Insel heranzukommen, war es 5 Uhr morgens. Mir war längst klar, dass ich während meines Boot-Abenteuers keine Möglichkeit hatte, zu meiner Unterkunft zurückkehren, bevor die Sonne aufging. Unglücklicherweise sollte es am Morgen sonnig sein. Durch die Zweige konnte ich bereits erkennen, dass sich der Himmel im Osten rosa färbte.
Ganz langsam näherte ich mich der Insel, auf der es vor tödlichen Monstern nur so wimmelte. Ich fragte mich, welche Entfernung ich wohl zurücklegen musste, um die einzigartige Quest abzuschließen. Mit einem dumpfen Klonk hielt mein kleines Boot an. Es war auf Grund gelaufen. Das nächste Monster war nur 7 Meter von mir entfernt, aber die Mission war noch nicht abgeschlossen.
Du hast mit der Fertigkeit Tarnung Level 9 erreicht!
Was musste ich tun, um die Belohnung zu bekommen? Vermutlich musste ich wenigstens einen Blick auf die einzigartige Kreatur werfen und sie identifizieren. Vorsichtig schob ich die Zweige zur Seite, um ein kleines Sichtfenster zu schaffen. Zuerst sah ich mir das Monster, das mir am nächsten war, genau an.
Level-51-Sumpf-Lindwurm
Der 3 Meter lange, schwarze Lindwurm hatte ein Maul voller Zähne und lag zusammengerollt auf dem Boden. Die Flügel waren auf seinem Rücken gefaltet.
Als ich einen Moment später den Blick hob, entdeckte ich SIE: eine riesige, malachitgrüne, geflügelte Schlange.
Kayervina, Mutter der fliegenden Schlangen (einzigartige Kreatur)
Die Mutter der fliegenden Schlangen sah unglaublich aus! Ihr wendiger, von Schuppen bedeckter, 30 Meter langer Körper war ständig in Bewegung. Einmal wand sie sich um sich selbst, als ob sie sich verknoten wollte, dann wieder formte sie Ringe. Es sah aus, als würde sie einen endlosen Tanz ausführen. Die fliegende Schlange hatte einen schmal zulaufenden Kopf und 2 weißliche Augen mit schwarzen, schlitzförmigen Pupillen, die nicht blinzelten. Ihre 4 Füße waren mit scharfen Krallen versehen, ähnlich denen einer Echse. Auf dem Rücken hatte sie 2 riesige Flügel, deren Häute rot leuchteten. Ich machte zur Erinnerung an diese tödliche Schönheit einige Screenshots von ihr.
Doch die Mission war immer noch nicht abgeschlossen. Warum nicht?
Ich schrieb eine persönliche Nachricht an Valerianna Schnellfuß. Die Nymphe musste längst respawnt haben. Die grüne Markierung neben ihrem Namen zeigte an, dass sie im Spiel war. Ich wartete jedoch nicht auf ihre Antwort, denn meine Schwester schlief wahrscheinlich und hatte das Spiel einfach laufen lassen. Ich musste selbst überlegen.
Meine Situation sah folgendermaßen aus: Ich hatte die geheimnisvolle Insel erreicht und hatte eine Vielzahl von Level-40- bis Level-70-Lindwürmern sowie eine gigantische geflügelte Schlange namens Kayervina gefunden. Meine Mission war, die einzigartige Quest in 40 Minuten abzuschließen und die Belohnung zu erhalten. Danach würde die Sonne aufgehen und mein Goblin-Vampir würde unweigerlich sterben, weil die brennenden Sonnenstrahlen durch die aufgehäuften Zweige über mir dringen würden.
„Ich habe geschlafen, tut mir leid. Beim Recherchieren habe ich Informationen über ähnliche Missionen gefunden. Offenbar muss die einzigartige Kreatur dich sehen. Selbst wenn sie dich angreift und tötet, wird die Mission als abgeschlossen angesehen.”
Aha! Es würde also ausreichen, irgendwie Kayervinas Aufmerksamkeit auf mich zu ziehen. Dazu musste ich sicherstellen, dass die anderen Lindwürmer mich nicht töteten, bevor die Schlangenmutter mich bemerkt hatte!
Ich richtete meinen Blick wieder auf den Lindwurm, der sich am dichtesten bei mir befand. Er schlief auf einem grasbedeckten Hügel. Der Hals der fliegenden Schlange war nur 7 Meter von mir entfernt. In dem Augenblick erinnerte ich mich an die äußerst effektive Methode, mit der ich die Aufmerksamkeit aller Inselbewohner erregen konnte. Mein potenzielles Opfer war auf Level 51, darum durfte ich nicht vergessen, eine Trophäe von ihm für Tarek Riesenfuß‘ Mission mitzunehmen.
Zunächst öffnete ich mein Inventar und zog das Fenster zur Seite, damit es mir nicht die Sicht versperrte. Danach entfernte ich die Zweige und machte mir einen Weg frei. Ich atmete tief durch, um meinen Körper auf Aktivität vorzubereiten. Jetzt! Mit aller Kraft rannte ich auf den schlafenden Lindwurm zu, schlug meine Fangzähne in seinen Hals und trank sein Blut.
Verdiente Erfahrung: 4.080 EP
Verbesserte Volksfähigkeit: Blutlust (Erhöht den zugefügten Gesamtschaden für jede einzelne Kreatur, die durch Vampirbiss getötet wird, um + 1 %. Aktueller Bonus: 5 %)
Freigeschaltetes Achievement: Geschmackstester (5/1000)
Level 16!
Verbesserte Volksfähigkeit: 35 % Giftresistenz
Wie ein Schwarm aufgescheuchter Krähen schossen alle Lindwürmer auf einmal hoch. Sie schlugen mit den Flügeln und ließen ein ohrenbetäubendes Brüllen hören, doch das war alles. Keine der fliegenden Schlangen hatte mich bemerkt. Es waren nur noch wenige Sekunden, bevor mein Goblin starb. Warum hatte ich nur so wenig Erfahrung verdient? Mit der Erfahrung vom Töten des Level-42-Ochsenfrosches in einer Gruppe hatte ich 6 Mal gelevelt. Gerade hatte ich allein einen Level-51-Lindwurm erledigt. Davon hatte ich mir mindestens 10 weitere Levels versprochen ...
Die Mission „Neugier und die Katze” ist abgeschlossen.
Verdiente Erfahrung: 8.000 EP
Level 17!
Dein Ruhm hat sich erhöht.
Aktueller Wert: 1
Verbesserte Volksfähigkeit: 35 % Kälteresistenz
Das war alles?! Für eine einzigartige Quest nur 1 Level und überhaupt keine Beute?
Achtlos stopfte ich die Trophäen des Lindwurms in meinen Beutel, als ich ES plötzlich entdeckte: An der Stelle, an der sich die Schlangenmutter eben noch befunden hatte, lag ein mysteriöser, leuchtend gelber Gegenstand.
Lindwurm-Ei (einzigartiger Gegenstand)
Ich rannte auf die Beute zu, bevor mir richtig bewusst wurde, um was es sich bei dem Gegenstand handelte. Das war also die fantastische Belohnung! Abrupt sprang ich zur Seite: Ein Lindwurm, der auf mich herabgestoßen war, schlug auf dem Boden auf. Als Nächstes rollte ich vorwärts, um den Strahlen des zischenden Gifts auszuweichen, die die anderen wütenden Lindwürmer jetzt auf mich spritzten.
Du hast mit der Fertigkeit Ausweichen Level 7 erreicht!
Du hast mit der Fertigkeit Akrobatik Level 5 erreicht!
Ich sprang nach vorne und rutschte auf dem nassen Lehm aus. Ein weiterer schuppiger Lindwurm ging hinter mir zu Boden. Schnell stand ich auf, um über seinen langen, hin und her schwingenden Schwanz zu springen. Als seine Kiefer direkt vor meiner Nase zuschnappten, lief ich in die andere Richtung und musste erneut aus dem Weg springen, um einem Flügelschlag auszuweichen, der meinen Kopf nur um Haaresbreite verpasste. Ich stolperte über etwas, das sich bewegte, und sprang mit ausgebreiteten Armen vorwärts. Ich hatte es geschafft! Ohne eine Sekunde zu verlieren, steckte ich die unschätzbare Trophäe in mein Inventar. Als ich meinen Kopf wieder hob, konnte ich gerade noch sehen, wie die Schlangenmutter mir einen Strahl zischenden Gifts ins Gesicht blies.
Du bist gestorben.
Verlorene Erfahrung: 3.015 EP
Du respawnst in 59 Minuten und 58 Sekunden an deinem zuletzt festgelegten Spawnpunkt.




[1] Neugier ist der Katze Tod.
[2] Weiblicher Wassergeist aus der slawischen Mythologie. Rusalken sind ruhelose, gefährliche Wesen. Junge Frauen, die sich wegen einer unglücklichen Ehe ertränkt haben oder von jemandem ertränkt wurden, müssen den Rest ihrer vorherbestimmten Zeit auf der Erde als Rusalken verbringen.
[3] Böser weiblicher Hausgeist, der bei den Slawen als alte, seltsam gekleidete, meist unsichtbare Frau in Erscheinung tritt. Die Kikimora lebt hinter dem Ofen oder im Keller. Sie versucht, die Bewohner mit Geräuschen in den Wahnsinn zu treiben, bis diese das Haus verlassen.
[4] Männlicher Waldgeist aus der slawischen Mythologie. Zu den üblichen Scherzen des Leshii gehört es, Menschen beim Pilze- oder Beerensammeln ins tiefste Dickicht zu führen und sie lange Zeit im Kreis durch den Wald irren zu lassen.


Großer Wirbel um ein Ei



ALS ICH AUS der virtuellen Realitätskapsel stieg, war ich angeschlagen, müde und konnte mich kaum auf den Beinen halten. Meine Arme zitterten und meine Schultern schmerzten wie verrückt. In den letzten 6 Stunden hatte ich ein überladenes, tiefliegendes Boot mit sehr unhandlichen Rudern gerudert. So mussten sich im Altertum die Sklaven auf griechischen Trieren[1] nach einem Tag harter Arbeit gefühlt haben.
Als ich mich zu der virtuellen Realitätskapsel umdrehte, entdeckte ich, dass sie von meinem Schweiß innen ganz nass war. Glücklicherweise verfügten die modernen Spielkapseln über eine Selbstreinigungsfunktion, die ich gleich aktivierte. Mein Körper und sogar meine Haare waren nass geschwitzt. Ich warf mir das Handtuch, das ich von zu Hause mitgebracht hatte, über die Schulter und machte mich schnell auf den Weg zum Waschraum. In Reich ohne Grenzen war der Morgen noch nicht angebrochen und ich wollte vor Kira duschen, die das Spiel gewöhnlich kurz vor Morgengrauen verließ.
„Guten Morgen, Timothy!”, erklang die Stimme der Frau hinter mir, sobald ich meine Kabine verlassen hatte.
Dem Bademantel, Handtuch und den Toilettenartikeln nach zu urteilen, die sie im Arm hatte, war sie ebenfalls auf dem Weg zum Waschraum. Ich begrüßte sie höflich und blieb stehen, um sie vorbeigehen zu lassen, doch Kira hielt neben mir an und sagte mit einem verschmitzten Lächeln: „Habe ich dir vorgestern einen Schrecken eingejagt? Ich habe das Gefühl, dass du mich meidest. Nach unserer letzten Begegnung hatte ich erwartet, dass du bestimmt einen Grund finden würdest, mich wiederzusehen. Ich hatte mir schon einen Spruch zurechtgelegt, um dich abblitzen zu lassen, weil ich dich für einen dreisten Dandy gehalten habe. Aber gestern bist du den ganzen Morgen nicht aus deiner Kabine gekommen und heute hast du dich beeilt, um das Spiel früher zu verlassen, als ob du mir aus dem Weg gehen wolltest. Ich bin fast ein wenig gekränkt, so völlig ignoriert zu werden.”
Ich hatte keine Ahnung, was ich Kira antworten sollte. Sollte ich ihr sagen, dass ihr Eindruck falsch war und ich ihr nicht aus dem Weg ging? Doch das wäre eine Lüge gewesen, denn ich hatte das Spiel heute genau darum etwas früher verlassen.
Kira lachte. „Timothy, es ist so lustig, wenn du verlegen wirst. Sieh dich an, du errötest ja! Bei deinem schönen, muskulösen Körper hast du keinen Grund, verlegen zu werden. Treibst du Sport?”
„Ich war früher Kunstturner. Ich habe sogar an einigen Turnieren teilgenommen, als ich noch fit war”, erwiderte ich.
Weil Val und ich an den Rand der Metropole hatten ziehen müssen, war ich aus dem Sportverein ausgetreten. Ich hatte weder Geld noch Zeit zum Trainieren und der Weg zum Stadion war zu aufwendig, aber mein Körper hatte seine Form noch nicht verloren. Die junge Frau kam näher, streckte die Hand aus und fuhr langsam über meine Schulter. Dann sah sie auf ihre Finger, die von meinem Schweiß feucht waren.
„Ich liebe den Anblick eines durchtrainierten Männerkörpers!” Kira beobachtete meine Reaktion und lachte laut. Auf einmal wurde sie wieder ernst und wechselte das Thema. „Du siehst aus wie ein Rennpferd nach dem Rennen. Dein Körper sollte nicht in dieser Weise auf Sachen reagieren, die im Spiel passieren. Ist deine virtuelle Realitätskapsel falsch eingestellt, Timothy? Hast du vielleicht Gesundheitsprobleme? Wie auch immer, sie sollten dich so nicht spielen lassen.”
Aus Angst, gefeuert zu werden, beeilte ich mich, Kiras Zweifel zu zerstreuen, und antwortete so ehrlich wie möglich: „Es geht mir ausgezeichnet. Ich habe mich nur beeilt, vor allen anderen eine Quest abzuschließen. Ich musste für einige Stunden ein Boot rudern, darum schwitze ich.”
Kira sah mich ungläubig an und sagte gedankenvoll: „Jetzt hast du mich neugierig gemacht. Eine Nachtquest für einen Spieler, der erst 3 Tage spielt, und bei der man rudern muss ... Ich dachte, ich kenne alle Missionen für neue Spieler, aber mir fällt keine ein, die auf deine Beschreibung zutrifft.”
„Es war eine einzigartige Quest namens ‚Neugier und die Katze‘”, erzählte ich ihr. Ihre Augen wurden vor Überraschung größer. „Ich habe sie erst vor 3 Minuten abgeschlossen, aber gleich danach hat mich eine riesige, fliegende Schlange getötet, die Kayervina heißt.”
Kira wurde schlagartig sehr ernst und runzelte die Stirn. „Das hört sich alles sehr seltsam an. Angenommen, du lügst nicht, warum verschwendest du dann deine Zeit hier mit mir, Dummkopf? Wenn du eine einzigartige Mission erhalten hast, solltest du sie zu Geld machen! Weißt du überhaupt, wie viele Spieler in Reich ohne Grenzen ihre eigene Großmutter verkaufen würden, um eine einzigartige Kreatur zu finden und ihren Ruhm zu erhöhen?! Die Beute ist sicher auch sehr interessant, weil es eine einzigartige Mission ist. Wenn du es nicht schaffst, ein seltenes Monster zu besiegen oder dir den wertvollen Schatz zu holen, versuche wenigstens, deine Karte mit dem Standort zu verkaufen. Das mache ich immer so. Ich versichere dir, Timothy, wenn du sie im Forum richtig anbietest, kann dein Charakter heute Abend in Münzen schwimmen!”
Mit einem Mal sah es so aus, als ob ich das Duschen verschieben musste. Ich dankte der erfahrenen Spielerin für ihren wertvollen Rat und eilte in meine Kabine zurück. Ich hatte hochwertige Screenshots von einer äußerst seltenen, 30 Meter langen, fliegenden Schlange und ein Video, wie ich die einzigartige Mission „Neugier und die Katze” abgeschlossen hatte. Außerdem hatte ich aus der Entfernung Fotos von dem Lindwurm-Ei gemacht. Wenn ich das Video gut bearbeitete, meinen Angriff auf den schlafenden Lindwurm sowie den Abschnitt, in dem ich das einzigartige Ei eingesammelt hatte, herausschnitt und dem Ganzen meine Kommentare hinzufügte, konnte es eine Sensation werden!
Ich verbrachte eine halbe Stunde damit, einen komprimierten Videoüberblick meiner dritten Spielsession zu erstellen. Das Video zeigte das Goblindorf Tysh, die schöne Taisha und ihren starken Vater, mein 6-maliges Hochleveln durch die Jagd auf den Ochsenfrosch und schließlich einen detaillierten Abschnitt über mein nächtliches Boot-Abenteuer, die fliegende Schlange Kayervina und meinen „erfolglosen” Versuch, mir das einzigartige Ei zu beschaffen. Das Video endete mit einer spektakulären Szene des Angriffs der Schlangenmutter gefolgt von meinem Tod.
Am Ende des Videos sagte ich mit Bedauern in der Stimme: „Diese Quest war zu schwierig für einen Anfänger. Mein Charakter wäre niemals in der Lage gewesen, es mit Kayervina aufzunehmen. Doch falls erfahrene Spieler versuchen wollen, diese 30 Meter lange, fliegende Schlange zu besiegen, können sie meine Karte der Umgebung mit der Markierung des Ortes, an dem Kayervina gelebt und wo sich ihr Ei befunden hat, für nur 100 Münzen herunterladen.”
Ich wählte meine Worte sehr sorgfältig, um sicherzugehen, dass Käufer mich nicht der Lüge bezichtigen konnten. Richtig, ich verkaufte eine Karte mit einer Markierung, die anzeigte, wo sich das Lindwurm-Ei befunden hatte. Ich konnte kaum dafür verantwortlich gemacht werden, wenn es nicht mehr dort war, oder?

* * *

EIN ANRUF AUF meinem Handy riss mich aus einem unruhigen Traum, in dem ich vor einem Schwarm Schlangen auf der Flucht war. Mühsam öffnete ich die Augen und sah auf die Uhr. Es war 9:30 Uhr und ich war nach meiner Nachtschicht erst um 8 Uhr ins Bett gegangen.
Jane war am Telefon. „Guten Morgen, Timothy”, sagte sie. Trotz ihrer höflichen Worte war kein bisschen Freundlichkeit in ihrer Stimme. Es klang eher nach kaum verhüllter Verärgerung. „Herr Lavrius will Sie in seinem Büro sehen. Wann können Sie hier sein?”
„Ich brauche ungefähr eine Stunde. Was ist denn so dringend?”
„Ich weiß es nicht, Timothy. Unser Chef hat schon den ganzen Morgen schlechte Laune. Er ist gerade wutschäumend zu einer Besprechung gegangen. Ich habe gehört, wie er ein paar Mal Ihren Namen gesagt und dann geflucht hat. So wütend habe ich schon lange nicht mehr gesehen. Wenn ich Sie wäre, würde ich ihn nicht warten lassen.”
Jane hängte auf und ließ mich völlig verwirrt zurück. Warum wollte der Direktor mit mir sprechen und warum sofort? Was hatte ich falsch gemacht? Ich gähnte und stand auf, um meine Müdigkeit zu vertreiben. Meine Schwester saß mit ihrem VR-Helm vor einem inaktiven Bildschirm. Ihre Hände steckten in Sensorhandschuhen. Den Handbewegungen nach zu urteilen, kletterte sie irgendwo hoch oder kroch durch ein Dickicht. Als ich Valeria auf die Schulter tippte, zuckte sie vor Schreck zusammen und nahm dann den Helm ab.
„Val, sie haben mich eben aus dem Büro angerufen. Ich soll so schnell wie möglich dort erscheinen. Einen Grund haben sie nicht genannt.”
„Es hat sicher etwas mit dem Wirbel um die Insel mit den Lindwürmern zu tun”, sagte meine Schwester.
Ich wurde hellhörig und bat sie, mir davon zu erzählen.
Während ich mich anzog und mir einen starken Kaffee kochte, drehte Valeria ihren Rollstuhl zu mir und beschrieb ausführlich, was sich zurzeit im Spiel ereignete. Sie hatte gegen 8 Uhr morgens ungewöhnliche Aktivitäten in unserem ruhigen, unbewohnten Teil der Welt bemerkt. Der lokale Chat wurde von Spielern angeheizt, die sich unterhielten oder versuchten, eine Gruppe für einen Angriff auf die Lindwurm-Insel im Sumpf zusammenzurufen.
Im gleichen Chat las ich, dass ein bestimmter Spieler in Steinhang einige Portalrollen verzaubert hatte, die er in der nahegelegenen Stadt Weiden für je 1.000 Münzen verkaufte. Zwar waren die Gamer über den unverschämt teuren Preis aufgebracht, aber die meisten benutzten diese Rollen trotzdem, um sich einen Vorsprung vor den vielen Konkurrenten zu verschaffen, die zu Fuß oder auf verschiedenen Reittieren hinter ihnen herkamen.
Um 8:30 Uhr hatte eine Gruppe der ungeduldigsten Spieler als Erste die Insel im Sumpf erreicht, doch sie wurden alle getötet, weil sie die Stärke der Mutter der fliegenden Schlangen unterschätzt hatten. Aufgrund der ihr untergebenen Level-40- bis Level-70-Lindwürmer hatten die Spieler das Level der einzigartigen Schlange auf 100 geschätzt und eine entsprechende Kampfstrategie geplant.
Dennoch hatte Kayervina die ganze Gruppe von „Tanks” mit einem einzigen Gifthauch vernichtet und einige Sekunden später war die Fernunterstützung der Gruppe ebenfalls ausgelöscht worden. Im Chat erschien eine Vielzahl scharfer Kommentare, denn die Spawnpunkte der toten Krieger befanden sich im besten Fall in der Stadt Weiden, andere waren jedoch viel weiter entfernt.
Nachdem die erste Gruppe gescheitert war, bildete sich eine zweite, die mit völlig anderen Problemen zu kämpfen hatte. Aus heiterem Himmel waren in Steinhang jede Menge Spielertöter erschienen, die sich Portalrollen gekauft hatten. Das Dorf war plötzlich von getarnten Ninjas, Dieben und Assassinen überschwemmt, die einzelne Spieler oder Spieler, die sich fortbewegten, sofort töteten. Sogar einige Mitglieder der Clans der Schläger und des Gesindels tauchten auf. Sie waren bei den anderen Spielern wegen ihrer pathologischen Neigung zum Morden nur um des Mordens willen verhasst.
Viele dieser Eindringlinge versteckten sich in den Häusern von NPC-Dorfbewohnern, während sie weitere Pläne schmiedeten. Es wurde gemunkelt, dass der Level-250-Zwerg Kopfschuss_Für_Alle in Weiden gesehen worden war. Mit seinem versteinerten Gesicht war er einer der wichtigsten Tanks des Clans der Hüter, der zu den 10 stärksten Clans auf dem südlichen Kontinent zählte. Berühmte Krieger wie sie gingen ohne Dutzende von unterstützenden Spielern nicht mal zum Pinkeln, daher wurde vermutet, dass bald eine riesige Angriffstruppe von hochleveligen Hütern in Steinhang eintreffen würde.
„Ich schicke das graue Rudel weg, damit unsere Wölfe nicht versehentlich die Opfer des hitzigen Temperaments eines Spielers werden. Ich bin schon nahe am Sumpf. Auf der Insel der Lindwürmer kann ich Lichtblitze erkennen. Dort findet ein schwerer Kampf statt, bei dem viel Magie eingesetzt wird, aber ich kann nicht erkennen, wer mehr Treffer einsteckt. Ich bin zu weit entfernt.”
„Alles klar, Val. Ich muss mich jetzt schnell auf den Weg zur Arbeit machen.”

* * *

ICH SASS BEREITS seit 2 Stunden auf der kleinen Bank und genoss den Blick vom 44. Stock auf die Metropole. Von hier oben sah die Stadt sauber und ordentlich aus. Sie hatte smaragdgrüne Flächen, einen blauen See mit zahlreichen Ausflugsbooten und sogar Autobahnen mit endlosen Schlangen elektrischer Autos, die hin und zurück pendelten. Zwischen den Grünflächen und den Straßen erhoben sich Wolkenkratzer, die wie facettierte Kristalle in der Sonne glänzten. Dort waren die größten Unternehmen der Welt untergebracht. Zwischen den hohen Gebäuden sausten die Bürger in ihren fliegenden Autos und Quadrocoptern wie summende Fliegen durch die Luft. In regelmäßigen Abständen schwebten Polizeidrohnen am Himmel, um die öffentliche Ordnung zu gewährleisten. Die Innenstadt der Metropole sah nach viel Geld und Vertrauen in die Zukunft aus.
Ich seufzte gelangweilt und sah zum x-ten Mal auf die geschlossene Bürotür des Direktors der Abteilung Sonderprojekte. Alexandro Lavrius war immer noch nicht von seiner Besprechung zurückgekehrt. Seine Assistentin Jane konnte mir nicht sagen, wie lange es noch dauern würde. Meine Besorgnis wuchs von Minute zu Minute. Es musste etwas Ungewöhnliches passiert sein, wenn eine Krisensitzung mit den leitenden Angestellten nötig war. Ich war so müde, dass ich mein Gähnen nicht unterdrücken konnte. Schließlich war ich mit meiner Geduld am Ende. Ich ging zum Büro des Direktors hinüber und öffnete die Tür.
„Jane, ich gehe runter und mache mich an die Arbeit. Sie können mich anrufen, sobald der Direktor wieder zurück ist. Dann komme ich mit dem Fahrstuhl hoch.”
Die Assistentin nickte nur kurz. Sie war damit beschäftigt, ihre langen, gepflegten Fingernägel zu lackieren. Offensichtlich hatte gleichmäßig aufgetragener Nagellack größere Priorität für sie als die persönlichen Probleme eines kleinen Angestellten wie mir.
Ich nahm den Fahrstuhl nach unten und ging zu meiner Kabine. Gerade hatte ich meinen elektronischen Schlüssel herausgenommen, als ich hörte, wie ein paar Leute meinen Namen riefen. Ich erkannte einige von ihnen, sie hatten in dem Nebenraum mit mir zusammen den Fragebogen ausgefüllt. Etwa ein Dutzend Männer und Frauen standen im Pausenbereich am Ende des Ganges. Die Tester mussten in ihrer Mittagspause sein.
„Da ist ja die geheimnisvolle ‚Nummer 16‘! Es ist schon unser dritter Tag, aber ich sehe dich heute zum ersten Mal hier”, scherzte eine junge Frau und bedeutete mir, herüberzukommen. Sie war diejenige, die ihren ursprünglichen Charakter gegen eine Dryadentänzerin eingetauscht hatte.
Ich ging hinüber und begrüßte meine Kollegen. Es stellte sich heraus, dass wir als einzige aus der Ausgangsgruppe von 40 Spielern übrig waren. Alle anderen waren von Alexandro Lavrius rausgeworfen worden. Sie stellten mir Fragen über meinen Charakter und wollten wissen, wo ich in den letzten 3 Tagen gewesen war.
„Level-17-Goblin-Kräutersammler”, stellte ich mich vor.
Meine Kollegen nickten anerkennend.
„Toll! Veronika ist die Einzige, die besser ist als du. Sie hat schon Level 25 erreicht”, informierte ein etwa 40-jähriger, rothaariger Mann mit Schnurbart mich und deutete auf die Dryade.
Sie lachte freundlich und sagte ohne Scham: „Der Beruf meines Charakters hat nur begrenzte Anwendungsmöglichkeiten, daher war mir vom ersten Tag an klar, was ich tun muss. Ich provoziere Passanten absichtlich mit meiner sexuellen Ausstrahlung und meinem Verhalten. Probleme mit NPCs können wegen ihrer äußerst positiven Reaktion mir gegenüber entweder auf der Stelle oder im Bett gelöst werden. Ich habe alle 3 Teile der Quest ‚Kontakte knüpfen‘ am ersten Tag abgeschlossen. Na ja, meine Dryade ist ein paar Mal sexuell angegriffen worden, doch das liegt wohl in der Natur der Sache. Aber es ist ja nur ein Videospiel, darum mache ich mir nicht viel daraus.
Am ersten Tag habe ich meinen Videokanal in der Kategorie ‚Nur über 18 Jahre‘ eingerichtet. Seitdem streame ich live. Ich habe schon 8.000 zahlende Abonnenten. Außerdem haben mir viele Zuschauer erhebliche Geldsummen geschickt und wollen mich im realen Leben kennenlernen.
Herr Lavrius hat mir gestern mitgeteilt, dass ich die Probezeit bereits bestanden habe. Er hat mich fest angestellt, daher kann ich jetzt Spielgeld zu Bargeld machen. Gestern habe ich mir mit meinem verdienten Geld ein Penthouse mit Pool auf dem Dach eines Wolkenkratzers gekauft. Heute Abend lege ich mir noch ein fliegendes Auto zu, dann muss ich nie wieder den Fahrstuhl nehmen oder auf die Erde zurückkehren ...” Veronika lachte laut.
Der rothaarige Mann, der neben ihr stand, sah ziemlich niedergeschlagen aus. „Es freut mich, dass es so gut für dich läuft. Ich bin am dritten Tag allerdings erst auf Level 8! Herr Lavrius ist sehr unzufrieden mit mir. Er hat schon angedeutet, dass er mich feuert, wenn ich am Ende der Woche nicht Level 20 erreicht habe. Doch wo kann ich Erfahrung verdienen? Niemand lässt meinen Oger-Festungsbaumeister näher als 1 Kilometer in die Nähe seines Dorfs! Ich habe es bereits bei einem Menschen- und einem Arachnidendorf versucht. Beide Male bin ich sofort getötet worden! Neben meinem Spawnpunkt gibt es nichts weiter als einen gefährlichen Wald voller Level-20-Monster. Sie töten mich mindestens dreimal am Tag, darum verliere ich ständig Erfahrung. Ich bin kein Jäger oder Fischer. Mein langsamer Riese kann noch nicht mal Beute im Wald fangen, sich verstecken oder Gefahren entkommen. Ich brauche normale Arbeit wie graben, bauen, Pfähle abholzen ...”
Etwas in den Worten meines verzweifelten Kollegen ließ mich aufhorchen. Schlagartig hatte ich eine Idee, die ich sofort umsetzte. In einem Cartoon wäre jetzt eine Glühbirne über meinem Kopf erschienen. In einem absichtlich gleichgültigen Ton sagte ich zu ihm: „Für dich ist es einfach, du bist stark. Du musst nur den richtigen Arbeitgeber finden. Ich habe genau das umgekehrte Problem: Ich brauche unbedingt einen Festungsbaumeister, um bessere Verteidigungslinien um ein Haus zu bauen, das ich im Wald entdeckt habe. Dort gibt es überall unheimliche Monster, die bis an die Tür kommen, daran kratzen und in die Fenster sehen. Ich muss das Haus renovieren und das ist eine Menge Arbeit: die Palisade reparieren, Fallgruben graben, einen Wachturm bauen, das Tor der Palisade wieder in die Angeln hängen ... Du siehst also, es gibt viel zu tun. Aber mein Charakter ist ein Goblin, ich erhalte eine Strafe, wenn ich meine Stärke erhöhe. Außerdem würde es Jahre dauern, bis ich auch nur eine einzige Fallgrube gegraben hätte ...”
Wie ich vorhergesehen hatte, wurde der rothaarige Mann aufgeregt wie ein Jagdhund, der einen Fasan gerochen hatte. „He, gib mir doch die Koordinaten deines Waldhauses! Wenn es nicht zu weit ist, komme ich rüber und baue dir alles, was du brauchst. Du stellst die Werkzeuge und die Verpflegung zur Verfügung und im Gegenzug arbeite ich für dich! Ich brauche die Arbeit so dringend! Schick die Koordinaten an den Charakter Shrekson Bastard.”
Ich ging in meine Kabine, um ihm die Nachricht mit den Informationen zu schicken. Dabei entdeckte ich, dass schon 84 Spieler mein Angebot genutzt hatten, die Karte mit dem Standort der Lindwurm-Insel für 100 Münzen zu kaufen. Ehrlich gesagt waren das nicht viele, ich hatte wenigstens einige hundert Käufer erwartet. Doch 8.000 Ingame-Münzen waren nicht schlecht. Allerdings hatte ich die Sache nicht richtig durchdacht, denn ich hatte das Geld nicht in Münzen erhalten, sondern als Schuldscheine von zwei verschiedenen Banken: der Unterirdischen Bank von Thorin dem Neunten und der Vertrauenswürdigsten Bank der Gremlins. Ich würde Zweigstellen der Banken finden müssen, um diese Scheine in nutzbares Geld umzutauschen.
Zurück im Pausenbereich ließ ich Shrekson wissen, dass er sich die Koordinaten jetzt ansehen konnte. Er rannte los und kurz darauf erklang seine erfreute Stimme. „Das ist ganz in meiner Nähe! Das Haus ist nur 47 Kilometer entfernt. Also gut, Leute, ich mache mich wieder ans Spielen. Hoffentlich bin ich bis zum Abend dort!” Er schloss die Tür seiner Kabine und das kleine, rote Licht leuchtete auf.
„Ich hoffe sehr, dass Leon die Probezeit besteht”, sagte ein junger Mann. Er hatte Sommersprossen und trug einen Ohrring in einem Ohr. „Ich arbeite erst seit 3 Tagen mit ihm, aber es ist, als ob ich ihn schon ewig kennen würde. Nicht oft trifft man eine ehrliche, offene Person wie ihn. Er hat sein ganzes Leben lang als Bauarbeiter geschuftet. Letzten Monat ist ein Unfall passiert. Jemand hat seinen Sicherheitsgurt nicht getragen und ist zu Tode gestürzt. Danach hat die Baufirma die ganze Kolonne entlassen. Sie haben wohl gedacht, ein fauler Apfel verdirbt den ganzen Korb. Leon war gar nicht dabei, er hatte eine andere Schicht, doch sie haben ihn auch gefeuert. Er hat noch nicht mal eine Abfindung bekommen. Jeder andere wäre wütend oder würde anfangen zu trinken, aber nicht Leon.
Und stell dir vor, heute Morgen hat er einen goldenen Ring mit einem großen Rubin im Duschraum gefunden, der offensichtlich einer Frau gehört. Er hat ihn mir gezeigt, der Ring ist mindestens 60.000 Credits wert. Glaub mir, ich kenne mich mit Schmuck aus. Er hätte ihn einfach behalten und den Rest seines Lebens davon leben können. Stattdessen hat er ihn zu den Sicherheitsleuten am Eingang des Gebäudes gebracht, damit sie die Besitzerin des Rings ermitteln können.”
„Wahrscheinlich hat Kira ihn vergessen”, warf ich ein. „Sie ist eine junge Frau in Kabine 20, die in der Nachtschicht arbeitet. Sie trägt teure Ringe an den Fingern.”
„Ja, stimmt”, pflichtete Veronika mir bei. „Ich habe sie schon ein paar Mal gesehen. Sie trägt Hüte, die mehr wert sind als meine neue Wohnung. Ich habe keine Ahnung, welchen Charakter sie spielt, aber meine gesamten Achievements sind wertlos verglichen mit dem, was dieses Weibsbild verdient!”
Am Ende des Satzes brach Veronikas Ärger aus ihr heraus und sie konnte ihren Neid nicht mehr verhehlen. Diese Reaktion gefiel mir überhaupt nicht, darum verabschiedete ich mich schnell mit der Erklärung, ich müsste wieder an die Arbeit, und schloss mich in meiner Kabine ein. Nachdem ich mein Handy auf den Tisch gelegt hatte, legte ich mich in meine virtuelle Realitätskapsel, ließ den Deckel offen und schlief ein.

* * *

WIEDER WURDE ICH vom Klingeln meines Handys geweckt und wieder war Jane am anderen Ende. Doch dieses Mal war es bereits 17:30 Uhr und ich fühlte mich gut ausgeschlafen. Hatte die Besprechung des Direktors etwa so lange gedauert?
„Der Direktor erwartet Sie in seinem Büro im 44. Stock, Timothy.”
„Bin schon unterwegs”, erwiderte ich. Schnell zog ich mir mein Hemd an, knöpfte es zu und lief zum Fahrstuhl.
Drei Minuten später betrat ich das Büro des Direktors, doch Alexandro Lavrius war nicht im Zimmer. An seiner Stelle saß ein Mann in seinem Stuhl, der mir unbekannt war. Er war ziemlich korpulent und trug einen teuren Anzug. Außer ihm war noch ein weiterer Mann anwesend. Er hatte blondes Haar und aufgrund seiner äußeren Erscheinung war klar, dass er lange Zeit in der Armee gewesen sein musste. Er saß auf der Schreibtischkante, obwohl zwei bequeme Armsessel neben ihm leer waren. Um herauszufinden, was vor sich ging, drehte ich mich mit fragendem Blick zu Jane.
„Das ist Mark Tobius, der neue Direktor der Abteilung Sonderprojekte des Unternehmens von Reich ohne Grenzen. Er wurde heute vom Vorstand als Nachfolger von Alexandro Lavrius gewählt. Herr Lavrius ist entlassen worden”, stellte sie mir den gewichtigen Mann vor. „Der Herr neben ihm ist Andrei Soloviev, Leiter des Ingame-Sicherheitsdienstes.”
„Wie ich sehe, sind Sie überrascht, Timothy.” Mein neuer Chef musterte mich unverfroren mit bohrendem Blick. „Ja, unsere Leitung wurde heute etwas umstrukturiert. Heute früh kam einer unserer erfahrenen Tester mit Beweismaterial zur Abteilung Virtuelle Sicherheit. Er bat uns, die Entwicklung der Lage im Hinblick auf die Quest ‚Neugier und die Katze‘ zu verfolgen. Er vermutete einen potenziell groß angelegten Betrug. Nach umfangreichen Untersuchungen mussten wir feststellen, dass die Vermutungen des Testers begründet waren. Tatsächlich hat eine organisierte Gruppe hochrangiger Mitarbeiter versucht, in großem Umfang virtuelles Eigentum vom Unternehmen zu stehlen.”
„Das Lindwurm-Ei?”, mutmaßte ich.
Beide Männer nickten.
Der Leiter des virtuellen Sicherheitsdienstes nahm ein Blatt Papier vom Schreibtisch. Es war der Ausdruck eines Screenshots: Mein Goblin, seine Arme ausgestreckt, im Nest der Königin der fliegenden Schlangen. Daneben war ein offenes Inventarfenster zu sehen, das einen Platz zeigte, der mit einem goldenen Ei gefüllt war. In einer Ecke des Ausdrucks konnte man die Ingame-Zeit sehen: 05:44:37.148.
„Mit Ihrem verzweifelten Sprung nach dem Ei haben Sie die Pläne der Betrüger vereitelt. Nur 4 Minuten später besuchte ein Angestellter unseres Unternehmens den gleichen Ort. Es war ein hochleveliger Illusionist, der sich die Belohnung holen wollte, doch das Nest der fliegenden Schlange war leer. Wir verfolgten einen Anruf, der Alexandro Lavrius aus dem zweiten unterirdischen Stock des Gebäudes erreichte. Kurz danach erhielt der Direktor einen Anruf von einem unserer hochrangigen Programmierer. Dann entdeckten wir, dass jemand versucht hatte, das Ei zu verdoppeln, doch es ist ein einzigartiger Gegenstand, darum kann es immer nur ein Ei auf einmal im Spiel geben.
Alexandro Lavrius fand schnell heraus, wo sich das Original befand. Daraufhin wurde mehrmals versucht, Ihr Inventar zu hacken und das Ei zu entfernen. Das klappte auch nicht, denn jeder Versuch, das Inventar eines toten Spielers zu manipulieren, wird automatisch blockiert. Zu dem Zeitpunkt wussten wir natürlich schon alles außer dem Namen des Endkunden. Der ist uns jetzt ebenfalls bekannt. Es ist ein sehr angesehener Spieler, der Anführer eines der wichtigsten Clans auf dem westlichen Kontinent. Diese Person hat ziemlich hohe Summen von realem Geld in das Spiel investiert und ist offenbar unschuldig.”
„Ja, ich habe persönlich mit ihm gesprochen und ihm die Situation erklärt”, fügte der schwerfällige Mann hinzu. Er versuchte, es sich in dem Stuhl seines Vorgängers bequem zu machen, doch er war offensichtlich zu eng für ihn. „Ich habe es geschafft, dass er uns wieder wohlgesonnen ist. Der hoch angesehene Spieler wird weiterhin sein Geld in Reich ohne Grenzen stecken.”
Der Leiter des Ingame-Sicherheitsdienstes knirschte: „Anscheinend war es nicht das erste Mal, dass die Betrüger auf diese Art Geld aus dem Spiel entnommen haben. Trotzdem hat der Vorstand entschieden, dass Lavrius‘ Endkunden ihre seltenen Gegenstände, die sie in gutem Glauben gekauft haben, behalten dürfen. Die Methode der Betrüger war einfach und fein abgestimmt: Wenn ein unerfahrener Spieler zufällig eine seltene Quest mit einer wertvollen Trophäe erhalten hatte, fand Alexandro Lavrius es heraus und gab es an seinen Kontaktmann, den Programmierer, weiter. Der änderte dann die Quest-Einstellungen.
Normalerweise sind die Belohnungen für Quests vollkommen zufällig, doch nachdem er die Änderungen vorgenommen hatte, wurde automatisch die höchstmögliche Belohnung fallen gelassen. Dann bekam der neue Spieler ein paar Möglichkeiten, sich die Zähne daran auszubeißen, bevor sich schließlich ein anderer Mitarbeiter des Unternehmens den wertvollen Preis sicherte. Anschließend folgte ein privater oder manchmal sogar öffentlicher Verkauf. Der wertvolle Gegenstand ist dann an einen unserer vielen reichen Spieler gegangen, der Mitarbeiter entnahm das Spielgeld als reales Geld und der Gewinn wurde zwischen allen Beteiligten des Betrugs aufgeteilt.”
Beide Männer verstummten.
Schließlich ergriff ich das Wort und fragte: „Trifft die Entscheidung des Vorstands im Hinblick auf seltene Gegenstände auch auf mich zu? Immerhin habe ich das Ei offen und ehrlich verdient, ich bin sogar dafür gestorben.”
Erneut durchbohrte mein neuer Chef mich mit scharfem Blick. „Timothy, die Wahrscheinlichkeit, dass das Ei bei der Erzeugung der Quest ‚Neugier und die Katze‘ erscheint, liegt nur bei 3 Prozent. Sie haben es also nicht gerade auf ehrliche Weise bekommen. Die Umstände haben Ihnen in die Hände gespielt, aber das war nicht Ihre Schuld. Darum hat man entschieden, dass Sie das Ei behalten dürfen. Aufgrund des massiven Spielereignisses, das gerade in der Nähe der Lindwurm-Insel stattfindet, erhalten Sie außerdem 30 Minuten Schutz auf das Artefakt, doch Sie können es unter keinen Umständen tauschen oder verkaufen. Das Gleiche gilt für Ihre Schwester.”
Ich erstarrte vor Angst.
Andrei Soloviev sah mich an und lachte gutherzig. „Sie waren doch wohl nicht so naiv, zu glauben, dass das Unternehmen nicht alle Anrufe und Kontakte seiner Mitarbeiter sowohl innerhalb als auch außerhalb des Spiels überprüfen würde. Der Sicherheitsdienst hat die Identität von Valerianna Schnellfuß an Ihrem ersten Tag herausgefunden. Ihre Schwester hat Dienstbefehle benutzt, um das Spiel an einem bestimmten Ort mit einer bestimmten Person zu starten. Sie hat auch die standardmäßige Alterskontrolle umgangen. Statt eines Personalausweises hat sie ihren Behindertenausweis benutzt, um ihren Charakter zu registrieren, auf dem das Alter nicht vermerkt ist. Dieser Fehler wurde übrigens schon korrigiert.”
„Aber virtuelle Welten sind für meine Schwester der einzige Weg, ihre triste Realität zu vergessen! Sie ermöglichen ihr, ein volles Leben zu leben, zu reisen und mit vielen Leuten zu sprechen. Ohne meine Schwester würde Reich ohne Grenzen für mich die Bedeutung verlieren.” Ich hatte Angst, dass sie Valeria verbieten würden, weiterzuspielen.
„Wir haben kein Problem damit, dass Ihre Schwester spielt”, versicherte mein neuer Chef mir. „Ich habe sogar vorgeschlagen, sie offiziell als Testerin mit einem gewissen Festlohn einzustellen, denn ihr Charakter gehört einem seltenen Volk an und sie spielt sehr gut. Doch meine Vorgesetzten haben es abgelehnt. Ihre Schwester ist minderjährig und Reich ohne Grenzen ist als ‚18 Jahre und älter‘ eingestuft. Ihr wirkliches Alter ‚nicht zu bemerken‘, ist eine Sache, doch offiziell ein Kind einzustellen, das Inhalte für Erwachsene testen soll, ist etwas völlig anderes. Das riecht nach einer Straftat. Sie können weiterhin zusammen spielen, unser Unternehmen hat nichts dagegen.”
Gerade wollte ich aufatmen, als Mark Tobius mir einen Knüppel zwischen die Beine warf. „Trotzdem muss ich Sie warnen. Sie und Ihre Schwester dürfen keinesfalls Ingame-Vermögen teilen. Das gilt besonders für Münzen. Wenn Ihr Goblin mit Ingame-Geld Ihrer Schwester erwischt wird, stellt es eine strafbare Handlung dar, die einen lebenslangen Bann Ihres Charakters sowie einen sehr realen Ausflug vors Gericht nach sich zieht. Ich hoffe, das haben Sie verstanden.”
Ich bestätigte, dass ich vor Beginn meiner Tätigkeit als Tester eine entsprechende Warnung unterzeichnet hatte.
Mein neuer Chef nickte zufrieden. „Ausgezeichnet, Timothy, denn aus irgendeinem Grund betrachten viele Leute die Arbeit im Unternehmen von Reich ohne Grenzen als nichts anderes als eine Möglichkeit, Spielern zu helfen, virtuelles Kapital zu entnehmen – für einen bestimmten Anteil, versteht sich. Aus der Gruppe, die vor 3 Tagen angefangen hat, wurden bereits die Hälfte der Spieler rausgeworfen. Sie haben sich mit Kriminellen eingelassen, die auf das Entnehmen von Spielwährung spezialisiert sind. Es ist gut, dass Sie ehrlich mit uns waren. Ihre Verbindung mit Valerianna Schnellfuß ist sorgfältig geprüft worden und stellt kein Hindernis für Ihre Arbeit dar.”
Nun stand der beleibte Mann auf, nachdem er die ganze Zeit vergeblich versucht hatte, normal in dem Stuhl seines Vorgängers zu sitzen, und ging zu seiner neuen Assistentin hinüber. „Wie war noch mal Ihr Name? Jane? Gut, bestellen Sie mir bitte bis morgen einen neuen Stuhl. Das Ding da kann ich nicht gebrauchen. Und kochen Sie bitte eine Kanne starken Kaffee. Der Arbeitstag ist fast vorüber und ich kann keinen klaren Gedanken mehr fassen.”
„Ich hätte auch gerne eine Tasse Kaffee, ja?”, sagte der Leiter des Sicherheitsdienstes.
Die Assistentin ging hinaus, um das Gewünschte zuzubereiten.
In der Annahme, dass das Gespräch beendet war, erhob ich mich ebenfalls, doch mein Chef hielt  mich zurück.
„Warten Sie, Timothy. Es gibt noch ein paar andere organisatorische Sachen zu besprechen. Ich wurde bereits über das Versprechen meines Vorgängers informiert, dass Sie die Probezeit bestanden haben, falls es Ihnen gelingt, die Mission ‚Neugier und die Katze‘ abzuschließen. Leider kann ich dieses Versprechen nicht halten. Zuerst muss ich mich hier zurechtfinden und meine Mitarbeiter kennenlernen. Ob Sie bleiben können oder gehen müssen, hängt größtenteils davon ab, was Sie mit dem wertvollen Ei machen. Tun Sie damit, was Sie wollen, doch Sie dürfen es niemals verkaufen!”
„Ich werde etwas mit dem Ei machen, das niemand erwartet. Vielleicht könnte ich es ja einfach essen”, lachte ich.
Mark Tobius verschluckte sich fast an seinem Kaffee. Jane holte gelassen eine Serviette und wischte den verspritzten Kaffee weg. Dann verließ sie das Büro, um eine neue Tasse zu holen. Andrei Soloviev stellte mit leichtem Zweifel in seiner Stimme klar: „Ich hoffe, Sie haben nur Spaß gemacht, Timothy. Ich glaube kaum, dass es Ihnen gelingen würde, Ihrem Charakter 1 Million Credits zu essen zu geben.”
Ich gab mir die größte Mühe, meinen Schock zu verbergen. „Ehrlich gesagt hätte ich nicht gedacht, dass das Lindwurm-Ei so viel wert ist.”
Der Leiter des Ingame-Sicherheitsdienstes trank langsam den letzten Schluck Kaffee und betrachtete ein abstraktes Bild, das an der Wand des Büros hing. Kurz darauf wandte er sich zu mir um und sagte gedankenverloren: „Es ist immer schwierig, den Wert eines einzigartigen Gegenstands einzuschätzen. Nehmen wir zum Beispiel dieses Bild. Ich habe Berichte gelesen, die besagen, dass Alexandro Lavrius es für 130.000 Credits erworben hat. Doch wenn Sie genauer darüber nachdenken: Worin unterscheidet sich dieses Geschmiere von den hunderten von anderen Bildern, die man in unterirdischen Passagen hinterhergeworfen bekommt? Nur durch einen Käufer, der bereit ist, 130.000 Credits dafür zu bezahlen.
Das Gleiche gilt für einen Satz von Bytes. Der Wert wird von der Nachfrage bestimmt. Es gab einen Käufer, der bereit war, genau diese Summe für das Lindwurm-Ei zu bezahlen: 10 Millionen Spielmünzen. Ein ähnlicher Gegenstand, ein Greifenei, das ein Spieler vor einem halben Jahr als Belohnung für den Abschluss der Quest ‚Neugier und die Katze‘ bekommen hat, wurde auf einer Auktion für 6.700.000 Spielmünzen verkauft. Ein anderes Beispiel ist das Erscheinen des allerersten fliegenden Reittiers, einer gigantischen, silbernen Libelle. Es führte zu einer ernsthaften strafrechtlichen Ermittlung in der realen Welt und kostete 3 Menschen das Leben.”
Der Sicherheitsbeamte schwieg, doch mein neuer Chef nahm seinen Gedanken sofort auf. „Im Moment existieren nur 17 fliegende Reittiere im ganzen Reich ohne Grenzen. Auf dem südlichen Kontinent, wo Gamer in unserer Zeitzone leben, sind die einzigen fliegenden Reittiere 5 schneeweiße Pegasus. Die Stählerne Legion hat letztes Jahr für den Sieg in einem PvP-Clanturnier die Herrschaft über sie erhalten. Ihr Lindwurm hätte das sechste Reittier auf dem Kontinent und das achtzehnte in der ganzen Welt sein können. Mit ‚hätte sein können‘ will ich nicht meine Befürchtung ausdrücken, dass Sie das Ei wirklich essen würden. Ich bezweifle einfach, dass es lange ‚Ihr Lindwurm‘ bleiben wird.
Ich will nicht um den heißen Brei herumreden: Die Chancen, dass dieser wertvolle Gegenstand im Besitz Ihres schwachen Goblins bleibt, sind äußerst gering. Jede Menge Spieler werden das Ei stehlen wollen. Wenn sie Sie finden, töten sie Ihren Charakter so lange, bis Sie die wertvolle Beute gedroppt haben. Außerdem besteht die Möglichkeit, dass Sie gedoxxt werden. Jemand könnte Ihre persönlichen Informationen veröffentlichen und die Tür zu Drohungen und Schikanen in der realen Welt öffnen, was Sie sicher nicht wollen.”
Nachdem ich einen Moment geschwiegen hatte, fragte ich, wie Spieler herausfinden könnten, dass ich das Ei besaß, wenn ich es nicht im Video gezeigt hatte.
Andrei Soloviev antwortete: „Nur wenige unserer Angestellten wissen, wer das Ei besitzt. Sie alle haben eine Vertraulichkeitsvereinbarung unterschrieben. Andere Spieler können nur Vermutungen anstellen. Aber die Spitzenclans haben großes Interesse daran, das Lindwurm-Reittier zu bekommen. In den nächsten Tagen werden sie Listen von allen Spielern erstellen, die an dem Ereignis teilgenommen haben oder in der Nähe der Lindwurm-Insel waren. Der Kampf endete vor 2 Stunden mit Kayervinas Tod. Es war der vierte Versuch, doch das Ei war nirgends zu finden.
Im Moment reagiert der technische Support auf tausende von Anfragen mit der gleichen Antwort: ‚Das Ereignis fand in voller Übereinstimmung mit der Spielmechanik statt. Das Lindwurm-Ei bleibt im Spiel und befindet sich jetzt im Besitz eines sehr geschickten Spielers. Aus naheliegenden Gründen können wir seinen Namen nicht veröffentlichen.‘
Das Tablet meines Chefs, das auf dem Tisch lag, piepte. Der gewichtige Mann nahm es in die Hand, scrollte schnell durch einige Seiten und lächelte. „Die Beurteilung des Ereignisses aus der Sicht des oberen Managements von Reich ohne Grenzen ist eingegangen. Trotz der Spontanität ist das Massenereignis gut gelaufen. Es haben 9.500 Spieler teilgenommen und bis auf 170 sind alle mindestens einmal gestorben. Dazu kommt, dass heute 3 der 100 besten Spieler getötet wurden und dabei viel Erfahrung verloren haben. Solche Ereignisse sind ziemlich selten und fördern den Wettbewerb. Tausende von Ausrüstungsteilen und Gegenständen, darunter viele seltene und 2 legendäre, haben die Besitzer gewechselt. Außerdem ist es in einem Sumpf voller Unterwasserbestien zu einem direkten Kampf zwischen den Hütern und den Lords des Chaos gekommen, dem jeweils zweit- und drittstärksten Clan auf dem südlichen Kontinent. Das war die Krönung des Ganzen.
Auf zahlreichen Nachrichtenkanälen werden momentan Aufnahmen des Kampfes gezeigt. Das Interesse der Zuschauer ist kolossal. Die Lords des Chaos haben den Kampf gewonnen und konnten die Mutter der fliegenden Schlangen niederstrecken. Dadurch haben sie die Macht ihres Clans erheblich erhöht. Das wiederum wird in der Zukunft ernsthafte politische Folgen haben.”
Mark Tobius legte sein Tablet aus der Hand und drehte sich zu mir um. „Alles in allem sind die leitenden Angestellten sehr zufrieden. Als Auslöser dieser Aktivitäten haben Sie einen Bonus vom Unternehmen verdient. Jane wird eine angemessene Summe ausrechnen. Sie können das Geld morgen früh erwarten. Außerdem werde ich ein Auge zudrücken und Ihre illegale Froschjagd, bei der Sie einen NPC-Krieger des Dorfs eingesetzt haben, nicht weiter verfolgen.
Geteilte Erfahrung für das Töten von aggressiven Bestien wird für wichtige Dorfverteidiger mit einer anderen Formel kalkuliert. Die Belohnung ist für die ganze Gruppe höher, um sicherzustellen, dass kürzlich gespawnte NPCs möglichst schnell höhere Levels erreichen. Diese ‚Bulldozer‘ zum Farmen einzusetzen ist schamloses Mogeln. Wenn Sie dieses Exploit noch einmal nutzen, wird das ernsthafte Folgen haben ...”
Der Direktor unterbrach sich, als ein kurzes Klingeln aus meiner Tasche ertönte. Es war eine Nachricht von meiner Schwester.
„Trong Taucher ist zurück. Er ist jetzt auf Level 8. Ich habe mich um ihn gekümmert. Kommst du bald zurück?”
„Meine Schwester macht sich Sorgen. Sie fragt, wann ich zurückkomme”, entschuldigte ich mich für die Unterbrechung.
„Antworten Sie ihr, dass Sie gleich dort sind”, schmunzelte mein Chef. „Unser Gespräch ist beendet, Timothy. Sie können wieder an die Arbeit gehen. Doch ich möchte Sie noch einmal daran erinnern, dass Ihr Artefakt nur für 30 Minuten geschützt ist.”

Selbstfindung



„ICH KANN NICHTS Negatives darin sehen, dass das Unternehmen von unserer Verbindung weiß. Doch vor Spielern sollten wir sie weiterhin geheim halten. Lass sie denken, dass wir unabhängig voneinander spielen. Melde dich an, im Moment ist das Wetter ideal für dich. Dicke Wolken am Himmel! Heute Abend soll es ein schweres Gewitter geben! Ich habe wichtige Gäste in der Nähe des Blockhauses. Wir können später reden.”
Ich dankte meiner Schwester für die Wetterinformationen, fragte jedoch nicht weiter nach den unerwarteten Gästen. Anschließend legte ich mich in die virtuelle Realitätskapsel, um meine vierte Spielsession zu beginnen. Vorher sah ich mir die Statistik meines Charakters an.

Name
Amra
Volk
Goblin-Vampir
Beruf
Kräutersammler
Erfahrung
27.450 von 31.000
Charakterlevel
17
Trefferpunkte
150/150
Ausdauerpunkte
122/122
Attribute

Stärke (Str)
18 (18)
Beweglichkeit (Bew)
15 (39,7)
Intelligenz (Int)
5 (6,7)
Konstitution (Kon)
20 (24,5)
Wahrnehmung (Wah)
3 (12,75)
Charisma (Cha)
30 (33)
Unbenutzte Punkte
6
Hauptfertigkeiten (5 von 5 gewählt)

Kräuterkunde (Wah, Bew)
4
Handel (Cha, Int)
3
Alchemie (Int, Bew)
2
Ausweichen (Bew, Wah)
7
Tarnung (Bew, Kon)
9
Nebenfertigkeiten (3 von 5 gewählt)

Verschleiern
2
Akrobatik
5
Exotische Waffen
3

Dass meine zugewiesene Fertigkeit Kräuterkunde so weit hinter Tarnung und Ausweichen zurücklag, war etwas beschämend. Es verdarb das Bild von mir als friedlichem Pflanzensammler, doch das ließ sich leicht in Ordnung bringen. Ein oder zwei Nächte oder bewölkte Tage, um produktiv zu sein und Kräuterkunde zu praktizieren, und die Unausgewogenheit war behoben.
Dann waren da noch die 6 Attributpunkte, die zugewiesen werden mussten ... Ich entschied, das Rad nicht neu zu erfinden und meinen eingeschlagenen Weg zur Entwicklung meines Charakters fortzusetzen: 4 Punkte verteilte ich auf Charisma und 2 auf Beweglichkeit. Was die beiden unbenutzten Plätze in meinen Nebenfertigkeiten betraf, beschloss ich, noch etwas abzuwarten. Ich konnte sie im weiteren Verlauf des Spiels belegen.
Danach wählte ich die Option „Laden”. Bevor die Welt von Reich ohne Grenzen geladen wurde, erschien auf dem schwarzen Hintergrund eine Meldung mit den Details meines Todes von letzter Nacht. Über einen Link am unteren Rand hatte ich die Möglichkeit, mir die Gründe für den tödlichen Ausgang genauer anzusehen. Ich klickte darauf und sah das folgende Protokoll:
Erlittener Schaden: 107.888 Punkte (165.981 Giftschaden von Kayervina, 35 % Giftresistenz)
Erlittener Schaden: 230.891 Punkte (230.891 Säureschaden von Kayervina)
Erlittener Schaden: 123.893 Punkte (123.893 Feuerschaden von Kayervina)
Du bist gestorben um 05:44:37.889
Verlorene Erfahrung: 3.015
Du kannst jetzt respawnen.
Die Mutter der fliegenden Schlangen hatte mir ganz schön zugesetzt! Genauer gesagt, sie hatte mir Säureverätzungen zugefügt. Der Säureschaden von Kayervina hatte die größte Wirkung gehabt. Soweit ich wusste, hatte diese Art von Schaden eine sehr unangenehme Nebenwirkung. Er konnte die Ausrüstung eines Charakters ruinieren oder vollkommen zerstören. Ich konnte mir vorstellen, wie sehr die Spieler geflucht haben mussten, die von Kayervinas ätzendem Atemhauch getroffen worden waren!
Nachdem ich das Informationsfenster geschlossen hatte, wählte ich die Menü-Option „Spiel fortsetzen”. Der Bildschirm leuchtete auf und kurz danach fand ich mich auf dem vibrierenden, von Runen bedeckten Felsen wieder. Bevor ich mich umsehen konnte, hörte ich eine überraschte, spöttische Stimme neben mir.
„Was haben wir denn hier für eine grüne Scheußlichkeit?”
Nur wenige Meter von mir entfernt stand ein Mann in einem dunkelblauen, mit silbernen Runen verzierten Zaubergewand. Er hielt einen langen, geschnitzten Stab in der Hand. Sein Gesicht war von einer Kapuze halb verdeckt. Ich konnte nur sein markantes Kinn erkennen, das mit dunklen Bartstoppeln bedeckt war.
Klaus Tadellos [SCHLÄGER]
Mensch
Level-55-Elementarmagier
Ich versuchte, ein gelassenes Gesicht zu machen, obwohl ich über dem Kopf des Zauberers die leuchtend rote Markierung eines Kriminellen und den Namen des Schläger-Clans sah.
„He, Klaus, ist das nicht der Goblin, der dir die Karte verkauft hat?” Ich drehte mich der Stimme des zweiten Spielers zu und sah einen Jungen in dunkler Lederkleidung, der auf einem Holzblock saß. Er trug 2 lange Hakenklingen auf seinem Rücken und sein Gesicht war von einer Maske verdeckt, die nur Augenlöcher hatte. Noch bevor die Informationen über den Charakter erschienen, wusste ich, dass ich es mit einem Assassinen zu tun hatte.
Perros Skrupellos [SCHLÄGER]
Mensch
Level-55-Assassine
Über seinem Kopf befand sich die gleiche Markierung eines Kriminellen und er gehörte ebenfalls zum Clan der Schläger. Diese beiden waren üble Kerle. Gnadenlose Spielertöter, die nur zum Spaß töteten. Jetzt saß ich wirklich in der Patsche. Es hatte keinen Zweck, wegzulaufen oder gar zu kämpfen. Ich versuchte, den naiven Dümmling zu spielen, der keine Ahnung hatte, was los war.
„Menschen! Ihr einzige Spieler, die ich getroffen! Zuerst waren Najadenmann und Nymphe mit Amra. Doch ich weggelaufen und danach niemand da. Alleine ist langweilig, mit Robotern spielen kein Spaß. Ihr keine Ahnung wie froh bin ich, mehr Lebende zu treffen!”
„Ja, kein Zweifel. Das ist er. Er macht diese Videos mit den coolen Kommentaren!”, sagte der Assassine und freute sich, dass er mich erkannt hatte. „Er hat aus jedem Spieler, der seine Karte haben wollte, 100 Münzen rausgequetscht. Ist davon wahrscheinlich reich geworden ...”
Ich war etwas schockiert. Gerade hatte ich meinen ersten Fan getroffen und er war ein krimineller Assassine.
„Nein, er hat nicht viel Geld, nur 11 Münzen. Fast hätte ich sie ihm nicht abgenommen.” Eine dritte Person erschien aus der Dunkelheit hinter mir. Es war ein kleiner Mann mit asiatischen Zügen in einem dunklen Umhang und hautenger, schwarzer Kleidung.
Lee Langfinger [SCHLÄGER]
Mensch
Level-50-Dieb
„Du hast nicht zufällig ein Lindwurm-Ei in seinem Inventar herumliegen sehen, oder?”, fragte der Magier in scherzendem Ton, doch ich sah deutlich die Anspannung auf seinem Gesicht, während er auf die Antwort wartete.
Ich erstarrte vor Schreck. Jetzt war es aus. Sie würden den Inhalt meines Beutels ausschütten, das wertvolle Ei entdecken und es mir wegnehmen. Und das Schlimmste war, dass ich nichts dagegen tun konnte. Ich war ihnen einfach nicht gewachsen.
„Nein, kein Ei. Danach habe ich als Erstes gesucht. Nur viele verschiedene Kräuter, Beeren und Blumen. Er ist wohl ein Botaniker. Die wertvollsten Gegenstände, den er besitzt, sind 3 Stücke Lindwurmhaut, Material für einen Lederer.”
Ich konnte das goldene Ei jedoch in meinem Inventar sehen. In seinen Eigenschaften entdeckte ich einen Timer, der 28 Minuten anzeigte. So musste der Schutz des Artefakts funktionieren: Es war für andere Spieler einfach unsichtbar.
Ich riss mich zusammen und erwiderte auf den Kommentar des Diebes: „Ist Lindwurm-Haut für Mission. Ich war auf Lindwurm-Insel und fliegende Schlange hat Pelzjacke und Hose ruiniert. Jetzt mache ich neue Kleidung.”
Nach diesen Worten sahen die 3 Kriminellen mich noch einmal an. Ich stand wirklich nur in einem Lendenschurz vor ihnen. Die Entwickler von Reich ohne Grenzen hatten dieses Kleidungsstück so designt, dass es unverwüstlich war. Weder das stärkste Gift noch das Feuer eines Vulkans, noch nicht einmal die schärfste Klinge konnten den Stoff beschädigen.
„Ich will mir an diesem kleinen Goblin nicht die Finger schmutzig zu machen. Wie lange dauert es noch, bis deine Markierung verschwindet?”, fragte der Magier Klaus den Assassinen.
„Noch 1 Stunde und 17 Minuten”, antwortete Perros verstimmt nach einer kurzen Pause. „Und nur aus Spaß an der Freude habe ich keine Lust auf eine 4-stündige Strafe. Wir verdienen keine Erfahrung oder Beute an dem Segelohr hier. Also, ich passe.”
Der Dieb stimmte seinen Gefolgsmännern zu und wandte sich zu mir um. „Heute ist dein Glückstag, Segelohr! Wir lassen dich laufen. Mach, dass du wegkommst.”
Ich wollte das Schicksal nicht herausfordern und entfernte mich so schnell wie möglich von dem gefährlichen Trio. Nach kaum 40 Schritten leuchtete ein Licht hinter mir auf. Als ich mich umdrehte, sah ich, wie auf dem vibrierenden Felsen ein Schwertkämpfer in Rüstung erschien, der gerade gespawnt hatte. Ich beachtete seinen Namen nicht, sondern konzentrierte mich nur auf die Höhe seines Levels: 59. Zu niedrig, um sich gegen die 3 Mörder zur Wehr zu setzen. Großes Pech für ihn! Ich erkannte sofort, was vor sich ging, und lief so schnell wie möglich weiter.
Wie ich vorausgesehen hatte, war der gerade zurückgekehrte Kürassier machtlos gegen die Schläger und 10 Sekunden später war er erneut zum Respawnen geschickt worden. Da ihre Timer für die Markierung als Kriminelle zurückgesetzt worden waren, hinderte das Spielertöter-Trio nichts mehr daran, mich zu töten.
„He, Grünling! Komm noch mal her, ich muss dir etwas sagen!”, rief der Magier hinter mir.
Keine Chance! Zu dem Zeitpunkt war ich bereits den Hügel hinuntergelaufen und verschwand durch das hohe Gras in die Sicherheit des Waldes.
Nur noch 30 Meter und ich würde außer Reichweite sein. Als ob der Assassine meine Gedanken gelesen hätte, schoss er mit etwas auf mich. Zuerst bemerkte ich die Gefahr auf der Minikarte: Ein heller Punkt bewegte sich schnell auf mich zu. Als ich beim Laufen den Kopf drehte, entdeckte ich eine magische, blaue Granate, die vom Hügel auf mich zuflog. Schnell wechselte ich die Richtung, um aus ihrer Auftreffzone herauszukommen. Kurz darauf hörte ich hinter mir einen dumpfen Schlag und ein heller Funke erleuchtete die Dunkelheit des Waldes.
Die Prüfung deiner Beweglichkeit war positiv.
Verdiente Erfahrung: 8 EP

Die Prüfung deiner Beweglichkeit war positiv.
Verdiente Erfahrung: 8 EP

Die Prüfung deiner Beweglichkeit war positiv.
Verdiente Erfahrung: 8 EP
Es gelang mir, den dunkelblauen Scherben auszuweichen, doch die Druckwelle ihrer Explosion warf mich zu Boden.
Erlittener Schaden: 134 (203 Kälteschaden von Level-20-Eiskugel, 35 % Kälteresistenz), 3 Sekunden Frosteffekt
Die Prüfung deiner Konstitution war positiv.
Verdiente Erfahrung: 16 EP
Gesundheitslevel: 16/150
Ich lag auf hart gefrorenem, blau leuchtendem Gras, das durch die Explosion der Granate in einem Umkreis von 15 Metern niedergemäht worden war. Das Schlimmste war, dass sich nur eine Armlänge entfernt frisch duftendes, saftig grünes Gras leicht im Wind bewegte. Ein paar Schritte weiter und ich wäre in Sicherheit gewesen!
Drei, zwei, eins ... Kaum war die Zeit auf dem Frost-Timer vorüber, sprang ich schnell auf und lief über das knackende, zerbrechende Gras in den Wald. Ich hörte die überraschten Rufe der Kriminellen hinter mir, die offensichtlich nicht damit gerechnet hatten, dass ich so beweglich war. Ich hatte es geschafft! Nun trennte mich dichte Vegetation von meinen Feinden. Außerdem wurde eine meiner wichtigen Volksfähigkeiten aktiviert:
30 % Bonus auf Bewegungsgeschwindigkeit in Wald- und Sumpfgebieten
Ich rannte immer schneller. Unterdessen registrierte ich besorgt, dass einer der beiden Angreifer von der Karte verschwunden war. Entweder der Dieb oder der Assassine war unsichtbar geworden. Ich fragte mich, ob er mir folgte oder einfach auf dem Hügel saß. Wie konnte ich es bloß herausfinden?
„Amra, ein Level-8-Oger ist an unserem Blockhaus angekommen. Er sagt, dass du ihn angeheuert hast, um den Zaun zu reparieren. Soll ich ihn töten oder sagt er die Wahrheit?
Die persönliche Nachricht meiner Schwester überraschte mich zu einem schlechten Zeitpunkt. Fast wäre ich gegen einen uralten Baum gelaufen, weil ich das Hindernis wegen des Popup-Fensters nicht gesehen hatte. Ich musste während des Laufens die Fensterposition optimieren und ihr antworten.
„Ja, es stimmt. Gib ihm etwas zu essen, er wird sehr hungrig sein. Dann lass ihn arbeiten. Ich habe ein paar Ideen für ihn. Er kann uns helfen, das Haus vor nächtlichen Monstern zu schützen.”
Zum Glück hatte Shrekson es geschafft, das Blockhaus zu erreichen. Ich hoffte, dass meine Schwester ihn hilfreich fand, denn ich wollte unbedingt, dass er bis zum Ende der Arbeitswoche Level 20 erreichte. Die beiden könnten eine interessante Partnerschaft bilden: Die Ingenieurin würde Pläne für Gebäude und Verteidigungsanlagen zeichnen und der Festungsbaumeister würde sie umsetzen. Auf diese Weise könnten beide ihre Fertigkeiten erhöhen und Erfahrung verdienen. Damit wäre allen gedient.
He! Weil ich in Gedanken versunken war, hatte ich erst im letzten Moment die Kreatur bemerkt, die im Gebüsch lag. Sofort sprang ich zur Seite.
Die Prüfung der Reaktion des erfahrenen Keilers dir gegenüber war positiv.
Verdiente Erfahrung: 20 EP
Der Level-23-Keiler besaß ein kräftiges Gebiss. Er schaute meinem Goblin mit einem überraschten Blick nach, während ich über Stock und Stein rannte. Sorry, ich wollte dich nicht erschrecken. Auf der Minikarte konnte ich genau verfolgen, was als Nächstes geschah. Nach einigen Sekunden erschien neben der gelben Markierung der Waldkreatur ein rotes Dreieck und kurz darauf war der erfahrene Keiler verschwunden. Nachdem der als Krimineller markierte Spieler die Beute aufgesammelt hatte, wurde er wieder unsichtbar. Es bestand kein Zweifel mehr, ich wurde von einem Schläger verfolgt.
Den beschämenden Gedanken, anzuhalten und mich töten zu lassen, um das Artefakt um jeden Preis zu behalten, verwarf ich sofort. Aufzugeben lag mir nicht. Außerdem würde ich in einer Stunde beim Respawnen nur wieder auf die gleichen Spielertöter treffen. Darum musste ich so lange wie möglich weiterlaufen und versuchen, im Wald zu bleiben, um meinen Geschwindigkeitsbonus nicht zu verlieren.
Doch wohin sollte ich rennen? Offensichtlich nicht zum Blockhaus, denn selbst eine Waldkreatur war schlau genug, ein Raubtier nicht zu seinem Lager zu locken. Ich würde den skrupellosen Spielertöter geradewegs zu meiner Schwester und dem erst angekommenen Handwerker führen, was unter keinen Umständen passieren durfte. Ich öffnete die Karte etwas weiter und fügte der Route das gewünschte Ziel hinzu: das Dorf Tysh, in dem es genügend hochlevelige Goblin-NPCs gab, die in der Lage waren, meinen Verfolger aufzuhalten. Nachdem ich die eingestellte Route so angepasst hatte, dass sie nur durch Wald- und Sumpfgebiete führte, schloss ich die Karte und konzentrierte mich aufs Laufen.
„Du kannst mir nicht entkommen, Goblin. Ich kann dich auf der Karte sehen, vor mir wegzurennen ist sinnlos.”
Die persönliche Nachricht war von Perros Skrupellos. Also war der Assassine hinter mir her. Ich antwortete ihm nicht, sondern richtete meine Aufmerksamkeit auf meinen Ausdauerbalken, der allmählich sank. Der Sprint raubte mir die Stärke. Offenbar hatte es mein Verfolger auch bemerkt.
„Es ist dumm, zu laufen. Über kurz oder lang hast du keine Ausdauer mehr und musst anhalten.”
Jede Minute, die ich rannte, kostete mich 5 Ausdauerpunkte. Im Moment hatte ich 92 von insgesamt 122 Erfahrungspunkten, die es mir ermöglichten, 18 Minuten zu laufen. Ich öffnete die Karte noch einmal und kalkulierte, wie viel Zeit ich bis zum Dorf Tysh brauchte. Es waren 23 Minuten ... Keine gute Aussicht! Wenn ich nichts unternahm, würde mir die Ausdauer ausgehen, bevor ich in Sicherheit war. Als Erstes musste ich das gesamte Ausdauerelixier trinken, das ich hergestellt hatte. Zwar waren + 4 EP nicht viel, doch sie halfen trotzdem. Außerdem hatte ich Brombeeren in meinem Inventar, die jeweils 1 Ausdauerpunkt wiederherstellten. Zusammen mit den Beeren aß ich noch eins der 4 Stücke Lindwurmfleisch, die ich aufbewahrt hatte. Das Fleisch gab mir keine Ausdauer, aber es stillte meinen Hunger und stellte 15 Trefferpunkte wieder her.
Möchtest du Läufer (Kon, Str) als Nebenfertigkeit wählen?
Es war schon eine Weile her, dass das System mir eine neue Fertigkeit angeboten hatte. Ich las die Beschreibung und fand heraus, dass Läufer die Laufgeschwindigkeit bei jedem hinzugewonnenen Level um 1 % erhöhte. Wären der Assassine und ich einen Marathon gelaufen, hätte ich die Fertigkeit gewählt, doch in meiner augenblicklichen Situation würden mich ein paar zusätzliche Meter nicht retten. Die Idee hatte aber etwas für sich ... Ich erinnerte mich an die Fertigkeit, die mir gestern während der mehrstündigen Ruderaktivität angeboten worden war. Was war es doch gleich gewesen, Athletik? Ja, richtig, Athletik! Es erhöhte die Ausdauerpunkte pro Fertigkeitslevel um 1.
Du hast Athletik als Nebenfertigkeit gewählt.
Fertigkeitslevel: 1
Gewählte Nebenfertigkeiten: 4 von 5
Noch nicht einmal 5 Sekunden später hatte sich mein Einsatz ausgezahlt.
Du hast mit der Fertigkeit Athletik Level 2 erreicht!
Ausgezeichnet! Auf dem Weg zum Dorf Tysh würde ich diese Fertigkeit noch zwei- oder dreimal erhöhen können. Ich kalkulierte erneut und setzte ein breites Grinsen auf: Jetzt hatte ich mehr als genug Ausdauer, um es zu schaffen.
„Hast du noch Stärke übrig? Halt an und ich lasse dich schnell sterben.”
„Leck mich an meinem kleinen, grünen Hintern!” Tatsächlich hatte ich etwas völlig anderes gesagt. Der Sinn war zwar der gleiche, doch die Wortwahl war höflicher. Der automatische Goblin-Übersetzer hatte jedoch genau diese Worte gewählt.
Perros machte keinen Hehl daraus, dass ihm meine Antwort nicht gefiel. Der Assassine ließ eine Flut von Beschimpfungen heraus, wobei er sich auf seine intimen Beziehungen mit Mitgliedern des Goblinvolkes bezog, die er in der Vergangenheit gehabt hatte. Ich lachte nur: Wenn mein Feind so leicht wütend wurde, konnte er die Situation nicht klar beurteilen und würde wohlmöglich dumme Fehler begehen.
„Achtung! Neben dem Spawnpunkt südöstlich der Lindwurm-Insel befinden sich 2 Spielertöter, ein Magier und ein Dieb, Level 55 und 51”, schrieb eine Elfen-Bogenschützin auf Level 62 im lokalen Chat.
Sofort wurde es im Chat lebendig. Zahllose Spieler wollten der Elfe helfen, die Spielertöter aus dem Weg zu räumen.
„Perros, lass den kleinen Goblin in Ruhe und komm sofort zurück! Ohne dich konnten wir der Bogenschützin nicht genug Schaden zufügen, um sie zu töten. Jetzt stellt sie eine Gruppe zusammen, um uns zu erledigen. Wir müssen zum Schloss zurückkehren.”
„Klaus, du Idiot, du hast das im öffentlichen Chat geschrieben! Verschwindet von dort. Ich habe eine Portalrolle, mit der ich mich in die Stadt teleportieren kann”, besagte die Nachricht vom Assassinen, der mir immer noch dicht auf den Fersen war.
Das war ein Fehler seinerseits. Sofort überdachte ich meinen Plan, Schutz im Dorf zu suchen. Jetzt wollte ich nichts mehr, als meinen arroganten Verfolger zu töten.

* * *

Du hast mit der Fertigkeit Athletik Level 5 erreicht!

DIE JAGD WÜRDE so oder so bald zu Ende sein. Meine Ausdauer reichte nur noch für ein paar Minuten, doch jetzt war die Straße nach Tysh schon auf der Karte zu sehen. Ich führte meinen Verfolger zu dem Wachturm, der am weitesten vom Dorf entfernt war. Von dort aus beobachteten die Goblins die Straße zu ihrem Dorf, dort hatte ich meinen ersten Artgenossen getroffen. Ich hoffte nur, dass jemand auf dem Turm war ...
Ja! Auf der Karte sah ich 3 NPCs, von denen jeder mit einem schwarzen Totenschädel markiert war. Ich war gerettet!
Die 3 Goblins waren dabei, ein Loch für einen Grenzpfeiler zu graben. Sie lockerten die trockene Erde mit spitzen Pfählen und schaufelten sie dann mit ihren breiten Händen heraus. Der Pfeiler lag am Straßenrand. Er war mit angsteinflößenden Gesichtern verziert, die in sein helles Holz geschnitzt worden waren. Anführer Ugruem saß müde auf einem Holzklotz. Er hielt den staubigen, von der Sonne verblichenen Schädel eines gehörnten Tieres in der Hand.
Als ich erschien, wurden die Goblins wachsam. Die grabenden Arbeiter, die den Pfahl aufstellen wollten, kletterten aus dem Loch. Unter ihnen befanden sich ein Goblinpfeilschütze mit Level 47, Tarek Riesenfuß und ein großer, schlanker Goblin mit einer Lederweste, den ich zum ersten Mal sah.
Shikir
Level-69-Goblinberserker
Alle 4 Goblins beobachten mich mit Vorsicht. Sie wussten ganz genau, dass einer ihrer Artgenossen nicht ohne Grund verwundet die Straße herunterlief.
„Mir ist ein Goblintöter auf den Fersen!”, schrie ich von Weitem. „Er ist unsichtbar, er befindet sich etwa 100 Schritte hinter mir. Tarek, er ist der Bastard, der dein Boot beschädigt hat! Anführer Ugruem, er hat dich als Wurm beschimpft! Und aus Shikirs Haut will er einen Abtreter machen, auf dem er sich seine dreckigen Füße abputzen kann!”
Es funktionierte! Die Goblins fletschten die Zähne und griffen nach ihren Waffen, doch dann blickten sie unentschlossen auf die leere Straße hinter mir. Zu meiner Überraschung stellte sich heraus, dass der Berserker am schnellsten von allen reagierte. Mit seinen breiten Händen hob er etwas Straßenstaub auf und warf ihn hoch in die Luft. Der Wind trug den feinen Staub die Straße hinunter. Kurz darauf sahen wir den Umriss einer Gestalt, die sich bewegte.
Hatte ich 100 Schritte gesagt? Jetzt waren nur noch 20 Meter zwischen mir und meinem Verfolger. Auf der flachen Straße hatte der Assassine beträchtlich aufgeholt. Nachdem ich den Abstand zwischen uns etwas vergrößert hatte, griff ich mein Blasrohr und schoss einen Dorn ab, wobei ich die Bewegungsgeschwindigkeit des Assassinen einkalkulierte. Ja, ich traf ihn!
Zugefügter Schaden: 31 (108 Geschossschaden – 77 Rüstung)
Der Pfeilwerfer traf unser Ziel zur gleichen Zeit. Ein fast 1 Meter langes, scharfes Geschoss durchbohrte das Knie des Assassinen, sodass er stolperte und zu Boden fiel.
„Lasst ihn nicht entkommen!”, schrie ich, während ich nachlud. Aber meine Gefährten hatten bereits verstanden, dass wir dem Feind nicht erlauben konnten, aufzustehen, sich unsichtbar zu machen und wegzulaufen.
Erst der Berserker und eine Sekunde später auch der Anführer Ugruem demonstrierten ihre Fähigkeit, über weite Distanzen zu springen. Ihr Sprung brachte sie in direkten Kontakt mit dem niedergeworfenen Mörder.
Perros Skrupellos wurde endlich sichtbar. Sein Lebensbalken befand sich nach den gleichzeitigen Treffern von 2 hochleveligen Goblins im roten Bereich. Eine Sekunde später kam Tarek Riesenfuß dazu und schlug dem Assassinen mit seiner gestachelten Keule den Schädel ein.
Du hast mit der Fertigkeit Exotische Waffen Level 4 erreicht!
Verdiente Erfahrung: 13.440 EP
Freigeschaltetes Achievement: Spielertöter (2)
Level 18!
Level 19!
Verbesserte Volksfähigkeit: 40 % Giftresistenz
Verbesserte Volksfähigkeit: 40 % Kälteresistenz
Dieses Mal gelang es mir, stehenzubleiben, obwohl meine Knie wegen des Energieschubs zitterten.
Tarek Riesenfuß sah mich genau an. Mit einem Mal verzog sich sein Mund, in dem der linke untere Fangzahn fehlte, zu einem schiefen Grinsen, das seine Anerkennung ausdrückte. „Alle Achtung, Amra, du hast dein Level aber schnell verbessert! Ich habe das Gefühl, dass ich auch stärker geworden bin!”
Tatsächlich hatte der Goblinkrieger Level 78 erreicht, wie seinen Informationen zu entnehmen war. Der Pfeilschütze hatte ebenfalls gelevelt und sprang vor Freude fast in die Luft.
Doch Anführer Ugruem war weniger begeistert. „Er ist unsterblich. Bald wird er wiedergeboren und dann kommt er mit aller Macht zurück ...”
„Das war‘s, Amra. Dein letztes Stündlein hat geschlagen. Ich werde nicht ruhen, ehe ich dich nicht 10 Mal getötet habe! Außerdem werde ich dich doxxen, im realen Leben finden und dir die Arme und Beine brechen!!!”, schrieb Perros, der nicht länger im Spiel war, in einer persönlichen Nachricht an mich.
„An euch wird er sich nicht rächen”, versicherte ich dem Anführer. „Er ist nur wütend auf mich. Obwohl Tarek Riesenfuß den letzten Treffer gelandet hat, denkt der Assassine, dass ich ihn getötet habe, weil ich auch unsterblich bin. Das Gesetz der Unsterblichen besagt: Unsere Streitereien bleiben unter uns, wir werden nicht wütend auf andere. Aber Scherz beiseite: Vielen Dank, Jungs! Ihr habt mich gerettet!”
Die Goblins schmunzelten zufrieden, als sie meine Dankesworte hörten. Mein Ansehen bei ihnen hatte sich deutlich erhöht.
Die Mission „Kontakte knüpfen 2/3” ist abgeschlossen.
Belohnung: 3.200 EP
So schnell?! Ich überprüfte skeptisch die Informationen, doch es stimmte! Das durchschnittliche Ansehen meines segelohrigen Amra im Dorf Tysh betrug jetzt 51,6! Mein Charakter benötigte nur noch 785 Erfahrungspunkte, bis er Level 20 erreicht hatte. Das waren nicht viele. Ich musste nur einige einfache Missionen abschließen, dann hatte ich es geschafft!
Bevor ich mich um andere Sachen kümmerte, fügte ich Perros Skrupellos meiner Beobachtungsliste hinzu, damit ich immer wusste, wenn mein Feind online war, und er standardmäßig auf meiner Karte markiert wurde. Die Informationen über seinen Charakter zeigten, dass der Assassine nach dem Erfahrungsverlust durch seinen Tod auf Level 43 gefallen war. Doch das war erst der Anfang.
Ich rief das Fenster des öffentlichen Chats auf und schrieb: „Kleiner, schwacher Amra hat starken Assassinen getötet.” Hier fügte ich einen Link zu Perros Skrupellos ein. „Wer Schläger hasst, kommt um 20:19 Uhr zu Spawnpunkt südlich von Lindwurm-Insel. Könnt Perros wieder töten. Und nächste Stunde Perros noch mal töten. Viermal hintereinander töten. Alle verpassen Assassinen Denkzettel, damit Verstand einsetzt.”
Der lokale Chat explodierte vor begeisterten Kommentaren. In kürzester Zeit hatten sich zahlreiche Spieler bereit erklärt, den Spielertöter auszuschalten. Unter ihnen befanden sich sogar einige, die heute durch meinen Feind Schaden erlitten hatten. Bei vielen standen Schläger ganz oben auf ihrer Liste. Was gab es da noch zu sagen? Wenn der Assassine so leichtsinnig war, den nächstliegenden Spawnpunkt zu wählen, wäre das eine Lektion, die er nicht so schnell vergessen würde.
Während ich bei dieser Vorstellung dümmlich lächelte, beugte sich Ugruem über Perros‘ Leiche und zog ihm einen Goldring mit einem leuchtend blauen Stein vom Finger. Der Goblinanführer versuchte, den Ring aufzusetzen, doch selbst sein kleiner Finger war zu dick.
„Ich gebe ihn meiner Frau, sie liebt dieses Zeug”, bemerkte der abgehärtete Goblin und steckte die Trophäe in seine Tasche.
Ich erstarrte. Perros könnte wertvolle Gegenstände besitzen! Ich ging zu seiner Leiche hinüber, doch Tarek Riesenfuß versperrte mir den Weg.
„Warte gefälligst! Bei uns wird sich die Beute nach der Höhe des Levels genommen!”
Ich legte keinen Protest ein und trat einen Schritt zurück. Das Einzige, was zum Schluss von Perros‘ Sachen für mich übrigblieb, war eine magische Schriftrolle, über die ich mich noch nicht einmal informieren konnte.
Deine Intelligenz reicht nicht aus, um den Gegenstand zu identifizieren.
Aber ich konnte 2 Phiolen mit menschlichem Blut füllen, die ich in meinen Beutel steckte. Die Goblins sahen mich überrascht an. Ich erklärte ihnen, dass ich das Blut für Alchemie benötigte, was theoretisch stimmte, doch der wahre Grund war, dass mein Blutdurst-Balken erschreckend gesunken war (7/20). Ohne Blut würde ich es diese Nacht nicht aushalten, und auf die Jagd zu gehen, wenn es im Wald vor Spielern nur so wimmelte, war ein großes Risiko.
„Also gut, zurück an die Arbeit. Wir müssen die Grenze unseres Gebiets markieren, um andere Plünderer davon abzuhalten, bei uns einzufallen!” Der Anführer Ugruem Schlächter ging entschlossen zu dem Loch zurück.
Der Berserker Shikir sah skeptisch zu den stumpfen Holzpfählen hinüber, die die Goblins benutzt hatten, um den trockenen Boden zu lockern. „Ugruem, du solltest einfach zu Nyle gehen und ihn um eine Schaufel bitten. Dann müssen wir nicht bis zum Anbruch der Nacht hier draußen bleiben!”
„Ich habe schon gefragt”, blaffte der Anführer zurück. „Nyle hat gesagt, ich solle verschwinden. Drei Jahre sind bereits vergangen und der alte Geizhals erinnert sich noch immer an den Vorfall, als wir seine gute Säge zerbrochen haben, um den Ritter aus seiner Plattenrüstung herauszubekommen. Er leiht mir nichts mehr und zu einem Tauschhandel lasse ich mich nicht herab!”
Wenn das keine neue Quest für meinen segelohrigen Amra war! Ich bot meine Dienste an, um den Goblins Werkzeuge zu besorgen. Shikir und Ugruem wechselten einen kurzen Blick und nickten.
Erhaltene Mission: Eine Schaufel für die Lochgräber beschaffen
Missionskategorie: Normal
Belohnung: 80 EP
Die geringe Belohnung verärgerte mich nicht. Ich hatte schon lange mit dem einheimischen Händler sprechen wollen und nun hatte ich Gelegenheit dazu. Nachdem ich mich von den 4 Goblins entfernt hatte, trank ich eine der Phiolen mit Blut, um meinen Blutdurst ein wenig zu stillen.
Freigeschaltetes Achievement: Geschmackstester (6/1000)
Das Haus des Händlers unterschied sich in keiner Weise von den anderen Häusern des Dorfs. Es war eine kleine, in die Erde eingegrabene Hütte. Die Wände waren aus festgezurrten Stangen gemacht, die mit dunkel verfärbten Brettern verbunden waren. Meine Aufmerksamkeit wurde auf eine Kolonie von Knollenblätterpilzen gelenkt, die auf dem schiefen, mit Heu und Pelz bedeckten Dach wuchsen. Es gab weder ein Schild oder Warenauslagen, die auf einen Händler hingedeutet hätten. Als Eingangstür diente ein einfaches Loch in der Wand, durch das jeder eintreten konnte. Ohne die Zielmarkierung der Mission wäre ich an dem Haus vorbeigegangen.
Gerade hatte ich die Schwelle überschritten, da schnauzte ein faltiger, alter Goblin in einem schmutzigen, zerrissenen Gewand: „Ich gebe die Schaufel nicht her!”
Nyle Geizhals
Level-59-Goblinhändler
Ich kümmerte mich nicht um den unfreundlichen Empfang, sondern begrüßte ihn höflich und stellte mich vor. Als ich mich umsah, bemerkte ich das Durcheinander im Haus des einheimischen Händlers. Es ähnelte eher einem Warenlager als einem Haus, in dem jemand wohnte.
Eine Hälfte des Raums war mit Säcken vollgepackt, die Torf und Braunkohle enthielten. In der anderen Hälfte waren überall Kisten aufgestapelt, die nur einen schmalen Durchgang zur Pritsche von Nyle Geizhals ließen, auf der Nyle saß. Über diesem kleinen Korridor hing ein Holzboot verkehrt herum an der Decke. Es schwankte gefährlich hin und her und schwebte jedem, der vorüberging, wie ein Damoklesschwert über dem Kopf. Mein Goblin war nicht sehr groß, doch selbst er konnte sich nirgends hinsetzen, geschweige denn aufrecht stehen.
„Der reisende Händler kommt bald vorbei. Nachdem er mir einige Waren abgenommen hat, wird hier nicht mehr so viel herumstehen”, rechtfertigte sich Nyle, als er meine Verwirrung bemerkte. „Nun denn, was willst du?”
„Ich dachte mir, ich könnte diese beiden Stücke blauer Lindwurmhaut verkaufen und einige Dinge, die mir gefallen, erwerben.” Ich nahm die Gegenstände aus meinem Inventar und zeigte sie dem Händler.
Als Nyle Geizhals meine Trophäen von der Lindwurm-Insel sah, leuchteten seine Augen auf. Die Häute hatten offensichtlich sein Interesse erregt, doch die Worte des alten Goblin drückten nur Gleichgültigkeit aus. „Was soll ich denn mit rohen, unbearbeiteten Häuten? Sie sind innerhalb eines Tages verdorben. Das ist ein schlechtes Geschäft, da kann ich mein Geld ja gleich zum Fenster hinauswerfen. Ich müsste nach einem Lederer suchen und ich habe keine Ahnung, wo ich einen finden kann. Obwohl ... Für 6 Münzen könnte ich sie dir abkaufen. Vielleicht ist ja doch jemand an ihnen interessiert ...”
Ich fand seine Antwort überhaupt nicht witzig. Ein offenkundiger Betrug wie dieser war mir lange nicht untergekommen. „Nyle, ich habe mit eigenen Augen gesehen, wie Anführer Ugruem Schlächter ein Tier in Teile zerlegt und seine Haut gegerbt hat. Daher weiß ich, dass es in Tysh einen Lederer gibt. Ich werde wohl zu ihm gehen müssen ...”
Du hast mit der Fertigkeit Handel Level 4 erreicht!
„Also gut, du raffinierter Kerl. Wenn das so ist, nehme ich deine Ware für 30 Münzen”, lächelte der Goblin und stand stöhnend von seiner Pritsche auf.
Ich schüttelte vorwurfsvoll den Kopf. „Du solltest dich schämen, Nyle! Ich bin auch ein Händler. Zwar habe ich noch nicht so viel Erfahrung, doch ich weiß genau, was meine Ware wert ist. Schluss mit den Spielchen, lass uns ernsthaft reden!”
„Also gut, Amra. Ich kann 1 Stück Lindwurmhaut für 200 Münzen kaufen oder beide für 300 Münzen. Und du brauchst gar nicht weiter zu handeln, denn mehr Geld besitze ich nicht. Im ganzen Dorf sind nur 300 Münzen im Umlauf und sie befinden sich im Moment alle in meinem Besitz.”
„Die 300 Münzen und das Boot.” Ich zeigte auf das schief hängende Wasserfahrzeug an der Decke, das zu einem Instrument des Todes zu werden drohte.
Du hast mit der Fertigkeit Handel Level 5 erreicht!
„Es gehört dir. Ich will das alte Ding schon seit Langem loswerden. Aber du musst es selbst herunterholen und nach draußen bringen. Du kannst Tamina Grimmigs Kinder um Hilfe bitten. Ihre Brut ist immer hungrig und läuft in der Nähe herum. Sie nehmen jede Arbeit an. Für eine Silbermünze holen sie dir dein Boot nicht nur herunter, sie laufen singend und tanzend damit durchs Dorf.”
Der alte Händler ging mit mir nach draußen und sah sich um. Tatsächlich hielten sich mehrere grünhäutige Kinder in der nächsten Straße auf. Die Goblinjungen und -mädchen trugen stinkende Lumpen und die Babys waren vollkommen nackt. Schreiend und kreischend jagten sie eine Level-3-Ratte die Straße hinunter. Unser Erscheinen verhinderte den Tod des panischen Ungeziefers. Es gelang ihm, unter einen Holzstapel zu huschen, während die Kinder durch uns abgelenkt waren. Die Höhe ihrer Levels überraschte mich. Die Babys mit ihren nackten Hinterteilen waren mindestens auf Level 12, die Teenager auf Level 22 und höher. Ich rief den Ältesten von ihnen zu mir, ein dünner Junge namens Irek.
„Ich habe Arbeit für euch. Holt das Boot, das an der Decke von Nyles Laden hängt, und bringt es zu Tarek Riesenfuß. Er schlägt gerade an der Straße nach Steinhang einen Pfeiler ein.” Ich warf ihm eine Silbermünze zu, die er sich mit seiner kleinen Hand kaum wahrnehmbar aus der Luft schnappte.
„Hosh, Tsak und Shim, kommt mit”, rief Irek seinen jüngeren Brüdern zu. „Yunna bleibt hier und passt auf. Sie ist die Älteste.”
Während die Kinder das Boot unter den wachsamen Blicken des geizigen Händlers aus seinem Laden holten, sah ich mir seine Waren an. Vor allem war ich an Kleidung interessiert. Es war unangemessen für einen Charakter, der fast auf Level 20 war, nur in einem Lendenschurz herumzulaufen. Eine einfache Weste, einen Strohhut, alte, fingerlose Handschuhe ... Ich wählte die billigsten Sachen, die ich finden konnte. Inzwischen plapperte Nyle Geizhals weiter darüber, dass er sogar mit menschlichen Händlern aus Weiden Geschäfte machte.
„Augenblick mal. Willst du mir erzählen, dass Leute aus der Stadt den weiten Weg hierher auf sich nehmen?” Mein Interesse war geweckt. „Willst du mir wirklich weismachen, dieses kleine Dorf in der Wildnis ist es wert, sich 5 Tage lang über eine ausgewaschene Straße zu quälen?”
„Na ja, die Stadtbewohner selbst erscheinen nicht oft in dieser Gegend”, korrigierte sich Nyle, „aber die Mittelsmänner kommen recht häufig. In der Stadt kann man alle Waren teurer verkaufen: Fisch, Pilze, Felle, Trockenfleisch und Ähnliches. Doch Weiden ist weit entfernt. Es gibt eine ganze Kette von Zwischenhändlern, die von Dorf zu Dorf gehen, und jeder erhöht den Preis etwas mehr. Ach, diese Geizkragen betrügen mich seit 2 Jahren beim Preis für Kupfererz! Sie bezahlen mir nicht mal mehr ein Viertel dessen, was es wert ist”, beschwerte sich der alte Goblin und deutete auf einen Haufen schmutziger Säcke. „Aber in der Stadt würde ich einen guten Preis dafür bekommen.”
„Nyle, du scheinst viel über Handel und Händler zu wissen. Gibt es in Weiden Gremlin- und Zwergenbanken?”, fragte ich und konnte meine Spannung kaum verbergen.
„Natürlich. In jeder großen Stadt gibt es eine Zweigstelle der Unterirdischen Bank von Thorin dem Neunten und der Vertrauenswürdigsten Bank der Gremlins. Manchmal werden wir hier sogar mit Schuldscheinen bezahlt, die von diesen Banken ausgestellt wurden. Auswärtige Händler benutzen sie ziemlich oft. Sie haben Angst, große Summen von Münzen bei sich zu tragen. Aber wenn du hoffst, mit Schuldscheinen statt Silber bezahlen zu können, musst du wissen, dass ich sie nur zum halben Wert annehme. Es ist zu umständlich, diese Stücke Papier zu Münzen zu machen.”
„Ich habe ein besseres Angebot”, erwiderte ich und zog die Schriftrolle heraus, die der kürzlich gestorbene Assassine gedroppt hatte. „Ich glaube, dies ist eine magische Portalrolle zur Stadt Weiden. Überprüfe sie, du kannst doch die Eigenschaften von Gegenständen sehen, oder?”
„Das Prüfen der Eigenschaften von Gegenständen kostet 50 Münzen!”, erklärte der knauserige Goblin, doch ich wehrte einfach ab.
„Dann musst du dir die Summe selbst in Rechnung stellen, denn ich will dir diese Schriftrolle geben. Wenn es sich wirklich um ein Portal handelt, kannst du in die Stadt gehen und alle Waren mitnehmen, die du tragen oder auf deinen Wagen laden kannst. Ohne Mittelsmänner bist du in der Lage, sie zu dem Preis zu verkaufen, den sie wirklich wert sind.”
Der alte Goblin rieb sich nachdenklich den Nasenrücken, klemmte dann ein altmodisches Monokel am Auge ein und studierte die Schriftrolle für eine Weile. Schließlich bestätigte er, dass ich recht hatte. Es war tatsächlich ein magisches Portal zur Stadt Weiden, das einmal benutzt werden konnte.
„Was willst du dafür haben?”, fragte der alte Goblin. Seine Stimme zitterte vor Aufregung.
„Statt armseliger, alter Bekleidung möchte ich gute, teure Kleidungsstücke kaufen, ohne Münzen zu benutzen. Ich bezahle in Schuldscheinen und du kannst sie zu ihrem vollen Wert in der Stadt eintauschen. Für dich macht es keinen Unterschied und ich kann auf diese Weise mehr Waren von dir kaufen. Wie du es auch drehst und wendest, du schneidest ziemlich gut dabei ab.”
Du hast mit der Fertigkeit Handel Level 6 erreicht!
„Wie viele dieser Scheine hast du denn? Ich meine, lohnt es sich überhaupt, dass wir uns die Mühe machen?”
Ich sah mir meine Verkaufsberichte an. Insgesamt hatten 114 Spieler meine Karte der Lindwurm-Insel gekauft. Multipliziert mit 100 minus den 1 %igen Anteil für die Administratoren von Reich ohne Grenzen ... Ich benutzte den eingebauten Taschenrechner.
„Meine Schuldscheine belaufen sich auf einen Wert von 11.286 Münzen.”
Dem geizigen Händler fielen fast die Augen aus dem Kopf. Mein Ansehen bei ihm erhöhte sich augenblicklich. Trotz meiner nicht gesellschaftsfähigen Erscheinung sah Nyle mich endlich als reichen Käufer an.
„In Ordnung, Amra, abgemacht! Du kannst dir nehmen, was du willst. Frag mich einfach und ich öffne dir jede dieser Kisten.”
„Warte, ich habe noch eine Frage: Worum geht es bei der Geschichte mit der Schaufel? Die ersten Worte, die du zu mir gesagt hast, waren: ‚Ich gebe die Schaufel nicht her!‘”
„Ach, nichts Wichtiges”, sagte der alte Goblin peinlich berührt. „Ugruem kam vor einiger Zeit zu mir, um sich meine Handsäge zu leihen. Ehrlich gesagt wollte ich ihm meine gute Metallsäge nicht geben. Sie war neu und hatte nicht einen einzigen Kratzer auf dem Sägeblatt. Darum gab ich ihm eine alte aus Knochen, die mein Großvater immer benutzt hat. Die Sägezähne waren mit der Zeit abgestumpft und sie lag nur im Vorratsraum herum, doch ich wollte sie nicht einfach wegwerfen. Aber sie war nicht sehr gut und zerbrach. Um meine Nachbarn davon abzuhalten, sich kostenlos Werkzeug von mir zu leihen, behauptete ich, dass diese Handsäge wertvoll war, und forderte eine Entschädigung. Ugruem weigerte sich, dafür zu bezahlen, darum leihe ich ihm oder anderen Dorfbewohnern keine Gegenstände mehr. Doch wenn du die Schaufel oder andere Werkzeuge kaufen willst, würde ich mich freuen!”

* * *

ALS ICH das Haus des Händlers verließ, war ich völlig neu ausstaffiert. Ich besaß nun einen schwarzen Metallhelm mit einem + 2 Bonus auf Wahrnehmung, eine dicke Weste und ein leichtes Kettenhemd. Außerdem trug ich einen dunkelbraunen Umhang, der mir + 1 auf Tarnung gab. Meine Finger waren mit 2 Kupferringen verziert, von denen einer + 2 auf Beweglichkeit gab und der andere + 2 auf Intelligenz. Um meinen Hals hing ein Medaillon aus Bronze, das meinen Sichtradius um 15 % erhöhte. Meine Handgelenke waren mit zwei Bronze-Armbändern geschmückt, die jeweils + 1 auf Alchemie gaben. Meine Hose aus dickem Leder wurde von einem Gürtel gehalten, an dem eine Lederscheide für ein Metallmesser hing. Neue, weiche Stiefel gaben mir einen Bonus von 4 % auf Bewegungsgeschwindigkeit und mein neuer, mittelgroßer Beutel hatte 30 Inventarplätze. Was die Bewaffnung betraf, hatte ich ein neues Blasrohr aus Elfenbein erworben, durch das ich einen kritischen Trefferbonus von 2 % erhielt. Die große Schaufel und die anderen Werkzeuge, die ich gekauft hatte, passten ebenfalls in mein Inventar, einschließlich der 50 leeren Phiolen für meinen alchemistischen Bedarf.
Die Gesamtkosten meiner Käufe beliefen sich auf 970 Münzen und bei jedem einzelnen Kauf hatte ich verhandeln müssen, bis ich heiser war. Dabei hatte sich meine Fertigkeit Handel sogar auf Level 8 erhöht. Ich hatte meiner Schwester auch einige Ausrüstungsgegenstände kaufen wollen, doch die Waldnymphe lehnte ab. Sie sagte, dass mein Geschmack beim Auswählen hübscher Kleidung für sie schon immer lausig gewesen wäre und sie sich schon selbst um ihr Outfit gekümmert hatte.
Während meiner Abwesenheit hatten die Goblins nicht gearbeitet. Das Loch war kein bisschen tiefer geworden. Als ich Shikir die Schaufel gab, erhob sich der Anführer, der auf dem umgedrehten Boot saß, und rieb sich zufrieden die Hände.
„Endlich! Diese Bummler werden immer fauler. Sie sagen, dass sie müde sind. Sie können noch nicht mal ein einziges lausiges Loch am Tag graben!”
Die Mission „Eine Schaufel für die Lochgräber beschaffen” ist abgeschlossen.
Verdiente Belohnung: 80 EP
Ich wandte mich an Taishas Vater und deutete auf das neue Boot.
„Ich habe dir 15 Münzen versprochen, falls etwas mit deinem alten Flachbodenboot passieren sollte. Ich halte meine Versprechen und kann dir das Geld sofort geben. Aber ich dachte mir, ein neues Boot wäre eine bessere Entschädigung. Du hast die Wahl, was bevorzugst du?”
Die Mission „Das Boot von Tarek Riesenfuß testen” ist abgeschlossen.
Verdiente Belohnung: 160 EP, Verbesserung deines Ansehens bei Tarek Riesenfuß um + 15
Der Goblin mit den großen Füßen hob das Boot hoch und sah es sich von allen Seiten an. Kurz darauf stiegen ihm vor Freude Tränen in die Augen. Ich überprüfte die Bedingungen für die Mission, mein Ansehen bei Taishas Vater zu erhöhen:
Du musst ein + 100 Ansehen bei Tarek Riesenfuß haben: Erfüllt!
Gib Tarek Riesenfuß die Trophäe einer Level-50-Kreatur oder höher: Trophäe im Inventar
Bezahle Tarek Riesenfuß 300 Münzen: Ausreichende Anzahl von Münzen im Inventar
Alle Ausrüstungsplätze müssen mit Kleidungsstücken gefüllt werden: Erfüllt!
Ich überreichte Tarek das letzte Stück Lindwurmhaut aus meinem Beutel und die 300 Münzen. Der runzelige Goblin erstarrte für einige Sekunden, bevor er das Geld in seinen Münzbeutel steckte und die Haut in seinem Inventar verstaute.
„Ich werde Taisha heute von dir erzählen. Meine schöne Tochter wird sich über einen weiteren würdigen Verehrer freuen. Wenn du willst, schau später bei uns vorbei. Lass uns zur Feier des Tages zusammen essen. Wir hauen kräftig auf die Pauke!” Tarek schlug mit der Hand auf seinen gefüllten Münzbeutel, dass er klimperte.
„Ich werde kommen, darauf kannst du dich verlassen!”, versprach ich mit einem Lächeln.
„Aber zuerst muss der Pfeiler noch in die Erde. Die Sonne geht bald unter und das Abendessen ist noch nicht zubereitet.” Tarek spuckte in die Hände, griff sich die Schaufel und sprang in das Loch. Schon bald flogen die Erdklumpen heraus.
Die Mission „Den Respekt von Tarek Riesenfuß verdienen” ist abgeschlossen.
Verdiente Belohnung: 4.000 EP, dauerhafte Verbesserung deines Ansehens bei Taisha um + 50
Level 20!
Achtung! Du hast Level 20 erreicht. Von jetzt an kannst du nach jedem zehnten Level die Überlebensfähigkeit deines Charakters verbessern, indem du eine der folgenden Modifizierungen wählst:
·                Gesundheit verbessern (+ 1 %, + 2 %, + 3 % usw.)
·                Ausdauer verbessern (+ 1 %, + 2 %, + 3 % usw.)
·                Resistenz gegen einen Schadenstyp 10 % (9 %, 8 %, 7 % usw. pro Typ)
·                Bewegungsgeschwindigkeit verbessern (+ 1 %, + 2 %, + 3 % usw.)
·                Gesundheit regenerieren (+ 1, + 2, + 3 usw. Trefferpunkte pro Minute)
·                Stärke regenerieren (+ 1, + 2, + 3 usw. Ausdauerpunkte pro Minute)
·                Mana auffüllen (für deinen Charakter nicht aktiviert)
·                Scharfer Blick (+ 1 %, + 2 %, + 3 % usw. auf Sichtradius)
·                Unsichtbarkeit (– 1 %, – 2 %, – 3 % usw. auf Wahrnehmungsradius)
Endlich war ich auf Level 20! Damit hatte ich die Bedingung vor Ende meiner Arbeitswoche erfüllt. Für unsere Gruppe war noch nicht einmal der dritte Tag vorbei, und ich hatte das Ziel bereits erreicht. Sicher, ich hatte einen kleinen Vorsprung gehabt, doch wer hielt die anderen davon ab, sich ebenfalls einen zu verschaffen?
Ich musste über die vom System angebotene Auswahl nicht lange nachdenken. Zu versuchen, den Schadenstyp einzuschätzen, durch den ich am häufigsten getötet werden könnte, ergab keinen Sinn. Einerseits bestand zwar eine große Wahrscheinlichkeit, dass mir Körperschaden am häufigsten begegnen würde, doch andererseits war ich bereits mit Säure und Gift bespuckt worden sowie Kälte und kochendem Wasser ausgesetzt gewesen.
Mein Charakter war nicht für einen offenen Schlagabtausch gemacht und alle Feinde in dieser Gegend waren Hochleveler. Ich hielt es für das Beste, einem Kampf ganz aus dem Weg zu gehen, darum wählte ich Unsichtbarkeit.



[1] Ein rudergetriebenes Kriegsschiff des Altertums mit drei gestaffelt angeordneten Reihen von Riemen.

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